Archiv für September 2011

RoMania Roadmovie(1): Moldova

September 30, 2011

Zurück in Rumänien. Es braucht nie viel, um mich davon zu überzeugen, dass ich wieder einmal gehen sollte. Diesmal war der Auslöser ein Fussballmatch. Der FCZ spielte gestern in der Europa League gegen Vaslui (was natürlich auch journalistisch eine kleine Ernte einbrachte). Der Präsident des jungen Vereins übrigens ist ein Agrar-Oligarch namens Adrian Porumboiu (passender Name, da porumb auf rumänisch Mais heisst, aber dazu später mehr). Item, der Weg nach Piatra Neamt, wo das Spiel stattfand, ist so weit, dass es sich nicht lohnt, nur einen Tag zu bleiben. Das heisst viele Kilometer in der Dacia und in Rumänien ist die Landwirtschaft ausserhalb der Metropolen so omnipräsent, dass von diesem Reisli auch einiges für den Blog rausschaut. Das oben stehende Bild ist immer noch sehr typisch für die rumänischen Strassen. Pferdefuhrwerke verkehren auch auf den Hauptverkehrsachsen, auch nachts und das meistens ohne Licht, oder wenns gut geht hält der Kutscher noch eine Taschenlampe auf. Pferde sind also omnipräsent. Im Dorf Adjudeni ist mir dieses begegnet:
Es musste warten, weil seine Besitzer mit dem abladen der Maisernte beschäftigt waren, wie man hier sieht:
Mais ist in Rumänien eines der Grundnahrungsmittel für Mensch und Tier. Es wird von den Subsistenz-Bauernfamilien, schätzungsweise mindestens ein Drittel der rumänischen Bevölkerung dürfte sich so über Wasser halten, häufig von Hand geerntet, dann in offenen gedeckten Käfigen gelagert und schliesslich zu einem Gries-Mehl gemahlen, das dem Tier roh als Futter verabreicht und dem Menschen als Polenta (rumänisch Mamaliga) verabreicht wird. Die Nationalspeise ist Familie Porumbescu gerne zusammen mit einem Schafkäse (Brinza de burduf) und rohen Zwiebeln. Ein rustikaler Leckerbissen, der gut füllt, wie ich heute zu Besuch bei alten Freunden in Moldawien wieder einmal feststellen durfte. Catharina, die auf dem Bild unten das Maismehl präsentiert, ist eine begnadete Köchin, die unter anderem auch gerne im Salzwasser konserviertes Gemüse serviert. Im Bild Gogonelle murate (das sind grüne Tomaten) in der Entstehungsphase. Auch ihre Varza murata, der eingelegte Kabis, ist fast allein eine Reise wert, vor allem wenn die Blätter gefüllt mit Fleisch, Reis und Gewürzen als Sarmale (eine weitere Nationalspeise) auf den Tisch kommen.
Zuhause produzieren die meisten Moldawier auch ihren Wein und den Schnaps sowieso. Auf der Fahrt durch den Judet (so heissen hier die Kantone) Vrancea, einem grossen Rebbaugebiet sind mir gestern am Strassenrand grosse Menschentrauben beim Traubenhandeln aufgefallen. Die Bauern verkaufen direkt ab Feld an die Kundschaft. Einer dieser Händler, der lustigerweise Bier statt Wein trank, hat mir erklärt, dass das Kilo etwa 35 Rappen kostet, je nach Qualität etwas mehr oder etwas weniger. Gehandelt wird in Säcken oder Bananenkisten. Auf der ganzen Weiterfahrt strotzte die Hauptstrasse nur so von abenteuerlich beladenen Gefährten mit aufgetürmten Traubenbergen.
Nun, wie gesagt, der erste Teil dieses Roadmovies führt durch Moldawien. Die Region am östlichen Rand Rumäniens, eingeklemmt zwischen den Karpaten und der gleichnamigen Republik, ist nicht gerade eine Boomregion. Trotzdem soll hier nicht das Bild einer vollkommen rückständigen Gegend gezeichnet werden. Das landwirtschaftliche Potenzial ist riesig. Die Böden sind gut, die Niederschlagsmenge meist ausreichend für die klassischen europäischen Ackerfrüchte und Gemüse und das Land meist topfeben. Manchmal fühlt man sich fast ein bisschen an Kanada erinnert, wie das nächste Bild vielleicht zu illustrieren vermag.
In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich neben den Selbstversorgungs-Bauern grosse Investoren in der Landwirtschaft etabliert. Sie bewirtschaften tausende von Hektaren und/oder halten ebensoviele Tiere. Die Gesellschaften haben vielfach Infrastrukturen aus kommunistischer Zeit übernommen und agieren als Latifundisten mit zahlreichen Angestellten aus den angrenzenden Dörfern. Dasselbe gilt für internationale Saatgutkonzerne, die in Rumänien ideale Bedingungen vorfinden: günstiges Land, grosse Flächen, wenig Hindernisse (Stichwort GVO-Saatgut). Die florierenden Agrargesellschaften sind häufig vertikal integriert und tragen fantasievolle Namen wie Agrinvest, Agricola International oder im Falle von Fussball-Investor Porumboiu Racova. Sie versuchen – ganz Unternehmer - mit imposanten Hauptquartieren und grossen Plakaten am Strassenrand auf sich aufmerksam zu machen. Einem dieser Plakate bin ich gefolgt. Es führte zu einem gigantischen Schweinestall, der allerdings so hermetisch abgeriegelt war, dass er kein Blick ins Innere des Areals erlaubte, möglicherweise ist das besser so. Die Exkursion zum Schweinestall bescherte mir noch eine lustige Kuhgeschichte. Ich traf auf eine herrenlose Herde, die in einem kleinen Dorf von der Gemeinschaftsweide kam. An der Kreuzung strebten die Kühe – meist nur eine pro Bauer - ohne Begleitung auseinander, um ihren Heimen zuzustreben. Eine Frau am Strassenrand versicherte mir, dass alle genau wüssten, wo sie hingehören. In anderen Dörfern mit mehr Verkehr, begleiten die Bauern ihre Kuh nach Hause, an der Leine, wie ein Hund.
 

Der Tanz auf der Nase ist noch nicht vorbei

September 29, 2011

Man lasse sich vom pittoresken Kuhbild von der Zürcher Goldküste (ja, es ist noch nicht alles zubetoniert dort) nicht täuschen. Es geht hier nicht um Idyllisches. Aber immerhin um einen längst fälligen, wenn auch wahrscheinlich zu späten Gesinnungswandel. Die Schweizer Milchproduzenten (SMP), oder zumdindest ihr Vorstand, wollen sich nicht länger auf der Nase rumtanzen lassen und haben deshalb den Ausstieg aus der Branchenorganisation Milch (BOM, auch bekannt als BOMerang) beschlossen, sekundiert wurden sie dabei vom Bauernverband (SBV), der sich via Medienmitteilung lauthals über den neuesten Coup der BOM, eine Richtpreissenkung um 4 Rappen beklagt hat. An sich ist es begrüssenswert, dass die Produzentenvertreter den Tanz auf ihrer Nase beenden wollen. Allerdings ist das nicht so einfach, wenn dort schon fast so etwas wie eine Discothek eingerichtet worden ist. Das Tanzorchester hört nicht einfach auf zu spielen, da kann der Besitzer der Nase noch so lange die Polizeistunde ausrufen. Der Verbandsführung (der SMP und des SBV) fehlt der nötige Einfluss auf die Mitglieder. Wenn es dazu noch eines Beweises gebraucht hätte, dann wurde er an der letzten Vorstandssitzung der BOM geliefert: 8(!) von 10 Produzentenvertretern stimmten dort für die Preissenkung. Das zeigt, wie weit sich die Bauern von einer brancheninternen Solidarität entfernt haben, die nötig wäre, um gemeinsam eine Mengenkontrolle durchzusetzen. Leicht wehmütig erinnert man sich da an Kanada, wo die Milchproduzenten mit einem straffen Supply Management dafür sorgen, dass immer ein Liter Milch zu wenig auf dem Markt ist. Der Preis liegt über demjenigen hierzulande. Ohne dass dies den Staat einen Dollar kosten würde. (Danke Lukas und Monika für die flotten Helgen aus Herrliberg und dem Engadin!)
    

Innerbäuerlicher Hosenlupf auf dem Kulturland

September 26, 2011

“Denn sie wissen nicht, was sie tun!” titelte der “Schweizer Bauer” (SB) am Samstag seinen Kommentar auf Seite 3. Hoppla, wer kommt denn da an die Kasse, fragt sich der geneigte Leser. Normalerweise sind es der Bundesrat, das Bundesamt für Landwirtschaft, die Behörden ganz generell, die Grossverteiler oder die Umweltschützer, die hier vom “Bauern-Blick” die Leviten gelesen erhalten. Aber heute, man staunt, müssen die Bauernpolitiker, namentlich die von der SVP dran glauben, allen voran eine der Ikonen des ländlichen Raums, Hansjörg Walter, seines Zeichens Präsident des Bauernverbands (SBV). Obwohl der SB keine Verbandszeitung ist, sind solche Anwürfe selten. Man hält zusammen zwischen grüner Presse und Bauern-Lobby, den verbalen Zweihänder spart man sich wenn überhaupt eher für das Hinterzimmer. In diesem Fall geht es um die Landschaftsinitiative, beziehungsweise den milden Gegenvorschlag, der eine Mehrwertabgabe für Umzonungsgewinne vorsieht. Dieser ist vergangene Woche im Nationalrat diskutiert worden und unter anderem am praktisch geschlossenen Nein der Landwirtschaftsvertreter gescheitert. Einzige Gegenstimmen im bäuerlichen Nein-Chor bildeten SBV-Direktor Jacques Burgeois (FDP, FR) und Laurent Favre (FDP, NE). Die markigen Worte des “Schweizer Bauern” an die Adresse der parlamentarischen Lobbyisten sind mehr als gerechtfertigt (rechts im Bild der ganze Text zum anklicken, da leider nicht online erhältlich). Die Bauernvertreter verpassen keine Gelegenheit, um den Kulturlandverlust zu beklagen, wenn es aber ums Eingemachte oder eben eine Verschärfung der Raumplanungsgesetzgebung geht, dann ziehen sie den Schwanz ein. Argumentiert wird dann, wie dies SVP-Präsident und Landwirt Toni Brunner ein paar Seiten weiter hinten in der gleichen Ausgabe des SB tut, mit alten Totschlag-Argumenten. Bei der Mehrwertabgabe handle es sich um ein “sozialistisches Instrument”, erklärt Brunner. Er schlägt stattdessen vor, man solle den Schutz des Waldes lockern. Das Kulturland sei nämlich vor allem durch dessen Wachstum und durch Renaturierungen bedroht, durch die “zig Hektaren beste Böden zerstört werden”. Ziemlich schwache Argumente, wenn man weiss, dass immer noch ein Quadratmeter Kulturland pro Sekunde durch Bautätigkeit versiegelt wird. Die inkonsequente Haltung der bäuerlich-bürgerlichen Phalanx hat zwei Hauptgründe: Erstens muss man die Gewerbler, namentlich die Baugewerbler in den eigenen Reihen bei Laune halten. Zweitens ist immer noch manch ein Bauer selber (Bau-)Landhändler und hätte im Falle einer Mehrwertabgabe mit empfindlichen Einbussen auf seinen Gewinnen zu rechnen.    

Kuh auf Holzschnitt aus Rheintal

September 24, 2011

Heute zu Besuch bei Freunden sprang mich sofort diese Kuh an, bzw. mein Auge darauf. Das Bild ist ein Holzschnitt von Jürg Jenny aus Balgach, genau, im Rheintal. Ein starkes Stück, auch wenn die Abbildung meinerseits nicht besonders gelungen ist. Künstler Jenny ist 66 und hat sich auch mit Polyester- und Holzplastiken einiges Renommee erworben und wie es sich gehört mit einem seiner Werke für Missmut gesorgt. Sein Minotaurus aus Pappelholz habe sowohl im Rheintal wie auch im Appenzell die Gemüter erregt, liest man.  

CanadAgventure(Epilog): Are the farms alright?

September 22, 2011

Längst wieder zuhause ist mir via Facebook ein Link zugeflogen (thanks Janet!). Er führt zu einem lesenswerten langen Artikel im Magazin Walrus und heisst “The farms are not all right“. Der Text eignet sich gut für einen kleinen Epilog zur Kanada-Reise. Autor Chris Turner wirft aus der Perspektive des städtischen Konsumenten einen Blick auf den Zustand der Landwirtschaft in der Provinz Alberta. Ausgehend von der Geburtstagsparty seiner Tochter zeichnet er ein düsteres und zugleich verhalten optimistisches Bild der Landwirtschaft in seiner Heimat. Die Farmer, die er besucht, kämpfen mit den gleichen Problemen, wie die Kollegen hierzulande. Sinkende, beziehungsweise stark schwankende Produktepreise, tendenziell steigende Kosten für die Produktionsfaktoren, Überalterung der Produzenten, Vernachlässigung der Forschung für die nachhaltige Bewirtschaftung der Erosions- und Verschmutzungsgefärdeten Produktionsgrundlagen und eine Konsumentenschaft, die immer noch mehrheitlich über den Preis einkauft. Diese Probleme sind besonders virulent bei den Produkten, deren Preis vom volatilen Weltmarkt diktiert wird, so wie Getreide, Mais, Rind- und Schweinefleisch. Ich erinnere mich an den Schweinehalter, der vom “Perfect storm” auf den Märkten berichtete (siehe CanadAgventure7), der Tausende von Kollegen in den Ruin trieb. In den Sinn kommt mir aber auch der Milchproduzent, der stolz davon berichtete, wie er seine Töchter dank dem hohen Milchpreis in die Privatschule schicken konnte (siehe CanadAgventure2). Selbst die Milchproduzenten sind aber trotz stabilen Erlösen nicht vor Engpässen gefeit. Die Einkommensunterschiede sind riesig und zahlreiche Betriebe zehren von der Substanz. “Canadas cheap food policy has produced an agribusiness sector that broadcasts the mixed signals of a system under severe stress”, bilanziert Autor Turner. Das ist nicht nur die Folge der Wechselkursproblematik (stark gesunkener US-Dollar), der die exportorientierte kanadische Landwirtschaft stark belastet und des ruppigen Klimas zwischen Neufundland und British Columbia sondern auch der Auswirkungen von intensiven Produktionssystemen – zum Beispiel Tierseuchen und zunehmenden Resistenzen gegen Pflanzenschutzmittel. Turner zeigt uns auch einige ermutigende Beispiele, zum Beispiel von Farmern, die dank Extensivierung Kosten senken und von erstarkenden Local-food-Movements (siehe CanadAgventure4) profitieren können, und deshalb zumindest vorläufig all right sind. Er benutzt in diesem Zusammenhang den schönen Begriff der Locovores. Allerdings ist der Anteil der bewussten Konsumenten nach wie vor verschwindend klein. Unter dem Strich bleibt das Bild eines Sektors, der trotz den zumindest flächenmässig grosszügigen natürlichen Voraussetzungen hart um das Überleben kämpft. Ich kann mich Turners Schlussfolgerung nur anschliessen: “We all owe the Canadian farmers a great debt of gratitude for doing a vital, literally live-giving job few of us are willing to do for ourselves”. (Illustration Scott McKowen, The Walrus)

CanadAgventure(8): And the winner is…

September 19, 2011


… Alex de Haan from the Netherlands. Aufmerksamen Lesern wird auffallen, dass dieser Beitrag leicht geändert wurde. Ursprünglich war das flotte Kuhbild unten als Sieger des letzte Woche in Niagara Falls verliehenen IFAJ-Fotowettbewerbs angepriesen worden. Das ist aber falsch. Gewonnen hat als Gesamtsieger nämlich nicht das Bild “Cows in the mist” (eine schön doppeldeutiger Titel für Deutschsprachige), sondern “Man with sheep”. Die Bilder stammen beide von Alex de Haan. Mit den Kühen hat er aber nicht den Gesamtpreis sondern nur in der Kategorie Natur/Landschaft des IFAJ-Starpreises gewonnen. Das Schafbild dagegen hat nicht nur in der Kategorie Produktion obenaus geschwungen, sondern auch noch im Gesamtklassement. Dritter beziehungsweise zweiter Sieger ist in der Kategorie Leute der Australier Marc Griffin mit seinem Bild namens “Locust plague” oder “Heuschreckenplage”. Herzliche Gratulation an beide Fotografen!

CanadAgventure(7): Lessons in diversity

September 16, 2011

Angesichts der fortgeschrittenen Stunde bietet der Agroblog erneut ein bilderreiches und relativ textarmes Konzentrat eines abwechslungsreichen Tages. Wir fahren heute – es ist immer noch der IFAJ-Kongress – auf dem Weg quer durch Ontario Richtung Lake Huron. Der Tag beginnt mit einem Farmers Market in St. Jacobs. Das Highlight ist dort neben einer unglaublich aromatischen Tasse Schwarztee der Marke “Irish Breakfast” aus dem Kartonbecher (mit integriertem Filter zwecks Abhaltung des Krauts) die Viehversteigerung. Der Gantrufer ist ein Poet, sein atemloser Singsang – unterstrichen von ein paar Handzeichen – dauert rund 20 Sekunden, und schon ist das nächste Stück Vieh an der Reihe. Beeindruckend tief sind wie immer die Fleischpreise. Die besten Stücke, das T-Bone oben in der Mitte etwa, gibts für gut 20 Franken das Kilogramm ( in der Heimat schätzungsweise ein knapper Hunderter). Allerdings bin ich arg enttäuscht, als mir der Metzger erläutert, dass die Tiere ohne Auslauf auskommen müssen. Mein Kollege Lorne McClinton (im Bild), der unter anderem für das John-Deere-Magazin Furrow arbeitet, klärt mich auf: In Ontario findet Tierhaltung praktisch ausschliesslich in Hallen und Ställen statt. Ganz anders in den weiten Prärien von Manitoba, Saskatchewan und Alberta. Dort weidet das Schlachtvieh unter freiem Himmel auf Ranchland und wird in sogenannten Feedinglots in den letzten 6 Monaten des zweieinhalb Jahre dauernden Lebens ausgemästet. Ein interessantes System, das hier sicher nochmal zur Sprache kommen wird. Dass Ontario Indoor-lastig ist, bestätigt sich wenig später beim Besuch in einem Schweinebetrieb, dieser ist weiträumig abgesperrt. Aber es sieht nicht nach Freilandhaltung aus. Die Schweinehalter haben den “Perfect storm” hinter sich, wie uns der ehemalige Präsident der kanadischen Branche vor der Kaffeepause erklärt. Er habe nie so viel geweint, wie in seinem letzten Jahr als Obmann. Die exportorientierte Produktion verminderte sich innert 5 Jahren um 25 Prozent. Hauptgrund: Die Erstarkung des Kanadadollars (Can$)  gegenüber der US-Währung. Bis vor zehn Jahren erhielt man für einen Can$ rund 70 US-Cents, heute gilt er rund 1.10 US$. Doch lange vergiesst man hier keine Tränen. “We reduced costs”, sagte Alt-Präsident Schlegel: 20 Dollar pro Zuchtsau und Jahr, das tönt bescheiden, aber es ist symptomatisch. Im hiesigen Agrobusiness wird gerechnet, bis auf den Dime. Der Milchproduktion geht es da deutlich besser. Die Mengensteuerung durch die Produzenten (siehe auch CanadAgventure(2)) ist eine Erfolgsgeschichte (mehr dazu hier), auch wenn sie für ein Land aus der Cairns-Gruppe, das sich an sich für Freihandel ins Zeug legt, etwas unorthodox erscheinen mag. Auf der Athlone Farm liegt der Stalldurchschnitt bei 10980 Kilo Milch pro Kuh und Jahr, und eine erstgekalberte Kuh, so berichtete uns Dairyfarmer Brian Anderson, gebe schon mal 13000 Kilo, da staune er jeweils selber, wo all diese Milch herkomme. Eine weitere Erfolgsgeschichte sind die kanadischen Landwirtschaftskooperativen. Wir besuchen den Leguminosenverarbeitungsbetrieb Hensall District Cooperative, die siebtgrösste landwirtschaftliche Genossenschaft des Landes. 4200 Bauern, 460 Millionen Dollar Umsatz jährlich. Die Genossenschaft vermarktet im Auftrag der Bauern Soja, Mais, Weizen und diverse Speisebohnen. Der Fokus liegt auf GVO-freien Sorten für den europäischen und japanischen Markt. Mich erstaunt dass die Bauern hier diese Nische mit einer solchen Selbstverständlichkeit besetzen. Angesichts der stattlichen Prämien (90 Cents bis 4 Can$, je nach Produkt) pro Bushel (60 Pfund, bzw. rund 27 Kilo) sind eine ansprechende Belohnung. Dazwischen ein farblich attraktiver Besuch in der Apfelplantage der Martin Family und zum Schluss ein Bedli im Lake Huron. A nice day and a lesson in diversity ( In Ontario werden rund 200 Kulturen angebaut). 
     

CanadAgventure(6): Bilderbuch zur Outdoorshow

September 14, 2011


Highlight des Tages: Canadas Outdoor Farmshow, das Woodstock des Landfreunds, die grösste ihrer Art in Kanada, seit 1994 das Mekka für das Landvolk von Ontario und viel weiter her. Dort hats mir so gefallen, wie der Kuh im Bild bei der Haarpflege. I let the pictures do the talking.
Alles ist hier gross und um ein paar Reihen breiter als an der Olma…
… inklusive dieser Bubentraum.
A happy farming couple from southern Ontario…
…Piemonteser-Züchterin Rose Stewart von Shima’s Farms
Rose Trent von “Alpacas from Eighth and Mud” bei der Verwertung der Wolle (noch nie so etwas flauschiges berührt) ihrer Alpacas. Sie lismet hier einen Teppich und nicht einen Pullover…
…and now its time for a rest. But never forget:

CanadAgventure(5): Tabara, Rodrigo & Chuck

September 13, 2011

Vor dem IFAJ-Kongress findet schon fast traditionellerweise eine sogenannte Masterclass statt, organisiert von der holländischen NGO Agriterra. Auf Einladung von Mitgliederländern und einem Sponsor kommen etwa 10 Leute aus Schwellen- und Entwicklungsländer ein paar Tage früher und erhalten etwas Weiterbildung zum Journalismus und viel Gelegenheit zum Debattieren. Tabara Yansané zum Beispiel ist aus dem westafrikanischen Guinea angereist. Sie ist Direktorin von Radio Bambou FM 89,3. Die Station wird getragen von einer Frauen-NGO mit dem rekordverdächtig langen Namen Coalition Nationale de Guinée pour la défense et la citoyeneté des Femmes (CONAG-DCF) und unterstützt von diversen in- und ausländischen NGOs. Bambou ist eine sogenannte Radio Communautaire und sendet zwischen 7 und 9 Uhr vormittags sowie 18 bis 22 Uhr abends aus der Provinzstadt Coyah. Wichtigster Inhalt: Beratung der Bäuerinnen. Rund 80 Prozent der Betriebe werden wie in Afrika typisch von Frauen bewirtschaftet. Die grössten Probleme für die Landwirtinnen: Schlechter Zugang zu Krediten, teure Produktionsfaktoren und fehlende Absatzkanäle. Bambou versucht dort auszuhelfen wos geht, namentlich mit Beratung in Anbaufragen und Promotion von Wochenmärkten in der Region. Behindert wird die Tätigkeit des Senders durch häufige Stromausfälle. Aber Tabara macht nicht den Eindruck, als lasse sie sich dadurch an ihrer Arbeit hindern, und die Hörerinnen auch nicht: “Notre radio est aimée”, sagt sie. 
Rodrigo Miro aus Rosario in der argentinischen Provinz Santa Fe hat andere Probleme. Er ist Chefredaktor von “La Tierra“, der fast hundertjährigen Mitgliederzeitschrift der Federacion Agraria Argentina (FAA). Der Verband hat rund 20000 Mitglieder im ganzen Land, etwa ein Fünftel der Landwirte im Land. Die Zahl der Leser nimmt mit derjenigen der Bauern kontinuerlich ab. In den letzten 20 Jahren sind in Argentinien etwa 100000 Betriebe eingegangen. Die Entwicklung habe ihren Anfang in den neunziger Jahren mit der neoliberalen Politik des damaligen Präsidenten Menem genommen, sagt Rodrigo. Parallel dazu wurde die Landwirtschaft auf Exportproduktion in Grossbetrieben getrimmt. Die Sojaproduktion ist dafür symptomatisch. Sie wird mittlerweile in weiten Teilen des Landes als Monokultur mit Monsanto-Saatgut betrieben. Die kleinen und mittleren Betriebe, die in der FAA vereinigt sind, werden an den Rand gedrängt (Hier ein interessanter Nebenaspekt dazu). Rodrigo versucht dem Leserschwund mit einem Webauftritt und der Präsenz auf Twitter und Facebook Gegensteuer zu geben, das Problem ist allerdings, das seine oft eher älteren Leser sich noch schwer tun mit den neuen Medien.
Mein dritter Master of Agventure von heute ist Agriblogger Chuck Zimmerman aus dem US-Bundesstaat Missouri. Er hat an der Masterclass gemeinsam mit mir einen Bloggingworkshop gegeben. Das war ein ziemlich ehrenvoller Auftritt für eine kleine Sardine wie mich im Newmedia-Ozean. Chuck ist ein Blauwal. Er lebt vom Bloggen, Twittern und Internet-Radiomachen. Seine Firma ZimmComm betreibt als Hauptkanal die Website AgWired. Er beschäftigt gemeinsam mit seiner Frau sieben Freelancer und ist buchstäblich ständig auf allen Kanälen präsent. Er covert auch den IFAJ-Kongress. Für solche Events lässt er sich sponsern und verknüpft alles aufs Feinste mit den Webpages der jeweiligen Auftraggeber. Wenn er ins Erzählen kommt über sein Businessmodell, dann fühlt man sich ein bisschen wie ein Vertreter aus der dritten IT-Welt. Passt ja zur Masterclass. Er war sich trotzdem nicht zu schade, ein Interview mit mir zu machen. Hier kann mans hören (sorry, anglais federal). Chuck hat mir übrigens noch einen schönen Ausdruck gelernt, wir seien Agvocates, meinte er, finde ich gar nicht so schlecht.   

CanadAgventure(4): Eat Local, big time

September 12, 2011

Seit zwei Tagen bin ich in Guelph, Ontario am (Vor-)Kongress der International Federation of Agricultural Journalists (IFAJ). Wir Agrar-Communicators – ja so heisst das hier -sind heute bei Stroms zu Gast. Amy und Channing bewirtschaften einen für kanadische Verhältnisse bescheidenen Betrieb mit einer Fläche von rund 25 Hektaren. Etwa 16 davon sind mit Sweetcorn bepflanzt, weitere etwa 5 mit Kürbissen. Das Business machen sie mit dem Maislabyrinth, das bald eröffnet, dem Direktverkauf von Kürbissen und Süssmais, daneben bauen sie diverses Gemüse an und backen in der hofeigenen Bäckerei Kuchen. Die Kundschaft kommt aus den mittelgrossen Städten der Umgebung. Zu den Kunden gehören auch Kids, die hier Geburtstage feiern können. Das ganze tönt für europäische Ohren nicht ganz revolutionär. Aber in Kanada ist der direkte Kontakt zur städtischen Bevölkerung für die Farmers noch eher ungewöhnlich. Stroms sind ihrerseits Teil der Organisation TasteReal, einem losen Netzwerk von Produzenten, Wirten und Detailhändlern, die sich im Local-Food-Bereich zu profilieren suchen. Das Catering für die hungrige Schar wurde von den Fraberts übernommen, great job. Mitinhaberin Jackie Fraser erzählte in 10 Minuten eine kleine Tellerwäscherstory: Von der Agrarjournalistin zur Kleinunternehmerin mit eigenem Laden, Präsenz auf Farmers Markets in der Umgebung und Catering dank Heirat mit einem Chefkoch. Local food ist ein grosses Thema hier, davon zeugt zum Beispiel der Erfolg des Buchs “The 100-Mile-Diet” (2007), für das sich ein kanadisches Ehepaar ein Jahr lang ausschliesslich mit Food aus einem Umkreis von 100 Meilen oder 160 Kilometern ernährte. Local, das kann bei Fraberts im Laden auch mal heissen: ”Blueberries from British Columbia” (ein paar 1000km westlich), räumt Jackie ein. Aber das entscheidende seien nicht Distanzen oder Labels, sondern das Vertrauen, das Bauern und Bäuerinnen von den Konsumentinnen und Konsumenten entgegengebracht wird.
 


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