Ich komme derzeit kaum zur Stadt raus. Deshalb liegt das Thema Vertical Farming auf der Hand. Man könnte das mit Vertikal- oder Hochhauslandwirtschaft übersetzen. Mein Bloggerkollege Matthias Daum hat einen interessanten Artikel darüber geschrieben und mich darauf aufmerksam gemacht. Kurz zusammengefasst geht es darum, Landwirtschaft angesichts von Urbanisierung und schwindenden Landreserven in städtischen vielstöckigen Treibhäusern oder Ställen zu stapeln. Die Idee gedeiht am kräftigsten auf dem Mist eines New Yorker Forschers, der eine eigene Homepage dazu betreibt. Mir scheint das Konzept wenig zukunftsträchtig. Die Probleme mit der Welternährung entspringen ja nicht dem Landmangel, sondern den Verteilungsproblemen. Diese Mängel bei der Lebensmittel-Allokation konnte noch keine technologische Neuerung beheben, Stichworte Grüne Revolution und Grüne Gentechnologie. Zudem ist der Betrieb von Treibhäusern energetisch dem Freilandanbau unterlegen und daran wird sich künftig wohl nur marginal etwas ändern. Von der Tierhaltung braucht man gar nicht zu sprechen. Mehrstöckige Schweinemästereien gab es schon in der DDR, diese Experimente sollte man lieber nicht wiederholen. Insgesamt ein landwirtschaftliches Luftschloss. Wenn ich mich eines Tages eines besseren belehren lassen muss, und Vertical farming ökonomisch und ökologisch für alle Beteiligten Sinn machen sollte, dann noch so gern. (Bild www.verticalfarm.com)
Das Landwirtschafts-Luftschloss Vertical farming
November 10, 2009 von adriankrebsDer Mehrmengenmelker ist der neue Sündenbock
November 7, 2009 von adriankrebs
In der Landwirtschaftsszene gibt es einen neuen Sündenbock. Nach dem Bahnhofbauer, dem Spaltenbodenmäster und dem Käfighühnerquäler kommt nun der Mehrmengenmelker. Damit wären wir wieder einmal mitten im beliebten Thema Milchmarkt, das hier in letzter Zeit etwas zu kurz kam. Unterdessen ist einiges geschehen, die Branchenorganisation Milch hat sich auf ein Mengensteuerungsmodell geeinigt, das in der Branche mehrheitlich auf Zustimmung zu stossen scheint. Das 3-Stufen-Modell sieht vor, dass jeder Produzent als Grundstock eine garantierte Menge Vertragsmilch mit festem Preis für ein Jahr erhält. Dann kommt als Manipuliermasse die Börsenmilch. Das sind die ehemaligen Mehrmengen, die nun zentral verwaltet werden. Der Preis richtet sich nach dem Angebot. Wenn zuviel auf dem Markt ist, soll primär dort der Preis gedrückt werden. Schliesslich gibt es die sogenannte Abräumungsmilch, was für eine Wortkreation. In hoffnungslos übermolkener Marktsituationen will die Branche die überzählige Menge zu Spottpreisen gemeinsam abräumt. Zurück zum Mehrmengenmelker. Er kommt in den Leserbriefspalten auffällig oft an die Kasse dieser Tage. Darunter versteht man Bauern, die in den letzten Jahren mit dem alten Kontingentierungs-Regime mit Gutheissung des Bundes und auf Anfrage der Verarbeiter zu günstigeren Tarifen zusätzliche Mengen abliefern konnten. Heute, so ist man vielerorts der Meinung, sind es genau diese Mehrmengen, die den Markt strukturell belasten und die Preise zum Einsturz bringen. Wahrscheinlich tragen aber Bund, Händler und Verarbeiter aber genauso viel zum Malaise beigetragen, wie die Mehrmengenmelker.
Aber das ist ja das praktische das praktische am Sündenbock. Bin schon gespannt, wann die Abräumungsmilchmelker an der Reihe sind… Noch ein Wort zur Illustration. Sie ist symbolisch gemeint. Die BOM hat auf der Suche nach dem Notausgang einen Feuerlöscher gefunden, oder so ähnlich. Die schönen Kuhbilder stammen von Ute Lünsmann. Einige davon kann man noch bis am kommenden Freitag im Projektbogen des Wipkingerviadukts in Zürich begutachten (jeweils ab 18 Uhr).
Agritalianità(4 e fine): Da staunt die moderne Kuh
November 5, 2009 von adriankrebs
Da staunt die moderne Milchkuh: Einst gab es Artgenossinnen, bei denen der Kopf grösser war, als das Euter. Die Aufnahme, die die Agroblog-Italienserie beschliesst, stammt aus einem kleinen Fotoladen in Massa Marittima in der Maremma. Der Fotograph, ein Signor Banchi, war vor allem auf Fussballer und andere Sportler spezialisiert, aber ab und zu hat es ihn offensichtlich auch aufs Land gezogen, zum Glück. Das Bild zeigt ein stattliches Stück Braunvieh mit der stolzen Besitzer- oder zumindest Betreuerschaft (siehe Detailbild), die sie wahrscheinlich täglich mit frischer Milch beliefert hat. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann tut sie dies noch heute…

Tod eines umstrittenen Agrobin Hood in Mexiko
November 2, 2009 von adriankrebs
Es war nur eine Mini-Meldung in der heutigen NZZ: Der mexikanische Bauernführer Margarito Montes Parra ist im Bundesstaat Sonora gemeinsam mit 14 anderen Personen umgebracht worden, darunter mehrere Söhne des liders. Vor dem inneren Auge taucht sofort ein Robin Hood im Kampf für die Interessen der armen Landbevölkerung auf. Ein bisschen Recherche zeigt, dass es wohl nicht so einfach war. Montes Parras Unión General Obrera, Campesina y Popular, (UGOCP) hat etwa 300 000 Mitglieder, so kann man auf der Homepage des UNHCR lesen. Die Organisation vertritt einerseits landlose Bauern, aber auch prekär lebende Arbeiter aus den Städten. Immer wieder macht UGCOP mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam. Dabei erreichte sie einiges, so gelang es zum Beispiel 2005 nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit der Regierung, dass 40 000 Bauern das vorher besetzte Land legal erwerben konnten. Die Methoden der Organisation sind alles andere als zimperlich. Nicht nur bei Aktionen gegen politische Gegner sondern auch gegen kritische eigene Mitglieder. In einem Fall wurden die Bauern-Gewerkschafter von Amnesty International bezichtigt, eigene Mitglieder mit dem Tod bedroht zu haben, weil diese den Leadern der Organisation Korruption vorgeworfen hatten. Der Name von Parra taucht denn auch immer wieder auf, wenn es um undurchsichtige Deals mit der Politik und auch den narcos geht. Er wurde auch verdächtigt, bei der Ermordung des Leaders einer Konkurrenzorganisation beteiligt gewesen zu sein. Nun wurde ihm und seiner Entourage möglicherweise ein Racheakt zum Verhängnis. Die Geschichte zeigt nicht nur, dass das Schwellenland Mexiko immer noch Landverteilungsprobleme wie ein Entwicklungsland hat, sondern auch, dass die eskalierende Spirale der Gewalt weit über das Drogenbusiness hinausreicht. (Bild EPA/Saul Lopez)
Aldi-Chalberei: Nur Dummheit oder mit Methode?
Oktober 31, 2009 von adriankrebs
Nur wenige Wochen nach Mc Donald’s, der uns eine österreichische Kuh für eine Schweizerische verkaufen wollte, folgt schon die nächste peinliche Werbepanne eines Multis. Der Discounter Aldi wirbt mit einem idyllischen Bild von einer Mutterkuhherde für Kalbfleisch (siehe nebenstehendes Sujet). Dumm ist nur, dass das Kalbfleisch in der Schweiz nur in höchst seltenen Fällen aus Mutterkuhherden stammt und dort wo dies der Fall ist, wird es unter dem Label „Natura-Veal“ ausschliesslich im Coop-Kanal verkauft. Das übliche Kalbfleisch aber stammt von Kälbern, die ohne Mutter aufwachsen, wenns gut geht drinnen auf Stroh in der Gruppe und wenns noch besser geht mit ein wenig Auslauf. Dumm gelaufen für Aldi. „Das Sujet hat uns gefallen“, wird ein Aldi-Sprecher im „Schweizer Bauer“ zitiert, doch man respektiere die Einwände und ziehe das Sujet deshalb zurück. In solchen Fällen frage ich mich immer, ob das nur dümmliche Ignoranz ist, oder ob das Vorgehen schon Methode hat. Ehrlich gesagt tippe ich eher auf zweiteres. So ein Kälbli bei Mutti verkauft sich halt deutlich besser als ein solches in einer stark belegten Bucht in einem schummrigen Stall. (Bild AgroNews)
Agritalianità(3): Vom Baum aufs Brot in 10 Bildern
Oktober 29, 2009 von adriankrebs
Heute gibts einen Klassiker, vom Olivenbaum aufs Brot in 10 Bildern. Wie einst im Schulfernsehen, nur farbiger. Habe soeben dabei mitgeholfen. Handarbeit ist immer gut, vor allem für einen Mäpplibauer. Item, wir fangen an hoch auf dem Baum. Die Zange dient zum abstreifen der Oliven.
Unter dem Baum wurde vorher ein Netz ausgelegt und auf dieses fallen die Früchte. Beim Ernten muss der Pflücker immer schauen, dass er nicht auf das edle Ernteg
ut steht, die Pflückerin natürlich auch, wobei
, das muss mann ehrlich sagen, Frauen diese Gratwanderungen eher virtuoser beherrschen. Apropos schauen. Zwischen und in den Olivenbäumen gibt es immer wieder spannendes zu entdecken. Zum Beispiel Gottesanbeterinnen und ein virtuos erstelltes Nest, in dem die Oliven ausschauen wie kleine Ostereier.
Wenn die Oliven dann schön an einem Häuflein liegen, legt man sich gemütlich aufs zusammengeraufte Netz und sucht die Blätter und zerquetschte Früchte (sind sie das wohl?) raus.
Nächster Schritt: Abfüllen in 20-Kilo-Kisten. Nach einer weiteren Blättertriage auf einer Rutsche gehts in 250-Kilo-Behälter und dann ab in die Mühle
, die eigentlich gar keine mehr ist. Heute wird die gequetschte Olivenmasse nicht meh
r in Steinmühlen gepresst sondern kontinuierlich zentrifugiert, dies alles unter Luftabschluss, um eine Oxidation zu vermeiden. Am besten möglichst kurz nach der Ernte. Dann ist die Ware in optimalem Zustand und die Ölqualität optimal. Zur Belohnung ein Glesli Weissen auf der Terasse und…
eine Bruschetta vom feinsten mit dem giftgrünen Öl, das riecht wie eine Mischung aus…, kann man leider nicht wirklich beschreiben. Am Besten tut man es Testen, hier ists bestellbar.

Agritalianità(2): Trotz leeren Ställen tiefe Preise
Oktober 26, 2009 von adriankrebs
Während die Milchbranche hierzulande weiterhin an einem neuen Modell für die Mengensteuerung bastelt, ist auf den Milchmärkten im europäischen Umfeld weiterhin ebenso wenig Freude auszumachen. Dies gilt auch für Italien, wo die Preise – ausser vielleicht im exklusiven Kreis der Parmiggiano-Reggiano-Milchlieferanten, ebenfalls stark unter Druck sind. Interessant ist, dass hier die Kuhzahlen in den letzten Jahren bereits massiv abgenommen haben. Dies hat aber keine erholsame Wirkung auf den Preis, weil die Grenzen offen und deshalb Milch aus den Nachbarländern unbeschränkt verfügbar ist. Namentlich die deutsche Industrie ist stark vertreten. In jedem zweiten Lokal besteht der Milchschaum aus Bayernmilch. Hier noch ein paar Zahlen dazu: In den letzten zehn Jahren hat die Zahl der Milchbetriebe von 181 771 auf 43 861 abgenommen. Die Zahl der Milchkühe nahm im gleichen Zeitraum zwar deutlich weniger stark, aber immerhin von 2,116 auf 1,830 Millionen ab.
PMW und SALS: Die Organisationitis feiert Urständ
Oktober 23, 2009 von adriankrebs
Herzlich willkommen PMW und SALS! Sie wissen nicht, was diese Abkürzungen bedeuten? Wir verzeihen es ihnen. Es handelt sich dabei um die „Plattform Milchwirtschaft“ und die “Schweizerischen Vereinigung für einen starken Agrar- und Lebensmittelsektor“ (im Bild Präsident Walter Willener). Sie sind die jüngsten Mitglieder im Organisation-Dickickt der Schweizerischen Landwirtschaft. Dieses besteht aus konservativ geschätzten gut 200 Verbänden, Vereinigungen, IGS und anderweitigen Zusammenschlüssen. Das Spektrum reicht von der SVSM (Vereinigung der silofreien Milchproduzenten) über die SOTA (Societé cooperative pour l’achat du tabac indigène) über die OGG (Ökonomische und Gemeinnützige Gesellschaft des Kantons Bern) bis zur SVH (Schweizerische Vereinigung der Hirschhalter). Eigentlich hätte man ja gedacht, dass die Liberalisierung und die Öffnung der Märkte eine gewisse Minderung bei der Verbandsdichte bringen würde. Aber das Gegenteil ist der Fall. PMW und SALS sind nur die letzten beiden Beispiele. Auch bei der Tierzucht, wo die Rassenvielfalt durch offenere Grenzen zugenommen hat, spriesst die Organisationitis munter. Kaum gibt es mehr als zehn Stück von einer neuen Kuhrasse, gründet garantiert einer einen Verein, inklusive passenden T-Shirts und Klebern, mindestens. Allzu grossartig sollte ich aber nicht polemisieren, wenn ich den Städtern von meinem Präsidentenamt beim Schweizer Agrarjournalistenverband erzähle, führt das regelmässig zu ungläubigem Staunen („was, das gibts?“) oder Gelächter… (Bild Schweizer Bauer)
Agritalianità(1): Camerota gegen Schangnau 1:0
Oktober 20, 2009 von adriankrebs
Ferien in Süditalien sind auch für den gern schlemmenden Agroblogger eine Freude. Marina di Camerota ist ein kleines Städtchen am Meer etwa 200 Kilometer südlich von Napoli. Dort gibt es nicht nur schöne Strände, klares Wasser und viel Natur, sondern auch das ganze Angebot der Lebensmittel-KMUs, die das Essen in Italien immer noch zum Spezialerlebnis machen. Wir fangen mit dem Metzger an. Macellaio Giovanni ist ein netter Mann und ein begabter dazu. Seine Fenchelwürste zum Beispiel sind ein Traum. Übertroffen wird er, wenn ich eine Rangliste machen müsste, nur noch von der Azienda agricola Carrozza, die in der Marina ein eigenes Lädeli betreibt:
Das Sortiment erinnert in seiner Kargheit ein bisschen an einen realsozialistischen Käseladen in Osteuropa. Was aber in der Theke liegt, Ricotta, Scamorza und Butter aus Büffelmilch, ist so fein, dass man jedesmal zuviel einkauft.
Das Beste aber gibt es hinter der Theke. In einem Wagen lagert unter Wasser der Bufala, der Büffelmozzarella, allein dieser wäre eine Reise nach MdC wert. Wenn man die 50-grämmigen Perlen aus ihrem Säcklein holt, wo er in der salzigen Molke schwimmt, glänzt er matt. Dann zerschneidet man ihn und unter der festen Haut kommt ein weiches Inneres zum Vorschein, aus der die weisse Flüssigkeit nur so trieft. Man kann nicht mit ihm kochen, ohne die Hälfte zu „schnausen“. Der Geschmack, leicht salzig, cremig, einfach himmlisch. Die Schangnauer Bemühungen um guten Büffel-Mozzarella in Ehren, aber gegen ihre italienische Konkurrenz habe sie (noch?) keine Chance, auch preislich (10 Euro 80 das Kilo Bufala im Lädeli, ca. 20 Franken der Büffel-Mozzarella im Grossverteiler). Aber es ist ja immer gut, wenn man grosse Vorbilder hat…
Zum Schluss noch ein etwas weniger schönes Bild aus MdC. Wie in den meisten italienischen Supermärkten gibt es auch hier bei Girasole Emmentaler aus der Schweiz. Das Sorgenkind des Schweizer Käsemarkts hat dort keinen guten Auftritt. Wie immer wird er durch die Vakuumierung arg strapaziert. Wegen der Löcher wird er unförmig zusammengedrückt und fällt im Vergleich zur italienischen Konkurrenz optisch stark ab. Da müssten sich die Exportspezialisten mal etwas überlegen.
Zum Wiedereinstieg eine vache qui ne rit pas
Oktober 18, 2009 von adriankrebs
Liebe Agroblog-Leserschaft, wir fahren weiter mit einem (Gast-)Kuhbild aus der Normandie. Das Rindli ist auf der Weide zwischen La Hague und Cherbourg gestanden, als es Matthias (herzlichen Dank!) abgelichtet hat. Der etwas mürrische Gesichtsausdruck ist möglicherweise auf die wenig freundlichen Umstände zu beklagen, über die sich die französischen Bauern am Freitag - milde ausgedrückt – beschwert haben (siehe Bild unten). Die vom Bauernverband FNSEA organisierten Proteste gegen den Preiszerfall bringen Präsident Sarkozy nicht zuletzt deshalb in Bedrängnis, weil die Bauern bisher mehrheitlich treue Wähler seiner Partei UMP waren, wie die NZZ berichtet. Davon habe ich in den Ferien in Italien kaum etwas mitbekommen. Die Italiener haben genug zu tun mit ihrem eigenen Commandante ausser Rand und Bande und ein paar anderen (Milch-)Problemen. Mehr darüber in den kommenden Tagen. (Bild unten AP/Claude Paris)

