Archiv für Juli 2011

Die grössten Einkaufstouristen: Coop & Migros

Juli 29, 2011

Der Einkaufstourismus hat sich für den Schweizer Detailhandel nach einigen ruhigeren Jahren dank dem rekordtiefen Euro-Kurs wieder zum Problem entwickelt. Nun wird wieder die alte Leier hervorgenommen: Es sei “unpatriotisch”, im Ausland einzukaufen, lamentierte Coop-Chef Loosli kürzlich in einem Interview in der Sonntagspresse. In der Tagesschau doppelte gestern Migros-Sprecher Urs Paul Naef nach: Nachdem man jahrelang den Bauern den Schwarzpeter zuschob, erhalten nun die Importeure diese Karte zugespielt. Es gebe absurde Beispiele, wo man als Grossverteiler im Einkauf bis zu 70 Prozent mehr zahle als der Konsument in Deutschland im Endverkauf, jammert Naef. Deshalb fordert Migros in einem Schreiben von den Importeuren nun eine Weitergabe der Währungsgewinne. Man könnte direkt Mitleid kriegen mit dem Schweizer Detailhandel. Nur gilt es ein paar Sachverhalte zu relativieren. Erstens, so erklärt die Vertreterin der Markenartikel-Importeure im selben Tagesschau-Beitrag, gäben die Grossverteiler die Währungsgewinne selber nicht vollumfänglich weiter. Das glaube ich sofort, zumal sich Coop und Migros nach wie vor wehren, ihre Einkaufspreise offenzulegen und zudem bekanntermassen immer noch deutlich höhere Bruttomargen einstreichen als die europäische Konkurrenz. Zweitens basiert ein Grossteil der Einkünfte der orangen Riesen ebenfalls auf Einkaufstourismus, namentlich bei den Landwirtschaftsprodukten. Der Verkauf von ausländischem Käse und Fleisch zum Beispiel ist ein hyper-lukratives Geschäft für die Grossverteiler. Günstig Einkaufen auf europäischen und Übersee-Märkten und dann mit satten Gewinnen an die Schweizer Konsumenten verkaufen. Das ist Einkaufstourismus en gros und mindestens so unpatriotisch, wie Heiri Müllers Samstagsshopping in Konstanz.  Darum, lieber Herr Loosli, lieber Herr Naef, werfen Sie im Glashaus sitzend lieber keine Steine. (Bilder Andreas Eggenberger/Keystone (oben), Jeanine Schranz/NZZ)

  

Serie(2): Heuen mit Laubbläser auf dem Prüfstand

Juli 27, 2011

Der Agroblog ist weiterhin im Spargang, wobei dieser schlecht mit Hitze begründbar ist. Anyway, wir widmen uns heute dem Heuen, leider im Moment ein bisschen ein Va-Banque-Spiel. Inspiriert hat mich eine weitere Serie, diesmal von unserem Service Public, genauer den Regionaljournals von Schweizer Radio (man zahlt ja immerhin kräftig Gebühren und fühlt sich deshalb mehr als berechtigt, sich zu bedienen). Die Geschichten aus der Serie Schneller - Lüüter - Schöner befassen sich mit den genannten Steigerungsformen. Im Bereich Lüüter, also lauter, für alle germanischen Leser, befasste man sich kürzlich mit einem Bauer, der wie immer mehr seiner Kollegen zum Heuen in steilen Lagen einen Laubbläser benützt (hier gehts zum Beitrag). Ich muss sagen, dass ich den Laubbläser bisher für ein wenig gefreutes Gerät hielt, etwa dann, wenn unser Kolonie-Abwart mit Getöse feuchte Blätter entfernen wollte, die so fest kleben, dass er ohne sichtbares Ergebnis einen Kanister Benzin verbrennen musste. Item, im Berggebiet könnte so ein Laubbläser aber jetzt durchaus Sinn machen, scheint es mir. Namentlich, wenn man dadurch einen halsbrecherischen Einsatz mit Terratrac oder Reform Muli vermeiden kann. Allerdings, und das ist auch irgendwie wieder typisch und herzerwärmend schweizerisch, muss die Sache jetzt zunächst einmal wissenschaftlich getestet sein. Agroscope und Pro Natura untersuchen, ob durch den Gross-Föhn allenfalls Heugümper und anderes Getier weggeblasen und dadurch unbotmässig gestört werden könnten. Daneben gabs allerhand Proteste wegen Lärm, berichtet Bauer Odermatt (oben rechts im Bild). Von den Klägern habe sich allerdings niemand bereit erklärt, selber zum Rechen zu greifen, um den Bläser zu ersetzen. Eine schöne Sommergeschichte. (Bild SRF) 

Sens(en)ationelles über Zaunbau- und Mähmeister

Juli 24, 2011

Im Sommer läuft die Stoff-Vorratskammer des Durchschnittsmediums nicht gerade über, drum weicht man gerne auf Serien aus. Der Landwirtschaftliche Informationsdienst tut dies heuer sehr unterhaltsam, er thematisiert die nicht gerade alltäglichen Meisterschaften im Agro-Business. Da wären einmal das möglichst schnelle und präzise Handmähen, welches man unter diesem Link findet. Dem Sieger an der künstlich abgehaltenen Ostschweizer Meisterschaft mit nicht weniger als 202 Teilnehmern genügte eine gute Sekunde pro Quadratmeter. Nicht schlecht auch die Schweizer Meisterschaft im Zaunbau, die Anfang Juli über die Bühne ging. Der Sieger brauchte eine Stunde um eine umfangreiche Anlage zu Zaunen, gejubelt wird aber nicht nur auf Grund der Zeit, zuerst muss die Präzision der Drahtführung nachgemessen werden. Danke dem LID, dass ich nicht mal selber eine Serie machen musste, um die Saure-Gurken-Zeit zu überwinden! (Bilder Eveline Dudda/LID, Michael Wahl/LID) 

Neue Spannweite für den Schutz rarer Spezies

Juli 22, 2011

Die Schweiz hat zusammen mit Norwegen und Deutschland eine Million Dollar für den Schutz alter Nutztierrassen weltweit bereitgestellt. Dieser Schritt über die Landesgrenzen hinaus ist begrüssenswert, denn was nützt das heimatlich bestallte Gärtchen mit einer Arche Noah von Schwarznasenschafen und Appenzellergeissen, wenn derweil weltweit bewährte Tiergenetik wegen fehlender Mittel verlorengeht? Mit der Million werden Projekte im Rahmen des FAO-Aktionsplans für tiergenetische Ressourcen unterstützt. Eines davon ist die Intensivierung der Zucht von Ankole-Rindern in Ruanda (siehe das eindrückliche Bild). Der Plan wurde zwar schon 2007 in Interlaken verabschiedet, aber manchmal braucht es halt seine Zeit, bis die Mühlen der internationalen Zusammenarbeit auf Touren kommen. Gegen die Förderung der Appenzellerziege durch Bund und Pro Specie Rara sei übrigens hiermit nicht etwa das Kleinste eingewendet. Im Gegenteil. Zum Beweis hier ein schönes Bild von der sehr sehenswerten Website von offensichtlich guten Freunden der Rasse. (Bild oben Blog von Shivaun Caffrey)
 

140-Zeichen-Schlaglicht auf somalisches Schicksal

Juli 19, 2011

In den letzten Tagen las man viel von der Dürre am Horn von Afrika. Das ganze bleibt einem aber doch nur abstrakt als Schlagzeile im Kopf hängen. Um das zu verändern genügen manchmal 140 Zeichen. Auf Twitter schrieb heute Rose Ogola, Informationsbeauftragte des World Food Programme für Kenya folgendes: “Adan lost his livestock 2 drought. He trekked with family for 22 days to Dadaab from Somalia 2 escape same fate.” Dazu hat sie das obenstehende Bild gestellt. Und plötzlich hat die Geschichte ein Gesicht, oder gleich sieben Gesichter. Man kann sich vorstellen, wie mühselig und gefährlich dieser 22-Tage-Trip aus dem bürgerkriegsgeplagten Somalia nach Kenya war, bei Temperaturen von wahrscheinlich um die 40 Grad. Und das mit der Belastung im Hinterkopf, die gesamte Lebware verloren zu haben. Diese Kraft kann man nur bewundern. Weitere eindrückliche Twitter-Bilder von Rose Ogola finden sich hier.

Dont walk on grass – eat it

Juli 17, 2011

Interessanter Artikel in der Bauernzeitung: “Gesunde Kühe, die auch ohne Kraftfutter auskommen” heisst der Titel über der Geschichte von Hanspeter Schenk. Der jurassische Biolandwirt aus Renan füttert sein Vieh konsequent nur mit dem eigenen Gras: Im Sommer Dauerweide und im Winter Heu. Die jährliche Milchleistung beläuft sich auf 4900 Kilo. Das ist bescheiden im Vergleich zu den geschätzten gut 8000 Kilo Durchschnittsleistung in Betrieben mit intensiver Kraftfutterverabreichung. Die Differenz von rund 60 Prozent holt Schenk beim Milchpreis allerding gleich wieder rein. Er verkauft seine Milch an die Käserei St. Imier, die daraus den Renan Bio-Demeter herstellt. Pro Kilo erhält Schenk laut dem Artikel 83 Rappen pro Kilo, etwa 60 Prozent mehr als die gut 50 Rappen, die heute für Verkehrsmilch bezahlt werden. Natürlich ist die Menge, die über solche Spezialitäten und zu einem solchen Preis vermarktet werden kann begrenzt. Schenk profitiert aber zudem nicht nur von massiv tieferen Futterkosten, sondern auch von ausgezeichneter Tiergesundheit und damit Langlebigkeit der Kühe, wie die Bestandestierärztin im Artikel schwärmt. Soll mir keiner sagen, dass der Verzicht auf Kraftfutter nicht wirtschaftlich sein kann.  Das ganze wird übrigens auch  wissenschaftlich begleitet im Projekt ”Feed no Food” des Forschungsinstitut für biologischen Landbau. Aus meiner Sicht in Zeiten der mittelfristig absehbaren weltweiten Nahrungsmittelknappheit ein visionärer Ansatz.  

Plastickuh und ein paar echte (mit Sommerquiz)

Juli 14, 2011

Mein lieber Kollege Chrigel hat mir verdankenswerterweise wieder einmal ein paar Kuhbilder zugesteckt. Er war unterwegs, die Frage ist jetzt nur wo: Den kleinen Agroblog-Sommerquiz gewinnt, wer als erstes mitteilt, wo das hübsche behornte Plastictier beheimatet ist. Zwei kleine Hinweise, man beachte die Skyline, vor allem das markante Objekt zwischen Kuhgring und Sonnenschirm, und zweitens ist auch der Name der Wirtschaft eng liiert mit dem Tier im Bild. Hinweise entweder in der Kommentarspalte oder diskret via adimali@gmx.ch. Erster Preis: Ein Holzchueli oder ein netter Käs, frei nach Wahl. Zur Ergänzung und möglicherweise als Spur für ganz gefitzte hier noch zweimal lebendige Kühe. Sie sind übrigens nicht etwa aus der Luft fotografiert, sondern mit Teleobjektiv von der gegenüberliegenden Seite. (Bilder Christian Beutler)

 

Braucht es noch zwei Bauernzeitungen?

Juli 11, 2011

Ein nicht allzu unwichtiger Exponent der Schweizer Agrarszene bezeichnete sie kürzlich beide als unbrauchbar. Ohne sie ginge es den Schweizer Bauern wenn nicht besser so doch sicher nicht schlechter, meinte der Mann. Die Rede ist von Bauernzeitung (BZ, aka Bauern-Pravda) und Schweizer Bauer (SB, aka Bauern-Blick). Ich würde mit den wichtigsten Agrar-Fachblättern nicht so hart ins Gericht gehen, wie mein kürzlicher Gesprächspartner. Beide bieten ein handwerklich meist einwandfreies Rundumpaket: Aktuelle Geschichten, interessante Reportagen, Beratung, Marktpreise. Aber braucht die schrumpfende Agrarszene wirklich zwei wöchentlich ein (BZ) bzw. zwei mal (SB) erscheinende konkurrenzierende Zeitungen? Dafür spricht, dass Konkurrenz das Geschäft belebt und Meinungsvielfalt erstrebenswert ist. Aber wie gross ist denn die Meinungsvielfalt? Beide Blätter pflegen ihre Gärten: Die verbandseigene BZ ist das Sprachrohr der Organisationen und der SB aus dem Hause Tamedia ist die Lobby der Liberalisierungs-kritischen Mainstream-Bauern. Letztlich resultiert das gleiche Profil. Man verzichtet bei beiden Blättern weitestgehend darauf, auch einmal eine provokative Position einzunehmen und damit zum Denken anzuregen, wohl aus Angst, die Leser und die Inserenten zu verärgern, wobei man der Gerechtigkeit halber sagen muss, dass dies auch in der Publikumspresse häufig der Fall ist. Der Effekt ist, dass sich die beiden Blätter in vielem gleichen wie ein Ei dem anderen, auch wenn der SB im Schnitt noch etwas spritziger daher kommt. Unter dem Strich könnte man die Titel wohl ohne Schaden für die Landwirtschaft zusammenlegen oder unter einem Dach zusammenführen. Vielleicht wäre es einem Monopolisten - neben den resultierenden Synergieeffekten – sogar einfacher möglich, etwas selbstbewusster aufzutreten und nicht ständig nach der Pfeife der diversen Lobbys zu tanzen. Hinter den Kulissen wird bereits eifrig an der Zusammenführung gearbeitet, aus Spargründen und weil Tamedia die Fachpresse abstossen will. Am wahrscheinlichsten ist wohl eine Fusion unter dem Dach der Agrarmedien GmbH, der Herausgeberin der BZ. Das wichtigste ist aber nicht, wer der neue Besitzer ist, sondern dass dieser der Redaktion/den Redaktionen die völlige publizistische Freiheit gewährt. Denn die Bauern brauchen kein bedingungsloses Sprachrohr, sondern einen Sparringpartner, der sie auch einmal vor den Kopf stösst.

Ferien-Ersatz-Kuhbild aus Nosy Bé

Juli 9, 2011

Die Ferien nahen, leider muss ich noch ein paar Woche ausharren. Drum kam mir dieses Bild grad kommod. Es stammt aus Nosy Bé. Schon mal gehört? Ich auch nicht. Die Legende dazu auf Spiegel online: “Grosse Badewanne: Ein Junge wäscht sein Zebu am Strand Madirokely, zehn Kilometer vor der Nordwestküste Madagaskars auf der Insel Nosy Bé.” Laut Wikipedia leben die 60 000 Einwohner von Tourismus und Subsistzenzlandwirtschaft. Wahrscheinlich nicht auf grossem Fuss, nehme ich an. Ich nehme die Grosse Insel (Nosy Bé auf deutsch) und die Hauptstadt mit dem idyllischen Namen Hell-Ville mal auf die lange Liste von möglichen Ferienzielen… Viel mehr über Madagaskar findet sich übrigens in diesem detail- und kenntnisreichen Online-Lexikon. (Bild Ami Vitale/Spiegel online)

Migros: Aus dem Ausland, für das Inland

Juli 7, 2011

Die Migros schmückt sich ja gerne mit ihrem Bekenntnis zur Schweizer Landwirtschaft. Swissness wird grossgeschrieben und das Label “Aus der Region – für die Region” gepusht, wo es geht. Nun war ich gestern wiedermal im Keller des Zürcher Hauptsitzes einkaufen. Wie eigentlich meistens strotzt es in den Teaser-Theken unweit des Eingangs nur so von ausländischem Fleisch. Man findet dort Entrecôte aus Irland, Poulet-Cordon-Bleu aus Brasilien, Pouletschnitzel aus Deutschland und Ungarn, sowie etwas weiter hinten Pferdesteaks aus Kanada und Schweins-Medaillons aus Deutschland. Nun, grundsätzlich bin ich ja nicht für Protektionismus, aber ein Grossverteiler der Woche für Woche zum Beispiel im hauseigenen Magazin soviel Aufhebens um seine Nähe zur heimischen Landwirtschaft macht, sollte ein bisschen sensibler agieren. Nehmen wir das Beispiel Schweinefleisch. Dem ”Schweizer Bauer” vom letzten Samstag entnehme ich, dass sich die Schweinepreise derzeit auf einer “drastischen Talfahrt” befinden. Trotzdem deckt sich Migros im Ausland ein. Das zweite Hauptproblem an den Fleischimporten ist, dass sie praktisch hundertprozentig aus nicht näher definierter Produktion ohne Label stammen, während man sich gleichzeitig im Inland mit den Terra-Suisse- und Bio-Labels als grosser Tierfreund etabliert. Für Coop gilt übrigens dasselbe. Kürzlich sind die beiden orangen Riesen an die Kasse gekommen, weil sie Schweinefleisch aus Deutschland importieren, das von narkosefrei kastrierten stammt. Geändert hat dies an der Einkaufspolitik offenbar nichts. Es erstaunt mich wenig, denn die Margen, die beim Importfleisch winken, sind schlicht zu verlockend. 


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