Archive for November 2009

Carrotmob: Lädeli im karitativen Schwitzkasten

November 29, 2009

Wieder einmal ist ein neues gesellschaftliches Phänomen über den Ozean nach Europa geschwappt, und am Wochennde erstmals auch nach Zürich: der Carrotmob. Da es den Detailhandel betrifft, dem wir uns hier gerne kritisch widmen, wollen wir den Mob nicht unbemerkt am Agroblog vorbeiziehen lassen. Am Samstag haben sich also 372 sogenannte Mobsters beim Quartier Market der Familie Yesil in Zürich Wipkingen (siehe Bild) mit Lebensmitteln eingedeckt und dort einen Umsatz von 7500 Franken hinterlassen, etwa viermal mehr als die Yesils an einem gewöhnlichen Samstag erwirtschaften. Das besondere daran: Die Rüeblimobbers sind organisiert im Carrotmob Zürich, einer noch jungen Organisation, die bei Yesils die erste Aktion durchführte. Item, die Familie war einer von 22 Läden, der die Offerte zum Mob erhalten hat. Sie haben schliesslich das beste Angebot gemacht. Der Laden erhält den massierten Besuch nämlich nur dann, wenn er verspricht, die Einnahmen am Mob-Tag zu einem guten Teil für die klimafreundlichere Ausstattung des Geschäfts einzusetzen. Yesils wollen zum Beispiel bessere Kühlelemente und Bio-Produkte einführen. Diesen karitativen Schwitzkasten nehmen die Lädelibesitzer also bewusst in Kauf. Der Carrotmob sei übrigens, so die Gründer aus San Francisco quasi die Umkehrung des Boykotts. Fürs Medieninteresse ist ein Menschenauflauf vor einem Lädeli jedenfalls tauglicher als ein boykottierter Supermarkt, wie das Bild aus München zeigt. Ob kleine Läden fürs Klima aber unter dem Strich gesünder sind als grosse, das müsste man wohl noch abklären.

Kuhleben(2): Mehr als nur schöne Bildli

November 26, 2009

Ich will noch einmal auf das Buch Kuhleben von Emanuel Ammon (Bilder) und Sandra M. Ziegler (Text) zurückkommen. Jetzt bin ich nämlich glücklicher Besitzer und habe es mir ein wenig angeschaut. Es hat darin jede Menge Jö-Bildli für Kuhfreunde aber auch ein interessantes Rassenkompendium: Nicht weniger als 34 Varietäten sind porträtiert, immer mit ihren Besitzern. Da gibt es Sachen, bzw. Kühe, die ich zumindest in der Schweiz noch nie gesehen habe. Nehmen wir zum Beispiel die Vache Vosgienne Tulipe (s. Bild unten). Sie sei ein Feriensouvenir, sagt Franz Blum aus Chevenez. Als man 2006 durch die Vosges reiste, kauften Blums bei befreundeten Bauern Tulipe und ihre Rassenkollegin Mamselle. Die sommersprossigen Kühe, so erfahren wir im Text zum Bild könnten ganz schön aggressiv werden, wenn sie tragend sind. Blum hält sie deshalb getrennt von seinen Piemontesern, einer Fleischrasse aus dem Norditalienischen. Während sich nur 19 Vosgiennes in die Schweiz verirrt haben, sind es immerhin 500 Piemonteser. Obwohl sie aus dem Piemont kommt spricht Blum mit Bambra, so heisst die Kuh auf dem Bild unten, schweizerdeutsch. Das verstünden die Tiere besser, weil das Welsche nuancenreicher und deshalb schwieriger zu verstehen sei. Ich kann das bilingue Buch nur empfehlen, macht sich gut unter jedem Weihnachtsbaum (bin nicht bestochen, ausser dass ich ein Gratisexemplar erhalten habe…)

Land Grabbing – Die Bauern allein auf weiter Flur

November 23, 2009

Letzte Woche hat sich die internationale Agro-Kongressdiplomatie bei der FAO in Rom zum Ernährungs-Sicherheits-Gipfel getroffen und den Hunger bekämpft; auf dem Papier zumindest, oder nicht einmal dort. Ich habe die Schlusserklärung, die am ersten Tag der Konferenz unterzeichnet wurde, zwar nur überflogen, aber sie scheint auf sieben Seiten ausschliesslich warme Luft zu enthalten. Konkretes blieb unbesprochen. So machte man zum Beispiel einen möglichst weiten Bogen um das Thema Land Grabbing. Kauf, Pacht oder Miete von riesigen Ländereien durch Regierungen und andere Investoren aus allen Herren reicheren Ländern ist vor allem für die afrikanischen Kleinbauern (das Bild stammt von einem Mini-Milchbetrieb in Mali) ein zunehmendes Problem. Mittlerweile ist die Fläche, die derart der lokalen Produktion entzogen wird, auf die Grösse der Bundesrepublik Deutschland angewachsen. Betroffen sind häufig Flächen im Gemeinschaftseigentum, die bisher der Nutzung durch alle Bewirtschafter offen stand. Die afrikanischen Regierungen tun sich schwer, etwas dagegen zu unternehmen. Zu willkommen sind die Devisenzuflüsse, die auf dem Spiel stehen. Niemand will die Investoren verärgern. Die FAO versucht jetzt zumindest ein paar Regeln aufzustellen um eine “Win-win-Situation” für alle Beteiligten herzustellen. Die NGO Grain, die sich intensiv mit Land Grabbing befasst, bezeichnet die Idee als “Nonsense”: Es gebe kein Win-Win beim Land-Grabbing, sagt ein Sprecher. Loser sind primär die afrikanischen Bauern, denen es an Verbündeten und schlagkräftigen Lobbyisten fehlt.

Die Schafzüchter machen am falschen Ort Lärm

November 20, 2009

In Bern hat heute die Schafhalter-Lobby gegen den Wolf demonstriert. Supportiert von Walliser Politikern haben die Kleintierhalter mit viel Trara und dumpfen Sprüchen (siehe Bild) zum Halali auf den vierbeinigen Feind geblasen. Dies ist etwas dreist, denn  es ist erst gut eine Woche her, dass der Bundesrat den Schafzüchtern die Hand gereicht und angekündigt hat, dass er den Wolf vom streng geschützten zum lediglich geschützten Raubtier abklassieren will. Nun will die Schaf-Lobby mit Schockbildern von gerissenen Tieren für die totale Ausrottung des Wolfs kämpfen. Ähnlich wie beim Zigarettenpäckli werden der Wildtierkalender und das Wolfbuch wohl künftig nur noch mit Warnbildern versehen in den Regalen liegen sollen. Dabei liegt das Problem ganz woanders. Nämlich darin, dass viele Schafhalter immer noch das Gefühl haben, sie könnten ihre Tiere unbeaufsichtigt den ganzen Sommer lang im Gebirge weiden lassen und im Herbst alle Schäflein wohlbehalten wieder in die Ställe treiben. Wer nicht bereits ist, einen Hirten oder mindestens ein paar Hütehunde zu finanzieren, der soll auch künftig mit Verlusten rechnen müssen. Statt auf dem Bundesplatz würden die Schäfeler lieber um ihre Herden herum etwas Lärm machen, um den Wolf von den Hälsen ihrer Tiere fernzuhalten. (Bild EQ Images/Manuel Zingg)

Das Buttermädchen verfehlte die Zielgruppe

November 18, 2009

Delegiertenversammlung der Schweizer Milchproduzenten (SMP) in Bern. Neben Neuigkeiten aus der wilden Welt der Mengen- und Preissteuerung ist auch das Marketing ein Thema. Das liegt nahe, denn der Verband schöpft den Mitgliedern von jedem Liter Milch Marketingbeiträge ab und die Bauern wollen wissen, wofür diese verwendet wurden. Marketingleiterin Charlotte Hofstetter wartete mit interessanten Neuigkeiten über das Buttermädchen Sarina Arnold auf. Das Schweizer Model (siehe Bild oben) warb ja jahrelang für Sympathie gegenüber der Butter, die in der Cholesterin-Diskussion arg gebeutelt wurde (Hofstetter sprach von der “Cholesterin-Lüge”). Arnold war erfolgreich, aber bei der falschen Zielgruppe. Positive vibes für die Butter erzeugte sie nämlich primär bei Männern über 35 Jahren. Diese aber tätigen nur den kleinsten Teil der Lebensmittel-Einkäufe. Noch immer obliegt diese Rolle vorwiegend den Frauen, weshalb man bei der SMP in der neuen Kampagne das männliche Element stärker betonte, namentlich mit dem Ex-Mister-Schweiz Renzo Blumenthal. Der Erfolg ist laut Hofstetter spürbar, die Butterverkäufe haben 2008 das erste Mal seit längerer Zeit wieder zugenommen. Meine liebste Butterwerbung ist aber ganz eindeutig diejenige der Marke Floralp. Allerdings habe ich schon vorher Margarine gemieden, wie der Teufel das Weihwasser… (Bilder oben SMP, Bild unten www.netscout.ch)

Englandbau: Buy british on the farmers market

November 16, 2009

Kurzer Abstecher nach London für einen Besuch in Stoke Newington, einer Kleinstadt in der Grossstadt, wie es sie in der englischen Hauptstadt einige gibt. Stoke ist ein relativ trendiger Ort, viele Künstler und andere Selbständigerwerbende, viele davon relativ gut verdienend. Das Samstagsritual Nr.1 ist neben Käfele und Guardian lesen der Besuch auf dem Farmers Market, 100% organic. Das tun wir natürlich auch, bei einem mittleren Windsturm. 
Der Mushroom-Man muss seinen Schirm gut festhalten, damit er ihm nicht samt den Pilzen davon fliegt. Der Mann betreibt eine umfangreiche Pilzzucht und sammelt dazu, was wild anfällt in seiner Gegend, etwa 60 Meilen von London entfernt. Die Ware verkaufen sie auf sechs Märkten wie hier in Stoke und könnten gut davon leben, berichtet der Pilzzüchter.
Gute Geschäfte machen, wenn man dem Verkäufer glauben will auch die Leute von Wild Country Organics. Sie verkaufen, und das finde ich doch recht bemerkenswert, noch im November Tomaten und eine reiche Auswahl von Salaten, Kohlgewächsen aus Freiland und Treibhaus-Anbau, ohne dass die Gewächshäuser geheizt würden. Dies übrigens, und das erklärt einen Teil des Erfolgs zu recht satten Preisen, selbst für unsere Verhältnisse. Die Farmers Markets werden in England, so berichtet mir der Verkäufer, immer beliebter, vor allem in den prosperierenden, eher linken Quartieren der Grossstädte. Dieses Phänomen ist auch in den USA zu beobachten. Aus Schweizer Sicht mag das eher unspektakulär erscheinen. In den Grossstädten auf der Insel ist das Land aber mindestens mental viel weiter weg, manchmal scheint es fast unmöglich, aus einer Metropole wie London zu entweichen. Zudem ist das Bewusstsein für gute, gesunde Ernährung und frische, mehr oder weniger umweltfreundlich produzierte Lebensmittel noch viel weniger verbreitet als bei uns, wo noch jedeR Zweite etwas Bauernblut in den Adern hat. Diese Entwicklung hat im übrigen zumindest teilweise auch die Supermärkte erfasst. So verkaufen auch die Wild Country-Leute einen Teil ihres Gemüses via eine Supermarktkette. 
Zum Kontrast nach dem Farmers Market haben wir uns dann noch in einen lokalen Supermarkt umgeschaut. Sainsbury’s ist einer der Retailer, der auf organic aber auch vermehrt auf britische Herkunft setzt. So finden wir zum Beispiel ein paar englisches Joghurts inmitten des traditionell stark import-orientierten Sortiments. Zum Schluss noch ein kleines Zückerli für Retail-Interessierte. Im erwähnten Shop kann man seine Produkte selber scannen. Das ist ja an sich nichts neues. Was speziell ist bei Sainsbury’s ist das Waage-System. Man muss die Produkte nach dem Scannen in die Einkaufstasche auf der Waage legen und dann mit Karte oder Cash bezahlen. So kann der Apparat messen, ob nur das gescannte in die Tasche kommt und bezahlt wird. Diebstahlprävention à l’anglaise. 

Grossereignis für Viehfreaks: 224 Seiten Kuhleben

November 13, 2009

KuhlebenGrosse Ereignisse für Kuhfreunde werfen ihre Schatten voraus. Ende November veröffentlicht der Auraverlag einen Bildband namens Kuhleben. Auf sage und schreibKuhleben2e 224 Seiten erhält der geneigte Betrachter vom renommierten Photographen Emanuel Ammon für 78 Franken Einblicke ins Kuhleben vorgesetzt. Ich habe den Band längst bestellt, aber ausgeliefert wird erst nach der Vernissage vom 19. November in Luzern, wo das Buch im “oldest giftshop in town”, dem Schmid-Linder beim Löwendenkmal vorgestellt wird. Ausnahmen gibt es für wenige Blätter, wie etwa das Migros-Magazin (ausgerechnet). Wir trösten uns bis dahin mit einem kleinen Teaser.

Das Landwirtschafts-Luftschloss Vertical farming

November 10, 2009

Vertical farmingIch komme derzeit kaum zur Stadt raus. Deshalb liegt das Thema Vertical Farming auf der Hand. Man könnte das mit Vertikal- oder Hochhauslandwirtschaft übersetzen. Mein Bloggerkollege Matthias Daum hat einen interessanten Artikel darüber geschrieben und mich darauf aufmerksam gemacht. Kurz zusammengefasst geht es darum, Landwirtschaft angesichts von Urbanisierung und schwindenden Landreserven in städtischen vielstöckigen Treibhäusern oder Ställen zu stapeln. Die Idee gedeiht am kräftigsten auf dem Mist eines New Yorker Forschers, der eine eigene Homepage dazu betreibt. Mir scheint das Konzept wenig zukunftsträchtig. Die Probleme mit der Welternährung entspringen ja nicht dem Landmangel, sondern den Verteilungsproblemen. Diese Mängel bei der Lebensmittel-Allokation konnte noch keine technologische Neuerung beheben, Stichworte Grüne Revolution und Grüne Gentechnologie. Zudem ist der Betrieb von Treibhäusern energetisch dem Freilandanbau unterlegen und daran wird sich künftig wohl nur marginal etwas ändern. Von der Tierhaltung braucht man gar nicht zu sprechen. Mehrstöckige Schweinemästereien gab es schon in der DDR, diese Experimente sollte man lieber nicht wiederholen. Insgesamt ein landwirtschaftliches Luftschloss. Wenn ich mich eines Tages eines besseren belehren lassen muss, und Vertical farming ökonomisch und ökologisch für alle Beteiligten Sinn machen sollte, dann noch so gern. (Bild www.verticalfarm.com)

Der Mehrmengenmelker ist der neue Sündenbock

November 7, 2009

KuhnstIn der Landwirtschaftsszene gibt es einen neuen Sündenbock. Nach dem Bahnhofbauer, dem Spaltenbodenmäster und dem Käfighühnerquäler kommt nun der Mehrmengenmelker. Damit wären wir wieder einmal mitten im beliebten Thema Milchmarkt, das hier in letzter Zeit etwas zu kurz kam. Unterdessen ist einiges geschehen, die Branchenorganisation Milch hat sich auf ein Mengensteuerungsmodell geeinigt, das in der Branche mehrheitlich auf Zustimmung zu stossen scheint. Das 3-Stufen-Modell sieht vor, dass jeder Produzent als Grundstock eine garantierte Menge Vertragsmilch mit festem Preis für ein Jahr erhält.  Dann kommt als Manipuliermasse die Börsenmilch. Das sind die ehemaligen Mehrmengen, die nun zentral verwaltet werden. Der Preis richtet sich nach dem Angebot. Wenn zuviel auf dem Markt ist, soll primär dort der Preis gedrückt werden. Schliesslich gibt es die sogenannte Abräumungsmilch, was für eine Wortkreation. In hoffnungslos übermolkener Marktsituationen will die Branche die überzählige Menge zu Spottpreisen gemeinsam abräumt. Zurück zum Mehrmengenmelker. Er kommt in den Leserbriefspalten auffällig oft an die Kasse dieser Tage. Darunter versteht man Bauern, die in den letzten Jahren mit dem alten Kontingentierungs-Regime mit Gutheissung des Bundes und auf Anfrage der Verarbeiter zu günstigeren Tarifen zusätzliche Mengen abliefern konnten. Heute, so ist man vielerorts der Meinung, sind es genau diese Mehrmengen, die den Markt strukturell belasten und die Preise zum Einsturz bringen. Wahrscheinlich tragen aber Bund, Händler und Verarbeiter aber genauso viel zum Malaise beigetragen, wie die Mehrmengenmelker. HillsideAber das ist ja das praktische das praktische am Sündenbock. Bin schon gespannt, wann die Abräumungsmilchmelker an der Reihe sind… Noch ein Wort zur Illustration. Sie ist symbolisch gemeint. Die BOM hat auf der Suche nach dem Notausgang einen Feuerlöscher gefunden, oder so ähnlich. Die schönen Kuhbilder stammen von Ute Lünsmann. Einige davon kann man noch bis am kommenden Freitag im Projektbogen des Wipkingerviadukts in Zürich begutachten (jeweils ab 18 Uhr).

Agritalianità(4 e fine): Da staunt die moderne Kuh

November 5, 2009

KuhlturschockDa staunt die moderne Milchkuh: Einst gab es Artgenossinnen, bei denen der Kopf grösser war, als das Euter. Die Aufnahme, die die Agroblog-Italienserie beschliesst, stammt aus einem kleinen Fotoladen in Massa Marittima in der Maremma. Der Fotograph, ein Signor Banchi, war vor allem auf Fussballer und andere Sportler spezialisiert, aber ab und zu hat es ihn offensichtlich auch aufs Land gezogen, zum Glück. Das Bild zeigt ein stattliches Stück Braunvieh mit der stolzen Besitzer- oder zumindest Betreuerschaft (siehe Detailbild), die sie wahrscheinlich täglich mit frischer Milch beliefert hat. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann tut sie dies noch heute…
Vaca italiana


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