Archive for Juli 2010

Kleines Augenmerk auf grossen Ohrmarken

Juli 31, 2010

Als es früher ein Kalb zu markieren galt, kam der Zuchtbuchführer mit dem Töffli angebraust – jedenfalls im Emmental war das so – und stanzte dem Jungtier eine schöne goldene Marke, etwa so gross wie ein Zweifränkler, ins Ohr. Heute ist das alles anders. Auf einer Wanderung im Toggenburg ist mir unter anderem dieses Kalb begegnet. Ich gebe es zu, es war ein kleines. Aber die Grösse der Plakette, die man heute per Post von der Tierverkehrsdatenbank erhält, wirkt vollkommen überdimensioniert, auch weil das ganze noch mal zwei, damit im Fall des Verlusts die Identifikation sichergestellt ist. Das sieht ähnlich grotesk aus, wie wenn man am Fahrrad zwei Auto-Nummernschilder montieren müsste. Zudem sind die ID-Schilder so sperrig, dass sie oft irgendwo anhängen und ausgerissen werden, was dann zu hässlichen Rissen in den Ohren führt. Gut, man muss einräumen, dass die proportionale Grösse der Schilder anders als bei einem Fahrrad infolge Wachstums beim Tier abnimmt (wie man bei unten stehendem Grauvieh-Rind gut sieht). Trotzdem frage ich mich, ob es nicht an der Zeit wäre, die signalfarbenen Kuhschilder allmählich durch einen Chip zu ersetzen, ähnlich wie bei den Hunden.
  

Medien (2): USA, Land des unbegrenzten Rural-TV

Juli 29, 2010

Wenn wir schon bei den Medien sind: Die Amerikaner sind uns wieder einmal meilenweit voraus. Bekanntlich sucht man hierzulande vergeblich nach Landwirtschaftssendungen. Manchmal macht ein TV-Sender eine Jö-Geschichte über Tiere auf dem Bauernhof oder eben auf der Demo. Und auf den hiesigen Agro-Newsportalen gibt es unter ferner liefen ein paar durchaus informative aber meist verwackelte Videos. Derweil kann der amerikanische Farmer zur Information und Unterhaltung rund um die Uhr RFD-TV schauen. Der Landwirtschafts-Fernsehsender Rural Free Delivery wird bis ins hinterletzte Kaff auf Kabel verteilt, die Konserven der meisten Shows gibts auf Internet. Ich habe mir grad die letzte Ausgabe von Cattlemen to Cattlemen (C2C) angeschaut, eine Fachsendung für Rinderhalter. Da wird auf einem hochspezifischen Niveau über die Detailprobleme der Branche diskutiert, interessant. Es gibt aber auch Rodeoshows, Kochsendungen, Countrymusic bis zum abwinken, regionale Inputs (z.B. California Country) und, und, und… Viele Sendungen sind von Verbänden gemacht, C2C zum Beispiel von der National Cattlemen’s Beef Association oder gesponsert von grossen Firmen. Hier gibts wenig Berührungsängste: Man schaue sich zum Beispiel diese Sendung auf “America’s Heartland” an. Ein Bio-Bauer erzählt über seine Passion für ökologische und regionale Produktion. Darunter prangt das Logo von Monsanto. Auch das ist wohl typisch USA. 

Milchdemo: Drei Kühe für dreissig Journalisten

Juli 27, 2010

Was ich meinen Schülern in der Medienkunde am Strickhof immer wieder predige, hat sich heute wieder einmal voll bestätigt. Die Landwirtschaft ist medienträchtig, und wie. Man nehme 300 Bauern mit Treicheln, einige Kinder in der Tracht, drei Kühe, eine süffige Message und ein cleveres Timing mitten ins Sommerloch. Damit ist man während Stunden auf allen elektronischen Kanälen und am nächsten Tag im gesamten Blätterwald präsent. Vorgemacht hat es heute die oppositionelle Milchbauernorganisation Big-M mit ihrer Demonstration vor dem Zürcher Migroshauptsitz. Die Vertreter der Schweizer Milchproduzenten, die lediglich mit ihren Milkshakes präsent waren, werden sich grämen. Sie bemühen sich mit einer gut ausgestatteten Geschäftsstelle und grossem finanziellen Aufwand um die Interessenvertretung und im Vorbeigehen nimmt ihnen eine kleine Splittergruppe, der zur Organisation ein paar hundert Handys reichen, die Butter vom Brot. Ein Lehrstück in moderner Medienarbeit. (Bild mitte Toni Haas, Bauern-Zeitung)
  

Euro-Baisse: Schwarzpeterspiel im Käsekeller

Juli 25, 2010

In einem Interview mit dem “Schweizer Bauer”, das dank einem Bericht der Agentur SDA breite Beachtung fand, hat der oberste Käser letzten Samstag das Schwarzpeterspiel ausgepackt. Fromarte-Präsident René Kolly äussert sich im Gespräch besorgt über die im April 2010 um knapp 10 Prozent gesunkenen Exporte. Sein Lösungsvorschlag: “Man könnte auch den Milchpreis senken. Doch die Produzenten wehren sich natürlich dagegen”, sagt Kolly, und weiter: “Man darf jedoch nicht vergessen, dass wir den Käse weiterhin verkaufen müssen, um Marktanteile zu halten. Wir wollen den Milchpreis nicht senken – aber vielleicht müssen wir.” Kollys Reflex ist nicht überraschend, aber kurzsichtig. Die Bauern liefern dem Käser den Rohstoff in einwandfreier Qualität. Die Produktion ist anspruchsvoll und hat ihren Preis, ebenso wie die Arbeit des Käsers. Wenn die Käser, sobald das Lüftchen etwas kühler geht, gleich nach einer Preissenkung allein beim Rohstoff rufen, ist das kein gutes Signal gegenüber den Milchbauern. Diese werden sich fragen, so nehme ich zumindest an, ob denn nicht auch die Käser ihren Beitrag leisten und bei ihrer Marktspanne Abstriche machen müssten. Doch der Kampf der Kellerkinder bringt sowieso nichts. Statt sich anzugreifen, sollen sie die Kräfte konzentrieren, um mit den Exporteuren an einem weiter verbesserten Marketing für Schweizer Käse zu arbeiten. Zu panikartigem Kurzzeitdenken besteht ohnehin keine Grund. Im Mai sind die Exportzahlen schon wieder gestiegen, kumuliert für die ersten fünf Monaten beträgt die Ausfuhr-Zunahme knapp 1000 Tonnen, wie Kolly im Interview erklärt. (Bild Sortenorganisation Gruyère)  

Bergsommerloch-Bilder und der “Kuhknigge” dazu

Juli 22, 2010

Bergsommer, etwas vom Besten nach ein paar Wochen düppige Stadt. Heute wegen Sommerloch nur ein paar Bildli aus Bergün.
Hier gibts zum Beispiel die beste Butter…
… mitten in den saftigen Bergweiden ein Bedli…
…alle möglichen Hofläden mit Wurst, Käse, Eier und Glace, aber…
…gegenwärtig keiner Grauviehmilch, dafür ein nettes Briefli, das die Gründe dafür erklärt, verbunden mit einer Einladung auf die Alp…
…Das holen wir nach. Zunächst begnügen wir uns mit einem müden Muni unten im Tal. Apropos Muni. In den letzten Tagen war in den Medien viel die Rede von aggressiven Kühen (gebe es zu, ich habe auch dazu beigetragen). Kürzlich habe ich hier angezweifelt, dass die höhere Freiheit durch Dauerweide und Freilaufställe aggressivere Kühe produziert. Offenbar ist da trotzdem was dran, wie verschiedene Experten meinen. Entscheidend ist wohl, dass die Tierhalter trotz weniger Bedarf weiterhin regelmässig die Nähe der Tiere suchen. Das ist bei Mutterkuhherden, die oft im Nebenamt gehalten werden, häufig nurmehr ungenügend der Fall. Zum Thema hier noch eine kleine Trouvaille. Ein Kenner der Materie hat einen “Kuhknigge” verfasst: Lesenswert vor jeder Wanderung über Weiden, und auch sonst.

Neuer Trend? Highland-Trophy statt brauner Muni

Juli 19, 2010

Der neue 300-Meter-Schützenkönig, der dieses Wochenende am Eidgenössischen erkoren wurde, heisst Jürg Ebnöther. Das ist aus landwirtschaftlicher Sicht mässig berichtenswert. Ganz anders sieht es mit der Trophäe für den König aus. Es ist das Schottische Hochlandrind namens “Ruppi”, benannt nach dem Ort Rupperswil, einer Schützenhochburg, wo auch ein Teil der Wettkämpfe stattfand. Ruppi ist ein Muni und hiess vor dem Fest Tokyo, dünkt mich fast etwas schicker, aber das nur nebenbei. Erstaunlich an Ruppi ist nicht sein Name, sondern seine Rasse. Bisher waren es an Eidgenössichen Traditionssport-Festen immer Braunvieh- oder Simmentaler-Muni, die dem Sieger überreicht wurden. Das hat sich nun geändert. Ausgerechnet die patriotischen Schützen wählen sich eine Trophäe, deren Haltung bis vor wenigen Jahren noch als Spinnerei von linken Biobauern galt. Bei der Präsentation von Ruppi begründete das OK die Auswahl mit Gemeinsamkeiten von Schottischem Hochlandrind und Schiesssport. „Diese Tiere sind genügsam, robust und verlässlich“, lässt sich OK-Präsident Ernst Hasler zitieren. Ich hätte noch eine andere Erklärung: Anders als die grossmehrheitlich des Horn beraubten alteingesessenen Rassen, trägt das Hochlandrind auf dem Kopf eine Bewaffnung, von der jeder Schütze nur träumen kann. Die Schwinger brauchen noch etwas länger für den Umschwung. Am Eidgenössischen in Frauenfeld steht der hornlose Braunviehmuni Arnold zuoberst auf dem Gabentempel.  (Bilder Schützenfest Aarau, Keystone/Ennio Leanza)

Biolutionär baut Fidels Agrarland von unten um

Juli 16, 2010

Durch einen Artikel im Tages-Anzeiger von heute bin ich auf Humberto Rios Labrada aufmerksam geworden. Diesen Frühling hat der 47-jährige Kubaner den renommierten Goldman-Preis gewonnen. Die mit 125 000 Dollar dotierte Auszeichnung erhielt der Agronom für seine Arbeit zugunsten der kubanischen Kleinbauern. Diese hatten schon immer einen schwierigen Stand. Während des kalten Kriegs war die kubanische Landwirtschaft mehrheitlich industrialisiert, namentlich versorgte man die Bruderstaaten mit Rohrzucker aus Monokulturen. Bei der Versorgung mit Produktionsfaktoren konnte man sich auf die Sowjetunion verlassen. Nach deren Zusammenbruch fiel diese Struktur auseinander. Der Staat verteilte einen Teil des Landes an ehemalige Plantagenarbeiter und Selbsversorge. Diese waren aber nicht vorbereitet auf ihre Rolle als Kleinbauern, es fehlten Know-How und finanzielle Mittel. Rios erkannte Handlungsbedarf und machte aus der Not eine Tugend. Vor 10 Jahren gründete er das Netzwerk Programa de Innovación Agropecuaria Local (PIAL). Ziel der Organisation ist  es, das verbliebene kleinbäuerliche Know-How innerhalb der Branche zu tauschen und sich so gegenseitig mit Rat und Material zu unterstützen. Im Vordergrund stehen angepasste Sorten und bio(-diverse) Bewirtschaftung.  Deshalb sind Saatgut-Börsen eine der wichtigen Aktivitäten von PIAL, der mittlerweile 50 000 Bauern angehören. In seiner Rede an der Preisverleihung (man findet sie hier unter “Acceptance speech”) erklärte Rios, der auch ein talentierter Sänger und selber Kleinbauer ist, die Landwirtschaft, so wie sie ihm vorschwebt, sei eine Kunst. Das kann ich nur unterschreiben. (Bilder Willi Parinello/Goldman-Prize)

Facebook-Trophäe: Ohne Horn, mit Kistenstock

Juli 13, 2010

Das Bild musste ich glatt wegklauen von der Facebook-Seite eines Freundes (merci Luksi!). Die Güschtli stehen in der Surselva vor dem Kistenstöckli, wie ein findiger Wanderer auf dem Bild sofort erkannt hat. Sie scheinen ein bisschen zu ätzen unter der Hitze und die Fliegen sind auch nicht gerade zurückhaltend. Trotzdem ein prächtiger Sommerrinderhelgen. Er passt aber nicht recht zum neuesten Gerücht, das mir ein Arbeitskollege heute unter die Nase rieb. Seit die Kühe mehr Auslauf hätten seien sie im Freiland agressiver, wollte er wissen. Ich kanns mir nicht recht vorstellen, habe das Gefühl, dass eher das Gegenteil der Fall sein dürfte, aber ich werde der Sache nachgehen. 

Züri à la roumaine: Kirschen aus dem Kofferraum

Juli 11, 2010

In Rumänien stehen sie am Schnellstrassenrand, auf Parkplätzen und an normalen Märkten, die Marktfahrer mit fast Null-Infrastruktur. Sie verkaufen Melonen, Fische, getrocknetes Fleisch, Früchte, Gemüse, Kleider oder was auch immer direkt aus dem Kofferraum. Meistens hängt oder steht irgendwo eine Waage und wenns ganz hoch kommt ein Schild auf dem das Angebot angepriesen wird. In Zürich habe ich das bisher noch nie gesehen. Gestern war es soweit. Unweit vom Einkaufszentrum im Kreis 5 hat sich ein Fricktaler Kirschenproduzent am Strassenrand eingerichtet. Der Anhaltereflex war unmittelbar, die Kirschen exzellent (am Morgen gepflückt) und der Preis im Rahmen (zwischen 6.50 und 8.50 pro Kilo, je nach Grösse). Zwischen den Kirschenkistchen steht eine billige Küchenwaage und am Kofferraumdeckel hängt ein Schild, alles wie in Rumänien, sehr anheimelnd. Frage mich jetzt nur noch, wie lange es geht, bis die Zürcher Gewerbepolizei eine umsatzabhängige Standgebühr verlangt.   

Coop (2): Marge erhöhen und Bauern vorschieben

Juli 8, 2010

Noch einmal die Coopzeitung. Es ist immer interessant, wenn sich die Hauspresse der Grossverteiler dem eigenen Marktgebaren zuwendet. Da wird in bester propagandistischer Manier schön gefärbt. Man stellt sich gerne ins beste Licht als grossmütiger Freund von Bauern und Konsumenten. Dass der Produzentenpreis wo immer möglich beinhart gedrückt wird und die satte Marge sakrosankt ist, das ist natürlich kein Thema, oder dann nur kaschiert. In der jüngsten Nummer lesen wir unter dem Titel: “Milchpreiserhöhung: 3 Rappen mehr für Bauern” vom “Verständnis für die Milchproduzenten” und ihre Preissorgen, deshalb hat man sich in der Branchenorganisation mit drei Rappen Mehrpreis einverstanden erklärt. Coop zeigte sich dabei offenbar kulanter als Migros, die sich mit Zähnen und Klauen aber erfolglos gegen einen Richtpreisanstieg von 62 auf 65 Rappen pro Kilo wehrte. Postwendend kommen jetzt die Preiserhöhungen auf Milchprodukten. Dabei fällt auf, dass die 3 Rappen mit grosser Wahrscheinlichkeit überkompensiert und damit die Margen ausgebaut werden. Die Vollmilch (Past und UHT), als die der grösste Teil der Konsummilch abgesetzt wird, schlägt gleich um 5 Rappen pro Kilo auf, dasselbe gilt für Naturejoghurt, Vollrahm und gut 140 andere Milchprodukte. Dafür bleibt das umsatzmässig marginale Mokkajogurt preisstabil. Dankbar nimmt der Leser sodann zur Kenntnis, dass “das Käsesortiment mit seinen günstigen Preisen vom Aufschlag nicht betroffen ist”. Das ist ziemlich frivol, denn das Detail, dass die drei Rappen Preisaufschlag nur für Molkereimilch, nicht aber für die Milch gelten, die in den Käse fliesst, unterschlägt das Coop-Zentralorgan tunlichst. 


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