Archiv für September 2009

Die Kuh im Wahlkampf – taugt sie als Zugpferd?

September 30, 2009

StockerIm Kanton Zürich herrscht Wahlkampf. Nach dem angekündigten Rücktritt von Regierungsrätin Rita Fuhrer von der SVP bewerben sich in der Ersatzwahl zwei Männer um die Nachfolge, der Wädenswiler SVP-Stadtpräsident Ernst Stocker sowie der Jurist und SP-Mann Daniel  Jositsch. Der Landwirt Stocker ist relativ unbekannt und das muss sich aus seiner Sicht schnell ändern. In den ersten Porträts im Tages-Anzeiger und in der NZZ am Sonntag posierte er mit dem Rindvieh auf der Weide – nicht auf eigenen Wunsch. Er hätte – so hört man - lieber an der Wädenswiler Seepromenade posiert, aber für die Journalisten war klar, dass man den Magistrat in spe lieber inmitten seiner Herde aufnimmt. Tierli, das ist eine Binsenwahrheit, sind gern gesehene Gäste im Blätterwald. Taugen sie aber auch als Wahlkämpferinnen? Zweifel sind angebracht. Die Stimmen der Landwirtschaft sind Stocker sowieso sicher. Punkten muss er vor allem in Städten und Agglomerationen und dort ist mit bäuerlichem Image nicht unbedingt viel Lorbeer zu holen. Das musste einst auch der damals etwa gleich unbekannte Ueli Maurer erfahren, als er im Regierungsratswahlkampf 1991 als Ueli, der Knecht (Blochers) verhöhnt wurde und prompt unterlag – gegen den SP-Mann Moritz Leuenberger. Auf Stockers Wahlplakaten, die seit neuestem aushängen ist denn auch weit und breit keine Kuh (und kein SVP-Logo) zu sehen. Der Kandidat posiert dort als vertrauensvoll lächelnder Politiker, der mit dem Allerweltsslogan “schafft Vertrauen” um Stimmen buhlt. (Bild NZZaS/Markus Forte)

Wieder mal ein Kuhbild – einfach so

September 28, 2009

Das Genre des Kuhbildes per se wurde hier in den letzten Wochen etwas vernachlässigt. Hier wieder mal ein ganz schönes Exemplar aus den Tiefen des Internets. Ganz ohne Interpretation geht es auch heute nicht: Wir verbinden die Publikation mit der Empfehlung für einen entspannten Dämmerungsspaziergang an einem lauschigen Herbstabend, kühles Lüftchen, melancholisches Abendrot, vielleicht eine Kuhherde, dann sieht es plötzlich so aus wie auf dem Bild. Viel Vergnügen. (Bild Mucki44, photocommunity.de)

Agricoltori e Consumatori contro i Supermercati

September 25, 2009

SupermercatoKeine Angst, Sie haben nicht die italienische Version des Agroblogs erwischt. Allerdings steht heute Italien im Mittelpunkt. Vergangenen Mittwoch haben auf der Piazza Montecitorio in Rom Bauern- und Konsumentenorganisationen gemeinsam gegen die massive Verteuerung der Produkte zwischen Bauernhof und Supermarkt (“da campo a tavola”) protestiert. Erschlagend ist das Beispiel Getreide. Laut einem Bericht der Landwirtschaftszeitung “Con i piedi per terra” bezahlte der Handel 1985 für das Kilo Brotweizen umgerechnet 23 Cents, während ein Kilo Brot 52 Cents kostete. Heute erhalten die Bauern für das Kilo Weizen 14 Cents (minus 39 Prozent) und für das Kilo Brot legt der Konsument 2 Euro 70 auf den Tisch. Das entspricht einer Zunahme von sagenhaften 519 Prozent. Die Bruttomarge wuchs von 29 auf 218 Cents, mehr als eine Versiebenfachung. Die eigene Wahrnehmung täuscht also nicht, Italien ist tEuro geworden. Mehr als verständlich, dass Bauern und die Konsumenten auf die Hinterbeine stehen und die Praktiken des Handels anprangern. Ähnliche Entwicklungen gibt es übrigens auch in der Schweiz, wenn auch nicht mit den gleichen Prozentwerten. Die Handelsmargen sind ganz sicher nicht gesunken, während die Bauern in vielen Bereichen Einbussen von um die 50 Prozent oder mehr einzustecken hatten, wobei – das muss man gerechtigkeitshalber sagen – die Direktzahlungen in derselben Zeit deutlich ausgebaut wurden. Bisher haben sich Bauern und Konsumenten hierzulande noch nicht gefunden, ausser bei einem Thema, das den Detailhandel nicht schmerzt: dem Gentechmoratorium. Ich könnte mir vorstellen, dass es Migros und Coop, die sich gerne als Partner der Konsumenten präsentieren, nicht sehr angenehm wäre, wenn sie beidseitig in die Zange genommen würden. Eigentlich erstaunlich, dass die beiden Gruppierungen dieses Potenzial nicht nutzen.

Milchkrise(2): Die Bedeutung des Mengen-Traumas

September 22, 2009

Milchwerbung aus alten TagenBesuch bei einem Milchproduzenten in der Nähe von Bern. Er melkt gegen 300 000 Kilo Konsummilch jährlich. Seine Anlage stammt aus dem Jahr 1982, Stall und Melkstand sind amortisiert, Erneuerungen aber vorläufig nicht nötig, es läuft noch alles bestens, vielleicht auch weil noch kaum Elektronik im Spiel ist, mit Ausnahme des Radios, der bei der Arbeit den musikalischen Background liefert. Den gegenwärtigen Preissturz findet er natürlich nicht lustig, viel mehr Sorge macht ihm aber die Mengenfrage. Er geht davon aus, dass der Importdruck bei Frischmilch - dort ist die Einfuhr bisher verboten - künftig ebenfalls zunehmen wird. Wenn einmal diese Schranke gefallen ist, so befürchtet er, dann werde es erst richtig hart. Deshalb, so sagt der Bauer, müsse man alles daran setzen, die einheimische Menge zu halten, auch wenn der Preis darunter leidet. Dass heute alle auf Biegen und Brechen melken führt er im Übrigen auf das alte Kontingentierungs-Trauma zurück. Es stammt etwa aus der gleichen Zeit wie die schöne Milchwerbung auf dem Bild. Mitte der siebziger Jahre predigte man den Bauern, sie sollten wenig melken, um eine Kontingetierung zu verhindern. Diejenigen, welche sich daran hielten, waren nachher die Beschissenen. Die in den Milchjahren 74/75 und 75/76 gemolkenen Mengen wurden dann bei der Einführung des Kontingents im Jahr 1977 als Basis herangezogen. Auch deshalb will heute keiner auf die Bremse, selbst wenn er einsieht, dass zuviel Milch auf dem Markt ist.   

Bio ist nicht gesünder, aber darum gehts gar nicht

September 20, 2009

BiotomatenMan kann nur staunen, dass diese ermüdende Diskussion immer noch nicht abgeschlossen ist. Es geht um die Frage, ob Bio-Produkte gesünder sind als konventionell hergestellte. Letzte Woche war es wieder einmal soweit. An einer Tagung der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung haben zwei Behördenvertreter,  Christine Müller vom BLW und Roland Charrière vom BAG, wortreich dargelegt, dass dies nicht der Fall ist. Das ist ja logisch, ein Apfel ist ein Apfel ist ein Apfel, ob er nun an einem konventionell oder biologisch behandelten/gedüngten Baum wächst, möglicherweise sieht der konventionelle sogar noch etwas schöner aus. Aber wie gesagt, darum geht es gar nicht. Ich kaufe einheimische Bioprodukte weil sie mir eine naturnahe, tierfreundliche und ressourcenschonende Produktion garantieren. Bei ausländischer Ware aber ist Vorsicht angebracht, eine einheimische konventionelle Gurke ist einem holländischen Bio-Exemplar allemal vorzuziehen. Eine ganz andere Frage ist, ob Bio-Produkte mehr Geschmack haben. Mit diesem Claim wirbt ja auch die Bio-Suisse (“Bringt den Geschmack zurück”). Ich bin überzeugt, dass ein tierfreundlich gehaltenes und stressfrei geschlachtetes Bio-Söili auch dank gutem Gewissen fast immer besser schmeckt als ein konventionelles. Beim Gemüse ist das zweischneidig. Weil die Ware so gefragt ist, verpacken die Grossverteiler oft Bio-Ware in ihre Säcke, die im konventionellen Segment in den Kompost wandern würde. Beulige Kartoffeln und bittere Rüebli, das ist ein Ärgernis, offenbar geht man davon aus, dass der Bio-Konsument alles akzeptiert, solange es Bio ist. (Bild Zollinger Samen, Les Evouettes)

Zum heutigen Tag: Eine Ode an den Apfel

September 18, 2009

ApfelHeute ist Tag des Apfels. Das wäre eigentlich nicht der Rede wert. Solche Tage des was auch immer, von der Milch bis zu den Kranken, finde ich fast noch unnötiger als die Wahl von Prinzessinnen und Königinnen für allerhand Landwirtschaftsprodukte. Sie erinnern sich möglicherweise an die zuletzt hier kommentierte bevorstehende Wahl zur Kartoffelkönigin. Sie ist, falls jemand dies noch nicht wissen sollte, anlässlich der Schweizer Meisterschaft im Kartoffelhandgraben gekürt worden und heisst Marie-Theres Reichmuth. Herzliche Gratulation! Nun aber zurück zum Wesentlichen. Beim Tag des Apfels machen wir für einmal eine Ausnahme. Diese Frucht hat eine Ode verdient. Holz anrühren, aber bisher hats fast lückenlos gewirkt: “An apple a day keeps the doctor away”. Bei mir kommt wenn möglich jeden Tag zum Zmorge einer auf den Tisch, bis so Ende Juni, Lagertechnik sei dank. Erst dann werden sie langsam zu schrumpelig. Wenn aber gegen Ende Sommer wieder die ersten neuen auf den Markt kommen, ist das mehr als ein Trost für die kürzer werdenden Tage. Neben seinen mindestens legendären gesundheitsspezifischen Auswirkungen genügt der Apfel mehrheitlich auch strengeren ökologischen Anforderungen. Er kommt fast das ganze Jahr aus dem Inland, es gibt meist auch Bioware und wenn im Laden fast nur noch Granny Smith aus Südafrika oder Gala aus Neuseeland im Gestell liegen, kann man immer noch auf Most zurückgreifen, auch sauren. (Bild www.schaffnerhof.ch)

Milchkrise(1): Die riskante Kraft der Symbolik

September 17, 2009

EUROPE-DAIRY/PROTESTSDas ist nicht Reklame für den Güllefass-Hersteller Joskin sondern ein Bild vom gestrigen Protestanlass von europäischen Milchbauern in Belgien. Auf einem Feld haben sie im Rahmen eines weiteren Milchstreiks 3000 Tonnen Milch versprüht. Eine Aktion mit starker Symbolik und grossem Aufmerksamkeits-Potenzial. Es ist nicht die erste dieser Art, beim Milchstreik im vergangenen Jahr haben Schweizer Bauern ein paar Kannen Milch in einen Fluss oder ins Gülleloch geleert und in Holland füllte ein Bauer seinen Garten-Pool mit Milch (s. Bild unten). Solche Aktionen sind eine Gratwanderung und sollten wohl eher zurückhaltend eingesetzt werden. Die Bauern beteuern immer wieder, wie wertvoll das Lebensmittel Milch ist und sind empört, wenn sie im Laden weniger kostet als Coca-Cola. Ob die Konsumenten es dann verstehen, wenn derselbe gepriesene Rohstoff auf Feldern, im Güllekasten oder im Pool landet, ist mehr als fraglich. Die alte Esstisch-Regel wonach man mit Lebensmitteln nicht spielt, sitzt wohl tiefer im europäischen Durschnittsbürger, als mancher meint. Umso mehr als dass er sich in seiner Funktion als Steuerzahler den Absatz der Milch jedes Jahr einiges kosten lässt. (Bilder Reuters/Yves Herman; EPA/Koen van Weel)

Holland

Kuh-Geheimnisse: Ein Blogger hilft der Zeitung

September 14, 2009

Kuh mit KuhartikelEine liebe Leserin hat mir – merci vilmal! – einen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung geschickt. Er ist den Kühen gewidmet und stammt aus der Kolumne “10 Dinge, die Sie noch nicht wissen über…”. Darin erfährt man interessante Sachen, zum Beispiel, dass die gesammelten 1,3 Milliarden Rindviecher der Welt mehr als doppelt soviel Gewicht auf die Waage bringen, wie die gesamte Menschheit. Soweit so gut. Wir haben uns also schon wieder einer Zeitung bedient und wären damit bereits wieder beim gestrigen Thema: Blogger, so ein verbreiteter Vorwurf, leben nur von der DNA der bezahlten Medien, frech aber nicht ganz unwahr. Nur, das ganze hat natürlich – wie alles - auch eine Kehrseite, wie sich am oben erwähnten Kuh-Artikelchen zeigt. Auf der Suche nach dem Link im Internet, bin ich auf den Bildblog (“ein Watchblog für deutsche Medien”) gestossen, der das erste Ding, nämlich dass Kühe mit Dialekt muhen, als reine Legende entlarvt. Dieser Befund blieb nicht ohne Wirkung. Die “Süddeutsche” hat nämlich in der Web-Version von den “10 Dingen” die erste Behauptung ersetzt mit einem anderen Fakt, nämlich dass Kühe offenbar über eine Art Kompass-System verfügen. Auch das nicht uninteressant und ganz nebenbei eine erfreuliche Rehabilitation für die Zunft der Blogger.  

Die dunkle Seite des Safari-Vergnügens in Afrika

September 13, 2009

MassaiEin frecher Kerl hat kürzlich geschrieben, Blogger könnten ja nur dank der von bezahlten Medien gelieferten DNA existieren und seien deshalb vor allem Plagiateure. Das ist eine schamlose aber nicht vollkommen falsche Unterstellung. Heute zum Beispiel bedienen wir uns der Arbeit eines Kollegen vom Observer, auch weil uns grad die Mittel fehlen, um eine Recherchierreise nach Tansania zu unternehmen. Alex Renton hat  eine hervorragende Reportage über das Schicksal der dort lebenden Stämme des Hirtenvolks der Massai geschrieben. Sie sind Opfer eines klassischen Zielkonflikts. Der Staat ist angewiesen auf Deviseneinnahmen, unter anderem aus der Tourismusindustrie. Er schützt die Wildtiere und deren Lebensraum und schafft Nationalparks oder überlässt riesige Gebiete ausländischen Investoren, die dort Safaris (siehe z.B. Kuoni) oder Lustreisen für arabische Upper-Class-Touristen organisieren. Derweil nimmt der Lebensraum der Massai ständig ab. Begonnen hat ihre Einengung schon 1959, als die englische Kolonial-Regierung die Serengetiebene zu einem menschenlosen Reservat umwandelte. Den Massai boten sie dafür das entlegenes vulkanisches Hochland von Ngorongoro an, von wo sie aber 1973 erneut vertrieben wurden. Der Artikel zeigt, dass das Wohlergehen der Wildtiere, beziehungsweise des darauf basierenden Tourismus, höher gewichtet wird, als dasjenige der seit Ewigkeiten angesiedelten Menschen. (Bild Observer/Caroline Irby)

Eine kleine Geschichte zu einem grossen Zufall

September 11, 2009

Grauer Himmel über SempachSie erinnern sich: In Sempach haben kürzlich die Bauern demonstriert und am darauffolgenden Montag präsentierten die eidgenössischen Forscher von Agroscope Tänikon die Buchhaltungszahlen, die für 2008 ein sattes Plus auswiesen (siehe diesen früheren Beitrag). Dazu gibt es noch ein kleines Geschichtchen aus der agrarpolitischen Wildbahn. Dem Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) wäre es offenbar und verständlicherweise viel lieber gewesen, wenn die Agroscope-Zahlen bereits am Samstag, pünktlich zur Demonstration in Sempach in der Zeitung gestanden hätten. Deshalb befahl die BLW-Spitze, so hört man es hinter vorgehaltener Hand, die Zahlen seien bereits am Freitag zu publizieren. Dies wiederum war der organisierten Bauernschaft, die von den Forschern einen entsprechenden Hinweis kriegten, ein potenzieller Dorn im Auge. Man wollte natürlich nicht, dass am Tag, an dem das Lied des Niedgergangs gesungen wird, eine Einkommenshausse die Schlagzeilen prägt. Im folgenden rustikalen Hosenlupf legten die kräftigen Landleute die Bürolisten von der Berner Mattenhofstrasse ins Sägemehl: Die Zahlen erschienen wie geplant erst am Montag.  (Bild EQ Images/Andreas Meier)


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