Archive for März 2012

Importgüggeli fliegt dem Rind um die Karnivohren

März 31, 2012

Der Branchenverband Proviande hat am Freitag die neueste Fleischstatistik veröffentlicht. Ergebnis: Der Konsum ist noch einmal angestiegen, um 0,8 Prozent auf 53,74 Kilo pro Person. Schweinefleisch ist nach wie vor der Leader, hat aber leicht verloren. Derweil ist Geflügel der Trendsetter, im Privathaushalt noch stärker als in der Ausserhausverpflegung und liegt erstmals an zweiter Stelle vor dem Rindfleisch. Was die Handelsbilanz angeht ist Rindfleisch geschwächt worden, die Importe haben um über 10 Prozent zugenommen. Der Inlandanteil beträgt aber nach wie vor über 80 Prozent. Ganz anders beim Poulet: hier werden 49,2 Prozent eingeführt. Das Fazit? Obwohl unterdessen ziemlich unbestritten ist, dass eine flächendeckende Ernährung der Menschheit längerfristig nur mit einer geringeren Fleischproduktion zu bewältigen ist, haben Herr und Frau Schweizer im Schnitt beim eigenen Ernährunsverhalten noch nichts geändert. Dass ausgerechnet das Pouletfleisch zulegt, zeigt zwei Dinge. Erstens wird rotes und fetthaltiges Fleisch von den Konsumenten, die sich um ihre Gesundheit sorgen nicht durch Gemüse, sondern durch Magerfleisch ersetzt. Zweitens sind ernhährungstechnische Fragen wichtiger als die Sorge um Umwelt und Tierwohl. Pouletfleisch erfordert einen hohen Getreide-Kalorieninput und die Importgüggeli wachsen grossmehrheitlich in industrieller Haltung. Wenn die Poulets in der Schweiz produziert werden, stammt ein Grossteil des Futters aus Importen, es ist also auch nicht wirklich Schweizer Fleisch. Etwas Gutes hat der Pouletfleisch-Boom aus meiner Sicht trotzdem: Es ist mehrheitlich ein derart geschmacksarmes Produkt, dass es dereinst, wenn die Fleischersatzforscher und -produzenten weitere Fortschritte machen, locker durch Tofu oder andere Substrate ersetzt werden kann; Hauptsache es hat ein bisschen Tandoori- oder Currysauce dran. Wobei das natürlich für die im Blitztempo vor sich hinwachsenden Masthybriden kein grosser Trost ist.
Was mich übrigens etwas wundert ist, dass sich Proviande nicht die Mühe nimmt, den Labelanteil auszuweisen, das scheint die Branche nach wie vor wenig zu interessieren. Wenn jemand dazu Zahlen hat, bin ich ein dankbarer Abnehmer. (Bild und Grafik Proviande)

Gute Frage: Kann Bio die Welt ernähren?

März 28, 2012

Vor ein paar Tagen ist mir ein Prospekt des Hilfswerks Biovision ins Haus geflattert. Dieses wurde vom renommierten Schweizer Insektenforscher Hans Rudolf Herren gegründet und hat sich das Empowerment der Kleinbauern in der dritten Welt mit Hilfe von Biolandbau auf die Fahne geschrieben. Dort setzt Biovision an, weil 70 Prozent der Nahrungsmittel weltweit von Subsistenzlandwirten produziert werden. Soweit ich es beurteilen kann, haben die Projekte von Biovision Hand und Fuss. Man arbeitet mit einfachen Projekten: Mischkulturen, Schnellkomposter, geschlossene Kreisläufe auf den Betrieben. Nun postuliert die Organisation in ihrem Prospekt, dass Bio die Welt ernähren kann. Trotz meinem Respekt für die Seriosität der Arbeit von Herren und seinem Team sei die Frage erlaubt: Kann Bio wirklich die Welt ernähren? Hätte ich die korrekte Antwort parat, wäre mir ein Professorenpösteli an der ETH wohl sicher. Auf der Suche nach der richtigen Replik fand ich im Internet einen interessanten Artikel der linken deutschen “Tageszeitung” aus dem Jahr 2008. Darin kommen Agrarexperten laut dem Autor zu  folgendem Schluss: “100-prozentig konventionell kann man die Menschheit nicht ernähren, ohne unvertretbaren Schaden anzurichten – aber 100 Prozent Öko geht auch nicht”. Dieselben Experten empfehlen eine wohldosierte Mischung von ökologischem und konventionellem Landbau. Wo immer möglich auf hofeigene Dünger setzen, mit Leguminosen den Stickstoffeintrag fördern und wo nötig mit synthetischen Düngern nachhelfen. Eine vollständige Umstellung von ganzen Drittweltländern auf Biolandbau würde diese noch tiefer in die Abhängigkeit von (meistens nicht biologisch erzeugten) Importen drängen, denn die Erträge sind im Biolandbau, das schleckt keine Geiss weg, tiefer. Umgekehrt ist die intensive konventionelle Landwirtschaft für die Kleinbauern ebenfalls kein vielversprechender Weg: Sie laufen Gefahr, sich mit Pestiziden zu vergiften, ihre Böden auszulaugen, in finanzielle Abhängigkeiten zu geraten und am Schluss mit abgesägten Hosen dazustehen. Gerade heute ist mir in der “Bauernzeitung” ein Artikel aufgefallen, der dies exemplarisch zeigt. In Argentinien, so berichtet Auswandererin Marianne Winkelmann aus der Region Entre Rios, haben die Bauern grosse Probleme mit der GVO-Soja, einem teuren Produkt aus dem Hause Monsanto. Nachdem man 10 Jahre herbizidresiste Roundup-Ready-Soja gesät hat, sind die Felder heuer überwuchert mit dem Unkraut namens Rama Negra, dieses ist nämlich unterdessen resistent gegen den Roundup-Wirkstoff Glyphosat. 
Entscheidender als die Frage, ob Bio die Welt ernähren kann ist wohl diejenige, wie sich der Mensch künftig ernähren will, denn unbestrittenermassen kann die Welt auch die doppelte Menge Menschen ernähren. Allerdings wird dies sehr schwierig, wenn der Fleischkonsum, der für die Produktion bis zu 20mal mehr Fläche braucht als die Erzeugung pflanzlicher Kalorien, weiter ansteigt. Das Problem ist aber, dass mit steigendem Wohlstand, und diesen wollen wir niemandem in der zweiten und dritten Welt missgönnen, so sicher wie das Amen in der Kirche ein erhöhtes Bedürfnis nach Auto-Mobilität und Fleisch einhergeht.   

Hier arbeitet Ihr Steuergeld(-Empfänger)

März 26, 2012

Es sind immer wieder ein wenig dieselben Diskussionen, die ich mit meinen Stadtfreunden und -bekannten haben. Ja, ja, diese Bauern, heisst es dann jeweils, sitzen auf ihren schönen Heimetli wenn möglich mit Seesicht und machen die hohle Hand, die Väterchen Staat zweimal jährlich gut füllt. Ich: Losit, liebe Leute, der Souverän hat der Agrarpolitik in der heutigen Form zugestimmt – am 9. Juni 1996, um genau zu sein – und die Landschaftspflege als eine der gemeinwirtschaftlichen Leistungen auserwählt, die der Bauernstand im modernen Bundesstaat erbringen soll. Das tut er mit Sicherheit günstiger, als wenn man ein Gartenbauunternehmen mit diesen Aufgaben betrauen würde. Man nehme zum Beispiel den Hochstaumobstbaum. Für mich ist das ein klarer Fall für ein wertvolles Landschafts-gestaltendes Element. Dazu sind die Bäume wichtige ökologische Nischen für die leidende einheimische Vogelpopulation. Ohne Direktzahlungen wären mit Sicherheit noch mehr dieser Bäume verschwunden, als dies ohnehin der Fall ist. Zuletzt hat sich der Rückgang - dank unter anderem dieser Zahlungen – verlangsamt. Diese sind übrigens bescheiden. Zusammen mit den Kantonsbeiträgen kann man maximal 55 Franken pro Baum kassieren. Dafür muss er aber gepflegt werden. Das ist nicht in fünf Minuten gemacht und ungefährlich ist es auch nicht. Die möglichen zusätzlichen Erträge sind bescheiden, trotz dem unterdessen gut etablierten Label Hochstamm Suisse. Hochstammobst eignet sich in den allermeisten Fällen aus qualitativen Gründen nicht für den Direktkonsum, dieses Obst stammt zu 99,9 Prozent aus Niederstammanlagen. Bleibt die Verwertung als Most- und Schnapsrohstoff. Der Aufwand fürs Einsammeln ist gross und das Brennen oder Pressen verursacht Zusatzkosten. Jammern will kaum einer der Bewirtschafter, aber wenn einer im Hochstamm-Geschäft mehr als 15 Fränkli Stundenlohn einstreicht, ist er wohl ein Genie. Für dieses Geld nimmt kein Gärtner eine Säge in die Hand, geschweige denn ein Bürolist. Ende der Predigt.     

Antibiotika: Bremsen solange man selber kann

März 23, 2012


Das Schweizer Fernsehen fährt derzeit eine Kampagne gegen den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung. Hintergrund der Beunruhigung sind nicht Antibiotikarückstände, die vor rund 30 Jahren, als Östrogen-Spuren im Kalbfleisch für Aufregung sorgten (böse Zungen bezeichneten die Kalbsbratwurst damals als Östrogenkurve). Heute sind es die (multi-)resistenten Keime wie ESBL, welche für Alarm-Meldungen sorgen. Jährlich sind in der Schweiz mehrere Tausend Patienten von Infektionen mit derartigen Bakterien betroffen. Die “Rundschau”-Beiträge vom 7.3.12 und vom 21.3.12 zeigen die Problematik deutlich auf: Obschon antimikrobielle Leistungsförderer in der Schweiz seit gut 20 Jahren verboten sind, werden Antibiotika in der Kälbermast nach wie vor routinemässig eingesetzt, um die Einstallung von Tieren aus mehreren Dutzend Ställen zu ermöglichen. In der Milchproduktion sind die Trockenstellung der Kühe und die Behandlung von Euterinfektionen die wichtigsten Gebiete, wo routinemässig auf Antibiotika gesetzt wird. Auch die im grossen Stil betriebene Schweine- und Pouletmast (siehe Kassensturz vom 20.3.12) sind wichtige Antibiotika-Einsatzgebiete. Im Jahr 2010 verabreichten Schweizer Bauern 57 Tonnen Antibiotika. Zahlen für die Humanmedizin habe ich nicht gefunden. Diese dürften ebenfalls beachtlich sein und man macht es sich sicher zu einfach, wenn man jetzt die Landwirtschaft alleine an den Pranger stellt. Allerdings gibt es einen gewichtigen Unterschied zwischen Human- und Veterinärmedizin. Behandlungen beim Menschen finden nur aufgrund von Diagnosen statt. In der Tiermedizin werden Antibiotika auf Vorrat abgegeben und dies auch für Routinebehandlungen. Der Geschäftsführer des Kälbermast-Riesen Univo macht in diesem Zusammenhang in der Rundschau vom 21.3.12 einen ungeschickten Vergleich. Bei den Kälbern sei es gleich wie im Kindergarten: Auch dort werde der Schnupfen ungehindert von Kind zu Kind übertragen. Dass im Kindergarten deshalb niemand daran denkt, die ganze Schar mit Antibiotika zu behandeln, blendet er aus. Mein Fazit nach der Betrachtung der Sendungen: Die Landwirtschaft muss sich selber disziplinieren, solange sie dies noch kann. Das wird schmerzhafte Einschnitte brauchen bei Bestandesobergrenzen und Produktionssystemen. Zuwarten und weitermedizinieren wie bisher wird längerfristig deftigere Auswirkungen haben, die auch diejenigen Produzenten treffen werden, die Antibiotika heute mit Mass und ausschliesslich kurativ einsetzen. Allerdings bin ich ziemlich überzeugt, dass man unter Druck der Produzentenorganisationen nichts bis gar nichts tun wird und auf den grossen Knall, ein Verbot oder eine starke Eingrenzung des veterinären Antibiotikaeinsatzes zugunsten der Humanmedizin, zutaumelt. Es ginge auch anders: Ich war kürzlich auf einem Biobetrieb, der in der Milchproduktion konsequent auf Antibiotika verzichtet. Die Folge sind 10 bis 15 Prozent Kühe mit abgestorbenen Vierteln, die übrigen drei Zitzen liefern aber die gleiche Milchmenge, wie vorher vier. Das ist nur ein Beispiel. Die Bauern täten gut daran, innovativ auf die Herausforderung zu reagieren, ansonsten wird ihnen früher oder später der Bremshebel aus der Hand genommen. (Videostill aus Rundschau vom 21.3.12)  

Throwback (into wintertime) at Trapper Creek

März 20, 2012

One of my favourite blogs is the Matron of hunsbandry’s “Throwback at Trapper Creek”. I’ve been following these anonymous farmers on the Pacific Northwest of the US for quite a while. I like their earthy approach to animal husbandry, gardening and farming, not talking of their excellent photography and sense of humour. These days, my unknown friends from Trapper Creek suffered an unexpected throwback into wintertime. Instead of spring weather and further blossoming in the garden area, they got snow again, and not just a little bit, there were some “relentless snow storms”, as they write on the blog.
Unsurprisingly the Matron of husbandry from Trapper Creek garnishes the snow-posts with some great pictures. Besides the pictures the blog offers some very useful advice. E.g. in the “How-to”-section where you get detailed user manuals for a big variety of agricultural working techniques and processing from making butter to seed saving. Plus a selection of interesting titles from the ag-library and a treasure-like blogroll where you find plenty of new-wave-farms that try to cater the growing number of food- and environment-concious Americans. A must read and watch. (All pics by www.matronofhusbandry.wordpress.com)

 

Die Rechnung für das GVO-Fieber folgt später

März 18, 2012

Vor Kurzem hat der International Service for the Acquisition of Agri-biotech Applications (ISAAA), ein unter anderem von Bayer und Monsanto gesponsertes Propagandavehikel, die neuesten Zahlen für den weltweiten Anbau von GVO-Kulturen präsentiert (siehe ganz unten). Eine Traumkurve für jeden Wachstumsfreund: In nur einem Jahr hat die Fläche mit gentechnisch veränderten Pflanzen in den 29 Anbauländern um 8 Prozent oder 12 Millionen ha auf 160 Millionen ha zugenommen. Somit werden nun 10 Prozent der weltweiten ackerbaulich nutzbaren Flächen mit der neuen Technologie bewirtschaftet. Die Karte oben zeigt, dass der Schwerpunkt der Entwicklung in Nord- und Südamerika sowie Indien und China liegt, während Europa (inklusive Russland), Afrika und Ozeanien nach wie vor relativ dünn bis gar nicht auf gentechnisch verändertes Saatgut setzen. Die Skepsis namentlich in Europa ist denn auch einer der wichtigen Punkte im ISAAA-Report über die letztjährige Entwicklung (runterscrollen). Dabei klammert man sich an jeden Strohhalm, so wird unter dem Titel “A change of heart in Europe” unter anderem über einen Brief von 41 schwedischen Professoren berichten, die sich über die Arroganz der Policymaker gegenüber den GVO-Kulturen beschweren. Dieser Blog wird kaum in den Genuss einer hoffnungsvollen ISAAA-Erwähnung kommen, denn meine Skepsis gegenüber der GVO-Bewegung ist unverändert. Erstens wird sie getrieben von ein paar Multis, deren Manager primär die Jahresabschlüsse im Auge haben und nicht, wie sie in pathetischen Reden immer wieder gerne behaupten, die Ernährungssicherheit und das Wohlergehen der bäuerlichen Strukturen. Dafür braucht es nämlich keine Gentechnologie, sondern prioritär ein Bündel von Anstrengungen bei Governance und Logistik. Diese leisten Bayer, Monsanto, Syngenta und Co. zwar schon, aber wiederum nur im Interesse ihrer Shareholder. So versuchen sie ähnlich wie die Rohstoffmultis wie etwa Glencore, entlang der Wertschöpfungskette einen möglichst grossen Teil zu integrieren - Lieferung von Saatgut und Pestiziden, Abnahmeverträge und Weitervertrieb - und so ihre Margen zu verbreitern, während die Bauern noch als mehrbessere Knechte fungieren. Südamerika ist ein gutes Beispiel für diese Entwicklung. Ein grosses Problem am GVO-Fieber ist auch die mangelnde biologische Nachhaltigkeit. Um die hohen Entwicklungskosten möglichst rasch wieder einzuspielen, forciert man einzelne Sorten und damit die Bildung von Resistenzen, wie man beim Herbizid Roundup bereits schön erkennen kann. Gleichzeitig wird an die regionalen Bedingungen angepasstes Saatgut verdrängt und die Abhängigkeit der Bauern von den GVO-Lieferanten erhöht. Sie sind gezwungen, jedes Jahr neues Hybridsaatgut zu kaufen, da die Ernte nicht für die Wiedersaat verwendet werden kann. Insgesamt ein höchst ungemütlicher Cocktail, den die ISAAA und ihre Sponsoren da zusammenköcheln, aber die negativen Auswirkungen werden sich erst mit einigen Jahr(zehnt)en Verzögerung in aller Deutlichkeit zeigen. Dannzumal werden die Shareholder ihre Scherflein längst am Trockenen haben und die Kosten des GVO-Fiebers den jeweiligen (maroden) Staaten und den Entwicklungsorganisationen übertragen. Wetten? (Tabelle und Karte ISAAA, Grafik LID)
 

Die eierlegende Holzwollmilchsau fürs Euter

März 15, 2012

Heute war mir für einen Artikel wieder einmal ein Reisli aufs Land vergönnt. Ziel war die Holzwollefabrik Lindner im toggenburgischen Wattwil. Ein interessanter Betrieb. Der umtriebige Geschäftsführer Thomas Wildberger versucht das etwas abschätzig positionierte Produkt trendig zu machen, um diesen abgelutschten Begriff zu verwenden. Eines der wichtigen Standbeine zu meiner Überraschung: Holzwolle für die Euterreinigung. Kein Material, so versichert Wildberger, komme dem Kälbermaul näher. Deshalb werde auch die Ausschüttung des Hormons Oxytocin und damit der Milcheinschuss beschleunigt. Klar, er muss ja für sein Produkt werben. Aber offenbar machen auch die Bauern ähnliche Erfahrungen, wie eine Studie in Frankreich gezeigt hat. In der Schweiz seien es 20 Prozent der Produzenten, die bereits auf Holzwolle im Stall setzten.
Darüber hinaus exportiert Lindner in 17 Länder. Weitere Vorteile dieser eierlegenden Holzwollmilchsau sind antibakterielle Eigenschaften und ein Handpflegeeffekt durch ätherische Öle. Ich bin mir bewusst, dass das alles nach Werbespot tönt. Aber wenn ein kleiner Betrieb mit Beschäftigungseffekt in der Peripherie (11 fest Angestellte, winterliche Temporärstellen für ein Dutzend Bauern und Beschäftigungsprogramme für Behinderte) unter Verwendung eines einheimischen nachwachsenden Rohstoffs ein sinnvolles Produkt herstellt, darf man das ruhig sagen. Zumal die problemlos entsorgbare Holzwolle synthetisch hergestellte Produkte konkurrenziert und ersetzt, die bezüglich Abbaubarkeit und Hautbelastung beim Melkpersonal nicht ohne sind. Um das Promotionspaket noch komplett zu machen, möchte ich es nicht unterlassen, auf das umfangreiche und reich illustrierte Buch hinzuweisen, das Wildbergers Haushistoriker Hanspeter Frey geschrieben hat. Wirklich ziemlich erstaunlich, für was man Holzwolle alles verwendet (hat). (Bild oben Still aus Unternehmensvideo)
 

FuKuhshima: Kurze Halbwertszeit der Zahmheit

März 12, 2012

Ein Jahr nach der Atomkatastrophe von Fukushima bin ich gestern auf einen interessanten Artikel von Susan Boos gestossen. Die Chefredaktorin der Wochenzeitung (WOZ) und Autorin eines soeben erschienen Buchs über die Katastrophewar vor einigen Monaten in der Sperrzone rund um das Kraftwerk. In besagtem Artikel berichtet sie über ein ziemlich überraschendes Phänomen: die wild gewordenen Kühe von Fukushima. Als die Milchkuhhalter und Mäster wegen hohen Strahlungswerten die Höfe verlassen mussten, hatten sie weder Zeit noch das Recht, ihre Tiere mitzunehmen. Während die einen Bauern ihre Kühe nach langer Abwägung und Kampf mit dem Gewissen angebunden liessen (und damit dem Hungertod überliessen), haben sie andere freigelassen. Die Legende zu diesem Bild weckte natürlich mein Interesse: “Die verwilderten Kühe haben die leeren Dörfer erobert: Sie verhalten sich scheu wie Wildtiere und sind doch gefährlich.”  Im Text schreibt Boos dann unter anderem folgendes: “Unser Guide wendet und fährt zurück Richtung Zonengrenze. Die Sonne ist verschwunden, die Gegend scheint nun grau und ungastlich. Es beginnt zu dämmern, da müsse man besonders vorsichtig sein, in dieser Phase seien die Kühe am aggressivsten. Kaum hat der Guide es gesagt, tauchen sie auf. Rechts zwischen den Häusern und Gärten, vielleicht zehn Stück. Schwarze Kühe, jede von ihnen hat ein Kalb an der Seite. Die Kleinen sind vielleicht vier, fünf Monate alt. Sie stehen gebannt da. Der Fahrer hält an, wir öffnen die Fenster. Die Kühe starren uns vorsichtig wartend an, bereit, auf uns loszugehen, falls wir es wagen, näher zu kommen. Dann wendet die Leitkuh, die Truppe zieht sich in die Gärten zurück, die nun ihnen gehören. Wir sehen noch mehrere kleine Herden und einzeln weidende Tiere. Sie verhalten sich scheu wie Wildtiere, die sich erst bei Dämmerung auf die offenen Flächen wagen. Sie fürchten die Menschen nicht, aber sie haben aufgehört, mit ihnen zu leben.” Was mich an dieser Geschichte erstaunt ist, wie dünn die Firnis der Zahmheit und Menschenverbundenheit offenbar auch bei den seit Jahrhunderten domestizierten Tiere ist. Umgekehrt ist auch die Toleranz des Menschen mit zurückverwilderten Tieren sehr gering: “Der Guide sagt, es sei beschlossene Sache, die Kühe demnächst alle abzuschiessen. Sie seien zu gefährlich”, schreibt Boos im nächsten Satz. (Bilder Kim Kyung-Hoon/Reuters, Susan Boos/WOZ, Stringer/Reuters, Hiro Komae/Keystone)

Eine verheerende Bilanz und ein paar Vorbehalte

März 9, 2012

Zufälle gibts. Heute war ich auf dem schönsten Bauernhof im Kanton Zürich. 140 arrondierte Hektaren und ein toller Rebberg. Kein Wunder gabs Konflikte, als die kantonale Gesundheitsdirektion den Gutsbetrieb der psychiatrischen Anstalt Rheinau 1998 in Pacht gab. Im Gezerre setzten sich schliesslich die bio-dynamischen Bewirtschafter um den Kuhfreund und ehemaligen grünen Kantonsrat Martin Ott durch. Das hat sich ziemlich bewährt. Das Unternehmen Fintan floriert, schafft Mehrwert sowie Wurst aus der eigenen Metzgerei und hat, vor allem, eine Herde mit 60 behornten Kühen im Laufstall, über die Ott ein schönes Buch geschrieben hat, das hier auch schon zur Sprache kam. Aber zurück zum Zufall. Just am selben Tag flattert mir ein Mail von einem alten Freund und Bauern in die Box (merci Ürsu!). In der Beilage das neueste Themendossier des Pro-Natura-Magazins, welches sich nur mit Landwirtschaft befasst. Der Titel des Hefts lautet  “Agrarreform: Umsichtige Landwirte zeigen den nachhaltigen Weg”. Ich habe kurz darin geblättert und worauf stosse ich? Einen Beitrag über den erwähnten Gutsbetriebe Fintan. Dieser illustriert einen Artikel, der mich ziemlich in den Bann gezogen hat. Dort wird der Schweizer Landwirtschaft eine absolut desaströse Energiebilanz vorgerechnet. Die Energieeffizienz beträgt 0,4. Pro produzierter Kalorie werden mehr als zwei reingesteckt. Das muss jedem Verfechter eines hohen Selbstversorgungsgrad zu denken geben, denke ich. Betriebe wie Fintan mit bescheidenem Viehbestand (0,7 DGVE) und dem Verzicht auf synthetische Dünger und Pestizide dürfen hier durchaus als Vorbild dienen. Eine gewisse Vorsicht mit radikalen Schlussfolgerungen für die Schweizer Landwirtschaft ist allerdings geboten. Wer nun für eine Vollbremsung plädiert, muss zuerst nachweisen, dass die Produktion im Ausland, auf die wir dann in vermehrtem Masse angewiesen wären, energetisch effizienter ist. Das mag für Peperoni aus Marokko zutreffen, aber zum Beispiel bei der Milch aus Deutschland oder beim Schweinefleisch aus Holland oder Dänemark bin ich mir da schon etwas weniger sicher.
PS. Eigentlich wollte ich ja hier ein bisschen über neue Hornfacts berichten, das ist nun aufgeschoben, aber etwas möchte ich schon noch sagen, ein Laufstall mit 60 zufrieden scheinenden Kühen und daneben einem Weidli voll galoppierender Kälber, das ist schon ein schöner Anblick.

Label Check: Aldi heizt den Orangen ein

März 7, 2012

Viel und gern haben die beiden etablierten Grossgrossverteiler Migros und Coop über Aldi und Lidl gewettert. Am weitesten ging vor gut zwei Jahren Migros-CEO Herbert Bolliger, der den deutschen Discountern in einem Interview allerhand Übeltaten, namentlich Preisdrückerei vorwarf. Nun, nach gut fünf Jahren in der Schweiz ist namentlich Aldi gut zuhause auf dem Schweizer Markt, während Lidl noch etwas Mühe hat. Der Markteintritt der deutschen Discounter war ein Segen für die preisbewussten Konsumenten. Plötzlich kamen bei der orangen Konkurrenz Preise ins Purzeln, die im ungestörten Duopol wohl weiter auf der alten Höhe geblieben wären. Wenn man heute in der Schweiz einen Aldi aufsucht, ist man als Migros-Coop-Langfristkunde schon erstaunt, zu welch günstigen Tarifen dort die Waren im Regal stehen. Das zeigt, dass bei den orangen Riesen immer noch ziemlich Speck in den Margen steckt, zumal eine Umfrage gezeigt hat, dass bei Aldi Suisse das Personal absolut vergleichbar bezahlt wie die Schweizer Traditionsunternehmen. Item. Auch im Labelsegment heizt der deutsche Discounter Migros und Coop tüchtig ein. Nachdem man schon länger ein umfangreiches Biosortiment anbietet, kommt nun auch ein IP-Label dazu. NatureSuisse ist vergleichbar mit TerraSuisse von Migros und Naturafarm von Coop. Das NatureSuisse-Sortiment ist noch auf Fleisch beschränkt, ausschliesslich aus einheimischer Produktion. Die Anforderungen sind identisch mit den von Migros und Coop: Die Direktzahlungsprogramme Besonders tierfreundliche Stallhaltung (BTS) und Regelmässiger Auslauf ins Freie (RAUS). Im Internet ist NatureSuisse wie TerraSuisse mit eigener Adresse vertreten, während die Adresse naturafarm.ch zu einem Berner Biobauern mit politischen Ambitionen führt. Inhaltlich bietet Naturafarm auf der Homepage am meisten. Aldi hat aber anders als die Konkurrenz ein Rückverfolgbarkeitstool. Der interessante Ansatz ist allerdings ausbaufähig, denn noch kommt man - zumindest ich bei einem kleinen Test – nicht auf den einzelnen Betrieb, sondern höchstens in eine Region, aus der das Fleisch stammt. Inhaltlich am Schwächsten ist Terrasuisse, das auf viel Grafik, wenig Information und nerventötendes Vogelgezwitscher setzt, wobei man dieses, das sei fairnesshalber gesagt, auch abstellen kann. Unter dem Strich ist das Angebot von Aldi durchaus konkurrenzfähig. Jedenfalls kann man dem deutschen Discounter nicht vorwerfen, er erkaufe sich die Preisvorteile durch Einsparungen beim Tierwohl oder beim Umweltschutz.


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