Archive for April 2011

Deftiger Abschiedsgruss aus Bern nach Brugg

April 29, 2011

Heute wurde zum 60. Mal die gute alte BEA eröffnet. Nicht-Bernern sagt das vielleicht wenig, es handelt sich dabei um die Landwirtschafts- und Gewerbemesse und damit um ein Must für jeden Berner Bauern. Darum sind auch die Landwirtschaftsminister nie weit, wenn dieser Event im grössten Agrarkanton vom Stapel gefahren wird. Item, heute sprach also Volkswirtschaftsdirektor Schneider-Ammann zur Festgemeinde und hatte relativ dicke Post für die Bauern auf Lager. Es fing – laut Redetext – harmlos an. Der Bundesrat forderte hochstehende Qualität. Dagegen kann ja niemand etwas haben. Dann wurde es aber deftiger. Er plädierte nicht nur – wie seine Vorgängerin – für den Freihandel, sondern zog als lobendes Beispiel auch den Bio-Landbau heran, wo Produzenten, Verarbeiter und Händler allesamt am gleichen Strick zögen. Nicht das dies falsch wäre, aber eine ziemliche Provokation an die Adresse des Schweizerischen Bauernverbands (SBV) in Brugg ist es alleweil. Dort hat man zwar nichts gegen Bio-Landbau, aber so richtig ganz Ernst nimmt man die Öko-Bauern immer noch nicht, vor allem weil sie dem SBV-Mainstream politisch mehrheitlich fern stehen. Die Rede Schneider-Ammans ist ein kleiner Abschiedsgruss von Manfred Bötsch, dem scheidenden Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft. Er wird die Ansprache seines Vorgesetzten geschrieben haben, dieser ist nämlich dem Vernehmen nach noch alles andere als ein Landwirtschafts-Spezialist. Bötschs Handschrift erkennt man nicht nur am Plädoyer für Qualitätsstrategie und Freihandel – zweien seiner Steckenpferde. Auch der Seitenhieb nach Brugg ist typisch, offenbar hat der Direktor vor dem Abgang noch ein paar offene Rechnungen mit seinen zähesten Widersachern zu begleichen. Ich übrigens hätte auch noch eine zu begleichen – mit der BEA. Dass vom Eröffnungstag auf der Homepage weder eine aktuelle Medienmitteilung noch ein Bild vorliegt, ist eine super-dürftige Leistung. 

Investoren auf dem USAcker: Das wird teuer

April 27, 2011

Seit einigen Wochen trage ich einen interessanten Artikel mit mir herum. Er hat aber noch nichts an Aktualität eingebüsst. “Hoher Maispreis wird zum Inflationsrisiko” titelt ein Kollege. Der Börsenspezialist berichtet über massiv gesunkene Lagerbestände zum Beispiel beim Mais, wo sie laut dem amerikanischen Landwirtschaftsministerium USDA innert Jahresfrist um 15 Prozent abgenommen haben. Den Amerikanern gehe offenbar das Getreide aus, lautet sein Fazit. Die damit einhergehende Preishausse an der Chicagoer Rohstoffbörse CME hat zur Verblüffung der Händler an der rekordhohen Nachfrage nichts geändert. Die hohen Nahrungsmittelpreise, die mit zum Aufruhr in der arabischen Welt geführt haben, sind auch anderswo ein Horrorszenario: Man befürchtet in den Notenbanken der ersten Welt ein zunehmendes Inflationsrisiko. Getrieben wird die Nachfrage auch von der Ethanolproduktion, die dank den hohen Benzinpreisen in den USA selbst ohne Subventionen marktfähig geworden ist. Diese Marktentwicklung ist ein gefundenes Fressen für eine neue Kategorie von Investoren. Sie spekulieren an der Börse statt mit allerlei exotischen Finanzprodukten lieber mit landwirtschaftlichen Rohstoffen und Ländereien. Im Mittelpunkt der Begehrlichkeiten steht dabei das beste Agrarland in den USA und anderen Landwirtschafts-Grossmächten. Ein gutes Beispiel ist die Firma Hancock Agricultural Investment Group (Haig). Sie verwaltet im Auftrag der Kundschaft rund 100 000 Hektaren Farmland in den USA, Kanada und Australien im Wert von 1,5 Milliarden Dollar. Auf Kundenfang geht Haig (im Bild Präsident Jeffrey Conrad) mit unschlagbaren Argumenten: Immer mehr Menschen müssen ernährt sein, eine Wertsteigerung von gutem Landwirtschaftsland ist so sicher wie das Amen in der Kirche (siehe Grafik von der Haig-Website unten). Das Interesse der profitorientierten Investoren ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Land- und Nahrungsmittelpreise weiter steigen werden (erfahrungsgemäss nicht primär zugunsten der Bauern). Das ist keine gute Perspektive für den grossen Anteil der Menschheit, der sich schon heute schwer tut, das Geld für das tägliche Brot zusammenzukratzen. (Bilder Seth Perlman/Keystone, oben und Brian Snyder/Reuters)

   

Osterkühe(4): Zum Schluss zwei antike Munis

April 25, 2011

Zwecks geschlechtlicher Gleichbehandlung zum Abschluss der Kuhserie ein Muni, maskulin begleitet. Das Bild stammt vom Simmentaler Viehfotografen Arthur Zeller (1881-1931). Ich habe es in einem Artikel im E-”Bund” entdeckt. Es dient dort zur Illustration einer erfreulichen Neuerung: Das Berner Staatsarchiv beteiligt sich neu an Archives Online. Der Nachlass Zellers ist nur eine der dort neu einfach zugänglichen Perlen. Ich habe ein bisschen rumgeschmökert. In Zellers Nachlass findet man unter anderem auch ein Porträt des Fotografen, sitzend. Die Sammlung hat ein paar spezielle Eigenheiten. Erstens sind die Legenden zu den Bildern so extrem sec, dass sie heute wieder als trendig durchgingen. Das Bild oben heisst zB. “Junger Stier, ein Knabe, drei Männer”. Zum untenstehenden Muni schrieb Zeller: “Stier, Gebrüder Aegerter, mit Halter halb abgedeckt”. Man darf nicht vergessen, dass die Bilder aus den Anfängen der Fotografie stammen. Dass sich die Zeiten geändert haben, zeigt sich nicht nur an der Bildqualität sondern auch an den präsentierten Objekten. Um dies zu illustrieren doch noch einmal eine Kuh. Zeller nannte das Bild “Schönes Euter, Ausstellung”. Nach heutigen Kriterien würden jedem Vieschau-Richter beim Anblick dieses Euters die Haare zu berge stehen. The times, they are changing… (Bilder Arthur Zeller)

PS. Zum Vergleich hier noch ein perfekt gestyltes Kuhbild aus der Neuzeit vom Kuhbild-Branchenleader KeLeKi (hier ein interessantes “Zeit”-Interview mit dem Mitbegründer Martin Killewald). Im Porträt Cousteau Mandarine von von Edwin Steiner, Wilen bei Wollerau, und Beat von Rickenbach, Steinerberg. Mit der Bewertungsstufe Ex94 eine der zehn besten Schweizer Holsteinkühe.

Statt Hasen: Osterkühe(3)

April 24, 2011

In der Hoffnung, dass Ihr Osterfest, inkl Eiersuche, ebenso geruhsam verläuft, wie die Fresspause dieser Milchproduzentin… (Bild Christian Beutler/NZZ)

Statt Hasen: Osterkühe(2)

April 23, 2011

Zum Ostersamstag eine facettenreiche Seitenansicht. (Bild Christian Beutler/NZZ)

Statt Hasen: Osterkühe(1)

April 22, 2011

Der Agroblogger wünscht Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, frohe Ostern. Heuer mit Kühen statt Hasen. Herzlichen Dank, Chrigel! (Bild Christian Beutler/NZZ)

Vom Elfenbeinturm in den Agrar-Bärengraben

April 20, 2011


So kann man sich täuschen: Männiglich, darunter auch ich, nahm an, dass ein abgebrühter Verwaltungs- oder mindestens Verbandsprofi Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) und damit so etwas wie neuer Agrarminister wird. Nun hat Bundesrat Schneider-Ammann den ETH-Agrarwirtschafts-Professor Bernard Lehmann berufen. Dies ist eine naheliegende und gleichzeitig eine gewagte Wahl. Naheliegend weil der 57-jährige Romand eine ausgewiesene Koryphäe ist. Seit 20 Jahren bestellt er den akademischen Boden für die Reform der nationalen Agrarpolitik, namentlich des Direktzahlungssystems, dessen Weiterentwicklung Lehmanns erster grosser Brocken wird. Gewagt ist die Wahl, weil Lehmann seit 1991 im Elfenbeinturm lebt und als Professor in der politischen Auseinandersetzung Artenschutz genossen hat. Nun muss er von den Podien heruntersteigen und sich für den Infight im Berner Agrar-Bärengraben rüsten. Da wird mit härteren Bandagen gekämpft. Das ist, wie wenn der Architekt plötzlich als hemdsärmliger Polier agieren wollte. Der Vorgänger Manfred Bötsch, ebenfalls ein Bauernbub, war hart im nehmen und hat am Schluss trotzdem entnervt aufgehört, weil ihm die Lobby ständig die Vorlagen “korrigierte”, wie das SBV-Präsident Walter jeweils maliziös zu beschreiben pflegt. Ich habe gewisse Zweifel, ob das der sensibel wirkende Schollen-Intellektuelle Lehmann auf die Dauer goutieren wird. Der Entscheid des wackeren Professors ist deshalb sicher tapfer, ob er auch weise war, das wird sich zeigen. Immerhin: sollte es ganz übel werden für Lehmann, so sind die 7 Jahre bis zur Pensionierung ja eine überblickbare Frist. (Bild Alessandro della Valle/Keystone)

Côtes-du-Rhône? Gueuze de Bruxelles!

April 18, 2011

Manchmal will das Programm nicht wie der Programmierer, drum sind wir auf unserer Brüsselreise statt auf einem Landwirtschaftsbetrieb in einer Brüsseler Brauerei gelandet. Das war aber auch ganz spannend. Der über 100-jährige Familienbetrieb Cantillon produziert so etwas wie den Wein unter den Bieren. Die Gueuze Cantillon wird nach einer Spontangärung mit wilden Hefestämmen aus der Brüsseler Grossstadtatmosphäre bis zu drei Jahre lang in Eichenfässern und später in Flaschen gelagert (Details entnehme man bitte der Homepage). Bei den Fässern handelt es sich um ausgemusterte Behälter aus französischen Weingütern. Diese geben keinen Holzgeschmack mehr weiter, was den Brauern noch so recht ist. Denn in ihrem Getränk wollen sie nur das reine Gueuzebouquet, allenfalls angereichert durch das Aroma der Sauerkirsche, womit das Getränk dann Kriek heisst und dunkelrot gefärbt an einen prickelnden Rotwein erinnert. Die abschliessende Degustation präsentierte ein gewöhnungsbedürftiges Potpourri aus Geschmäckern, vorwiegend aus der säuerlichen Zone. Der Vorteil daran ist, dass lärmige Gruppen, die primär zum Trinken in der mittelalterlich anmutenden Brauerei auftauchen, schnell wieder abmarschieren. Dem etwas experimentierfreudigeren Besucher bleibt dann Zeit und Ruhe, um mit dem engagierten,  globalisierungs-kritischen Museumsführer die Details der Herstellung zu besprechen, während der sich der an einfachere Geschmäcker gewöhnte Gaumen sich langsam mit dem absonderlichen Getränk anfreundet.  Ausprobieren!

Die EU kopiert die Schweiz und stösst an Grenzen

April 15, 2011

Agrarjournalisten-Ausflug zur EU nach Brüssel. Wir lassen uns von den Spezialisten der Generaldirektion Landwirtschaft und ländliche Entwicklung (DG Agri) in die Geheimnisse der europäischen Agrarpolitik einführen. Die Materie ist für einen Zaungast wie mich ziemlich komplex, aber ein paar Schlüsse wage ich trotzdem zu ziehen: Die EU ist daran, die nächste Reformrunde zu stemmen und wandelt dabei auf den Spuren der Schweiz:  Entkoppelung der Preis- von der Einkommenspolitik mit Hilfe von Direktzahlungen, kombiniert mit Ökologisierung (Cross Compliance, wie das im Jargon heisst) und der Förderung des ländlichen Raumes. Das ist mittlerweile ein fast babylonisch anmutendes Projekt. Die auf 27 Staaten angewachsene Union vereint unter ihrem Dach vom einfachen Olivenbäuerchen im Süden, über den industriellen Schweinemäster im Norden bis zum latifundistischen Getreideproduzenten im Osten (um nur einige zu nennen) praktisch das gesamte Spektrum der weltweit vorkommenden Landwirtschaftsformen. Eine steigende Zahl von Landwirten muss sich dabei um eine seit Jahren praktisch unveränderte Summe balgen. Im vergangenen Jahr sind rund 58 Milliarden Euro in die Landwirtschaft geflossen, rund 13 davon zugunsten der ländlichen Entwicklung, der Rest in Form von Direktzahlungen. Wie obenstehende Grafik zeigt (bitte anklicken, um die Lesbarkeit zu erhöhen), sind die Unterschiede in der Verteilung enorm. Die kleinsten Betriebe erhalten um die 150 Euro pro Jahr. Man fragt sich unterdessen hinter vorgehaltener Hand, ob eine gemeinsame Agrarpolitik unter diesen Bedingungen überhaupt noch Sinn macht. Aus Schweizer Sicht drängt sich ein Beitritt vor diesem Hintergrund – gelinde gesagt – nicht auf. Die Verhältnisse hierzulande sind nämlich für die Bauern im Vergleich geradezu fürstlich. Die Stützung ist proportional zur Bevölkerungszahl gut dreimal so gross wie diejenige in der EU (CH: 7 Millionen Einwohner, 3.5 Milliarden Franken/Jahr; EU: 500 Millionen Einwohner, 80 Milliarden Franken/Jahr). Kleines entlastendes Detail zu Gunsten der Schweiz: Praktisch die gesamte Fläche gälte in der EU aus agrartechnischer Sicht als LFA (less favoured area, weniger bevorzugtes Gebiet, braun markiert), sprich Berggebiet und hätte damit Anrecht auf stärkere Unterstützung (siehe Chart unten).
  

Hält die vorösterliche Marktharmonie?

April 13, 2011

Ein alter Freund, embedded Agronom in der Milchbranche, hat mir dieses Bild ab Flickr geschickt. Es stammt von einer mir unbekannten deutschen Familie Dobbermannn. Diese hat sich offenbar spezialisiert auf Glaskugelbilder, sicher ein schönes Hobby und wenn es Ihnen gefällt, finden sie hier noch ein paar hundert Mehr von diesen Helgen. Ich setze das Bild heute symbolisch ein: Verkehrte Welt im Milchmarkt. Es kommen plötzlich allenthalben versöhnliche Töne, seis von Emmi und Migros, die bereit sind, 3 Rappen mehr pro Kilo zu zahlen, seis von den Schweizer Milchproduzenten, die heute getagt haben, und plötzlich ebenfalls die Lösung der Branchenorganisation Milch begrüssen, fehlt eigentlich nur noch ein Loblied der oppositionellen BIG-M um den vorösterlichen Harmoniereigen zu komplettieren. Man darf gespannt sein, wie lange der Stallfrieden hält. (Bild Familie Dobbermann) 


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