Seit einigen Wochen trage ich einen interessanten Artikel mit mir herum. Er hat aber noch nichts an Aktualität eingebüsst. “Hoher Maispreis wird zum Inflationsrisiko” titelt ein Kollege. Der Börsenspezialist berichtet über massiv gesunkene Lagerbestände zum Beispiel beim Mais, wo sie laut dem amerikanischen Landwirtschaftsministerium USDA innert Jahresfrist um 15 Prozent abgenommen haben. Den Amerikanern gehe offenbar das Getreide aus, lautet sein Fazit. Die damit einhergehende Preishausse an der Chicagoer Rohstoffbörse CME hat zur Verblüffung der Händler an der rekordhohen Nachfrage nichts geändert. Die hohen Nahrungsmittelpreise, die mit zum Aufruhr in der arabischen Welt geführt haben, sind auch anderswo ein Horrorszenario: Man befürchtet in den Notenbanken der ersten Welt ein zunehmendes Inflationsrisiko. Getrieben wird die Nachfrage auch von der Ethanolproduktion, die dank den hohen Benzinpreisen in den USA selbst ohne Subventionen marktfähig geworden ist. Diese Marktentwicklung ist ein gefundenes Fressen für eine neue Kategorie von Investoren. Sie spekulieren an der Börse statt mit allerlei exotischen Finanzprodukten lieber mit landwirtschaftlichen Rohstoffen und Ländereien. Im Mittelpunkt der Begehrlichkeiten steht dabei das beste Agrarland in den USA
und anderen Landwirtschafts-Grossmächten. Ein gutes Beispiel ist die Firma Hancock Agricultural Investment Group (Haig). Sie verwaltet im Auftrag der Kundschaft rund 100 000 Hektaren Farmland in den USA, Kanada und Australien im Wert von 1,5 Milliarden Dollar. Auf Kundenfang geht Haig (im Bild Präsident Jeffrey Conrad) mit unschlagbaren Argumenten: Immer mehr Menschen müssen ernährt sein, eine Wertsteigerung von gutem Landwirtschaftsland ist so sicher wie das Amen in der Kirche (siehe Grafik von der Haig-Website unten). Das Interesse der profitorientierten Investoren ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Land- und Nahrungsmittelpreise weiter steigen werden (erfahrungsgemäss nicht primär zugunsten der Bauern). Das ist keine gute Perspektive für den grossen Anteil der Menschheit, der sich schon heute schwer tut, das Geld für das tägliche Brot zusammenzukratzen. (Bilder Seth Perlman/Keystone, oben und Brian Snyder/Reuters)
