Archive for the ‘Detailhandel’ Category

Englisches Farmshoppingerlebnis

August 18, 2014

Padstow Farmshop2Grossbritannien hat ja kulinarisch nicht grad den besten Ruf. Zu Unrecht. Die Zeiten, als man sich mit Fish & Chips aus ranzigem Frittieröl begnügen und das ganze mit viel Ale runterspülen musste sind längst vorbei.

Padstow Farmshop5Padstow Farmshop3Das heisst nun aber nicht, dass zwischen Brighton und (noch) Aberdeen nur noch geschlemmt würde. Junk Food ist nach wie vor weit verbreitet (kann im Fall von gutem Frittierfisch durchaus lecker sein) und das Land hat eine der wohl härtesten Konkurrenzsituationen unter riesigen Supermarktketten von Tesco über Morrisons, Sainsbury bis zu Asda, dem Wal-Mart-Ableger auf der Insel.

Padstow FarmshopPadstow Farmshop4Trotzdem hält sich daneben eine sehr lebendige Farmshop-Szene, wie Schilder an den Strassen allenthalben beweisen. Kürzlich auf landschaftlich reizvoller Tour in Cornwall machte ich die Probe aufs Exempel im Padstow Farm Shop. Der Laden ist wenige hundert Metern von Discount-Konkurrenz entfernt, hält sich aber mit einem sehr regional verankerten Sortiment bestens. Leider schon auf der Heimreise war das Gepäckpotenzial für kräftige Einkäufe stark limitiert, gerne hätte man die letzten Pfunde allesamt hier liegen gelassen. Ein breites, anmächelig präsentiertes Angebot wurde charmant angepriesen von Locals, die zum Teil von der dazugehörigen Farm stammen.

Padstow Farmshop7Eines der interessanten Details, das man in England nicht gerade vermuten würde ist die Pastamaschine, mit der sich die Kundschaft aus lokalem Weizen die gewünschten Teigwaren produzieren lassen kann.

Das ganze ist enorm aufwändig, im Laden arbeitete etwa ein halbes Dutzend Personen, das heisst es muss ein beträchtlicher Umsatz aber auch viel mässig bezahlte Arbeit und damit eine gehörige Portion Idealismus vorhanden sein. Das Resultat lässt sich mehr als sehen. Ich zieh solch eine Fundgrube den Delicatessas aller Art in den Kellern unserer Grossverteiler in jedem Fall vor.

Yellingham1Yellingham2PS. Dass es die Bauern im touristisch sehr attraktiven Südwesten der Insel gecheckt haben, dass die Gäste mehr als das gute alte feisse Full english Breakfast, zeigte sich auch in der Yellingham Farm im nahen Devon. Schauen Sie sich mal das Müesli und das anschliessend präsentierte doppelte “poached egg” auf Spargeln an. Da muss der darauf folgende Tag einfach gut werden.

Käse: Gelbe Linie durch die Weisse Rechnung

Juli 25, 2014

mix_brands_0015Eher selektiv präsentiert die Marketingagentur Switzerland Cheese in einer Medienmitteilung ihre Halbjahreszahlen: “Wertmässige Steigerung der Exporte von Schweizer Käse” hiess es da. Der Titel verschweigt aber, dass die Exporte im ersten Halbjahr 2014 um gut 5 Prozent gesunken sind und dass die Wertsteigerung lediglich erhöhten Preisen zu verdanken war, die dann auf die Exporte drückten. Es sei einer Vermarktungsorganisation, die im Namen der Branche Marketinggelder des Bundes und eigene Mittel verteilt, nicht verwehrt, schönzufärben. Aber in diesem Fall wäre es vermutlich eher angezeigt, reinen Wein einzuschenken.

Das hiesse klar aufzuzeigen, was Sache ist und welche Strategien ergriffen werden sollten, um Gegensteuer zu geben. Die Fakten sprechen für sich: Der seit Jahren anhaltende Sinkflug des nach wie vor grössten Umsatzträgers Emmentaler ist brutal weitergegangen (-18,2% gegenüber der Vorjahresperiode) und die bisher fast stetig wachsenden anderen Spezialitäten wie Gruyère (-1,6%), Appenzeller (-1,5%),, Tête de Moine (-3,4%), Tilsiter (-13,1%) und Vacherin Mont d’or (-51,6%(!)) haben die Wachstumsgrenze erreicht oder überschritten, vom Sbrinz gar nicht zu reden (-12,5%). Ein schlechtes Zeichen ist auch, dass der sogenannte Switzerland Swiss, eine billige Emmentalerkopie ebenfalls nicht vom Fleck kommt (-0,7%), nachdem er letztes Jahr noch um 200% zugelegt hatte. Das zeigt, dass die Selbstkannibalisierung keine brauchbare Strategie ist.

Was heisst das unter dem Strich? Alles, worauf die Schweiz stolz war im Käseexport steckt in der Krise oder hat zumindest die Grippe. Gleichzeitig haben die Importe wert- und mengenmässig wie immer in den letzten Jahren zugelegt und zwar um 2,6%, am deutlichsten war die Zunahme interessanterweise bei den Hartkäsen, also unseren Topprodukten, die im Inlandabsatz auch eher zaghaft wachsen oder gar weiter schrumpfen.

Die ganze Situtation wird sich aufgrund der Aufhebung der Milchkontingente im nächsten Jahr in der EU vermutlich noch verschärfen. In der bäuerlichen Presse befürchtet man bereits eine Milchschwemme. Die Milch wird bei der zu erwartenden Überproduktion billiger, was nach Adam Riese garantiert auf die Produktepreise durchschlagen wird, was die Importkäse preislich für die Importeure noch interessanter und den Export noch tückischer macht.

Gleichzeitig liebäugelt der Bund mit Support der üblichen Souffleure mit einer Freihandelsstrategie bei der sogenannten Weissen Linie, also Frischmilchprodukte. In einem Kampf der Studien schlagen sich Befürworter und Gegner einer Marktöffnung die Zahlen um die Ohren. Zugunsten einer Liberalisierung wird gerne das Beispiel Käse angeführt, wo der Freihandel zu den eben aufgezählten Auswirkungen geführt hat. Ich sehe aus den Erfahrungen mit der “Gelben Linie” aber keinerlei positive Argumente in Richtung isolierter Marktöffnung erwachsen. Es bräuchte, wenn schon offene Grenzen für sämtliche Branchen, habe mir da schon öfter die Finger schusselig geschrieben. Solange Importeure von landwirtschaftlichem Gerät bis Medikamenten die höhere Schweizer Zahlkraft schamlos abschöpfen dürfen, ist es nicht sauber, die Bauern samt der nachgelagerten Sektoren in den Marktsturm zu stellen. Dass man das dann mit staatlichen Ausgleichszahlungen kompensieren muss ist ja irgendwie auch nicht das Gelbe vom Ei, wenn man von genau dieser Subventionspolitik eigentlich weg kommen möchte.

Item, ich melde mich mal für ein paar Wochen ab und werde möglichst viel Hartkäse essen, promise.

 

KulturLandiVerlust: Wie die Bauern-Firma sündigt

Juli 8, 2014

Landi Neubau Rüderswil“Zu den obersten Geboten der Fenaco gehört der haushälterische Umgang mit landwirtschaftlich nutzbarem Boden”, sagt Fenaco-Präsident Lienhard Marschall laut einem Artikel unter dem Titel “Mit Augenmass bauen”, der im Herbst 2012 auf der Fenaco-Homepage veröffentlicht wurde.

Entweder gilt das Wort des Präsidenten nichts oder schon nicht mehr, oder dann ist das eine Selbstberuhigungspille in einer Zeit in der sich die Besitzer der Fenaco-Landi Gruppe, die Bauern, gerne hervortun mit besorgten Wortschwällen zum Kulturlandschutz. Die Lobag, der konservative bernische Bauernverband hat sich gar – in der Not frisst der Teufel Fliegen – mit den Grünen zusammengetan, um eine Kulturlandinitiative zu lancieren.

Landi RüderswilLandi Neubau WaldeggWenn man nämlich einfach mal Landi und Neubau in die Suchmaschine eingibt, kommt einem ein ebenso umfangreicher Schwall von Bildern mit üblen einstöckigen kulturlandfressenden Landi-Bauprojekten entgegen, dazu gehören immer eine Tankstelle und ein ausgedehnter Laden, alles natürlich einstöckig und architektonisch bestens geeignet, um die Landschaft zu verschandeln. Dazu ein paar zufällig ausgewählte Beispiele: Landi Rüederswil BE (siehe den Auftakt oben, hier links ein Bild von den Bauarbeiten und rechts das geplante Endaussehen).

Neubau Landi ReidenNächstes Beispiel ist die Landi Reiden LU. Hier der Humusabtrag…

Landi Reiden Neubau…und der prächtige Endausbau als Computeranimation.

Landi Neubau MühlethurnenEine weitere Augenweide im ehemaligen Landwirtschaftsland ist die Erweiterung der Landi Mühlethurnen mit Getreidesilos.

Landi Neubau KlingnauUnd hier zum Abrunden noch der Neubau in Klingnau…

Landi Neubau Eglisau

…und der Neubau in Eglisau. Erweiterung der Galerie ist jederzeit in beliebigem Umfang möglich. Insgesamt ein deprimierendes Bild, das zeigt, dass die Schere zwischen der auf der Homepage postulierten Aufmerksamkeit bezüglich Kulturlandverlust und der Realität erschreckend weit offen ist. Das nützt auch der schöne Nachhaltigkeitsbericht wenig, den die Fenaco hat erstellen lassen. Die Bauern täten gut daran, ihrem Unternehmen etwas besser auf die Finger zu schauen, wobei viele unter ihnen ja als Grossbaulandverkäufer selber viel zur Zersiedelung und zu architektonischen Einöde im Land beigetragen haben. (Alle Bilder und Illustrationen: Landi)

Rumäniens bedrängte Kofferraum-Marktwirtschaft

Mai 11, 2014

Schweinemarkt HodacNochmal ein kurzer Ausflug nach Rumänien und in die Marktwirtschaft, vor allem die am Strassenrand. Hier reicht als Laden ein Kofferraum, eine Ladefläche oder eine (soeben zum Abtransport verladene) Kiste, wie hier auf dem Bild vom Markt im siebenbürgischen Hodac, wo ein paar Ferkel angeboten werden.
Märit HodacViel zum Einsatz kommen auch schlichte Lieferwagen, aus deren Tiefe dann Getreide aller Art, Mehl oder andere Ware en gros angeboten werden.
KäsemarktManchmal braucht es auch nur ein Tischen mit einer Waage und einem Käse, wie dieses Bild, ebenfalls aus Hodac, zeigt.
On the roadDaneben gibt es unzählige einfache Verkaufsstellen am Strassenrand. Etwa hier, wo Wein, Früchte und Gemüse im Sortiment sind. Ich vermute, dass dies hier anders auf dem Markt, wo Abgaben zu bezahlen sind, sehr informell läuft, allenfalls, wird man dem Eigentümer des Grundstücks einen Batzen in die Hand drücken…
Honig…oder im Falle dieser Verkäuferin, die auf dem freien Feld aus dem Wohnwagen Honig verkauft, ein Glas für den lokalen Polizisten bereithalten.
Angst2Nur damit jetzt nicht der Eindruck entsteht, Rumänien werde ausschliesslich von idyllischen Bauernmärkten und Strassenverkäufern versorgt, hier noch ein Bild aus Bukarest, wo die rumänische Tochter der Zürcher Metzgerei Angst in Zusammenarbeit mit Carrefour einen schmucken Mini-Supermarkt eröffnet hat. Das Geschäft steht bezeichnenderweise im gedeckten Teil eines ehemaligen Frischmarkts, wo die Bauern und Bäuerinnen aus der Umgebung ihre Milch- und Fleischprodukte zu verkaufen pflegten. Das ist leider eine verschwindende Kultur. Das Land wird im Schnellzugstempo überzogen von mitten ins Kulturland gepflanzten gigantischen Supermärkten, wobei deutsche Ketten auffällig omnipräsent sind. Kein schönes Bild, aber bei uns in der Agglo sieht es ja auch nicht besser aus.

 

Wer nichts deklariert wird Wirt

April 20, 2014

Edelweiss BuechibärgEs gibt ja den Spruch, wonach wer nichts wird Wirt werde. Das ist natürlich etwas vom Dümmeren, was der Volksmund transportiert, weil es doch ein ziemlich anforderungsreicher Job ist, täglich motiviert am Herd zu stehen, hohe Qualität zu liefern, ein immer breiter werdendes Spektrum von Geschmäckern und Essensgewohnheiten zu befriedigen, daneben ein mittleres bis grösseres Team und allenfalls noch einen Herbergsbetrieb zu führen. Dass damit einige oder gar zahlreiche Wirte und Wirtinnen überfordert sind, wie viele andere Berufsleute in ihren Jobs, versteht sich von selbst.

GitziAlso, grundsätzlich habe ich Respekt vor dem, was viele Restaurateure leisten und einem tagein, tagaus so auftischen. Trotzdem muss einmal gesagt sein, dass die Mehrheit von ihnen in einem Punkt noch in einem brutal tiefen Entwicklungsstadium stehen, nämlich bei der Deklaration der Produkte, die sie servieren. Ausgelöst hat diesen Post ein Ostergitzi, genauer gesagt eine Keule. Verspeist haben wir diese im Ristorante Italia in Zürich. Das ist für mich neben Cinque und Santa Lucia an der Luisenstrasse (ja, Teil einer Kette, aber trotzdem mit einer persönlichen Atmosphäre) der Top-Italiener in Zürich. Man kocht dort exzellent (“Cucina della mamma”, die den Namen verdient) , der Service ist meistens sehr nett und das Weinangebot dazu auch nicht von schlechten Reben.

Dicke Berta zum GlückZurück zum Gitzi. Wie fast immer in der Beiz frage ich vor allem beim Fleisch, woher es kommt. Da konnten sie mir selbst im Italia, das recht gut deklariert, nicht wirklich weiterhelfen. Es komme aus Stans, beschied man mir. Immerhin, aber das stand schon in der Karte und sagt eigentlich noch gar nichts über die Art der Haltung, die dem zerlegten Zustand des Gitzis vorausging. Nun nehme ich mal an, dass es sich dabei nicht um einen Spaltenbodenstall handelt. Trotzdem würde ich gerne mehr wissen über den Betrieb und wer dahinter steht. Dass man das im Italia nicht liefern konnte, fand ich etwas schwach. Immerhin kann man dem Unternehmen, das den Laden führt, die Restaurant Gasometer AG zugute halten, dass sie in anderen Restaurants genau das Richtige tut, nämlich die Lieferbetriebe beschreiben. Dazu gehören die Schwammendinger Ziegelhütte und wenns mir recht ist das Restaurant Markthalle im Viadukt. Das ist zwar schön, aber ich finde wenn schon, müsste man das in allen Restaurants durchziehen, sonst schmeckt es mir zu fest nach Konzept.

KlingelischnäggeUnter dem Strich ist die Gasometer AG aber sicher vorbildlich. Was man nämlich sonst so als (gesetzlich vorgeschriebene) Deklaration vorgesetzt erhält im Durchschnittsrestaurant, das Herkunftsland, ist völlig ungenügend. So etwas kann nur goutieren, wer meint, dass Schweizer Tierhaltung per se besser ist, als ausländische. Dem ist aber keineswegs so, wie unlängst eine Studie gezeigt hat, die viel Staub aufgewirbelt hat. Ziemlich drastisch vor Augen geführt wurde mir das vor einiger Zeit auf dem Betrieb eines Aargauer Rindermästers, der nichts hält von Einstreu und Aussenklima, geschweigen denn Auslauf. Seine Rinder leben in unstrukturierten Indoor-Buchten auf Spaltenböden. Voller Stolz berichtete er mir, dass er im Gastro-Label Swiss Quality Beef von Prodega derzeit einen höheren Labelzuschlag erhalte, als die Produzenten im Coop-Programm Naturafarm, die einstreuen und mindestens über ungedeckten Auslauf verfügen müssen.

Ochsenmaul unbekanntNun kann man den Wirten nur beschränkt einen Vorwurf machen, da sie sich an die gesetzlichen Grundlagen halten. Sie (und mit ihnen die Mehrheit der Kantinenbetreiber) foutieren sie sich zwar in ihrer grossen Mehrzahl um die Tierhaltung, aber möglich ist dies nur, weil das die Gäste ebenso tun. Solange wir im wachsenden Bereich der Ausserhausverpflegung nicht energischer nach tierfreundlich produziertem Fleisch fragen, wird sich bei der Deklaration und hauptsächlich beim Einkauf nichts tun. Das heisst, wer im Restaurant anständig produziertes Fleisch will, muss sich informieren und nur noch dorthin gehen, wo er das gut deklariert auch erhält.

Trotzdem kann man die Wirtinnen jetzt nicht einfach so entlasten, ihre Trägheit ist mitverantwortlich für die unbefriedigende Situation. Das zeigt sich im Detailhandel, wo sich namentlich die Marktleader – wenn auch mit diversen Mängeln – der Konsumentenerziehung verdient machen, indem sie in gewissen Bereichen praktisch nur noch Labelprodukte ins Regal stellen. Es braucht also nicht nur den Druck der Speisenden, sondern auch den der Kochenden. E Guete! (Bilder von diversen Restaurantbesuchen in der letzten Zeit, zuoberst Hofbeiz auf dem Berchtoldshof (gut deklariert, man kann das Vieh auf der Weide anschauen…), dann Gitzi im Italia (s. Artikel), “Dicke Berta” im Kafi zum guten Glück (sosolala deklariert), dann “Klingelischnägge” (aus Rindfleisch) im Basler Klingental (nur Herkunftsland, haben aber auch deklariertes Angus Beef, wobei man vom Label nichts erfährt), dann Ochsenmaulterrine, habe leider vergessen wo und wie deklariert und zum Schluss ein exzellenter Tomme lardé in Bio-Restaurant L’Aubier hoch über dem Neuenburgersee und top deklariert)

Tomme à l'Aubier

Weltmeistertitel für einen schlecht Betreuten

März 23, 2014

Weltmeisteremmentaler Kopie

Diese Woche wurde der Emmentaler Weltmeister, nicht ein Schwinger oder ein Töfffahrer, s0ndern der beste Käse, den es eigentlich gibt, so man ihn den gedeihen lässt.

Zuerst einmal herzliche Gratulation an Gérard Sinnesberger aus Gams leicht östlich des Emmentals. Er holte sich mit seinem 100-Kilo-Laib die Goldmedaille am World Championship Cheese Contest im US-amerikanischen Wisconsin.

Das ist ziemlich bemerkenswert, standen doch über 2600 Käse aus aller Welt in der Auswahl. Für den Emmentaler per se gibt es allerdings wenig zu feiern. Der Preis hat sich zwar zuletzt dank allgemeinverbindlicher Mengensteuerung stabilisiert, aber nach wie vor leidet er unter struktureller Überproduktion, Käseunion lässt grüssen.

Dafür können die heute Verantwortlichen nicht viel, aber ein sonderlich brillantes Bild geben sie trotzdem nicht ab. Fangen wir mal an mit Emmentaler Switzerland: auf der Website der Sortenorganisation sucht man vergeblich nach dem kleinsten Anzeichen einer Erfolgsmeldung. Fehlt es da an Aufmerksamkeit oder Stolz oder beidem? Ein WM-Titel ist doch der ideale Steilpass für eine Marketingoffensive, man könnte Inserate schalten, in die Medien drängen, Social Media auf Hochtouren rattern lassen und so dem Vielgeschmähten virtuell die Rinde polieren.

EmmentalerFolepiFehlanzeige auch in den Läden, die Grossverteiler müssten jetzt den Drive ausnutzen und mal ein paar Käser aufbieten, die in den Läden promoten und zeigen, dass der weltmeisterliche Emmentaler ein aufwändig aus silofreier Rohmilch hergestetlles Handwerksprodukt und nicht industrielle Massenware ist. Genauso wird er nämlich vermarktet. Gestern in der Migros wurde man auf der Suche nach Beispielen sofort fündig: Aktion Emmentaler Surchoix (“erste Wahl”) für sage und schreibe 14 statt 18 Franken das Kilo, das grenzt an Verschleuderung. Derweil kostet das importierte Industrieprodukt Fol Epi 23 Franken pro Kilo. Dieses profitiert vom Marketingpotenzial des Konzerns Bongrain, inklusive TV-Spots, auch in der Schweiz. Deshalb muss man hier auch den mit Abstand grössten Käsehändler Emmi in die Pflicht nehmen, der mit seiner Marke Kaltbach aus der selber gebauten Höhle lediglich ein Mikrosegment des Marktvolumens puscht und für die Vermarktung der Dachmarke kaum einen Finger rührt.

Insgesamt scheint niemand grosse Motivation für aktive Marktbearbeitung zu haben. Ein Hauptgrund für das geringe Interesse von Seiten Handel und Detailhandel ist, dass die Margen bei anderen einheimischen Spezialitäten und Importkäsen deutlich besser sind, als beim seit Jahren mit Tiefpreisen entwerteten Flaggschiff, derweil die Sortenorganisation wieder einmal hauptsächlich mit internen Führungs- und anderen Problemen beschäftigt scheint und dort gar niemand merkt, dass es etwas potenziell publikumsträchtiges zu feiern gäbe.

Ein Metzger mit mehr als Fassade

Januar 26, 2014

Metzgerei Blaser Frick KalbDas schöne an einem neuen Job ist, dass es viel Neues zu entdecken gibt, auch auf dem Arbeitsweg in der semi-dörflichen Umgebung namens Frick AG. Dort gibt es unter anderem einen Metzger Blaser, dessen Fassade Metzgerei Blaser Frick Fassaderecht prominent an der Hauptstrasse placiert ist. Bisher bin ich dort nur achtlos vorbeigefahren, denn mein Verhältnis zu den Dorfmetzgern ist ein leicht gespaltenes. Das Klischee vom etwas rückständigen Gewerbler, der längst nicht mehr selber schlachtet, sondern seine anonymen Hältften und Viertel im Grossschlachthaus kauft, ohne sich Gedanken über Herkunft und Haltung zu machen, hat sich bei mir fest eingenistet.

Als ich dann plötzlich letzten Freitag bei Blasers hinter dem Haus eine Vehbänne (für nicht berndeutschkundige auf vielfachen Wunsch hier die Übersetzung: ein Viehtransportanhänger) und ein angebundenes Kalb sah, machte mich das stutzig, metzgen die am Ende doch noch selber? In der Tat, und wie. Ohne zu zögern gewährt mir René Blaser, der den Betrieb mit seinem Bruder führt, Zugang zum modern eingerichteten Schlachtlokal. Hier ist die Arbeit in vollem Gang. Zwei stattliche Rinder stecken mitten im Prozess. Die Atmosphäre ist ruhig und geschäftig. Mit sicheren Handgriffen gehen der Chef und die Angestellten ihrer Arbeit nach. Ich dürfe so viele Bilder machen, wie ich wolle, sagt er mir, er habe nichts zu verstecken (Falls es schlachttechnisch zarter besaitete Gemüter gibt unter Ihnen, liebe LeserInnen, sollten sie die, welche jetzt kommen vielleicht nicht anschauen).

Metzgerei Blaser Frick SchlachtungIch frage Blaser, ob er nur Rinder schlachte. Er unterbricht die Häutung des Tieres unter seinem Messer und führt mich in den Kühlraum: “28 Schweine, von heute morgen”, sagt er mir nicht ohne Stolz. Auch der FiBL-Landwirt Alfred Schädeli lasse bei ihm schlachten, ergänzt der Metzger. Schädeli ist sehr zufrieden mit Blasers Diensten, wie er mir später versichert. Rund fünf Minuten vom Hof entfernt, kann er seine Tiere ohne Stress verarbeiten lassen. Damit unterscheide er sich, so Schädeli, von vielen anderen Metzgern vergleichbarer Grösse, die zwar bei den lokalen Bauern einkaufen, die Tiere dann aber in einem Grossbetrieb schlachten lassen, bevor sie Viertel und Hälften wieder auf ihren Betrieb zurück holen.

Die Einkaufspolitik der Blasers hat lange Tradition: “Seit über 50 Jahren legen wir grossen Wert darauf, unsere Schlachttiere bei den Bauern von Frick und Umgebung direkt einzukaufen. Somit ist es uns jederzeit möglich unserer Kundschaft über die Herkunft unseres Fleisches Auskunft zu geben. Die kurzen Transportwege wirken sich positiv auf das Tier und schlussendlich auf das Fleisch aus”, heisst es auf der Website der Metzgerei. Tönt gut, demnächst werde ich vor der Rückfahrt in die anonyme Grossstadt bei Blasers den Znacht einkaufen. (Zweitoberstes Bild Website Metzgerei Blaser)
Metzgerei Blaser Frick René Blaser

Wie Raili mit Sauerteig ein Business erbacken hat

Januar 18, 2014

Railis Kallavus mit Brot kleinDie Grüne Woche (IGW) in Berlin, wo ich dieser Tage wieder mal bin, hat heuer 1650 Aussteller und Ausstellerinnen. Da ist es natürlich schwierig den Überblick zu behalten. Deshalb hier statt irgendwelcher Gesamtbetrachtungen ein Schlaglicht auf Raili Kallavus aus Estland, neben der ich, der Zufall wollte es, an der Eröffnungsveranstaltung zu sitzen kam.

Sie hat mir eine interessante Geschichte erzählt: Ihre Jobs als Deutschehrerin an einem Gymnasium in Tartu und später als Consulterin für NGOs hat sie an den Nagel gehängt, es hat sie gelangweilt. Jetzt bäckt sie seit gut drei Jahren Brot. Mit grossem Erfolg. Die halbe Stadt deckt sich bei ihr mit Sauerteigbrot ein und das mit Gründen: Es schmeckt ausgezeichnet, wie die Degustation am Stand des diesjährigen IGW-Gastlandes aus dem Baltikum zeigte.

Raili Kallavus mit Sauerteig kleinRaili, die viel jüger aussieht, als sie ist, hat sich das Fachwissen im Selbststudium angeeignet. Aus Büchern und dem Internet. Dann hat ihr eine Bekannte etwas Sauerteig (wie das aussieht, siehe Bild rechts) zugesteckt und damit arbeitet sie seither. Verkaufsstelle ist ein als Genossenschaft organisierter Bauernmarkt in der zweitgrössten Stadt des Landes, interessanterweise angesiedelt im Foyer eines grossen Einkaufszentrums. Den Ofen stellt ihr das Einkaufszentrum zur Verfügung. Der Duft des frischen Brotes sei der ideale Lockstoff für die Konsumentinnen versichert sie schmunzelnd. Zu ihren KundInnen gehörten Leute “die viel Wert auf Gesundheit legen, die Handarbeit schätzen und einheimische Produkte mögen”, fährt sie fort. In estnischen Supermärkten stamme das Brot häufig aus anonymer Industrieproduktion mit unklarer Herkunft des Rohstoffs.

Das ist bei der umtriebigen Jungunternehmerin anders: Sie bezieht den Roggen aus lokaler Produktion von einem Bauern aus dem benachbarten Landkreis , den sie auf einem anderen Bauernmarkt kennengelernt hat. Die Sonnenblumen- und Kürbiskerne, mit denen sie einen Teil der Produktion verfeinert sei leider noch nicht aus dem Inland, da ein entsprechendes Angebot fehle, bedauert die spätberufene Bäckerin. Die handwerkliche Produktion führt dazu, dass ihr Brot nicht ganz billig ist, der 300g-Laib kostet 1 Euro 50, das verfeinerte Modell, welches neben Kernen auch Malz enthält, 2 Euro. Der Vorteil sei aber, dass ihr Brot neben den erwähnten Qualitäten auch deutlich länger frisch bleibt aus die Ware aus den Kaufhäusern.

Raili Kallavus macht einen sehr zufriedenen Eindruck, der berufliche Umstieg hat sich gelohnt, sie verdiene mehr als vorher, “wobei ich natürlich auch mehr arbeite als vorher”, wie sie ergänzt. Das Betreiben einer eigenen Firma mit dem Label Koduleib (estnisch Hausbrot), inspiriert von den Vornamen der Grosseltern, macht ihr ebenso Spass, wie das kneten des Teigs, das sei fast wie im Sandkasten spielen. Es sei aber nicht das Backen, das sie motiviert, sondern das Ergebnis: das Geld, die Dankbarkeit und die frohen Gesichter der Kundschaft, etwa dasjenige der Enkelin, wenn sie zufrieden Grossmutters Brot verspeist.
Railis Koduleib klein

Initiativen-Murcks: Ein saurer Zankapfel

Dezember 17, 2013

Es schmeckt sauerAus mir nicht besonders ersichtlichen Gründen hat der Schweizerische Bauernverband (SBV) seine Meldung zur Zangengeburt des Texts für die “Initiative für Ernährungssicherheit” mit obenstehendem Bild illustriert. Vermutlich soll der Helgen ausdrücken, dass der junge Mann im Bild die Gnade der späten Geburt hat und deshalb nicht wird abstimmen müssen über das mutmasslich unnötigste Agrar-Volksbegehren aller Zeiten.

Der Initiativtext, dem ein wochenlanges mehr oder weniger behelfsmässig kaschiertes Gezänk zwischen dem SBV und der Schweizerischen Volkspartei (SVP) vorausgegangen ist lautet wie folgt:  

Art. 104a (neu) Ernährungssicherheit
1. Der Bund stärkt die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln aus vielfältiger, nachhaltiger inländischer Produktion; er trifft wirksame Massnahmen insbesondere gegen den Verlust von Kulturland, einschliesslich Sömmerungsfläche, und zur Umsetzung einer Qualitätsstrategie.
2. Er sorgt in der Landwirtschaft für einen geringen administrativen Aufwand und für eine angemessene Investitions- und Rechtssicherheit.
Übergangsbestimmungen:
Der Bundesrat beantragt der Bundesversammlung spätestens zwei Jahre nach Annahme des Artikels 104a durch Volk und Stände entsprechende Gesetzesbestimmungen.

Wie bitte, war das alles? Das tönt, sollte das Ansinnen dereinst angenommen werden, wie ein rhetorischer roter Teppich für die zuständigen Behörden, das ganze so unauffällig wie möglich in der Schublade verschwinden zu lassen. Punkt 1. wird nicht einen einzigen Importeur oder Baulöwen in irgendeiner Weise beeindrucken. Punkt 2. ist schon fast ein schlechter Witz, lanciert man doch eine Initiative, in der man geringen administrativen Aufwand fordert, die ohne Zweifel aber dazu prädestiniert ist, den administrativen Aufwand zu erhöhen.

Der Text sei “formell, rechtlich und administrativ präzis” rühmte SBV-Präsident Ritter bei der Präsentation. Reicht das um die Agrarbürokratie und das Parlament über Jahre zu beschäftigen, wenn man gleichzeitig postuliert, genau dort reduzieren zu wollen? Klar, der noch immer relativ frisch amtierende Obmann aus den Reihen der Christlichdemokraten kann sich jetzt einen gewonnenen Machtkampf gegen die SVP gutschreiben lassen, aber wenn sich durch den neuen Verfassungspassus irgendwas ändern sollte am Kulturlandschwund und der Importabhängigkeit der Schweiz, wäre ich schwer überrascht.

Kein Bauernhof weniger wird sterben, kein Kilo Pouletfleisch weniger wird eingeführt werden. Stattdessen verplämpert man Zeit, die dringend benötigt würde, um vor der nächsten Monster-Agrarpolitikrunde echte Visionen und zukunftsträchtige Wege (um eben zum Beispiel den Kulturlandverlust und Billigfleischimporte zu mindern) zu entwickeln. Der Ritter spielt hier Sandmännchen für die Mitglieder, hoffentlich lassen sich diese nicht einschläfern, sonst gibt es ein böses Erwachen. (Bild  Cheryl Kronberger/SBV/www.landwirtschaft.ch)

Grüssen über den Hag – zum Beispiel in Suberg

November 5, 2013

Über den Hag grüssen in Suberg Es wird ja langsam definitiv ganzabendlich finster und deshalb Zeit für einen Filmtipp. Ich empfehle “Zum Beispiel Suberg” von Simon Baumann, und zwar keineswegs nur weil er der Sohn von meinem geschätzten Bloggerkollegen Ruedi Baumann ist (dazu später mehr).

“Suberg” ist ein weiterer Streifen, der das alte Klischee des Schweizer-Film-Erlebnisses vergessen macht, das im wesentlichen daraus bestand, dass man mit fünf anderen im ansonsten leeren Saal sass und am Schluss lange nach dem Abspann mutterseelenallein darin erwachte.

Plakat SubergSuberg ist ein Kaff in der Berner Kornkammer, “475 Meter über Meer, 612 Einwohner. Ein Schulhaus, ein Bahnhof, ein Schulhaus, eine Beiz und eine Düngerfabrik. Ein mittleres Dorf im Schweizer Mittelland”, wie Baumann einleitend cool zusammenfasst. Er habe das Dorf 31 Jahre lang erfolgreich ignoriert. Dabei wären die Voraussetzungen für eine bessere Integration nicht schlecht gewesen: Die Grosseltern wichtige Stützen des Dorflebens, er Musikant und vielfach ehrenamtlich aktiver Landwirt, sie als gschaffige Bäuerin. Auch die nächste Generation blieb an der Scholle tätig. Nur entwickelten sich Simons Eltern Ruedi und Stephanie schnell zu rotgrünen Tüchern für die Mehrheits-Suberger, als Powercouple mit Doppelmandat im Nationalrat sorgten sie auch auf lokaler Ebene für nachhaltige Animositäten, wie Simon am eigenen Leib erfährt.

Dieser hat nämlich unterdessen beschlossen, Suberg im Selbstversuch zu erkunden, auf der Suche nach dem verlorenen Dorfleben. Längst hausen die Bewohner entfremdet voneinander hinter wohlgetrimmten Hecken. Während ihm die einen die Hand schütteln, jagen ihn die anderen abrupt zum Teufel. Unbeirrt stellt sich Baumann samt Bänkli und Sonnenschirm an die Bahnschranke, den letzten verbliebenen Treffpunkt, und verteilt den im Auto auf den Zug Wartenden Nussgipfel. So richtig warm wird aber niemand mit dem freundlichen Angebot. Integration erfährt der Suchende erst im Männerchor, wo man ihn nach anfänglichem misstrauischem Beschnuppern schlussendlich freudvoll als bei weitem jüngstes Mitglied und Nachwuchshoffnung aufnimmt.

Simon Baumann im KornfeldBaumanns Selbsterfahrungs-Experiment ist gewagt, er stellt sich prominent in den Mittelpunkt des Films und das könnte auch nerven. Tut es aber nicht, kein bisschen. Ich habe mich bestens unterhalten und gleichzeitig immer wieder gedacht, dass man diesen Streifen in ca 2000 anderen Schweizer Gemeinden drehen könnte. Zersiedelung, Motorisierung (inkl. Lädelisterben), Rationalisierung, Vereinzelung – Suberg ist überall. Im Gespräch wirken die meisten der redebereiten Suberger etwas verloren, man zieht sich zurück in die eigenen vier Einfamilienhüsli-Wände, wüsste auch gar nicht mehr wohin, wenn man jemanden treffen wollte, die letzte Beiz ist längst ein gestopfter Laden für mehrbessere auswärtige Gourmets.

Was das alles mit Landwirtschaft zu tun hat, werden Sie sich fragen, liebe LeserInnen. Sehr viel. Die rapide Aggloisierung der Dörfer geht immer einher mit einem Bauernsterben. Für mich zeigt dieser Film wieder einmal archetypisch, wie wichtig eine lebendige bäuerliche Gemeinschaft für ein Dorf ist. Sie ist nicht nur Stütze des Gesellschaftsleben sondern auch Garantin, dass im Dorf konsumiert und gelebt und eben nicht nur geschlafen wird. Nicht, dass es in Suberg keine Bauern mehr gäbe, ein paar sind noch geblieben, darunter auch Simons Bruder Kilian (die Eltern sind längst nach Frankreich ausgewandert, was man hier schön illustriert täglich mitverfolgen kann). Aber irgendwie sind sie selber an den Rand gedrängt worden, kämpfen um ihre knappen Margen und letztlich das Überleben, was nur wenig Zeit fürs Leben lässt. Filmstart ist am 28. November, nicht verpassen.


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