Antibiotika: Bremsen solange man selber kann


Das Schweizer Fernsehen fährt derzeit eine Kampagne gegen den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung. Hintergrund der Beunruhigung sind nicht Antibiotikarückstände, die vor rund 30 Jahren, als Östrogen-Spuren im Kalbfleisch für Aufregung sorgten (böse Zungen bezeichneten die Kalbsbratwurst damals als Östrogenkurve). Heute sind es die (multi-)resistenten Keime wie ESBL, welche für Alarm-Meldungen sorgen. Jährlich sind in der Schweiz mehrere Tausend Patienten von Infektionen mit derartigen Bakterien betroffen. Die “Rundschau”-Beiträge vom 7.3.12 und vom 21.3.12 zeigen die Problematik deutlich auf: Obschon antimikrobielle Leistungsförderer in der Schweiz seit gut 20 Jahren verboten sind, werden Antibiotika in der Kälbermast nach wie vor routinemässig eingesetzt, um die Einstallung von Tieren aus mehreren Dutzend Ställen zu ermöglichen. In der Milchproduktion sind die Trockenstellung der Kühe und die Behandlung von Euterinfektionen die wichtigsten Gebiete, wo routinemässig auf Antibiotika gesetzt wird. Auch die im grossen Stil betriebene Schweine- und Pouletmast (siehe Kassensturz vom 20.3.12) sind wichtige Antibiotika-Einsatzgebiete. Im Jahr 2010 verabreichten Schweizer Bauern 57 Tonnen Antibiotika. Zahlen für die Humanmedizin habe ich nicht gefunden. Diese dürften ebenfalls beachtlich sein und man macht es sich sicher zu einfach, wenn man jetzt die Landwirtschaft alleine an den Pranger stellt. Allerdings gibt es einen gewichtigen Unterschied zwischen Human- und Veterinärmedizin. Behandlungen beim Menschen finden nur aufgrund von Diagnosen statt. In der Tiermedizin werden Antibiotika auf Vorrat abgegeben und dies auch für Routinebehandlungen. Der Geschäftsführer des Kälbermast-Riesen Univo macht in diesem Zusammenhang in der Rundschau vom 21.3.12 einen ungeschickten Vergleich. Bei den Kälbern sei es gleich wie im Kindergarten: Auch dort werde der Schnupfen ungehindert von Kind zu Kind übertragen. Dass im Kindergarten deshalb niemand daran denkt, die ganze Schar mit Antibiotika zu behandeln, blendet er aus. Mein Fazit nach der Betrachtung der Sendungen: Die Landwirtschaft muss sich selber disziplinieren, solange sie dies noch kann. Das wird schmerzhafte Einschnitte brauchen bei Bestandesobergrenzen und Produktionssystemen. Zuwarten und weitermedizinieren wie bisher wird längerfristig deftigere Auswirkungen haben, die auch diejenigen Produzenten treffen werden, die Antibiotika heute mit Mass und ausschliesslich kurativ einsetzen. Allerdings bin ich ziemlich überzeugt, dass man unter Druck der Produzentenorganisationen nichts bis gar nichts tun wird und auf den grossen Knall, ein Verbot oder eine starke Eingrenzung des veterinären Antibiotikaeinsatzes zugunsten der Humanmedizin, zutaumelt. Es ginge auch anders: Ich war kürzlich auf einem Biobetrieb, der in der Milchproduktion konsequent auf Antibiotika verzichtet. Die Folge sind 10 bis 15 Prozent Kühe mit abgestorbenen Vierteln, die übrigen drei Zitzen liefern aber die gleiche Milchmenge, wie vorher vier. Das ist nur ein Beispiel. Die Bauern täten gut daran, innovativ auf die Herausforderung zu reagieren, ansonsten wird ihnen früher oder später der Bremshebel aus der Hand genommen. (Videostill aus Rundschau vom 21.3.12)  

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3 Antworten to “Antibiotika: Bremsen solange man selber kann”

  1. sunburstsun Says:

    Wie sieht es eigentlich mit dem Einsatz von Kolloidalem Silber bei Tieren aus? Ist doch recht günstig (bei Selbstherstellung mit einem Pulser ca. 3,5ct/L), es gibt keine Resistenzen und ‘gut ist’?!
    Die Vögelchen in meinem Gartenspringbrunnen wissen es anscheinend zu schätzen, wenn ich mit Umkehrosmosewasser nachfülle und zusätzlich ein Fläschchen Silberkolloidwasser nachschütte: Süffeln, Gefieder waschen, Plantschen…

  2. Wieder die "Antibiotika-Hühner" - haberleiten.at Says:

    [...] “Antibiotika-Serie” des Schweizer Fernsehens gibt es jetzt einen lesenswerten Kommentar aus schweizerischer Sicht bei Adi’s Agro-Blog. VN:F [1.9.16_1159]please wait…Rating: 0.0/10 [...]

  3. Hansuli Huber Says:

    Salü Adi,
    Du hast schon recht mit dem vielen Antibiotika. Es gibt aber zwei Dinge zu bedenken:
    1.Antibiotika sind auch in der Tierhaltung, ob Bio oder IP oder konventionell, unverzichtbare und i.d.R. hochwirksame Medikamente, mit denen Tieren geholfen, ihnen Leiden, Schmerzen oder gar ein leidvoller Tod erspart bleibt (kürzlich wurde ein Biobauer verurteilt, weil er offenbar darauf verzichtet hatte). Eine Antibiotikareduktion darf nicht auf Kosten der Tiere gehen! Es gilt deshalb, zuerst die Betreuung, die Haltung, die Zucht, das idiotisch viele Herumkarren z.B. im Bereich Schweine, etc. zu verbessern, damit die Belastungsfaktoren, welche auf das Tier wirken, geringer werden. Sonst versündigen wir uns an den Tieren!
    2.Jedermann zeigt auf den doofen Antibiotikanutzer namens Bauer. Ich bin überzeugt, dass die Humanmedizin ungleich stärker Resistenzen im Humanbereich fördert. Klar geht eine Diagnose von 10” voraus, doch dann wird gleich Antibiotika verschrieben. Bezeichnend ist ja, dass bis heute die Humanantibiotikamenge weder erfasst noch ausgewiesen wird. Na, weshalb wohl? Es gibt eine Studie aus der Romandie. Im Lausanner Teil des Genfersees wurden sehr viele resistente Keime festgestellt. Bekanntlich hat Lausanne keine Bauernhöfe aber Spitäler und humane Antibiotikanutzer… .
    Beste Grüsse Hansuli Huber

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