Archiv für die Kategorie ‘Agrarpolitik’

Mehr oder weniger Milch produzieren reicht nicht

Mai 21, 2013

Fütterungssituation von Schweizer BetriebenIm Schweizer Milchmarkt scheint sich langsam eine Post-Kontingentsausstiegs-Normalität abzuzeichnen. Die gröbsten Exzesse beim Preisdumping sind eingedämmt, die Produktion orientiert sich stärker an den Preisen als auch schon und der vor Jahresfrist noch sich türmende Butterberg ist zu einem Hügelchen geschmort, wie uns der LID dieser Tage vorrechnete

Die Branchenorganisation Milch (BOM) konnte dank tieferer Produktion eine Richtpreiserhöhung durchsetzen, die langsam aber sicher auch wirksam wird. Vermutlich wird diese Preiserhöhung zu einer erneuten Erhöhung der Produktion führen, was wiederum die Produzentenpreise etwas erodieren lassen dürfte, wobei die Ausschläge nach unten kaum mehr derart grob ausfallen dürften wie bis anhin, nimmt doch die Kuhzahl tendenziell ab und lässt sich auf kurze Frist auch nicht beliebig erhöhen. Der Markt beginnt zu spielen und die Akteure scheinen etwas gelernt zu haben. Wenn heute die oppositionelle Big-M eine Medienmitteilung verschickt in der sie uns aufgrund einer Umfrage weis machen will, dass es für die Schweizer Milchproduzenten keine Zukunftsperspektiven gibt, bin ich deshalb völlig anderer Meinung.

Allerdings wird man für eine Milchproduktion mit Perspektiven schon etwas mehr tun müssen, als bei tiefen Preisen weniger und bei höheren mehr zu produzieren. Der Schweizer Markt für Frischmilch ist nach wie vor durch ein Importverbot geschützt. Dieses ist zwar noch nicht grad am Wackeln, aber sowohl im Parlament wie auch in der Branche gibt es mögliche Profiteure und Bestrebungen für die Liberalisierung der sogenannten “weissen Linie”. So haben etwa kürzlich die in der Fromarte zusammengeschlossenen Käser die Prüfung eine Erweiterung des Käsefreihandels auf eine sektoriellen Marktöffnung gegenüber der EU gefordert.

Käme eine solche, würde das den Markt noch einmal kräftig durcheinanderwirbeln. Milch ist Milch ist Milch, und diese ist im europäischen Umfeld definitiv billiger erhältlich als im Inland. Eine Chance hat die Schweizer Milchproduktion dann nur noch, wenn sie sich von derjenigen auf den Spotmärkten in der Nachbarn abheben kann. Zum Beispiel durch hohen Grasanteil bei der Fütterung, ein Erfolgsbeispiel ist die österreichische Heumilchbewegung.

Hierzulande tobt seit langem ein Glaubenskrieg um die “Graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion” (GMF). Ein Bericht im jüngsten “Schweizer Bauer” über eine gleichnamige Tagung an der HAFL in Zollikofen, so heisst das landwirtschaftliche Technikum mittlerweile, zeigt aufschlussreich, wie die Fronten verlaufen. Während die Zollikofer Forscher Peter Thomet sowie Fritz Rothen von IP Suisse und Urs Vogt von Mutterkuh Schweiz vereint für eine “Graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion” plädierten standen Milchproduzentenvertreter Kurt Nüesch und UFA-Mann Samuel Geissbühler auf die Bremse. Das erstaunt nicht, ersterer muss aufpassen, dass er keine Mitglieder verärgert, zweiterer muss schauen, dass die Kraftfutterverkäufe weiter ansteigen.

Deren Niveau ist schon beachtlich, vor allem im Tal, wo der grösste Teil der Milch produziert wird. Wie eine kürzliche Studie von Agroscope zeigt - ich hoffe ich kann sie demnächst hier verlinken – füttern hier 50 Prozent der Betriebe weniger als 70 Prozent Gras. Das oft bemühte Argument, Schweizer Milchproduzenten verabreichten nur in homöopathischen Dosen Kraftfutter, ist also in den meisten Fällen ein Märchen. Dabei ist die GMF in der Vollkostenrechnung durchaus konkurrenzfähig, wie der “Schweizer Bauer” eine Vollkostenrechnung von Markus Höltschi, LBZ Hohenrain LU zitiert. Neu will der Bund bei einem Anteil von mindestens 90 Prozent Grasfütterung (Gras, Heu, Grassilage) 200 Franken pro Hektare bezahlen. Zugreifen, würde ich sagen. (Grafik Agroscope/”Schweizer Bauer”)  

Suisse per se reicht als Qualité nicht

Mai 7, 2013

SuissegarantieHeute hat der Tages-Anzeiger wieder einmal den Zweihänder ausgepackt: “Schweizer Bauern weniger öko als gedacht“, schrieb das Blatt. Schlechter als ihr Ruf seien die Landwirte. Der Artikel bezieht sich auf eine Vergleichsstudie von Agrofutura (Link zum Schlussbericht ganz unten) im Auftrag der Qualitätscrew im Bundesamt für Landwirtschaft. Darin wird das Umwelt- und Tierschutzniveau in der Schweiz mit demjenigen ausländischer Konkurrenz verglichen.

Der Artikel legt den Finger auf ein paar wunde Punkte: Die unterschiedliche Vollzugsqualität in der Föderalismushochburg, der hohe Tierbesatz mit den entsprechenden ökologischen Auswirkungen und ganz generell die hohe Intensität der Produktion im Vergleich zu anderen Regionen Europas in Frankreich, Deutschland und Österreich, nicht aber in Holland.

Zunächst ein paar Worte zur Verteidigung der heimischen Scholle: Erstens darf man daran erinnern, dass die innere Aufstockung der Betriebe mit der dazugehörigen Intensivierung jahrzehntelang oberste Maxime der Landwirtschaftspolitik war. Aus den durchschnittlich bescheiden bemessenen Heimetli sollte das Maximum herausgewirtschaftet werden. Dieser Strategie, die mit entsprechenden Anreizen ausgestattet wurde haben die Bauern lange erfolgreich nachgelebt. Die ökologischen Probleme heute darf man deshalb nicht ihnen alleine in die Schuhe schieben.

Zweitens ist man auf dem Weg zu einer umweltverträglichen Landwirtschaft angesichts dieser Ausgangslage schon recht weit, was im Agrofutura-Bericht ausführlich und im Artikel weniger gewürdigt wird: “Die Scheiz hat beim Tierschutz eine internationale Vorreiterrolle (…) und eine Vorbildfunktion bei der transparenten Kontrolle des Ökologischen Leistungsnachweises (ÖLN)”, heisst es im Bericht etwa. Man darf ebenfalls daran erinnern, dass die EU daran ist, die Schweizer Agrarpolitik mit einem guten Jahrzehnt Rückstand in allen Bereichen quasi eins zu eins zu übernehmen. 

Trotzdem tut man auch beim Schweizerischen Bauernverband (SBV), dessen Präsident die Interpretation des Berichts reflexartig zurückgewiesen hat, gut daran, die Vorwürfe ernst zu nehmen. Das Image ist eine labile Grösse. Um es hoch zu halten braucht es Vorausdenken. Richtigerweise hat der SBV auf das Referendum gegen die AP2017 verzichtet, welche eine bessere Verankerung und Kontroller der ökologischen Leistungen im Direktzahlungssystem mit sich bringen soll.

Es gibt nämlich noch beträchtliche Löcher im grünen Mantel der Schweizer Produzenten. Es besteht im bäuerlichen Millieu die Tendenz, sich auf den Lorbeeren, beziehungsweise den ökologisch bewirtschafteten Wegrändern auszuruhen. Der Tenor lautet etwa: wir haben jetzt genug ökologisiert, jetzt müssen wir zurück zur produzierenden Landwirtschaft, die sich nicht von Hecken und was darin kreucht und fleucht aufhalten lassen darf. Dabei steht man hier erst am Anfang eines Prozesses, Ökologisierung ist ein Langfristprojekt ohne Ende, so mühselig das auch sein mag.

Dazu gehört auch die Vermarktung des Geleisteten. Dafür braucht es nicht immer ein Bio-Label. Aber die Erkenntnis, dass Ökologie und Produktion kein Gegensatzpaar sein müssen. Und dass die Herkunft Schweiz allein, diese Prognose wage ich gerne, künftig nicht genügt, um die sensibilisierten Konsumenten in ihrer Mehrheit von der Qualität eines Produkts zu überzeugen. Schweiz heisst nicht einfach besser als Ausland. Ich rege mich immer auf, wenn in der Fleischdeklaration im Restaurant nur das Land steht. Das ist ein veraltetes Deklarationsniveau, ich will als mündiger Konsument nicht nur wissen, woher das Fleisch kommt (auch aus welcher Region), sondern auch aus welcher Art von Produktion. 

Die Studie und ihre Interpretation durch ein populäres Publikumsmedium sind gute Warnschüsse gegen Selbstzufriedenheit. Der Druck auf die Landwirtschaft wird nicht kleiner, die Toleranz für Umweltschäden aber schon. Toll, dass das Image gut ist, aber mit geschickter PR alleine wird es nicht weiter florieren. (Bild Frey & Frey, Corporate Architects, Bern)

Landgrabbing & GMO: Unheimliches Powercouple

März 28, 2013

Olivier CombastetManchmal fragt man sich ja als Blogger im warmen Büro, ob die Positionen, die man so vertritt, zum Beispiel die kritische gegenüber GVO in der Landwirtschaft und dem Phänomen Landgrabbing, effektiv mit der realen Situation übereinstimmen. Der Film “Dritte Welt im Ausverkauf (Planete à vendre)” hat mich nur aus diesem Grund beruhigt, bestätigte er doch fast die ganze Palette von Argumenten, die ich hier schon mehrmals ausgebreitet habe. Im übrigen bietet dieser sehenswerte 90-minütigen Dokumentarstreifen, den man zumindest bis heute unter diesem Link anschauen konnte,  vor allem Gründe zur Beunruhigung. 
Die Protagonisten im erwähnten Film sind je ein Landgrabber aus Indien und Frankreich. Sie stehen symptomatisch für eine ganze Branche, die sich in diesem Business etabliert hat. In den letzten zehn Jahren sind in Entwicklungsländern 80 Millionen Hektaren Land verpachtet oder verkauft worden, das entspricht der landwirtschaftlichen Nutzfläche von Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und Italien zusammen. Die Pachtverträge sind oft 50-jährig oder länger.”Dritte Welt im Ausverkauf” zeigt, wie es in diesem Geschäft zugeht. Agrounternehmer wie der Inder Ram Karuturi oder Investoren mit viel Kapital im Rücken, wie der Franzose Olivier Combastet  (siehe Bild oben) kaufen und pachten Flächen. Dazu gilt es zunächst die Behörden und Besitzer zu überzeugen. Ein schönes Beispiel dafür ist hier zu sehen, wo Karuturi in seinem Privatflugzeug einen eingeschüchtert wirkenden äthiopischen Provinzpolitiker einseift. Ein Blick in diesen Ausschnitt genügt, um zu wissen: Korruption ist hier Tür und Tor geöffnet.Leidtragende ist die Lokalbevölkerung, die nicht nur ihr Land verliert, sondern beispielsweise auch die Fusswege. Neue Jobs gibt es nur sehr beschränkt, denn die Bewirtschaftung ist stark rationalisiert und die Unternehmer sichern sich ab gegen sämtliche Risiken, so lässt etwa Combastet mit seiner Sparte Campos Orientales in Uruguay die Feldarbeit von Subunternehmern erledigen, aus finanziellen Gründen, wie er freimütig zugibt.
Die Bewirtschaftung erfolgt sowohl beim Rosenkönig Karuturi wie auch bei Combastet praktisch durchwegs in Monokulturen, letzterer setzt in Uruguay und Argentinien flächendeckend auf GVO-Soja und arbeitet hier, was wenig überrascht, eng mit Monsanto zusammen. Er testet in Zusammenarbeit mit der Herstellerin verschiedene Roundup-ready-Sorten und setzt dann flächendeckend auf diesen Kultivar. Hier hat sich eine unheilige ländliche Zweckehe, ein unheimliches Powercouple gebildet. Die Landbesitzer, häufig ahnungslos was Landwirtschaft betrifft, überlassen die agronomische Seite des Business mehr oder weniger einem Multi. Monsanto und verwandte Firmen übernehmen diese Rolle als polygamistische Braut noch so gerne, kombiniert mit einer vertikalen Integration von Saat bis Abfüllung auf das Schiff in den Häfen an der Atlantikküste, wo dann die Trauzeugen von Glencore und andere Rohstoffhändler die Ware übernehmen.
Insgesamt kein gefreutes Amalgam. Der Widerstand ist schwach organisiert und lastet meist auf den Schultern von Einzelmasken oder kleinen NGOs, wie der Film auch zeigt.
Zum Schluss noch ein bereits einmal verlinktes Video, das zeigt, dass auch Schweizer Firmen kräftig mitmischen in diesem höchst problematischen Business. Wenn wir nach dem Bankenstress heute von möglichen Problemen im Rohstoffhandel reden, prognostiziere ich schon mal das nächste Klumpenrisiko für unser Land: Landgrabbing. (Videostill aus “Dritte Welt im Ausverkauf)

Agrarpolitik, endloses Drama in 4(-Jahres) Akten

März 22, 2013

Theater im VollbetriebEigentlich ist es ein politischer Alptraum: Vor gut drei Jahren hat das BLW die Grundzüge der Agrarpolitik 2014/17 präsentiert, damals unter dem Label Weiterentwicklung der Direktzahlungen (WDZ). Heute hat das Parlament die Gesetzesvorlage nach dem Verbrauch von Hunderten Tonnen von Papier und unzähligen Sitzungs-, Sessions- und Denkstunden von Herrscharen von Beamten, Politikern, Bauern, Öko- und Fleisch-Lobbyisten sowie Journalisten das Paket in der Schlussabstimmung durchgewinkt. Damit ist die Arbeit noch nicht zu Ende, es beginnt jetzt das vereinte Schleifen an den Verordnungen. Wenn alles gut geht, ist die Reform vier Jahre nach dem Startschuss unter Dach. Der neue Regulations- und Zahlungsrahmen ist dann ab 2014 für vier Jahre in Kraft. Und die Arbeit kann eigentlich grad wieder von vorne beginnen: Das neue Beschäftigungsprogramm für die Agrarbürokratie heisst fast gleich: Agrarpolitik 2018/21.
Das Resultat der aktuellen Reform ist guteidgenössische mittlere (Un-)Zufriedenheit. Die einen lamentieren über eine Schwächung der Produktion, die anderen über eine ökologische Erstarrung im Talgebiet. Das Referendum, mit welchem man namentlich in SVP-Kreisen liebäugelte, ist glücklicherweise gar nicht erst lanciert worden. Es hätte lediglich der politischen Profilierung der Partei gedient, ähnlich wie sie das mit einer nicht enden wollenden Flut von Volksbegehren in der Asylpolitik seit Jahren praktiziert. Der Bauernverband winkte erst am Tag vor der Schlussabstimmung ab und wollte wohl so den politischen Druck aufrecht erhalten, ohne dass die Drohkulisse allerdings sehr glaubhaft gewirkt hätte.
Ein Referendum hätte die nötige Weiterentwicklung unter Beibehaltung von Bewährtem lediglich verzögert und den Bauern mehr geschadet als genützt. Was soll das Stimmvolk von einer Branche denken, die jährlich rund drei Milliarden Franken aus der Bundeskasse absahnt und troztdem nicht zufrieden ist? Hier ist eine gewisse Selbstbeherrschung an der Scholle durchaus angezeigt.
Zum Schluss drängt sich die Frage auf, ob man diesen nicht enden wollenden Zirkus im Vierjahreszyklus nicht etwas einfacher organisieren könnte, im Dienste der Rechtssicherheit für alle Beteiligten und allen voran der Bauern und Bäuerinnen.
Die Antwort ist nein. Die Agrarpolitik ist wie ein Schauspielhaus, AP X/X+3 ist ein Drama mit den immer gleichen vier Akten: Im ersten Akt präsentiert die Administration ihre Vorstellungen, das Publikum klatscht zum kleinsten Teil und buht mehrheitlich. Dann folgt der Auftritt der Gegner und Befürworter, die auf der Bühne wild aufeinander einschreien und Weltuntergansszenarien an die Wand malen, im dritten Akt inszenieren Parteivertreter im Stöckli und der grossen Heubühne einen ritualisierten und etwas zivilisierteren Kampf mit Kartonschwertern, wobei der Ausgang längst abgekartete Sache ist. Dann folgt der Vorhang, begleitet vom bereits bekannten Mix aus Empörung und verhaltenem Applaus im bereits leicht ermatteten Publikum. Der vierte Akt folgt dann hinter den Kulissen, beim gemeinsamen Bier feilschen Politiker und Lobbyisten um die Details der Einnahmenverteilung. Das Stück war auch in der x-ten Vorführung erfolgreich, die Billetteinnahmen blieben unverändert, ja sie haben gar leicht zugenommen, und für die einzelnen Schauspieler bleibt etwas mehr übrig, nimmt doch ihre Zahl ständig ab. Und jedeR weiss, ohne diese Aufführung wären viele der Beteiligten beschäftigungslos und die Weiterexistenz des Theaters gefährdet. (Bild Parlament.ch)

Freihandel: Downtown macht’s sich zu einfach

März 15, 2013

Jedi-Ritter in the AgrojungleDie “Handelszeitung” hat diese Woche wieder einmal einen alten Klassiker reaktiviert: Landwirtschaftsbashing unter dem Titel “Wachstumsbremse Bauer”. Leider gibts von diesem Artikel online nur eine arg verkürzte Version. Und den Kauf am Kiosk kann ich auch nicht wirklich empfehlen, ist einfach etwas zu dünn die ganze Geschichte. Das Beste ist noch die Grafik auf der Front, wo Bauernpolitiker als uniformierte Muskelprotze (Jedi-Ritter? Private Sicherheitsleute?) posieren, darunter Markus Ritter, Res Aebi und Maya Graf.
Im Artikel wird den Bauern vorgeworfen, dass sie auf Kosten der übrigen Wirtschaft ihre Pfründen verteidigen. Das ist mit Verlaub wohl das Ziel einer jeden Interessengruppe in Wirtschaft und Politik, man denke nur an den kläglich gescheiterten Kampf von Economiesuisse gegen die Abzockerinititative, aber das nur nebenbei. Dass die Bauern hier besonders erfolgreich agieren ist altbekannt und wenn das kritisiert wird, steckt möglicherweise eher Neid als Sorge um wirtschaftliches Wohlergehen dahinter.
Aufgehängt ist die Geschichte am bäuerlichen Widerstand gegen Freihandelsabkommen aller Art. Sie beginnt ausgerechnet mit einer Episode vom Käsemarkt, wo Züger Frischkäse offenbar einen Auftrag in Südkorea verloren hat, da die EU mit dem Land neu ein Freihandelsabkommen ohne Agrarschranken unterhält. Ob es sinnvoll ist, Mozzarella nach Südkorea zu exportieren, muss Züger selber wissen. Käse ist aber das denkbar schlechteste Beispiel, um den Bauern Freihandelsphobie vorzuwerfen, unterhalten wir doch seit einigen Jahren ein solches Abkommen mit der EU in genau diesem Sektor, was der Leser des Artikels aber nicht erfährt, vermutlich hätte das die These tangiert.
Das Resultat des Abkommens ist bekannt. Die Schweiz wird geflutet mit ausländischem Billigkäse und die Exporte steigen in ebendiesem Segment, wo unterirdische Milchpreise bezahlt werden, während die traditionellen Sorten wie Emmentaler und Gruyère stagnieren. Soll mir einer sagen, warum man aufgrund dieser Erfahrungen aus bäuerlicher Sicht mit fliegenden Fahnen für Freihandel eintreten sollte. Zumal Handel und Industrie es ja nach wie vor vollkommen normal finden, dass importierte Produkte in der Schweiz aus reinen Profitgründen mehr kosten sollen, als im umliegenden Ausland, was bekanntlich nach wie vor auch für landwirtschaftliche Produktionsfaktoren gilt.
Item, der Artikel fährt dann fort mit einem Lamento über bäuerliche Widerstände gegen ein Freihandelsabkommen zum Beispiel mit China. Auch hier bin ich mir nicht sicher, ob sich die Landwirtschaft unkommentiert den Schwarzpeter zustecken lassen soll. Wenn ich mir vorstelle, wie die Reaktionen ausfallen, wenn nach dem Fallen der Importschranken der Kassensturz zum ersten Mal Bilder aus chinesischen Schweineställen aussendet, dann ist es vielleicht ganz gut, wenn die Hürden in diesem Bereich etwas höher sind.
Insgesamt macht es sich der Journalist der Handelszeitung zu einfach. Er präsentiert ein Amalgam aus den ewiggleichen klischierten Vorwürfen an die Landwirtschaft (Subventionsforderungen, Abwehrfront, Protektionismus, etcetc.) ohne dass er eineN einzigeN VerterterIn aus der Branche zu Worte kommen liesse. Dafür dürfen Industrievertreter hemmungslos jammern, ganz in Bauernmanier. Schade, dass soviel prominenter Platz im Blatt nicht besser genutzt wird. Denn eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Handelsfragen wäre durchaus wünschenswert, dann müsste man aber die Gesamtrechnung machen, eben beispielsweise unter Einbezug des Schweizer Kostenniveaus und der monetären Bewertung der Leistungen der hiesigen Landwirtschaft, auch vor dem Hintergrund von offenbar breit erwünschtem Landschaftsschutz und allerlei Lebensmittelskandalen.

Mittleres Erdbeben & ein Lehrstück am Milchsee

Februar 1, 2013

Medienkonferenz der SMP am 1.2.13Für die normalerweise eher träge vor sich hin drehende landwirtschaftliche Verbandswelt gleicht der Doppelrücktritt an der Spitze der Schweizer Milchproduzenten (SMP) einem mittleren Erdbeben. Der Präsident nimmt ausserterminlich den Hut und der 45-jährige Direktor, dessen Posten als Lebensstelle gedacht war, kündigt 20 Jahre vor dem geplanten Termin. Bei genauerem Hinsehen ist die personelle Palastrevolution aber nur der vorläufige Tiefpunkt beim Abrutschen des einst mächtigsten Landwirtschaftsverbands in die Bedeutungslosigkeit.
Als er noch Zentralverband der Schweizer Milchproduzenten hiess – böse Zungen sprachen vom Zentralkomitee der Milchwirtschaft -, machte er das (preislich dauerhaft gute) Wetter für die damals noch deutlich zahlreicheren Mitglieder.
Diese Zeiten sind längst vorbei. Innerhalb von wenigen Jahren ist die Marktmacht geschwunden, die SMP sind vom Politbüro zur gut dotierten Werbe- und Marketingagentur der Milchbranche geworden. Die zu vielen Mitgliederorganisationen, welche die Hoheit über die Preisbildung mehr schlecht als recht in die Hand genommen haben, scherten sich in den letzten Jahren keinen Deut mehr um die unter Ägide von Peter Gfeller und Albert Rösti gefassten Beschlüsse, im Gegenteil, sie hintertrieben sie und brachten die beiden willigen Verbandschefs an den Rande des Nervenzusammenbruchs, was sie denn anlässlich der Medienkonferenz von heute auch ausführlich dokumentierten. Dass sie nun geballt abtreten, dürfte mit dem Bedeutungsverlust des Verbands aber mindestens so viel zu tun haben, wie mit dem illoyalen Verhalten der Regionalfürsten.
Ganz nebenbei ist die Geschichte auch ein kleines Lehrstück in Sachen Agrarökonomie: Ein geschützter und krass asymmetrischer Markt wird geöffnet. Den verbliebenen rund 25000 Milchbauern stehen vier Verarbeiter und zwei Detailhändler gegenüber. Dazwischen hat sich eine Schicht von Milchhändlern etabliert, die – es ist zwar egoistisch aber nicht verboten – die Betriebe mit den grössten Mengen entlang von Autobahnen herauspicken und eine schonungslose Mengenstrategie fahren. Diese Profiteure der neuen Marktordnung werden nun allenthalben als Übeltäter an den Pranger gestellt. Damit machen es sich die klagenden Milchbauern (und die scheidenden Verbandsspitzen) allerdings etwas einfach.
Die Händler und die ihnen liefernden Bauern verhalten sich opportunistisch, so wie es für die Player in relativ freien Marktwirtschaften üblich ist. Die Milchbauern, die heute teilweise unter ihren Einstandskosten liefern, würden wohl liebend gerne einen besseren Preis lösen. Wenn sie aber individuell ihre Menge senken, nützt ihnen das gar nichts, wie Albert Rösti heute selber festgestellt hat. Deshalb bolzen sie weiter, auch weil es für sie keine alternativen Absatzmöglichkeiten gibt. Der Rücktritt von Gfeller und Rösti ist deshalb auch ein Eingeständnis, dass es dem SMP nie auch nur ansatzweise gelungen ist, die angedachten Alternativen mit höherer Wertschöpfung umzusetzen. Dies wird auch den Nachfolgern kaum gelingen, dem Verband kann man deshalb keine bessere Zukunft prognostizieren.

Diese Wahl wird nicht an der Urne entschieden

Januar 16, 2013

Pouletmasthalle in NiedersachsenIn Deutschland ist die Landwirtschaft zur Zeit ein ziemliches Politikum. Leider nicht im positiven Zusammenhang. Zwar wird die Grüne Woche, die am Donnerstag eröffnet wird, viele schöne Bilder von Politikern im Ess- und Trinkeinsatz inmitten von feschen Produzenten und Verarbeitern in die guten Stuben bringen. Im Mittelpunkt wird dabei wie immer die Landwirtschaftsministerin stehen. CSU-Hoffnungsträgerin Ilse Aigner steht aber nicht nur an den Ständen im Mittelpunkt, sondern vor allem im Fokus der Kritik von Linken und Grünen, die die Landwirtschaft und namentlich die Tierhaltung und ihre Exzesse im kommenden Bundestagswahlkampf ins Zentrum stellen wollen.
Folgerichtig hat die Frau Minister denn dieser Tage auch den Dinosaurier-Preis des Naturschutzbunds erhalten und zwar für “ihr Festhalten an einer umweltschädlichen Agrarpolitik und ihr enttäuschendes Engagement für ein besseres Tierschutzgesetz”. In Niedersachsen, wo am Wochenende Landtagswahlen anstehen, nehmen die Grünen einen Testlauf vor, wie heute die FAZ anhand des lokalen Widerstands gegen einen gigantischen Hähnchenschlachthof aufzeigt. Die Rede ist hier von einer “Agrarwende”, die nun dringend notwendig sei. In das gleiche Horn blasen auch die in einem breiten Bündnis agierenden Organisatoren der traditionellen Demonstration am Rande der Grünen Woche, die am kommenden Samstag unter dem Motto “Wir haben es satt!” über die Bühne geht.
Der Einsatz der deutschen Umwelt- und Naturschützer für die Kreatur und eine umweltfreundliche Landwirtschaft ist löblich, nur wird sich weder an den niedersächsischen noch an den gesamtdeutschen Urnen entscheiden, ob es effektiv zu einer Agrarwende kommt. Vielmehr hängt dies davon ab, ob es die Konsumenten weiterhin normal finden, dass sie ihr Hähnchen zu 2 Euro 99 das Stück aus der Kühltheke fischen können, wie das im besagten Artikel geschildert wird. Das ist die Abstimmung mittels Einkaufswagen. Dabei sollten wir uns hüten, gönnerhaft Richtung Norden zu blicken. Auch in der Schweiz sieht es nicht viel besser aus. Das Pouletfleisch aus Labelproduktion muss man mit der Lupe suchen, während die Importe von wo auch immer, wie auch immer produziert bestens florieren. Von den Einkaufstouristen, die ennet der Grenze Poulets für 2.99 das Stück kaufen gar nicht zu reden. (Bild Theodor Barth/Laif/FAZ)

Ein alter Fuchs schimpft am Lieferanteneingang

Januar 12, 2013

Entwicklung der KraftfutterversorgungDer Neujahrsapéro mit den Agrarjournalisten fand heuer am Lieferanteneingang der Schweizer Landwirtschaft statt, wie das der Organisator so schön formuliert hat. Nicht weniger als 17,3 Prozent der Schweizer Importe gelangten vergangenes Jahr über den Basler Rheinhafen ins Land. Deutlich höher ist der Anteil bei den Futtermitteleinfuhren. Insgesamt brachten die Rheinschiffe 2011 nicht nur 600 000 Tonnen Dünger und 2,5 Millionen Tonnen Mineralölerzeugnisse sondern auch 850 000 Tonnen Nahrungs- und Futtermittel ins Land, wovon der grösste Teil auf Futtergetreide entfällt, von denen jährlich rund 1,1 Millionen Tonnen importiert werden.
Welcher Ort böte sich also besser an für die Diskussion von ein paar Fütterungsfragen? Der Direktor der Vereinigung der Schweizerischen Futtermittelfabrikanten (VSF) liess es sich nicht entgehen, vor den Agrarmedienvertretern die heissen Punkte anzusprechen. Rudolf Marti, ein alter Fuchs im stark angefeindeten Müllerei-Business hat derzeit drei Hauptthemen: 1. Soja, 2. Swissness, 3. Importe. Das alles hängt eng zusammen. Der Import von Futtermitteln hat in den letzten 20 Jahren massiv zugenommen (siehe Grafik oben. Ich weiss, es ist nicht grad State of the Art, Grafiken abzufotografieren, aber manchmal geht es nicht anders).
Wichtigster Wachstumsträger im Schweizer Futtermittelmarkt ist Sojaschrot. Das eiweissreiche Nebenprodukt der Sojaölherstellung boomt. Seit 1991 hat die Einfuhrmenge um 900 Prozent auf konservativ geschätzte 250 000 Tonnen zugenommen. Die wichtigsten Produzenten sind USA, Brasilien und Argentinien. Namentlich der stark ausgebaute Anbau in Südamerika ist hierzulande am Pranger wegen breitflächiger Abholzung von Regenwald zugunsten von Sojafläche. Zudem stösst der durch die vertikale Integration des Sojabusiness und das dominante Auftreten weniger Saatgutkonzerne verursachte brutale Strukturwandel in den lokalen Landwirtschaften auf Kritik.
Marti wiegelte auf engagierte Art ab. Schön zu sehen, dass er sich auch nach gefühlten mindestens 20 Jahren in der Branche immer noch aufregen kann, wie ein Jungspund. Seine Argumente: 1. Der Anteil importierten Kraftfutters an der gesamten Viehfütterung ist mit rund 16 Prozent immer noch gering. 2. Die Schweizer Müller sind gezwungen, auf ausländisches Kraftfutter zu setzen, weil einerseits der inländische Futtergetreideanbau aufgrund der Bevorzugung des Gründlands im Direktzahlungssystem stark zurückgegangen ist. Andererseits hat man mit dem Verbot von Tiermehl im Gefolge der BSE-Krisen gut 50 000 Tonnen Rohprotein verloren. 3. Das Verbot von GVO-Soja in der Schweiz ist falsch, weil die GVO-freie Ware um pro 100 Kilo um 10 Franken teurer zu stehen kommt. 4. Der von Mutterkuh Schweiz beschlossene und von Bio Suisse angestrebte Verzicht auf Soja in der Fütterung ist “Schwachsinn” und lediglich vom Marketingbemühungen der Grossverteiler getrieben. 
Bei allem Verständnis für Martis Branchentreue gilt es hier ein paar Gegenargumente ins Spiel zu bringen: Der VSF-Direktor ist natürlich vor allem ein begnadeter Lobbyist für die Sache der Futtermüller, die aus Rentabilitätsgründen unbestrittenermassen Interesse an einem möglichst hohen Futtermittelimport und ebenso hohen Anteilen an Kraftfutter in den Fütterungsrationen haben. Jedes zusätzliche Kilo Rauhfutter ist für die Müller ein Verlust. Marti und seine Mitglieder, die keine Gelegenheit auslassen, um an landwirtschaftlichen und Landwirtschafts-nahen Events als Sponsoren aufzutreten, sind hauptbeteiligt an der ökologisch und ökonomisch fragwürdigen Netto-Zunahme des Kraftfutterinputs, die mit BSE-bedingten Rückgängen beim Rohprotein herzlich wenig zu tun hat. Wenn Marti nun jeden Versuch, diese Abhängigkeit von vorwiegend importiertem Futtergetreide zu senken, als schwachsinnig abtun will, so ist das reichlich durchsichtig. 
Dasselbe gilt für die Attacke auf die Landwirtschaftspolitik. Deren Ökologisierungstendenz läuft den Müllern natürlich zuwider, was allerdings eher beweist, dass sie in die richtige Richtung geht. Ihr Ziel sollte ja primär sein, dass Wohlergehen der Bauern zu fördern und nicht, dass Wasser auf die Mühlen der Futtermüller zu lenken. Nicht dass ich diesen ihr wirtschaftliches Existenzrecht abstreiten wollte. Aber sie sollten sich statt zu lamentieren Gedanken machen, wie sie sich den neuen Verhältnissen am geschicktesten anpassen. Dazu gehört nun einmal auch das soeben verlängerte GVO-Moratorium. Klar ist es einfacher, auf dem Weltmarkt Dutzendware aufzukaufen und diese dann gebührend zu veredeln. Aber, um wieder einmal Gorbatschows altes polyvalentes Diktum anzuwenden: Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte. Das ist vielen Müllern schon passiert. Die cleveren aber positionieren sich in den geräumigen Nischen und versuchen, dem Markt das zu liefern, was er unter geänderten Vorzeichen braucht. Das kostet zwar mehr, dafür sind die Futterpreise hierzulande auch entsprechend höher.
Sojaschrot unterwegs im Basler Rheinhafen        

SBV: Land-Wirtschaftsmann statt Minger Rüedu II

November 22, 2012

Die Wahl des neuen Präsidenten des Schweizerischen Bauernverbands (SBV) hat mich gestern auf dem falschen Fuss erwischt. Ein Agrarpolitikjournalist meines Vertrauens hat mir kürzlich in einer grösseren Landwirtschaftszeitung  akribisch vorgerechnet, dass SVP-Andreas Aebi voraussichtlich das Rennen machen wird (möglicherweise war hier auch der Wunsch Vater der Rechnung, ist doch der Autor der Prognose ein grosser Freund von Aebis Partei). Item, gutgläubig, wie ich bin, habe ich vor dem Verdikt der SBV-Delegierten einen Artikel geschrieben, der darin mündete, dass Aebi nun der Weg in den Bundesrat offen stünde, wo er sich zu einem zweiten Minger Rüedu entwickeln könnte, dem er aus meiner Sicht schon heute optisch nachzueifern versucht. Aber eben, so kann man sich täuschen, wobei Aebi trotz dieser Niederlage sicher durchaus valable Chancen hat, eines Tages Maurer Ueli, den ehemaligen Sekretär den Zürcher Bauern, im Siebnergremium abzulösen, hat er doch im nächsten Jahr als OK-Chef des Eidg. Schwingfestes in Burgdorf viel Gelegenheit, sich weiter zu profilieren.
Aber nun zum richtigen Sieger, dem St. Galler CVP-Nationalrat Markus Ritter. Ich habe ihn kürzlich auf seinem Hof besucht, um in der NZZ ein Vorwahl-Porträt über ihn zu verfassen. Mein Eindruck über den Land-Wirtschaftsmann war, dass er das Präsidium seit Jahren angestrebt und dabei nichts dem Zufall überlassen hat, inklusive Französisch-Intensivkurs. Dieser war möglicherweise entscheidend, haben doch die welschen Delegierten letztlich den Ausschlag zugunsten des Ostschweizers gegeben.
Ich gehe davon aus, dass Ritter politisch den Kurs des Vorgängers in ähnlichem Tempo weiterführen wird, wogegen Aebi als Vertreter der etwas behäbigeren Berner wohl eher auf die Bremse gestanden wäre. Bemerkenswert ist, dass es erstmals ein Biobauer an die Spitze des SBV geschafft hat, was zeigt, dass diese unterdessen den Ruch der Öko-Hippies verloren haben und auf breiter Basis als gleichwertig betrachtet werden, was ein schöner Erfolg für die Biobewegung aber auch Beweis für eine gewisse Weltoffenheit unter den Delgierten ist.
Der nächste Öffnungs-Schritt wäre jetzt eine Frau, möglicherweise sogar eine nicht-bürgerliche, als Präsidentin. Ich bin guter Hoffnung. Nachdem sich nun schon mein Rating der SBV-Präsidiumskandidaten durchgesetzt hat, wird spätestens bei der nächsten Wahl das Plädoyer für eine Frau wie Maya Graf an der Spitze des Verbands entsprechendes Stimmverhalten bei den Delegierten auslösen. (Bild Ralph Ribi/St. Galler Tagblatt)

ChinAg daily(4): Mehr Brot für 1,3 Milliarden

November 14, 2012

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Zum Abschluss der Chinawoche ein paar Infos über die Landwirtschaft im Reich der Mitte. Vorausschicken muss man, dass es den chinesischen Bauern gelingt, die Bevölkerung von gut 1,3 Milliarden Menschen weitgehend selbst zu versorgen, das ist schon mal keine schlechte Leistung, wenn man bedenkt, dass die Bauern in den letzten 50 Jahren zwei komplette Systemwechsel zu verkraften hatten. Im Rahmen des desaströsen “Sprungs nach vorn” 1958-61 und in den Jahren z uvor war die Zwangskollektivierung durchgesetzt worden, die massgeblich mitverantwortlich war für die opferreichste Hungernot der Menschheitsgeschichte. 20 Jahre später, nach Maos Ableben, gab das nun von Reformer Deng Xiaoping angeführte Regime einem Teil der Bauern ihr Land zurück. 2008 wurde die Reform ausgeweitet.
Die Rückkehr zum Unternehmer-Bauern hat sich wie erwähnt bewährt. Trotzdem ist die chinesische Landwirtschaft mit vielen Problemen konfrontiert, die zum Teil die gleichen sind, wie hierzulande. Namentlich der urbane Druck auf das Kulturland ist gross, alljährlich verliertdie Scholle gemäss diesem interessanten Artikel eine Fläche von einer Million Hektaren, das sind 1000 Quadratkilometer. Das mag bei der gesamten Grösse Chinas von über 9,5 Mio km2 bescheiden erscheinen, das Problem ist aber, dass sich die besten Ackerbaugebiete im dicht besiedelten Osten des Landes befinden. Trotz Direktzahlungen und Steuererlässen für die Bauern wächst die Einkommensdisparität von Stadt- und Landbevölkerung, was die Landflucht fördert, seit kurzem ist die städtische Bevölkerung grösser als die ländliche. Der markant verbesserte Lebensstandard der Bevölkerung hat den Fleischbedarf massiv ansteigen lassen, was dazu geführt hat, dass China unterdessen mit Abstand weltgrösster Sojaimporteur ist. Die nicht sonderlich schonende Tierhaltung leistet im Übrigen ihren wachsenden Beitrag an die vor allem von der Industrie und durch Privatverkehr verursachten Umweltprobleme. Die Qualität des knapper werdenden Wassers ist zum Teil so desaströs, dass der Einsatz in der in vielen Gebieten unerlässlichen Bewässerung nicht möglich ist. Vor diesem Hintergrund ist klar, warum sich chinesische Investoren vermehrt ausländisches Ackerland (Landgrabbing, z.B. in Afrika) unter den Nagel reissen, um so die wachsenden Konsumbedürfnisse der zahlenmässig relativ stabilen Bevölkerung zu decken. Der Kampf um das kultivierbare Land wird sich verschärfen, dass ist so sicher wie die Reisschale auf dem chinesischen Esstisch. (Bild The tenth dragon / Flickr)


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