In zirka fünf Minuten ist die Vernehmlassungsfrist für die Agrarpolitik (AP) 2014-17 Geschichte. Das merkte man unter anderem daran, dass die Mailbox schier aus den Nähten platzen wollte in den letzten drei Tagen. Von der Tierpartei über die Konsumentenschützer und einen Wust von zugewandten Orten bis zu sämtlichen verfügbaren Bauernverbänden wollte sich niemand die Gelegenheit entgehen lassen, ein paar, meist aber viele Worte über das jüngste Reformvorhaben des Bundes zu verlieren. Wirklich bedeutsam sind im Hinblick auf die Behandlung im Parlament im kommenden Jahr nur wenige Stimmen. Dazu gehört in erster Linie der Schweizerische Bauernverband (SBV). In einem mehrstufigen Monsterverfahren hat dieser zur erwarteten Unzufriedenheit gefunden. Wer das Communiqué des SBV liest, könnte meinen, dass demnächst die Direktzahlungen abgeschafft werden. Da wird gejammert dass sich die Balken biegen. Massive Korrekturen seien nötig, denn die Bauernfamilien seien reformmüde und sehnten sich endlich nach mehr Stabilität und Planungssicherheit. Die produzierende Landwirtschaft werde weiter geschwächt und bei der Ökologisierung übertrieben, und so weiter, und so fort. Ich kann das nicht nachvollziehen. Zur Erinnerung: Der jährliche Zahlungsrahmen bleibt voraussichtlich unverändert bei rund 3 Milliarden Franken. Die Direktzahlungen werden nicht abgeschafft, sondern weiterentwickelt. Konkret: Die ökologischen Anforderungen werden spezifischer definiert und deren Profil geschärft. Damit wird dem Verfassungsartikel Rechnung getragen und die Verantwortung gegenüber dem Steuerzahler ernst genommen. Gleichzeitig sollen marktverzerrende alte Zöpfe wie bisher praktisch mit dem Güllefass ausgetragene Beiträge für Raufutter verzehrende Vierbeiner abgehauen werden. Das ist aus meiner Sicht nur von Vorteil für diejenigen Landwirte, die sich in diesem Bereich spezialisieren und eben produzieren wollen. Trittbrettfahrer, die nur wegen den Direktzahlungen im Markt verbleiben und dafür sorgen, dass zu viele Kühe zu viel Milch produzieren und so den Preis drücken, scheiden nämlich aus. Unter dem Strich eine logische und gesellschaftstaugliche Weiterentwicklung des bestehenden Systems und kein Grund, um den agrarpolitischen Beelzebub an die Wand zu malen. Das Schlusswort überlasse ich dem Reformarchitekten Manfred Bötsch, der morgen seinen letzten Tag als BLW-Direktor hat. Auf die Frage “Was ist der Bauer in Ihren Augen: ein Produzent oder ein Landschaftsgärtner?” sagte er kürzlich in einem NZZ-Interview: “Der Bauer ist ein Unternehmer, der Lebensmittel produziert und wichtige Dienstleistungen in Form öffentlicher Güter für die Bevölkerung bereitstellt ich denke hier zum Beispiel an die Pflege der Kulturlandschaft oder an den Erhalt der Biodiversität. Der Bauer übernimmt also zwei Funktionen, und in beiden ist er Unternehmer. Je nach Talent und Struktur des Betriebs ist er eher im Bereich der Produktion oder eher im Bereich der öffentlichen Güter tätig. Wichtig ist, dass jeder Unternehmer weiss, wo seine Talente liegen, sie am Markt einsetzt und nicht auf die Politik wartet.” (Bild Ennio Leanza/Keystone)
Archiv für Juni 2011
Das grosse Jammern beim Besitzstand wahren
Juni 30, 2011Wegen Hitze: Bloggers Wednesday vorgezogen
Juni 28, 2011
Habe vor paar Tagen etwas interessantes gelernt. Offenbar ist es in der Bloggerszene Mode am Mittwoch statt zu schreiben nur ein Bild reinzuhängen. Das nennt sich Bloggers Wednesday. Ich ziehe ihn jetzt wegen Hitze einen Tag vor: Bloggers Tuesday. Und herzlichen Dank Katja für die Bildredaktion! (Bild Dave Wild/Getty Images)
1 Leser(b)rief: Viel Wahres & ein falscher Schluss
Juni 25, 2011
In der NZZ stand diese Woche ein lesenswerter Leserbrief. Ein pensionierter Bauer kommt ins Schwelgen über die schönen Seiten des Berufs: Freies Unternehmertum, kein Chef trotz guter Subventionierung durch den Staat, günstiges Eigentum an schönster Wohnlage, gut betreut von einer Armada von Bundes- und Kantonspersonal. Ich kann Herr von Reding nur Recht geben. Wer es sich heute noch leisten kann, Bauer zu sein, der hat mehrheitlich kein schlechtes Los. In dieser Offenheit spricht man über die schönen Seiten des Berufs innerhalb der Branche höchstens hinter vorgehaltener Hand. Das hat auch strategische Gründe: Wer jährlich 3 Milliarden Franken aus der Bundeskasse bezieht, tut gut daran, sein Dasein als möglichst beschwerlich darzustellen. Vollumfänglich kann ich Reding trotzdem nicht zustimmen. Erstens hat die intensive Betreuung durch Tausende von Beamten auch ein paar gewichtige Kehrseiten: Meist scheint mir das Gejammer über die Kontrollen und die Formularitis zwar etwas übertrieben, aber ein Landwirt verbringt heute fast gleich viel Zeit am Bürotisch, wie am Steuer des Traktors. Zweitens gibt es zahlreiche andere Berufsgruppen, die es sich mit Unterstützung des Staates gut gehen lassen. Nicht dass ich beispielsweise den städtischen Beamten in Zürich die Lunchchecks und den Monat Ferien zum Zehnjährigen missgönnen würde, aber von solchen Konditionen kann mancheiner in der Privatwirtschaft nur träumen. Drittens frage ich mich, was Reding mit dem ominösen Schlusssatz meint. Die Zahlungen an die Landwirtschaft sind ja vollkommen transparent und in der Verfassung verankert. Da wird weder Schwarzgeld bezahlt noch Geld gewaschen, wie das in anderen temporär staatsabhängigen Branchen auch schon vorgekommen ist. Für die ansehnliche Summe, die sie erhalten, bringen die Bauern reelle Gegenleistungen, die den Vergleich mit denjenigen aus anderen Sektoren nicht zu scheuen brauchen.
AMIS: Ein zahnloser neuer Freund für die Armen
Juni 23, 2011
Was wir hier sehen ist nicht etwa ein frisch vermähltes Ehepaar in den Flitterwochen in Paris. Nein, es handelt sich um die Landwirtschaftsminister der Agrargrossmächte Frankreich (Bruno Le Maire) und Deutschland (Ilse Aigner). Die beiden haben sich mit 18 Homologues, wie der Franzose so schön zu sagen pflegt, soeben zum G20-Agrargipfel in Paris getroffen. Ziel der Sitzung war die Entwicklung von Strategien gegen die starke Preisvolatilität der Grundnahrungsmittel, vor allem gegen oben. Durch die «alarmierende Achterbahnfahrt» auf den Weltmärkten für Agrar-Rohstoffe seien Grundnahrungsmittel besonders für viele Menschen in den Entwicklungsländern unbezahlbar geworden, sagte Ministerin Aigner gemäss Agenturberichten. Wie wahr. Geboren hat die Massierung von agrarpolitischer Macht allerdings nur eine Maus. Mit dem Agrar-Markt-Informations-Systems AMIS soll laut Agenturberichten für Transparenz auf den Märkten gesorgt werden. Dass man damit ”Missbrauch und Manipulation von Rohstoffpreisen einen Riegel vorschieben” kann, wie das Aigner anstrebt, ist kaum zu erwarten. Den Ministern aus den 20 wirtschaftlich wichtigsten Industrie- und Schwellenländern, sollten sie den wirklich durchwegs dieses Ziel verfolgen, fehlen schlicht die Mittel, um die Agrarmärkte zu kontrollieren und dort beispielsweise rein gewinngetriebene Termingeschäfte und Spekulation zu verhindern. Wetten dagegen nehme ich gerne an. (Bild Jacky Naegelen/Reuters)
Die Bilder zur DER Show: Übermorgen gehts los
Juni 21, 2011
Ein nordirischer Kollege hat mir vor ein paar Wochen im Namen der Galloway Cattle Society und im Hinblick auf den Höhepunkt des Ausstellungsjahrs eine Medienmitteilung und paar Bilder geschickt. Ein guter Zufall will es, dass ich sie grad heute wieder gefunden habe. Denn übermorgen fängt sie an, die Royal Highland Show in der Nähe von Edinburgh. Das ist ein Must für alle FreundInnen von Landwirtschaftsmessen. Auf einem riesigen Freigelände findet sich alles von der standesgemässen Ausstattung für den stylishen Farmer bis zum Schafschurwettbewerb. Es gibt viel zu Essen und grosse Landmaschinen, viel zu trinken und Schafe, Kühe (eben Galloway) sowie natürlich Pferde von Rassen, die es bei uns gar nicht gibt. Obs grad die “Greatest show on earth” ist, wie die Veranstalter werben, kann ich nicht garantieren, ein Besuch lohnt sich aber alleweil, man kann ja nachher noch ein bisschen in den Westen gondeln, oder wandern gehen und sich dann im Pub wieder trocknen lassen… (Bild oben Galloway Cattle Society, unten Royal Highland Show)
Klosterbrüderliche Wertschöpfung im Oberland
Juni 19, 2011
Ausflug in die Bündner Berge mit den Agrarjournalisten. Ein nicht ganz ungeplanter Glücksfall: In Disentis eröffnet am selbigen Wochenende die Sennaria. Jetzt muss ich etwas ausholen: Die Käserei ist ein Projekt des
Bündner Architekten Gion A. Caminada, der sich bisher vor allem mit Holzbauten in seinem Heimatdorf Vrin im Lugnez einen Namen geschaffen hat. Aber auch in Beton und in Disentis hat er schon Spuren hinterlassen. Leicht unterhalb des imposanten Benediktinerklosters hat er ein Mädcheninternat gebaut. Item, Caminada und die Benediktiner kannten sich bereits und es lag deshalb auf der Hand, dass Caminada auch die
landwirtschaftlichen Neubauten des Klosters plante. Vor knapp sechs Jahren brannte nämlich der klösterliche Betrieb bis auf die Grundmauern ab und nach einigem Hin- und Her ging man daran, einen Neubau zu planen. Caminada baute einen Freilaufstall für
rund 40 behornte Kühe plus Jungvieh. Unser Begleiter Bruder Niklaus, er ist Statthalter im Stift und Projektverantwortlicher, erzählte uns dazu eine kleine Geschichte. Anfänglich sei er nicht sonderlich begeistert gewesen von der Idee für Hornvieh zu bauen und so den Preis wegen zusätzlichem Platzbedarf im Stall markant zu erhöhen. Dann aber habe man ihn aufgeklärt über das unterschiedliche Sozialverhalten in Herden mit und ohne Hörnern. Während bei Hornlosen die schwerste Kuh dank Körpereinsatz dominiere, genüge bei den Behornten ein kleiner Wink der Leitkuh mit dem grossen Gehörn, um die Untertaninnen
in die Schranken zu weisen. Das habe ihn schliesslich vom Sinn der Zusatzinvestition überzeugt. Teil des Neubaus ist auch ein grosszügiger Veranstaltungsraum. Er wird vom Center Sursilvan d’agricultura betrieben. Ziel des breit abgestützten Vereins ist es, die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Tourismus in der Surselva zu verbessern, sowie mehr Wertschöpfung im Tal zu halten. Das vom Center mitinitiierte Projekt für die Sennaria mit Laden war ein Resultat dieser Bestrebungen. Heute
liefern 30 Bauern ihre Milch ein, produziert werden Bündner Bergkäse und eine Reihe von Spezialitäten. Die Absatzkanäle sind noch weniger solid betoniert als die Käserei, aber man arbeitet daran. Da ist man in Surrein schon weiter. Im etwas talabwärts gelegenen Dorf produziert Familie Candinas in ihrer in einem sehenswerten Neubau untergebrachten Destillaria ein Sortiment mit 20 verschiedenen Schnäpsen, von der Vogelbeere über den Enzian bis zur Vieille Prune. Ergänzt wird das
Angebot mit einem leichten Holunder-Sekt und Süssmost. Wir haben fast alles degustiert und es hat sich gelohnt. Familie Candinas arbeitet übrigens nicht nur mit dem Center sursilvan zusammen, sondern zudem in der Genossenschaft Amarenda mit fünf weiteren Bauernfamilien in der näheren Umgebung. Das Angebot ist vielseitig: Lamatrekking, Kosmetikprodukte, Schlafen im Stroh, Kartoffelwurst, Geschenkkörbe usw. Unbedingt ein Ausflug wert. (Zweitoberstes Bild Heidi von Heidi’s Mist, grazcha fich!)

Jetzt grabben auch Unis afrikanisches Land
Juni 16, 2011
Landgrabbing ist – leider – ein Dauerbrenner im Agroblog. Darunter versteht man kurz zusammengefasst das Aufkaufen oder leasen von grossen Ländereien in der dritten Welt durch Behörden und Investoren aus vermögenderen Weltgegenden. Im Normalfall werden die produzierten Lebensmitteln samt Gewinnen exportiert. Das neueste Beispiel ist erwähnenswert, weil offenbar auch Stiftungen von renommierten amerikanischen Universitäten wie Harvard und Vanderbilt ins Landgrabbing investieren und kräftig absahnen. Ihr Haput-Vehikel ist laut dem amerikanischen Oakland Institute (hier der Bericht des “Guardian” , der auch in der Schweiz aufgegriffen wurde) der “African AgriLand Fund” der englischen Emergent Asset Management. Die Firma verspricht auf ihrer Homepage einen Return von 25 Prozent auf dem Investment. Das Problem ist, dass die lokale Bevölkerung aufgrund der exorbitanten Gewinnfokussierung bei diesen Deals meist auf der Strecke bleibt. Die Bauernfamilien müssen im schlechtesten aber häufigen Fall ihr seit Generationen bewirtschaftetes Land räumen und Umsiedelungen in Kauf nehmen. Der Guardian beschreibt drastische Beispiele aus Äthiopien und anderen Ländern. An rhetorischem Brimborium zur Rechtfertigung dieses Neo-Kolonialismus mangelt es nicht, wie die Homepage von Emergent zeigt. Das ändert nichts daran, dass man die Probleme des afrikanischen Kontinents durch die Enteignugn der Lebensgrundlage Boden verschärft.
PS. Hier noch ein kleines Müsterli für Land-Grabbing, Swiss-made. Die in Genf beheimatete Addax Bioenergy hat in Sierra Leone 57000 Hektaren für die Biodieselproduktion gepachtet. Ein paar interessante Details dazu zeigt der Beitrag in der jüngsten Ausgabe des SF-Wirtschaftsmagazins Eco.
Erst wenn sie nichts tut, hagelts Schlagzeilen
Juni 14, 2011
Zum 20-Jahr-Jubiläum des Frauenstreiks hat der Schweizerische Bäuerinnen- und Landfrauenverband (SBLV) heute erstmals mitdemonstriert und -gestreikt. Das Medienecho war geradezu epochal. Erst wenn sie nichts tun, interessiert sich die breite mediale Öffentlichkeit für das Leben der Landfrauen (es sei denn, sie kochen am TV um die Wette), wobei nichts getan haben die meisten wohl auch heute nicht. Wie wenig sie für ihre Arbeit zumindest materiell erhalten, hat Charlotte Jacquemart in der letzten NZZ am Sonntag unter dem Titel Aufstand im Heustock sehr gut zusammengefasst und die “Rundschau” des Schweizer Fernsehens widmete der Streikteilnahme einen längeren Beitrag. Mindestens ebenso wichtig ist, dass die Landfrauen, die sich bisher auf die Bäuerinnenausbildung und politisch auf die Graniumpflege beschränkt haben, auch im Verbandsdschungel auf die Hinterbeine stehen. Kurz nach ihrer Wahl zur Landfrauen-Präsidentin hat Christine Bühler (im Bild) eine Frauenquote in den Verbandsgremien gefordert. Bisher sitzt eine einzige Frau im 21-köpfigen Vorstand des Bauernverbands. Der Widerstand der Duldsamen ist eine kleine rurale Revolution und die säuerliche Reaktion des Präsidenten folgte auf dem Fuss. Zu Unrecht, den Frauen steht eine grössere Rolle in den männlich dominierten Strukturen mehr als zu. Sie spielen in den meisten Betrieben ganz entscheidende Rollen, das merken viele der Landmänner aber erst, wenn sie plötzlich fehlen. (Bild Guy Perrenoud/NZZaS)
Jurassic Parc(3): Meet the buffalos
Juni 11, 2011
Ich habe schon viel von Wasserbüffeln gelesen aber live ist mir noch nie einer unter die Augen geraten. Im Schangnau – der Hochburg der helvetischen Büffelzucht – hatte ich einst eine Begegnung der überraschenden Art mit dem ausgestopften Schädel des ersten je importierten weiblichen Exemplars im Entrée des Hotels Löwen
. Aber lebendig habe ich sie erstmals dieser Tage im Val de Travers gesehen. Natürlich war dies einen Halt wert. Kaum war ich aus dem Auto ausgestiegen, trotteten sie auf mich zu. Man bestaunte sich gegenseitig mit Neugier. Im Schangnau sind sie eine Touristenattraktion, nicht zuletzt dank ihrer Zutraulichkeit, kombiniert mit den imposanten Hörnern. Zurück im Büro begegnete mir dann auf dem Leib-Onlineportal der Blogpost eines Kollegen über “Staatlich subventionierte Kuhhörner”. Er mokiert sich darin nicht nur über die nun auch vom Ständerat beschlossene Wiedereinführung der Viehexport-Subventionierung, sondern auch über das Ansinnen, behornte Kuhhaltung zu unterstützen. Dieses findet in bäuerlichen Kreisen von Linksgrün bis rechts (Bergheimat bis SVP) immer mehr Unterstützung. Bei den Viehexporten gehe ich mit dem NZZ-Blogger vollkommen einig: eine totale Bieridee, die den Goodwill der Bevölkerung gegenüber den Bauern unnötig strapaziert. Bei den Hörnern ist die Sachlage aber völlig anders. Die Haltung von behornten Kühen ist nicht nur aufwendiger (höherer Platzbedarf im Stall und auf der Weide), sie ist auch aus tierschützerischen und touristischen Gründen zu begrüssen, wie zum Beispiel die Büffel im Schangnau und im Val de Travers beweisen. Deshalb ist das Geld hier gut investiert. (Kleines Bild Löwen Schangnau)
Jurassic Park(2): WeIndustrierelikt, revisited
Juni 9, 2011
In Sancey-le-Grand im französischen Jura gibt es einiges zu entdecken, nicht nur einen prächtigen Ferienbauernhof mit integrierter Käserei, sondern auch ein Zürcher Industrierelikt. Es steht im Haus von Rémy, dem Grosssohn des früheren Dorf-Weinhändlers. “Il faut que tu vois mes tonneaus Zurichois”,
sagte er mir. Tonneaus Zurichois? Gerne. Und ich bin beeindruckt, es sind nämlich nicht etwa gemeine Holzfässer, sondern zwei veritable eingebaute Tanks mit je knapp 10 000 Litern Inhalt. Die Behälter sind mehr als 100-jährig, wie das Schild zeigt. Erbaut hat sie im Jahr 1906 die Firma Borsani & Cie. aus Zollikon. Der Pressetext zu einer Ausstellung, die 2009 im Walliser Rebbau- und Weinmuseum stattfand, liefert einige Details: ”Die 1874 vom Zürcher Weinhändler Johann Caspar Leemann und dem Tessiner Giacomo Borsar erfundenen Betonfässer (bekannt unter dem Namen Borsaris) kommen mehr und mehr auf und ersetzen oder ergänzen die bis dahin üblichen Holzfässer. Sie sind einfacher zu reinigen, nehmen ein Minimum an Platz ein und mindern überdies die Verluste durch Verdunsten. Im Zeichen
der Rationalisierung bieten die Borsaris viele Vorteile im Zusammenhang mit der Modernisierung und der raschen Ausbreitung der Rebberge, wie sie innerhalb der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stattfindet.” Das Schicksal meinte es aber nicht nachhaltig gut mit der Firma, wie ein Artikel im Lokalblatt “Zürich Nord” zeigt: “Ein Beispiel für die strukturelle Veränderung im Kleinen ist die Firma Borsari in Affoltern. 1873 in Zollikon gegründet, war der Schwerpunkt bei der Herstellung von beschichteten
Fässern und Tanks für den Lebensmittelbereich. 1918 erwarb Borsari Land in Affoltern. Dort wurde im gleichen Jahr das Fabrikgebäude/Maschinenhaus erbaut. 1919 folgten Schreinerei/Schmelzerei und das Laborgebäude. (…) Ab 1927 betrieb die Firma die maschinelle Fabrikation von Ebonplatten, 1960 wird die Borsari-Epoxid-Beschichtung erfunden. Die Nachfrage war so gross, dass bald Niederlassungen in der ganzen Welt eröffnet wurden. Ab 1962 machten sich allmählich finanzielle Einbussen wegen des Verlusts des nordafrikanischen Absatzgebietes bemerkbar. 2005 stellte die Firma den Betrieb ein, die Liegenschaft in Affoltern wurde verkauft.” An der Qualität der Tanks im Jura kann es nicht liegen: Der Innenraum - mit Glasplättchen belegt – sieht intakt aus, und aussen gibt es ein paar Spälte, aber ich hätte keine Bedenken, die Borsari-”Fässer” wieder zu füllen. Rémy auch nicht, er will sie künftig als Regenwassertanks nutzen. Wenn das der Grossvater gewusst hätte…
