Ein paar Tage in der Haute-Provence. Eine windgepeitschte, trockene und landschaftlich spektakuläre Gegend im hügeligen Voralpengebiet, gespickt mit geologisch interessanten Gesteinsformationen. Wir logieren nahe von Forcalquier,
dem Hauptort der gleichnamigen Sous-Préfecture. Das 5000-Seelen-Städtchen schmiegt sich eleganten an einen Hügel mit einer impressionanten Citadelle als Krönung. Wir konzentrieren uns bei unseren Besuchen auf das Kulinarische: Les marchés, meist kombiniert mit dem Besuch in einem der Bistrots am Hauptplatz. Am Montag ist der Markt schier unüberblickbar
und überlaufen, am Donnerstag nachmittag beschränkt er sich auf einige kleinere Lebensmittel-Produzenten. Am Montag stopften wir den Kühlschrank mit allem was wir brauchen, zum Beispiel Saisongemüse für Preise wie anno dazu
mal und Salami pur porc en manteau de foin. Mein Lieblingshändler war derjenige, der ganz klischeehaft mit Dauer-Gauloise und relativ uncharmant Knoblauch
und Grünzeug absetzte (mitte rechts). Am Donnerstag gabs als Zugabe Fromage de fète (eine Entdeckung für Freunde des Nicht-Mainstream-Fleisches, links), escaloppes de porc plein air aus dem nächsten Weiler, einen exzellenten Schafkäse (siehe Bild ganz oben) und grüne aber reife Tomaten. Sie schmecken etwas säuerlich. Wir haben sie sowohl in einer Spaghettisauce wie auch roh genossen.

Archiv für August 2010
Provence (1): C’est des super marchés
August 30, 2010Hoch auf dem Säntis(2): Mist führen und warten
August 24, 2010
Der Agroblogger ist ein paar Tage absent. Statt saure Gurken gibts deshalb als ferngesteuerte Konserve ein wenig alpinen Mist aus dem Säntisgebiet. So winzig dieses Gerät im Verhältnis zur umgebenden Alpenlandschaft wirkt: Der Mann am Steuer schaffte mühelos eine gleichmässige flächendeckende Verteilung, ich habs an anderer Stelle überprüft aus der Hochlage der Seilbahn. Sein Kollege wartete unterdessen neben dem Misthaufen auf den Chauffeur, um ihm neuen Mist aufzulegen. Ich hoffe, liebe Leserinnen und Leser, sie warten mindestens so gespannt auf mehr News aus der weiten Welt der Landwirtschaft und anverwandten Bereichen. A bientôt.

Der Alt-Traktor-Freak und sein Weekend-Mekka
August 20, 2010
Auf einem Velotürli ins Zürcher Unterland sind wir diesem freundlichen Hobby-Bäuerchen (Selbstbeschreibung) begegnet. Er hat sich viel Zeit genommen, um uns den Weg zur Tössegg zu beschreiben. Und kam sogleich ins Schwärmen, als ich in auf seinen prächtigen Bucher ansprach. Da ist weit und breit kein Tröpfchen Öl zu entdecken, die Maschine mit Jahrgang 1957 sieht aus, als hätte sie soeben das Werk in Niederweningen verlassen. Und zuhause steht (ein sicher mindestens so gepflegter) 53-er Hürlimann, berichtete das bekennende Mitglied bei den Freunden alter Landmaschinen. Der Mann war unterwegs nach Hause, um dort ein Mähermesser für ein ebenfalls angejahrtes Gerät zu schleifen. Morgen wird er wohl den Weg nach Wallisellen unter die Räder nehmen. Der Glatttaler Kurort ist dieses Wochenende das Mekka für das Hobby-Bäuerchen und seinesgleichen: Auf dem Programm steht das Traktorenfest mit den Schweizer Meisterschaft im Pflügen und einem Geschicklichkeitsfahren. Im Rahmenprogramm präsentieren die Freunde alter Landmaschinen antikes Gefährt. Hoffentlich gibt es auf dem Walliseller Gelände eine Grossleinwand mit einer Übertragung vom nationalen Fest der “Bösen” in Frauenfeld. Die Zahl der hin- und hergerissenen Traktoren- und Schwing-Fans dürfte hoch sein.
Wo Kuh noch Horn trägt: Ein Hoch auf den Säntis
August 18, 2010
Just am Tag als die Nutztier-Schutzorganisation Kag-Freiland ihre Horn-auf-Kampagne startete, hat es mich ins Säntisgebiet verschlagen. Dort wird noch wacker Horn getragen, wie ich mit Freude festgestellt habe. Auf allen Alpen
und anderen Weiden wo wir herumspazierten, waren die Mehrheit oder viele der Tiere behornt. Das ist eine Ausnahmeerscheinung. Wie Kag in der Medienmitteilung zur Kampagne mit einigem Sinn fürs Dramatische erklärt, ist die behornte Kuh am Aussterben. Heute seien 90 Prozent der Tiere enthornt, 200 000 Kälber verlören jedes Jahr durch Abbrennen der Hornanlagen ihr Geweih bevor sie es haben. Der Agroblog hat sich dieser Thematik schon vermehrt gewidmet, unter anderem im allerersten Beitrag aus dem Februar 2009, wo ein Projekt des Fibl gewürdigt wurde,
das zeigt, dass auch Laufställe durchaus Hörner ertragen, wenn man beim Bau einige Regeln verfolgt. Namentlich müssen rangschwächere Tiere ausweichen können. Das verlangt breitere Gänge und verbietet Sackgassen. Zurecht weist der Tierschutz in einer eigenen Wortmeldung darauf hin,
dass erst gut ein Drittel der Kühe im Land in Laufställen lebt, was dieses häufig vorgebrachte Argument für die Enthornung zusätzlich abschwächt. Auch die Unfallgefahr wird von den Befürwortern einer flächendeckenden Enthornung meines Erachtens übertrieben in den Vordergrund gerückt. Insgesamt ist die offizielle Argumentation für die Enthornung ziemlich schwach auf der Brust. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ein anderer nicht
genannter Faktor eine grosse Bedeutung hat, nämlich die Nordamerikanisierung der Zucht. Die Schweizer Züchter machen nicht nur bei den Kuhnahmen und beim Styling auf Kanadier, sondern auch beim Enthornen. Ein scharfer Milchtyp verträgt im Auge dieser Züchter keine Hörner mehr, zu stark erinnert der behornte Kopf an die Zeiten der behäbigen Zweinutzungskuh. Wie dem auch sei, der Trend zur Enthornung wird nicht zu stoppen sein, man muss froh sein, wenn eine kleine Restgruppe des Bestands weiter bewehrt bleibt.
Es sei denn, dass mit der Lancierung der Horn-Milch (siehe Bild) durch Kag ein Boom ausgelöst wird. Man will den Konsumenten testen, ob er bereit ist, mehr zu bezahlen für Milch von ”kompletten” Kühen. In einer Strassenumfrage in einem Kag-Film erklären alle Interviewten dass für sie eine rechte Kuh Hörner tragen muss. Sollte ein namhafter Teil der Konsumenten bereit sein, dafür tiefer in den Sack zu greifen, dann wird die Zahl der behornten Kühe rapid steigen. Allerdings wäre es nicht das erste Mal das hehren Verbraucherwünschen keine Tat, nämlich der Ischiasgriff zum Portemonnaie, folgt. (Bild Hornmilch Kag-Freiland)

EuFoerischer Angriff auf die Fleischeslust
August 16, 2010
Es wird ja relativ viel gejammert über die Krise im Literaturbetrieb und die mangelnde Lesebereitschaft des Publikums in Büchern. Trotzdem gelingt es ab und zu einem Autor, mit einer neuen Publikation soviel öffentliche Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken, dass man sich fast gezwungen sieht, das Buch zu lesen. Mit seinem soeben in Deutsch erschienenen Werk “Tiere essen” hat das der amerikanische Autor Jonathan Safran Foer spielend geschafft. Darin geht es um Fleischkonsum, zweifellos eines der delikatesten Themen unser Zeit.
In den meisten deutschsprachigen Blättern und Magazinen erscheinen dieser Tage grosse Geschichten zum Buch und zum Fleischkonsum als solchem. Ich habe drei gesehen und gelesen: Im “Tages-Anzeiger” warnt der Co-Chefredaktor, dass das Buch die Essgewohnheiten des Lesers verändern könnte und die vegetarische Redaktorin bekennt, dass für sie kein Tier sterben soll. Am Tag darauf folgte Gegensteuer aus demselben (Tamedia-)Verlag. Die “Sonntagszeitung” erklärt zurecht, dass Milch- und Eierproduktion nur funktionieren, wenn Tiere ihr Leben lassen müssen, gleichzeitig stellt man ebenso richtig fest, dass die Schweiz als Grasland geradezu prädestiniert ist für die Fleischproduktion ohne Konkurrenzierung der menschlichen Ernährung. Am interessantesten fand ich aber den Artikel von Iris Radisch in der “Zeit”. Ich halte mich selber für einen vernünftigen Fleischkonsumenten, esse nicht täglich davon, und wenn, fast nur Labelproduktion. Trotzdem hat mir Radischs Essay zu denken gegeben. Sie beschäftigt sich fundiert mit der Frage, ob wir überhaupt das Recht haben, Tiere zu töten. Zumal die Tiere den Menschen in vielen Bereichen weit überlegen seien: zum Beispiel was Seh-, Hör-, Tast- und Geruchssinn angeht, aber auch, und das fand ich schon fast genial: “mit der beneidenswerten animalischen Work-Life-Balance”. Der Platz fehlt, um Radischs Gedanken adäquat komprimiert wiederzugeben. Ich empfehle die Lektüre des Artikels und werde weiter Fleisch essen, aber sicher noch um ein Spürli bewusster.
Vor lauter Wald die Kastanien doch noch sehen
August 13, 2010
Ein paar prächtige Ferientage in Mergioscia im Tessin. Das Dörflein klebt im Verzascatal am steilen Südhang oberhalb des Stausees. Hier gibt es seit 2003 den Verein Pro Mergoscia, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Kultur- und Naturlandschaft des Bergdorfes auf knapp 800 Metern Höhe zu erhalten und wieder herzustellen. Auf einem Kultur- und Naturweg kann das interessierte Publikum die Errungenschaften der Vergangenheit und Gegenwart erwandern. Aus landwirtschaftlicher Sicht sind zum Beispiel die Kastanienselven interessant (siehe Bild oben). Einst standen auf einer Hektare rund 100 Bäume, der Lichteinfall garantierte reiche Erträge, das Grün dazwischen wurde beweidet. Die Mischnutzung fiel weg, als die Zahl der Bauern rapide abnahm und der Wald die Kastanien attackierte. Nun hat der Verein einen Teil der Selve wieder vom Busch gesäubert, die Kastanienbestände mittels Aufpfropfung veredelt und die stützenden und teilweise eingefallenen Steinmäuerchen wieder aufgebaut. Weiter oben am Hang, auf den Monti di Cortoi
findet man ein weiteres Highlight, die Fleischwaren, die Bauer Koni beziehungsweise sein Metzger aus den Hinterwälder-Rindern herstellen lässt. Die besten Bratwürste seit langem, fatti con vino. Wer sie gleich vor Ort geniessen will, übernachtet am besten auf Campo Cortoi (siehe Bild links). Zu Fuss Dreiviertelstunden ab Postautostation, der ideale Ort, um die Stadthektik hinter sich zu lassen. Wer den Aufstieg scheut, dem sei die Osteria della Posta im Dorf empfohlen (Vorsicht: Dienstag und Mittwoch Ruhetag). (Bild oben Pro Mergoscia)

Opportunistisches Verbandsgeheul gegen Wölfe
August 8, 2010
Der Wolf ist immer wieder ein dankbarer Kunde im medialen Sommerloch. Heuer kommt er wieder einmal bös an den Pranger, weil einer der Spezies, vielleicht waren es zwei, im Wallis zwei Rinder gerissen und eines verletzt haben. Konsequenz: Die Walliser Behörden haben eine 60 Tage gültige Abschussbewilligung erteilt. Es wird nicht lange gehen, bis die Erfolgsmeldung über die Erlegung des Räubers die Runde macht. Letztes Jahr dauerte es zwischen Abschussbewilligung und Erlegung im Val d’Illiez knapp zwei Wochen. Wenn die Walliser ihre Tiere mit derart viel Engagement überwachen würden, wie sie den Wolf jagen, sähen sie in der Schadensstatistik nicht derart alt aus (siehe Kora-Monitoring 2008, Seite 44). In den Jahren zwischen 1998 und 2008 sind in der Schweiz 894 Nutztiere dem Wolf zum Opfer gefallen. Davon starben nicht weniger als 597 im Kanton Wallis, das sind gut 66 Prozent. Das ist kaum Zufall und es erstaunt, dass man hier von Bundesseite nicht mehr Druck macht für einen Herdenschutz, der diesen Namen verdient, muss doch Väterchen Staat gemäss Konzept Wolf die gefallenen Tiere entschädigen. Dass jetzt mit sicherer zeitlicher Distanz zum Geschehen auch noch der Bauernverband ins Lamento einstimmt, ist eher peinlich. Wenn man die Medienmitteilung liest, könnte man meinen, die nationale Rinderpopulation sei bedroht und das wehrlose Bäuerchen stehe entschädigungsfrei im Regen. Opportunistisch und nicht ganz realitätskonform geheult, SBV. (Bild Wolf in der Fotofalle der Luzerner Jagdbehörden im Eigental, April 2009)
PS. Meine Prognose war nicht schlecht: Zwischen der Publikation der Abschussbewilligung und der Erlegung des Wolfs ist genau eine Woche verstrichen. Le loup est mort, vive le loup.







