Archiv für die Kategorie ‘(Gut) Essen’

Weltmeistertitel für einen schlecht Betreuten

März 23, 2014

Weltmeisteremmentaler Kopie

Diese Woche wurde der Emmentaler Weltmeister, nicht ein Schwinger oder ein Töfffahrer, s0ndern der beste Käse, den es eigentlich gibt, so man ihn den gedeihen lässt.

Zuerst einmal herzliche Gratulation an Gérard Sinnesberger aus Gams leicht östlich des Emmentals. Er holte sich mit seinem 100-Kilo-Laib die Goldmedaille am World Championship Cheese Contest im US-amerikanischen Wisconsin.

Das ist ziemlich bemerkenswert, standen doch über 2600 Käse aus aller Welt in der Auswahl. Für den Emmentaler per se gibt es allerdings wenig zu feiern. Der Preis hat sich zwar zuletzt dank allgemeinverbindlicher Mengensteuerung stabilisiert, aber nach wie vor leidet er unter struktureller Überproduktion, Käseunion lässt grüssen.

Dafür können die heute Verantwortlichen nicht viel, aber ein sonderlich brillantes Bild geben sie trotzdem nicht ab. Fangen wir mal an mit Emmentaler Switzerland: auf der Website der Sortenorganisation sucht man vergeblich nach dem kleinsten Anzeichen einer Erfolgsmeldung. Fehlt es da an Aufmerksamkeit oder Stolz oder beidem? Ein WM-Titel ist doch der ideale Steilpass für eine Marketingoffensive, man könnte Inserate schalten, in die Medien drängen, Social Media auf Hochtouren rattern lassen und so dem Vielgeschmähten virtuell die Rinde polieren.

EmmentalerFolepiFehlanzeige auch in den Läden, die Grossverteiler müssten jetzt den Drive ausnutzen und mal ein paar Käser aufbieten, die in den Läden promoten und zeigen, dass der weltmeisterliche Emmentaler ein aufwändig aus silofreier Rohmilch hergestetlles Handwerksprodukt und nicht industrielle Massenware ist. Genauso wird er nämlich vermarktet. Gestern in der Migros wurde man auf der Suche nach Beispielen sofort fündig: Aktion Emmentaler Surchoix (“erste Wahl”) für sage und schreibe 14 statt 18 Franken das Kilo, das grenzt an Verschleuderung. Derweil kostet das importierte Industrieprodukt Fol Epi 23 Franken pro Kilo. Dieses profitiert vom Marketingpotenzial des Konzerns Bongrain, inklusive TV-Spots, auch in der Schweiz. Deshalb muss man hier auch den mit Abstand grössten Käsehändler Emmi in die Pflicht nehmen, der mit seiner Marke Kaltbach aus der selber gebauten Höhle lediglich ein Mikrosegment des Marktvolumens puscht und für die Vermarktung der Dachmarke kaum einen Finger rührt.

Insgesamt scheint niemand grosse Motivation für aktive Marktbearbeitung zu haben. Ein Hauptgrund für das geringe Interesse von Seiten Handel und Detailhandel ist, dass die Margen bei anderen einheimischen Spezialitäten und Importkäsen deutlich besser sind, als beim seit Jahren mit Tiefpreisen entwerteten Flaggschiff, derweil die Sortenorganisation wieder einmal hauptsächlich mit internen Führungs- und anderen Problemen beschäftigt scheint und dort gar niemand merkt, dass es etwas potenziell publikumsträchtiges zu feiern gäbe.

Ein Metzger mit mehr als Fassade

Januar 26, 2014

Metzgerei Blaser Frick KalbDas schöne an einem neuen Job ist, dass es viel Neues zu entdecken gibt, auch auf dem Arbeitsweg in der semi-dörflichen Umgebung namens Frick AG. Dort gibt es unter anderem einen Metzger Blaser, dessen Fassade Metzgerei Blaser Frick Fassaderecht prominent an der Hauptstrasse placiert ist. Bisher bin ich dort nur achtlos vorbeigefahren, denn mein Verhältnis zu den Dorfmetzgern ist ein leicht gespaltenes. Das Klischee vom etwas rückständigen Gewerbler, der längst nicht mehr selber schlachtet, sondern seine anonymen Hältften und Viertel im Grossschlachthaus kauft, ohne sich Gedanken über Herkunft und Haltung zu machen, hat sich bei mir fest eingenistet.

Als ich dann plötzlich letzten Freitag bei Blasers hinter dem Haus eine Vehbänne (für nicht berndeutschkundige auf vielfachen Wunsch hier die Übersetzung: ein Viehtransportanhänger) und ein angebundenes Kalb sah, machte mich das stutzig, metzgen die am Ende doch noch selber? In der Tat, und wie. Ohne zu zögern gewährt mir René Blaser, der den Betrieb mit seinem Bruder führt, Zugang zum modern eingerichteten Schlachtlokal. Hier ist die Arbeit in vollem Gang. Zwei stattliche Rinder stecken mitten im Prozess. Die Atmosphäre ist ruhig und geschäftig. Mit sicheren Handgriffen gehen der Chef und die Angestellten ihrer Arbeit nach. Ich dürfe so viele Bilder machen, wie ich wolle, sagt er mir, er habe nichts zu verstecken (Falls es schlachttechnisch zarter besaitete Gemüter gibt unter Ihnen, liebe LeserInnen, sollten sie die, welche jetzt kommen vielleicht nicht anschauen).

Metzgerei Blaser Frick SchlachtungIch frage Blaser, ob er nur Rinder schlachte. Er unterbricht die Häutung des Tieres unter seinem Messer und führt mich in den Kühlraum: “28 Schweine, von heute morgen”, sagt er mir nicht ohne Stolz. Auch der FiBL-Landwirt Alfred Schädeli lasse bei ihm schlachten, ergänzt der Metzger. Schädeli ist sehr zufrieden mit Blasers Diensten, wie er mir später versichert. Rund fünf Minuten vom Hof entfernt, kann er seine Tiere ohne Stress verarbeiten lassen. Damit unterscheide er sich, so Schädeli, von vielen anderen Metzgern vergleichbarer Grösse, die zwar bei den lokalen Bauern einkaufen, die Tiere dann aber in einem Grossbetrieb schlachten lassen, bevor sie Viertel und Hälften wieder auf ihren Betrieb zurück holen.

Die Einkaufspolitik der Blasers hat lange Tradition: “Seit über 50 Jahren legen wir grossen Wert darauf, unsere Schlachttiere bei den Bauern von Frick und Umgebung direkt einzukaufen. Somit ist es uns jederzeit möglich unserer Kundschaft über die Herkunft unseres Fleisches Auskunft zu geben. Die kurzen Transportwege wirken sich positiv auf das Tier und schlussendlich auf das Fleisch aus”, heisst es auf der Website der Metzgerei. Tönt gut, demnächst werde ich vor der Rückfahrt in die anonyme Grossstadt bei Blasers den Znacht einkaufen. (Zweitoberstes Bild Website Metzgerei Blaser)
Metzgerei Blaser Frick René Blaser

Wie Raili mit Sauerteig ein Business erbacken hat

Januar 18, 2014

Railis Kallavus mit Brot kleinDie Grüne Woche (IGW) in Berlin, wo ich dieser Tage wieder mal bin, hat heuer 1650 Aussteller und Ausstellerinnen. Da ist es natürlich schwierig den Überblick zu behalten. Deshalb hier statt irgendwelcher Gesamtbetrachtungen ein Schlaglicht auf Raili Kallavus aus Estland, neben der ich, der Zufall wollte es, an der Eröffnungsveranstaltung zu sitzen kam.

Sie hat mir eine interessante Geschichte erzählt: Ihre Jobs als Deutschehrerin an einem Gymnasium in Tartu und später als Consulterin für NGOs hat sie an den Nagel gehängt, es hat sie gelangweilt. Jetzt bäckt sie seit gut drei Jahren Brot. Mit grossem Erfolg. Die halbe Stadt deckt sich bei ihr mit Sauerteigbrot ein und das mit Gründen: Es schmeckt ausgezeichnet, wie die Degustation am Stand des diesjährigen IGW-Gastlandes aus dem Baltikum zeigte.

Raili Kallavus mit Sauerteig kleinRaili, die viel jüger aussieht, als sie ist, hat sich das Fachwissen im Selbststudium angeeignet. Aus Büchern und dem Internet. Dann hat ihr eine Bekannte etwas Sauerteig (wie das aussieht, siehe Bild rechts) zugesteckt und damit arbeitet sie seither. Verkaufsstelle ist ein als Genossenschaft organisierter Bauernmarkt in der zweitgrössten Stadt des Landes, interessanterweise angesiedelt im Foyer eines grossen Einkaufszentrums. Den Ofen stellt ihr das Einkaufszentrum zur Verfügung. Der Duft des frischen Brotes sei der ideale Lockstoff für die Konsumentinnen versichert sie schmunzelnd. Zu ihren KundInnen gehörten Leute “die viel Wert auf Gesundheit legen, die Handarbeit schätzen und einheimische Produkte mögen”, fährt sie fort. In estnischen Supermärkten stamme das Brot häufig aus anonymer Industrieproduktion mit unklarer Herkunft des Rohstoffs.

Das ist bei der umtriebigen Jungunternehmerin anders: Sie bezieht den Roggen aus lokaler Produktion von einem Bauern aus dem benachbarten Landkreis , den sie auf einem anderen Bauernmarkt kennengelernt hat. Die Sonnenblumen- und Kürbiskerne, mit denen sie einen Teil der Produktion verfeinert sei leider noch nicht aus dem Inland, da ein entsprechendes Angebot fehle, bedauert die spätberufene Bäckerin. Die handwerkliche Produktion führt dazu, dass ihr Brot nicht ganz billig ist, der 300g-Laib kostet 1 Euro 50, das verfeinerte Modell, welches neben Kernen auch Malz enthält, 2 Euro. Der Vorteil sei aber, dass ihr Brot neben den erwähnten Qualitäten auch deutlich länger frisch bleibt aus die Ware aus den Kaufhäusern.

Raili Kallavus macht einen sehr zufriedenen Eindruck, der berufliche Umstieg hat sich gelohnt, sie verdiene mehr als vorher, “wobei ich natürlich auch mehr arbeite als vorher”, wie sie ergänzt. Das Betreiben einer eigenen Firma mit dem Label Koduleib (estnisch Hausbrot), inspiriert von den Vornamen der Grosseltern, macht ihr ebenso Spass, wie das kneten des Teigs, das sei fast wie im Sandkasten spielen. Es sei aber nicht das Backen, das sie motiviert, sondern das Ergebnis: das Geld, die Dankbarkeit und die frohen Gesichter der Kundschaft, etwa dasjenige der Enkelin, wenn sie zufrieden Grossmutters Brot verspeist.
Railis Koduleib klein

Der Stachel im Fleisch der Industrielandwirtschaft

Januar 13, 2014

FleischatlasPünktlich zum “Davos der Landwirtschaft”, wie die nächste Woche stattfindende Internationale Grüne Woche in Berlin gern genannt wird, hat’s der BUND wieder getan: Die grösste deutsche Umweltschutzorganisation hat der Landwirtschaft zwei mittlere Bomben in den Bauernhofgarten geworfen.

Innert zwei Tagen hat der Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland eine Studie über den Hormoneinsatz in der Mastferkelproduktion und zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung und “Le Monde Diplomatique” den Fleischatlas 2014 publiziert.

Dazu ein paar secce Bemerkungen (ich habe mir auf Anregung von einer zeitlich knapp dotierten Leserin vorgenommen, weniger episch zu schreiben heuer):

  • Beides sind sehr lesenswerte Publikationen, die wunde Punkte der modernen Landwirtschaft treffen.
  • Der BUND schafft es auch dank offenbar sehr guter Medienkontakte immer wieder, flächendeckend Salz in diese Wunden der Landwirtschaft zu streuen. Wie schon bei den Glyphosat-Babys vor einigen Monaten hagelt es Protest, namentlich gegen die Hormonstudie. Das zeigt, dass sich trotz einiger handwerklich fragwürdiger Punkte in der Studie, die etwa hier kritisiert werden, viele Schafe in der Herde getroffen fühlen. Zurecht, denn
  • die deutsche Fleischproduktion ist zu einem gigantischen Industriesektor herangewachsen, pro Jahr werden etwa gut 58 Millionen Schweine geschlachtet, damit ist unser nördliches Nachbarland der weltweit drittgrösste Produzent nach China und den USA, Spitzenränge nimmt man auch bei der Rindfleischproduktion und den Mastpoulets ein.
  • Fleischatlas TierzahlenDie Industrialisierung des Sektors hat zu einer Konzentration auf allen Ebenen: Immer weniger Produzenten mästen grössere Bestände für grössere Schlachtunternehmen, die ihre Ware zu womöglich immer tieferen Preise an immer grössere Supermarktketten liefern. Deutschland ist nur ein Beispiel für diese Entwicklung. Hier verarbeiten im Schweinesektor gemäss dem Fleischatlas drei Betriebe 55 Prozent des Schlachtwerts, in den USA sind es 10 Konzerne, die 88 Prozent der Schweine verarbeiten (die Grafik rechts zeigt Zahlen für den weltweiten Markt).
  • Diese Entwicklung zieht diverse Probleme nach sich. Um nur einige zu nennen: Höherer Krankheitsdruck in Grossbeständen, steigender Hilfsstoffeinsatz auf den Feldern (für die forcierte Eiweissfutterproduktion) und Stall, Emissionen von Grossbetrieben, Tierschutzprobleme, Lohndruck in Grossschlachthäusern, erhöhter Zeitdruck und zahlreichen Fehlmanipulationen am lebenden Tier in Schlachthäusern, Schwinden von gewerblichen Fleischverarbeitern.
  • Ich staune immer wieder, mit welcher Verve sich die Landwirte und ihre Lobbyorganisationen dagegen wehren, die Probleme überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. In den integrierten Kreisläufen der Grosskonzerne, die Genetik, Futter und Infrastruktur liefern und die Tiere vollumfänglich übernehmen sind sie das schwächste Glied und stehen in extremer Abhängigkeit. Von freiem Unternehmertum, wie sie es sich gerne auf die Fahne schreiben, entfernen sich die sogenannte Urproduzenten immer weiter.
  • Der BUND ist für mich so etwas wie die EMMA einst, als sie dem Feminismus auf die Beine half. Nervt zwar immer wieder, aber für die Bewusstseinsbildung der Landwirte in Deutschland und darüber hinaus extrem wichtig. Ich warte auf den Ausbruch des Agrinismus.
  • Und in der Schweiz dürfte man in Sachen Landwirtschaft ruhig auch etwas mehr Lärm hören von Pro Natura, auch wenn die Verhältnisse noch um einiges idyllischer sind, als in Deutschland. Aber bei weitem nicht problemlos. (Illustrationen aus dem Fleischatlas)
    Fleischatlas Tierzahlen D

Oliven, rezykliert

Oktober 28, 2013

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Wenn man schon paar Jahre bloggt, hat das den Vorteil, dass sich vieles wiederholt. Davon profitiere ich heute schamlos, bin grad auf und unter den Bäumen und empfehle deshalb dieses alte Artikeli. A presto con saluti!

The inconvenient true price of a pork chop

Oktober 24, 2013

Salami in the pgilet Last night I became an impulse buyer. The german magazine “Der Spiegel” had a most remarkable cover, a piglet with Salami inside. The title on the cover of the magazine translates “The Pork-System – How the Meatindustry is making us ill” (the german word “Schweinesystem” has an additional very negative metaphoric meaning, it suggests betrayal of the stakeholders in the system).

I’m writing this in English because the only free link to the article is the one to the english version and because I thought it might be interesting to see the leading german newsmagazines view for english speaking readers. For the Germanspeaking I have put it into Google-Translator, making it a journey from german via english back to german. This produces quite funny results: For example “Top-Genetik-Eber” becomes “Top-genetischen Wildschwein”.

Anyway, the article is not especially funny at all. It tells the successstory of the german pig-business. “Factory Farming: The True Price of a Pork Chop” is the title inside the magazine. Germany is producing 58 Mio. pigs a year. This makes the country the 3rd biggest exporter after China and the USA. And there’s a big domestic consumption: The roughly 82 Mio. germans eat 39 Kilos of pig meat a year in the average. 85 percent of the germans eat meat every day, four times as many as in 1850. So far so good for the meat industry. But the industrialisation of the business has a few dark sides (which are the same in many other countries):

  • The animals have to be absolute high performers. In the final four months of their half-year live they have to add 850 grams of weight a day. They live in tight spaces in growing stabulations. While the average farm had 101 animals only 20 years ago, this number has risen to 985 in 2012. There is though, some improvement in the animal welfare sector. The non-lactating sows have to be kept in groups, but only 73 percent of the farmers have implemented the new system yet.
  • The personnel in the slaughterhouse is payed lousily. They are not occupied by the slaugther enterprises but by eastern-europaen subcontractors that are paid by piece slaughtered. Result: 5.04 Euros an hour (before taxes). A trade unionist calls this “salary dumping”. If they were paid 12 Euros an hour, the Kilo Schnitzel would cost Euros 7.35 per Kilo instead of 7.10. Seems like nothing, but not in this system, where everything is counted down to the last dime.
  • The consumers get cheap meat but the costs are high: 50 Mio. m3 of liquid pig manure are threatening or already polluting their drinking water. The massive and partially preventive use of Antibiotics in the short life span of the pigs is producing resistant germs that will put their effect in humane medicine in danger. Last year 1746 tons of antibiotics were used in the german animal health sector. Double as much as for the use in human medicine. 40 Percent of the veterinarians working in the pig sector are carriers of resistant germs of the MRSA-Type.

And the farmers? Is the “Schweinesystem” good for them? It can be so from an an economical point of view, at least short and mid term. But I bet that many of them don’t like the way their animals are treated as industrial goods. And how they themselves are pressed into the logics of an industrial system that has become like a huge machine, which treats the farmer as a small wheel, who has to turn and grow or get lost. The number of pigfarms has gone down from 264000 to 28000 in 20 years. Maybe it’s time for a big emancipation movement. No farmer should ever forget, that no retailer, no butcher, no cheesemaker and no baker will ever be able to produce a kilo of meat, milk or wheat without his work.

Mindestlöhne: Nein, weil “Ja aber” nicht geht

September 29, 2013

Ernte im GemüsebauDiese Woche hat die Mindestlohninitiative Schlagzeilen gemacht: Der Ständerat empfahl sie klar zur Ablehnung. Das Volksbegehren des Gewerkschaftsbundes verlangt für eine 42-Stunden-Woche mindestens 4000 Franken, was einem Stundenlohn von 22 Franken entspricht. Die Annahme der Initiative beträfe auch die Landwirtschaft stark. In der Branche gilt derzeit ein Mindestlohn von 3170 Franken für eine 55-Stunden Woche. Umgerechnet müssten die landwirtschaftlichen Arbeitgeber neu über 5000 Franken bezahlen, eine Lohnerhöhung um rund zwei Drittel, wie der “Schweizer Bauer” in seiner Wochenendausgabe vorrechnete.

Die Diskussion der Initiative wirft zunächst einmal ein ziemlich ungünstiges Schlaglicht auf diverse Aspekte der Ökonomie im Hochpreisland Schweiz: Laut den Initianten verdienen 150 000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Berufslehre weniger als den von den Gewerkschaften geforderten Lohn (und das nota bene ohne 13. Monatslohn). Das ist umso störender, als dass das Existenzminimum von der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe auf gut 3800 Franken veranschlagt wird.

Was die Landwirtschaft angeht, ist die Lage etwas komplexer. Die Löhne hängen gerade in arbeitsintensiven Bereichen wie dem Gemüse- und Fruchtbau stark ab vom Preisniveau. Eine Lohnerhöhung bei den vorwiegend ausländischen Erntehelfern ist deshalb kaum realisierbar, ohne dass dieses steigt. Dass eine solche Erhöhung gegenüber dem Handel durchsetzbar wäre, daran glauben selbst die grössten Optimisten nicht. In der Tendenz werden die Preise ungeachtet der saisonalen und wetterabhängigen Schwankungen auch in Zukunft eher sinken oder im besten Fall stagnieren.

Nicht erstaunlich, dass die Gemüsebauern ihren Befürchtungen schon lautstark Ausdruck geben, zum Beispiel in einem Artikel im “Tages-Anzeiger”, den ich leider mangels Vorhandensein nicht verlinken kann. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass die Gemüseproduzenten mit dem aktuellen Mindestlohn an die Schmerzgrenze sind, eine moderate Erhöhung wäre sicher möglich. Auch weiss man, dass wie in jeder Branche Lohndrücker vorkommen, denen etwas Druck nicht schaden würde.

Eine Lohnerhöhung um 66 Prozent ist aber schon etwas des Guten zuviel. Zumal die drohenden Konsequenzen kaum im Sinne der häufig langjährigen und deshalb – so hört man und hofft, dass es stimmt – oft auch mehr oder weniger deutlich über dem Mindestlohn bezahlten ausländischen Arbeitskräfte lägen. Wenn ihre Arbeit durch gesetzliche Regelungen massiv verteuert würde, gingen fast sicher Stellen verloren, an denen Tausende von Existenzen in Weissrussland, Moldawien und der Ukraine hängen. Deshalb würde ich derzeit ein Nein in die Urne legen. Auch weil ein “Ja, aber” nicht geht. (Bild LID)

Der andere Ueli M. & der Pommes-Frites-Automat

September 14, 2013

FilmplakatGestern war mein alter Bekannter Ueli Maurer wieder einmal gross in den Schlagzeilen. Der ehemalige Bauersekretär, der heute im Bundesrat sitzt, hat den Verlegern im edlen Rahmen zu Interlaken (woher haben die eigentlich allem wirtschaftlichen Gejammer zum Trotz immer noch genug Geld und Zeit um so schick und so lange abzusteigen?) wieder einmal die Kappe gewaschen und ihnen kurz zusammengefasst empfohlen, die Zeitungen wegzuwerfen.

Der Zufall wollte es, dass ich am selben Tag einen anderen alten und fernen Bekannten traf, den Journalisten und Filmemacher Stephan Hille. Er arbeitet seit etwa vier Jahren an einem Film über Ueli Maurer, aber nicht den Bundesrat, sondern eben den anderen Ueli Maurer, Landwirt aus Wallisellen. Der bewirtschaftet nicht nur beträchtliche Flächen auf zwei Betrieben, sondern tüftelt auch seit rund 10 Jahren an einem Pommes-Frites-Automaten.

Hille ist durch einen kleine Nachricht in einem Regionalblatt auf Maurer, den “Chlütteri” aufmerksam geworden (Also Ueli, der Bundesrat: Zeitung doch noch nicht wegwerfen!). Der Auslöser für die Meldung war die Montage eines Pommes-Frites-Automaten an einer Tankstelle in Kleinandelfingen. Seit der Lektüre der Notiz wusste Hille, dass er “etwas” machen muss, über den Erfinder. Es begann mit zwei Reportagen im Wirtschaftsblatt Cash (selig) (PS: falsche Angabe, es waren Reportagen für Cash TV, auch selig) und endet vorläufig mit der Vorpremière für die Unterstützer des Films in der kommenden Woche.

Ich habe den Film noch nicht gesehen, aber der Trailer ist schon mal vielversprechend. Ein Mann mit einer Mission, der unter anderem in Dubai auf Werbetour geht und dabei wie schon immer, seit er mit dem Automat unterwegs ist, immer einen grossen Hammer und einen Schraubenschlüssel dabei hat. Warum er soviel Energie reinsteckt? Maurer ist, so erzählte mir die Partnerin des Filmemachers, laut eigenen Angaben ein Kartoffelproduzent mit Leidenschaft. Und es mache ihn fertig, dass viele Köche es fertigbrächten, die Kartoffel in den letzten zwei Minuten ihrer Existenz zu zerstören. Genau dieses Interesse an der Verarbeitung ihrer Produkte ist unter den Bauern (weniger unter den Bäuerinnen) noch viel zu wenig verbreitet. Dabei geht es auch um die Erhöhung der Wertschöpfung in der Vertikalen, um Margenanteile, deshalb kann ich Uelis Energieanfall für die frittierte Kartoffel nur unterstützen.

“Ich habe gerne Pommes-Frites”, so Maurer im Trailer. Da geht es mir genau gleich. Diesen Film werde ich mir nicht entgehen lassen, und die Portion Frites mit Mayo und Ketchup nachher ebenfalls nicht, hoffentlich aus Uelis Automat. Bin sehr gespannt, ob das wirklich funktioniert. Es würde mich freuen.

Agrentina (Epilog): Leute vom Land

September 10, 2013

Gaucho-NachwuchsArgentina, ich kanns nicht lassen. Nachdem ich noch einmal meine Texte und Bilder durchgeschaut hatte, schien mir alles ein bisschen technisch. Es fehlen noch ein paar Gesichter. Hier eine Gruppe von jungen Gauchos, die sich mächtig amüsierten über die Unmenge von Gringos, die plötzlich auf ihrem Betrieb einfuhr.

Buffetfrau auf der AutobahnraststätteEine Buffetfrau in der Autobahnraststätte. Tolle Atmosphäre, extrem nette Bedienung und viele Plakate für Stierenmärkte sind mir in Erinnerung geblieben.

Hector der GemüseproduzentGemüseproduzent Hector neben seiner Rucolaproduktion. Er investiert auch in Erdbeeren und Tomaten. In einem Spezialprogramm des staatlichen Beratungszentrums INTA ist er daran, seinen Pestizideinsatz zu vermindern.

SalzkuchenbäckerinEine Salzkuchenbäckerin in der Provinz Entre Rios nördlich von Rosario. Gemächlich lässt sie ihre Fladen bräunen. Ein Gaumenvergnügen so frisch ab dem Grill. Ansonsten konsumieren die Argentinier vor allem Weissbrot.

Zitronenhändler auf dem Engros-Markt von Mar del PlataZitronenhändler auf dem Engros-Markt in Mar del Plata. Argentinien ist der weltweit grösste Zitronenproduzent.

Direktverkäufer und Direktverkäuferin am StrassenrandEin Ehepaar mit einem schmucken Direktverkaufsstand an der Strasse zwischen Tandil und Buenos Aires. Natürlich haben wir degustiert, nicht ganz Alpsbrinzniveau aber gute Qualität.

Ladenbesitzerin am Stadtrand von Buenos AiresLadenbesitzerin am Stadtrand von Buenos Aires. Nur ein Beispiel für eines der zahlreichen wunderschön gestalteten Lebensmittelgeschäfte. Und die Glace: echt stark.

GauchoUnd zum Abschied mein letzter Gaucho, ohne Steigbügel und Sattel, aber mit einer Lockerheit unterwegs, von der die meisten hiesigen Hobbyreiter nur träumen können. Take care, young man.

Boliviagronomia (1): Das Fleisch und sein Preis

August 27, 2013

Metzgereischild in La PazSeit ein paar Tagen bin ich in Südamerika. Die ursprünglich geplante Argentinienreise konnte ich dank glücklicher Fügung und einem zufälligen Pausengespräch im Gartenrestaurant des FiBL um ein paar Tage in Bolivien erweitern (es lohnt sich eben, eine gute Kantine zu haben, liebe NZZ-Chefetage…).

Die Bolivianer sind, das wage ich jetzt einmal ohne Statistiken vorliegen zu haben, recht fanatische Fleischesser. Wann immer man einkehrt oder privat isst, gibt es zuerst Suppe und in der muss es Fleisch haben. Zum Hauptgang noch einmal, das ist keine Frage. Und dann meistens nicht zu knapp. Dies gilt auch für biologische Bauern. An einem Kongress zum nachhaltigen Landbau mit Agroforstsystemen kam ich am Vorabend in den Genuss der Vorbereitungen des Menus vom nächsten Tag. Auf dem Tisch lagen unter anderem 25 Poulets, Heerscharen von Würstchen, jede Menge Rindfleisch und mindestens eine ganze Sau.

Das dieser hohe Konsum nicht ohne Nebenwirkungen funktionieren kann, zeigte sich schon im Anflug auf die Landwirtschafts-Hochburg Santa Cruz de la Sierra, wo ich umsteigen musste auf dem Weg nach La Paz. Aus der Luft erkennt man die volle Wirkung der Agrarindustrie: Abholzung, gigantische Sojafelder und riesige Stallkomplexe, wo vor allem Hühner und Schweine gemästet werden. Die Beobachtungen waren nicht zufällig. Wer immer mir begegnete in den darauffolgenden Tagen bestätigte, dass mit dem Wald immer noch umgesprungen wird, als ob man ihn jederzeit problemlos ersetzen könnte und wenn man auf das Thema Tierhaltung zu sprechen kam, verdrehten alle die Augen.

Unterdessen bin ich in Argentinien angekommen. Als erstes ist mir ein Buch mit dem martialischen Titel: “Schlecht ernährt – wie uns die argentinische Agrarindustrie umbringt” in die Hand gefallen, das schon im Vorwort die exakt identischen Mechanismen schildert. Das mag etwas gar drastisch ausgedrückt sein. Aber die Fehlentwicklungen im südamerikanischen Primärsektor scheinen definitiv nicht nur ein Klischee zu sein.
Mal comidos en Argentina


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