Archiv für die Kategorie ‘Agrarpolitik’

Bio im Glashaus und Medien unter Schrumpfdruck

April 7, 2014

Alles bio oder wasOk, man ist natürlich jetzt ein bisschen sensibilisiert, als mitbeteiligter Lohnempfänger in der Biobranche. Doch das soll kein Hinderungsgrund sein, die Lust am Biobashing zu thematisieren. Publikumsmedien, einige stärker als andere, scheinen zuweilen ein geradezu biologisch bedingtes Verlangen zu verspüren, der ökologischen Landwirtschaft wieder mal die Leviten zu lesen. “Bio-Lüge”, “Bio-Bschiss” und “Bio-Illusion” sind nur ein paar der Wortschöpfungen aus den letzten Jahren.

LotterieJüngste Beispiele sind Artikel im “Spiegel” und im Konsumentenmagazin “Saldo”. Ersterer zog unter dem rezyklierten Titel “Alles Bio – oder was?” gegen einen angeblichen Bioeierskandal zu Felde, der sich dann allerdings samt der Onlineversion des Berichts in Luft auflöste. Die von “Saldo” monierte “Lotterie beim Bio-Einkauf” thematisiert ein altes aber durch ein komplexes Ausnahmeregelungssystem wasserdicht geregeltes Problem des biologischen Anbaus, nämlich den partiellen Mangel an Biosaatgut, der durch konventionelle Ware gedeckt werden muss. Das ist sicher kein Ruhmesblatt für den Biolandbau, aber man arbeitet daran, und die Alternative wäre ja dann einfach, dass stattdessen mehr Waren in konventioneller Produktion angebaut und Bioprodukte dadurch knapper und noch teurer würden, und das wäre dann wohl auch wieder nicht ganz im Sinne der Konsumentenschützer.

Mythos BioAber hier soll es jetzt gar nicht darum gehen, den Journalisten die Biokutteln zu putzen, bin ja selber einer und es interessiert mich mehr, was sie denn im Hafer sticht, ab und zu einen Säbel in den Biokartoffelsack zu stossen (wobei man auch nicht vergessen darf, dass deutlich öfter positiv als negativ über Biolandbau berichtet wird). Ich sehe folgende Hauptgründe:

  1. Der Biolandbau sitzt im teilweise selbst erbauten Glashaus. Die Bioszene hat sich sehr lange sehr explizit abgegrenzt vom konventionellen Landbau und hat dabei nicht zu knapp mit dem Gut-Böse-Weltbild operiert. Obwohl das natürlich aus ökologischer Sicht keineswegs falsch ist, provoziert das. Wenn dann diesen Gerechten, manchmal auch Selbstgerechten ein Bock unterläuft, wird das genüsslich ausgeschlachtet.
  2. Mittlerweile hat der Biolandbau die alternative Pionierzeit hinter sich gelassen und ist im Mainstream angelangt, zumindest gesellschaftlich (im Landwirtschaftsbereich ist er in der Schweiz und erst recht weltweit mit Anteilen von 10 beziehungsweise nur gut einem Prozent an der Fläche immer noch eher marginal entwickelt). Und wer im Mainstream obenauf schwimmt, der weckt gerne auch Misstrauen, Argwohn und Überdruss. 2012 wurde “Bio” in der Schweiz zum Unwort des Jahres gekürt, wegen “inflationärem und oft missbräuchlichem Gebrauch des Begriffs”, wie die mehrheitlich aus Journalisten bestehende Jury erklärte.
  3. Viel beigetragen zum Misstrauen haben die pittoresken Bilder, mit denen die Realitäten des Biolandbaus oft nicht korrekt wiedergegeben werden. Im Bauerngarten pickende Biohühner sind die absolute Ausnahme, der grösste Teil der Bioeier wird in Ställen mit 2000 Hühnern produziert. Bioeier die im Ostereierstil im Obstgarten zusammengesucht werden müssten wären so teuer, dass sie kaum mehr absetzbar wären im Detailhandel. Hier unterliegt der Biolandbau, das muss gerechterweise gesagt sein aber auch gewissen Sachzwängen. Wenn schon die konventionelle Landwirtschaft in der PR mit Bauernhofromantik agiert, die klar zu idyllisch ausfällt, ist man gezwungen quasi proportional zu idealisieren in der Öffentlichkeitsarbeit, um den Mehrpreis noch rechtfertigen zu können.
  4. Zum Schluss noch das naheliegendste, etwas abgedroschene klingende aber nichtsdestotrotz so lange wie es den Menschen noch gibt gültige Argument: Biolandbau ist eine Erfolgsgeschichte, er wächst ungeachtet der Probleme ungebrochen, das weckt - wenn auch vielleicht nur unterbewusst - Neid, zumindest in einer Branche, die derart unter Schrumpfdruck steht wie die Printmedien. Deshalb ist jeder negative Artikel nicht nur Ansporn zum Fehler korrigieren, sondern auch eine kleine Auszeichnung für die Szene.

Weltmeistertitel für einen schlecht Betreuten

März 23, 2014

Weltmeisteremmentaler Kopie

Diese Woche wurde der Emmentaler Weltmeister, nicht ein Schwinger oder ein Töfffahrer, s0ndern der beste Käse, den es eigentlich gibt, so man ihn den gedeihen lässt.

Zuerst einmal herzliche Gratulation an Gérard Sinnesberger aus Gams leicht östlich des Emmentals. Er holte sich mit seinem 100-Kilo-Laib die Goldmedaille am World Championship Cheese Contest im US-amerikanischen Wisconsin.

Das ist ziemlich bemerkenswert, standen doch über 2600 Käse aus aller Welt in der Auswahl. Für den Emmentaler per se gibt es allerdings wenig zu feiern. Der Preis hat sich zwar zuletzt dank allgemeinverbindlicher Mengensteuerung stabilisiert, aber nach wie vor leidet er unter struktureller Überproduktion, Käseunion lässt grüssen.

Dafür können die heute Verantwortlichen nicht viel, aber ein sonderlich brillantes Bild geben sie trotzdem nicht ab. Fangen wir mal an mit Emmentaler Switzerland: auf der Website der Sortenorganisation sucht man vergeblich nach dem kleinsten Anzeichen einer Erfolgsmeldung. Fehlt es da an Aufmerksamkeit oder Stolz oder beidem? Ein WM-Titel ist doch der ideale Steilpass für eine Marketingoffensive, man könnte Inserate schalten, in die Medien drängen, Social Media auf Hochtouren rattern lassen und so dem Vielgeschmähten virtuell die Rinde polieren.

EmmentalerFolepiFehlanzeige auch in den Läden, die Grossverteiler müssten jetzt den Drive ausnutzen und mal ein paar Käser aufbieten, die in den Läden promoten und zeigen, dass der weltmeisterliche Emmentaler ein aufwändig aus silofreier Rohmilch hergestetlles Handwerksprodukt und nicht industrielle Massenware ist. Genauso wird er nämlich vermarktet. Gestern in der Migros wurde man auf der Suche nach Beispielen sofort fündig: Aktion Emmentaler Surchoix (“erste Wahl”) für sage und schreibe 14 statt 18 Franken das Kilo, das grenzt an Verschleuderung. Derweil kostet das importierte Industrieprodukt Fol Epi 23 Franken pro Kilo. Dieses profitiert vom Marketingpotenzial des Konzerns Bongrain, inklusive TV-Spots, auch in der Schweiz. Deshalb muss man hier auch den mit Abstand grössten Käsehändler Emmi in die Pflicht nehmen, der mit seiner Marke Kaltbach aus der selber gebauten Höhle lediglich ein Mikrosegment des Marktvolumens puscht und für die Vermarktung der Dachmarke kaum einen Finger rührt.

Insgesamt scheint niemand grosse Motivation für aktive Marktbearbeitung zu haben. Ein Hauptgrund für das geringe Interesse von Seiten Handel und Detailhandel ist, dass die Margen bei anderen einheimischen Spezialitäten und Importkäsen deutlich besser sind, als beim seit Jahren mit Tiefpreisen entwerteten Flaggschiff, derweil die Sortenorganisation wieder einmal hauptsächlich mit internen Führungs- und anderen Problemen beschäftigt scheint und dort gar niemand merkt, dass es etwas potenziell publikumsträchtiges zu feiern gäbe.

Kaum Zufall: ETH schon wieder Agrarökonomenlos

März 3, 2014

ETHDie ETH tut sich schwer mit der Agrarökonomie, zumindest was die Bestellung des unterzwischen einzigen Professorenpostens angeht. Nach dem Abschied von Bernard Lehmann zum Bundesamt für Landwirtschaft Mitte 2011 – er wurde dort Direktor – war der Posten während zwei Jahren verwaist. Im Juni 2013 nahm dann mit Pierre Mérel ein hoffnungsvoller Jungprofessor mit umfangreichem Palmarès seine Tätigkeit am Institut für Agrarökonomie auf.

Pierre MérelDer 38-Jährige hatte zuvor als Extraordinarius an der Agrar-Eliteuniversität in Davis, Kalifornien gewirkt. Mit viel Vorschusslorbeeren wurde er an der ETH begrüsst: „Mit seinen Forschungsarbeiten im Schnittbereich zwischen Agrar- und Umweltpolitik leistet Pierre Mérel wichtige Beiträge zur interdisziplinären Umweltentscheidungsforschung und zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Umweltbilanz. Seine Spezialgebiete umfassen aktuelle Themen wie Agrarproduktqualität, Wettbewerbs­politik und die Verwendung natürlicher Ressourcen auf regionaler Ebene. Mit der Berufung von Pierre Mérel verstärkt das Departement Umweltsystemwissenschaften seine Kompetenz in einem gesellschaftlich wichtigen Feld“, schrieb die ETH in einer Mitteilung anlässlich der Wahl.

Knapp ein Jahr nach seinem Stellenantritt im Juni 2013 muss man sich bereits wieder auf die Suche begeben, wie die ETH-Medienstelle auf Anfrage bestätigt: „Prof. Mérel hat seine Stelle gekündigt und wird die ETH Zürich auf das kommende Herbstsemester verlassen. Die ETH wird weiter auf dem Gebiet der Agrarökonomie forschen und lehren und das Forschungsfeld künftig eher noch ausbauen. Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin wird gesucht. Die Stelle wird in absehbarer Zeit ausgeschrieben“, schreibt die Hochschule auf Anfrage. Mérel kehrt unterdessen nach Davis zurück, wo man ihm seinen Stuhl offenbar warm behalten hat.

Auch wenn der abrupte Abgang Mérels offenbar auch familiäre Gründe hat, dürfte die klare Abwertung der Landwirtschaft an der ETH zum kurzen Gastspiel beigetragen haben. Das einst stolze Departement für Agrar- und Lebensmittelwissenschaften ist heute nur noch subalterner Bestandteil des hochtrabend benamsten Departement für Umweltsystemwissenschaften. Davis dagegen hat soeben zum wiederholten Male die Auszeichnung als weltbeste Agraruniversität erhalten, dort ist man stolz auf die über 100-jährige Tradition als Landwirtschafts- und Ernährungskompetenzzentrum. Man mag jetzt sagen, dass die Landwirtschaft in der Schweiz eine ungleich kleinere Bedeutung hat, als in den USA. Das muss aber für eine Top-Uni wie die ETH noch lange kein Grund sein, auf kleinbäuerlich zu machen, denn wenn man dasselbe in anderen Bereichen täte, wäre man kaum Nr. 12 weltweit.

PS. Dieses Primeurli hat ein schönes Medienecho ausgelöst, was mich natürlich gefreut hat. Hier ein paar Links:

http://www.bauernzeitung.ch/news-archiv/2014/03/04/eth-professor-fuer-agraroekonomie-geht-bereits-wieder.aspx

http://www.landwirtschaft.ch/de/aktuell/agronews/detail/article/2014/03/04/ethz-wieder-ohne-professor-fuer-agraroekonomie/

http://www.schweizerbauer.ch/politik–wirtschaft/agrarwirtschaft/eth-agraroekonomie-professor-geht-schon-wieder-14975.html

Sogar meiner guten alten Tante NZZ war die Geschichte am Donnerstag ein paar Zeilen wert:

ETH-Agrarökonomie ohne Professor
Kündigung nach 9 Monaten
 flo. · Die ETH Zürich bietet als einzige universitäre Hochschule in der Schweiz den Studiengang Agrarwissenschaft an, doch in der Agrarökonomie zeichnet sich beim einzigen noch verbliebenen Professorenposten eine erneute Vakanz ab. Der 38-jährige Professor Pierre Merel hat seine Mitte 2013 angetretene Stelle gekündigt, wie die ETH eine Mitteilung des Agrarjournalisten Adrian Krebs bestätigt. Merel kehrt zu seinem vorherigen Arbeitgeber zurück, an die University of California in Davis. Die Stelle wird wieder ausgeschrieben. Der Lehrstuhl für Agrarökonomie war bereits vor Merels Amtsantritt für rund zwei Jahre verwaist, nachdem Vorgänger Bernhard Lehmann als Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft nach Bern gewechselt hatte.

Dank allerseits!

„Ich wünsche mir mehr Mut von den Bauern“

Februar 3, 2014

FiBL-StallVor fast genau fünf Jahren habe ich hier erstmals in die Tasten gegriffen als Agroblogger (Wir Berner kommen meistens einen Tag verspätet, dafür bleiben wir dann umso länger).

Im ersten Beitrag „Kühe mit Hörnern – das geht“ ging es damals um die Doktorarbeit von Claudia Schneider einer Mitarbeiterin des Forschungsinstituts für Biolandbau (FiBL), wo ich lustigerweise unterdessen angestellt bin. Auslöser war damals eine Medienmitteilung in der das Merkblatt vorgestellt wurde, in dem Claudia ihre Erkenntnisse aus der Diss verarbeitet hatte. Dieses Merkblatt gibt praktische Anleitungen, wie ein Laufstall für behornte Kühe dimensioniert sein muss. Von jetzt an konnte erstens niemand mehr sagen, dass es nicht geht und zweitens, dass man nicht wisse wie; zwei gerne gehörte Argumente gegen behornte Kühe im Laufstall. Das kleine Jubiläum ist ein guter Grund, fünf Jahre danach ein paar Worte mit Claudia zu wechseln. Hier – eine Première – das erste Interview aller Zeiten auf dem Agroblog.

Schneider ClaudiaClaudia, was haben Doktorarbeit und Merkblatt bewirkt?
Claudia Schneider: Gute Frage… Kurz nach dem Erscheinen des Merkblatts hatte ich schon ein paar Anfragen, auch aus dem Ausland, allerdings eher, was die wissenschaftliche Seite angeht.

Jetzt sind fünf Jahre vergangen, wie bist Du zufrieden mit dem Forstschritt?
Mit dem Merkblatt haben die Bauern eine Anleitung zur Hand. Die Ställe für Kühe mit Hörnern werden heute anders gebaut, vorher hatte man einfach die Normmasse für hornlose Kühe und baute dann so.

Gibt es jetzt eine grosse Bewegung in Richtung Laufställe für behornte Kühe?
Nein, das glaube ich nicht, obwohl es ja dann noch etwas weiterging, KAGfreiland machte die Hornauf!-Kampagne, die IG Hornkuh macht Druck für Direktzahlungen für behornte Kühe aber Massenbewegung ist es leider keine geworden (lacht). Aber sicher überlegt sich‘s der eine oder andere doch vielleicht noch, ob es nicht vielleicht mit Hörnern gehen könnte. Man kann jedenfalls heute nicht mehr behaupten, dass es gar nicht ginge im Laufstall mit Hörnern, wie das vorher noch an der Tagesordnung war.

Man hat jetzt quasi mit Hilfe von Anschauungsbeispielen bewiesen dass es geht?
Genau, die sind jetzt auch etwas publik geworden und man hat davon gehört.

Wieviele Laufställe für behornte Kühe gibt es denn unterzwischen in der Schweiz?
Gute Frage, ich habe ja selber über hundert gesehen, aber davon war natürlich auch ein Teil in Deutschland oder Österreich, und ich höre immer wieder, hier gibt es noch einen und dort, ich kenne sie natürlich auch nicht alle, aber vermutlich sind es um die hundert.

Es gibt also keine amtlich beglaubigte Liste der Laufställe für behornte Kühen?
Nein, leider nicht. Ich sag das ja immer: Von den Milchkühen wird alles erfasst, wie gross, wie breit, wie lang, wieviel Milch, was für Milch, aber es wird nicht erfasst, ob sie ein Horn haben oder nicht, das ist schon schade (lacht), das wäre ja kein Problem, es bräuchte nur ein Kreuzchen mehr. Wenn jetzt die Direktzahlungen für Hörner kämen, dann wäre es für die Zuchtverbände wohl überhaupt kein Problem, auf dem Formular noch ein zusätzliches Kästchen einzurichten.

Welche Chance siehst Du für den Hörnerfranken?
Keine Chance nicht, aber was man so hört, deutet eher darauf hin, dass es schlecht aussieht, aber Armin Capaul (Co-Präsident IG Hornkuh, Red.) ist schon sehr kämpferisch, das ist gut.

Aber die meisten Bauern, selbst solche mit Hornkühen, mögen sich nicht gross engagieren für den Hörnerfranken, an was liegt das wohl, haben sie Hemmungen?
Das stimmt, sie sind mehrheitlich zurückhaltend, das Problem ist vielleicht, dass die Zuchtverbände bis in den Mutterkuhbereich von einer Diskriminierung durch den Hörnerfranken sprechen, aber es würde ja niemand diskriminiert, sondern nur diejenigen gefördert, die Hörner behalten.

Genieren sich die Bauern ein bisschen?
Ja das kann sein, aber es ist schwierig zu sagen, wieso nicht mehr Bauern aufgestanden sind.

Hast Du das Gefühl, dass die Zahl der behornten Kühe weiter abnimmt, oder können wir das stabilisieren?
Diese Hoffnung habe ich schon, ja. Auch dank dem, dass es ein Thema ist. Egal bei welchem Anlass du mit ein paar Bauern zusammensitzt, kommt dieses Thema fast immer auf den Tisch, das ist ja schon noch interessant.

Siehst Du noch weitere Massnahmen abgesehen vom Hörnerfranken, die helfen könnten, Druck von Seiten Tourismus zum Beispiel?
Warum nicht, aber auch die Konsumenten sind sehr empfänglich dafür, sehr viele würden gerne etwas dafür tun, ich habe viele Spendengelder von Konsumenten für mein Projekt erhalten, aber das ist halt wie mit allem, wenn man etwas neues macht, zum Beispiel Hornmilch im Grossverteiler anbietet, lässt man das bestehende Produkt schlechter aussehen, das ist genau so, wie mit der Antibiotikafrei produzierten Milch, das heisst dann für die Konsumenten, aha in der Packung neben dran sind Antibiotika drin. Vielleicht müssten auch die Verbände ein bisschen hinstehen und sich für Hörner ins Zeug werfen, zum Beispiel Bio Suisse. Aber selbst KAGfreiland hat es nicht ganz geschafft,  in den Richtlinien steht dort nur, dass Milch von hornlosen Kühen nicht als KAG-Milch vermarktet werden darf, aber nicht, dass KAGfreiland-Betriebe behornte Kühe haben müssen.

Hast Du noch grad einen Wunsch an die Behörden, den Du gerne deponieren möchtest?
Ja, es ist schon noch immer so, dass Bauern, die gemäss Merkblatt etwas grösser bauen wollen wegen den Hörnern mit der Bewilligung Mühe haben, vor allem mit den kantonalen Behörden. Das hängt natürlich teilweise auch mit den Finanzen zusammen, aber grundsätzlich wünsche ich mir da mehr Verständnis.

Was wünschst Du Dir von den Bauern?
(Überlegt) Manchmal braucht es neben Geld auch etwas Mut, sie sollten sich einfach nicht Angst machen lassen, wen jemand will, dann kommt das gut mit Hörnern.

Danke für das Gespräch und weiter viel Glück im (behornten Lauf-)Stall, Claudia!

Jubiläumswettbewerb und alles Brimborium, was so dazu gehört folgt natürlich auch noch, aber zunächst einfach mal herzlichen Dank für die Treue, Kritik, Inputs, Kuhbilder etc! (Im Bild oben der FiBL-Stall, Bild von Claudia Schneider und das unten vom Herternhof in Wettingen: Thomas Alföldi, FiBL)

PS. Das schöne an einem Blog-Interview ist, dass es sich noch weiterentwickeln kann. Blogleser und Braunviehzüchter Martin Haab aus dem Säuliamt will noch etwas mehr wissen:
“Lieber Adi”, schrieb er mir auf Facebook, “eine Frage hast Du Frau Schneider nicht gestellt, es nähme mich wunder was sie von den Anstrengungen der Züchter und der Zuchtverbände im Hinblick auf die genetische Hornlosigkeit hält. Mit der Genomanalyse kommen wir diesem Ziel in riesen Schritten entgegen. Ich wage mal zu behaupten, dass in 4-5 Jahren bei allen Hauptmilchrassen sehr gute homozygote Stiere im Angebot sind.”
Claudia Schneider: Es ist unbestritten, dass es dem Tierwohl dient, wenn auf das Enthornen verzichtet werden kann, was ja nicht nur bei Tieren mit Hörnern, sondern auch bei genetisch hornlosen der Fall ist. Allerdings sollten wir erst abklären, welche Bedeutung die Hörner für die Kühe haben, bevor wir sie Ihnen wegzüchten. Die Funktion der Hörner im Sozialverhalten sind zum Teil schon beschrieben, aber warum haben Kühe mit unterschiedlicher Futtergrundlage unterschiedliche Hörner und warum haben Kühe mit Hörnern andere Schädelformen als solche ohne? In einem Projekt von Agroscope und FiBL wird in mehreren Untersuchungen zum Sozialverhalten, zum Verhaltensrepertoire und auch zur Selbstwahrnehmung von behornten, enthornten und genetisch hornlosen Kühen die Bedeutung der Hörner zu erforschen versucht, um daraus Schlüsse zu den Auswirkungen des Hornstatus auf den Herdenverbund und das Wohlbefinden der Tiere ziehen zu können.
Alfoeldi_LiegeboxenHerterenhof

Der Stachel im Fleisch der Industrielandwirtschaft

Januar 13, 2014

FleischatlasPünktlich zum “Davos der Landwirtschaft”, wie die nächste Woche stattfindende Internationale Grüne Woche in Berlin gern genannt wird, hat’s der BUND wieder getan: Die grösste deutsche Umweltschutzorganisation hat der Landwirtschaft zwei mittlere Bomben in den Bauernhofgarten geworfen.

Innert zwei Tagen hat der Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland eine Studie über den Hormoneinsatz in der Mastferkelproduktion und zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung und “Le Monde Diplomatique” den Fleischatlas 2014 publiziert.

Dazu ein paar secce Bemerkungen (ich habe mir auf Anregung von einer zeitlich knapp dotierten Leserin vorgenommen, weniger episch zu schreiben heuer):

  • Beides sind sehr lesenswerte Publikationen, die wunde Punkte der modernen Landwirtschaft treffen.
  • Der BUND schafft es auch dank offenbar sehr guter Medienkontakte immer wieder, flächendeckend Salz in diese Wunden der Landwirtschaft zu streuen. Wie schon bei den Glyphosat-Babys vor einigen Monaten hagelt es Protest, namentlich gegen die Hormonstudie. Das zeigt, dass sich trotz einiger handwerklich fragwürdiger Punkte in der Studie, die etwa hier kritisiert werden, viele Schafe in der Herde getroffen fühlen. Zurecht, denn
  • die deutsche Fleischproduktion ist zu einem gigantischen Industriesektor herangewachsen, pro Jahr werden etwa gut 58 Millionen Schweine geschlachtet, damit ist unser nördliches Nachbarland der weltweit drittgrösste Produzent nach China und den USA, Spitzenränge nimmt man auch bei der Rindfleischproduktion und den Mastpoulets ein.
  • Fleischatlas TierzahlenDie Industrialisierung des Sektors hat zu einer Konzentration auf allen Ebenen: Immer weniger Produzenten mästen grössere Bestände für grössere Schlachtunternehmen, die ihre Ware zu womöglich immer tieferen Preise an immer grössere Supermarktketten liefern. Deutschland ist nur ein Beispiel für diese Entwicklung. Hier verarbeiten im Schweinesektor gemäss dem Fleischatlas drei Betriebe 55 Prozent des Schlachtwerts, in den USA sind es 10 Konzerne, die 88 Prozent der Schweine verarbeiten (die Grafik rechts zeigt Zahlen für den weltweiten Markt).
  • Diese Entwicklung zieht diverse Probleme nach sich. Um nur einige zu nennen: Höherer Krankheitsdruck in Grossbeständen, steigender Hilfsstoffeinsatz auf den Feldern (für die forcierte Eiweissfutterproduktion) und Stall, Emissionen von Grossbetrieben, Tierschutzprobleme, Lohndruck in Grossschlachthäusern, erhöhter Zeitdruck und zahlreichen Fehlmanipulationen am lebenden Tier in Schlachthäusern, Schwinden von gewerblichen Fleischverarbeitern.
  • Ich staune immer wieder, mit welcher Verve sich die Landwirte und ihre Lobbyorganisationen dagegen wehren, die Probleme überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. In den integrierten Kreisläufen der Grosskonzerne, die Genetik, Futter und Infrastruktur liefern und die Tiere vollumfänglich übernehmen sind sie das schwächste Glied und stehen in extremer Abhängigkeit. Von freiem Unternehmertum, wie sie es sich gerne auf die Fahne schreiben, entfernen sich die sogenannte Urproduzenten immer weiter.
  • Der BUND ist für mich so etwas wie die EMMA einst, als sie dem Feminismus auf die Beine half. Nervt zwar immer wieder, aber für die Bewusstseinsbildung der Landwirte in Deutschland und darüber hinaus extrem wichtig. Ich warte auf den Ausbruch des Agrinismus.
  • Und in der Schweiz dürfte man in Sachen Landwirtschaft ruhig auch etwas mehr Lärm hören von Pro Natura, auch wenn die Verhältnisse noch um einiges idyllischer sind, als in Deutschland. Aber bei weitem nicht problemlos. (Illustrationen aus dem Fleischatlas)
    Fleischatlas Tierzahlen D

Facebookpuzzle gibt Bauernfamilien ein Gesicht

Januar 7, 2014

Familie SprungerDer Schweizerische Bauernverband (SBV) hat hier von mir ja schon viel Fett abgekriegt, drum hat er jetzt auch mal ein bisschen Balsam verdient. Wie Sie, liebe Leserinnen ja vielleicht wissen, stehen wir schon mitten im internationalen Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe. Diese produzieren immerhin 70 Prozent der Nahrungsmittel weltweit, gleichzeitig sind 60 Prozent der Armen weltweit Bauern und Bäuerinnen.

Aus Anlass dieses für einmal sehr gerechtfertigten Sonderjahres hat der SBV 27 Mitgliederfamilien gesucht, die auf Facebook aus ihrem Alltag berichten. Hier finden sich alle Betriebe auf einen Blick und hier gibt’s noch etwas mehr Hintergrundinfo.

Familie Jost AlpabzugIch hab mich ein bisschen umgeschaut auf diesen Seiten. Die Einblicke sind interessant, rührend, überraschend, herzig, aufschluss- und abwechslungsreich. Alles reich illustriert und dies teilweise gar mit bewegtem Bild, so gibt’s zum Beispiel bei Familie Jost aus Obergesteln im Goms für Technikfreunde ein Filmli mit Schnneräumung zwischen Hof und Miststock und bei Familie Pfister aus Bözen ein sehenswertes Video auf dem die Jungbäuerin Vieh füttert. Ich muss sagen, mir gefällt das, auch wenn die Zahl der Betriebe mit 27 vielleicht etwas hoch ist, um die Sache flächendeckend zu verfolgen. Wobei, es musste föderalistisch korrekt jeder Kanton berücksichtigt sein (einer offenbar sogar zweimal, wer rausfindet welchen kriegt von mir einen kleinen Preis) und vermutlich wird es bei der Leserschaft regionale Vorlieben geben.

Michaela Gassers VorstellungInteressant zu sehen ist, was die Bauernfamilien berichtenswert finden. Sehr beliebt war gestern ein Porträt mit der mittels Kuchen frisch gekürten Königin. Hier ist jemand am Bäume schneiden, dort klebt eine Tochter des Hauses einen Kleber hinten auf ein Auto, hüben wie drüben werden Männerchor- und Turnvereinstheater beworben, Kinder in Trachten gezeigt und mit aufschlussreichen Charakterbeschreibungen porträtiert. Die meisten Familien scheinen richtig Freude zu haben, immer wieder neue Entdeckungen zu präsentieren und dabei haben sie gecheckt, dass das Alltägliche meistens das Spannendste ist. Emsig wird hie und da auch schon kommentiert und repliziert. Bin gespannt auf die Fortsetzung, da werden sich im Lauf des Jahres interessante Puzzles ergeben. Hoffe, dass die Urbanistas auch reinschauen, weil man hier dies- und jenseits der Klischees mehr erfahren kann über die Vielgestaltigkeit der schrumpfenden landwirtschaftlichen Bevölkerung.

Zum Zug kommen in diesem Bilderbogen übrigens auch je eine Familie aus Bolivien, Honduras und Kirgistan, ein Produkt der Zusammenarbeit des SBV mit Helvetas und Swissaid. Das wirkt für mich nocht etwas Feigenblattmässig aufgesetzt, um doch noch ein bisschen zu motzen, aber auch das kann noch werden. Bin mir allerdings nicht sicher, ob SBV-Vizedirektor auch an die Familienbetriebe in der dritten Welt dachte, als er – das musste natürlich sein – bei der Lancierung der Verbandsaktivitäten zum Sonderjahr noch etwas Werbung machte für die “Initiative für Ernährungssicherheit”. Womit wir wieder beim Fett wären, aber das kann jetzt noch ein bisschen warten. (Alle Bilder von den Facebook-Seiten der Bauernfamilien)
Familie Sprunger Porträt

Initiativen-Murcks: Ein saurer Zankapfel

Dezember 17, 2013

Es schmeckt sauerAus mir nicht besonders ersichtlichen Gründen hat der Schweizerische Bauernverband (SBV) seine Meldung zur Zangengeburt des Texts für die “Initiative für Ernährungssicherheit” mit obenstehendem Bild illustriert. Vermutlich soll der Helgen ausdrücken, dass der junge Mann im Bild die Gnade der späten Geburt hat und deshalb nicht wird abstimmen müssen über das mutmasslich unnötigste Agrar-Volksbegehren aller Zeiten.

Der Initiativtext, dem ein wochenlanges mehr oder weniger behelfsmässig kaschiertes Gezänk zwischen dem SBV und der Schweizerischen Volkspartei (SVP) vorausgegangen ist lautet wie folgt:  

Art. 104a (neu) Ernährungssicherheit
1. Der Bund stärkt die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln aus vielfältiger, nachhaltiger inländischer Produktion; er trifft wirksame Massnahmen insbesondere gegen den Verlust von Kulturland, einschliesslich Sömmerungsfläche, und zur Umsetzung einer Qualitätsstrategie.
2. Er sorgt in der Landwirtschaft für einen geringen administrativen Aufwand und für eine angemessene Investitions- und Rechtssicherheit.
Übergangsbestimmungen:
Der Bundesrat beantragt der Bundesversammlung spätestens zwei Jahre nach Annahme des Artikels 104a durch Volk und Stände entsprechende Gesetzesbestimmungen.

Wie bitte, war das alles? Das tönt, sollte das Ansinnen dereinst angenommen werden, wie ein rhetorischer roter Teppich für die zuständigen Behörden, das ganze so unauffällig wie möglich in der Schublade verschwinden zu lassen. Punkt 1. wird nicht einen einzigen Importeur oder Baulöwen in irgendeiner Weise beeindrucken. Punkt 2. ist schon fast ein schlechter Witz, lanciert man doch eine Initiative, in der man geringen administrativen Aufwand fordert, die ohne Zweifel aber dazu prädestiniert ist, den administrativen Aufwand zu erhöhen.

Der Text sei “formell, rechtlich und administrativ präzis” rühmte SBV-Präsident Ritter bei der Präsentation. Reicht das um die Agrarbürokratie und das Parlament über Jahre zu beschäftigen, wenn man gleichzeitig postuliert, genau dort reduzieren zu wollen? Klar, der noch immer relativ frisch amtierende Obmann aus den Reihen der Christlichdemokraten kann sich jetzt einen gewonnenen Machtkampf gegen die SVP gutschreiben lassen, aber wenn sich durch den neuen Verfassungspassus irgendwas ändern sollte am Kulturlandschwund und der Importabhängigkeit der Schweiz, wäre ich schwer überrascht.

Kein Bauernhof weniger wird sterben, kein Kilo Pouletfleisch weniger wird eingeführt werden. Stattdessen verplämpert man Zeit, die dringend benötigt würde, um vor der nächsten Monster-Agrarpolitikrunde echte Visionen und zukunftsträchtige Wege (um eben zum Beispiel den Kulturlandverlust und Billigfleischimporte zu mindern) zu entwickeln. Der Ritter spielt hier Sandmännchen für die Mitglieder, hoffentlich lassen sich diese nicht einschläfern, sonst gibt es ein böses Erwachen. (Bild  Cheryl Kronberger/SBV/www.landwirtschaft.ch)

Hörnerfranken: Öko-, Risiko- und Tourismusbonus

Dezember 8, 2013

Sibylle im MedienfokusAm Freitag ist in Bern an einer Bundeshaus-Hintertüre die Petition für den Hörnerfranken eingereicht worden. Schwer beladen mit 18’000 Unterschriften wanderte die prominente Kuh Sibylle (Ex-Wetten, dass…?-Siegerin) an der Spitze eines kleinen Trüppchens von Hornfreunden unter der Ägide von IG Hornkuh und unterstützt von KAGfreiland und Demeter vom Bärengraben zur Ochsenscheune, wie das Parlamentsgebäude in bäuerlichen Kreisen ab und an auch genannt wird.

Dass der Hörnerfranken dereinst Platz findet in der Direktzahlungsverordnung ist eher mässig wahrscheinlich. Höchste Zeit deshalb für ein kleines Plädoyer zugunsten dieses Batzens zugunsten der Viehhalter mit behornten Kühen (1 Fr. pro Kuh und Tag) und Geissen (20 Rappen).

Ich würde niemandem Hornvieh vorschreiben wollen, es gibt eine ganze Reihe von Gründen, die zum Entscheid des Enthornens führen können: die Unfallgefahr ist vorhanden und es braucht im Stall nicht nur mehr Platz sondern auch ein etwas zeitaufwendigeres Management.

Wer sich aber auf freiwilliger Basis dafür entscheidet, seine Tiere im natürlichen Kopfschmuck-Zustand zu belassen, der sollte dafür entschädigt werden. Dies vor allem aus drei Gründen.

1. Ökologie. Die Enthornung ist ein ziemlich happiger Eingriff in die körperliche Integrität des Tiers. Wer das optisch und physiologisch dokumentiert haben möchte, dem und der empfehle ich den Konsum des Films “Das liebe Rindvieh” von Bertram Verhaag. Darin zeigt eine Bäuerin anhand der Schädel von einer enthornten und einer behornten Kuh die Unterschiede auf. Die enthornte Kuh entwickelt einen regelrechten Höcker, den man an jeder kurz geschorenen Elitekuh zwischen den Hornansätzen gut beobachten kann. Dieser entwickelt sich gemäss der Bäuerin aufgrund des nötigen Volumens für die Zirkulation des Methans im Körper. Sind die Hörner vorhanden, bietet sich dieser Raum in den Hornzapfen, sind diese weg, braucht es eine Ausweichvolumen.

2. Risiko und Mehraufwand. Genau wie ein Bergbauer, der mit den Bergzonen-Beiträgen für die Erschwernisse und Gefahren von steilen Lagen sowie kurzen Vegetationszeiten entschädigt wird, haben die Hornviehhalter aufgrund ihrer Wahrung der Komplettheit des Tiers Anspruch auf eine Abgeltung für erhöhtes Risiko und zusätzlichen Arbeitsaufwand, zumal diese Leistungen mindestens bis heute auf dem Markt nur ungenügend und partiell durch bessere Preise abgegolten werden.

3. Tourismusförderung. Der Spaziergang mit Kuh durch die Berner Altstadt hat gezeigt, dass behorntes Vieh beim Publikum, zumindest beim urbanen, fast durchwegs auf begeisterte Zustimmung stösst. Besonders auffällig war die Faszination, die Sibylle bei ausländischen Zaungästen auslöste. Ich bin überzeugt, dass behornte Kühe auf den helvetischen Weiden eine Attraktion darstellen, die hornloses Vieh nicht im gleichen Ausmass auszulösen vermag, allein für dieses Engagement im Dienste des Fremdenverkehrs wäre der Hörnerfranken mehr als verdient.

Die Kosten für den Hörnerfranken wären überblickbar. Von den rund 670’000 Kühen im Land (inkl. Mutterkühen) tragen nurmehr rund 10 Prozent Hörner. 67’000 mal 365 gibt 24,455 Millionen Franken, ein paar Hunderttausend Franken kämen noch für die Geissen dazu. Das ist im Verhältnis zu den jährlichen Landwirtschaftskosten von rund 3 Milliarden und angesichts des breiten Nutzens für Tier, Image der Landwirtschaft und Tourimsusindustrie ein bescheidener und gut eingesetzter Betrag. Dass dieser stark wachsen würde, ist überdies kaum anzunehmen, denn der Zustupf wäre dann doch zu bescheiden für eine breite Wiederbehornungswelle.

Agrarbericht 2013 – die nackten Zahlen

November 13, 2013

Tabelle Agrarbericht 2013Dieser Tage ist mir der Agrarbericht 2013 ins Büro geflattert, beziehungsweise eher geplumpst: 1,04 Kilo geballte Information über die Schweizer Landwirtschaft und viel Fleissarbeit des Bundesamts für Landwirtschaft. Wenn ich richtig gezählt habe, sind es 114 Personen, die mitgearbeitet haben. Ich schätze die durchschnittliche Arbeitszeit auf fünf Tage pro Person, konservativ vermutlich, das gäbe zusammen nach Adam Riese 570 Manns- und Fraustage à 500 Franken. Das macht 285’000 Franken und dazu die Druck- und Distributionskosten.

Ich nehme an eine Drittelmillion kostet das Werk mindestens. Darin steht viel Interessantes, aber ich gehe davon aus, dass 90 Prozent der Auflage bald Staub anlegen wird. Um diesem bemitleidenswerten Schicksal des Almanachs etwas entgegenzuwirken, habe ich willkürlich ein paar interessante Zahlen aus den Jahren 2000 und 2012 rausgepickt und die Abweichungen ausgerechnet.

Die Zahlen zeigen: Die Landwirtschaft ist produktiver geworden, der Strukturwandel schreitet voran, das internationale Handelsvolumen nimmt ungeachtet aller Unkenrufe zu, ebenso das Engagement für das Tierwohl, grosszügig gefördert durch Direktzahlungen natürlich. Einzig die Mastpoulets sind bemitleidenswert, wegen einer Erhöhung der Mindestmastdauer auf 56 Tage gibt es sie nur noch marginal aus tierfreundlicher Haltung. Und die Bauern sind zwar grundsätzlich zufrieden, schätzen die Lebensqualität gegenüber den Durchschnittsbürgern aber als unterdurchschnittlich ein. Mit ein Grund dürfte die zwar gestiegene aber nach wie vor exorbitant tiefe Ferientagezahl von 7 sein. Fazit: Die Schweizer Bauern und Bäuerinnen performen gut aber vielmals am Limit. Die Agrarpolitik erreicht zwar ihre Ziele recht gut, beliebig weiterführen lässt sich dieser Prozess aber wohl kaum, der nächste Bericht müsste vielleicht mal auf die Grenzen der Schrumpfung fokussieren.

SVP vs. SBV – oder welcher kann besser täupelen?

November 8, 2013

Jöbild1Der “Bauern-Krieg” um zwei Selbstversorgungsinitiativen hat diese Woche die Öffentlichkeit bestens unterhalten. Leicht hämisch verfolgten Medien und BeobachterInnen, wie sich mit der Schweizerischen Volkspartei (SVP) und dem Schweizerischen Bauernverband (SBV) zwei der mächtigsten und sonst meist einig bürgerlich agierenden politischen Institutionen vor Publikum abwatschten. Die Partei hatte ihren Text schneller parat und die Bauern stehen nun etwas blöd da, weil sie aufgrund träger Entscheidungsstrukturen zu langsam sind für den publikumswirksamen Schnellschuss.

Schade eigentlich, das Thema Selbstversorgungsgrad wäre nämlich eine fundierte Diskussion wett. Es gibt da allerhand Facetten, zum Beispiel müsste, um nur eines zu nennen, mal geklärt werden, ob Produkte, die grossteils mithilfe ausländischer Faktoren produziert wurden (Stichworte Treibstoff, Dünger, Pestizide, Futter etc.) überhaupt zurecht ein Schweizerkreuz tragen.

Dass man es vorzog, sich öffentlich zu streiten ist erstaunlich, weil mehr als einen Phyrrussieg hat sich die SVP kaum geholt. Umgekehrt ist der SBV auch ziemlich naiv in diese Situation gerasselt, er kennt ja seine Strukturen. Ich staune, dass man da nicht fähig war, sich hinter den Kulissen auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen. Denn alleine wird die SVP diese Volksinitiative nie ins Trockene bringen, mit einem gemeinsamen Vorgehen wären die Chancen deutlich höher. Dazu wird es vielleicht trotzdem noch kommen, doch dieses fahrlässig verursachte Scherbenhäufchen wird kaum helfen beim gemeinsamen politischen Kraftakt, der nötig wäre für einen Erfolg mit einem derartigen Volksbegehren.

Klar wird dadurch vor allem, dass es weniger um den Selbstversorgungsgrad geht als um eine Trotzreaktion auf den Ausgang des Seilziehens um die AP14-17. Sowohl SVP wie auch SBV wollen der Klientel demonstrieren, dass sie am besten täupelen können (für nicht des Schweizerdeutschen kundige: täupelen sieht man häufig bei Kleinkindern, die im Laden grad nicht die Süssigkeit erhalten, die sie gerne möchten). Keine sonderlich weitsichtige Strategie, wenn man sich eigentlich besser auf die bevorstehende nächste AP-Runde vorbereiten sollte. Mir kann’s recht sein, ich finde einen von der Verfassung vorgeschriebenen minimalen Selbstversorgungsgrad sowieso unsinnig, das ist etwa so, wie wenn man ein Hagelverbot ins Grundgesetz stellen würde.

Jetzt habe ich doch viel mehr über die Streithähne geschrieben, als geplant. Wollte eigentlich nach einer garstigen Fahrt mit Fahrrad durch Regen nur zwei Jö-Bildli mit etwas Sonne zum Trocknen bloggen. Danke wieder einmal herzlich, liebe Monika für die Helgen aus Kindhausen! Man würde gar nicht glauben, dass es auf Gemeindegebiet Volketswil solche Idyllen gibt. (Bilder Monika Schlatter)

Jöbild2


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