Diesen Freitag berät der Nationalrat über die Motion Aebi. Der Vorstoss will die Mengensteuerung allgemeinverbindlich an die Schweizer Milchproduzenten (SMP) übertragen. Damit reagieren die Produzenten auf die verunglückte Übung mit der Branchenorgansation Milch, wo sie nur einen Drittel der Stimmen haben und meist nicht einmal untereinander einig sind. Die Wortführer hinter der Motion sind der Namensgeber Andreas Aebi, Nationalrat aus Alchensdorf und Peter Gfeller, Präsident der SMP. Der dritte Chef-Mengenbremser ist Martin Haab, Co-Präsident der oppositionellen
Milchbauernvereinigung Big-M, die der Motion Aebi diese Woche mit einer Demo in Bern Nachachtung verschaffen wollte. Dass sie nun alle drei die Menge begrenzen wollen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Aebi, Gfeller und Haab sind grosse Züchter und arbeiten seit Jahren an der perfekten Kuh mit Milchleistungen von möglichst weit über 10 000 Kilo pro Jahr. Das ist an sich nichts Anrüchiges, die drei entstammen einer Generation, die noch ans reine Wachstum
glaubte und dafür auch honoriert wurde. Heute aber kommen sie mir vor, wie Auto-Tuner, die sich beschweren, dass der Bund nicht schärfere Geschwindigkeitsbegrenzungen verhängt. Sie sind die Zauberlehrlinge der Branche. Als Auktionator (Aebi), Präsident des Fleckviehzuchtverbands (Aebi), Schau-Richter (Aebi, Gfeller, Haab) und Verkäufer von Spitzentieren (auch alle drei) sind sie mitverantwortlich dafür, dass in Schweizer Ställen nicht nur zu viele Kühe, sondern vor allem solche stehen, die immer mehr Milch geben; und damit Teil des Problems, das sie nun lösen wollen. Bremsen und Gas geben, das hat sich noch selten gut ergänzt… (Bild oben www.aebi-andreas.ch)
Archiv für September 2010
Chef-Bremser: Die Zauberlehrlinge im Milchmarkt
September 29, 2010Reklame: Galloway und Grossmuetis Suure Mocke
September 26, 2010
Einladung bei Freunden, beide begnadete Köche (Grazie ai giovani sposati!). Nicht zum erstenmal servieren sie das beste Fleisch. Dazu braucht es nicht nur das Feeling in der Küche sondern auch den richtigen Rohstoff. Er kommt auch nicht zum ersten Mal von der Farnsburg im Baselländischen. Familie Dettwiler hält dort Weideschweine, Bisons und Galloways. Das gibt mir Gelegenheit für ein Werbe-Kuhbild der Woche vom Hof in Ormalingen (siehe oben). Die Galloways sind eine genügsame, genetisch hornlose schottische Fleischrasse mit drei Farbtypen. Oben der Klassiker, belted. Wie das Wort sagt mit dem weissen Gurt im schwarzen Fell. Daneben gibts die 
Galloways Dun (links) und die Whites (rechts), ganz Weiss, aber mit schwarzen Ohren, Augenringen, Maul und manchmal Füssen, wie uns die nationale Galloway-Society erklärt. Von welchem Farbtyp der gestern servierte Brasato al Bordeaux (zum trinken gabs italienischen Wein…) stammte, weiss ich nicht. Aber der Suure Mocken hat mein grösstes Kompliment verdient: Er erinnerte mich an den von meinem Burgistein-Grossmueti. Ideale Konzistenz, schöne Faserung ein reiches Geschmackspanorama und dazu ein komplexes Sösseli. Ich erlaube mir wenn wir schon bei Grossmueti sind, noch ein bitzli mehr Werbung. Vor einigen Wochen ist das Buch “Meine Grosseltern” erschienen. Es ist eine der Früchte aus dem gleichnamigen Projekt von meinem früheren Nachbar Mats Staub. Auch meine Grosseltern und ein paar weitere Erinnerungen an sie kommen vor. Dazu gibts übrigens – und das ist jetzt die letzte Reklame, auch eine Ausstellung in Bern. (Bilder oben/links Farnsburg, rechts Swiss Galloway Society)

SF bi de Landfroue: 3 Erkenntnisse in 5 Minuten
September 25, 2010
Bäuerinnen haben mich schon immer beeindruckt. Sie sind Kinderbetreuerinnen, Köchinnen, Gärtnerinnen, Managerinnen, Buchhalterinnen, Sekretärinnen, Raum- und Tierpflegerinnen, Melkerinnen, Traktorfahrerinnen, Sozialarbeiterinnen sowie Psychologinnen für die Angestellten und haben daneben meistens noch einen Job. Ein eindrückliches Portefeuille und Bonus gibts keinen, zumindest nicht in pekuniärer Form. Und das Umfeld findet das meistens völlig normal. Dass das manchmal nicht aufgeht, ist nicht verwunderlich. Ich kenne Geschichten von Bäuerinnen denen der Druck zu gross wurde aus dem Bekanntenkreis, am schönsten beschrieben wurde das Phänomen im Artikel “Vreneli geht” vor einigen Jahren im “Magazin”. Die meisten Bäuerinnen aber halten durch, chapeau! Bref, zufällig bin ich gestern endlich in die Sendung SF bi de Lüt reingezappt und sofort
hängen geblieben. 7 Landfrauen kochen abwechslungsweise füreinander um die Wette und juryieren. Leider musste ich nach 5 Minuten gehen. Aber ich habe von Barbara Huber aus Welsikon ZH trotzdem schnell drei Sachen gelernt: 1. Eine Zwiebel kann man schälen, indem man ihr den Spitz abschneidet und sie dann rausdrückt aus der Schale, 2. Wie ein Melkkarussell funktioniert, 3. Dass gemeinsames Melken ideal taugt als Ehetherapie. Wenn man das früher gewusst hätte… Die Sendung von gestern wird am Montag wiederholt, die nächste und 5. von 7 Folgen kommt am 8. Oktober.
Sommaruga – Kritische Kampfgenossin der Bauern
September 22, 2010
Wenig überraschend nimmt in Bälde eine Konsumentenschützerin im Bundesrat Einsitz. Zwar übernimmt sie wohl eher das Verkehrs- als das Landwirtschaftsministerium; aber wo auch immer, Simonetta Sommaruga wird kaum zögern, ihren Einfluss in der Landwirtschaftspolitik geltend zu machen. Das schadet nicht. Sommaruga ist eine kritische Freundin und Kampfgenossin der Bauern. Das Gentech-Anbaumoratorium kam nur dank der Allianz zwischen Bauern- und Konsumentenorganisationen zustande. “Konsumenten und Produzenten haben gemerkt, dass sie am Anfang und am Ende der gleichen Kette stehen und deshalb viele gemeinsame Interessen haben”, sagte die Neo-Bundesrätin 2008 an einer bäuerlichen Tagung in Langenthal. Dort bezweifelte sie auch, gewitzigt aus den Erfahrungen, dass ein EU-Agrar-Freihandelsabkommen zu tieferen Preisen für Konsumenten und Bauern führen wird. Höchste Zeit, dass in der Regierung endlich mehr Druck auf die Import-Kartelle und Margen-Barone (sie gehören zum Teil den Bauern selber…) ausgeübt wird. Nur Streicheleinheiten wird die Ministerin allerdings nicht bereithalten. Sie schaut genau hin und kritisiert ungeniert. In einem Interview mit dem Landfreund sagte sie beispielsweise vor Jahresfrist auf die Frage nach dem Sinn eines Milchpools: ”Wenn sich Bauern organisieren und damit den Wettbewerb ausschalten, muss dies unbedingt freiwillig geschehen. Sonst besteht die Gefahr, dass die innovativen Bauern zurückgebunden werden”. Affaire amicale à suivre… (Bild Keystone/Monika Flückiger)
Ein fabelhafter Drink mit unbekannter Herkunft
September 20, 2010
Pro-Specie-Rara-Markt in Zürich. Im Innenhof des Restaurants Reithalle an der Gessnerallee stehen ein paar Stände und mittendrin ein Gehege mit ein paar Schafen als zugkräftiger Jö-Faktor. Als alter Freund von frischem Süssmost bin ich natürlich besonders angezogen von der Do-it-yourself-Presse. Dort kann man dank zwei kräftigen Burschen an der Kurbel das Glas drunter halten und sofort probieren. Einfach etwas vom Besten und meilenweit entfernt von all dem, was einem unter aufwändig beworbenen Marken als Süssmost oder Mischgetränk angeboten wird. Daneben steht ein Stand mit raren Apfelsorten, die unter anderem auch zum Mosten verwendet werden. “Unbekannt” steht auf mehreren Kistchen. Das ist bemerkenswert in einer Gesellschaft, die die Natur, insbesondere die agronomisch domestizierte, derart im Griff zu haben scheint, wie die unsere. Und noch eindrücklicher wird es, dass es immer noch unbekannte Sorten gibt, wenn man herausfindet, dass Fructus in ihrer Kartei nicht weniger als 300 Apfelsorten beschrieben hat.

Gut, gibt’s die Schweizer Steuerzahler
September 17, 2010
Bundesrätin Doris Leuthard hat heute über die Grundzüge der Agrarpolitik 2014 bis 2017 informiert. Der Bund fordert eine sichere Nahrungsmittel-Produktion, eine effiziente Nutzung der Ressourcen, einen vitalen ländlichen Raum und eine unternehmerische Land- und Ernährungs-Wirtschaft. Allerdings bleiben die Behörden in ihrer Tonalität relativ unverbindlich. Im fünseitigen Presserohstoff zur heutigen Pressekonferenz kommen 32 mal die Wörter ”soll” oder “sollen” vor und kein einziges mal “muss” oder “müssen”. Das ist angesichts der Kosten für die Allgemeinheit ein grosszügiges Gebahren des Bundes. Der Zahlungsrahmen für die erwähnten vier Jahre beträgt beachtliche 13,494 Milliarden Franken. Das macht pro Jahr 3,374 Milliarden, inklusive eine Erhöhung des Betrags von 1,1 Prozent gegenüber dem laufenden Zahlungsrahmen. Der Steuerzahler hat das Heu immer noch auf der gleichen Bühne wie die Bauern. Von derartiger Grosszügigkeit können andere Bezüger von Bundes-Manna nur träumen. Man denke an die laufende AHV-Revision, an die Einschnitte im Sozialbereich oder an die kurze Leine, mit der beispielsweise Asylbewerber finanziell geführt werden. Nicht, dass mich das Geld reuen würde, aber es schadet dem Bauern sicher nicht, sich diese Tatsache ab und zu einmal vor Auge zu führen, wenn er sich grad von Gott und der Welt verlassen fühlt. Vielleicht könnte man die Spiesse bei der langjährigen Image-Plakatkampagne einmal umkehren. Auf den Bildern würden Bauern in Bürolistenuniform posieren und zum Beispiel sagen: “Der Angestellte, mein Freund und Helfer”, darunter der Claim: “Gut, gibt’s die Schweizer Steuerzahler.”
Gutbäuerliche Mark(t)trouvaillen im Viadukt
September 15, 2010
Seit knapp zwei Wochen gibt es im Zürcher Kreis 5 eine Markthalle. Im Viadukt heisst diese neue Lebensmittelhochburg, weil sie zwischen zwei auseinanderstrebenden Bahnviadukten placiert ist. Das Konzept orientiert sich an Bewährtem, wenn auch alles etwas kleiner ist, als auf ausländischen Grossmärkten: Eine Beiz, ein paar fest installierte Läden und etwa ein Dutzend Stände mit wechselnder Besetzung. An diesen Ständen habe ich ein paar interessante Marktprojekte gefunden.
Die junge Firma Fruitpassion zum Beispiel verkauft erntefrische Früchte aus Kamerun. Die Schwester der Ko-Geschäftsführerin Francette Dubach-Obé kauft jeweils am Dienstag rund eine Tonne Avocados, Papayas, Mangos und Peanuts direkt bei Bauern in Kamerun, am Mittwoch wird die Ware per Swiss-Direktflug transportiert und ab Donnerstag unter anderem im Viadukt präsentiert. Das ist für alle Beteiligten interessant: Der Bauer erhält einen rechten Preis, die Fruchtpassionierten dank kaufkräftigem Publikum im yuppig gewordenen Kreis 5 eine gute Marge und die Konsumenten ein exzellentes Produkt. Die Umwelt ihrerseits wird durch den Flugtransport nicht geschont, aber der Frachtraum auf dem Flug Douala-Zürich dürfte nur in seltensten Fällen ausgebucht sein.
Interessant ist auch das Konzept des Bachsermärts. 15 Produzenten – vom Forellenzüchter bis zum Biobauer – verkaufen ihre Ware hier gemeinsam. Der Stand im Viadukt ist die dritte Verkaufsstelle, handbeschriftete identitätsstiftende Schiefertafeln verweisen zum Beispiel auf die Imkerin, Frau von Moos.
Etwas überraschend war für mich, dass auf dem Edelmarkt auch Bauernfamilien direkt vermarkten. Dies tun sie häufig nicht jeden Tag, sondern alternierend am gleichen Stand. Keine schlechte Idee.
Die Läden in den Viaduktbögen sind anmächelig, am besten gefällt mir das Käsepanorama von Tritt. Die Wirtschaft haben wir auch schon getestet. Das Markbein war gross und fein, der Rest inkl. Service voll ok. Wir wünschen dem Markthallenexperiment Schwein und mehr Erfolg als demjenigen in Bern. Dort werden rund zehn Jahre nach der Eröffnung nur noch Antiquitäten angepriesen.
Kuhnstbild der Woche: Brüttu und die Beiz dazu
September 12, 2010
Wegen einem dreitägigen (!) Hochzeit im Freiburgischen (jaja, wir haben noch ein letztes richtiges Cardinal genommen) hat es etwas gedauert, bis zum heutigen Post. Als Bild zum Sonntag eine Kuhskulptur von Brutus Luginbühl. Sie steht beim Hotel de la Gare in Sugiez. Brüttu, wie in männiglich nennt, ist ein Kuhkünstler im besten Sinn des Wortes. Das Vieh ist sein liebstes Sujet, wie man auf diesem Bild von seiner Homepage gut sieht:
Wie es einem beim Surfen so geht, habe ich nebenbei noch grad eine Entdeckung gemacht. Brüttu hat noch bis im Dezember eine Ausstellung. Und die findet statt in der Wirtschaft zur weissen Kuh in Seeberg bei Burgdorf BE. Habe noch nie etwas davon gehört, aber grad beschlossen, dass die heimelig aussehende Wirtschaft auf die Liste der anzupeilenden Ziele kommt. (Bild mitte Brutus Luginbühl, Bild unten myoberaargau.ch)

Intercropping: Konkurrenz belebt – auch im Feld
September 8, 2010
Die renommierte deutsche Landwirtschafts-Universität Hohenheim berichtet von einem Erfolg für die nachhaltige Landwirtschaft. Intercropping, der Anbau von mehreren Kulturen auf dem gleichen Feld, erhöht die Erträge. Dies gilt zumindest für die Kombinationen des hoch wachsenden Maises mit bodennahen Erdnüssen, Erbsen oder Weizen, die in einer Studie der deutschen Universität im Rahmen eines deutsch-chinesischen Kooperationsprojekts untersucht wurden. Die Praxis ist keineswegs neu, sondern namentlich bei Kleinbauern in Afrika und Asien weit verbreitet. Dass die Ertragssteigerung nun wissenschaftlich beglaubigt ist, hat eine gewisse Bedeutung. Denn Intercropping ist ein ökologisch sinnvolles Verfahren: Es nützt Ressourcen wie Wasser, Boden und Nährstoffe effizienter als Einheitskulturen. Zudem entstehen durch die Kombination neue Lebensräume für Insekten und Bodenorganismen. Dass derartige, nachhaltige Verfahren auch ökonomisch offensichtlich Sinn machen, ist nicht häufig der Fall. Umso besser, dass es bei der Mischkultur offenbar so ist. Ob allerdings Intercropping für die hochmechanisierte westliche Landwirtschaft eine Option sein kann, wage ich zu bezweifeln. Die maschinellen Erntearbeiten sind mit Mischkulturen sicher komplexer als in uniformen Feldern. (Bild Universität Hohenheim)
Provence (3 et fin): Kuhlose Milchimpressionen
September 5, 2010
Milchkühe habe ich in der trockenen Provence keine gesehen. Nicht, dass in Frankreich wenig Milch produziert würde, im Gegenteil, die Grande Nation ist auch eine grande productrice de lait und verfügt mit gut 25 Millionen Tonnen jährlich über das zweitgrösste Kontingent EU-weit. Aber die Milchproduktions-Gegenden liegen vorwiegend in der nördlichen Landeshälfte, wo das Klima feuchter und deshalb wüchsiger ist. Eher sieht man im Süden noch die eine oder ander Mutterkuh-Herde, aber das war leider nur aus dem TGV bei der Anreise der Fall. Und der war einfach zu schnell, um ein rechtes Bild zu machen. Deshalb gibt es hier statt einem Kuhbild de la semaine zum Abschluss der Mini-Trilogie zwei Milchimpression ohne Produzentinnen. Dachte ich zumindest. Das obere Bild allerdings täuscht. Der Camion mit dem träfen Namen, so vermutete ich, transportiert Milch ins tendenziell unterversorgte Italien. So kann man sich täuschen: Mutti liefert flüssige Chemikalien. Aber es gefällt mir zu gut, um es nicht zu bringen. Und die Moral von der Geschicht: auch der strenge Agroblog ist nicht immer gefeit vor Etikettenschwindel, bonne semaine!

