Archiv für Juni 2010

Melken und saugen – das ginge auch bei der Kuh

Juni 29, 2010

Die Wissenschaft macht sich neuerdings Gedanken über die Kommunikation von Kühen. Das Beispiel des Bioakustikers (ja, auch das gibt es) Gerhard Jahn ist nur eines von mehreren. Dass die Tonalitäten des Muhens nun entschlüsselt werden, ist gewiss lobenswert. Aber für einige Formen der tierischen Kommunikation braucht es keine Übersetzung. Man denke zum Beispiel an das Mitleid-erweckende Muhen der Kuh, wenn man ihr das Kalb wegnimmt. Diese Szene spielt sich täglich in hunderten von Milchvieställen ab. Wenn ich das Landwirtschafts-fernen Gesprächspartnern erzähle, machen sie immer traurige Augen. Daran musste ich denken, als ich kürzlich auf einem Stutenmilch-Betrieb war (siehe Bild). Dort saugt das Fohlen auch während der Laktation fröhlich weiter. Mich erstaunt, dass dies in der Milchwirtschaft noch nicht praktiziert wird. Natürlich gibt es arbeitstechnisch diverse Schwierigkeiten, in Laufställen dürften diese aber leichter zu bewältigen sein als früher im Anbindestall. Bei der Muttergefühl-respektierenden Milch handelt es sich zudem bestimmt um eine Nische mit Preis-Potenzial. Ich sehe schon das mögliche Label vor mir. Ein saugendes Kalb am Euter der Mutter, darum in einem blauen Ring der weisse Schriftzug: ”Tierfreundliche Saugmilch – Kuh und Kalb im Einklang”, oder so ähnlich. (Bild Andreas Bodmer/NZZ)

Ökoflächen: Früher aber schwächer gestartet

Juni 23, 2010

Die Schweizer Agrarpolitik gilt dem breiten Volk gerne als etwas verstaubt, man bezichtigt Administration und Branchenvertreter des phantasielosen Protektionismus um jeden Preis. Ich bin da anderer Meinung. Sicher wird der eine oder andere Betriebsleiter über Wasser gehalten, der besser konurrenzfähigeren Kollegen Platz machen sollte. Gerade dieser Wille, möglichst viele Betriebe zu erhalten, hat aber im positiven Sinne erfinderisch gemacht. Der Schweizer Politik darf man in verschiedenen Bereichen durchaus Pioniercharakter attestieren. Das gilt zum Beispiel für den Ausstieg aus der Milchkontingentierung von der die EU noch weit entfernt ist. Ein anderes Beispiel ist die Abgeltung von gemeinwirtschaftlichen Leistungen durch die Landwirte, zum Beispiel in Form von Ökoflächen. Markus Jenny von der Vogelwarte Sempach hat mir (herzlichen Dank!) ein paar Bilder aus England geschickt. Dort hat man deutlich später und mit weniger hohen Anforderungen ein Programm gestartet, das die Naturschutzbemühungen der Bauern belohnt. Das Bild oben zeigt einen Feldrandstreifen auf einer 10000-Hektarenfarm, dasjenige unten ein bewusst placiertes Loch in einem Getreidefeld, das Bodenbrütern wie der Lerche einen geschützten Nestbau ermöglicht. Angesichts dieser Bilder muss man das Lob für die Schweiz aber gleich wieder relativieren. England ist zwar später gestartet, aber mit deutlich besseren Voraussetzungen als die Schweiz. Hierzulande ist die Kulturlandschaft im letzten Jahrhundert viel stärker gesäubert worden als in England. Auf der Insel ist die Landschaft auch in den intensivsten Zonen immer noch gut dotiert mit Hecken, Hölzchen und anderen ungestriegelten Landschaftselementen. (Bilder Markus Jenny)

Winterkuhbild(2) und ein Dank an Arno B.

Juni 21, 2010

Aus aktuellem Anlass setzen wir die beliebte Serie Winterkuhbild fort. Das Bild stammt vom gestrigen Sonntag, 20. Juni. Es wurde oberhalb von Davos aufgenommen, und zeigt ein paar Alprindli bei der Futtersuche auf ca 1400 Meter über Meer. Das Bild stammt vom im Bündnerland wohnhaften Keystone-Fotografen Arno Balzarini, der seit langem wertvolle Arbeit im Dienste des gepflegten Kuhbilds und Naturnahem ganz allgemein leistet. Danke bestens, Arno! (Bild Keystone/Arno Balzarini)

Chillingham wildcattle: Winterkuhbild der Woche

Juni 19, 2010

Es gibt hartnäckige Gerüchte, wonach wir mitten im Sommer stecken. Phantasten wollen wissen, dass übermorgen der längste Tag des Jahres abgehalten wird. Mich erinnert das graue Wetter mehr an Spätherbst und dass es länger hell ist, merkt man auch kaum, weil der Himmel ganztags auf Dämmerung macht. Anyway, es gibt jedenfalls genug Gründe für ein spontanes Winterkuhbild. Es zeigt die wilde Herde von Chillingham in Northumberland, das ist in England, hart an der schottischen Grenze. Dort – und das ist kein Witz – scheint übrigens seit zwei Monaten die Sonne, so fest, dass es zu trocken ist. Die etwa 90 Chillingham-Rinder sind die Nachfahren der wilden Kuhherden, die seit dem 13. Jahrhundert durch die nordenglischen Wälder streiften. Heute leben sie in einem knapp 150 Hektaren grossen Park, der von einer 1939 gegründeten Vereinigung geführt wird. Diese sorgt auch für Winterfütterung, ganz ohne menschlichen Input gehts dann doch nicht. Mehr Informationen dazu finden sich auf der Homepage. Und zum Schluss nun doch noch ein Sommerbild, man soll die Hoffnung ja nie aufgeben, dass es heuer noch ein paar Tage Badewetter gibt. (Bilder Chillingham Wild Cattle Association)

BOM bleibt zahnlos, aber am Horizont dämmerts

Juni 16, 2010

Diese Woche hat es der Milchpreis wieder einmal auf die Titelseite des Blicks geschafft. Wahrscheinlich hat SVP-Nationalrat Aebi Res einen guten Draht zum Journalisten, denn um seine jüngste Motion ging es. Frontseitenwürdig ist sie aber kaum, denn ihre Halbwertszeit dürfte genau so gering sein, wie sämtliche übrigen Vorstösse mit denen die Milchproduzenten in den letzten Monaten die Mengensteuerung in der Branchenorganisation Milch (BOM). Aebis Idee, unterstützt übrigens von Bauern aus fast allen Parteien, ist eine Abgabe auf Mehrmengenmilch. Da sollten dann also die Handelsorganisationen oder Verarbeiter, für die Mehrmenge die sie bestellt haben bis zu 30 Rappen pro Kilo an die Schweizer Milchproduzenten entrichten. Dass dies funktioniert ist etwa so wahrscheinlich wie ein freiwilliger Bonus-Verzicht im Grossbankenmillieu. Trotzdem gibt es für die Milchproduzenten Grund zu leichtem Optimismus, zumindest wenn sie noch ein paar Jahre durchhalten mögen. Die OECD hat gestern in ihrem Ausblick 2010 bis 2019 eine Dynamisierung des Agrarsektors und tendenziell steigende Produzentenpreise für Milch, Butter und Käse prognostiziert (siehe Grafik). Die Zunahme liegt je nach Produkt zwischen 16 und 45 Prozent. Namentlich die Butter werde durch die anziehenden Preise für Ölsaaten profitieren. Gute Nachrichten für die Parkwächter am Butterberg. (Bild Landwirtschaftlicher Informationsdienst, Grafik OECD) 
Die blauen Balken zeigen die prognostizierte Zunahme der Produzentenpreise in Prozent gegenüber dem zurückliegenden Jahrzehnt. Die gelben Balken dokumentieren die zeitlich limitierte Preishausse während der Nahrungsmittelkrise 2007/08.

Fleischproduzenten sitzen im Swissness-Glashaus

Juni 13, 2010

“Wer nicht im Glashaus sitzt, der werfe den ersten Stein”, so geht das alte Sprichwort. Und es kam mir letzte Woche in den Sinn als ich mit IP-Bauern über die Swissness-Vorlage des Bundesrats diskutiert habe. Aber der Reihe nach. Das Schweizerkreuz-Schutzprojekt verlangt für verarbeitete Lebensmittel wie zum Beispiel Güetzi einen Mindestanteil von 80 Prozent Rohstoffen aus der Schweiz, sofern das weisse Kreuz auf rotem Grund die Packung zieren soll. Die Vorlage ist heftig umstritten. Die Lebensmittelbranche verlangt eine Senkung des Anteils auf 60 Prozent, weil sie die Rohstoffe in der Schweiz gar nicht im nötigen Umfang auftreiben kann, zumindest nicht zum Preis mit dem sie kalkulieren. Demgegenüber ist die in der Landwirtschaftskammer vereinigte Bauernschaft eine feurige Befürworterin dieser scharfen Vorschrift. “Für die Schweizer Landwirtschaft ist klar: ‘Wo Schweiz drauf steht, müssen auch grossmehrheitlich Schweizer Rohstoffe drin sein’”, heisst es in einer Pressemitteilung mit dem lustigen Titel “Swissness: Hier geht es um die Wurst!” vom Februar. Und nun zurück zum Glashaus. Was den Bauern Sorgen macht, mit denen ich sprach: In Schweizer Fleisch steckt zirka 50 Prozent ausländisches Futter. Nicht unbedingt die ideale Basis um dem Güetziproduzenten vollmundig 80 Prozent Inland-Getreide vorschreiben zu wollen… 

Aschis biodiverse Jager und Sauen haben Schwein

Juni 11, 2010

Generalversammlung der Schweizer Agrarjournalisten in Aeschi SO. Das Thema lag auf der Hand: Biodiversität, der heuer ein Sonderjahr gewidmet ist. Wir tagen auf dem Burghof von Ernst (im Bild), Marianne und  Sohn Samuel Aeschlimann. Ihre zwei wichtigsten Standbeine: Ein Riesenfest namens Burghofnacht im Juli und Schweinezucht mit 70 Sauen. Die Jager, so heissen im Jargon die 20 Kilo schweren mastbereiten Jungschweine, vermarkten Aeschlimanns im Kanal des Migros-IP-Labels Terrasuisse. Für Ernst ist das Tierwohl eine Herzensangelegenheit und Teil der Biodiversitätsstrategie. Schwein gehabt, wenn man als Sau so leben darf. Die Galttiere haben einen Laufstall mit Weide zur Verfügung, die Muttersauen hausen mit ihren Ferkeln in eingestreuten Buchten mit Auslauf und die Jager in einem Mehrflächen-Offenfrontstall. Wer meint, Schweine müssten einfach stinken, der soll mal bei Aschi, wie ihn männiglich nennt, eine Nase voll nehmen. Es riecht ein bisschen, aber selbst an einem Hitzetag wie gestern herrscht in den Ställen ein Klima, das verglichen mit den Schweineställen, die ich bisher besucht habe, wie Bergluft anmutet. Aschi ist kein Phantast. Trotz Bemühen um möglichst tierfreundliche Haltung, muss die Kasse stimmen. Das tut sie. Unter anderem dank RAUS-Beiträgen des Bundes und der Terrasuisse-Labelprämie, aber auch weil er beim Stallbau auf Selbsthilfe setzte. Die von Unternehmern offerierten 14 000 Franken pro Sauenplatz hat er dank eigenen Ideen und einfacher Bauweise auf 7300 Franken reduziert.

Best of Postbeige: Rit e Chue! Gib e Geiss!

Juni 9, 2010

Endlich wieder einmal die Postbeige sortiert und zwei Perlen (wieder) gefunden: Im Migros-Magazin ein Interview mit der Kuh-Lehrerin Anne Wiltafsky. Sie bildet auf Gut Stocken in Kilchberg ZH Rinder zu Treppensteigern und Springkühen aus. Eine kleine Impression dazu links im Bild. Ihr Ziel: “Ein bisschen so zu werden wie die Kühe: gelassen und eigensinnig, mit Gras zufrieden, langsam leben und genau hinsehen”. Das hat mir natürlich gefallen. Wobei, kulinarisch würde es wohl etwas langweilig mit Gras allein. Mit noch weniger zufrieden ist die Geiss. Deshalb ist sie das ideale Tier für karge Vegetation, wie sie in vielen ariden Gebieten gedeiht. Und damit wären wir bei der zweiten Perle aus der Postbeige. Ein Brief vom Hilfswerk Heks. Seit vier Jahren fährt es mit der Aufforderung ”Gib e Geiss!” (Gib eine Ziege!) über Land. Mit 30 Franken ist der Spender dabei. Gäbe es einen Agroblog-Award für den eingängigsten Spendeaufruf, Heks wäre er sicher. Ich spende zum Feier des Sommereinzugs eine Geiss (PC 80-1115-1 oder via Internet). Würde mich über viele Mitspender freuen, vielleicht gibts daraus eine Herde. (Bilder Blick.ch, LID, Heks)

Tier- vs. Umweltschutz: Kleiner Streit im Laufhof

Juni 7, 2010

Kleiner Streit im Laufhof, sozusagen: Die Forschungsanstalt ART berichtet in einem Communiqué über eine Tagung in Aadorf. Thema ist der Konflikt zwischen Tier- und Umweltschutz oder genauer, die hohen Ammoniakausscheidungen von verkoteten Laufhöfen und Ausläufen. Klar, wenn sich die Tiere draussen erleichtern, entweicht mehr Ammoniak, als wenn sie das in geschlossenen Räumen mit Abluftfiltersystemen tun. Fazit der ART-Mitteilung: Weniger Tiere im Freien halten geht nicht, drum müssen die Böden in Auslaufhöfen regelmässiger und maschinell gereinigt werden. Als Reaktion traf dann postwendend ein hässiger Brief von Schweizer-Tierschutz-Geschäftsführer Hansuli Huber auf der Redaktion ein. “Glückliche Schweine schaden der Umwelt:))” lautet der Titel, des offensichtlich Handysmiley-Geübten. Mit dem Spass ist es dann aber schnell vorbei. Huber wirft den Wissenschaftern vor, sie verpassten “mit ihrer einseitig auf Ammoniak-Pobleme fixierten Wissenschaftler-Froschperspektive” der Qualitätsstrategie von Doris Leuthard nicht weniger als einen Rückenschuss. Dabei arbeite man mit Übertreibungen, Halbwahrheiten und Mutmassungen, schimpft Huber. Ein nationales Ammoniakproblem herbeizureden sei blanker Unsinn und mit einer Reduktion hierzulande stärke man bloss die Massentierhalter im Ausland. Hubers Tirade kommt ein bisschen gar aufgeregt daher. Natürlich wird der Schweizer Wald nicht am Laufhof-Ammoniak zu Grunde gehen. Aber das Problem ist in der Schweiz häufig eher der Gestank, der in den stark bevölkerten Agglomerationen zu Protesten der Einfamilienhüsli-Besitzer führt. Drum lieber die Reinigungsmaschine im Auslauf, als das Nutztier im geschlossenen Stall. (Bild LID)

Neuseeländisches Blut macht mehr Milch aus Gras

Juni 4, 2010

Dieser Tage ist ein interessanter Versuch der Schweizerischen Hochschule für Landwirtschaft (SHL) zu Ende gegangen. Drei Jahre lang haben die Forscher die Leistung von Holstein-Friesian-Kühe mit neuseeländischem Blut mit denjenigen von Artgenossinnen in der Schweiz verglichen. Ziel des Versuchs war ein Vergleich der Weidetauglichkeit. Hintergrund: Obwohl die Schweiz ein Grasland ist (75% Wiesen und Weiden, 25% Ackerfläche und Spezialkulturen) nimmt der Einsatz von Grossteils importiertem Kraftfutter in der Milchproduktion zu. Hauptgrund dafür ist dass die Kühe und ihre Milchproduktion immer grösser werden. Ab 30 Kilo Milch pro Tag wird Kraftfuttereinsatz unerlässlich. Deshalb stellten sich die Forscher die logische Frage: Wäre es nicht möglich mit etwas kleineren und weidegewohnteren Tieren mehr Milch aus dem heimischen Gras zu produzieren? Die aus Irland importierte neuseeländische Genetik ist zum Vergleich ideal. In Neuseeland und Irland weiden viele Kühe das ganze Jahr und erhalten kaum Kraftfutter. Der Schlussbericht des Versuchs ist zwar noch ausstehend, aber erste Tendenzen sind vermeldbar: Die Kühe von “down under” fressen die Weiden sauberer ab und produzieren pro Körpergewicht mehr Milch mit höheren Gehalten, sind also effizienter. Gleichzeitig ist ihre Fruchtbarkeit besser. Auf den ersten Blick würde also alles für einen vermehrten Einsatz neuseeländischer Genetik sprechen, statt mit amerikanischen Importen Kraftfutter-abhängigere Milchmaschinen heranzuzüchten. Dies wird aber kaum passieren. Schon der SHL-Versuch sorgte für Proteste bei Schweizer Bauern, die sich in ihrer Zuchtarbeit konkurrenziert sahen. (Bild Neuseeland-Blog)  


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