Archive for November 2010

Geschenkt (1): Zum Beispiel ein Aktions-Kamel

November 29, 2010

Ich will ja hier die übertrieben frühe Weihnachtsaufregung nicht noch anheizen. Aber eine Geschenkidee schadet nie. Vor allem wenn sie sich derart gut eignet ein bisher im Agroblog arg vernachlässigtes Nutztier in den Fokus zu rücken: Das Kamel. Nicht dass ich hier den Kauf eines Kamels empfehlen würde. Zwar kann man auf dem weltgrössten Kamelmarkt im indischen Pushkar ein Jungtier schon für 100 Franken, in die durchschnittliche Genossenschaftswohnung wird es aber nur kurze Zeit passen. Nein, ich empfehle Ihnen hier die DVD “Kamele – phänomenaler Nutztiere” von NZZ Format aus dem Jahr 2006. Man erfährt in nur 35 Minuten zum Beispiel, dass es auf der Welt 19 Millionen Kamele gibt, dass sie sich nicht nur extrem gut eignen als Zug- und Lasttiere, sondern auch als Milch- und Fleischproduzentinnen. Die Kommerzialisierung steckt aber in den Kinderschuhen. Noch, denn das Interesse am Kamel als Nutztier nimmt wegen zunehmender Dürre stark zu, berichtet der Film. Das ganze gibts übrigens momentan mit ein paar Dutzend anderen Format-DVD’s in Aktion, darunter auch ein paar aus der Agro-Ecke, zB. “Huhn und Ei – die Filme” oder “Meckerer, die man liebt: Ziegen”. Die Filme kosten nur 10 Franken pro Stück per Bestellung und – das ein kleiner Geheimtipp – im NZZ-Lädeli an der Falkenstrasse in Zürich gibt es sie für nur 5 Stutz. Den über die Kamele gibts gratis von mir als Geschenk, wer mir als erstes kommentiert, in welchem indischen Bundesstaat Pushkar liegt. (Bilder Stills aus der DVD)
   

Teure PS-Träume: 249 006 000 Fr. für Traktoren

November 27, 2010

Jetzt sind sie wieder unterwegs. Landauf, landab klappern die Landmaschinenhändler die Bauern ab. Ende Jahr erhalten diese die zweite Tranche der Direktzahlungen, die erste Hälfte wird Mitte Jahr ausgezahlt. Bei grösseren Betrieben kann das auf einen Schlag gut und gerne 100 000 Franken in die Kasse spülen. Die abrupte Äufnung des Kontostands lässt gar manchen Landmann mit glänzenden Augen die Traktorenkataloge durchblättern, denn der Handschlag mit dem Händler fällt im Dezember leichter denn je. 2009 verkauften die Hersteller und Importeure insgesamt 2031 neue Traktoren. Heuer wird die Zahl wohl minim tiefer liegen. Im ersten Halbjahr wurden 1250 Traktoren verkauft, 32 weniger als 2009. Hochgerechnet dürften auch 2010 rund 2000 Traktoren neu zugelassen werden. Was kostet das? Statistiken gibt es dafür keine, aber man kann ein bisschen spekulieren. Kürzlich flatterte – was für ein Zufall – mit dem “Schweizer Bauer” die Broschüre “Traktor des Jahres” ins Haus. Darin werden 54 Modelle angepriesen. Sie kosten durchschnittlich 124 503 Franken. Diese Zahl mal 2000 ergibt die im Titel genannte Summe von fast 250 Millionen Franken. Das ist eine hübsche und wahrscheinlich eher konservativ geschätzte Summe. Sie entspricht knapp 10 Prozent der jährlich total ausbezahlten Direktzahlungen. Böse Zungen bezeichnen die Eidgenossenschaft als den weltgrössten Traktorenkäufer. Ganz unrecht haben sie nicht.  (Bild letsbuyit.de)
PS. Am Donnerstag hat in Bern – auch gut getimt – die Landmaschinenmesse  Agrama  eröffnet. Man erwarte 50 000 Besucher, berichtet der “Schweizer Bauer“, es sei eine ungebrochene Begeisterung für Landtechnik spürbar.  

AfriKuhbild der Woche – heute aus Äthiopien

November 24, 2010

Heute wiede einmal das pure Kuhbild ohne Firlefanz: Zebus unterwegs zwischen Awassa und Konso im südlichen Äthiopien. (Merci Susanna, auch für das winkelriedsche Risiko, das Du genommen hast!)

Das Höhlen-Brimborium und was wirklich zählt

November 22, 2010

Vor kurzem ist im Kontrast-Verlag ein neuer Bildband erschienen: “Der lange Weg nach Kaltbach” mit Photos von Markus Bühler-Rasom und freundlicher Unterstützung von Emmi, die in der künstlichen Sandsteinhöhle in Kaltbach seit den 90-er Jahren Käse lagert. Das Buch ist ein schönes, Porträts von Affineuren und Bauern, prächtige Bilder von Kühen und der Landschaft in der sie die Milch erzeugen. Es passt bestens in die Vermarktungs-Strategie. Emmi erzeugt viel Lärm, um den Käse aus der Höhle mit Mythen zu versehen und Kaltbach als eigenständige Marke zu profilieren. Ein wichtiger Teil des Höhlen-Brimboriums ist die schwarze Rinde, die angeblich vom Klima der Höhle herrührt, was natürlich ein Märchen ist, denn diese schwarze Rinde züchtet man mit viel Mühe und einer Bakterienmischung heran. Das alles ist aber sekundär, was wirklich zählt ist Qualität. Dafür braucht es keine Höhle, sondern das richtige Kellerklima und viel Zeit. Deshalb haben wir den 12-monatigen Kaltbach-Emmentaler mit einem 18-monatigen Emmentaler aus dem Züri-Oberland verglichen, dem sogenannten Waldsberger aus Bäretswil, der von “Natürli” vermarktet wird. Resultat: Der Kaltbach ist ok, aber zu jung für einen wahren Emmentaler-Freund. Er hat keine Salzperlen in den Löchern, dafür ist seine Oberfläche nach dem auspacken gesprenkelt mit Überresten der schwarzen Rinde. Sieger ist der Waldsberger aus dem Betonkeller, vor allem weil er mehr Zeit hat zum reifen. Fazit aus meiner Sicht: Emmi sollte weniger Hokuspokus in die Vermarktung und dafür mehr in die Reifungszeit investieren. (Bild oben Markus Bühler-Rasom, aus dem besprochenen Buch) 

Der Bauernverband macht Duzis mit den Kunden

November 19, 2010


Anlässlich seiner DV hat der Schweizerische Bauernverband (SBV) am Donnerstag seine neue Kampagne vorgestellt. “Dein Bauer bringts” soll in der Vermarktung “Werte statt Preise” in den Mittelpunkt rücken und so die Schweizer Produkte von der ausländischen Konkurrenz abheben: Kurze Transportwege, garantierte Kontrollen und (ökologische) Sorgfalt. Soweit so gut. Die Umsetzung des Ansinnens scheint mir aber nicht sonderlich gelungen. Neuerdings ist der Bauernverband mit seinen Kunden per Du (“Dein Bauer bringts”. “Für dich als Kunde…”). Damit übernimmt man die Sprache aus der Allerwelts-Konsumproduktwerbung. Das finde ich nicht gerade passend für eine Institution, die sich beklagt, dass Coca-Cola mehr kostet als Milch. Die Bauernsame hält sich – zurecht – für etwas besonderes, drum sollte man sich auch ein bisschen abheben in der Werbung. Das gilt auch für die beiden Sujets: Der bärtige Alpöhi und das prallbusige Stunt-Dirndl sind ziemlich abgelutschte Klischees, die man hier voller Inbrunst weitertransportiert. Da finde ich die “Aus der Region-Für die Region”-Kampagne der Migros mit Original-Bauern so leid es mir tut ziemlich viel gelungener. Wenn dann an der Delegiertenversammlung die SBV-Führungsriege für die Medien mit einem Seitenwagen posiert, frage ich mich, was das noch mit Landwirtschaft zu tun haben soll. Die drei Herren Schneider, Walter und Bourgeois sehen eher aus wie der Vorstand an der Hauptversammlung des Motorradclubs für reifere Semester. (Bild unten Agronews)

Späte kleine Genugtuung für einen Reinzüchter

November 17, 2010

Besuch bei einem legendären Agrarjournalistenkollegen. Fritz Vogt aus Oberdiessbach ist fast 90 und zwar nicht mehr journalistisch tätig, aber immer noch passionierter Viehhändler. Nie würde er etwas anderes handeln als reine Simmentaler. Der ursprünglich im Berner Oberländischen heimischen Kuh hat Vogt einen Grossteil seiner nebenberuflichen Tätigkeit gewidmet. Und sehr viel Herzblut. Jahrzehntelang hat er neben seinem Brotjob als Kaufmann bei der ehemaligen Berneralpenmilchgesellschaft (heute Nestlé) lange und fachmännische Artikel über das Simmentaler Vieh geschrieben. Die Rasse ist ja in der Schweiz seit etwa den 60-er Jahren stark mit Red-Holstein eingekreuzt worden. Damit hat man die Milchleistung verbessert. Vogt und seine Kollegen von der Schweizerischen Vereinigung zur Erhaltung und Förderung der reinen Simmentaler Fleckviehrasse (SVS) war das stets ein Dorn im Auge, man befürchtete ein Verschwinden der rein gezüchteten Rasse. Das ist bei der Milchproduktion heute fast Tatsache, hier setzt kaum mehr ein Bauer auf reine Simmentaler. Dafür – und das ist für Fritz zumindest eine kleine späte Genugtuung – sind die reinen Simmentaler als Fleischproduzenten in der Mutterkuhhaltung und in der Munimast heute umso begehrter. Und das nicht etwa nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa (zum Beispiel in England) aber auch weit darüber hinaus (zum Beispiel in Argentinien und den USA). Die Krönung des simmentalerischen Schaffens von Fritz Vogt ist übrigens sein Buch “Eine Weltrasse – Das Simmentaler Fleckvieh”. Es ist zwar schon fast zwanzigjährig, aber immer noch spannend zu lesen. Ein Must und ein ideales Weihnachtsgeschenk für Simmentaler-Freaks. Man kann es für 50 Franken bestellen bei Fritz Vogt, Schulhausstrasse 4, 3672 Oberdiessbach, Tel. 031 771 04 61.

Dieses Schaf kann Ihre Pflanzen düngen&schützen

November 15, 2010

Dass dieses Schaf als Mistproduzentin taugt, wird Sie kaum sonderlich überraschen. Dass es aber auch nach seinem Tod noch düngen und dazu erst noch Pflanzen schützen kann vielleicht schon eher. Ein EU-Projekt namens Protector unter Mitwirkung mehrerer Universitäten und der ungarischen Firma Terra Humana beschäftigt sich seit fünf Jahren mit folgendem interessanten Sachverhalt: Karbonisiertes (zur Hygienisierung bei 850 Grad verkohltes) Knochenmehl von Nutztieren kann zur Phosphordüngung beitragen. Um diese Wirkung zu entfalten, ist es auf die Mithilfe von Bakterien angewiesen. Sie zerlegen die Knochenkohle in ihre Bestandteile Kalzium und Phosphor, den neben Stickstoff und Kali wichtigsten Pflanzennährstoff. Forscher der innovativen Agro-Uni Wageningen haben nun in einem Grossversuch die nötigen Stämme gefunden. Die Bakterien profitieren von der porösen Struktur der Knochenkohle, die ihnen Schutz bietet. Damit aber noch nicht genug: Sie unterdrücken gleichzeitig als natürliche Antagonisten das Wachstum von gefürchteten Pilzkrankheiten wie Fusarium. Das ganze ist, sollte es praxistauglich werden, eine agrikulturelle win-win-Situation. Die Landwirtschaft erhält in Zeiten der schwindenden fossilen Vorräte eine neue Phosphorquelle und der Einsatz von synthetischen Pflanzenschutzmitteln kann dank Förderung und Schutz der antagonistischen Bodenbakterien reduziert werden. Das Schaf übrigens weiss wohl reichlich wenig von alledem. Das ändert nichts daran, dass es ein schönes ist (merci Monika und Ueli!). Es weidete in Saas Fee, vielleicht weiss ja jemand sogar, was es für eine Rasse ist. Die richtige Lösung gäbe dann ein Schafkäsli als Preis, und das wäre für den Winner dann eine win-win-win-Situation.
PS. Der Win-win-winner ist eruiert: herzliche Gratulation an Adrian (nicht ich…), beim gesuchten Tier handelt es sich um ein Bergamaskerschaf, siehe Kommentar unten. Leider hat der Gewinner nicht gern Käse, aber er kriegt dafür etwas anderes aus der Schafküche.  

ETHaHa: Syngenta sponsert Agro-Nachhaltigkeit

November 13, 2010

Dass Chemie- und andere Multis Lehrstühle an renommierten Universitäten sponsern ist zwar stossend aber leider nichts Neues. Das jüngste Beispiel ist aber so unverfroren, dass man es nicht unerwähnt lassen sollte. Wie ETH und Syngenta mitteilen, lässt die in Basel beheimatete Firma 10 Millionen Franken springen, damit die Hochschule in Zürich einen Lehrstuhl für “nachhaltige Agrarökosysteme” einrichten kann. Zur Erinnerung: Syngenta verdient das Geld mit Pflanzenschutzmitteln und Saatgut. Der Umsatz belief sich 2009 auf knapp 11 Milliarden USD, der Reingewinn auf 1,37 Milliarden. Rund 80 Prozent der Einkünfte stammten aus Pestizid-, der Rest aus Saatgutverkäufen. Bekannte Produkte sind das hochgradig Grundwasser-schädigende und in der EU seit 2004 verbotene Herbizid Atrazin sowie das Herbizid Paraquat, das verdächtigt wird, bei Heerscharen von Plantagenarbeitern Gesundheitsschäden angerichtet zu haben. Syngenta wehrt und wehrte sich in beiden Fällen mit Händen und Füssen gegen Anwendungsverbote. Beim GVO-Saatgut liegt Syngenta zwar weit hinter dem grössten Konkurrenten Monsanto zurück, tut sich aber hervor mit ausgreifendem GVO-Versuchswesen, Patentierungen und dem Vertrieb von sogenannten Terminator-Saatgut, das nicht mehr vermehrt werden kann und so die Bauern zwingt, jedes Jahr neue Samen zu kaufen. Diese Konzepte sind – und das ist an sich nichts ehrenrühriges – ausschliesslich auf die Steigerung der Gewinne der Syngenta-Shareholder ausgerichtet. Zur nachhaltigen Sicherung der Welternährung, und das ist das erklärte Ziel der ETH mit dem nun einzurichtenden Lehrstuhl, tragen sie aber aus meiner Sicht wenig brauchbares bei. Und das finde ich eher bedenklich, wenn man bedenkt, dass die ETH eine hauptsächlich von der öffentlichen Hand gespiesene Institution ist. Das Bundesamt für Umwelt lässt sich seinen Direktorenposten auch nicht von der Amag finanzieren, wobei was nicht ist, kann ja noch werden. 

Ein schwierig zu rationalisierendes Früchtchen

November 11, 2010

Die Olive ist ein heikles Früchtchen. Das würde man ihr zwar nicht unbedingt geben. Zäh trotzen sie und die Bäume, die locker 500-jährig werden können, der sommerlichen Hitze und anderer Unbill in den Anbaugebieten. Der Rationalisierung in der Landwirtschaft gibt sie sich aber nicht so ohne weiteres hin, wie andere Kulturen. Der sehr qualitätsbewusste Bauer, bei dem ich seit einigen Jahren jeweils ein paar Tage ernten helfe, war einst überzeugt von reiner Handernte, nun hat er aber über 1000 Bäume und eine gewisse Rationalisierung wurde unumgänglich. Sein neuestes Hilfsmittel ist eine Art vibrierende Doppelgabel, die man in den Baum hält und die Oliven so zu Boden zwingt. Das ist zwar Tempomässig ein grosser Gewinn, aber die Zinken des Erntegeräts hinterlassen ihre Spuren. Die Beulen, die getroffene Beeren erhalten, oxidieren rasch und führen zu einem schnellen Qualitätsverlust. Das heisst, dass man noch schneller in die Mühle fahren muss, um das gleich gute Öl zu erhalten, wie mit der Handernte. Für Grossbetriebe ist dieses Gerät noch zuwenig produktiv. Sie fahren mit Grossgerät an den Baum heran und schütteln diesen am Stamm. Diese Methode wirkt aber nur, wenn die Oliven so reif sind, dass sie leicht fallen. Dieses Stadium aber tangiert wiederum die Qualität, so die Experten. Das beste Öl, ein fruchtiges, gleichzeitig leicht scharfes und giftgrünes, gibts nur, wenn die Steinfrucht vor der Komplettreife runtergeholt wird. Wahrlich kein leicht rationalisierbares Früchtchen, diese Olive. 

AgrInnovation: Teurer Komfort mit Zusatznutzen

November 8, 2010

Knapp zwanzig Jahre nach der Markteinführung 1992 habe ich es auch endlich geschafft, einen Melkroboter zu Gesicht zu kriegen. Wir Studenten dachten damals: Teures Spielzeug für eine Handvoll Grössenwahnsinnige. Unterdessen haben hierzulande rund 120 Betriebe, ein halbes Prozent der Milchproduzenten, ein solches Gerät. Im Zürcher Juchhof steht seit gut einem halben Jahr ein “Astronaut”. Das freiwillige Melksystem, wie es die Eigentümer gerne nennen, ermöglicht den Kühen dann zu melken, wann sie wollen. Wobei die rangstärkeren Tiere Vortritt haben: Die weniger dominanten sind eher in den Randzeiten an der Reihe. Trotzdem scheint sich der Kuh-Komfort durch den Roboter grundsätzlich zu verbessern. Zudem erhöht sich die Milchleistung, statt wie einst üblich zweimal, morgens und abends, melken die Kühe rund um die Uhr im Schnitt dreimal, nach dem Kalben, wenn die Milchproduktion am grössten ist, bis zu viereinhalb mal. Der mengensteigernde Zusatzkomfort ist aber teuer. Ein Roboter kostet rund eine Viertelmillion, doppelt soviel wie ein vergleichbarer Melkstand.  Bei Neubauten lässt sich ein Teil der Mehrkosten einsparen, weil der Roboter, er hat etwa die Grösse eines Viehanhängers, deutlich weniger Platz braucht als ein Melkstand. (Bild NZZ/Christoph Ruckstuhl)


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