Archiv für die Kategorie ‘(Agrar-)Medien’

Einer der gefährlichsten Arbeitsplätze der Welt

Mai 14, 2013

Paysannes congolaisesBäuerin sein ist in Afrika kein Zuckerschlecken. Das ist nichts Neues, aber die jüngste Ausgabe der “Voix du paysan congolais” zeigt dies wieder einmal drastisch. Im Nachgang zum internationalen Tag der Frau am vergangenen 8. März, der inhaltlich auf den Kampf gegen Gewalt an Frauen fokussierte, widmet das Blatt der Situation der Landfrauen in der Demokratischen Republik Kongo (RDC) ein ausführliches Dossier (Seiten 10 bis 13). Mehrere Frauen aus ländlichen NGOs kommen zu Wort und ziehen in nüchternen Aufzählungen, die fast vollumfänglich übereinstimmen eine verheerende Bilanz über die mannigfaltigen Formen der Gewalt, denen die Bäuerinnen, die wie überall in Afrika den grössten Teil der Nahrungsmittel produzieren, ausgesetzt sind. Hier eine kleine Zusammenfassung: 

  • Körperliche Gewalt: Diese fängt an mit der Feldarbeit. Wegen fehlender Mechanisierung und Infrastruktur verrichten die Frauen schwere körperliche Arbeit, tragen schwere Lasten und legen damit grosse Distanzen zu Fuss zurück.
  • Häusliche Gewalt: Nach der Feldarbeit wartet der Haushalt, wo die gesamte Arbeitslast inklusive Kinderbetreuung auf den Schultern der Frauen lastet. Der Mann ist in der patriarchalischen Familienstruktur der absolute Herrscher und verlangt freie sexuelle Verfügbarkeit der Frau nach dem 14-Stunden Arbeitstag und bei Bedarf mitten drin. Prügelstrafen “zur Erziehung der widerspenstigen Frau”, wie es eine der Autorinnen formuliert und für die Kinder sind an der Tagesordnung und sorgen in vielen Haushalten für ein Klima der permanenten Angst. Stirbt der Tyrann, ist die Frau gehalten, einen der Brüder des Mannes zu heiraten.
  • Sexuelle Gewalt: Die RDC ist namentlich im Osten des Landes seit zwei Jahrzehnten von kriegerischen Konflikten geprägt. Die Frauen auf den Feldern sind für marodierende Soldaten und Rebellen Freiwild, Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung. In gewissen Regionen sind über 90 Prozent der Frauen mindestens einmal vergewaltigt worden. Diese Situation beschränkt sich nicht aufs Kriegsgebiet im Kivu. Eine Frau schildert, wie sie unweit der Hauptstadt Kinshasa knapp einer Vergewaltigung durch einen Militärpolizisten entgeht und dieser dank verzweifelten Hilferufen schliesslich verhaftet wird. Zwei Tage später begegnet sie demselben “Monsieur”, der auf freiem Fuss seinen Geschäften nachgeht.
  • Wirtschaftliche Gewalt: Frauen fehlt die landwirtschaftliche Macht, weil sie kaum je Besitzerinnen des Landes sind, das sie bebauen. Innerhalb der Familien wird in der männlichen Linie vererbt. Das auf Märkten hart verdiente Geld wird von den Männern oft entwendet und ausserfamiliär verprasst. Ausserhalb der Familienstrukturen wird Land nach Belieben enteignet oder beschlagnahmt, oft durch Behördenvertreter, die - wiederum durch Gewalt aller Art - schlecht oder nicht legitimierte Besitzansprüche erheben. 
  • Politische Gewalt: Frauen sind in politischen Gremien, auch landwirtschaftlichen, notorisch schlecht vertreten, obwohl sie als Produzentinnen um Welten wichtiger sind als die Männer. Ihre Rechte, dort wo sie festgeschrieben sind, vermag der schwache Staat nicht durchzusetzen, seien es die elementaren Menschenrechte oder diejenigen auf Besitzstandswahrung. 
  • Psychische Gewalt: Die Landfrauen sind insgesamt faktisch rechtlos, auf Grund von Angst und mangelndem Wissen verzichten sie in 99,97 Prozent der Übergriffe auf eine Anzeige ihrer Peiniger, wie Justin Kakesa in einem Interview in der “Voix” (siehe Seite 11 im Blatt) vorrechnet. Die Straflosigkeit mit der die Gewalt an Frauen und Kindern (Schwangerschaften und Vergewaltigungen von Minderjährigen sind ein weiteres grosses Problem) bestärkt die Männer in ihrem selbstherrlichen und gewalttätigen Verhalten und sorgt für eine Einschüchterung der Frauen.

Alles schlecht also? Es ist ein deprimierendes Bild, das hier gezeichnet wird. Dass es in einer Landwirtschaftszeitung derart schonungslos ausgebreitet wird, dürfte kurz- bis mittelfristig nicht viel ändern an der Lage der Landfrauen. Aber möglicherweise trägt das zur Bewusstseinsbildung auch bei den Männern bei. Der Weg zur Gleichberechtigung scheint aber unendlich lang. Ich kann diesen Frauen nur viel Kraft wünschen.

Und was können wir hier machen? Spenden für NGOs, die sich in bäuerlichen Genderfragen engagieren sind sicher nicht die dümmste Art, auf die prekäre Situation zu reagieren. Oder der Kauf von Produkten aus Initiativen, in denen Frauen gestärkt werden. Oder mal eine Reise nach Afrika statt zum 7. mal in die Toscana? Es muss nicht gerade RDC sein. Märkte besuchen, mit Bäuerinnen reden und die Hitze spüren, in der sie arbeiten, Früchte kaufen, Interesse zeigen, ich kanns nur empfehlen. (Bild “La voix du paysan congolais”) 

Was die Bauern sonst noch so tun

Februar 5, 2013

Das Rind nach seiner RettungVor paar Tagen ist mir eine kleine Randnotiz im “Schweizer Bauer” ins Auge gestochen. Unter dem Titel “Trächtiges Rind in Gülleloch gefallen”, schreibt ein gewisser jgr. folgendes:
“Gysenstein BE. Am letzten Freitag erhielt die Berufsfeuerwehr Bern kurz vor 7 Uhr die Meldung, dass auf einem Bauernhof in Gysenstein ein Rind in eine Jauchegrube gefallen sei. Als erste Massnahme wurde ein Hochleistungslüfter installiert, um die giftigen Gase aus der Jauchegrube wezublasen und ein gefahrloses Arbeiten zu ermöglichen, wie die Berufsfeuerwehr der Stadt Bern mitteilt. Das trächtige Rind war wegen eines verschobenen Gitterrostes in die mehr als zwei Meter tiefe Jauchegrube gefallen und musste in einer schwierigen Rettungsaktion durch die enge Schachtöffnung von 80×80 cm geborgen werden. Unter Einsatz des Kranwagens gelang es schliesslich nach einer Stunden, das erschöpften Tier zur Schachtöffnung zu ziehen. Kaum hätten der Landwirt und die Feuerwehrleute damit begonnen, das Rind mit Stroh und warmem Wasser zu reinigen, sei es wohlbehalten und ohne Verletzungen wieder aufgestanden.”
Eine schöne Tierligeschichte und eine reife Leistung der Feuerwehr, würde ich sagen. Abgesehen davon ein Beispiel dafür, wieviel Unvorhergesehenes den bäuerlichen Alltag prägt. Das Wetter ist dabei nur eine von vielen Variablen. Das macht das Metier so spannend, aber zuweilen auch ziemlich anstrengend, auch für dieses güllegebadete Rind. (Bilder Berufsfeuerwehr Bern)Das trächtige Rind in ungemütlicher Lage

Die @traktivität der Agrarmedien im Test

Dezember 12, 2012

TabelleDie Welt der gedruckten Presse ist weitherum ziemlich in Aufruhr. Die Auflagezahlen und die Inserateerträge schmelzen wie der Käse im Caquelon. Als grosser Rettungsanker gilt dem Durchschnittsblatt die E-Strategie: Forcierung des Internets, Reinziehen einer Paywall, Steigerung der Erträge aus der Online-Reklame.
Derweil geht es der Bannwald der Lebensmittel- und Agrarwirtschaft noch stramm da. Wie in vielen anderen Bereichen ist auch in der grünen Branche die Fachpresse relativ krisenresistent. Die beiden grossen Landwirtschaftszeitungen verzeichnen stabile bis steigende Auflagezahlen im Bereich von 30000 Stück, eine stattliche Zahl, ist sie doch nur unwesentlich geringer, als diejenige der aktiven Landwirte in der Deutschschweiz. Andere Blätter, wie zum Beispiel der “St. Galler Bauer” halten sich auch dank vieler nicht-landwirtschaftlicher Abonnenten mehr als gut über Wasser.
Trotzdem haben sich die Agrarmedien schon mehr oder weniger aktiv auf das virtuelle Tätigkeitsfeld gestürzt, wenn auch mit ungleichem Elan. Das ist klug, selbst wenn der Durchschnittsbauer heute noch lieber Papier als ein Ipad auf dem Küchentisch hat, wird das wohl schon in der nächsten Generation ganz anders aussehen. Wohlan, nehmen wir also die Auftritte der fünf Wichtigsten in der Deutschschweiz einmal etwas genauer unter die Lupe.
Die secce Zusammenfassung finden Sie in obenstehender Tabelle. Aber wir wollen ihnen noch individuell auf die Finger schauen. Der alphabetischen Reihe nach:
AlimentaAlimenta ist das Fachblatt der Lebensmittelbranche und seit langem im Internet aktiv. Auf der Site dominieren passend zum Fokus auf die Milch die Farben weiss und blau. Die Seite wird regelmässig, wenn auch nicht übereifrig aktualisiert, das dürfte ebenso wie der Verzicht auf Videos mit der relativ bescheidenen personellen Dotation zusammenhängen. Stark ist Alimenta in den Social Media vertreten. Man twittert und ist auf Facebook präsent. Bereits eingezogen ist auch eine Paywall, etwas womit man sich in der Tagespresse noch sehr schwer tut. Als Abonnent kann man auch einen Newsletter beziehen.
Bauern-ZeitungDie Bauern-Zeitung ist eine der beiden Grossen und in der Tendenz etwas behäbiger als die Konkurrenz vom Schweizer Bauer. Zwar wird die Internet-Seite regelmässig aktualisiert, die Mehrheit der Aktualisierungen besteht aber in der Übernahme von Artikeln aus den Agronews des LID. In der letzten Zeit bemüht man sich aber vermehrt auch um Eigenleistungen, zum Beispiel anlässlich der Braunvieh-Europameisterschaft vom vergangenen Wochenende, wo man sogar ein Video aufschaltete. Dieses war allerdings für heutige Verhältnisse ziemlich handgestrickt, ungeschnitten und ohne Kommentar, aber immerhin. Vertreten ist die BauZ auch auf Facebook, auf  Tweets muss der Follower aber verzichten. Im Gegensatz zu Alimenta und Schweizer Bauer hat man hier noch keine Paywall eingezogen, deren Bau ist aber – glaubt man den Ankündigungen – nur noch eine Frage der Zeit.
LIDDer Landwirtschaftliche Informationsdienst (LID) ist ein alter Routinier auf dem Internet. Eine solide Darbietung mit einem täglichen Newsletter und einem wöchentlichen Mediendienst sowie zahlreichen Zusatzelementen, zum Beispiel eine umfangreiche Bildgalerie, in der ich mich immer wieder gerne bediene. Was Social Media angeht ist der LID ebenfalls schon ziemlich gut unterwegs, auch wenn die Zahl der Likes auf Facebook und der Follower auf Twitter noch nicht in den Himmel wächst. Was die Aktualität angeht ist der LID zusammen mit dem Schweizer Bauer der Leader, das muss der LID als Nachrichtenagentur auch.
Schweizer BauerDer Schweizer Bauer hat sich soeben ein neues Outfit gegeben auf dem Internet. Dieses ist recht gefällig, auch wenn der Zwang, zu jedem Artikel ein Bild zu veröffentlichen, manchmal etwas unglückliche Ergebnisse zeitigt, wie dieses Beispiel zeigt. Ausserdem ist die Aktualisierungsfrequenz hoch.  Trotzdem bin ich unter dem Strich etwas enttäuscht. Das Portal war nämlich mal pionierhaft. Lange bevor man in den Redaktionsstuben der grossen Schweizer Zeitungen an die Anschaffung von Kameras dachte, präsentierte der Schweizer Bauer Videos en masse. Die Palette reichte von der Leserreisereportage bis zum Interview. Das ist alles schon länger verschwunden, wenn ich richtig im Bild bin aus Kostengründen. Schade, dass man hier nicht dran blieb. Auch im Bereich Social Media wartet man vergebens auf Stimmen aus dem Schweizer Bauer, obschon man durchaus prägnante Meinungen hätte, die auch in 140 Zeichen etwas hergäben.
Ufa-RevueDie Ufa-Revue dagegen ist die einzige, welche professionelle Videos aufgeschaltet hat. Hier merkt man, dass das Geld reichlich vorhanden ist, namentlich wenn es um die Präsentation von neuen Produkten geht, welche die Fenaco via ihr Organ präsentiert. Der Auftritt dürfte etwas attraktiver gestaltet sein. Die Landi ist mir auf der Homepage zu dominant, man merkt kaum, dass man bei der Revue angelangt ist. Die Aktualisierungsfrequenz und die Social-Media-Präsenz ist ebenfalls noch verbesserungsfähig.
Fazit: Insgesamt ist man gut aber verbesserungsfähig unterwegs, wenn man aber schaut, mit wie wenig Ressourcen wie viel erreicht wird, könnte sich hier noch mancher Grossverlag ein Beispiel nehmen.

Giftige Sticheleien im Bienenhaus

Oktober 18, 2012

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Manchmal finden sich die interessantesten Geschichten in den Leserbriefspalten. So konnte man in den letzten zwei “Bauernzeitungen” einen hochinteressanten Imkerkonflikt verfolgen.
Im Land, wo der Honig fliesst herrscht schon lange nicht mehr nur eitel Sonnenschein. Seit Jahren kämpft die Branche gegen die Invasion der Varroamilben, die schon Hunderte von Bienenvölkern auf dem Gewissen haben. Genau darum, beziehungsweise um die Bekämpfungsmethoden dreht sich auch die erwähnte Kontroverse. In der Ausgabe vom 5. Oktober fährt Richard Wyss grobes Geschütz auf: der Chemieriese Bayer werbe “mit trügerischen Worten” für seine Anti-Varroa-Produkte, schreibt er. Bayer trage mit dem Vertrieb der Neonicotinoide Bayvarol, Check-Mite plus und Perizin selber massiv zu Bienenverlusten bei und verschweige die Rückstände im Honig und die Resistenzbildung. Das sind ungewohnt harte Worte, zumal Wyss nicht irgendein Imker sondern der Zentralpräsident des Deutschschweizer Dachverbands (VDRB) ist. Dieser hat in der selben Bauernzeitung auch ein Inserat geschaltet (siehe unten), in dem die scharfe Kritik bekräftigt wird (“So nicht, es genügt wenn die Agrochemie unsere Bienen auf Feldern vergiftet!”)
Die Replik eines Imkerkollegen folgte in der Ausgabe vom 12. Oktober auf den Fuss. Die Bayer-Medikamente dürfe man angesichts der strengen Zulassungsverfahren bedenkenlos benützen. Er selber habe damit wie zahlreiche Kollegen gute Erfahrungen gemacht. Dagegen kritisiert er den Einsatz von Ameisensäure, welche VDRB-Präsident Wyss in seinem Schreiben als Alternative propagiert. Damit quäle man die Bienen lediglich, schreibt Jakob Bringold aus dem solothurnischen Beinwil, der von Wyss auch eine Entschuldigung für seine Anschuldigungen verlangt. Dass die Produkte Rückstände hinterlassen, bestreitet er nicht, er deklariere sie aber klar.
Das Feuer im Dach des Bienenhauses ist für mich Ausdruck für die Verzweiflung und den Frust der Honigproduzenten. Chemikalienrückstände vertragen sich schlecht mit dem Image des Honigs als Ausgeburt des unversehrten Naturprodukts. Handkehrum wäre ohne chemische Keule, ob Bayer-Produkte oder Säure, wohl kaum mehr ein Bienenvolk am Leben. (Bild oben summ-summ.ch)

Eine unentdeckte Perle im Agrarmedien-Regal

September 21, 2012

Ich bin ein recht aktiver Beobachter der Schweizer Agrarmedien-Szene, aber trotzdem kann man in dieser Vielfalt immer noch Perlen entdecken. Irgendwie ist mir unerklärlich, wie ich die ersten 21 Nummern von “Zalp” übersehen konnte. Das Magazin des gleichnamigen Alpportals lag dieser Tage bei Tritt-Käse im Viadukt in Zürich auf dem Gabentisch und ist eine kleine Perle. Wobei, so klein ist sie gar nicht: Die Auflage beträgt beachtliche 5100 Stück und die Stärken des Internetauftritts werden im Print nahtlos weitergeführt: Interessante Themen, elegante Grafik, schöne Bilder sowie Illustrationen und ganz wichtig, aber leider im Agrarpressewald etwas dünn gesät: Humor.
“Zalp” widmet sich jeweils einem Schwerpunkt-Thema. Die Nummer 22 beschäftigt sich unter dem Titel “Fremde Fötzel” mit Freuden und Leiden der zahlreichen Ausländer auf den heimischen Alpen, die Nummer 23 dem “Fressen und Saufen”. Hier kommt unter anderem die Frage zur Sprache, welche Rolle dem Tröster Alkohol in der oft einsamen Umgebung zukommt. Fazit: Eine beschränkte, er gehört zwar dazu, aber schwere Trinker kommen gar nicht auf die Alp und die anderen haben angesichts der hohen Arbeitsbelastung kaum Zeit und zu früh Tagwache, um ihm übermässig zuzusprechen. 
Bei genauerem Hinsehen habe ich übrigens eine Erklärung gefunden, warum dieser Alpkäse unter den Agrarmagazinen so schwierig zu finden ist: Es gibt nur eine Ausgabe pro Jahr. Sie kostet 8 Franken bzw 7 Euro und die Bestelladresse ist Redaktion Zalp, Vorderdorfstrasse 4, 8753 Mollis. Viel besser kann man acht Fränkli dieser Tage kaum investieren.

Mediales Zahlenjonglieren vor der Wortschlacht

September 18, 2012

Am Mittwoch wird im Nationalrat über die Agrarpolitik 2014-2017 debattiert. Die Komplexität des Pakets ist für Aussenstehende, und das dürften rund 97 Prozent der Bevölkerung sein, relativ hoch. Auch Journalisten verzweifeln schier vor dem Materialberg. So schrieb mein Kollege Christof Forster nach der Kommissionsbehandlung in der NZZ: “Wer sich mit der neuen Agrarpolitik 2014–2017 des Bundesrats befasst, kann sich schnell in den Details verlieren. Die Botschaft des Bundesrats ist 275 Seiten dick. Die Wirtschaftskommission des Nationalrats (WAK) hat insgesamt über 24 Stunden darüber debattiert, dabei 134 Anträge behandelt und 20 Experten aus einem Dutzend Organisationen befragt.”
Die Debatte verspricht wenig Aufregendes: Die Meinungen sind weitgehend gemacht: Man wird eintreten und das Paket mit ein paar bescheidenen Abänderungen verabschieden. In der Auseinandersetzung der grossen Kammer mit dem etwas wirtschaftsfreundlicheren Ständerat wird dann wohl noch das eine oder andere bauernfreundliche Detail wieder entfernt.
Interessanter ist, wie Medien und Verbände im Vorfeld mit diesem schwer erklärbaren, mässig aufregenden und doch irgendwie wichtigen Thema umgehen. Während die Schweizer Illustrierte den Promi-Approach wählt und den Vorzeige-Bauern Renzo Blumenthal als “beste Kuh im Stall” samt Fleisch-Käseplatte ins Bild rückt, ist es für die sogenannten seriösen Medien etwas komplexer. Beliebt sind Interviews mit dem zuständigen Bundesrat, wie dasjenige des “Tages-Anzeigers” mit Johann Schneider-Ammann, dabei ist fast wichtiger als der Inhalt, dass man vor der Konkurrenz, namentlich jener am Sonntag dran ist, weshalb dieser Trumpf schon im August ausgespielt wurde.
Sehr beliebt ist auch die Präsentation von Zahlen, die aufzeigen sollen, wie subventionsabhängig die Schweizer Landwirtschaft ist. Das ist aber immer ein riskantes Spiel, da hier die verschiedensten Zahlen herumgeboten werden, was deren Glaubwürdigkeit nicht gerade förderlich ist. Während etwa das Wirtschaftsmagazin Eco von SF behauptete, dass das Einkommen der Schweizer Bauern zu 69 Prozent auf staatlicher Stützung beruht (siehe Bild oben), zitierte die NZZ OECD-Zahlen, die lediglich gut 55 Prozent öffentliche Unterstützung zu verbuchen wissen.
Ähnlich verwirrlich sind die herumgebotenen Zahlen zum jährlichen Direktzahlungsvolumen. Während Landwirtschaftsminister Schneider-Ammann im Tagi-Interview von 2,8 Milliarden Franken Direktzahlungen jährlich spricht, kommt Economiesuisse auf 3,5 Milliarden. Der Wirtschaftsverband verbindet seine   Stellungnahme zu AP 2014-17 mit der Ablehnung der angestrebten Emmentaler-Mengensteuerung und versteigt sich zur Behauptung, dass eine Rückkehr in Käseunions-Verhältnisse drohe. Dass sich Economiesuisse auf diesem Nebenschauplatz verirrt, entspringt wohl einer gewissen Ratlosigkeit, wie man dem Powerplay der Bauernlobby begegnen soll, denn wo es um das Eingemachte in der Agrarpolitik geht, hat die im übrigen mächtige Wirtschaftslobby wenig bis nichts zu melden.

Die visionäre Agrarallianz mit der Sonntagspresse

Juli 25, 2012

Ich stelle immer wieder fest, dass landwirtschaftsferne Journalisten ein Faible für Bauernbashing haben. Es steht mir fern, jetzt zu einer Kollegenschelte auszuholen. Die Agrarpolitik ist tatsächlich ein Thema, das als Aufreger geradezu prädestiniert ist. Eine schrumpfende Berufsgattung, die politisch überproportional vertreten und punkto Lobbying überdurchschnittlich begabt ist, bezieht Jahr für Jahr rund 3 Milliarden Franken aus der Bundeskasse und erfrecht sich in ihrer grossen Mehrheit trotzdem, die Liberalisierung des Handels und den Umbau der Schweiz in ein Bio-Paradies kritisch zu hinterfragen oder gar zu bekämpfen. Ich versuche meinen lieben Kollegen immer wieder und mehrheitlich erfolglos zu erklären, dass die Bauern erstens nur einen kleinen Teil der Direktzahlungen bei sich behalten (das meiste geht an vor- und nachgelagerte Sektoren) und dass es zweitens den Staat massiv teurer zu stehen käme, wenn er die gemeinwirtschaftlichen Leistungen an Landschaftsgärtner übertragen würde, wobei nicht einmal qualitativ gute Lebensmittel produziert würden. Item, immer wieder lese ich also, häufig in der Sonntagspresse, Artikel, die mit scharfen Worten “die Bauern” an den Pranger stellen, sei es weil sie angeblich zu hohe Direktzahlungen kassieren, sei es weil sie unsachgemäss politisieren. Letzten Sonntag war es wieder einmal so weit. “Bauernverband schadet laut Bund den Bauern”, erklärte uns die “NZZ am Sonntag”, die ein besonderes Faible für landwirtschaftskritische Berichterstattung entwickelt zu haben scheint. Der Inhalt soll hier nicht im Mittelpunkt stehen. In kurzen Sätzen wird den Lesern erklärt, dass der Schweizerische Bauernverband (SBV) mit seinem Lobbying für eine “produzierende Landwirtschaft” in der Diskussion um die Agrarpolitik 2014-2017 (AP14/17) daneben greife und für eine Variante plädiere, die das Einkommen der Bauern mittelfristig senke. Der “Schweizer Bauer” hat heute gut verständlich, wenn auch mit parteiischer Brille erklärt, warum hier nur die halbe Wahrheit erzählt wird. Ich will aber auf etwas anderes fokussieren: Mir ist jetzt zum widerholten Male aufgefallen, dass sich das NZZ-Sonntagsblatt den zwei oppositionellen Agrarpolitik-Thinktanks extrem nahe steht. Während der Geschäftsführer der “Agrarallianz” im Artikel ausführlich Stellung nehmen darf, war die “Vision Landwirtschaft” kaum war der Artikel erschienen, schon mit einer Medienmitteilung zur Stelle. Ich fresse eine Zuckerrübe samt dem Kraut, wenn die Journalisten die Geschichte nicht von einem der beiden Organisationen gesteckt erhalten hat. Nicht dass es verboten wäre, enge Beziehungen mit diesen Gruppierungen zu pflegen. Nur finde ich es ein bisschen heikel, deren Position dann derart ungefiltert zu übernehmen und sich so vor ihren Karren spannen zu lassen. Man vermittelt dem Leser so den Eindruck, dass “die Bauern” en bloc Direktzahlungs-Schmarotzer oder Opfer der Lobbyisten seien. Dem ist nun aber keineswegs so. Sowohl die Allianz wie auch die Vision stehen den eher ökologisch und liberalisierungsfreundlich ausgerichteten Bauern nahe, die im AP14/17-Poker ebenso knallhart für ihre Interessen kämpfen, wie der SBV und seine Entourage. Das dürfte man der Leserschaft ruhig noch etwas transparenter machen.  
PS. Auf Wunsch von Kommentator Roman hier die im Artikel erwähnte Berichterstattung im “Schweizer Bauer” vom 25. Juli, die leider nicht online erhältlich war, als Foto. Ich hoffe, das ist einigermassen lesbar. Zum Vergrössern bitte auf das Bild klicken.

Bergheimatliche Gefühle für Widerborstige

April 29, 2012

Seit Jahren versuche ich in dieser Endlos-Spalte so unübersehbar an meinem Image zu schleifen, dass ich endlich eine Homestory in der Agrarpresse kriege. Nun, ich verstehe diese Blätter, dass sie mich bisher konsequent ignoriert haben, ist ja eine harte Konkurrenz und die will man nicht noch freiwillig ins Scheinwerferlicht stellen. Die ganze Agrarpresse? Nicht ganz. Zwar haben mich die “Bergheimat-Nachrichten” nicht grad im Pijama im Schlafzimmer abgelichtet, das würde kaum in das Konzept des schlichten und informativen Verbandsorgans passen. Aber immerhin haben sie mir ein paar Zeilen gewidmet, was mich natürlich sehr gefreut hat. Deshalb, aber nicht nur deshalb, will ich der Herausgeberin des Blattes, der Bergheimat, jetzt auch einmal ein Kränzli winden. Die “Gemeinnützige Gesellschaft zur Förderung kleiner und mittlerer Bio-Bergbauernhöfe” ist 1973 gegründet worden. Heute hat sie über 200 Mitgliederbetriebe, mit Schwerpunkten – logischerweise - in den gebirgigen Teilen des Landes. Zur Bergheimat gehören aber auch über 1000 nicht bauernde Mitglieder (zu denen ich auch seit längerem gehöre) und Gönner, die es der Organisation ermöglichen, die bäuerlichen Mitglieder mit Betriebshelfern und zinsfreien Darlehen zu unterstützen, zum Beispiel für Bauprojekte. Dieses gemeinnützige Tun ist überlebenswichtig für die oft wenig ertragsreichen Betriebe in den Randregionen. Die Bergheimat ist auch Mitglied bei Biosuisse, dem Dachverband der Öko-Bauern. Und nicht das einfachste. Die Berheimätler legen Wert auf die reine Lehre, so wehrten sie sich nach Kräften, als Biosuisse – letztlich erfolgreich – UHT-Milch unter dem Knospenlabel zulassen wollte. Die widerborstigen Siedler von der Berheimat sind Pioniere. Viele von ihnen haben aufgegebene Heimetli, die längst als unrentabel galten, wieder in Betrieb genommen. Für diese im besten Sinne konservative Sisyphusarbeit haben sie meinen Respekt. Beim Suchen des Artikels ist mir übrigens noch der Einzahlungsschein für den Jahresbeitrag 12 in die Finger gefallen. Ein schöner Zufall, der Obulus folgt bald.

Oh Mali…

April 7, 2012

Keine Angst, bald kommt hier auch wieder einheimisches Schaffen zum Tragen. Aber jetzt ist noch einmal Afrika an die Reihe. Genauer Mali. Die Nachrichten aus dem westafrikanischen Land überschlagen sich dieser Tage. Putsch kurz vor der Präsidentschaftswahl, Eroberung von Städten im Norden durch Tuareg und islamistische Zellen, Machtübergabe der Putschisten an eine zivile Regierung, Unabhängigkeitserklärung der Eroberer im Norden. Die Details finden sich hier und hier.
Mir gehen diese Nachrichten recht nahe. Mali hat es mir angetan, als ich vor gut 5 Jahren dort als totaler Naseweiss ein knapp zweimonatiges Praktikum bei der Privatradiostation Kledu absolvierte (hier mein Web-Tagebuch). Es war eine enorm eindrückliche Zeit. Um soviel zu erleben brauche ich zu Hause normalerweise mehrere Jahre. Ich lernte beruflich und menschlich viel. Das Leben in Mali ist für die Leute dort kein Schleck, das Klima ist hammerhart (aktuell droht in der ganzen Sahelzone wegen fehlener Niederschläge eine Hungersnot) und die wirtschaftlichen Umstände für die grosse Mehrheit schwierig bis miserabel. Die jüngste Entwicklung wird daran gar nichts ändern, im Gegenteil, die politische Unruhe wird den Alltag weiter erschweren, die wenigen Investoren irritieren und potenzielle Geldgeber fernhalten. Manchmal fragt man sich schon, wie ein Land und seine Bewohner soviel Pech haben können. Aber die Leute die ich dort getroffen habe, waren nicht nur grossmehrheitlich sehr nett und hilfsbereit, sondern machten auch einen zähen Eindruck. Ich bin optimistisch, dass sie auch diesem Sturm irgendwie trotzen werden. Stürme gab es schon viele auf dem Gebiet des heutigen Mali, ein paar davon finden sich im interessanten Roman “Segu” von Maryse Condé, der leider, so wies aussieht nur noch antiquarisch erhältlich ist.
Aus aktuellem Anlass habe ich noch einmal ein bisschen in den alten Fotos rumgestöbert, natürlich mit Suchkriterium Landwirtschaft. Das Bild oben zeigt einen Melker am Stadtrand der Hauptstadt Bamako. Zum Thema Milchwirtschaft möchte ich auf das Projekt Pro Milch Mali verweisen. Ein Schweizer Agronom und ein malinesischer Kollege produzieren Pastmilch, eine gute Sache und ein Beispiel dafür, dass es in aller Stagnation auch immer Bewegung gibt.
Typische Strassenszene in Bamako, der Kuhfreund kommt hier gut auf die Rechnung.
Die Kinder werden früh in den Arbeitsprozess integriert, diese jungen Fruchtkäuferinnen boten die Ware gemeinsam mit der Mutter an, was wohl aus ihnen geworden ist?
Ein Händler auf dem Viehmarkt in Kati, etwa 30 entfernt von der Hauptstadt. Mali ist ein hartes Pflaster für den Tierfreund und vor allem für das Vieh selber. Man geht hier unzimperlich um mit der Kreatur.
Seis bei der Haltung…
…seis beim Transport von Lebware…
…seis bei der Schlachtung (hier Poulets in Bamako)…
…oder seis bei der Präsentation im Geschäft.
Ein ländliches Ehepaar auf der Niger-Fähre in Ségou.
Fischerin in Mopti.
Ein Bub in Timbuktu vor einem der typischen Privat-Backöfen.

…und ja, davon wird es viel brauchen für die Malinais(es). Je vous souhaite bonne chance sur le chemin d’or!

Frau Professors Schuss in den BiOfen

Februar 27, 2012

Man ahnte schon nichts gutes, als die “NZZ am Sonntag” in der Samstagsausgabe des Mutterblattes grossbuchstabig von der grossen Bio-Illusion warnte. Auf der Frontseite der Zeitung ging es am Sonntag dann noch drastischer zu und her: Dort war die Rede von der Bio-Lüge, all das ohne Anführungszeichen. Etwas weiter hinten im Blatt tönts dann etwas moderater. “Pardon, das ist verrückt“, heisst hier der Titel über einem Interview mit Nina Fedoroff. Die reich dekorierte Professorin an der Penn State University ist heuer Präsidentin der AAAS, der weltgrössten akademischen Vereinigung. Deshalb hat ihr Wort einiges Gewicht. Im Interview holt Fedoroff zum Rundumschlag gegen den Biolandbau aus. Die Produkte seien nicht nur nicht besser, sondern das System auch ineffizient und letztlich gefährlich, da es Lebensmittelvergiftungen zu Gevatter stehe. Ihre Vorwürfe untermalt sie mit Sprüchen im Stil von: “Wenn Sie einen Sack Dünger kaufen, müssen Sie kein Land freihalten, auf dem Sie Futter für Tiere produzieren”. Wäre die gute Frau Ökonomin, könnte man ihre Ignoranz gegenüber geschlossenen Kreisläufen und deren ökologischer und ökonomischer Vorteile ja locker verzeihen. Aber Fedoroff ist Pflanzenbiologin und offenbar eine der renommiertesten grünen Gentechnologinnen. Dabei scheint ihr bei der Forschungsarbeit genau das passiert zu sein, was sie den Konsumenten von Bioprodukten vorwirft, nämlich dass sie der Marketingindustrie auf den Leim gekrochen sind. Fedoroff ist derart einseitig von den Vorteilen der Pflanzen-Biotechnologie überzeugt, dass es ihr den Blick auf die Realitäten trübt. Nicht, dass ich die Bio-Landwirtschaft als Heilsbringerin für die weltweiten Ernährungsprobleme betrachten würde, aber ebenso unrealistisch ist die Position, dass dank Pflanzen-Gentechnologie die Ernährungssituation a priori besser wird. Bisher ist diese in erster Linie eine Cashcow für eine Handvoll Grosskonzerne, die leider auch einen Grossteil der entsprechenden Forschung – auch an den Universitäten – finanzieren, was dann derartige pauschale Abrechnungen zur Folge hat. Das habe ich schon im Agronomiestudium erlebt, als die ersten von der Basler Chemie gesponserten Biotechnologen angestellt wurden. Ich bin für Meinungsfreiheit. Aber dass die Kollegen der “NZZ am Sonntag” dieser Polemikerin eine derartige Plattform bieten, ohne dass irgendjemand Gelegenheit erhält, die Vorwürfe mit Argumenten zu parieren, dünkt mich handwerklich nicht grad besonders organisch. Ich hoffe, dass man sich in Bio-Kreisen diesen Schuss in den BiOfen nicht unwidersprochen bieten lässt.


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