Vergangene Woche haben die australischen Regulierunsbehörden die zweitletzte Hürde für eine Elefanten-Adoption aus dem Weg geräumt. Das nun noch notwendige Plazet durch die chinesischen Behörden dürfte nur noch eine Formalität sein. Danach wird Glencore gemeinsam mit zwei kanadischen Partnern den Getreidehändler Viterra übernehmen können. Viterra ist im Handel und der Lagerung von Getreide, die rund zwei Drittel des Umsatzes von gut 8,3 Milliarden USD im vergangenen Jahr ausmachten, aber auch im Verkauf von landwirtschaftlichen Produktionsfaktoren wie Dünger und der Lebensmittelverarbeitung engagiert, also sehr vertikal entlang der ganzen Wertschöpfungskette.
Das verstärkte Engagement von Glencore (Umsatz 2011: 186 Milliarden USD) in der Landwirtschaft ist eine der strategischen Stossrichtungen von Konzernchef Glasenberg. In einer Medienmitteilung rühmt der Rohstoffhändler mit Sitz in Baar bei Zug voller Euphorie die positiven Perspektiven, die sich durch die Übernahme für die Bauern auf tun werden. Ich bin da weniger optimistisch. Grundsätzlich beobachte ich die Aktivität der Rohstoffhändler mit Argwohn. Ihr Geschäftskonzept ist die Ausbeutung von Rohstoffen auf Kosten der Bürger der betroffenen Länder (einmal abgesehen von einer dünnen Crème de la crème an der Spitze dieser Staaten). Der Wertschöpfungsanteil, der in diesen Ländern verbleibt ist minim, dafür die Umweltbelastung gigantisch. Ich bin mit vielen weit besser informierten Experten überzeugt, dass diese Firmen der Schweiz, wo viele von ihnen ihren Hauptsitz haben noch viele Probleme bescheren werden. Probleme, welche die Aber-Millionen von Steuereinnahmen in Zürichsee-Gemeinden wie Rüschlikon längerfristig in den Schatten stellen werden.
Warum sollten sich diese Gesellschaften in der Landwirtschaft anders verhalten? Ihre Präsenz deutet darauf hin, dass sie sich vom Engagement an der Scholle raschen Gewinn versprechen. Dieser wird nicht bei den Bauernfamilien, sondern in Baar in der Kasse klingeln. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche. Möglicherweise werden einige Farmer dabei profitieren, aber mit Garantie wird eine grössere Zahl bei dieser Industrialisierungstendenz in der Landwirtschaft auf der Strecke bleiben. Schon heute sind viele von ihnen zu Angestellten von Glencore degradiert worden, bewirtschaftet das Unternehmen doch weltweit bereits 270 000 Hektaren selber.
Das grosse Problem ist, dass man Landwirtschaft nicht im gleichen Stil betreiben kann, wie das Banken- oder Rohstoffgeschäft. Es braucht ein langfristiges, nachhaltiges Engagement, das die Bodenfruchtbarkeit höher gewichtet, als das nächste Halbjahresergebnis. Diese Denkweise traue ich den Glencore-Managern nicht zu. (Bild WinterforceMedia)
Archiv für Juli 2012
Wenig Grund zum Feiern nach Elefanten-Adoption
Juli 30, 2012Sommerlochkühe(4): Tiroler Hummeln & Sprinzen
Juli 28, 2012
Ich begrüsse herzlich Verena Broger Ribi unter den Gast-KuhfotografInnen. Herzlichen Dank für die erste Sendung aus den Bauernhofferien im Osttirol. Von dort schreibt sie mir folgendes: “Gestern haben wir auf einer Wanderung zum Tessenberger See über eine Hochmoor-artige Alm ein paar schöne Rinder angetroffen. Auf dem ersten Bild eine Mutterkuh mit Kalb der Rasse Pustertaler Sprinzen, resp. Jochberger Hummeln, einer genetisch hornlosen Rasse. Dann ein Rindli Tiroler Grauvieh (Bild oben). Die Simmentaler und Pinzgauer, die man im Hintergrund siehst, kennst du sowieso. Du siehst, unsere Ferien sind viehzüchterisch, und in Folge dessen, kulinarisch (gestern Abend Filet vom schottischen Hochlandrind, das wir letztes Jahr auf seine Alm zurück getrieben haben) hoch interessant. Die Schotten sind ja die Ausbrecherkönige unter den Rindern.”
Die Jochtaler Hummeln sind eine Entdeckung für mich, und Kandidatinnen für den Rassennamen des Jahres. 1834 wurde nachweislich das erste hornlose Kalb dieser Fleischrasse geboren, liest man im Salzburger Wiki-Eintrag. Die rassenreine Zucht ist angesichts der kleinen Population ein Problem, aber vielleicht wäre die Schweiz ja ein Absatzmarkt, ein neues Business für Dich, Verena? Neu sind für mich auch die Pustertaler Sprinzen, die allerdings, wenn man den Bildern auf der Homepage des österreichischen Rare-Rassen-Verbandes glauben schenken will, und das wollen wir doch, nicht ganz alle hornlos sind. Wie dem auch sei, die Bilder sind für jeden Kuhfan wie mich beste Tirol-Werbung, wobei so ganz leicht wird es mir nicht fallen, über die Grenze zu fahren für Ferien auf dem Bauernhof, farmpatriotisch wie der Agroblogger veranlagt ist; aber grad drum bin ich um so dankbarer für die tollen Fotos! (Bilder Verena Broger Ribi)
Die visionäre Agrarallianz mit der Sonntagspresse
Juli 25, 2012
Ich stelle immer wieder fest, dass landwirtschaftsferne Journalisten ein Faible für Bauernbashing haben. Es steht mir fern, jetzt zu einer Kollegenschelte auszuholen. Die Agrarpolitik ist tatsächlich ein Thema, das als Aufreger geradezu prädestiniert ist. Eine schrumpfende Berufsgattung, die politisch überproportional vertreten und punkto Lobbying überdurchschnittlich begabt ist, bezieht Jahr für Jahr rund 3 Milliarden Franken aus der Bundeskasse und erfrecht sich in ihrer grossen Mehrheit trotzdem, die Liberalisierung des Handels und den Umbau der Schweiz in ein Bio-Paradies kritisch zu hinterfragen oder gar zu bekämpfen. Ich versuche meinen lieben Kollegen immer wieder und mehrheitlich erfolglos zu erklären, dass die Bauern erstens nur einen kleinen Teil der Direktzahlungen bei sich behalten (das meiste geht an vor- und nachgelagerte Sektoren) und dass es zweitens den Staat massiv teurer zu stehen käme, wenn er die gemeinwirtschaftlichen Leistungen an Landschaftsgärtner übertragen würde, wobei nicht einmal qualitativ gute Lebensmittel produziert würden. Item, immer wieder lese ich also, häufig in der Sonntagspresse, Artikel, die mit scharfen Worten “die Bauern” an den Pranger stellen, sei es weil sie angeblich zu hohe Direktzahlungen kassieren, sei es weil sie unsachgemäss politisieren. Letzten Sonntag war es wieder einmal so weit. “Bauernverband schadet laut Bund den Bauern”, erklärte uns die “NZZ am Sonntag”, die ein besonderes Faible für landwirtschaftskritische Berichterstattung entwickelt zu haben scheint. Der Inhalt soll hier nicht im Mittelpunkt stehen. In kurzen Sätzen wird den Lesern erklärt, dass der Schweizerische Bauernverband (SBV) mit seinem Lobbying für eine “produzierende Landwirtschaft” in der Diskussion um die Agrarpolitik 2014-2017 (AP14/17) daneben greife und für eine Variante plädiere, die das Einkommen der Bauern mittelfristig senke. Der “Schweizer Bauer” hat heute gut verständlich, wenn auch mit parteiischer Brille erklärt, warum hier nur die halbe Wahrheit erzählt wird. Ich will aber auf etwas anderes fokussieren: Mir ist jetzt zum widerholten Male aufgefallen, dass sich das NZZ-Sonntagsblatt den zwei oppositionellen Agrarpolitik-Thinktanks extrem nahe steht. Während der Geschäftsführer der “Agrarallianz” im Artikel ausführlich Stellung nehmen darf, war die “Vision Landwirtschaft” kaum war der Artikel erschienen, schon mit einer Medienmitteilung zur Stelle. Ich fresse eine Zuckerrübe samt dem Kraut, wenn die Journalisten die Geschichte nicht von einem der beiden Organisationen gesteckt erhalten hat. Nicht dass es verboten wäre, enge Beziehungen mit diesen Gruppierungen zu pflegen. Nur finde ich es ein bisschen heikel, deren Position dann derart ungefiltert zu übernehmen und sich so vor ihren Karren spannen zu lassen. Man vermittelt dem Leser so den Eindruck, dass “die Bauern” en bloc Direktzahlungs-Schmarotzer oder Opfer der Lobbyisten seien. Dem ist nun aber keineswegs so. Sowohl die Allianz wie auch die Vision stehen den eher ökologisch und liberalisierungsfreundlich ausgerichteten Bauern nahe, die im AP14/17-Poker ebenso knallhart für ihre Interessen kämpfen, wie der SBV und seine Entourage. Das dürfte man der Leserschaft ruhig noch etwas transparenter machen.
PS. Auf Wunsch von Kommentator Roman hier die im Artikel erwähnte Berichterstattung im “Schweizer Bauer” vom 25. Juli, die leider nicht online erhältlich war, als Foto. Ich hoffe, das ist einigermassen lesbar. Zum Vergrössern bitte auf das Bild klicken.

Ambrüf, bei den Königen des Wassers & des Weins
Juli 22, 2012
Das Wallis ist für mich wie eines dieser Länder, in die man schon lange will und es nie schafft. Dank zwei Terminen am gleichen Tag, der eine davon hier verarbeitet, kam ich unerwartet in den Genuss einer Reise hinter den Lötschberg, was ja heute dank dem neuen Basistunnel deutlich schneller geht als früher. Und es hat sich gelohnt, auch aus landwirtschaftlicher Sicht. Ein paar Dinge sind mir aufgefallen. Zu Beginn die intensive Bewässerung. Die erste sah ich im schmucken Städtchen Leuk, wo Reben aus vollen Rohren berieselt wurden (siehe Bild oben).
Später fuhr ich weiter nach Visperterminen, ebenfalls ein sehenswerter Ort mit einem intakten Kern, der wahrscheinlich auch dank bescheidenem Skigebiet nie verschandelt wurde. Auf der kurvenreichen Fahrt und im Dorf fiel mir auf, dass hier auf gut 1000 Metern sogar die Weiden und Mähwiesen bewässert werden und zwar mit fest installierten Leitungen. Dies ist für Schweizer Verhältnisse ziemlich aussergewöhnlich und hat mit zwei Dingen zu tun. Erstens ist das Wallis mit Wasser reich gesegnet. Wenn die Schweiz ein Wasserschloss ist, dann ist das Wallis der Krönungssaal. Zweitens ist das Klima praktisch mediterran, die Niederschlagsmenge ist nur rund halb so gross, wie in der “Üsserschwiz” und die Temperaturen erlauben den Aprikosen- und Rebbau bis auf über 1000 Meter (siehe Bild rechts). Deshalb ist Visperterminen bekannt für Europas höchsten Rebberg, der mit der lokalen weissen Gebirgs-Sorte Heida (auch als Savagnin bekannt) bestockt ist, drum heisst es auch Heidadorf. Aufgefallen ist mir auch, dass die Walliser seit langem daran gewohnt sind, auch noch aus dem letzten Flecklein Erde das Maximum herauszuholen. Jedes Vorgärtchen wird mit Kartoffeln bepflanzt, zwischen den hübschen Holzhäusern mitten im Dorf findet man immer wieder Gemüsegärten und kleine Getreideflächen von 100 Quadratmetern am Steilhang sind keine Seltenheit, natürlich alles bewässert.
Zu guter Letzt möchte ich noch den Wallisern selber ein Kränzchen winden. In der Deutschschweiz haben sie ja ein bisschen den Ruf, knorrige Bergler im Dauer-Weissweinrausch zu sein, die mit denjenigen hinter dem Berg möglichst nichts zu tun haben möchten. Alle denen ich begegnet sind waren einfach nett und unkompliziert, es war ein schöner Tag. Ich komme wieder ambrüf (rauf, für Nicht-Walliserditsch-Kundige).

Zum 501. ein Stück rumänischer Alpkäse
Juli 20, 2012
Ich nehme ja bekanntlich jede Gelegenheit für ein Rumänien-Reisli wahr, und dank einer Serie, die demnächst in unserem Lokalressort startet, hat es mich zu Albi und Aneta Keller in Ibanesti (Judet Mures)
verschlagen, mehr darüber demnächst in der NZZ. Natürlich ist dabei auch noch ein bisschen Blogstoff abgefallen. Kellers wohnen ja schon ziemlich abgelegen, aber gegen die Alp die wir besuchten, ist ihre Wohnlage im Täli wo Ceausescu einst Bären abknallte urban. Und es hat sich gelohnt, dorthin zu fahren. Erstens waren die Älpler, die wir dort antraffen extrem nett, was sich unter anderem in einer reichlichen und schmackhaften Verpflegung mit Polenta, überbacken
mit Käse (Mamaliga cu brinza topita) und natürlich Schnaps äusserte. Zweitens war es extrem interessant zu sehen, wie man hier unter einfachsten Bedingungen auf geschätzten 1000 Metern Käse produziert.
Hier stichwortartig die Daten: 80 Ziegen und 200 Schafe von insgesamt 45 Besitzern, Gesamtproduktion pro Jahr rund 3000 Kilo Caz dulce (süsser Käse), der aber eher säuerlich ist. Die Bauern bezahlen 60 Lei (rund 20 Franken) pro Tier und Jahr und erhalten dafür pro Schaf 11 und pro Geiss 20 Kilo Käse zurück, also fast die ganze Produktion. Den kleinen Rest verkauft
der Pächter auf dem Markt, das Kilo zu 15 Lei, etwa fünf Franken. Dem Landeigentümer zahlt Ion, der Alppächter einen Zins von 80 Kilo Käse jährlich. Die Milch wird nicht erhitzt, sondern dreimal täglich frisch mit
Lab von Lämmern versetzt, das sei besser als Kälberlab, sagte mir einer der fünf Hirten und Melker sagte. Die eingedickte Käsemasse wird dann nicht, wie in unseren Breitengraden üblich, mit der Harfe akurat in die richtige Korngrösse zerschnitten, sondern von Hand grob zerteilt und anschliessend mit einem Tüechli aus dem Kessi, der Budaca geholt. Anschliessend hebt der Käser die Masse in die Crinta, die Pre
sswanne aus Föhrenholz. Die EU, so sagte Ion, sehe das Holzgerät nicht gerne und würde Inox vorziehen, aber das kümmert hier gefühlte 10 Lichtjahre von Brüssel entfernt niemanden wirklich. Aus der Käsemilch, der Sirte, wird zuerst Ziger hergestellt, den Rest kriegt das halbe Dutzend Hunde, das mit der Bewachung der Herde betraut ist. Diese ist hier nötiger als an vielen Orten. Die Region im tiefsten Siebenbürgen ist sehr reich an Bären. Diese seien allerdings zur Zeit mehr als ausgelastet mit dem Fressen der reifen Beeren, sagt Ion und zeigt mir wie zum Beweis einen Kübel voll von wunderschönen wilden Himbeeren, die die Hirten zwischen zwei Melk-/Käseschichten schnell eingesammelt
haben. Gemolken wird übrigens von Hand in einem einfachen Melkstand in dem die Geissen und Schafe nicht fixiert werden.
Der letzte war übrigens der 500. Beitrag, danke Ihnen liebe Leserinnen und Leser für die nachhaltige Treue zu meinem Blog. Zur Feier des Runden gibt es wieder mal einen kleinen Wettbewerb. Die rührigen Hirten wollten mich natürlich nicht ziehen lassen, ohne mir ein grosses Stück Käse einzupacken. Das habe ich unterdessen über alle Grenzen geschmuggelt und biete es dem ersten/der ersten an, die mir sagen kann, was Geiss und Schaf auf rumänisch heisst. Viel Glück!

Return of the old school butcher
Juli 17, 2012Spent the weekend in London for a birthday party. Stoke Newington in northeastern Hackney Borough is a small town in the big city. Home to many immigrants and recently getting more and more trendy. That’s why its interesting to see, what’s going on at the foodshop front. Apparently one of the new trends is the return of the small scale businesses. “Meat N16″ (Stokes Zip-Code) is an excellent example. This tiny butchery is a major (window-)shopping experience, provided you like meat. Beautiful pieces, nicely arranged in vitrines and cooling cupboards, chopped and cut under the hungry eyes of the customers on woodblocks. N16 offers besides that sausage production trainings for beginners and I was so lucky to get some of the results as part of the birthday buffet. Fingerlickin’ good in the true sense.
The new trend is also taken up by some immigrants. While most of the pakistani led groceries are unpretentious and neonlit mini-supermarkets, some of them present their produce in a new, but in fact old school manner. A good example for this is Stoke Newington Green, a grocery that spreads the feel of a mid-last century shop with its wooden trays and careful presentation of their fruits and vegetables.
The only thing I havent seen in Stoke is a classic dairy-/cheesemonger. Maybe a job for a postmidlifecrisis agronomist? We’ll see, the top quality english cheeses would be there.
I hope the return of the old school grocers is a longterm development. The consumers behaviour will decide; when they shop there, at least partially, the shops can survive.
Grossverteiler sind schwach auf der Pouletbrust
Juli 13, 2012Der Schweizer Tierschutz (STS) hat diese Woche die Resultate einer interessanten Umfrage publiziert: Sämtliche 103 (!) Poulet- und Trutenfleisch importierenden Firmen wurden unter anderem gefragt, ob sie die Produktionsbedingungen des Fleisches kennen und falls ja, ob diese lascher oder strenger seien als in der Schweiz. Ergebnis (siehe Tabelle unten): Bis zu 30% der Importeure, die auf die Umfrage geantwortet haben, wissen nichts über die Produktionsverhältnisse. Von denen, die es wissen sagen im Schnitt über 50 Prozent, dass die Haltungsvorschriften schlechter sind als in der Schweiz und durchwegs 0, in Worten null Prozent erklären, dass im Ausland tierfreundlicher gehalten wird. Soweit so schlecht.
Fakt ist: Pouletfleisch boomt. Dafür verantwortlich sind einerseits die ernährungsphysiologisch als günstig betrachtete Fettarmut und zweitens der Preis. Fakt ist auch, dass der Importanteil leicht über 50 Prozent liegt. Pro Jahr stehen 48 500 Tonnen Kontingent mit reduzierten Zollsätzen zur Verfügung. Das heisst, es locken fette Gewinne auf dem importierten Fleisch, das aus 14 Ländern von Brasilien bis Ungarn mit massiv tieferen Produktionskosten als in der Schweiz eingeführt wird.
Die mit Abstand grössten Profiteure dieses Systems sind Bell (Coop), Micarna (Migros) und die Basler GVFI, ein ausserhalb der Branche kaum bekannter Importmulti. Dass ausgerechnet die beiden Grossverteiler in diesem Geschäft dick absahnen ist zwar ihr Recht, aber es zeigt wieder einmal wie kurz das Ökomäntelchen zuweilen ist, mit dem sie die Realitäten in ihrem Fleischgeschäft gerne kaschieren.
Namentlich Migros macht im Moment im Geflügelbereich keine gute Falle. Man kann in die Läden, wann man will und es gibt immer mindestens eine panierte brasilianische Aktion, auch heute (siehe Bild). Dazu kommt, dass auch in der Inlandproduktion kaum mehr Labelware angeboten wird, einmal abgesehen von einem Sélection-Maispoulet aus dem obersten Preissegment.
Coop steht an diesem Punkt mit einem breiten Labelangebot etwas besser da. Was die Importe angeht ist das Volumen bei Coop (>8000t) aber grösser als bei Migros (>7000t). Brasilien ist vor allem bei der Charcuterie stark vertreten, dabei wäre gerade das ein idealer Ort, um die zahllosen Schweizer Suppenhühner zu verwerten. Ungarn, ein anderer Grossexporteur ist im Coop Billigsegment (Prix Garantie) ein häufiger Gast.
Fazit: Beide Grossverteiler sind beim Gefügelimport gerne bereit, ihre im Inland ostentativ zur Schau getragene und für PR stark genutzte Nähe zur Natur und zum heimischen Schaffen zu vergessen, wenns ums Ökonomische geht. Ich schätze, dass die durchschnittliche Marge beim Importpouletfleisch 150 Prozent des Einkaufspreises beträgt. Im Inland liegt diese eher zwischen 50 und 100 Prozent. Allfällige Berichtigungen nehme ich in der Kommentarspalte gerne entgegen.
EU-Milchbauern demonstrieren gegen sich selber
Juli 10, 2012
In Brüssel haben die im European Milkboard (EMB) vereinigten Milchbauern heute wieder einmal demonstriert. Sie bauten mit Strohballen und Plachen einen kleinen See auf, füllten diesen mit 5000 Litern Milch und liessen diesen unter dem Motto “Die Milch läuft über – die Preise stürzen ab!” anschliessend symbolisch über- und auslaufen. Die Preise sind in der Tat schlecht, derzeit liegt der europäische Durchschnittspreis für Massenmilch bei rund 25 Cents, das sind noch 30 Rappen pro Kilo und damit gleich wenig wie vor 30 Jahren. Das EMB-Communiqué kommt zum richtigen Schluss, dass der einzige Weg zur Besserung eine Mengenreduktion ist. Eine solche können nur die Milchbauern herbeiführen. Sie heute also gegen sich selber. Selbsterkenntnis sei der schnellste Weg zur Besserung, behauptet der Volksmund. Ich habe allerdings Zweifel, ob das Sprichwort für den Milchmarkt anwendbar ist. Dazu muss man wissen, dass die europäischen Milchbauern nach wie vor über eine Kontingentierung verfügen. Diese soll am 1. April 2015 abgeschafft werden. Wenn man die Entwicklung in der Schweiz als Fallbeispiel zum Vorbild nimmt, dann wird die Abschaffung des Kontingents – sie wurde hierzulande Ende April 2009 vollzogen – den Druck auf die Preise weiter erhöhen, wegen Überlieferung. Die Bauern kann man für diese Entwicklung nicht alleine verantwortlich machen. Die grossen Verarbeiter und der Milchhandel haben ein eminentes Interesse an einer zu hohen Produktionsmenge, da sie den Rohstoffpreis senkt. Aus der Verantwortung nehmen können sich die Milchproduzenten aber nicht, keine Molkerei kann selber ein einziges Kilo Milch selber produzieren. Das Problem ist die trotz hohem Organisationsgrad fehlende Solidarität und der ungenügende Zusammenhalt unter den Produzenten. Wenn es aber den Produzenten nicht einmal in der überblickbaren Schweiz gelingt, die Milchmenge unter Kontrolle zu halten, wie sollte es denn den Europäern gelingen? Wahrscheinlich blüht ihnen mittel- bis längerfristig ein Preis unter 20 Cents, ein Wunder oder Produktionskrisen durch Trockenheit in anderen Weltgegenden mit hoher Milchproduktion vorbehalten. (Bild François Lenoir / Reuters)
Zürich – das schlecht geführte Versuchslabor
Juli 8, 2012
Der Kanton Zürich ist ein Versuchslabor der Schweizer Landwirtschaft: Nirgendwo sonst im Land ist der Siedlungsdruck und das Bevölkerungswachstum derart hoch. Das führt zu Konflikten, wie derjenige in Dägerlen (siehe Bild oben), wo sich Anwohner über die Geruchsimmissionen eines Laufstalls beschweren. Ähnliche Auseinandersetzungen gab es auch in Lindau, als die landwirtschaftliche Schule Strickhof dort einen neuen Schweinestall mit Ausläufen eröffnete. Derartige Konflikte sind ein Teil dieser Enge, in der die Zürcher Bauern produzieren. Sie müssen damit leben lernen. Erstens gehören sie selber zu den grössten Profiteuren des Siedlungswachstums. Viele Landwirte sind mit Landverkäufen zu Millionären geworden und werden dies immer noch. Zweitens bietet wohl kein anderer Kanton derart ideale Voraussetzungen für den Direktverkauf und Regionalproduktion zuhanden der Grossverteiler. Vor der Haustüre eines jeden Bauern siedelt im “Millionenzürich” kaufkräftige Kundschaft, die in ihrer Mehrheit den Bauern positiv gegenübersteht und gerne in anmächeligen Hofläden und im Kanton hergestellte Produkte einkauft. Das Florieren des Labels “Natürli” und von Betrieben wie Jucker Farmart sind nur zwei Beispiele. Diese Kundschaft muss man auch pflegen: Die erholungsbedürftige Gesellschaft im nationalen Wirtschaftsmotor will eine gepflegte Landschaft mit Blumenwiesen, Hecken und gurgelnden Bächen. Soll keiner sagen, dass darin keine Landwirtschaft mehr Platz hat. Die Zürcher Betriebe sind schlagkräftig: Reine Ackerbaubetriebe, in Betriebsgemeinschaften produzierende Milchproduzenten mit grossen Kuhzahlen, rationell eingerichtete (Bio-)Gemüseproduzenten, unter erschwerten Bedingungen produzierende aber erfolgreich vermarktende Bergbauern im Tösstal und eine Winzergilde mit qualitativ hochstehendem Ausstoss an Gewächsen. Kein Grund zum Jammern also. Vor diesem Hintergrund macht die Dachorganisation der Zürcher Bauern derzeit Brutta Figura. Der kantonale Bauernverband (ZBV) verharrt seit Jahren in der Defensive. Jüngste Beispiele sind die Niederlage vor dem Zürcher Verwaltungsgericht vom Freitag, wo man sich gegen den Gewässerschutz ohne Not weit zum Fenster auslehnte. Desgleichen bei der Kulturlandinitiative, wo der Vorstand zwar Stimmfreigabe beschloss, nach dem Ja des Zürcher Volks aber den Präsidenten zum “freiwilligen Rücktritt” bewegte, der sich die Freiheit rausgenommen hatte, die Initiative zu befürworten. Das ist umso bizarrer, als das Volksbegehren die produzierenden Landwirte unterstützt, die der ZBV immer an vorderster Front zu schützen behauptet. Das Problem des ZBV ist die enge Verquickung mit der kantonalen SVP, die im Dienste ihrer Immobilienfreunde ein Nein zur Kulturlandinitiative beschlossen hatte. Wenn der ZBV eine glaubwürdige Vertretung aller Zürcher Bauern bleiben will, tut er gut daran, in dieser ländlichen Zweckehe demnächst die Scheidung einzureichen. Denn zu unberechenbar und opportunistisch ist die SVP als Partnerin der Bauern, das gilt nicht nur für den Kanton Zürich, sondern für die ganze Schweiz. Je nach Bedarf spielt sie die Bauernfreundin oder die neoliberale Schiene und lässt die Bauern fallen wie heisse Kartoffeln.
Bleiche Sommerlochkühe(3): Sibirjatschka
Juli 5, 2012
Mein Haus-Agrarfotograf Christian Mühlhausen war wieder mal unterwegs, in Sibirien. Von dort aus hat er mir das folgende geschrieben: “Bevor es Sonntag nach Moskau geht, möchte ich dazu beitragen, deine weisse Flecken der Agroblog-Rindvieh-Weltkarte zu tilgen.” Ein derartiges Map-Tool sollte ich hier wirklich möglichst bald aufschalten.
Wir fangen an mit einer weiteren bleichen Kuh, die in diesem Fall am Baikalsee rumlungert, derweil einige ihrer Kolleginnen im Abfall wühlen oder schlicht die Aussicht geniessen, so schreibt mir der Fotograf.
Der zweite Teil der sibirischen Kuhparade stammt aus einem kleinen Dorf: “Gleich am ersten Abend, als uns ein folkloristischer Abend geboten wurde, wo es neben Abendessen in einer
traditionellen Jurte auch diverse Trachten zu bestaunen gab sowie Bogenschiessen und Würfelspiele mit Schafknochen auf dem Programm standen, nutzte ich die Gunst der Stunde – schliesslich sah ich doch einiges an Kuhfladen auf der Dorfstrasse, nur Kühe waren nicht in Sicht. Das Fotografenglück war auf meiner Seite als just in diesem Moment aus der ferne Muhen erklang: es war Abend und die fürs Dorf gemeinschaftlich gehütete Herde,
die eindeutig Simmenthal-Genetik innehatte, kehrte zurück von der Tagesweide. Brav löste sich jede Kuh, Rind, Jungbulle… aus der Herde und folgte dem Weg in den heimatlichen Stall. Fast jeder im Dorf hält Rindvieh zur Selbstversorgung, etwa 4 -10 Tiere pro Familie, insgesamt war die Dorfherde wohl 150 Kopf stark. Einem Bauern folgte ich auf den Hof. Weder sein Deutsch noch mein Russisch taugten dazu, Näheres über Haltung, Milch- und Fleischnutzung, Winterfutter (nirgendwo sah ich Strohs
chober oder Mähweiden – die Vegetationszeit liegt bei 100 Tagen bei 220 mm Jahresniederschlag) etc. zu erfahren. Gefreut hat er sich offensichtlich doch über mein Interesse an seiner Arbeit”, schreibt Christian. Besten Dank für die interessanten Eindrücke. Christian! Es dünkt mich, Du hast trotz fehlendem Russisch vieles mitgekriegt.
Jetzt noch zum Touristischen. In Sibirien habe ich diesbezüglich grad wenig Know-How zu bieten, aber habe dieser Tage von einem Kollegen von einem Reisebüro namens Russlandreisen in Kaluga, knapp 200 Kilometer südwestlich von Moskau, gehört. Unweit des häufig besuchten Emigrantenbetriebs Schweizer Milch bieten Andrea Schild und Berno Z’Brun (“Wir sprechen beide sehr gut Walliserdeutsch und etwas weniger fliessend, aber gut Russisch”) Reisen in die Provinz, nahe zum Volk. Sieht sehr ansprechend aus, das Programm tönt spannend und die Preise sind vernünftig. Das würde mich reizen. (Bilder Christian Mühlhausen/Landpixel)




