Wer nichts deklariert wird Wirt

April 20, 2014

Edelweiss BuechibärgEs gibt ja den Spruch, wonach wer nichts wird Wirt werde. Das ist natürlich etwas vom Dümmeren, was der Volksmund transportiert, weil es doch ein ziemlich anforderungsreicher Job ist, täglich motiviert am Herd zu stehen, hohe Qualität zu liefern, ein immer breiter werdendes Spektrum von Geschmäckern und Essensgewohnheiten zu befriedigen, daneben ein mittleres bis grösseres Team und allenfalls noch einen Herbergsbetrieb zu führen. Dass damit einige oder gar zahlreiche Wirte und Wirtinnen überfordert sind, wie viele andere Berufsleute in ihren Jobs, versteht sich von selbst.

GitziAlso, grundsätzlich habe ich Respekt vor dem, was viele Restaurateure leisten und einem tagein, tagaus so auftischen. Trotzdem muss einmal gesagt sein, dass die Mehrheit von ihnen in einem Punkt noch in einem brutal tiefen Entwicklungsstadium stehen, nämlich bei der Deklaration der Produkte, die sie servieren. Ausgelöst hat diesen Post ein Ostergitzi, genauer gesagt eine Keule. Verspeist haben wir diese im Ristorante Italia in Zürich. Das ist für mich neben Cinque und Santa Lucia an der Luisenstrasse (ja, Teil einer Kette, aber trotzdem mit einer persönlichen Atmosphäre) der Top-Italiener in Zürich. Man kocht dort exzellent (“Cucina della mamma”, die den Namen verdient) , der Service ist meistens sehr nett und das Weinangebot dazu auch nicht von schlechten Reben.

Dicke Berta zum GlückZurück zum Gitzi. Wie fast immer in der Beiz frage ich vor allem beim Fleisch, woher es kommt. Da konnten sie mir selbst im Italia, das recht gut deklariert, nicht wirklich weiterhelfen. Es komme aus Stans, beschied man mir. Immerhin, aber das stand schon in der Karte und sagt eigentlich noch gar nichts über die Art der Haltung, die dem zerlegten Zustand des Gitzis vorausging. Nun nehme ich mal an, dass es sich dabei nicht um einen Spaltenbodenstall handelt. Trotzdem würde ich gerne mehr wissen über den Betrieb und wer dahinter steht. Dass man das im Italia nicht liefern konnte, fand ich etwas schwach. Immerhin kann man dem Unternehmen, das den Laden führt, die Restaurant Gasometer AG zugute halten, dass sie in anderen Restaurants genau das Richtige tut, nämlich die Lieferbetriebe beschreiben. Dazu gehören die Schwammendinger Ziegelhütte und wenns mir recht ist das Restaurant Markthalle im Viadukt. Das ist zwar schön, aber ich finde wenn schon, müsste man das in allen Restaurants durchziehen, sonst schmeckt es mir zu fest nach Konzept.

KlingelischnäggeUnter dem Strich ist die Gasometer AG aber sicher vorbildlich. Was man nämlich sonst so als (gesetzlich vorgeschriebene) Deklaration vorgesetzt erhält im Durchschnittsrestaurant, das Herkunftsland, ist völlig ungenügend. So etwas kann nur goutieren, wer meint, dass Schweizer Tierhaltung per se besser ist, als ausländische. Dem ist aber keineswegs so, wie unlängst eine Studie gezeigt hat, die viel Staub aufgewirbelt hat. Ziemlich drastisch vor Augen geführt wurde mir das vor einiger Zeit auf dem Betrieb eines Aargauer Rindermästers, der nichts hält von Einstreu und Aussenklima, geschweigen denn Auslauf. Seine Rinder leben in unstrukturierten Indoor-Buchten auf Spaltenböden. Voller Stolz berichtete er mir, dass er im Gastro-Label Swiss Quality Beef von Prodega derzeit einen höheren Labelzuschlag erhalte, als die Produzenten im Coop-Programm Naturafarm, die einstreuen und mindestens über ungedeckten Auslauf verfügen müssen.

Ochsenmaul unbekanntNun kann man den Wirten nur beschränkt einen Vorwurf machen, da sie sich an die gesetzlichen Grundlagen halten. Sie (und mit ihnen die Mehrheit der Kantinenbetreiber) foutieren sie sich zwar in ihrer grossen Mehrzahl um die Tierhaltung, aber möglich ist dies nur, weil das die Gäste ebenso tun. Solange wir im wachsenden Bereich der Ausserhausverpflegung nicht energischer nach tierfreundlich produziertem Fleisch fragen, wird sich bei der Deklaration und hauptsächlich beim Einkauf nichts tun. Das heisst, wer im Restaurant anständig produziertes Fleisch will, muss sich informieren und nur noch dorthin gehen, wo er das gut deklariert auch erhält.

Trotzdem kann man die Wirtinnen jetzt nicht einfach so entlasten, ihre Trägheit ist mitverantwortlich für die unbefriedigende Situation. Das zeigt sich im Detailhandel, wo sich namentlich die Marktleader – wenn auch mit diversen Mängeln – der Konsumentenerziehung verdient machen, indem sie in gewissen Bereichen praktisch nur noch Labelprodukte ins Regal stellen. Es braucht also nicht nur den Druck der Speisenden, sondern auch den der Kochenden. E Guete! (Bilder von diversen Restaurantbesuchen in der letzten Zeit, zuoberst Hofbeiz auf dem Berchtoldshof (gut deklariert, man kann das Vieh auf der Weide anschauen…), dann Gitzi im Italia (s. Artikel), “Dicke Berta” im Kafi zum guten Glück (sosolala deklariert), dann “Klingelischnägge” (aus Rindfleisch) im Basler Klingental (nur Herkunftsland, haben aber auch deklariertes Angus Beef, wobei man vom Label nichts erfährt), dann Ochsenmaulterrine, habe leider vergessen wo und wie deklariert und zum Schluss ein exzellenter Tomme lardé in Bio-Restaurant L’Aubier hoch über dem Neuenburgersee und top deklariert)

Tomme à l'Aubier

Wasserbüffel zum Sonntag

April 12, 2014

Wasserbüffel 2Heute wieder mal ein Kuhbild, einfach so, bzw. ein Büffelbild. Meine bewährte Bildkorrespondentin Monika Schlatter war zum Glück wieder einmal wandern, diesmal in Ftan. Ich danke Dir herzlich Monika!

Das hat mich dann inspiriert, noch schnell ins Archiv zu steigen, um nach meinen Wasserbüffelchen zu suchen, die mir vor nicht allzu langer Zeit an einer Landwirtschaftsausstellung unweit von Zürich vor die Linse gekommen sind, sie sehen aus wie Labradore, wenn auch nur bis die Hörner wachsen. ZürcherInnen, die auf dem Sonntagsspaziergang ein paar dieser urtümlichen Mütter (samt Kälbern und Muni) des weltbesten Mozzarellas besichtigen möchten, rate ich den Weg zum Riedenholzhof in Seebach unter die Füsse zu nehmen.
WasserbüffelchenPS. Wenn Sie übrigens täglich mit Kuhbildern versorgt werden möchten, empfehle ich Ihnen nicht ganz uneigennützig @dailycow auf Twitter.

Bio im Glashaus und Medien unter Schrumpfdruck

April 7, 2014

Alles bio oder wasOk, man ist natürlich jetzt ein bisschen sensibilisiert, als mitbeteiligter Lohnempfänger in der Biobranche. Doch das soll kein Hinderungsgrund sein, die Lust am Biobashing zu thematisieren. Publikumsmedien, einige stärker als andere, scheinen zuweilen ein geradezu biologisch bedingtes Verlangen zu verspüren, der ökologischen Landwirtschaft wieder mal die Leviten zu lesen. “Bio-Lüge”, “Bio-Bschiss” und “Bio-Illusion” sind nur ein paar der Wortschöpfungen aus den letzten Jahren.

LotterieJüngste Beispiele sind Artikel im “Spiegel” und im Konsumentenmagazin “Saldo”. Ersterer zog unter dem rezyklierten Titel “Alles Bio – oder was?” gegen einen angeblichen Bioeierskandal zu Felde, der sich dann allerdings samt der Onlineversion des Berichts in Luft auflöste. Die von “Saldo” monierte “Lotterie beim Bio-Einkauf” thematisiert ein altes aber durch ein komplexes Ausnahmeregelungssystem wasserdicht geregeltes Problem des biologischen Anbaus, nämlich den partiellen Mangel an Biosaatgut, der durch konventionelle Ware gedeckt werden muss. Das ist sicher kein Ruhmesblatt für den Biolandbau, aber man arbeitet daran, und die Alternative wäre ja dann einfach, dass stattdessen mehr Waren in konventioneller Produktion angebaut und Bioprodukte dadurch knapper und noch teurer würden, und das wäre dann wohl auch wieder nicht ganz im Sinne der Konsumentenschützer.

Mythos BioAber hier soll es jetzt gar nicht darum gehen, den Journalisten die Biokutteln zu putzen, bin ja selber einer und es interessiert mich mehr, was sie denn im Hafer sticht, ab und zu einen Säbel in den Biokartoffelsack zu stossen (wobei man auch nicht vergessen darf, dass deutlich öfter positiv als negativ über Biolandbau berichtet wird). Ich sehe folgende Hauptgründe:

  1. Der Biolandbau sitzt im teilweise selbst erbauten Glashaus. Die Bioszene hat sich sehr lange sehr explizit abgegrenzt vom konventionellen Landbau und hat dabei nicht zu knapp mit dem Gut-Böse-Weltbild operiert. Obwohl das natürlich aus ökologischer Sicht keineswegs falsch ist, provoziert das. Wenn dann diesen Gerechten, manchmal auch Selbstgerechten ein Bock unterläuft, wird das genüsslich ausgeschlachtet.
  2. Mittlerweile hat der Biolandbau die alternative Pionierzeit hinter sich gelassen und ist im Mainstream angelangt, zumindest gesellschaftlich (im Landwirtschaftsbereich ist er in der Schweiz und erst recht weltweit mit Anteilen von 10 beziehungsweise nur gut einem Prozent an der Fläche immer noch eher marginal entwickelt). Und wer im Mainstream obenauf schwimmt, der weckt gerne auch Misstrauen, Argwohn und Überdruss. 2012 wurde “Bio” in der Schweiz zum Unwort des Jahres gekürt, wegen “inflationärem und oft missbräuchlichem Gebrauch des Begriffs”, wie die mehrheitlich aus Journalisten bestehende Jury erklärte.
  3. Viel beigetragen zum Misstrauen haben die pittoresken Bilder, mit denen die Realitäten des Biolandbaus oft nicht korrekt wiedergegeben werden. Im Bauerngarten pickende Biohühner sind die absolute Ausnahme, der grösste Teil der Bioeier wird in Ställen mit 2000 Hühnern produziert. Bioeier die im Ostereierstil im Obstgarten zusammengesucht werden müssten wären so teuer, dass sie kaum mehr absetzbar wären im Detailhandel. Hier unterliegt der Biolandbau, das muss gerechterweise gesagt sein aber auch gewissen Sachzwängen. Wenn schon die konventionelle Landwirtschaft in der PR mit Bauernhofromantik agiert, die klar zu idyllisch ausfällt, ist man gezwungen quasi proportional zu idealisieren in der Öffentlichkeitsarbeit, um den Mehrpreis noch rechtfertigen zu können.
  4. Zum Schluss noch das naheliegendste, etwas abgedroschene klingende aber nichtsdestotrotz so lange wie es den Menschen noch gibt gültige Argument: Biolandbau ist eine Erfolgsgeschichte, er wächst ungeachtet der Probleme ungebrochen, das weckt - wenn auch vielleicht nur unterbewusst - Neid, zumindest in einer Branche, die derart unter Schrumpfdruck steht wie die Printmedien. Deshalb ist jeder negative Artikel nicht nur Ansporn zum Fehler korrigieren, sondern auch eine kleine Auszeichnung für die Szene.

Noch mal Romandie, und schon wieder schön

April 1, 2014

CapricornKeine Angst, das wird kein weiterer Reiseblog, aber der Creux du Van ist definitiv noch einen Romandie-Wanderbericht mehr wert. Am “Grand Canyon der Schweiz” gab es für einmal Hornvieh der anderen Art zu begutachten.

Die Steinböcke, die wir mit dem Feldstecher lange gesucht hatten, lagen plötzlich vor uns, ein gutes halbes Dutzend. Das Stadtvolk verstummte und staunte fasziniert. Die Steinböckin döste sehr abschüssig und immer wieder fielen ihr die Augen zu, aber sie fiel zum Glück nicht, obschon es ein paar mal gfürchig danach aussah.

TörliDaneben sahen wir ein fast Stonehenge-mässiges Weidetörchen…

Schafe…und auf dem Rückweg ein paar Schafe.

BoucherieUnd ein interessantes Dorf namens Couvet im Val de Travers, ziemlich gebeutelt vom Verschwinden des grössten Arbeitgebers im Tal, einer Strickmaschinenfabrik, aber die Boucherie gibt es noch, mit Glücksschwein. (Capricorn by Helen James, many thx!)

Neue Weidetörli und noch einmal un peu d’hiver

März 26, 2014

Weidetor 1Diese Woche auf einer kleinen Wanderung im Jura kam es zu einem ziemlich unverhofften mutmasslichen Abschiedstreffen mit dem Winter. Der instinktive Griff zu den Schneeschuhen bewährte sich, obschon ich beim einpacken noch dachte, ich würde sie dann den ganzen Tag nur als Ballast mitschleppen.

Gelohnt hat sich der Trip von Le Pont im Vallée de Joux über den Col du Mollendruz nach L’Isle am Pied du Jura Vaudois (ein sehr pittoreskes Dörfchen übrigens) auch punkto Weidetörli, ein Thema, das hier ja in unregelmässigen Abständen immer wieder zum Zug kommt. Den Auftakt macht das unspektakulär Zweckmässige.

Weidetor 3aGefolgt vom architektonisch aufwändigen mit Schneeschuhen komplex zu übersteigenden Modell, von vorne…

Weidetor 3b…und von hinten, beziehungsweise oben.

Weidetor 2Schliesslich hier noch ein Klassiker, das Befahrbare mit Graben, der übrigens, wie eine entfliegende Amsel zeigte, auch gerne zum Nisten verwendet wird.

Weltmeistertitel für einen schlecht Betreuten

März 23, 2014

Weltmeisteremmentaler Kopie

Diese Woche wurde der Emmentaler Weltmeister, nicht ein Schwinger oder ein Töfffahrer, s0ndern der beste Käse, den es eigentlich gibt, so man ihn den gedeihen lässt.

Zuerst einmal herzliche Gratulation an Gérard Sinnesberger aus Gams leicht östlich des Emmentals. Er holte sich mit seinem 100-Kilo-Laib die Goldmedaille am World Championship Cheese Contest im US-amerikanischen Wisconsin.

Das ist ziemlich bemerkenswert, standen doch über 2600 Käse aus aller Welt in der Auswahl. Für den Emmentaler per se gibt es allerdings wenig zu feiern. Der Preis hat sich zwar zuletzt dank allgemeinverbindlicher Mengensteuerung stabilisiert, aber nach wie vor leidet er unter struktureller Überproduktion, Käseunion lässt grüssen.

Dafür können die heute Verantwortlichen nicht viel, aber ein sonderlich brillantes Bild geben sie trotzdem nicht ab. Fangen wir mal an mit Emmentaler Switzerland: auf der Website der Sortenorganisation sucht man vergeblich nach dem kleinsten Anzeichen einer Erfolgsmeldung. Fehlt es da an Aufmerksamkeit oder Stolz oder beidem? Ein WM-Titel ist doch der ideale Steilpass für eine Marketingoffensive, man könnte Inserate schalten, in die Medien drängen, Social Media auf Hochtouren rattern lassen und so dem Vielgeschmähten virtuell die Rinde polieren.

EmmentalerFolepiFehlanzeige auch in den Läden, die Grossverteiler müssten jetzt den Drive ausnutzen und mal ein paar Käser aufbieten, die in den Läden promoten und zeigen, dass der weltmeisterliche Emmentaler ein aufwändig aus silofreier Rohmilch hergestetlles Handwerksprodukt und nicht industrielle Massenware ist. Genauso wird er nämlich vermarktet. Gestern in der Migros wurde man auf der Suche nach Beispielen sofort fündig: Aktion Emmentaler Surchoix (“erste Wahl”) für sage und schreibe 14 statt 18 Franken das Kilo, das grenzt an Verschleuderung. Derweil kostet das importierte Industrieprodukt Fol Epi 23 Franken pro Kilo. Dieses profitiert vom Marketingpotenzial des Konzerns Bongrain, inklusive TV-Spots, auch in der Schweiz. Deshalb muss man hier auch den mit Abstand grössten Käsehändler Emmi in die Pflicht nehmen, der mit seiner Marke Kaltbach aus der selber gebauten Höhle lediglich ein Mikrosegment des Marktvolumens puscht und für die Vermarktung der Dachmarke kaum einen Finger rührt.

Insgesamt scheint niemand grosse Motivation für aktive Marktbearbeitung zu haben. Ein Hauptgrund für das geringe Interesse von Seiten Handel und Detailhandel ist, dass die Margen bei anderen einheimischen Spezialitäten und Importkäsen deutlich besser sind, als beim seit Jahren mit Tiefpreisen entwerteten Flaggschiff, derweil die Sortenorganisation wieder einmal hauptsächlich mit internen Führungs- und anderen Problemen beschäftigt scheint und dort gar niemand merkt, dass es etwas potenziell publikumsträchtiges zu feiern gäbe.

Feuerbrandresistenz: Eine Gala für GVO?

März 17, 2014

Feuerbrand lidGrüne Gentechnologie hat auch schon schlechter ausgesehen: Letzte Woche hat die ETH Zürich gemeinsam mit dem deutschen Julius-Kühn-Institut eine Erfolgsmeldung verbreitet: Einem Team um den Forscher Cesare Gessler sei es gelungen, Gala, dem Darling der ApfelesserInnen, ein Gen einzupflanzen, das diesen resistent macht gegen den Feuerbrand, eine gefürchtete Bakterienkrankheit im Kernobstbau.

In einer Mitteilung erklärt die ETH, das Team habe mit Cis-Gentechnik gearbeitet und der Gala ein Gen eines Wildapfels eingepflanzt. Die Trans-Gentechnik dagegen arbeitet mit artfremden Genen, ein Beispiel dafür ist BT-Mais, hier wurde der Pflanze das Gen eines Bazillus einverleibt. Das eine Cis-Gen reiche aus, so heisst es in der Mitteilung der ETH, um den Apfelbaum vor dem Feuerbrand zu schützen. Mit derselben Methode war es demselben Team vor einigen Jahren gelungen, Gala eine Schorfresistenz einzubauen.

Gessler_CesareGessler ist einer der Hoffnungsträger der GVO-Promotoren. Nicht nur weil er als jovialer Wollpullover- und Bartträger so gar nicht ins Feindbild der GVO-Kritiker passen will, sondern auch, weil seine Forschung bis in die Biobranche hinein als positives Andwendungsbeispiel für die ansonsten verpönte grüne Gentechnik gilt. Das ist nicht mal falsch: Die Technologie hilft Gessler und seinen Leuten, Zeit zu sparen. Mit Cis-Gentechnik bleibt ihm die mühselige und langwierige Einkreuzung des Wildapfels in die Gala erspart. Da keine artfremden Gene eingekreuzt werden wird man auch kaum von Frankensteinfood sprechen wollen, wie das Gentechnkritiker oft und gerne tun.

Trotzdem ist es ein bisschen verfrüht, jetzt den virtuellen Hut vor Gesslers Werk zu ziehen und sich vor dem Wunder der Gentechnik zu verneigen. Gessler relativiert in der ETH-Mitteilung gleich selbst: Die Stimmung in der Schweiz sei zu gentechkritisch, um an einen Anbau überhaupt zu denken, meint er mit Blick auf das nach wie vor geltende Anbaumoratorium in der Schweiz sinngemäss. Das ist aber nicht das einzige Problem. Auch sein Produkt ist noch weit entfernt von Praxisreife: Die Resistenz funktionierte zwar im Treibhaus, was aber noch lange nicht heisst, dass das auch im Feld der Fall sein wird. Zudem warnt er gleich selber vor einem Resistenzdurchbruch. Mit nur einem einzigen Resistenzgen ist ein solcher in der Tat wahrscheinlich, weitere Resistenzgene sollen deshalb folgen, man darf gespannt sein, ob dies der Agroscope gelingen wird, die Gesslers Werk nach dessen Pensionierung fortsetzen will.

Im weiteren besteht keinerlei Grund, aufgrund von Gesslers Arbeit, die Kritik an der vorherrschenden Anwendung von grüner Gentechnik zu mildern. Konservativ geschätzte 95 Prozent des Marktes werden von einer Handvoll Saatgut- und Pesitzidmultis beherrscht, welche mit herbizid- und insektenresistenten Pflanzen als Hebel die Märkte monopolisieren. Und das ist das deutlich grössere Problem als mögliche Auskreuzungen. Darüber darf man sich auch durch Gesslers Feigen- oder besser Apfelblaumblatt nicht hinwegtäuschen lassen. (Bild LID/Sebastian Stabinger)

Die Fasnacht als Konsumenten-Fiebermesser

März 11, 2014

Fleischindustrie“Die drei scheenschte Däg” (für Nicht-Basler: die Fasnacht) sind noch in vollem Gang. Endlich hab ichs mal an den Morgeschtraich geschafft. Die brutal frühe Tagwache – punkt vier am Montagmorgen wird abmaschiert – hat sich gelohnt: Ein nur auf den ersten Blick chaotisches durcheinander paradieren von farbenfrohen Cliquen, die sich allenthalben auf Brücken, Boulevards und in engsten Gässchen kreuzen, ein Feuerwerk von Kreativität und viele fröhliche, wenn auch öfters ziemlich müde Menschen.

Fast jede dieser Cliquen führt eine sogenannte Laterne mit. Das ist ein bisschen untertrieben umschrieben, denn dabei handelt es sich oft um übermannsgrosse Leuchtkästen, deren Wände mit primär politischen und ätzend sarkastischen bis zynischen Messages aller Art dekoriert und beschriftet sind. Heuer dick im Kurs: Der Verbotsstaat, der den Baslern ziemlich auf die Nerven zu gehen scheint, der (amerikanische) Schnüffelstaat und die eigene Politikerkaste in den reichlich vorhandenen Fettnäpfen.

BienensterbenDiese in hunderten von freiwilligen Arbeitsstunden in den Cliquenkellern brikollierten Laternen sind nicht nur optisch spektakulär, sondern auch politisch interessant, man darf sie sicher so als eine politische Fiebermesser betrachten. Deshalb nahm’s mich natürlich wunder, ob auch die Landwirtschaft Fett abkriegt. Und wurde prompt fündig. Am meisten scheint die Fasnächtler das Bienensterben zu beschäftigen, es ist mir etwa drei mal begegnet. Hier das drastischste Bild, welches den Einsatz von Pestiziden thematisiert (Basel ist dafür sicher nicht der ungeeignetste Ort), auf der anderen Seite der Laterne prangte eine gekreuzigte Biene. Zwei weitere Laternen kritisierten den übermässigen Fleischkonsum (siehe Bild ganz oben).

Beeindruckt hat mich auch das kunstvolle Maskenschaffen. Aber bitte, liebe Nicht-BaslerInnen, nennen Sie eine Maske hier nie Maske, es sind in der strengen Fasnachts-Nomenklatur nämlich Larven! Hier waren die Nutztiere gut vertreten. Stellvertretend hier eine Kuh, daneben gab es nicht zu knapp Schaffe, Hühner und wenn ich mich richtig erinnere, mindestens ein Kamel.
Kuhmaske

Jakobs Emmentaler Starparade

März 8, 2014

Viehschau Langnau kleinAn einer Weiterbildungsveranstaltung der Agrarjournalisten habe ich am Freitag Jakob Hofstetter kennengelernt. Er ist Redaktor bei der Wochen-Zeitung, aber nicht bei der zürcherischen, sondern bei der für das Emmental und das Entlebuch. Im Fototeil des Kurses präsentierte Jakob diese Bilder von der letztjährigen “Emmentaler Starparade” in Langnau, die am kommenden 16. März wieder auf dem Programm steht. Die Serie hat mir so gut gefallen, dass ich ihm sie grad abgeläschelet (auf deutsch könnte man vielleicht abgebettelt sagen) habe. Herzlichen Dank, Jakob!

Ja, Viehschauen heissen heute auch im Emmental häufig nicht mehr so. Und auch ein paar andere Sachen sind ganz anders als früher. Zum Beispiel, dass der Bauer während er der Kuh den letzten Schliff gibt, noch kurz das Handy checkt, dass geschätzte neun von zehn Tieren hornlos sind und dass es auch reichlich schwargeflecktes Vieh zu sehen gibt, das wäre noch vor 20 Jahren undenkbar gewesen.

Viehschau Fleckvieh kleinerEin paar Dinge haben sich aber nicht geändert. Die Kühe werden Tage zum Voraus geputzt und geschoren, was das Zeug hält.

Viehschau Langnau Notizen kleinWeiterhin ist das Publikum grossmehrheitlich männlich.

Viehschau Langnau Richter kleinDas gilt erst recht für die Richter.

Viehschau Langnau Beine kleinFrauen treten in offiziellen Funktionen vor allem als Ehrendamen auf…

Viehschau Siegerküsschen klein…und küssen pflichtbewusst die Besitzer der Siegerinnen.

Viehschau Langnau Hörner kleinHie und da findet sich übrigens auch in der heutigen Zeit noch ein behorntes Tier, sieht doch einfach besser aus, oder? (Bilder Jakob Hofstetter, Wochen-Zeitung für das Emmental und Entlebuch)

Kaum Zufall: ETH schon wieder Agrarökonomenlos

März 3, 2014

ETHDie ETH tut sich schwer mit der Agrarökonomie, zumindest was die Bestellung des unterzwischen einzigen Professorenpostens angeht. Nach dem Abschied von Bernard Lehmann zum Bundesamt für Landwirtschaft Mitte 2011 – er wurde dort Direktor – war der Posten während zwei Jahren verwaist. Im Juni 2013 nahm dann mit Pierre Mérel ein hoffnungsvoller Jungprofessor mit umfangreichem Palmarès seine Tätigkeit am Institut für Agrarökonomie auf.

Pierre MérelDer 38-Jährige hatte zuvor als Extraordinarius an der Agrar-Eliteuniversität in Davis, Kalifornien gewirkt. Mit viel Vorschusslorbeeren wurde er an der ETH begrüsst: „Mit seinen Forschungsarbeiten im Schnittbereich zwischen Agrar- und Umweltpolitik leistet Pierre Mérel wichtige Beiträge zur interdisziplinären Umweltentscheidungsforschung und zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Umweltbilanz. Seine Spezialgebiete umfassen aktuelle Themen wie Agrarproduktqualität, Wettbewerbs­politik und die Verwendung natürlicher Ressourcen auf regionaler Ebene. Mit der Berufung von Pierre Mérel verstärkt das Departement Umweltsystemwissenschaften seine Kompetenz in einem gesellschaftlich wichtigen Feld“, schrieb die ETH in einer Mitteilung anlässlich der Wahl.

Knapp ein Jahr nach seinem Stellenantritt im Juni 2013 muss man sich bereits wieder auf die Suche begeben, wie die ETH-Medienstelle auf Anfrage bestätigt: „Prof. Mérel hat seine Stelle gekündigt und wird die ETH Zürich auf das kommende Herbstsemester verlassen. Die ETH wird weiter auf dem Gebiet der Agrarökonomie forschen und lehren und das Forschungsfeld künftig eher noch ausbauen. Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin wird gesucht. Die Stelle wird in absehbarer Zeit ausgeschrieben“, schreibt die Hochschule auf Anfrage. Mérel kehrt unterdessen nach Davis zurück, wo man ihm seinen Stuhl offenbar warm behalten hat.

Auch wenn der abrupte Abgang Mérels offenbar auch familiäre Gründe hat, dürfte die klare Abwertung der Landwirtschaft an der ETH zum kurzen Gastspiel beigetragen haben. Das einst stolze Departement für Agrar- und Lebensmittelwissenschaften ist heute nur noch subalterner Bestandteil des hochtrabend benamsten Departement für Umweltsystemwissenschaften. Davis dagegen hat soeben zum wiederholten Male die Auszeichnung als weltbeste Agraruniversität erhalten, dort ist man stolz auf die über 100-jährige Tradition als Landwirtschafts- und Ernährungskompetenzzentrum. Man mag jetzt sagen, dass die Landwirtschaft in der Schweiz eine ungleich kleinere Bedeutung hat, als in den USA. Das muss aber für eine Top-Uni wie die ETH noch lange kein Grund sein, auf kleinbäuerlich zu machen, denn wenn man dasselbe in anderen Bereichen täte, wäre man kaum Nr. 12 weltweit.

PS. Dieses Primeurli hat ein schönes Medienecho ausgelöst, was mich natürlich gefreut hat. Hier ein paar Links:

http://www.bauernzeitung.ch/news-archiv/2014/03/04/eth-professor-fuer-agraroekonomie-geht-bereits-wieder.aspx

http://www.landwirtschaft.ch/de/aktuell/agronews/detail/article/2014/03/04/ethz-wieder-ohne-professor-fuer-agraroekonomie/

http://www.schweizerbauer.ch/politik–wirtschaft/agrarwirtschaft/eth-agraroekonomie-professor-geht-schon-wieder-14975.html

Sogar meiner guten alten Tante NZZ war die Geschichte am Donnerstag ein paar Zeilen wert:

ETH-Agrarökonomie ohne Professor
Kündigung nach 9 Monaten
 flo. · Die ETH Zürich bietet als einzige universitäre Hochschule in der Schweiz den Studiengang Agrarwissenschaft an, doch in der Agrarökonomie zeichnet sich beim einzigen noch verbliebenen Professorenposten eine erneute Vakanz ab. Der 38-jährige Professor Pierre Merel hat seine Mitte 2013 angetretene Stelle gekündigt, wie die ETH eine Mitteilung des Agrarjournalisten Adrian Krebs bestätigt. Merel kehrt zu seinem vorherigen Arbeitgeber zurück, an die University of California in Davis. Die Stelle wird wieder ausgeschrieben. Der Lehrstuhl für Agrarökonomie war bereits vor Merels Amtsantritt für rund zwei Jahre verwaist, nachdem Vorgänger Bernhard Lehmann als Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft nach Bern gewechselt hatte.

Dank allerseits!


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