Archiv für die Kategorie ‘Gentechnologie’

Die schwierige Koexistenz mit Don Santo & Co.

Mai 26, 2013

March against Monsanto EurekaAm Samstag sind in 250 Städten in den USA (im Bild Eureka, Kalifornien) und in weiteren 40 weltweit, darunter Zürich, Zehntausende von Menschen auf die Strasse gegangen. Sie folgten einem Aufruf zum “March against Monsanto“, dem Marsch gegen Monsanto. Der global tätige Saatgut- und Pestizidhersteller mit Sitz in St. Louis, Missouri ist als Marktleader im Bereich der grünen Gentechnik für viele Menschen zum Inbegriff des Bösen geworden. Sie protestierten gegen die Dominanz von GVO-Pflanzen auf amerikanischen Feldern, gegen das politische Lobbying von Monsanto und der Handvoll anderen Unternehmen im Markt und für eine klare Deklaration von “Frankenstein-Food”, wie man Esswaren mit GVO-Bestandteilen -und das werden immer mehr – ennet dem grossen Teich gerne nennt.

Es ist interessant, dass sich gerade in den sehr technologiefreundlichen USA der Protest unterdessen am lautesten manifestiert. Bisher konnten Monsanto, DuPont und Syngenta – sie kontrollieren gemeinsam 53 Prozent des weltweiten Samenhandels - ihre Marktanteile relativ ungestört und ohne grosse Nebengeräusche ausbauen. Das tat man sehr erfolgreich: 93 Prozent der Soja und 86 Prozent des Maises in den USA werden mittlerweile mit GVO-Saatgut produziert, mit dem Löwenanteil zugunsten von Monsanto.

In der letzten Zeit gab es aber verschiedene Anlässe, mit denen die GVO-Lobby den Bogen im Mutterland der GVO-Mutterlands möglicherweise überspannt hat. Es sind vor allem vier Dinge, welche die gegenwärtige Protestlawine ausgelöst haben:

  1. Als Kalifornien im letzten November über ein Gesetz abstimmte, das eine GVO-Deklaration verlangte, kämpfte Monsanto mit hohem Mitteleinsatz, an vorderster Front und letztlich erfolgreich dagegen, die Befürworter unterlagen im Verhältnis 47 zu 53.
  2. In den letzten Jahren strengte Monsanto in 27 Bundesstaaten 124 Patentverletzungsklagen gegen 410 Bauern und 56 KMUs an und gewann diese praktisch alle (Hier die Begründung des Unternehmens). Insgesamt spülten die Prozesse 23 Millionen Franken in die Kassen des Multis. Dabei geht es meist darum, dass Farmer Samen verwenden, die mindestens eine Verunreinigung mit GVO-Saatgut enthalten, oft ohne davon zu wissen und deshalb auch ohne dafür separat Patentgebühren zu zahlen. Im Moment macht der Fall eines 75-jährigen Farmers Schlagzeilen, der den Fall bis ans Bundesgericht weitergezogen hat, der Entscheid wird für Juni erwartet. 
  3. Im März verabschiedete der US-Senat im vergangenen März unter kräftige Mitwirkung von Lobbyisten im Solde von Monsanto in einer Nacht- und Nebelaktion eine Gesetzespassage, die später unter dem Titel “Monsanto Protection Act” Karriere machte. Die Gesetzespassage sorgt kurz zusammengefasst dafür, dass GVO-Saatgut selbst dann noch unbehelligt weiter verwendet werden darf, wenn ein Gericht beschliessen sollte, dass dieses aus beispielsweise sicherheitstechnischen Gründen.
  4. Vor wenigen Tagen veröffentlichte die international tätige NGO “Food & Water Watch” einen Bericht unter dem Titel “Biotech Ambassadors”, die detailiert aufzeigt, wie eng die amerikanischen Behörden und die Saatgut-Konzerne zusammenarbeiten, um die Weiterverbreitung der GVO-Produkte sicherzustellen. Der lange Arm von Monsanto und Co. reicht bis in amerikanische Botschaften weltweit, wo gezielte Beeinflussungsversuche von lokalen Regierungen zum üblichen Instrumentarium gehören, um nur ein Beispiel zu nennen.

Was bedeutet das alles für die Schweiz?  Wir sind aufgrund des 2005 verhängten Gentech-Moratoriums, das noch bis 2017 in Kraft bleiben soll, im Anbau nach wie vor eine GVO-freie Zone. An diesem temporären Verbot wird nun aber kräftig gerüttelt, wahrscheinlich – alles andere wäre eine grosse Überraschung – nicht ohne das kräftige Zutun der Industrie. Der Bund präsentierte im Januar den Entwurf einer Koexistenzverordnung, in der ein Nebeneinander von GVO und konventionellem Saatgut als komplex aber letztlich durchaus handlebares problemloses Unterfangen skizziert wird. Politiker, wie der Berner FDP-Nationalrat Wasserfallen sekundieren und verbreiten ihre Message subtil. Er spricht von einem Forschungsverbot, obwohl die Forschung durch das Moratorium nicht tangiert ist. Gleichzeitig plädiert er auf reichlich naive Weise für Wahlfreiheit, es werde dann schon angebaut, was der Konsument wolle.  

Wenn man allerdings das oben beschriebene Vorgehen der Marktleader in den USA und zahlreichen anderen Staate aus der Nähe betrachtet, ist eher davon auszugehen, dass diesen weniger an Koexistenz und Wahlfreiheit denn an Dominanz gelegen ist. Ich sehe keinen Grund anzunehmen, dass die Industrie in der Schweiz – sollten die Tore einmal geöffnet sein – zimperlicher vorgehen sollte, als in den USA und überall sonst, wo man sie mit offenen Armen empfangen hat. (Bild Facebookseite von March against Monsanto

Gentech-Pflanzen: Stubenrein und salonfähig?

Februar 8, 2013

Normaler Rice und Golden Rice mit erhöhtem Vitamin-A-AnteilIn letzter Zeit mehren sich die Anzeichen für eine zunehmende Akzeptanz von grüner Gentechnik. Das ist natürlich nur eine subjektive Beobachtung, aber ganz von der Hand zu weisen ist sie nicht.  Hier ein paar Anhaltspunkte: 
- Der Vitamin-A-angereicherte “Golden Rice” hat offenbar nach ca 25-jähriger Entwicklungszeit seine Praxisreife erlangt und soll demnächst an Bauern in den Philippinen verteilt werden.
- Der ehemalige Gentech-Kritiker und Mitbegründer der gegnerischen Kampagnen Mark Lynas wandelt sich vom GVO-Saulus zum GVO-Paulus und entschuldigt sich im Zusammenhang mit dem Golden Rice wortreich für seinen Kampf  gegen die gentechnischen Errungenschaften
- Der Bund ebnet den Weg zum Anbau von GVO-Pflanzen nach Ablauf des Gentech-Moratoriums 2018.
- Die Forschungsanstalt Agroscope plant einen “Protected Site” für die intensivierte Freisetzungs-Forschung am Stadtrand von Zürich.
- Der Siegeszug von GVO-Kulturen ist ungebrochen. Unterdessen beträgt die weltweite Anbaufläche von Gentech-Soja, Mais und Baumwolle und weiteren Kulturen rund 160 Millionen Hektaren, angebaut von knapp 17 Millionen Landwirten im Jahr 2011, wie dieses informative Fact-Sheet zeigt.
- Ein nicht allzu unbedeutender Vertreter der Bio-Branche sagte mir dieser Tage, dass es für grüne Gentechnologie durchaus hilfreich sein könne bei der Nachhaltigkeits-Erhöhung in der Landwirtschaft.  
Was bedeutet das alles? Alles in Butter mit den einst als Frankenstein-Food gebrandmarkten gentechnisch manipulierten Pflanzen? Man muss unterscheiden. Gentechnologie per se ist nicht böse und die Gefahr von unkontrollierten Auskreuzungen etc. scheint bescheiden. Die Technologie kann helfen, Zuchtprozesse zu verkürzen, was in einer Zeit des rasanten Klimawandels und anderer galoppierender Probleme durchaus sinnvoll sein könnte. Vor diesem Hintergrund sind auch die Aussagen des Bio-Exponenten nachvollziehbar.
Das Problem ist, dass grüne Gentechnologie so wie sie heute angewandt wird primär ein grobschlächtiges Marktdominanz-Werkzeug in der Hand von wenigen Agro-Multis ist. Ich kann mich hier nur wiederholen: Die Tücken dieser Dominanz sind die gleichen, wie beim Einsatz einer limitierten Zahl von Wirkstoffen auf dem Pestizidmarkt und bei der Verschmälerung der genetischen Ressourcen durch die Forcierung einer beschränkten Zahl von Sorten: Resistenzen von Unkräutern und anderen Schadorganismen werden gefördert, der Genpool wird kleiner, die Monokultur-Wirtschaft wird gefördert, kleinbäuerliche Strukturen an den Rand gedrängt und Umweltprobleme letztlich vergrössert.
Wenn nun Golden Rice kostenlos an philippinische Bauern verteilt wird, ist das eine schöne Geschichte. Aber aus meiner Sicht vor allem eine gigantische PR-Übung, die nun bei jeder Gelegenheit zitiert werden kann, wenn irgendjemand wagt, den GVO-Einsatz zu kritisieren. Die Bekehrung des GVO-Kritikers Lynas muss auch vor diesem Hintergrund gesehen werden. Ich kenne seine Geschichte nur am Rand, aber er ist nicht der erste, der unter der Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche einer milliardenschweren Industrie letztlich den gemütlichen Weg des Embedded Scientist bevorzugt.
Das Problem mit Golden Rice und ähnlichen karitativen Aushängeschildern ist, dass an den grundsätzlichen strukturellen Problemen dadurch nichts ändert. Weltweit kommen die im Prekariat lebenden Kleinbauern durch die multinational agierenden Konzerne, korrupte Regierungen, Landgrabbing und klimatische Veränderungen immer stärker unter Druck. Solange die internationale Gemeinschaft und die entscheidenden Konzerne nicht bereit sind, diese Probleme grundsätzlich anzugehen, bleibt Golden Rice ein Reiskorn auf dem heissen Stein.
Die Entwicklung in der Schweiz – zu guter Letzt – ist ihrerseits ein schönes Beispiel für den erfolgreichen Druck der GVO-Lobbyisten. Obwohl ein nationales Forschungsprojekt kürzlich festgestellt hat, dass von GVO-Kulturen kein Nutzen für die Schweizer Landwirtschaft zu erwarten ist, werden die Dämme brechen und die Chance zur Profilierung als GVO-freie Insel ist vermutlich dahin. Schade.  (Bild International Rice Research Institute)

Ein alter Fuchs schimpft am Lieferanteneingang

Januar 12, 2013

Entwicklung der KraftfutterversorgungDer Neujahrsapéro mit den Agrarjournalisten fand heuer am Lieferanteneingang der Schweizer Landwirtschaft statt, wie das der Organisator so schön formuliert hat. Nicht weniger als 17,3 Prozent der Schweizer Importe gelangten vergangenes Jahr über den Basler Rheinhafen ins Land. Deutlich höher ist der Anteil bei den Futtermitteleinfuhren. Insgesamt brachten die Rheinschiffe 2011 nicht nur 600 000 Tonnen Dünger und 2,5 Millionen Tonnen Mineralölerzeugnisse sondern auch 850 000 Tonnen Nahrungs- und Futtermittel ins Land, wovon der grösste Teil auf Futtergetreide entfällt, von denen jährlich rund 1,1 Millionen Tonnen importiert werden.
Welcher Ort böte sich also besser an für die Diskussion von ein paar Fütterungsfragen? Der Direktor der Vereinigung der Schweizerischen Futtermittelfabrikanten (VSF) liess es sich nicht entgehen, vor den Agrarmedienvertretern die heissen Punkte anzusprechen. Rudolf Marti, ein alter Fuchs im stark angefeindeten Müllerei-Business hat derzeit drei Hauptthemen: 1. Soja, 2. Swissness, 3. Importe. Das alles hängt eng zusammen. Der Import von Futtermitteln hat in den letzten 20 Jahren massiv zugenommen (siehe Grafik oben. Ich weiss, es ist nicht grad State of the Art, Grafiken abzufotografieren, aber manchmal geht es nicht anders).
Wichtigster Wachstumsträger im Schweizer Futtermittelmarkt ist Sojaschrot. Das eiweissreiche Nebenprodukt der Sojaölherstellung boomt. Seit 1991 hat die Einfuhrmenge um 900 Prozent auf konservativ geschätzte 250 000 Tonnen zugenommen. Die wichtigsten Produzenten sind USA, Brasilien und Argentinien. Namentlich der stark ausgebaute Anbau in Südamerika ist hierzulande am Pranger wegen breitflächiger Abholzung von Regenwald zugunsten von Sojafläche. Zudem stösst der durch die vertikale Integration des Sojabusiness und das dominante Auftreten weniger Saatgutkonzerne verursachte brutale Strukturwandel in den lokalen Landwirtschaften auf Kritik.
Marti wiegelte auf engagierte Art ab. Schön zu sehen, dass er sich auch nach gefühlten mindestens 20 Jahren in der Branche immer noch aufregen kann, wie ein Jungspund. Seine Argumente: 1. Der Anteil importierten Kraftfutters an der gesamten Viehfütterung ist mit rund 16 Prozent immer noch gering. 2. Die Schweizer Müller sind gezwungen, auf ausländisches Kraftfutter zu setzen, weil einerseits der inländische Futtergetreideanbau aufgrund der Bevorzugung des Gründlands im Direktzahlungssystem stark zurückgegangen ist. Andererseits hat man mit dem Verbot von Tiermehl im Gefolge der BSE-Krisen gut 50 000 Tonnen Rohprotein verloren. 3. Das Verbot von GVO-Soja in der Schweiz ist falsch, weil die GVO-freie Ware um pro 100 Kilo um 10 Franken teurer zu stehen kommt. 4. Der von Mutterkuh Schweiz beschlossene und von Bio Suisse angestrebte Verzicht auf Soja in der Fütterung ist “Schwachsinn” und lediglich vom Marketingbemühungen der Grossverteiler getrieben. 
Bei allem Verständnis für Martis Branchentreue gilt es hier ein paar Gegenargumente ins Spiel zu bringen: Der VSF-Direktor ist natürlich vor allem ein begnadeter Lobbyist für die Sache der Futtermüller, die aus Rentabilitätsgründen unbestrittenermassen Interesse an einem möglichst hohen Futtermittelimport und ebenso hohen Anteilen an Kraftfutter in den Fütterungsrationen haben. Jedes zusätzliche Kilo Rauhfutter ist für die Müller ein Verlust. Marti und seine Mitglieder, die keine Gelegenheit auslassen, um an landwirtschaftlichen und Landwirtschafts-nahen Events als Sponsoren aufzutreten, sind hauptbeteiligt an der ökologisch und ökonomisch fragwürdigen Netto-Zunahme des Kraftfutterinputs, die mit BSE-bedingten Rückgängen beim Rohprotein herzlich wenig zu tun hat. Wenn Marti nun jeden Versuch, diese Abhängigkeit von vorwiegend importiertem Futtergetreide zu senken, als schwachsinnig abtun will, so ist das reichlich durchsichtig. 
Dasselbe gilt für die Attacke auf die Landwirtschaftspolitik. Deren Ökologisierungstendenz läuft den Müllern natürlich zuwider, was allerdings eher beweist, dass sie in die richtige Richtung geht. Ihr Ziel sollte ja primär sein, dass Wohlergehen der Bauern zu fördern und nicht, dass Wasser auf die Mühlen der Futtermüller zu lenken. Nicht dass ich diesen ihr wirtschaftliches Existenzrecht abstreiten wollte. Aber sie sollten sich statt zu lamentieren Gedanken machen, wie sie sich den neuen Verhältnissen am geschicktesten anpassen. Dazu gehört nun einmal auch das soeben verlängerte GVO-Moratorium. Klar ist es einfacher, auf dem Weltmarkt Dutzendware aufzukaufen und diese dann gebührend zu veredeln. Aber, um wieder einmal Gorbatschows altes polyvalentes Diktum anzuwenden: Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte. Das ist vielen Müllern schon passiert. Die cleveren aber positionieren sich in den geräumigen Nischen und versuchen, dem Markt das zu liefern, was er unter geänderten Vorzeichen braucht. Das kostet zwar mehr, dafür sind die Futterpreise hierzulande auch entsprechend höher.
Sojaschrot unterwegs im Basler Rheinhafen        

GVO: Mit der 3D-Strategie aus den Gräben

Oktober 2, 2012

Die grüne Gentechnologie steht zur Zeit wieder einmal im Mittelpunkt diverser Auseinandersetzungen. Am lautesten ist das Getöse zum einen rund um eine Studie von Forschern der Universitäten Rouen und Caen, die herausgefunden haben wollen, dass Ratten schneller Tumore entwickeln, wenn man ihnen Roundup-Ready und Bt-Mais aus dem Haus Monsanto verfüttert. Der zweite Grosskampfplatz ist die sogenannte Proposition 37, eine Art Volksinitiative von Bauern und Biogrosshandel, die in Kalifornien am 6. November zur Abstimmung kommt und eine Deklarationspflicht für Lebensmittel mit GVO-Inhaltsstoffen  fordert.
Beide Auseinandersetzungen werden erbittert geführt und es gibt gewisse Parallelen und Unterschiede. Der Disput um die Forschungsarbeit ist diffus, ich bin zuwenig Wissenschafter, um beurteilen zu können, ob hier sauber gearbeitet wurde, offenbar gibt es gewisse Zweifel an der Unvoreingenommenheit der Forscher. Sicher aber ist es ein schönes Beispiel für den Glaubenskrieg, der um den Einsatz grüner Gentechnologie tobt. In den letzten 10 Tagen hat sich kaum eine kritische Organisation nicht leicht triumphierend zu den Ergebnissen gemeldet, während Monsanto gegen die Arbeit auf die Hinterbeine stieg. Ich würde mal folgendes Fazit ziehen: Die Studie reicht sicherlich nicht aus, um die Schädlichkeit von Lebensmitteln mit GVO-Inhalten unter Beweis zu stellen, die absolute Unschädlichkeit postulieren zu wollen, wäre aber wohl auch etwas übermütig.
Deshalb müssen Konsument und Konsumentin entscheiden können, ob sie GVO-Nahrungsmittel zu sich nehmen wollen, ebenso wie sie heute am Regal entscheiden dürfen, ob sie biologisch oder konventionell hergestellte Lebensmittel kaufen wollen. In der Schweiz und der EU ist diese Deklaration längst klar geregelt. In den USA ist man aber mit der Wahlfreiheit noch nicht soweit. Vom Referendum in Kalifornien (siehe Abstimmungswerbung oben links und rechts) erwartet man Signalwirkung für das ganze Land. Mit allerlei fadenscheinigen Argumenten und Millioneninvestitionen ziehen diverse multinationale Unternehmen in den Abstimmungskampf. Dabei ist Doppelmoral an der Tagesordnung, wie ein Bloggerkollege aufzeigt. Wenn die GVO-Produkte derart unbedenklich sind, wie die Hersteller immer argumentieren, dann dürfte einer Deklaration eigentlich nichts entgegen stehen. Natürlich kostet das etwas, denn darum dürfte es in erster Linie gehen, aber man nagt ja im Allgemeinen nicht gerade am Hungertuch, wie die Beispiele der im Gegenkomitee engagierten Nestlé und Syngenta zeigen.
Längerfristig dürften eine klare Deklaration und das Eingeständnis, dass man mit der Technologie noch am Anfang steht, die Diskussion entkrampfen. Das wäre sicher nützlich, vor allem für weniger lukrative aber deshalb umso bauernfreundlichere Anwendungen der Gentechnologie, die im Getöse des multinationalen Glaubenskriegs verschütt zu gehen drohen. Gerade diese Woche habe ich eine Nachricht gesehen, wonach die ETH Gentech-Maniok entwickelt hat, der resistent ist gegen das in Nigeria sehr gefürchtete Brown Streak Virus. Ebenda an der ETH ist Pflanzenbiologe Cesare Gessler, beileibe kein Jünger der Agromultis, seit langem damit befasst, mit Gen-Engineering resistente Apfelsorten zu entwickeln, in diesem Text finden sich dazu einige Details. Zusammengefasst plädiere ich im GVO-Zusammenhang für eine 3D-Strategie: Deklarieren, differenzieren, deeskalieren. (Bild ganz oben Miguel Medina/AFP)

Die gewagten Behauptungen der NFPrognostiker

August 29, 2012

Gestern sind die Ergebnisse des Nationalen Forschungsprogramms 59 (NFP59) veröffentlicht worden. Der Berg hat eine Genmaus geboren: der Einsatz von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen ist gesundheitlich unproblematisch, biologisch unbedenklich und der wirtschaftliche Nutzen für die Schweizer Landwirtschaft gering, haben die Forscher beim Vergleich von über tausend bestehenden Studien herausgefunden. Nützt nichts, so schadets nichts, könnte man kurz zusammenfassen. Ich bin nicht überrascht vom Ergebnis, auch wenn es mir ein bisschen riskant erscheint, GVO-Kulturen einen Persilschein auszustellen, ohne dass sie je unter den hiesigen engräumigen Praxisbedingungen angebaut worden wären.
Die Bauern sehen sich zurecht darin bestätigt, dass eine Verlängerung des GVO-Moratoriums bis 2017 in der Schweiz sinnvoll ist, zumal lediglich ein Viertel der Konsumenten GVO-Produkte kaufen würden, wie das NFP59 ebenfalls mitteilt.
Trotzdem sind die NFP-Autoren überzeugt, dass sich der bescheidene Nutzen der Agro-Gentechnik erhöhen könnte, “wenn der Schädlingsdruck steigt – zum Beispiel aufgrund klimatischer Veränderungen – oder wenn gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden, die mehrere neue Merkmale aufweisen und denen zum Beispiel weder Herbizide oder Pflanzenschutzmittel noch gewisse Krankheitserreger etwas anhaben können.” Auch das ist eine relativ gewagte Behauptung. Das Problem mit dem bisher im Einsatz stehenden GVO-Saatgut ist, dass gigantische Flächen mit einer Handvoll Sorten bebaut werden. Im Agronomiestudium haben wir gelernt, dass dies zu Resistenzen führen muss. Das ist genau das, was zurzeit geschieht, Stichwort Superunkräuter. Gentech-Landbau, so wie er zurzeit betrieben wird, führt eben gerade dazu, dass der Schädlingsdruck steigt und die Fokussierung auf wenige Sorten führt in der Praxis dazu, dass die Frist in der Herbizide und Schädlinge den Pflanzen nichts anhaben können stark verkürzt wird. Mein Fazit: GVO-Landwirtschaft, so wie sie heute betrieben wird, ist primär ein nicht sehr nachhaltiges Förderprogramm für Agrochemie-Multis. Gentechnik per se sollte man aufgrund dieser Problematik aber nicht per se in Bausch und Bogen ablehnen. Sie kann helfen, die langen Entwicklungsperioden der traditionellen Saatzüchtung zu verkürzen. Wenn sich das Klima verändert, braucht die Schweiz, braucht Mitteleuropa, braucht die ganze Welt schnell neue angepasste Sorten. Es wäre mir aber wohler, wenn man den Lead hier nicht der Privatwirtschaft überlassen würde. In der Schweiz ist dies bisher recht gut gewährleistet, dank der Züchtungsarbeiten der Agroscope-Forschungsanstalten. Pourvu que ça dure. (Bild ETH)
PS. Bei den E-Mail und RSS-Feed-Abonnenten möchte ich mich entschuldigen, dass die erste Version unvollständig ins Netz entflog, bloggen per iPhone hat seine Tücken…

Gute Frage: Kann Bio die Welt ernähren?

März 28, 2012

Vor ein paar Tagen ist mir ein Prospekt des Hilfswerks Biovision ins Haus geflattert. Dieses wurde vom renommierten Schweizer Insektenforscher Hans Rudolf Herren gegründet und hat sich das Empowerment der Kleinbauern in der dritten Welt mit Hilfe von Biolandbau auf die Fahne geschrieben. Dort setzt Biovision an, weil 70 Prozent der Nahrungsmittel weltweit von Subsistenzlandwirten produziert werden. Soweit ich es beurteilen kann, haben die Projekte von Biovision Hand und Fuss. Man arbeitet mit einfachen Projekten: Mischkulturen, Schnellkomposter, geschlossene Kreisläufe auf den Betrieben. Nun postuliert die Organisation in ihrem Prospekt, dass Bio die Welt ernähren kann. Trotz meinem Respekt für die Seriosität der Arbeit von Herren und seinem Team sei die Frage erlaubt: Kann Bio wirklich die Welt ernähren? Hätte ich die korrekte Antwort parat, wäre mir ein Professorenpösteli an der ETH wohl sicher. Auf der Suche nach der richtigen Replik fand ich im Internet einen interessanten Artikel der linken deutschen “Tageszeitung” aus dem Jahr 2008. Darin kommen Agrarexperten laut dem Autor zu  folgendem Schluss: “100-prozentig konventionell kann man die Menschheit nicht ernähren, ohne unvertretbaren Schaden anzurichten – aber 100 Prozent Öko geht auch nicht”. Dieselben Experten empfehlen eine wohldosierte Mischung von ökologischem und konventionellem Landbau. Wo immer möglich auf hofeigene Dünger setzen, mit Leguminosen den Stickstoffeintrag fördern und wo nötig mit synthetischen Düngern nachhelfen. Eine vollständige Umstellung von ganzen Drittweltländern auf Biolandbau würde diese noch tiefer in die Abhängigkeit von (meistens nicht biologisch erzeugten) Importen drängen, denn die Erträge sind im Biolandbau, das schleckt keine Geiss weg, tiefer. Umgekehrt ist die intensive konventionelle Landwirtschaft für die Kleinbauern ebenfalls kein vielversprechender Weg: Sie laufen Gefahr, sich mit Pestiziden zu vergiften, ihre Böden auszulaugen, in finanzielle Abhängigkeiten zu geraten und am Schluss mit abgesägten Hosen dazustehen. Gerade heute ist mir in der “Bauernzeitung” ein Artikel aufgefallen, der dies exemplarisch zeigt. In Argentinien, so berichtet Auswandererin Marianne Winkelmann aus der Region Entre Rios, haben die Bauern grosse Probleme mit der GVO-Soja, einem teuren Produkt aus dem Hause Monsanto. Nachdem man 10 Jahre herbizidresiste Roundup-Ready-Soja gesät hat, sind die Felder heuer überwuchert mit dem Unkraut namens Rama Negra, dieses ist nämlich unterdessen resistent gegen den Roundup-Wirkstoff Glyphosat. 
Entscheidender als die Frage, ob Bio die Welt ernähren kann ist wohl diejenige, wie sich der Mensch künftig ernähren will, denn unbestrittenermassen kann die Welt auch die doppelte Menge Menschen ernähren. Allerdings wird dies sehr schwierig, wenn der Fleischkonsum, der für die Produktion bis zu 20mal mehr Fläche braucht als die Erzeugung pflanzlicher Kalorien, weiter ansteigt. Das Problem ist aber, dass mit steigendem Wohlstand, und diesen wollen wir niemandem in der zweiten und dritten Welt missgönnen, so sicher wie das Amen in der Kirche ein erhöhtes Bedürfnis nach Auto-Mobilität und Fleisch einhergeht.   

Die Rechnung für das GVO-Fieber folgt später

März 18, 2012

Vor Kurzem hat der International Service for the Acquisition of Agri-biotech Applications (ISAAA), ein unter anderem von Bayer und Monsanto gesponsertes Propagandavehikel, die neuesten Zahlen für den weltweiten Anbau von GVO-Kulturen präsentiert (siehe ganz unten). Eine Traumkurve für jeden Wachstumsfreund: In nur einem Jahr hat die Fläche mit gentechnisch veränderten Pflanzen in den 29 Anbauländern um 8 Prozent oder 12 Millionen ha auf 160 Millionen ha zugenommen. Somit werden nun 10 Prozent der weltweiten ackerbaulich nutzbaren Flächen mit der neuen Technologie bewirtschaftet. Die Karte oben zeigt, dass der Schwerpunkt der Entwicklung in Nord- und Südamerika sowie Indien und China liegt, während Europa (inklusive Russland), Afrika und Ozeanien nach wie vor relativ dünn bis gar nicht auf gentechnisch verändertes Saatgut setzen. Die Skepsis namentlich in Europa ist denn auch einer der wichtigen Punkte im ISAAA-Report über die letztjährige Entwicklung (runterscrollen). Dabei klammert man sich an jeden Strohhalm, so wird unter dem Titel “A change of heart in Europe” unter anderem über einen Brief von 41 schwedischen Professoren berichten, die sich über die Arroganz der Policymaker gegenüber den GVO-Kulturen beschweren. Dieser Blog wird kaum in den Genuss einer hoffnungsvollen ISAAA-Erwähnung kommen, denn meine Skepsis gegenüber der GVO-Bewegung ist unverändert. Erstens wird sie getrieben von ein paar Multis, deren Manager primär die Jahresabschlüsse im Auge haben und nicht, wie sie in pathetischen Reden immer wieder gerne behaupten, die Ernährungssicherheit und das Wohlergehen der bäuerlichen Strukturen. Dafür braucht es nämlich keine Gentechnologie, sondern prioritär ein Bündel von Anstrengungen bei Governance und Logistik. Diese leisten Bayer, Monsanto, Syngenta und Co. zwar schon, aber wiederum nur im Interesse ihrer Shareholder. So versuchen sie ähnlich wie die Rohstoffmultis wie etwa Glencore, entlang der Wertschöpfungskette einen möglichst grossen Teil zu integrieren - Lieferung von Saatgut und Pestiziden, Abnahmeverträge und Weitervertrieb - und so ihre Margen zu verbreitern, während die Bauern noch als mehrbessere Knechte fungieren. Südamerika ist ein gutes Beispiel für diese Entwicklung. Ein grosses Problem am GVO-Fieber ist auch die mangelnde biologische Nachhaltigkeit. Um die hohen Entwicklungskosten möglichst rasch wieder einzuspielen, forciert man einzelne Sorten und damit die Bildung von Resistenzen, wie man beim Herbizid Roundup bereits schön erkennen kann. Gleichzeitig wird an die regionalen Bedingungen angepasstes Saatgut verdrängt und die Abhängigkeit der Bauern von den GVO-Lieferanten erhöht. Sie sind gezwungen, jedes Jahr neues Hybridsaatgut zu kaufen, da die Ernte nicht für die Wiedersaat verwendet werden kann. Insgesamt ein höchst ungemütlicher Cocktail, den die ISAAA und ihre Sponsoren da zusammenköcheln, aber die negativen Auswirkungen werden sich erst mit einigen Jahr(zehnt)en Verzögerung in aller Deutlichkeit zeigen. Dannzumal werden die Shareholder ihre Scherflein längst am Trockenen haben und die Kosten des GVO-Fiebers den jeweiligen (maroden) Staaten und den Entwicklungsorganisationen übertragen. Wetten? (Tabelle und Karte ISAAA, Grafik LID)
 

Frau Professors Schuss in den BiOfen

Februar 27, 2012

Man ahnte schon nichts gutes, als die “NZZ am Sonntag” in der Samstagsausgabe des Mutterblattes grossbuchstabig von der grossen Bio-Illusion warnte. Auf der Frontseite der Zeitung ging es am Sonntag dann noch drastischer zu und her: Dort war die Rede von der Bio-Lüge, all das ohne Anführungszeichen. Etwas weiter hinten im Blatt tönts dann etwas moderater. “Pardon, das ist verrückt“, heisst hier der Titel über einem Interview mit Nina Fedoroff. Die reich dekorierte Professorin an der Penn State University ist heuer Präsidentin der AAAS, der weltgrössten akademischen Vereinigung. Deshalb hat ihr Wort einiges Gewicht. Im Interview holt Fedoroff zum Rundumschlag gegen den Biolandbau aus. Die Produkte seien nicht nur nicht besser, sondern das System auch ineffizient und letztlich gefährlich, da es Lebensmittelvergiftungen zu Gevatter stehe. Ihre Vorwürfe untermalt sie mit Sprüchen im Stil von: “Wenn Sie einen Sack Dünger kaufen, müssen Sie kein Land freihalten, auf dem Sie Futter für Tiere produzieren”. Wäre die gute Frau Ökonomin, könnte man ihre Ignoranz gegenüber geschlossenen Kreisläufen und deren ökologischer und ökonomischer Vorteile ja locker verzeihen. Aber Fedoroff ist Pflanzenbiologin und offenbar eine der renommiertesten grünen Gentechnologinnen. Dabei scheint ihr bei der Forschungsarbeit genau das passiert zu sein, was sie den Konsumenten von Bioprodukten vorwirft, nämlich dass sie der Marketingindustrie auf den Leim gekrochen sind. Fedoroff ist derart einseitig von den Vorteilen der Pflanzen-Biotechnologie überzeugt, dass es ihr den Blick auf die Realitäten trübt. Nicht, dass ich die Bio-Landwirtschaft als Heilsbringerin für die weltweiten Ernährungsprobleme betrachten würde, aber ebenso unrealistisch ist die Position, dass dank Pflanzen-Gentechnologie die Ernährungssituation a priori besser wird. Bisher ist diese in erster Linie eine Cashcow für eine Handvoll Grosskonzerne, die leider auch einen Grossteil der entsprechenden Forschung – auch an den Universitäten – finanzieren, was dann derartige pauschale Abrechnungen zur Folge hat. Das habe ich schon im Agronomiestudium erlebt, als die ersten von der Basler Chemie gesponserten Biotechnologen angestellt wurden. Ich bin für Meinungsfreiheit. Aber dass die Kollegen der “NZZ am Sonntag” dieser Polemikerin eine derartige Plattform bieten, ohne dass irgendjemand Gelegenheit erhält, die Vorwürfe mit Argumenten zu parieren, dünkt mich handwerklich nicht grad besonders organisch. Ich hoffe, dass man sich in Bio-Kreisen diesen Schuss in den BiOfen nicht unwidersprochen bieten lässt.

Wem gehört eigentlich das gesäte Eigentum?

Januar 5, 2012

Ein Artikel, der dieser Tage online im “Guardian” erschienen ist, berichtet über die Ausweitung der sogenannten Contribution volontaire obligatoire (abgekürzt CVO, Freiwillige obligatorische Abgabe, ein schöner Widerspruch in sich) auf sämtliches französisches Getreide-Saatgut. Bisher war diese Abgabe auf Weichweizen beschränkt. Durch den Beschluss der Nationalversammlung von Ende November 2011 gilt sie nun umfassend. Die Abgabe beläuft sich auf 50 Euro-Cent pro Tonne abgeliefertem Getreide und muss von denjenigen Bauern bezahlt werden, die einen Teil der eigenen Ernte als Saatgut wiederverwenden wollen. Dieser Entscheid hat zu einigem Unmut geführt, namentlich bei der Coordination nationale pour la défense des semences de fermes (CNDSF). Ich kann die Empörung gut nachvollziehen. Nicht dass ich den Saatgut-Unternehmen - dazu gehören auch viele KMU - eine anständige Abgeltung ihrer Arbeit missgönnen würden. Sie sind im Groupement national interprofessionel des semences et plante (GNIS) organisiert und haben die neue Regelung selbstverständlich begrüsst. Mich dünkt aber, dass die Aufwendungen der Saatgutproduzenten mit dem Kauf genügend abgegolten sein sollten. Sämtliche weitergehenden Ansprüche sind verfehlt. Wenn man wirklich eine Gesamtrechnung machen möchte, dann müsste man auch die Saatgutproduzenten an die Kasse nehmen, und nicht nur die Bauern. Denn das Saatgut, das die Unternehmen perfektioniert und weitergezüchtet in den Verkauf bringen, wurde in jahrhundertelanger Züchterarbeit von Generationen von Landwirten weiterentwickelt, gehegt und gepflegt. Die Kommerzialisierung dieses Business – der Exzess sind die Monokulturen mit Gentech-Saatgut mit Terminator-Technologie - war nur möglich, dank dieser soliden Basis. Angeeignet hat sich die Branche diesen Fundus von angepassten Sorten ohne, dass sie ihrerseits die Landwirtschaft kontinuierlich für diese Vorarbeit weiterentschädigen würde. Cie CVO müsste also, wenn schon, mindestens zur Hälfte in Projekte zur Erhaltung alter Landsorten und dieses wertvollen Genpools fliessen und nicht ausschliesslich in die Kassen derjenigen, die davon seit Jahrzehnten profitieren. (Bild J. Gutner/Agriculteur Normand)

RoMania Roadmovie(1): Moldova

September 30, 2011

Zurück in Rumänien. Es braucht nie viel, um mich davon zu überzeugen, dass ich wieder einmal gehen sollte. Diesmal war der Auslöser ein Fussballmatch. Der FCZ spielte gestern in der Europa League gegen Vaslui (was natürlich auch journalistisch eine kleine Ernte einbrachte). Der Präsident des jungen Vereins übrigens ist ein Agrar-Oligarch namens Adrian Porumboiu (passender Name, da porumb auf rumänisch Mais heisst, aber dazu später mehr). Item, der Weg nach Piatra Neamt, wo das Spiel stattfand, ist so weit, dass es sich nicht lohnt, nur einen Tag zu bleiben. Das heisst viele Kilometer in der Dacia und in Rumänien ist die Landwirtschaft ausserhalb der Metropolen so omnipräsent, dass von diesem Reisli auch einiges für den Blog rausschaut. Das oben stehende Bild ist immer noch sehr typisch für die rumänischen Strassen. Pferdefuhrwerke verkehren auch auf den Hauptverkehrsachsen, auch nachts und das meistens ohne Licht, oder wenns gut geht hält der Kutscher noch eine Taschenlampe auf. Pferde sind also omnipräsent. Im Dorf Adjudeni ist mir dieses begegnet:
Es musste warten, weil seine Besitzer mit dem abladen der Maisernte beschäftigt waren, wie man hier sieht:
Mais ist in Rumänien eines der Grundnahrungsmittel für Mensch und Tier. Es wird von den Subsistenz-Bauernfamilien, schätzungsweise mindestens ein Drittel der rumänischen Bevölkerung dürfte sich so über Wasser halten, häufig von Hand geerntet, dann in offenen gedeckten Käfigen gelagert und schliesslich zu einem Gries-Mehl gemahlen, das dem Tier roh als Futter verabreicht und dem Menschen als Polenta (rumänisch Mamaliga) verabreicht wird. Die Nationalspeise ist Familie Porumbescu gerne zusammen mit einem Schafkäse (Brinza de burduf) und rohen Zwiebeln. Ein rustikaler Leckerbissen, der gut füllt, wie ich heute zu Besuch bei alten Freunden in Moldawien wieder einmal feststellen durfte. Catharina, die auf dem Bild unten das Maismehl präsentiert, ist eine begnadete Köchin, die unter anderem auch gerne im Salzwasser konserviertes Gemüse serviert. Im Bild Gogonelle murate (das sind grüne Tomaten) in der Entstehungsphase. Auch ihre Varza murata, der eingelegte Kabis, ist fast allein eine Reise wert, vor allem wenn die Blätter gefüllt mit Fleisch, Reis und Gewürzen als Sarmale (eine weitere Nationalspeise) auf den Tisch kommen.
Zuhause produzieren die meisten Moldawier auch ihren Wein und den Schnaps sowieso. Auf der Fahrt durch den Judet (so heissen hier die Kantone) Vrancea, einem grossen Rebbaugebiet sind mir gestern am Strassenrand grosse Menschentrauben beim Traubenhandeln aufgefallen. Die Bauern verkaufen direkt ab Feld an die Kundschaft. Einer dieser Händler, der lustigerweise Bier statt Wein trank, hat mir erklärt, dass das Kilo etwa 35 Rappen kostet, je nach Qualität etwas mehr oder etwas weniger. Gehandelt wird in Säcken oder Bananenkisten. Auf der ganzen Weiterfahrt strotzte die Hauptstrasse nur so von abenteuerlich beladenen Gefährten mit aufgetürmten Traubenbergen.
Nun, wie gesagt, der erste Teil dieses Roadmovies führt durch Moldawien. Die Region am östlichen Rand Rumäniens, eingeklemmt zwischen den Karpaten und der gleichnamigen Republik, ist nicht gerade eine Boomregion. Trotzdem soll hier nicht das Bild einer vollkommen rückständigen Gegend gezeichnet werden. Das landwirtschaftliche Potenzial ist riesig. Die Böden sind gut, die Niederschlagsmenge meist ausreichend für die klassischen europäischen Ackerfrüchte und Gemüse und das Land meist topfeben. Manchmal fühlt man sich fast ein bisschen an Kanada erinnert, wie das nächste Bild vielleicht zu illustrieren vermag.
In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich neben den Selbstversorgungs-Bauern grosse Investoren in der Landwirtschaft etabliert. Sie bewirtschaften tausende von Hektaren und/oder halten ebensoviele Tiere. Die Gesellschaften haben vielfach Infrastrukturen aus kommunistischer Zeit übernommen und agieren als Latifundisten mit zahlreichen Angestellten aus den angrenzenden Dörfern. Dasselbe gilt für internationale Saatgutkonzerne, die in Rumänien ideale Bedingungen vorfinden: günstiges Land, grosse Flächen, wenig Hindernisse (Stichwort GVO-Saatgut). Die florierenden Agrargesellschaften sind häufig vertikal integriert und tragen fantasievolle Namen wie Agrinvest, Agricola International oder im Falle von Fussball-Investor Porumboiu Racova. Sie versuchen – ganz Unternehmer - mit imposanten Hauptquartieren und grossen Plakaten am Strassenrand auf sich aufmerksam zu machen. Einem dieser Plakate bin ich gefolgt. Es führte zu einem gigantischen Schweinestall, der allerdings so hermetisch abgeriegelt war, dass er kein Blick ins Innere des Areals erlaubte, möglicherweise ist das besser so. Die Exkursion zum Schweinestall bescherte mir noch eine lustige Kuhgeschichte. Ich traf auf eine herrenlose Herde, die in einem kleinen Dorf von der Gemeinschaftsweide kam. An der Kreuzung strebten die Kühe – meist nur eine pro Bauer - ohne Begleitung auseinander, um ihren Heimen zuzustreben. Eine Frau am Strassenrand versicherte mir, dass alle genau wüssten, wo sie hingehören. In anderen Dörfern mit mehr Verkehr, begleiten die Bauern ihre Kuh nach Hause, an der Leine, wie ein Hund.
 


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