Hinter und zeitweise vor den Kulissen feilschen die Agrarlobby und ihre Widersacher derzeit um die Ausgestaltung der künftigen Landwirtschaftspolitik. Revolutionäres ist nicht geplant. Das Haus steht, aber man will etwas besser isolieren und nicht mehr jeden kostenlos darin wohnen lassen. Mit anderen Worten, das System soll ökologisiert und der Bezug von Direktzahlungen (DZ) noch stärker an konkrete Leistungen gebunden werden. Ein weiteres Ziel des ungeschliffenen Pakets von AP (Agrarpolitik) 2014/17 war die Erhöhung der Bezugslimite von 0,25 auf 0,4 SAK. Dabei handelt es sich um sogenannte Standartarbeitskräfte. Damit nicht jeder Schrebergärtner Direktzahlungen beziehen kann, schreibt der Bund vor, dass mindestens 0,25 Mann oder Frau auf dem Betrieb Arbeit finden muss. Dies berechnet er wie in dieser Tabelle oder auf dem Bild unten dargestellt. Eine Hektare Nutzfläche bringt 0,028 SAK, eine Milchkuh 0,043. Wenn einer also vier Milchkühe auf vier Hektaren hält, so schlägt das mit 0,284 SAK zu Buche und der Betrieb ist DZ-berechtigt. Sind es hingegen vier Mutterkühe (à 0,03 SAK) auf vier Hektaren resultieren lediglich 0,232 SAK und damit kein Anrecht auf Bundes-Manna. Ganz im Gegensatz zu einem Rebbaubetrieb mit einer Hektare Trauben, der wegen hohem Arbeitsaufwand ganz ohne Tiere mit 0,3 SAK abgegolten wird. Item. So wie es jetzt aussieht ist die Erhöhung der SAK-Limite am Widerstand der Branche gescheitert. Darüber kann ich mich im Gegensatz zu vielen anderen Beobachtern kein bisschen aufregen. Kleinere Betriebe wirtschaften nicht a priori weniger ökonomisch oder ökologisch als grössere. Oft ist das Gegenteil der Fall, denn sie haben dank dem meistens vorhandenen Nebeneinkommen weniger ökonomischen Druck, was ihnen eine extensivere und damit in der Tendenz ökologischere Produktion erlaubt. Der Strukturwandel in Richtung grössere Betriebe wird dadurch zwar gebremst, aber Vollerwerbs-Betriebe, deren einzige Wachstumsleistung darin besteht, die Fläche und damit den Direktzahlungsbezug zu vergrössern, sind strategisch nicht besonders zukunftsträchtig ausgerichtet. Vielversprechend sind dagegen Betriebe, wo - möglicherweise auch gemeinsam mit Kollegen – versucht wird, einen mit Hilfe von (zusätzlichen) Verarbeitungsschritten möglichst grossen Teil der Wertschöpfung der Produkte auf dem Betrieb zu halten. Damit nimmt auch die Abhängigkeit von den Rohstoffpreisen ab. (Bild oben Marcel Bieri/Keystone)
Archiv für November 2011
Auch die Kleinen haben SAKgeld zu gut
November 28, 2011Die sinkende Halbwertsdauer der Agropreise
November 25, 2011
Herbstzeit ist nicht nur Erntezeit, sondern auch Preissaison. Der Re(i)gen von Auszeichnungen, der in dieser Zeit auf die Bauernsame niederprasselt ist geradezu inflationär. In den letzten Wochen wurden verteilt, halten Sie sich fest: Der Agro-Preis für Innovationen in der Landwirtschaft (oben die Gewinner von Migis Schoggigädäli), der Suisse-Tier-Wettbewerb für drei bäuerliche Innovationen und vier gewerbliche Neuheiten,
der Agro-Star Suisse für Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise um die Schweizer Landwirtschaft verdient gemacht haben, die Medaillen im Schweizer Wettbewerb der Regionalprodukte und der Bio Suisse Förderpreis für Innovationen in der Bio-Landwirtschaft. Seien Sie ehrlich: Haben Sie von irgendeinem dieser Wettbewerbe einen Sieger, eine Gewinnerin in Erinnerung? Wenn Sie nicht grad in der Jury von einem dieser durchaus ehrenwerten Kompetitionen sitzen, dann doch wohl eher nicht. Das ist genau das Problem dieser wuchernden Prixitis. Ob all der Auszeichnungen vermindert sich die Halbwertszeit einer jeden einzelnen. Die 15 Minuten Berühmtheit, die der legendäre Pop-Artist Andy Warhol für jeden einzelnen unter uns prognostiziert hat, drohen in der Landwirtschaft trotz diesem bescheidenen Plattförmchen gegen null zu streben. Dies wird noch gefördert dadurch, dass praktisch ein jeder dieser Wettbewerbe mehrere Gewinner
auszeichnet, mit Ausnahme des Agro-Stars. Und trotzdem weiss kein Mensch mehr, dass dieser 2011 von John Dupraz (oben rechts)abgeholt wurde. Migis Schoggigädäli (siehe ganz oben) hat noch die eine oder andere Kurzmeldung in der überregionalen Presse erhalten. Ob der Bio-Förderpreis über die Agropresse hinaus irgendeine spürbare Welle schlug, wage ich zu bezweifeln. Dem Preisfass den Boden aus schlägt aber der Wettbewerb der Regionalprodukte, wo 274 Medaillen verteilt wurden. Das Gewinnerbild unten, das an die Erinnerungsfoto von einer Klassenzusammenkunft erinnert, zeigt nur die Siegerinnen im Bereich Backwaren. Da wäre – um wieder einmal die alte Platitüde zu bemühen – weniger definitiv mehr. (Alle Bilder pd)

Kühe im Herbst(3): Die radikale Rasierästhetik
November 22, 2011
Letztes Wochenende bot sich an der SuisseTier in Luzern eine seltene Gelegenheit: Unter dem gleichen Hallendach stand scharfes Milchvieh in spe sowie Mastvieh aus Mutterkuh- und Spaltenbodenhaltung. Neben den Unterschieden bezüglich Gewicht und Körperform, waren es vor allem die völlig unterschiedl
ichen Frisuren, die ins Auge stachen. Während die Kälber und Rinder mit Milchhorizont (sie waren am Vortag für bis zu 10 000 Franken pro Stück versteigert worden) so kahl geschoren waren, dass teilweise die rosa Haut durchschimmerte, ist die Haarästhetik beim Mastvieh eine deutlich rustikalere. Hier darf frei spriessen, was die Natur genetisch verankert hat. Man sieht wahrhaftige Lockenköpfe. Ein Verkäufer an einem Stand mit Rasierutensilien erklärte, die Kurzhaarschnitte sollten die Körperformen der Tiere betonen. Gleichzeitig lässt man an entscheidenden Stellen, zum Beispiel auf dem Rücken, etwas mehr Haar stehen, das dann versteift mit Haarspray dazu beiträgt, die obere Linie perfekter aussehen zu lassen, als sie in Wirklichkeit ist. Das erste Argument meines Gesprächspartners überzeugt mich nicht
, dann müsste man beim Mastvieh erst recht mit Bürstenschnitt arbeiten, denn wo ist der freie Blick auf die Muskulatur wichtiger, als beim Fleischrind? Auf die Frage, ob ein unsrasiertes Rind an einer Ausstellung chancenlos wäre, antwortet er mit einer Gegenfrage: “Hat eine Kandidatin mit unrasierten Beinen eine Chance an der Miss-Schweiz-Wahl?” Ich würde annehmen, eher nicht. Was bedeutet das nun in Bezug auf die tierische Rasierästshetik? Ähnlich wie bei der menschlichen und insbesondere der weiblichen Schönheit ist in der Viehzucht ein Schönheit
sideal in Kraft, das einer Diktatur gleichkommt. Geprägt ist es von den Vorstellungen in Nordamerika, wo alles was bei den Milchrassen nicht zarte Beine, einen hornlosen Kopf und kurzgeschorene Haare hat, ausserhalb der Norm und an Ausstellungen deshalb so gut wie chancenlos ist. Dabei käme es eigentlich nur auf ein gut aufgehängtes Euter, ein gutes Input-/Output-Verhältnis und Langlebigkeit an. Aber die ”weichen” Faktoren beeinflussen den Wert eines Tiers letztlich mindestens so stark, wie diejenigen, die wirklich zählen. Das ist kein sonderlich unternehmerischer Ansatz.

Kühe im Herbst(2): Familien- & andere Haltungen
November 20, 2011
In den letzten Wochen hat das Schweizer Fernsehen der Kuh zwei Dokumentationen aus dem “Netz-Natur”-Stall des Biologen Andreas Moser gewidmet. Im ersten Beitrag ”Kuh-Schweiz?” stehen die Kuh als Klischee sowie die Haltung auf einem Mutterkuh- und auf einem intensiven Milchbetrieb im Mittelpunkt. Interessant, die Sendung bot für einen Kuh-Schweizer wie mich aber wenig Neues. Der zweite Beitrag mit dem schönen Titel “Vom Kuh sein” ging tiefer. Moser bietet in diesem Sammelsurium unter anderem aufschlussreiche Einblick in die Verhaltenskunde. Besonders aufgefallen sind mir zwei engagierte Halter: Martin Ott vom auch anderweitig interessanten Rheinauer Gutshof Fintan erklärt die Bedeutung der Hörner in der Kuhkommunikation (oben im Bild mit Holzhörnern). Der Kuh die Hörner wegzunehmen, sei etwa so, wie wenn man beim Menschen ein bisschen an der Zunge rumbastle, sagt Ott sinngemäss. Er plädiert für das Belassen des Kopfschmucks und erhält dabei Unterstützung von Heinz Morgenegg, Biobauer auf dem Bolderhof im schaffhausischen Hemishofen (Bild rechts und ganz unten), der seiner Herde nach einer hornlosen Phase wieder Hörner wachsen lassen will. 
Noch fast interessanter fand ich die Ausführungen Otts und Morgeneggs zur Muttergestützten Kälberaufzucht (Ott) beziehungsweise zur Familienhaltung (Morgenegg). In beiden Betrieben dürfen die Kälber bei Milchkühen saugen. Damit schlägt man mehrere Fliegen auf einen Streich: 1. Die Kälber werden den Müttern nicht sofort oder nach einem Tag weggenommen, wie dies in den meisten Milchbetrieben üblich ist. 2. Man spart sich die aufwendige Tränke-Arbeit, bei der man vor allem am Anfang immer darauf schauen muss, dass das Kalb die richtige Milch erhält. 3. Die Tierarztkosten werden reduziert, weil die Kälber während Monaten die Milch ihrer Mutter in der richtigen Temperatur erhalten und so immunisiert werden. 4. Die Kälber werden schön rund, was vor allem im Mastfall wichtig ist. 5. Die Milch kann mit Verweis auf die naturnahe Haltung mit einem Aufpreis vermarktet werden. Unter dem Strich eine ökonomisch-ökologische Win-Win-Situation.
Für beide Filme zusammen braucht man gut eineinhalb Stunden, ideales – mindestens “Tatort”-ebenbürtiges – Sonntagsvergnügen, würde ich sagen. (Bilder Video-Stills aus “Vom Kuh sein”)
PS. Auf Facebook hat Ursina eine interessante Ergänzung gemacht. Sie schreibt: ”Zum Thema “Milchteilet” eine Rarität aus dem Zentralmassiv: Die dort heimische Vache Salers, die lässt die Milch erst gar nicht runter, bevor nicht das Kalb am Euter war. Was dem Menschen übrig bleibt an Milch, wird zu Salers AOC verarbeitet – eine Köstlichkeit! http://www.aop-salers.com/vache“. Merci vilmal! Und zur Illustration hier noch ein Bild von der Vache Salers, heimatberechtigt in der Auvergne.

Kühe im Herbst(1): Am Nebelmeer
November 18, 2011
So, nach soviel textlastiger Theorie braucht es wieder mal ein bisschen bildlastige Praxis. Und was wäre besser geeignet dafür, als ein paar Kuhbilder? Zum Beispiel von dieser Tage, am Nebelmeer auf dem Bachtel. Die obere Kuh schön erhöht auf der sicheren Seite, die unteren direkt am Strand des Meers, in der Nebelgischt quasi.
Und dazu zum Schluss noch ein Weidetörli, ebenfalls mit beneidenswerter Aussicht. Der Bachtel übrigens ist ein sehr netter und von Zürich aus schnell erreichbarer Aussichtspunkt, mit Beiz. Auf der Webcam vom Restaurant Kulm sehen Sie hier die aktuelle Aussicht.

Milchbauern vs. Markt – ein Drama in x Akten
November 16, 2011
Interessante Kolumne von Agrarjournalisten-Kollegen David Eppenberger im Fachblatt Alimenta. Er schreibt dort über die jüngsten Akte im “Milchmarkt-Theater”. Die Branchenorganisation Milch (BOM) biete allenfalls die Bühne für einen schlechten Schwank. Statt diesem traurigen Schauspiel, empfiehlt Eppenberger einen Kulissenwechsel: “Die Gesetze des Marktes befolgen und danach handeln.” Kein Unternehmen spiele ständig die gleiche Szene, wenn das Publikum abmarschiert sei. Statt zu sinkenden Preisen konventionelle Milch zu produzieren, solle man besser im Biomilch-Theater spielen. Dort gehe nämlich langsam aber sicher die Milch aus und weil der Markt spielt, der Preis rauf, wie auch diese Grafik
zeigt und der LID kürzlich berichtete (Zum Vergleich: Der Preis für konventionelle Milch liegt derzeit im Schnitt bei 61 Rappen). “Doch stattdessen”, so moniert Eppenberger, “spielen viele Milchproduzenten weiterhin lieber die Opferrolle und richten sich partout nicht nach den Marktkräften”. Die Theaterkritik meines Kollegen finde ich zutreffend. Die Milchbauern sind nach wie vor gezeichnet von Jahrzehnten der Planwirtschaft. Tief drin erwarten die meisten nach wie vor, dass das Publikum zu applaudieren hat, was auf die Bühne kommt, beziehungsweise die Milch abzunehmen hat, die produziert wird. Wenn der Preis sinkt, reagiert man mit Mehrproduktion statt einem Umstieg auf die Biomilchproduktion, immer in der Hoffnung, dass in diesem Drama dem Nebenbuhler früher die Luft ausgeht, als einem selber. Die Gründe? Die Umstellung auf Bio ist nicht für jeden ein Kindertheater, namentlich aus fütterungstechnischen Gründen. Zudem sind Vorbehalte gegenüber dem alternativen Kellertheater Biomilch nach wie vor weit verbreitet. Weitherum gelten Biobauern in der Szene als Blüemlipfleger, die am “echten Markt”, am grossen Schauspielhaus, zu wenig kompetitiv wären. Dabei haben viele Turbomelker noch nicht begriffen, dass sie sich - statt Top-Schauspielerinnen anzustellen und diese vor leeren Rängen auf der grossen Bühne auftreten zu lassen – ein bisschen ums Publikum kümmern sollten. Der grosse Saal ist zwar pompös, aber was nützt er wenn sich die Reihen leeren und die Ticketpreise bröckeln. Im Kellertheater mag die Klientel etwas weniger zahlreich und ein bisschen weniger chic sein, dafür zahlt sie besser – und die Gagen der Schauspielerinnen sind erst noch deutlich tiefer. Vorhang.
Ablenkungsmanöver des Gemischtwarenladens
November 14, 2011
Es ist schon erstaunlich, wie wenig es immer wieder braucht, um Schlagzeilen in der Sonntagspresse zu ergattern. Die “Interessengemeinschaft Agrarstandort Schweiz” (Igas) machte es gestern wieder einmal vor. “Grossverteiler: <Bauern stecken den Kopf in den Sand>”, lautete der Titel in der NZZ am Sonntag. Der Bericht behandelt eine Igas-Pressemitteilung, die zum Zeitpunkt des Erscheinens noch gar nicht versandt war. Im Artikel wird vom Igas-Geschäftsführer Jürg Niklaus behauptet, dass “die meisten Bauernfunktionäre den Kopf in den Sand stecken”, wenn es um Marktöffnung geht. Daneben kommen ausführlich Vertreter Igas-Mitglieder Migros, von Fleischfachverband und Hotellerie zu Wort, die in die gleiche Kerbe hauen. Der Tenor: Die Bauern sind schuld, dass es mit dem Freihandel nicht vorwärts geht, und deshalb kaufen die Konsumenten im Ausland ein. Dazu ein paar Bemerkungen: Erstens ist der Nutzwert des Freihandels für die Landwirtschaft höchst umstritten, und wie man beim Käse sieht, wo bereits ein solches Abkommen existiert, nützt es nur punktuell, hilft aber dort wo die Probleme am grössten sind (beim Emmentaler) überhaupt nichts. Zweitens sind die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit der EU nicht auf Eis gelegt wegen dem Widerstand der Bauern, sondern weil in Brüssel kein Mensch ein Interesse hat, der Schweiz Freihandel zu gewähren, solange übergreifende institutionelle Fragen nicht geklärt sind. Drittens ist es völlig falsch, die Bauern (allein) verantwortlich zu machen für den Einkaufstourismus. Dieser ist eine Folge der horrenden Preisunterschiede. Diese wiederum sind auf die hohen Produktionskosten in der Schweiz und auf die sehr guten Detailhandelsmargen hierzulande zurückzuführen. Es sei bei dieser Gelegenheit auf die Binsenwahrheit verwiesen, dass die Schweizer Bauern ihre Produkte gratis abliefern könnten und die Konsumentenpreise nichts desto trotz deutlich über denjenigen im Ausland liegen würden. Die Mitteilung der Igas ist deshalb ein durchsichtiges Schwarzpeterspiel von Grossverteilern und Verarbeitern, die in der Igas stark vertreten sind. Zudem erhält der Vorstoss im jetzigen Zeitpunkt den Beigeschmack eines Ablenkungsmanövers, weil das Igas-Mitglied Coop im Fleischbereich mit halbseidigen Methoden Schlagzeilen macht, die dazu geeignet sind, den Konsumenten den Einkaufstourismus noch schmackhafter zu machen. Worüber ich nur staunen kann ist, dass sich auch IP Suisse und Bio Suisse von der Igas instrumentalisieren lassen. Ich kann mir diesen Fakt nur damit erklären, dass beide Organisationen mit ihren Labels massiv abhängig sind von den Grossverteilern (IP Suisse mit dem Label Terra Suisse vor allem von Migros, Bio Suisse mit der Knospe vor allem von Coop). Kleiner Tipp an Igas: Zuerst vor der eigenen Türe wischen, bevor man bei den anderen - durchaus vorhandenen - Staub aufwirbelt.
Slow-Food-Market: Süsser oder Saurer?
November 11, 2011
Als alter Freund von jeder Art von landwirtschaftlich angehauchter Messe, wollte ich mir den neuen Slow-Food-Market natürlich nicht entgehen lassen. Er findet in der Oerliker Messehalle 9 (hinter dem Theater 11) statt und dauert noch bis Sonntag. Mir hats gefallen. Das Ambiente ist eher nüchtern aber das Angebot umso üppiger und alles etwas günstiger und weniger Schickimicki als an der Gourmesse. Der Unterschied ist vergleichbar mit
demjenigen zwischen den Frischprodukte-Märkten am Bürkliplatz und in Oerlikon. Item, kaum ich mich versah, sass ich schon in einer Käsedegustation, was sich im italienischen geprägten Slow-Food-Slang Laboratorio dell Gusto nennt. Das war nicht nur eine höchst lehrreiche und vergnüngliche Veranstaltung, sondern auch noch ein Gaumenparcours der abenteuerlicheren Sorte. Auf dem Programm standen alle möglichen Arten von Sauerkäse. Das ist die Urform, wie die drei fachkundigen Referenten erklärten. Auf dem Podium sassen (von links nach rechts) Dominik Flammer,
der, so sagt man, nicht weniger als die Bibel des Schweizer Käses verfasst hat, Raphael Pfarrer (passt doch zur Food-Messe), ein Geschäftsleitungs-Mitglied von Slow Food Schweiz und Jakob Knaus, der in Unterwasser Ploderchäs herstellt, aber dazu später mehr. Der Sauerkäse also steht am Ursprung der Käseherstellung, lange bevor es Lab gab liess man die Milch buchstäblich versauern, siebte die Molke ab und das war dann der Käse. Rechts rum im Uhrzeigersinn präsentierte das Trio klassischen Alpziger, einen exzellenten Rauchziger von Lenkmilch, einen Mascarpin aus den Bündner Südtälern, ein gereifter Ziger mit Rinde; dann den besagten Ploderchäs - ein ausgezeichneter aromatischer Ziger. Als nächstes kamen zwei wirklich hardcore Geschmackserlebnisse: ein Südtiroler Graukäs (auf dem unteren Bild nicht sichtbar) und ein Montafoner Sauerkäse, innendrin so räss, dass der Appenzeller dagegen geruchsneutral ist und aussen speckig.
Zum Schluss noch der gute alte Schabziger. Dazu servierte man uns sortenreinen Gelbmöstler-Saft und einen ausgezeichneten Most. Wein zu Sauerkäse gehe nicht wirklich, meinte der Slow-Food-Mann, ich bin allerdings sicher, dass ein feiner Süsswein, zB. aus dem Jura, durchaus passen könnte. Es war spannend den drei Herren zuzuhören, auch weil sie historisch tief gruben. So erklärten sie, wie man im Kälbermagen die geronnene Milch und das Lab entdeckte, das die Milch ohne Säuerung gerinnen lässt und damit die Herstellung von ”süssem” Käse ermöglichte. Dieser war natürlich auch gut vertreten am Markt. Stellvertretend hier der Bergkäser Hans Aschwanden aus Seelisberg, der nicht nur ausgezeichneten Käse macht, sondern sich auch als
Agroblog-Leser outete und in der Werbung auf Kuhporträts setzt. Nicht dass ich bestechlich wäre, aber das sind mehr als genug Gründe für ein Bild hier! Herrlich war auch der Saaner Hobelkäse, den mir eine sympathische Berneoberländer Älplerin anbot. Insgesamt ein Must für Freunde von Käse und Wurst.
Hoch die Agroblog-Tassen!
November 9, 2011
Das weiss jedes Kind: Eine gute Marke braucht Merchandising. Das Shirt aus dem Krebs jr. Inc. Sweatshop in einem Zürcher Hinterhof ist ein toller Start, und wer weiss, vielleicht gibts schon bald eine Line-Extension: Agroblog-Tasse, Agroblog-Kalender, Agroblog-Swissbiowiesenhornmilchchocolate, ein weites Feld. Danke für das coole Geschenk, liebste Kinder!
Neues in der Höhe(3): Äbnistetter Alpkäse
November 7, 2011
Geschichten fangen manchmal mit einem Bitzli Käse an. Dieser Tage habe ich im Viadukt in Zürich beim empfehlenswerten Käsehändler Tritt einen Mini-Alpkäsemarkt angetroffen. Beim Erstbesten habe ich, weil mir das angebotene Möckli mundete, ein Stück erstanden. Er kam von der Alp Äbnistetten. Nie zuvor gehört. Sili, die Bäuerin, klärte mich auf. Sie und ihr Mann älplen seit langem hoch über Schüpfheim im Luzernischen, im Winter leben sie auf dem 
Betrieb im Dorf. Jetzt haben sie beschlossen, auf der Alp eine neue Hütte, oder besser, ein neues stattliches Heimetli zu bauen (siehe Bild rechts). Statt mit Kessel, melken sie jetzt in einem Stand, und neu verfügen sie über eine eigene Käserei. Und statt die Milch ins Tal in die Käserei zu schicken, produzieren sie seit heuer ihren eigenen Alpkäse. Aus den 50 000 Litern machen sie rund 5 Tonnen Käse und verkaufen diesen ab Alp, Hof und via Händler. Das ist ein Milchtropfen auf den heissen Stein. Ketzerische Frage: Rentiert es sich dafür eine eigene Käserei zu bauen? Zwar ist 
das Unterfangen ein Teures: Ich habe nicht genauer recherchiert, aber obschon Sili und ihr Mann Reto viel Holz und Arbeit vom eigenen Betrieb investiert haben, dürfte das Projekt mindestens eine halbe Million Franken gekostet haben. Mit Hilfe von Investitionskrediten und Subventionen von Kanton und Bund lassen sich solche Projekte meist zu mehr als der Hälfte finanzieren. Zu diesen Bedingungen ist ein solches Unterfangen vertretbar. Aber ist es auch die Agrarpolitik, die dahinter steht? Ich tendiere in diesem Fall zu einem klaren Ja: Theiler-Stegers bewirtschaften ausbaufähige 45 Hektaren Alpweiden und bewahren diese so vor der Vergandung. Sie schaffen Mehrwert für den eigenen Betrieb und mindestens einen zusätzlichen dezentralen Arbeitsplatz im Sommer. Schliesslich stellen sie eine Spezialität her und bieten eine touristische Attraktion im Biosphären-Reservat Entlebuch. Das entspricht unter dem Strich den Zielen der vom Volk abgesegneten Landwirtschaftsstrategie recht gut. (Bilder: Alp Äbnistetten)


