Archive for April 2010

Neue Wege: Kreuzung mit Limousine statt Zucht

April 28, 2010

Besuch bei alten Freunden auf einem Bauernhof im Emmental. Alles andere als eine rotorange gefleckte-Kuh, eine Kreuzung aus Simmentaler und Red Holstein, wäre hier im Dorf noch vor 20 Jahren undenkbar gewesen. Man hätte sich grauenhaft blamiert an der Viehschau mit einem Brown-Swiss- oder gar Jersey-Tier. Nein, man hätte gar nicht an die Viehschau gedurft, weil nur die eine Farbe zugelassen war. Die Zeiten haben sich schwer geändert. Die Herden sind buntscheckig geworden und der längst abgeschaffte Zuchtbuchführer, der früher persönlich vorbeikam, um dem Kalb eine goldene Ohrmarke zu setzen, ist der elektronischen Tierverkehrsdatenbank gewichen. Längst macht nicht mehr jeder Bauer auf Züchter, der Platz im Stall ist zu knapp für Rinder. Jeder Quadratmeter wird gebraucht für Milchkühe: Die produzierte Menge wurde hier innert einer Generation verdreifacht. Wenn er junge Kühe braucht, deckt sich der Betriebsleiter auf dem Markt ein. Die Herde lebt derweil in Dauerbegleitung eines kräftigen Limousine-Munis. Dieser produziert auf den scharfen Milchkühen ganz ohne Besamer vollfleischige Kälber, die der Bauer auf dem Markt mindestens derzeit zu guten Konditionen absetzen kann. Wenn das der Grossätti noch sähe, der würde schön staunen.
   

Der BOMerang schafft 55% Milchpreis-Differenz

April 25, 2010

Es ist wieder einmal Zeit für einen Evergreen: Was macht eigentlich unser altes Sorgenkind, der Milchmarkt? Nun, die Branchenorganisation Milch (BOM) scheint genauso wenig zu funktionieren, wie man das erwartet hatte und die Preise sind zum Missmut der Bauern auf Talfahrt. Alle Preise? Nein, nicht ganz. Die Gruyère-Produzenten kassieren seit Januar 82,04 Rappen pro Kilo, das ist ein guter halben Rappen mehr als zuletzt im 2009. Derweil werden die Produzenten von Cremo aus der gleichen Gegend weiter geschröpft. Der Freiburger Verarbeiter hat den Milchbauern soeben eine  Reduktion auf 52,9 Rappen verordnet. Die Differenz: 29,14 pro Kilo oder 55,1 Prozent! Woran liegt das? Natürlich produzieren die Gruyèrebauern silofrei und damit etwas teurer, aber das ist nicht die Hauptursache für die Differenz. Anders als im zersplitterten Konsummilchmarkt, ist im Gruyèremarkt die produzierte Menge auf die Marktbedürfnisse abgestimmt. Da müssen sich die lamentierenden Konsummilchbauern auch am eigenen Schübel nehmen: Wenn sie solidarisch die Menge beschränken würden, könnten sie im Markt eine bestimmendere Rolle übernehmen. Ein einfaches Unterfangen ist das nicht, die Produzenten sind schwieriger zu bündeln als eine Milchkanne voll Flöhe. Aber wenn sie der Entwicklung tatenlos zuschauen, wird sie der BOMerang auch fürderhin mit voller Wucht, das heisst in Form von schwindenden Preisen, treffen.  (Bild Interprofession du Gruyère)

Bellegië (Epilog): Ausgezeichnete Bilder

April 22, 2010

Zum definitiven Abschluss des tollen Ifaj-Kongresses in Belgien hier noch ein paar ausgezeichnete Bilder. Der Verband verteilt jedes Jahr Star-Preise für Texte, TV- und Radiosendungen und eben Photos. Das obenstehende Bild ist der Gesamtsieger und stammt von John Eveson. Dieser wiederum hat an einem Sheep dog sale, ja das gibt es, in Skipton (UK) fotografiert. Mehr Bilder von diesem Event finden Sie hier. Das zweite Bild stammt von Nigel Hallett aus Australien. Es trägt den passenden Titel Hot November. Bye-bye Bellegië.

Bellegië(3 und Schluss): Im Kaiserschnitt-Paradies

April 20, 2010

Als erklärter Kuhfreund war ich natürlich besonders gespannt auf den Besuch bei den Züchtern der berühmten Blanc-Bleu Belge, kurz BBB. Gestern war es soweit: Auf dem Programm standen eine Besamungsstation und ein Spitzenzüchter. Das auffälligste an den BBB ist ihre Postur, die Rasse ist der Bodybuilder im Rindviehsegment. Seit fünfzig Jahren trimmen sie die Züchter auf Fleisch, Fleisch, Fleisch. Das Resultat:”Des cotelettes de la tète jusqu’à la queue”, wie mir einer der stolzen Verbandsvertreter sagte, die uns durch die Station und Hof führten. Unter dem knapp geschorenen Fell der präsentierten Stiere zeichnet sich jeder Muskel ab, und davon haben sie sehr viele. Was dem BBB-Züchter das Wasser ins Auge treibt, ist für mich kein schönes Schauen mehr. Nun das ist Geschmackssache. Was ich problematisch finde, sind die Auswirkungen der Zuchtarbeit. Das Ziel ist neben den Muskelpaketen ein feingliedriges Fundament. Derartiges Gewicht auf dünnen Beinen muss aber zu Problemen führen und tut es offenbar auch. Dazu kommt, dass die Beckenpartie im Laufe der Jahre wegen überdimensionierten Kotelettvorräten in diesem Bereich nach unten gezogen wurde. So fest, dass die reinrassige BBB-Kuh kaum mehr kalben kann. Das Resultat: Je nach Quelle 90 bis 99 Prozent Kaiserschnitte. Das finden die Züchter völlig normal. Das Kalb sei derart viel wert, dass man sich die 100 Euro für die Sektio ohne weiteres leisten könne. Das BBB-Beefsteak, das wir später serviert bekamen, war zwar unglaublich zart und ein absoluter Leckerbissen, trotzdem blieb mir ein schaler Nachgeschmack.  (Bild unten Association Wallonne d’Elevage)

Bellegië(2): 6 Prediger und ein Blumenparadies

April 18, 2010

Tag zwei des Agrarjournalisten-Kongresses stand im Zeichen von sechs Gentechpredigern und einem Blumenparadies. Der Reihe nach. Am morgen besuchten wir das flämische Landwirtschafts-Forschungsinstitut ILVO in der Nähe von Gent. Man hatte nicht weniger als sechs Referate über sich ergehen zu lassen, die einem die Vorzüge der Biotechnologie im Pflanzenbereich priesen. Zu Wort kamen unter anderem Vertreter von BASF und Bayer. Dass diese Unternehmen mit Gentechnologie Geld verdienen wollen ist legitim, dass sie diese aber dauernd als Allheilmittel für die Welternährungprobleme präsentieren, das ist eher ärgerlich. Der emeritierte Professor Marc Van Montagu (im Bild oben bei der Audienz), eine Gross-Koryphäe in der grünen GVO-Welt, erteilte den Industrie-Referaten mit seinem Loblied die wissenschaftliche Absolution. Schade, dass keine Diskussion stattfinden konnte. Der Blick in die Sponsorenliste gibt Aufschluss. Neben Monsanto und Syngenta gehören auch BASF und Bayer zu den Partnern der Organisatoren. Am Nachmittag konnte man sich dann in der Ausstellung Floralies an den Ergebnissen belgischen Floristen- und Gärtnerschaffens erfreuen. Sie ist die grösste Indoor-Gartenmesse weltweit. Wir lassen die Bilder sprechen.

Blumen im Neonglanz, fast soweit das Auge reicht.

Kommentar einer frechen Kollegein: “Barbieland”.

Texan style, …

…aufwärmen für ein blumiges Konzertchen…

…und die ganze Pracht im Sitzen verarbeiten. Bonne nuit!

Bellegië(1): Entdeckungen am Ostende

April 17, 2010

Heute hat der internationale Kongress der Agrarjournalisten in Ostende angefangen. Das Teilnehmerfeld ist durch den Vulkanausbruch in Island arg dezimiert worden. Während die einen in Singapur, Rio oder Warschau vergeblich auf Flüge warteten und ganz absagten, sind andere auf abenteuerlichem Weg an der belgischen Atlantikküste eingetroffen. Abenteuerlich hiess dann vor allem: Mit dem Zug. Es war als hätten viele Vielflieger entdeckt, dass es unter den Flugstrassen auch noch Geleise gibt. Und das ist dann sicher einer der positiven Effekte dieser Eruption. Es gab daneben auch noch andere Entdeckungen zu machen. Zum Beispiel, dass Brüssel gar nicht so heruntergekommen ist, wie einem immer wieder berichtet wurde. Oder dass eine Fischsuppe zum Frühstück eine wunderbare Basis für einen langen Tag bildet. Oder dass Ostende einen absolut atemberaubenden Strand zu bieten hat. Oder dass das Schengen nicht nur für Zollabbau, sondern auch für Weinbau stehen kann: Zum Willkommensapéro servierte man mangels belgischen Gewächsen luxemburgische Coteaux de Schengen, gar nicht so übel, santé alors!  

Das Schosshuhn als urbanes Modehaustier

April 14, 2010

“Legen Sie sich Hühner zu!” hat das Magazin des “Tages-Anzeigers” kürzlich empfohlen. Nach dem Salatbeet auf dem Fentsersims und dem Kompost auf dem Balkon kommt nun, so wollen uns die urbanen Trendsetter weis machen, der Hühnerstall im Garten. Dabei liessen sich die Zürcher Journalisten, wie könnte es anders sein?, in den USA (siehe Bild) inspirieren. Dort gibt es bereits einschlägige Internetsites wie www.backyardchickens.com, wo man in akribischem Detail erklärt wie sich der Hinterhofhühnerhalter einen günstigen Stall bauen und die besten Rassen auswählen kann. Aber auch in Deutschland ist man nicht untätig geblieben: Bei Hühner-Info.de findet der Interessent reichlich Unterlagen. Anschauungsunterricht liefert auch das belgische Städtchen Mouscron, wo der Bürgermeister gratis Hühner verteilt, um so den Abfuhrbedarf für organische Abfälle zu reduzieren. Für Zürich sehe ich trotz der ermutigenden Nachrichten aus allen Herren Ländern etwas schwarz. Die wenigen Gärten und Terassen sind vor allem in der Innenstadt schlicht zu klein, um dort noch eine Hühnerherde unterzubringen. Dazu, so nehme ich an, unterschätzen die meisten potenziellen Stadthühnerhalter den Arbeitsaufwand. Muss man doch einen Stall bauen, füttern, tränken und misten, bevor man das erste Ei ernten kann. Ein nicht ganz anspruchsloses Haustier, das Huhn. Man stellt sich schon mit Grauen all das ausgesetzte, herrenlose Geflügel vor, das zu Sommerferienbeginn in den Strassenschluchten Zürichs herumirrt…    

KameRun(5 und Schluss): Doch noch eine Kuh

April 11, 2010

Tierfreunde werden festgestellt haben, dass Kühe und Co. in den Kamerun-Beiträgen etwas zu kurz gekommen sind. Das ist richtig. Ich habe effektiv kaum Nutztiere entdeckt in der Woche in Zentralafrika. Das einzige fotographische Dokument ist das Bild der 1000-er Note, auf der ein Zeburind abgebildet ist. Auf der Fahrt zum Flughafen Douala ist mir dann doch noch eine kleine Kuhherde begegnet. Das soll bei weitem nicht die einzigen sein. Ein Bauer und Berater hat erzählt, dass es durchaus grosse Milchkuhbestände gibt in Kamerun. Er hat ebenso grosse Pläne, will demnächst eine Käserei bauen und dort…Gruyère produzieren. Im ganzen Land gebe es keine einzige Käserei. Dies gelte es zu ändern, denn die Leute möchten Käse sehr wohl, vor allem wenn er erschwinglich ist. Bin gespannt, ob ich an dieser Stelle dereinst über die erste Gruyère-Käserei Kameruns berichten darf, das würde mich freuen und ich werde Sie natürlich auf dem Laufenden halten.

KameRun(4): Pas de succès? Cherchez la femme!

April 9, 2010

Wer  diese Kamerun-Beiträge liest, wird sich vielleicht fragen, obs denn aus dem Land nichts wirklich positives zu berichten gibt. Doch, zum Beispiel über die Rolle der Frau im Wirtschaftsleben. Selbst bei einem Kurzbesuch fällt auf, dass sie dort einige Erfolge verbuchen können. Diese unbekannte Crevettenhändlerin im Fischerhafen von Douala ist ein gutes Beispiel. Einer Feldherrin gleich dirigiert sie von der Piroge aus die Männer, die ihr die Säcke voller getrockneter Crevetten ins Trockene bringen. Von dort aus organisiert sie anschliessend den Verkauf der Ware, die sie zuvor in einem Fischerdorf gekauft hat. Eindruck gemacht hat mir auch Judith Ngang, die am Stadtrand von Douala Trinkjoghurt aus kamerunischer Soja herstellt. Die Agronomin ist 1999 während einem Praktikum in Holland auf die Idee gekommen, dass man die Bohne statt wie bisher in der Heimat nur als Tierfutter neu auch für die menschliche Ernährung einsetzen könnte. Nach ausgedehnten Tests in der eigenen Küche hat sie 2006 den Schritt in den Markt gemacht. Heute ist sie dort etabliert und hat nach ersten Erfolgen grosse Pläne. Solche hat auch Jeanne Tuissy, die mit ihrer Agentur Jane Tour den organisierten (Agro-)Tourimus in Kamerun aus dem Dornröschenschlaf wecken will. Jeanne gleicht punkto Aussehen und punkto Enthusiasmus ein wenig Tina Turner. Ich bin mit ihr gereist und kanns nur empfehlen. Zum Schluss noch einmal eine unbekannte Vertreterin aus der Gilde der toughen Geschäftsfrauen. Das Bild unten stammt vom En-Gros-Markt in Douala. Dort wo die ländliche Kundschaft ihr Gemüse und ihre Früchte verkauft, kann sie sich gleich mit Samen, Dünger und Pestiziden eindecken. Keine dumme Geschäftsidee. Die kamerunischen Männer übrigens scheinen kein grösseres Problem zu haben mit ihren dynamischen weiblichen Chefs. Getreu dem Spruch: “Real men support womens empowerment”, den ich vor knapp 20 Jahren auf einem Transparent an einer Demonstration in Kenia gelesen habe.

KameRun(3): Dégustation au Buffet Centr’afrique

April 7, 2010

Besuch auf dem En-Gros-Markt. Douala hat 2,5 Millionen Einwohner und die wollen versorgt sein. Der Marché Sandaga spielt dabei eine wichtige Rolle. Hier decken sich nicht nur die zahllosen fliegenden Händler und Lädelibesitzer der Stadt ein, sondern auch Kunden aus dem ganzen Land und darüber hinaus. Grosshändler aus dem wasserarmen Tschad und der Zentralafrikanischen Republik bedienen sich ebenfalls an diesem riesigen Buffet. Das Treiben ist beeindruckend und die Konkurrenz gross. Es werden mir im Verlauf des Besuchs mindestens 20 Tonnen Gemüse und Früchte angeboten. Dabei wollen wir nur ein bisschen degustieren, zum Beispiel von den himmlischen kamerunischen Avocados und Mangos. Die Preise sind hier natürlich deutlich tiefer als im Detailverkauf, aber immer noch beachtlich. So kosten vier Avocados 500 Francs CFA, das ist etwas mehr als ein Franken. Im Endhandel kosten sie dann 300 das Stück. Die Lebensmittel- und Lebenshaltungskosten sind in Kamerun im Verhältnis zu den Löhnen enorm hoch. Falls man überhaupt Lohn bezieht. Die Journalistenkollegen schätzen, dass mindestens die Hälfte der arbeitsfähigen Bevölkerung arbeitslos ist. Über die offiziellen Zahlen zwischen 10 und 20 Prozent können sie nur lachen. Bref, der Mindestlohn liegt bei 23 000 Francs CFA, rund 5o Schweizer Franken monatlich, ein Sekundarlehrer verdient 60 000 CFA, ein Arzt gut 100 000 (ohne die obligaten Zustüpfe unter dem Tisch). Der Liter Milch kostet 1200, das Brot 125, das Ei 60. der Liter Benzin knapp 600, das Kilowatt Strom 520 CFA. Man rechne.


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