Archive for the ‘Gentechnologie’ Category

Was im Nestlé alles so ausgebrütet wird

Oktober 23, 2014

L1010109Letzte Woche habe ich wieder mal den “Blick” gelesen, und es hat sich gelohnt. Mehr jedenfalls als die Lektüre des Schwesterblatts, die ich mir unterdesssen als Pendler fast allabendlich zumute.

Das Interview mit Hans Jöhr, Head of Agriculture von Nestlé, enthält ein paar aufschlussreiche Aussagen, die zeigen, wie der Multi tickt, und das ist für die Bauern auch in der Schweiz nicht uninteressant.

Hier ein paar markige Worte des 59-jährigen Managers, der aus dem Bernbiet einst nach Brasilien auswanderte, um dort den Traum vom Farmen zu realisieren. Danach machte er den Dr. der Wirtschaftswissenschaften, gründete ein Beratungsbüro und wechselte schliesslich vor 14 Jahren zum Grosskunden der weltweiten Landwirtschaft. Dazu ein paar Kommentare.

Jöhr zur Landwirtschaft im Allgemeinen:
“Ich bin ein Bauersohn und war selber Bauer. So habe ich gelernt, wie viele Fehler man machen kann, wenn man nicht vorsichtig umgeht mit natürlichen Ressourcen wie Boden und Wasser. Wir haben teilweise grosse Fehler gemacht in der Vergangenheit. In vielen Ländern konnten wir aber eine Wende einleiten.”

Das sind bemerkenswert selbstkritische Bemerkungen, die man aus den Teppichetagen von Grossunternehmen selten hört. Allerdings gelingt es Jöhr dann mühelos, die übers Haupt gestreute Asche zu einem Lorbeerkranz zu formen.

Zur Korrektur der Fehler und zur Nachhaltigkeit als Exportschlager:
“Zusammen mit Fritz Häni, dem Vater von IP Suisse, habe ich Richtlinien für eine nachhaltige Landwirtschaft aufgebaut. Alle haben gesagt, das kostet zu viel und verlangten, dass wir einen Business Case entwickeln. Das haben wir dann getan. Wir haben Danone und Unilever ins Boot geholt und die Plattform für nachhaltige Landwirtschaft gegründet. Heute gehören über 60 der grössten Lebensmittelverarbeiter dazu. Das ist ein Exportschlager für die Schweizer Landwirtschaft. Wir haben die Nachhaltigkeit, die wir bei uns kennen in der ganzen Welt verbreitet.”

Ehrlich gesagt ist mir ein ziemliches Rätsel, wovon Jöhr hier spricht. Dieser Exportschlager ist mir noch nie begegnet und eine “Plattform für nachhaltige Landwirtschaft” mit dem geschilderten Hintergrund ist zumindestens im Internet nicht aktenkundig. Schade, dass der Blick-Mann hier nicht nachfragte.

Zu Fairtrade:
“Das ist nicht zwingend der richtige Weg. Man muss aufpassen, dass man nicht die Zertifizierer oder den Handel bezahlt, sondern dass das Geld wirklich zu den Bauern kommt.”

Gut gebrüllt, bäuerlicher Löwe, das sind wahre Worte aber würde in diese Aufzählung nicht auch Jöhrs Arbeitgeber gehören? Aber natürlich, wes Nescafé ich trink…

…und weiter auf die Frage, ob das bei Fairtrade nicht der Fall sei:
“Leider nicht unbedingt. Man kann sogar Armut zertifizieren mit solchen Labels.”

Zu den eigenen Handelsbedingungen für die Bauern:
“Letztes Jahr haben wir mit über 300’000 Bauern Ausbildungen gemacht. Das ist kein karitativer Beitrag, sondern wir befähigen die Bauern, bessere Qualität zu liefern. (…) Unter Umständen zahlen wir 30 oder 40 Prozent höhere Preise als der Markt.”

Das gilt allerdings nur für das eine Prozent Nespresso-Kapselkaffeeproduzenten, wie Jöhr etwas weiter unten einräumt. Gerade hier aber ist die Verarbeitermarge derart astronomisch, dass die Differenz zwischen Ladenverkaufspreis und Produzentenpreis etwa 6 mal grösser ist als beim durchschnittlichen konventionellen Kaffeehandel, ungeachtet der 30 bis 40 Prozent Zuschlag, die Jöhr erwähnt.
Zur Illustration die grobe Rechnung:
Nespresso: Füllmenge 5 Gramm pro Kapsel, Kapselpreis 50 Rappen -> Kilopreis Fr. 100.- , Produzentenpreis Fr. 5.60 (Weltmarktpreis von Fr. 4.-/kg plus 40% Zuschlag)). Differenz zum Produzentenpreis: Fr. 94.40.
Konventioneller Kaffee: Kilopreis Fr. 19.- (Migros, gehobenes Sortiment Caruso), Differenz zum Produzentenpreis: Fr. 15.-.
Soviel zum Thema Fairtrade bei Nestlé.

Jöhr zum Thema Gentech:
“Es kann ein Werkzeug sein. Wir gehen differenziert vor. Eine Technologie kann Vor- und Nachteile haben. Persönlich habe ich das Gefühl, dass Gentechnologie bereits überholt ist. Sowohl in der Pflanzenzucht wie bei der Tierzucht gibt es heute Methoden mit denen man den Bauern besser helfen kann.”

Das sich Jöhr derart klar distanziert von grüner Gentechnologie ist sehr interessant. Für mich ein klares Indiz, dass die Kosten-/Nutzenrechnung für ein Grossunternehmen mit GVO-Ware nicht aufgeht. Möglicherweise ist diese Aussage einer der Gründe, wieso das Interview sehr schnell wieder runtergenommen wurde bei Blick. Ich habe mich via Twitter beim Boulevardblatt nach der Ursache erkundigt, habe aber nie eine Antwort erhalten:

Schliesslich Jöhr zur biologischen Landwirtschaft:
“Bio kann für die Bauern eine gute Lösung sein, wenn die Konsumenten willens sind, die höheren Preise zu zahlen. In der Schweiz ist das der Fall. Man kann nicht ein Rezept aus der Schweiz oder aus Westeuropa auf die ganze Welt anwenden und sagen, es müsse alles Bio werden. Die biologische Landwirtschaft braucht mehr Ressourcen. Zudem ist sie sehr wissensintensiv, in Ländern mit vielen Analphabeten funktioniert sie nicht.”

Da muss ich nicht nur berufeshalber widersprechen, erstens sagt niemand, es müsse alles Bio werden (mit 50 Prozent wären wir schon recht zufrieden…), zweitens braucht die biologische Landwirtschaft zwar pro Ertrag mehr Ressourcen, geht aber mit diesen so schonend um, dass sie verwendbar bleiben und drittens funktioniert sie bestens mit Analphabeten, wie zahlreiche Produzenten und Projekte in Entwicklungsländern täglich beweisen. Die Aussage von Jöhr zeigt, dass Multis wie Nestlé Anbauvorschriften, die sie nicht selber diktieren, ein Dorn im Auge sind, da sie mit einem gewissen Kontrollverlust über die Bauern einhergehen. Das soll wiederum nicht heissen, dass sie es grundsätzlich schlecht meinen mit den Produzenten, denn die Firma ist auf das bäuerliche Knowhow (auch von Analphabeten) angewiesen, um die Rohstoffversorgung zu sichern, ohne Kaffeeproduzenten nützt die schönste Reklame mit Bräutigam Clooney nichts.

 

Feuerbrandresistenz: Eine Gala für GVO?

März 17, 2014

Feuerbrand lidGrüne Gentechnologie hat auch schon schlechter ausgesehen: Letzte Woche hat die ETH Zürich gemeinsam mit dem deutschen Julius-Kühn-Institut eine Erfolgsmeldung verbreitet: Einem Team um den Forscher Cesare Gessler sei es gelungen, Gala, dem Darling der ApfelesserInnen, ein Gen einzupflanzen, das diesen resistent macht gegen den Feuerbrand, eine gefürchtete Bakterienkrankheit im Kernobstbau.

In einer Mitteilung erklärt die ETH, das Team habe mit Cis-Gentechnik gearbeitet und der Gala ein Gen eines Wildapfels eingepflanzt. Die Trans-Gentechnik dagegen arbeitet mit artfremden Genen, ein Beispiel dafür ist BT-Mais, hier wurde der Pflanze das Gen eines Bazillus einverleibt. Das eine Cis-Gen reiche aus, so heisst es in der Mitteilung der ETH, um den Apfelbaum vor dem Feuerbrand zu schützen. Mit derselben Methode war es demselben Team vor einigen Jahren gelungen, Gala eine Schorfresistenz einzubauen.

Gessler_CesareGessler ist einer der Hoffnungsträger der GVO-Promotoren. Nicht nur weil er als jovialer Wollpullover- und Bartträger so gar nicht ins Feindbild der GVO-Kritiker passen will, sondern auch, weil seine Forschung bis in die Biobranche hinein als positives Andwendungsbeispiel für die ansonsten verpönte grüne Gentechnik gilt. Das ist nicht mal falsch: Die Technologie hilft Gessler und seinen Leuten, Zeit zu sparen. Mit Cis-Gentechnik bleibt ihm die mühselige und langwierige Einkreuzung des Wildapfels in die Gala erspart. Da keine artfremden Gene eingekreuzt werden wird man auch kaum von Frankensteinfood sprechen wollen, wie das Gentechnkritiker oft und gerne tun.

Trotzdem ist es ein bisschen verfrüht, jetzt den virtuellen Hut vor Gesslers Werk zu ziehen und sich vor dem Wunder der Gentechnik zu verneigen. Gessler relativiert in der ETH-Mitteilung gleich selbst: Die Stimmung in der Schweiz sei zu gentechkritisch, um an einen Anbau überhaupt zu denken, meint er mit Blick auf das nach wie vor geltende Anbaumoratorium in der Schweiz sinngemäss. Das ist aber nicht das einzige Problem. Auch sein Produkt ist noch weit entfernt von Praxisreife: Die Resistenz funktionierte zwar im Treibhaus, was aber noch lange nicht heisst, dass das auch im Feld der Fall sein wird. Zudem warnt er gleich selber vor einem Resistenzdurchbruch. Mit nur einem einzigen Resistenzgen ist ein solcher in der Tat wahrscheinlich, weitere Resistenzgene sollen deshalb folgen, man darf gespannt sein, ob dies der Agroscope gelingen wird, die Gesslers Werk nach dessen Pensionierung fortsetzen will.

Im weiteren besteht keinerlei Grund, aufgrund von Gesslers Arbeit, die Kritik an der vorherrschenden Anwendung von grüner Gentechnik zu mildern. Konservativ geschätzte 95 Prozent des Marktes werden von einer Handvoll Saatgut- und Pesitzidmultis beherrscht, welche mit herbizid- und insektenresistenten Pflanzen als Hebel die Märkte monopolisieren. Und das ist das deutlich grössere Problem als mögliche Auskreuzungen. Darüber darf man sich auch durch Gesslers Feigen- oder besser Apfelblaumblatt nicht hinwegtäuschen lassen. (Bild LID/Sebastian Stabinger)

“Glyphosat macht Baby tot.” Ja, das darf man

November 1, 2013

Glyphosat-BabyNach den Ferkeln kürzlich nochmal kurz nach Deutschland: Auch die bäuerliche Szene kann Shitstorm. Seit etwa zwei Tagen tobt auf Twitter und Youtube, in Zeitungen und auf Lobbyportalen agrarische Empörung.  Auslöser ist ein Video des deutschen Bundes für Umwelt und Naturschutz (kurz Bund). Mit diesem Filmchen (oben ein Still unten das Video) illustriert die NGO eine neue Kampagne unter dem Titel “Pestizide. Hergestellt um zu töten“. Im Visier hat Bund dabei primär Glyphosat (besser bekannt unter dem Monsanto-Markennamen Roundup).  Mit der Kampagne will der Bund erreichen, dass der Einsatz von Glyphosat in Hausgärten und die sogenannte Sikkation auf Bundesebene verboten werden. Dabei handelt es sich um die Behandlung von Kulturen kurz vor der Ernte, um so die Abreife zu beschleunigen.

Das Video ist keine Minute lang und zeigt kurz zusammengefasst, wie halb in der Erde eingegrabene Babys zuerst fröhlich mit Dreck und Stecklein spielen, nur um kurz darauf nach drohendem Grollen von einem Sprühflugzeug überflogen und eingenebelt zu werden. Dann der Titel der Kampagne: Pestizide. Hergestellt um zu töten.

Ist das geschmacklos? Ja, indirekt wirft der Bund den Bauern vor, mit ihren Praktiken Babys zu töten. Das ist ein ziemlich starkes Stück, ist doch bis heute ein fundierter Beweis noch ausstehend, dass Glyphosat effektiv Embryonen schädigt. Soweit ich im Bild bin, setzt die Mehrheit der Landwirte Pestizide so ein, dass sie damit weder sich selber noch die Umwelt schädigen, oder sie streben dies zumindest an. Zudem darf man dem Bund und den pestizidkritischen Konsumenten getrost unter die Nase reiben, dass eine Lebensmittelproduktion ohne Pestizide teurer ist. Und dass trotz dem Vorhandensein der Alternative, nämlich Bio, nur eine mickrige Minderheit bereit ist, mehr zu zahlen, um die eigenen Babys zu schützen. Erwähnen muss man in diesem Zusammenhang auch, dass selbst in Bio-Kreisen umstritten ist, ob es möglich wäre, die Welt mit Bio alleine zu ernähren.

Darf man trotzdem eine solche Kampagne machen? Ja, klar. Solange es der Industrie erlaubt ist, mit verharmlosender Propaganda so zu tun, als ob der Profit das nebensächlichste der Welt wäre (wie zum Beispiel hier) und als ob sie stattdessen prioritär die Welt retten und umfassend ernähren möchte, wird es auch einer NGO noch erlaubt sein, polemische PR zu betreiben. Ganz argumentenfrei steht der Bund nämlich keineswegs da, (obwohl man natürlich der Gerechtigkeit halber erwähnen muss, dass auch der Bund Geld verdienen muss, um seine Geschäftsstelle und Kampagnen zu finanzieren). Eine kürzliche Untersuchung des Verbands hat gezeigt, dass 70 Prozent der Urinproben von Konsumenten aus 18 europäischen Städten Glyphosat enthalten. Zudem gibt es zweifelsfrei Probleme mit dem massierten Einsatz des Produkts, vor allem in den Weltgegenden, wo es flächendeckend zum Einsatz kommt, zum Beispiel in Argentinien, wo sich ganze Dörfer im Protest gegen die rücksichtslose Applikation von Glyphosat aus der Luft wehren. Die Pueblos Fumigados (gespritzte Dörfer) sind zu einer kraftvollen Bewegung geworden, die auf dem besten Weg sind, Erfolge zu erringen, zum Beispiel grössere Sicherheitsabstände zwischen bewohnten Gegenden und gespritztem Kulturland. Diese Terraingewinne wurden nur möglich wegen offensichtlicher Zunahme von Gesundheitsschädigungen, zum Beispiel diverse Krebstypen und Fehlgeburten. Daran sind auch wir hier mitbeteiligt, gehört Europa doch zu den grossen Abnehmern lateinamerikanischer Soja.

Also, liebe empörte Bauern und Industrievertreter, nach Abebben der grössten Aufregung empfehle ich, die Energie für die Verminderung und die Verbesserung des Pestizideinsatzes sowie für den Ersatz der Importsoja durch einheimische Eiweissträger einzusetzen (gilt übrigens für die Schweizer Branche genauso). Das Video des Bund wird Euch vorkommen wie ein mildes Herbst-Lüftchen gegenüber dem Orkan, der sich erheben wird, sobald die erste Missbildung eines Embryos durch Glyphosat wissenschaftlich belegt ist.

CMS und andere dynamische Fragen für Bio

Oktober 13, 2013

BabybreiVor Wochenfrist ist wieder einmal ein kleinerer Landwirtschaftsskandal ausgebrochen. Er betraf diesmal die Bioszene, der ich ja seit einiger Zeit nun auch angehöre. Die ZDF-Sendung Wiso, eine Art deutscher “Kassensturz” hat aufgedeckt, dass im Bio-Babybrei von Demeter und Hipp Broccoli aus CMS-Züchtung verwendet wurden.

Diese Cytoplasmatische Männliche Sterilität ist ein natürlich vorkommendes Phänomen, das Züchtern und Produzenten hilft, Aussehen und Gleichförmigkeit von Gemüse zu verbessern. Nur wenige Pflanzen wie zum Beispiel die Sonnenblume haben diese Gabe von der Natur erhalten. Einigen anderen wird nachgeholfen, vor allem Kohlgewächse. Bei der Zucht wird nur an der Zelle, nicht aber im Kern manipuliert. Deshalb ist CMS ein Gentech-Grenzgängerin. Die Bioverordnungen in der EU lassen sie trotz Gentech-Verbot zu. Gewisse Produzenten-Verbände haben CMS aber verboten, darunter auch Demeter weltweit, (was die Funde im Brei erst zum Aufreger werden liess), während etwa Bio Suisse die Technologie zulässt.

Dort begründet man die Haltung mit der mangelnden Verfügbarkeit von CMS-freiem Saat-und Setzgut. Dieses Problem scheinen trotz Verbot auch die Demeter-Produzenten zu haben, wie das Exempel zeigt. Deshalb könnte man die Wiso-Recherche vermutlich mit ähnlichen Resultaten in der Schweiz durchführen, hoffen wir, dass niemand auf die Idee kommt.

Wobei, vielleicht wäre das gar kein so grosses Drama. Denn der Biolandbau muss sich mit Verfahren wie CMS intensiv auseinandersetzen. Er muss sich stetig modernisieren, um seinen hoffentlich steigenden Anteil an der Ernährung der steigenden Weltbevölkerung zu leisten, da gehe ich mit meinem Chef einig. Heute ist es so, dass Biobetriebe in vielen Bereichen auf dieselbe Faktorinputs angewiesen sind, wie ihre konventionellen Pendants. In den grossen Gemüsegärten wachsen die gleichen Sorten, auf den Weiden grasen die gleichen Rassen und bei der Verarbeitung werden die gleichen Methoden verwendet; man denke etwa an die UHT-Milch, deren Einführung zu einigem Aufruhr sorgte und namentlich bei vielen Bio-Pionieren die Milch sauer werden liess.

Dass es für kompetitive Biobetriebe keine Alternative zu konventionellen Inputs gibt hat einerseits damit zu tun, dass der Biokuchen noch zu klein ist, um seine eigenen Zutaten zu produzieren, so dass sie zu vernünftigen Preisen Praxisreife erlangen. Von den weltweit eingesetzten Forschungsgeldern geht nur ein Miniatur-Tränchchen in diejenige für besonders nachhaltige oder umweltschonende Methoden, es sei denn dort, wo sich eines der Agrochemie-Grossunternehmen einen saftigen Gewinn verspricht, was dann allerdings gleich wieder die Nachhaltigkeit in Frage stellt.

Andererseits ist der Anteil an Konsumenten, die Bioware so konsumieren, wie sie die Pioniere am liebsten liefern würden (Rohmilch, Fleisch vom Suppenhuhn, Gemüse ohne schönes Exterieur aber chüschtig), sehr beschränkt. Wohl oder übel muss Bio die ästhetischen Ansprüche des konventionellen Marktes erfüllen, um das Kundensegment auszubauen.

Ich will jetzt hier nicht den bedingungslos Technikgläubigen markieren. Meine Skepsis gegen Gentechnologie ist gross und ich finde es begrüssenswert, wenn Demeter als “verschärftes” Biolabel für noch bewusstere Konsumenten grenzwertige Verfahren ausschliesst. CMS zeigt aber auf, dass das ganze eine Gratwanderung ist. Man sollte den Kopf nur zum Fenster rausstrecken, wenn man garantiert auf der sicheren Seite ist, sonst ist der drohende Imageschaden grösser, als der Gewinn, der durch ein Verbot einer Technologie resultiert, für die noch keine ausreichenden Bio-Alternativen bestehen. Ihr Vorhandensein alleine reicht nicht, sie müssen auch flächendeckend angewandt werden.

Syngentas grünes Mäntelchen und was drunter ist

September 21, 2013


Diese Woche hat Syngenta ihren “Good Growth Plan” vorgestellt. Der Papier liest sich wunderbar und im Video mit viel schönem Bildmaterial und Verbalpathos von Seiten des CEO Mike Mack, wird das reich dekorierte grüne Mäntelchen auch optisch leicht tragbar präsentiert (siehe Video oben). Hier die sechs Punkte des Plans:

  1. Nutzpflanzen effizienter machen: Die durchschnittliche Produktivität der weltweit wichtigsten Nutzpflanzen um 20 Prozent steigern, ohne mehr Ackerland, Wasser oder andere Ressourcen einzusetzen
  2. Mehr Ackerland bewahren: Die Fruchtbarkeit von 10 Millionen Hektar degradiertem Ackerland verbessern
  3. Biodiversität fördern: Die Artenvielfalt auf 5 Millionen Hektar Ackerland erhöhen
  4. Kleinbauern Hilfe zur Selbsthilfe bieten: 20 Millionen Kleinbauern erreichen und sie befähigen, ihre Produktivität um 50 Prozent zu steigern
  5. Gute Arbeitsschutzpraktiken vermitteln: 20 Millionen Feldarbeiter in Arbeitssicherheit schulen, insbesondere in den Entwicklungsländern
  6. Engagement für jeden Arbeiter: Auf faire Arbeitsbedingungen im gesamten Netzwerk unserer Lieferkette hinarbeiten

Ich bin immer skeptisch, wenn die Saatgut- und Pestizidmultis plötzlich ihre umwelt- und menschenfreundliche Ader entdecken. Aber überlassen wir das Wort doch noch einmal Mike Mack. Im untenstehenden Video kommentiert er während einer guten Viertelstunde das Jahresergebnis 2012. In dieser Zeit hört man nichts vom oben erwähnten Feuerwerk der Nachhaltigkeit. Hier geht es um Dividend, Balance Sheet, Market Shares, Aquisitions, Price Opportunities, Strategic Crops, und vor allem Percent, Percent, Percent und davor natürlich immer ein Plus.

Das ist nicht erstaunlich, ist doch das Schicksal des Managers primär abhängig vom Jahresergebnis und vom erwirtschafteten Shareholdervalue. Die Bauern und Landarbeiter als wichtigste Stakeholder, die man ja angeblich stärken will, sind für Syngenta, wenn man Mack zuhört, nur als Umsatzgeneratoren interessant, und das heisst dann, wenn sie eingebunden sind in die integrierten Systeme (ein anderer wichtiger Terminus aus dem unteren Video) von Syngenta. Von den Problemen, die der Monokulturanbau der strategischen Pflanzen zur Folge hat, zum Beispiel Erosion oder Superunkräuter, die gegen die Pestizidresistenz erwachsen, hört man von Mack nichts. 

Man verstehe mich nicht falsch. Ich weiss, dass Syngenta keine karitative Organisation ist. Man will Geld verdienen – das ist zurecht nicht verboten -, aber letztlich spielt es keine Rolle, was die Flurschäden sind, solange es das Unternehmen direkt oder indirekt nichts kostet. Dafür ist neben der Strategie auch das Image entscheidend. Mein Fazit nach Konsum der kommunizierten Inhalte und der beiden Videos: Dessen Politur ist das einzige Ansinnen hinter dem “Good Growth Plan”. Das ist mager. Ich würde gerne Taten zugunsten der Nachhaltigkeit sehen, die ihre Spuren im Jahresergebnis hinterlassen, das würde die Glaubwürdigkeit des Plans massiv erhöhen. 

Agrentina (5 & Schluss): Treibstoff SoJa, aber…

September 8, 2013

Soja-Biodieselanlage bei RosarioDas mit Sicherheit meistkommunizierte Wort während des nun schon wieder der Geschichte angehörenden IFAJ-Kongresses in Argentinien war Soja. Die Leguminose ist für die argentinische Wirtschaft zum Treibstoff geworden, und dies nicht nur im übertragenen Sinn. Argentinien produziert 60 Prozent des weltweit aus Soja hergestellten Biodiesels.

In diesen Kanal fliesst aber nur ein geringer Teil der Produktion, die in den letzten zwanzig Jahren um 400 Prozent auf eine Fläche von 20 Millionen Hektaren ausgedehnt wurde. Das sind 200 000 Quadratkilometer, die fünffache Fläche der Schweiz. Selbst argentinische Soja-Lobbyisten, von denen wir in den vier Kongresstagen mindestens ein halbes Dutzend trafen, sprechen von einer Abhängigkeit. Diese Abhängigkeit hat verschiedene Dimensionen: agronomische, wirtschaftliche, staatspolitische und soziale.

Die Landwirtschaft in den klimatisch und bodentechnisch besten Gebieten in der feuchten Pampa ist in den letzten knapp zwei Jahrzehnten vollständig auf die Sojabohne ausgerichtet worden. Der Boom basiert auf der etwa gleich alten GVO-Kombination von Sojasaatgut mit einer Herbizidresistenz für Glyphosat, das unter dem Monsanto-Markenname Roundup Berühmtheit erlangte. Dank dieser Wunderwaffe war es möglich mit bodenschonender pflugloser Bearbeitung den Unkrautdruck im Griff zu behalten und in Monokultur voll auf Soja zu setzen. Das hat dazu geführt, das nicht nur die Viehhaltung, sondern auch der arbeitsintensivere Mais- und Weizenanbau teilweise verdrängt wurden (siehe dazu den letzten Blogbeitrag und die ausgezeichnete Zusammenfassung von David Eppenberger auf der Homepage der Schweizer Agrarjournalisten).

Wie ich im letzten Beitrag ebenfalls bereits beschrieben habe, will auch der marode Staat am Boom teilhaben. Die 35 Prozent Exportsteuer sind Ausdruck dieses Begehrens. Dadurch macht er sich seinerseits abhängig von der Soja, die unterdessen zum wichtigsten Exportgut des Landes geworden ist. Sollte das Geschäft eines Tages zusammenbrechen, aus welchen Gründen auch immer, beschert ihm das Verdienstausfälle von gigantischer Dimension, die sich so leicht aus anderen Quellen nicht kompensieren lassen werden.

Gewerkschaftsführer und Parlamentarier in spe: "Momo" Venegas Schliesslich hat der Sojaanbau zu einer Verschiebung im Sozialgefüge des Landes geführt. Wie uns der Gewerkschaftsführer der Landarbeiter, Geronimo “Momo” Venegas (Bild rechts) anlässlich des Kongresses erklärte, haben Tausende von Landarbeitern durch die Verschiebungen ihre Arbeit verloren. Allein in der Gegend von San Pedro, wo wir uns versammelt hatten, seien 8000 von 10000 Hektaren mit Fruchtbäumen verschwunden. Auf unsere Frage, ob er damit die Sojaindustrie kritisiere, verneinte er dann hingegen vehement. Offenbar gibt es in der argentinischen Landwirtschaft so etwas wie eine Omerta in Sachen Kritik am Sojasektor, weil alle irgendwie abhängig sind von diesem Segen. Venegas seinerseits möchte im Oktober gerne ins Parlament gewählt werden (Werbespruch “Pura Sangre Peronista”, “pures Peronistenblut”) und ist dabei wohl dringend auf alle Stimmen aus der Landwirtschaft angewiesen.

Die sozialen Auswirkungen des Sojaanbaus sieht man übrigens exemplarisch an den Stadträndern (siehe Bild unten aus Rosario), wo joblose Landarbeiter in prekären Behausungen siedeln und versuchen, sich das Leben im urbanen Millieu zu verdienen.

Faktisch ist der mit Abstand wichtigste Sektor von Argentiniens Landwirtschaft also komplett abhängig von der Glyphosat-Resistenz der GVO-Soja. Sollte dieser auf breiter Basis durchbrochen werden, wird’s prekär. Ich fragte einen der euphorischen Soja-Promotoren am Kongress, ob diese Strategie nicht enorme Risiken für das Land berge. Er verneinte und sprach stattdessen von den nächsten GVO-Sorten, die neben der Herbizidresistenz auch ernährungsphysiologischen Segen bringen würden, etwa Omega-3-Fettsäuren und ähnliches. Womit das Problem allerdings nicht gelöst würde.

Ich will hier nicht einfach den Teufel an die Wand malen. Man soll hier auch einmal erwähnen, dass Argentinien mit 40 Millionen Menschen Nahrungsmittel für 400 Millionen Menschen produziert, das ist eine beachtliche Leistung und man will weiter steigern auf 600 Millionen. Aber es ist eine Hochrisikostrategie, die das Land dabei fährt. Ich wünsche Glück, Suerte! wie uns alle zum Abschied zuriefen. Denn die Argentinier, die uns begegneten sind zwar etwas sorglose aber sehr begeisterungsfähige, hilfreiche und freundliche Menschen und ich hoffe, das ist hier auch ein bisschen zum Ausdruck gekommen. Hasta luego. (Bild oben David Eppenberger)
Am Stadtrand von Rosario

Agrentina (3): CFK, die Meistgehasste

September 3, 2013

Christina Fernandez de KirchnerSeit ein paar Tagen fahre ich durch Argentinien, und wenn es eine Konstante gibt im Gespräch mit den Bauern, dann ist es der omnipräsente Hass auf die Praesidentin Cristina Fernandez de Kirchner, die sich in Anlehnung an den ehemaligen amerikanischen Präsidenten gerne CFK nennen laesst.

Was steckt dahinter? Die Ursachen liegen gut 10 Jahre zurück: Ihr Ehemann Nestor, in dessen Fussstapfen Cristina 2007 in quasi dynastischer aber demokratisch bestaetigter Erbfolge trat, machte die Landwirtschaft 2002 zur Milchkuh: Nach einer dramatischen Wirtschaftskrise führte Argentinien zum wiederholten Male eine massive Abwertung der Landeswährung Peso durch. Die Leitwährung, der US-Dollar war neu nicht mehr gleich stark, sondern viermal so viel wert wie der einheimische Peso.

Dadurch erlebten die Cashcrops – mit Abstand am wichtigsten ist die Soja – einen Boom, weil deren Export durch die Abwertung massiv erleichtert wurde. Von dieser Hausse wollte sich der Staat eine Scheibe abschneiden und führte happige Exportsteuern ein, die sich bis heute gehalten haben. Die Soja beispielsweise wird bei der Ausfuhr mit nicht weniger als 35 Prozent besteuert, fuer Rindfleisch wiederum betraegt der Tarif meinen Angaben zufolge gut 20 Prozent (PS. Falsche Angabe, es sind 15 Prozent für Frischfleisch und 5 Prozent für Konserven). CFK versuchte 2008 eine weitere Erhöhung einzuführen, scheiterte aber an den empörten Protesten der Bauern und letztlich im Parlament.

Mit dem tarifären Aktivismus wollte die Regierung mit Hilfe der boomenden Agrarindustrie einen Teil der aufgrund der Wirtschaftskrise(n) stark gestiegenen Sozialkosten finanzieren und gleichzeitig die Inlandversorgung sichern. Letztlich lief diese Politik aber ins Leere und führte namentlich im Rindfleischsektor dazu, dass argentinische Investoren neu in Paraguay und Uruguay die besseren Marktbedingungen ausnützen, was mit dazu geführt hat, dass Argentinien in der Rangliste der Rindfleischexporteure stark verloren hat und dass, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, heute Weizen eingeführt werden muss, da die Bauern die Kultur aufgrund der Exportsteuern meiden.

Was mich erstaunt, ist, dass sich die Bauern politisch gegen die eher absurd anmutenden Regulierungen nicht besser wehren (können). Ich war vor meinem Besuch davon ausgegangen, dass der Agrarsektor aufgrund seiner Bedeutung für die nationale Wirtschaft der Regierung die Traktandenliste diktieren wuerde. Dem ist aber nicht so. Wie mir ein Agrarfunktionär heute abend sagte, ist der politischer Lobbyismus der Landwirte tradidtionell schwach. Sie hätten sich nie um die Politik gekümmert, erklärte er. Das ist auch eine Spätfolge der Militärdiktatur, eine Phase, in der man am besten fuhr, wenn man die Faust, wenn überhaupt, am besten nur im Sack machte. Das rächt sich nun. Mir kam mein altes Lieblingssprichwort in den Sinn: Die Hunde – in diesem Fall die Bauern – bellen, die Karawane – hier CFK und ihre Equipe – zieht weiter. Zumindest bis 2015, wenn die nächsten Präsidentschaftswahlen anstehen. (Bild abc.com)

Agrentina (2): “Ein grosser Fan von Glyphosat”

September 1, 2013

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Eduardo Brivio ist Landwirt und “ein grosser Anhänger von Glyphosat”, wie uns der 58-jährige beim gestrigen Besuch in Tandil mit entwaffnender Offenheit mitteilte.

Glyphosat ist der Wirkstoff im Totalherbizid, das unter dem Namen Roundup weltweite Bekanntheit errungen hat. Noch berühmter ist die Resistenz gegen die Substanz, welche der Hersteller Monsanto in Soja und andere Pflanzen eingebaut hat. Diese bewirkt, dass die Sojafelder in jedem Stadium mit Glyphosat gespritzt werden können, wlches dann sämtliches Unkraut vernichtet, nicht aber die Soja.

Die Technologie ist das Flaggschiff der grünen Gentechnologie und als solches in Europa höchst umstriitten, in Argentinien aber mittlerweile flächendeckend im Einsatz: rund 99% der stark gewachsenen konventionellen Sojaproduktion sind hier heute “Roundup-ready”.

Zu den wie erwähnt begeisterten Anwendern gehört auch Eduardo. Für ihn ist Glyphosat ein Fortschritt und die GVO-Technologie ein Segen. Dasselbe gilt für ihn für andere moderne Pflanzenschutzmittel, die in homöopathischen Dosen von wenigen Gramm pro Hektar flächendeckende Wirkung erzielen. Aber auch alte problematische Chemiekeulen wie Atrazin, Paraquat und 2,4-D (einem alten Verwandten des Entlaubungsmittels Agent Orange) setzt Eduardo recht bedenkenlos ein. “Ich bin jetzt 58 und lebe immer noch”, sagt er, um unsere Bedenken vom Tisch zu wischen.

Ich kann das nicht verstehen, aber verurteilen will ich diesen offenen Gesprächspartner, der uns stolz das Giftlager und arglos sene Kanistersammlung zeigt auch nicht. Eduardo steht stellvertretend für eine ganze Generation von Landwirten, nicht nur in Argentinien. Man hat ihnen seit früher Jugend eingetrichtert, dass die natürliche Umgebung der Kulturen eine feindliche ist, deren Angriffe es chemisch zu parieren gilt.

Dabei entwickelt sich eine Art Wettrüsten: Die Natur steckt die Schläge ein und entwickelt Gegenstrategien in Form von Resistenzen sowie neuen Krankheiten und Schädlingen. Längst gibt es gegen Roundup resistente Superunkräuter. Die Industrie tüftelt an neuen Waffen und die Bauern stehen wie Soldaten bereit, um diese einzusetzen. Sie sind in eine Abhängigkeit geraten, aus der sich nur schwierig entrinnen lässt. Früher oder später werden sie vermutlich erkennen müssen, dass der Kampf gegen die Natur nicht zu gewinnen ist und auf eine Kollaborationsstrategie umschwenken. Eduardo wird diesen Schritt kaum noch vollziehen, ich hoffe auf die nächste Generation.20130901-015057.jpg

Agrentina (1): 3 sehr verschiedene Quereinsteiger

August 30, 2013

Damian ColucciArgentina, was für ein magisches Versprechen, was die Landwirtschaft angeht. Aber auch viele Negativschlagzeilen in letzter Zeit: Eine Invasion von Agrochemie-getriebenem Sojaanbau, eine Präsidentin, die mit üblen Exportsteuern die einheimischen Produzenten ruiniert sowie Fleischkonsumenten, die ihre karnivoren Qualitäten vernachlässigen und immer weniger Rindfleisch essen.

Höchste Zeit also für einen Augenschein. Der nächste Woche stattfindende Kongress des Internationalen Agrarjournalistenverbands IFAJ (mehr folgt) war mehr als ein guter Grund, die weite Reise unter die Flügel zu nehmen. Ich bin einige Tage vorher aufgebrochen, um mit meinem alten Agrarjournalisten-Kumpel David Eppenberger und Romano Paganini, einem jungen, nach Argentinien ausgewanderten Schweizer ein paar Betriebe zu besichtigen. Nach zwei Tagen in der Pampa ist mir aufgefallen, dass fast alle, die wir besucht haben ausserlandwirtschaftliche Quereinsteiger waren.

Das hat auch damit zu tun, dass man Landwirtschaft in Argentinien on the Job lernt. Die Landwirtschaftsschulen sind für Agronomen vorgesehen, aber eine Lehre in unserem Sinne existiert nicht. Zudem ist die Landwirtschaft hier ein Eldorado für Anhänger des freien Markts. Auf die Frage, ob sie der Staat in irgendeiner Weise unterstütze, pflegten die Bauern in bitteres Gelächter auszubrechen. Das Gegenteil sei der Fall, hiess es übereinstimmend. Die schmalen Gewinne an der Scholle würden systematisch abgeschöpft, um der klammen Bürokratie zugeführt zu werden. Die Bauern reagieren unterschiedlich auf diese Situation.

Damian am Säen mit sechs PferdenDamian Colucci (Bild ganz oben) ist 33 und lebt gemeinsam mit seiner Frau Mariana den Prinzipien von Masanobu Fukuoka nach. Der 2008 verstorbene japanische Permakultur-Vorreiter war seinerseits Quereinsteiger und wurde nach seiner Tätigkeit als Mikrobiologe zum Bewirtschafter. Kurz zusammengefasst propagierte er eine Landwirtschaft der Gelassenheit. Möglichst wenig Intervention, Pflanzen und Tiere dazu ertüchtigen, dass sie auch ohne Agrochemikalien gut gedeihen, innerbetriebliche Ernährungssouveränität und ein minimaler Maschinenpark. Er sät seine rund 70 Hektaren Acker mit Pferdegespannen (siehe Bild links, maximale Tagesleistung 5-6 Hektaren, Pflug maximal 1 ha pro Tag). Der Stadtbub Damian ist in Buenos Aires aufgewachsen, pilgerte als junger Mann zu Fukuoka und konnte dank finanzieller Unterstützung durch den Vater vor 12 Jahren in die Landwirtschaft einsteigen. Neben den Tieren aus seiner Weidemast verkauft er Mehl aus der eigenen Mühle, Eier und ab und zu andere Produkte.

Edit und Pedro AlemanGanz anders arbeiten Edit und José Aleman (Bild Mitte), die südlich von Mar del Plata in der Pampa humeda (feuchte Pampa) Gemüse anbauen. Sie versorgen mit ihrem Gemüse die Grossmärkte in Buenos Aires und Mar del Plata. Vor 30 Jahren sind sie als praktisch mittellose Einwanderer aus Tarija in Bolivien nach Argentinien gekommen, heute bewirtschaften sie einen DSC03887intensiven Gemüsebetrieb von 30 Hektaren Grösse und haben sich dank ihrer Tüchtigkeit laut ihrem Nachbarn Mario, dem lokalen Gemüsebauberater ein stattliches Vermögen erarbeitet. Die Alemans stehen für ein interessantes Phänomen. In der Region Mar del Plata beherrschen Bolivianer mittlerweile einen Grossteil des Gemüsegeschäfts. In Tellerwäscher-, beziehungsweise Salatschneiderkarrieren haben sie sich von Landarbeitern zu Besitzern hochgearbeitet und in dieser Funktion die vorher marktbeherrschenden Italiener abgelöst.

Noch einmal ganz anders ist das Profil von Pablo, der uns seinen Familiennamen nicht mitgeteilt hat. Er nennt 10 Hektaren Land sein eigen und ist nicht ein eigentlicher Bewirtschafter sondern ein Dienstleister für die Bauern. Er hat Platz für 3000 Stück Vieh, besitzt aber kein einziges. Landwirte in der Umgebung liefern ihm gut 200 Kilo schwere Tiere, die er auf 320 bis maximal 350 Kilo aufmästet, bevor die Tiere dann in eines der Schlachthäuser der Region gebracht werden. Für seine Dienste lässt er sich mit 3 Peso pro Kilogramm Zuwachs abgelten, das sind rund 20 Prozent des Preises, den die Bauern pro Kilo Lebendgewicht im Schlachthof erhalten. Als Zahlung nimmt er auch Mais und Getreide von den Bauern entgegen. Die Überschüsse aus diesen Lieferungen lässt er dann zu Futtermitteln verarbeiten. Pablo informiert uns im breitesten kalifornischen Slang, ist er doch als Sohn eines Arztes teilweise in den USA aufgewachsen. Für den smarten Unternehmertyp ist die Landwirtschaft ein gutes Geschäft, sollte es nicht länger rentieren, würde er wohl emotionslos das Business wechseln. Das einzige, was ihn mit Damian verbindet, ist dass beide mit den in Argentinien am weitesten verbreiteten Rassen Black Angus und Hereford arbeiten.

Pablo, die Alemans und die Coluccis: Alle drei stehen sie für typische Phänomene in der argentinischen Landwirtschaft. Ersterer für die Industrialisierung der Landwirtschaft, für die auch die radikale Ausbreitung des Cashcrop-Anbaus namentlich der (GVO-)Soja im letzten Jahrzehnt ein typisches Beispiel darstellt. Zweitere für die Chancen, die sich in der zwar staatlich vernachlässigten aber gleichzeitig völlig liberalisierten Landwirtschaft für tüchtige Leute bieten und Letztere für die Reaktion auf Industrialisierung und Rationalisierung: Den Weg in die Selbstversorgung verbunden mit dem Rückzug in die Einsamkeit der grenzenlos gross scheinenenden Pampas.

Pablo, owner of a feedinglot

Ein Kränzchen für Hühnerhirse & andere Artisten

August 2, 2013

Echinochloa crus galliIch bin kein Freund von verniedlichenden Ausdrücken wie Beikraut oder noch schlimmer Ackerbegleitflora. Unkraut ist Unkraut ist Unkraut und die Schäden, die es verursacht sind immens, allein in der USA schätzt man die auf Unkräuter zurückgehenden Ertragsausfälle auf 33 Milliarden Dollar jährlich.

Dennoch oder gerade deswegen habe ich grossen Respekt vor der Anpassungsleistung dieser Pflanzen, die mir kürzlich in einem Artikel der New York Times wieder einmal vor Auge geführt wurde. Ein paar Fakten daraus, die wiederum von der hochinteressanten Website International Survey of Herbicide Resistant Weeds stammen: Es gibt unterdessen 217 Unkräuter, die gegen mindestens ein Herbizid resistent sind. Es gibt gegen 148 verschiedenen Herbizide und 21 von 25 bekannte Herbizid-Angriffspunkte (“sites of action” ) Resistenzen, in 65 Ländern finden sich resistente Unkräuter in 61 verschiedenen Kulturen, es gibt 25 gegen den ehemaligen Hoffnunsträger Glyphosat (wichtigstes Markenprodukt: Roundup von Monsanto) resistente Unkräuter, 2012 gab es auf 50 Prozent der US-Farmen Glyphosate-resistente Unkräuter, ein Jahr zuvor waren es noch 34 Prozent.

Das sind imposante Zahlen. Noch fast eindrücklicher als die Herbizidresistenzen sind aber andere Werkzeuge aus der Trickkiste des Unkrauts: Zum Beispiel die Anpassung an die Kulturpflanze, optisch und punkto Lebensraum. Als Beispiel wird die Hühnerhirse (Barnyard Grass, Echinochloa crus-galli) erwähnt, die sich dem Reis angepasst hat, indem beispielsweise die untersten Blätter farblich von pink zu grün mutierten und die Blätter ganz generell schmäler wurden, so dass sie im Feld gar nicht mehr als artfremd auffällt. “The biotech folks would have no clue about how to make one plant look like another plant”, sagt voller Respekt ein Evolutionsbiologe im Artikel dazu. Gleichzeitig gelingt es den Unkräutern immer wieder, das angestammte Habitat zu verlassen und in einem neuen zurecht zu kommen. Im Falle der Hühnerhirse war die Umstellung von trockener Umgebung in die wassergeschwängerte Reisanbau-Umgebung erfolgreich.

Was lernen wir daraus? Im Wettrüsten mit den Unkräutern ist die Einführung neuer Herbizide vermutlich nicht die nachhaltigste Strategie. Das zeigt sich daran, dass gegen Neuentwicklungen wie Dicamba oder 2,4D mit denen Monsanto und Dow den Erfolg von Roundup zu kopieren versuchen, schon wieder resistente Kräuter gewachsen sind. Ähnliches gilt übrigens auch für den Kampf gegen Schädlinge der tierischen Art, wie dieser Artikel zeigt.

Im oben erwähnten Artikel plädieren Experten, bei der Bekämpfung neu einen stärker Evolutions-fokussierten Weg zu nehmen, ähnlich wie bei Bakterien. Genauer ausgeführt ist das nicht, erwähnt wird das Beispiel eines Winterroggens, der die Unkräuter einerseits mit Schattenwurf und andererseits mit pflanzeneigenen Toxinen bekämpft. Ich bin ziemlich überzeugt, dass die Unkräuter in kurzer Zeit Wege finden, um gegen diese Toxine resistent zu werden. Ein Mix aus allerhand Massnahmen von mechanisch bis chemisch, von guter Fruchtfolge bis richtiger Sortenwahl ist aber sicher erfolgsversprechender als eine Riesenkeule, die es dem Unkraut oder dem Stengelbohrer erlaubt, alle Abwehrmassnahmen auf einen kleinen Ausschnitt des Genoms zu fokussieren. (Bild Michael Becker)


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