Archiv für Mai 2010

Lean Farming: 100 Kühe, 20 Hektar, 1 Traktor

Mai 29, 2010

Kleiner Ausflug ins bayrische Unterallgäu. Wir besuchen mit einer Gruppe von Agrarjournalisten den Milchbauer Manfred Kögel in Ettringen. Was er praktiziert könnte man in Anlehnung an Lean Management Lean Farming nennen. Kögel hat vor 2 Jahren einen Kalt-Laufstall ohne Wände für 100 Kühe gebaut. Preis pro Kuhplatz 6900 Euro, total 690 000, alles inklusive. Das besondere ist aber nicht die Grösse seines Betriebs, sondern das Betriebskonzept. Kögel besitzt genau einen uralten Traktor und einen Futtermischwagen. Alle anderen Arbeiten, bearbeiten, säen, mähen und silieren, lässt er durch einen Lohnunternehmer erledigen. Da er nur über 20 Hektaren Land verfügt, hat er zuwenig Futter und zu viel Gülle. Von diesem Problem hat er sich elegant befreit. Er kauft vom nahen Gutsbetrieb den Ertrag von 15 Hektaren Silomais und verkauft dem Betrieb die überschüssige Gülle. Das Resultat: Selbst beim Tiefststand des EU-Milchpreises von 23 Cent (zirka 35 Rappen) habe er bei einer Jahresproduktion von rund 900 000 Kilo noch Geld verdient, berichtet Kögel. Derzeit erhält er 28 Cent. Neben seinem 100er Stall hat er übrigens noch einmal die gleiche Fläche freigehalten, für einen zweiten 100er Stall… (Bilder Evelyn Darmann, Landwirtschaftskammer Tirol, herzlichen Dank!)

Nestlé investiert 0,01% des Gewinns in Bauern

Mai 27, 2010

Heute erreichte uns die frohe Nachricht, dass Nestlé erstmals ihren Creating Shared Value Prize verliehen hat. Gewinnerin ist die kambodschanische Sektion der Nicht-Regierungsorganisation IDE. Sie unterstützt dort Kleinbauern mit Beratung und erleichtert ihnen den Zugang zu den Märkten. Dotiert ist der Preis mit 500 000 Franken. Soweit so gut. Die Organisation scheint sinnvolle Arbeit zu leisten. Sie will mit dem Geld 36 weitere Berater ausbilden und damit bei den Bauern Mehreinkommen von 1,9 Millionen Dollar generieren. Trotzdem kann ich mich nicht bedingungslos freuen. Nestlé hat 2009 einen Reingewinn von 6 242 124 109 Franken eingestrichen. Das Preisgeld macht 0,01 Prozent dieser Summe aus. Das scheint mir ein äusserst magerer Obulus zu sein, wenn man weiss, dass Nestlé genau diesen einfachen Leuten in der dritten Welt einen guten Teil ihrer Gewinne verdankt. Ich habe auch im abgelegensten afrikanischen Kaff noch nie einen Kiosk gesehen, der nicht mindestens Nescafé, Nido-Pulvermilch und Maggi-Bouillonwürfel im Sortiment hatte. Die Preissumme ist umso bescheidener, wenn man bedenkt, dass der Werbeeffekt um ein mehrfaches grösser ist, als dasjenige was Nestlé für eine entsprechende Kampagne aufwerfen müsste. Wenn man davon ausgeht, dass eine farbige Reklameseite in einer Tageszeitung 20 000 Franken kostet, könnte Nestlé mit diesem Geld nicht einmal den Schweizer Tageszeitungsmarkt flächendeckend mit einer Seite bewerben. (Bild IDE/Nestlé)

Dünnes CVP-Progrämmchen zur Agrarpolitik

Mai 25, 2010

Heute hat die CVP ihr ” zukunftsgerichtetes Programm für eine starke Landwirtschaft” präsentiert. Was hier grossspurig als Konzept für die Agrarpolitik 2020 verkauft wird, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als dünnes 10-Punkte-Progrämmchen. Es werden ein paar Gemeinplätze aneinandergereiht, ohne dass ein einziger Weg aufgezeigt würde, um die angepeilten Ziele zu erreichen. Man fordert einen unveränderten Zahlungsrahmen, einen unverändert hohen Selbstversorgungsgrad und lockerere Bauvorschriften in der Landwirtschaftszone. Ein besonders schönes Beispiel für die Unverbindlichkeit der Tonalität ist Programmpunkt 8: “Die Volatilität der Preise für Landwirtschaftsprodukte macht Sorgen. Die CVP fordert den Bundesrat deshalb auf, geeignete Gegenmassnahmen zu prüfen, Spekulation zu unterbinden und sich für vernünftige Margen- und Produzentenpreise einzusetzen”. Punkt 9 dann: Mehr Pausenäpfel bitte, und zum Schluss dann das, was man eigentlich an erster Stelle erwartet hätte: Die Position zum Freihandelsabkommen mit der EU. Nach all den konservativen Forderungen in der ersten Programmpunkte müsste ein klares Nein kommen. Hier aber eiert die CVP herum: Falls kein WTO-Abkommen, dann bräuchte es wohl auch keinen Freihandel. Das wacklige Argumentieren hat einen triftigen Grund: CVP-Bundesrätin Leuthard ist eine wackere Verfechterin des Freihandels. Insgesamt ist das zukunftsgerichtete Programm nicht mehr als der Versuch, den Bauern via Kurzmeldungen in den Medien zu demonstrieren, dass es die CVP in der Landwirtschaftspolitik auch noch gibt. Was dann effektiv drin steht im Programm ist eher sekundär. Das läuft übrigens bei anderen Parteien keineswegs anders.

An Pfingsten fällt das Gras am ringsten

Mai 23, 2010

Nach drei Wochen Regen war Pfingsten für die Bauern Grosskampfwochenende, zumindest für diejenigen, die Futter produzieren. Das Velofährtli durchs Bündnerland gab einen guten Eindruck von der Emsigkeit der Bewirtschafter. Soviel Mäh-, Wende-, Press- und Wickelgerät habe ich noch selten auf einen Schlag im Einsatz gesehen. Die zwei Haupterkenntnisse: 1. Trotz bestem Heuwetter wird in der Region zwischen Zürichsee und Chur praktisch nur noch siliert und zwar primär in Ballen. 2. Die Maschinenparks sind trotz bescheidenen Parzellengrössen derart imposant, dass auf den Strässchen, die auch als Veloweg dienen, die Kreuzung zwischen Erntekombinationen und Fahrrad fast unmöglich wird. Hier könnte man jetzt wieder einmal trefflich die Übermechanisierung belästern. Allerdings zeigt grad die Wetterkonstellation der letzten Wochen, dass nicht selten plötzlich alle gemeinsam am gleichen Tag ihre Blätze abmähen und einpacken wollen. Um dies zu bewältigen, kann man halt dann der Bauer oder Lohnunternehmer nur noch schwerlich mit Motormäher, 4-Meter-Kreiselheuer und Kleinballenpresse operieren. Deshalb wird aufgerüstet, auch wenn die paar Einsatztage pro Jahr die Investitionen nur schwerlich rechtfertigen. Entschuldigung übrigens für die schwache Qualität des Bildes oben, leider ist mir die Kamera samt Hochglanz-Erntebildern in den Rhein gefallen. Drum nur ein etwas dunstiges Bild einer Quaderballenpresse vom Handy. Zur Kompensation ein Gastkuhbild als Pfingstimpression aus dem Berner Diemtigtal (Danke Frau G.!). Dort waren die Bauern wohl froh, dass sie das neugierige Vieh endlich auf die Weide lassen konnte, ohne dass es Knietiefe Löcher gab.
  

5 Jahre Graswurzelmedium – Happy Birthday TOF!

Mai 20, 2010

Dass afrikanische Kleinbauern ein schwieriges Dasein fristen ist ein Allgemeinplatz. Wie man deren Probleme zum Beispiel klimatischer, ökonomischer und tiergesundheitlicher Art angeht, das ist schon weniger offensichtlich. Daran beissen sich seit Jahrzehnten Legionen von Entwicklungshelfern die Zähne aus. In Kenia gibt es seit 5 Jahren ein ermutigendes Beispiel für bodennahe Beratung für die geprüften Bewirtschafter: The Organic Farmermagazine (TOF) feiert heuer Geburtstag. Auf der Homepage finden sich säuberlich aufgelistet die bisherigen 60 Ausgaben. Einen Blick oder besser mehrere hinein zu werfen, lohnt sich. Die achtseitigen Magazine enthalten einen interessanten Mix aus Beratung, (häufig, aber nicht einseitig in Richtung günstige, biologische Methoden), Reportagen und Inseraten. Ergänzt wird das Druckprogramm durch die wöchentliche Sendung von TOF-Radio. Ich habe reingehört in einen Beitrag über die Prävention von Viehkrankheiten. Unglaublich, mit wievielen Schädlingen der kenianische Kuhhalter zu kämpfen haben, und eindrücklich, wie akribisch der befragte Landwirt der Sache auf den Grund geht. Unterstützt wird TOF von der Schweizer Stiftung Biovision. Gründer ist der Insektenforscher Hans Rudolf Herren. Ich habe ihn kürzlich zu einem Gespräch getroffen. Was der unermüdliche Agro-Diplomat erzählte schien mir Hand und Fuss zu haben und das Projekt TOF bestätigt diesen Eindruck. Der Agroblog gratuliert und wünscht TOF weiterhin ein gutes Händchen bei der agrojournalistischen Beratung! 

Nordenglische Landschaften – fast alles mit Schaf

Mai 17, 2010

Nach ein paar Tagen in Nordengland komme ich nicht um einen Werbespot herum. Während hiezulande alles von Schottland schwärmt, gibt es dort idyllische Kulturlandschaft und archaische Hochmoore, die vom Tourismus ziemlich unberührt scheinen, einmal abgesehen von einheimischen Campern und Caravanern. Dafür gibt es tausende von Schafen, Fasanen, ganz vielen anderen Vögeln, etwas weniger Kühe und einige Pferde. Und Hunderttausende von verwilderten Kaninchen, die ganze Landstücke in Beschlag genommen und unterhöhlt haben. Sie habens bis nach London geschafft, dort habe ich die letzten auf dem Flughafen Luton herumhoppeln sehen. Die Schafhaltung übrigens scheint kein sehr lukratives Business zu sein. Die Bauernhöfe wirken etwas heruntergekommen und alles andere als intensiv. Aber das rentiert immer noch besser als die hier ehemals weitverbreitete Tätigkeit in Silber-, Blei- und Kohleminen, diese sind ausnahmslos alle stillgelegt und viele Dörfer in Cumbria und Northumberland sind gezeichnet von diesem Niedergang. Trotzdem gibt es  in praktisch jedem Kaff ein paar gut sortierte Lebensmittelläden mit vielen einehimschen Produkten und fast immer eine Metzgerei, danach kann man in der Provinz im viel gerühmten Paradis alimentaire de la France oft nur vergeblich suchen.
Kilometerlange Trockensteinmauern…
…unzählige Schafe…
…und der stets betriebsame Himmel prägen die Landschaft.
Die Schafe sind menschenscheu und immer auf dem Sprung.
Greenhill Hush: Hochmoorlandschaft der zerfurchten Art.
 Reiche Auswahl im Whole foods shop in Alston.
Eine schöne Angusherde in der Nähe von Embleton fast am Meer.
Ganz am Meer, in Craster. Das Dorf ist berühmt für seine geräuchten Makrelen namens Kipper.

Bund will mit Sackmesserwerbung Käse verkaufen

Mai 11, 2010

Dieser Tage hat die Absatzförderungsorganisation Switzerland Cheese Marketing (SCM) ihre neuen Werbespots präsentiert. Im Mittelpunkt der Spots steht ein Sackmesser, mit dem man auch Käse schneiden kann, revolutionär. Das sieht zum Beispiel so aus: Erste Sequenz: “E Schwizer Chue frisst jede Tag 80 Kilo früsches Gras.” (Wenn sie nicht blöderweise das ganze Jahr eine Total Mix Ration mit Silage, Heu und Kraftfutter kriegt…) Zweite Sequenz: “Und git öppe 30 Liter Milch.” Dritte Sequenz: “Und us dere Milch macht me der guete Schwizer Chäs.” (Sackmesser wird ins Bild geschoben). Vierte Sequenz: “Schwizer Chäs, garantiert schwizerisch.” (kurzer Schwenk aufs Käseplättli, siehe oben). Dabei handelt es sich in meiner Wahrnehmung primär um Werbung für Schweizer Sackmesser, die nebenbei wohl auch noch ein bisschen Käse verkaufen soll. Dies ist deshalb bemerkenswert, weil SCM ihre Aktionen zu etwa 50 Prozent aus Bundesmanna finanziert. In der SCM-Pressemitteilung lautet das Fazit denn auch: “Dank Schweizer Käse entdecken wir das Sackmesser neu!” Danke, danke, wird sich Victorinox sagen, die hier zu einem Spottpreis wenn nicht gar kostenlos zu jeder Menge öffentlich finanzierter Publicity kommt. (Bilder aus dem SCM-Werbespot)

Cownames: Blüemli heisst jetzt Manitou Highlight

Mai 9, 2010

Früher hiessen Kühe Blüemli, Kroni, Irma oder wenns ganz exotisch kam Olga. Heute ist das alles anders. Beim Kuhnamen will jeder Emmentaler Züchter ein bisschen Kanadier sein. Ein paar Beispiele von der bernischen Eliteschau an der Bea gefällig? Käthi Hofer aus Oberdiessbach präsentierte Joyboy Rosalina (siehe Bild oben), Ruedi Megert aus Affoltern kam mit Bokassa-ET Salsa an die Cowshow und der Truber Bub Ueli Aeschlimann fuhr mit Manitou Highlight auf. Das tönt dem Züchter wie Musik in den Ohren aber mich dünkt das nicht grad eine glückliche Entwicklung, vor allem weil plötzlich die meisten Kühe als erstes einen Stierennamen (den des Vaters) im Namensverzeichnis führen. Grund dafür ist, dass man mit dem Stierennamen einem potenziellen Käufer imponieren kann. ET übrigens steht dabei nicht etwa für Extraterrestrial, sondern für Embryotransfer, was wiederum darauf hinweist, dass das Tier auch mütterlicherseits mit besonders rarem Erbgut ausgestattet ist. Besonders renommierte Züchter setzen als Krönung dann auch noch ihren Familiennamen an die Spitze. Das ist zum Beispiel der Fall bei Hirsbrunners Rampage Giovanna oder Abbühls Falcon Whitney. Hier kann man den Züchtern ja nicht viel vorwerfen, wahrscheinlich dürften sie die zahlreichen Kevin Mosers und Vanessa Müllers inspiriert haben, die sich heute in den emmentalischen Kindergärten tummeln. (Bilder “Schweizer Bauer”)

Kuhbild der Woche mit Lebensmittel-Wettbewerb

Mai 6, 2010

Heute gibts nichts zu blöken, drum für einmal nur ein Reklame-Kuhbild. Verbunden mit einem kleinen Wettbewerb. Wer als ersteR rausfindet, welcher Konzern hinter diesem Inserat steckt, hat gewonnen. Ich weiss zwar, dass man mit dem Essen nicht spielen soll, aber es gibt trotzdem ein Schafskäsli (hiesig) zu gewinnen. TeilnehmerInnen bitte E-Mail-Adresse hinterlassen. Viel Glück!

BOMerang(2): Exemplarisches vom Milchbasar

Mai 4, 2010

Schon wieder der Milchmarkt, es braucht noch einmal einen Beitrag dazu. Grund: Die etwas verspätete Lektüre der jüngsten Bauernzeitung. Dort zeigt sich die ganze Problematik exemplarisch. Auf Seite 2 beklagt Markus Zemp, der Präsident der Branchenorganisation Milch (BOM), seinen grossen Frust über die Vorstandskollegen, die die  Beschlüsse systematisch unterlaufen, namentlich das dreistufige Marktmodell. Drei Seiten weiter hinten folgt unter dem Titel ”Fakten zum Schweizer Milchmarkt” die Erklärung: Die Verarbeiter und der Handel, beide gut vertreten im BOM-Vorstand, haben die Margen 2009 markant gesteigert. Für sie ist der Produzentenpreis sekundär, sie verdienen gleich viel oder mehr, wenn dieser im Keller ist. Schliesslich wird in der Regionalausgabe Nordwestschweiz, Bern und Freiburg über die Delegiertenversammlung des Nordwestschweizer Produzentenverbands Miba berichtet. Dieser will seine Mitglieder nach wie vor ungehemmt Mehrmengen melken lassen: “Geben wir ihnen diese Gelegenheit innerhalb unseres Verbands nicht, so wandern sie ab zur Konkurrenz, geben ihr Lieferrecht bei uns weiter und melken dort das Doppelte”, sagte der Geschäftsführer. Zwanzig Zeilen weiter unten lesen wir vom Ultimatum, das die Miba-Bauern der BOM stellen: Sollte diese bis am 6. Mai keine griffige Lösung zur Marktabräumung einleiten, so heisst es in der Bauernzeitung, wollen sie ihr keine Beiträge mehr entrichten. Inkonsequenter geht es nicht mehr, und die Miba steht hier keineswegs allein auf weiter Flur.


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