Archiv für die Kategorie ‘International’

Kaum Zufall: ETH schon wieder Agrarökonomenlos

März 3, 2014

ETHDie ETH tut sich schwer mit der Agrarökonomie, zumindest was die Bestellung des unterzwischen einzigen Professorenpostens angeht. Nach dem Abschied von Bernard Lehmann zum Bundesamt für Landwirtschaft Mitte 2011 – er wurde dort Direktor – war der Posten während zwei Jahren verwaist. Im Juni 2013 nahm dann mit Pierre Mérel ein hoffnungsvoller Jungprofessor mit umfangreichem Palmarès seine Tätigkeit am Institut für Agrarökonomie auf.

Pierre MérelDer 38-Jährige hatte zuvor als Extraordinarius an der Agrar-Eliteuniversität in Davis, Kalifornien gewirkt. Mit viel Vorschusslorbeeren wurde er an der ETH begrüsst: „Mit seinen Forschungsarbeiten im Schnittbereich zwischen Agrar- und Umweltpolitik leistet Pierre Mérel wichtige Beiträge zur interdisziplinären Umweltentscheidungsforschung und zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Umweltbilanz. Seine Spezialgebiete umfassen aktuelle Themen wie Agrarproduktqualität, Wettbewerbs­politik und die Verwendung natürlicher Ressourcen auf regionaler Ebene. Mit der Berufung von Pierre Mérel verstärkt das Departement Umweltsystemwissenschaften seine Kompetenz in einem gesellschaftlich wichtigen Feld“, schrieb die ETH in einer Mitteilung anlässlich der Wahl.

Knapp ein Jahr nach seinem Stellenantritt im Juni 2013 muss man sich bereits wieder auf die Suche begeben, wie die ETH-Medienstelle auf Anfrage bestätigt: „Prof. Mérel hat seine Stelle gekündigt und wird die ETH Zürich auf das kommende Herbstsemester verlassen. Die ETH wird weiter auf dem Gebiet der Agrarökonomie forschen und lehren und das Forschungsfeld künftig eher noch ausbauen. Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin wird gesucht. Die Stelle wird in absehbarer Zeit ausgeschrieben“, schreibt die Hochschule auf Anfrage. Mérel kehrt unterdessen nach Davis zurück, wo man ihm seinen Stuhl offenbar warm behalten hat.

Auch wenn der abrupte Abgang Mérels offenbar auch familiäre Gründe hat, dürfte die klare Abwertung der Landwirtschaft an der ETH zum kurzen Gastspiel beigetragen haben. Das einst stolze Departement für Agrar- und Lebensmittelwissenschaften ist heute nur noch subalterner Bestandteil des hochtrabend benamsten Departement für Umweltsystemwissenschaften. Davis dagegen hat soeben zum wiederholten Male die Auszeichnung als weltbeste Agraruniversität erhalten, dort ist man stolz auf die über 100-jährige Tradition als Landwirtschafts- und Ernährungskompetenzzentrum. Man mag jetzt sagen, dass die Landwirtschaft in der Schweiz eine ungleich kleinere Bedeutung hat, als in den USA. Das muss aber für eine Top-Uni wie die ETH noch lange kein Grund sein, auf kleinbäuerlich zu machen, denn wenn man dasselbe in anderen Bereichen täte, wäre man kaum Nr. 12 weltweit.

PS. Dieses Primeurli hat ein schönes Medienecho ausgelöst, was mich natürlich gefreut hat. Hier ein paar Links:

http://www.bauernzeitung.ch/news-archiv/2014/03/04/eth-professor-fuer-agraroekonomie-geht-bereits-wieder.aspx

http://www.landwirtschaft.ch/de/aktuell/agronews/detail/article/2014/03/04/ethz-wieder-ohne-professor-fuer-agraroekonomie/

http://www.schweizerbauer.ch/politik–wirtschaft/agrarwirtschaft/eth-agraroekonomie-professor-geht-schon-wieder-14975.html

Sogar meiner guten alten Tante NZZ war die Geschichte am Donnerstag ein paar Zeilen wert:

ETH-Agrarökonomie ohne Professor
Kündigung nach 9 Monaten
 flo. · Die ETH Zürich bietet als einzige universitäre Hochschule in der Schweiz den Studiengang Agrarwissenschaft an, doch in der Agrarökonomie zeichnet sich beim einzigen noch verbliebenen Professorenposten eine erneute Vakanz ab. Der 38-jährige Professor Pierre Merel hat seine Mitte 2013 angetretene Stelle gekündigt, wie die ETH eine Mitteilung des Agrarjournalisten Adrian Krebs bestätigt. Merel kehrt zu seinem vorherigen Arbeitgeber zurück, an die University of California in Davis. Die Stelle wird wieder ausgeschrieben. Der Lehrstuhl für Agrarökonomie war bereits vor Merels Amtsantritt für rund zwei Jahre verwaist, nachdem Vorgänger Bernhard Lehmann als Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft nach Bern gewechselt hatte.

Dank allerseits!

Winterkuhkontrastprogramm

Januar 22, 2014

Kühe im SchneeIm Winter kriege ich eher weniger Kuhbilder, aber ein paar Ausnahmen gibt’s zum Glück schon, wie zum Beispiel Monika, die es geschafft hat, in einem quasi schneefreien Winter Kühe im Schnee abzulichten (und zwar in Rothenturm, keineswegs hochalpin also)…

Neuseelandkühe…oder Eveline, die kürzlich aus Neuseeland Bilder schickte (500er Stall mit 16 Melkrobotern immerhin) und mit mir einen Quiz gemacht hat, woher die Bilder wohl kommen und ich natürlich voll daneben lag (Ostdeutschland schätzte ich)….

Kühe am Beach…oder Ruth, die in Andalusien Kühe und einen stattlichen Toro am Beach fotografiert hat und ganz erstaunt war, wieviele davon behornt sind (im Hintergrund übrigens dort nicht etwa Schnee sondern Ferienhüslikrebs). Herzlichen Dank, Euch allen! (Bilder Monika Schlatter, Eveline Dudda, Ruth Hofmann)

Facebookpuzzle gibt Bauernfamilien ein Gesicht

Januar 7, 2014

Familie SprungerDer Schweizerische Bauernverband (SBV) hat hier von mir ja schon viel Fett abgekriegt, drum hat er jetzt auch mal ein bisschen Balsam verdient. Wie Sie, liebe Leserinnen ja vielleicht wissen, stehen wir schon mitten im internationalen Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe. Diese produzieren immerhin 70 Prozent der Nahrungsmittel weltweit, gleichzeitig sind 60 Prozent der Armen weltweit Bauern und Bäuerinnen.

Aus Anlass dieses für einmal sehr gerechtfertigten Sonderjahres hat der SBV 27 Mitgliederfamilien gesucht, die auf Facebook aus ihrem Alltag berichten. Hier finden sich alle Betriebe auf einen Blick und hier gibt’s noch etwas mehr Hintergrundinfo.

Familie Jost AlpabzugIch hab mich ein bisschen umgeschaut auf diesen Seiten. Die Einblicke sind interessant, rührend, überraschend, herzig, aufschluss- und abwechslungsreich. Alles reich illustriert und dies teilweise gar mit bewegtem Bild, so gibt’s zum Beispiel bei Familie Jost aus Obergesteln im Goms für Technikfreunde ein Filmli mit Schnneräumung zwischen Hof und Miststock und bei Familie Pfister aus Bözen ein sehenswertes Video auf dem die Jungbäuerin Vieh füttert. Ich muss sagen, mir gefällt das, auch wenn die Zahl der Betriebe mit 27 vielleicht etwas hoch ist, um die Sache flächendeckend zu verfolgen. Wobei, es musste föderalistisch korrekt jeder Kanton berücksichtigt sein (einer offenbar sogar zweimal, wer rausfindet welchen kriegt von mir einen kleinen Preis) und vermutlich wird es bei der Leserschaft regionale Vorlieben geben.

Michaela Gassers VorstellungInteressant zu sehen ist, was die Bauernfamilien berichtenswert finden. Sehr beliebt war gestern ein Porträt mit der mittels Kuchen frisch gekürten Königin. Hier ist jemand am Bäume schneiden, dort klebt eine Tochter des Hauses einen Kleber hinten auf ein Auto, hüben wie drüben werden Männerchor- und Turnvereinstheater beworben, Kinder in Trachten gezeigt und mit aufschlussreichen Charakterbeschreibungen porträtiert. Die meisten Familien scheinen richtig Freude zu haben, immer wieder neue Entdeckungen zu präsentieren und dabei haben sie gecheckt, dass das Alltägliche meistens das Spannendste ist. Emsig wird hie und da auch schon kommentiert und repliziert. Bin gespannt auf die Fortsetzung, da werden sich im Lauf des Jahres interessante Puzzles ergeben. Hoffe, dass die Urbanistas auch reinschauen, weil man hier dies- und jenseits der Klischees mehr erfahren kann über die Vielgestaltigkeit der schrumpfenden landwirtschaftlichen Bevölkerung.

Zum Zug kommen in diesem Bilderbogen übrigens auch je eine Familie aus Bolivien, Honduras und Kirgistan, ein Produkt der Zusammenarbeit des SBV mit Helvetas und Swissaid. Das wirkt für mich nocht etwas Feigenblattmässig aufgesetzt, um doch noch ein bisschen zu motzen, aber auch das kann noch werden. Bin mir allerdings nicht sicher, ob SBV-Vizedirektor auch an die Familienbetriebe in der dritten Welt dachte, als er – das musste natürlich sein – bei der Lancierung der Verbandsaktivitäten zum Sonderjahr noch etwas Werbung machte für die “Initiative für Ernährungssicherheit”. Womit wir wieder beim Fett wären, aber das kann jetzt noch ein bisschen warten. (Alle Bilder von den Facebook-Seiten der Bauernfamilien)
Familie Sprunger Porträt

All european Ladies in a Competition

Dezember 13, 2013

WettbewerbskuhSind Sie im Weihnachtsstress? Ich hoffe es nicht, auszuschliessen ist es aber ebensowenig. Ich hätte da einen kleinen Tipp. Ein nicht mehr ganz neues aber nichtsdestotrotz tolles Buch namens “All Ladies. Kühe in Europa”. Damit können sie nicht nur eineN KuhfreundIn beglücken (davon gibt es mehr als man meinen könnte), sondern auch sich selber in einen – falls nötig – entspannteren Zustand versetzen.

Der 128-seitige Band zeigt und beschreibt 50 Kuhrassen aus 25 europäischen Ländern. Die deutsche Fotografin Ursula Böhmer hat sie zwischen 1998 und 2011 abgelichtet. Das Langzeitprojekt hat sich gelohnt. Diese Kuhbilder laufen für mich unter Fotokunst. Die Porträts zeigen die Abgelichteten im Augenkontakt mit der Kamera, stoisch, aufmerksam, manchmal leicht überrascht, aber immer irgendwie würdevoll, gelassen und geerdet. Nicht die schlechtesten Zustände, vor und nach Weihnachten.

Schweden FjällrasUm das zu illustrieren habe ich ein paar Bilder ausgewählt.  Dieses hier zum Beispiel zeigt ein Exemplar der schwedischen Fjällras, was nichts anderes heisst als, so würde ich mit meinen rudimentären Schwedischkenntnissen vermuten, Fellrasse.

Griechenland KateriniDieses Bild zeigt ein griechisches Rind von der Rasse Katrini. Sie entspricht nicht grad dem züchterischen Ideal des durchschnittlichen Schweizer Milchproduzenten, aber ist sicher gut angepasst an das karge griechische Klima und doch einfach ein schön anzuschauendes Tier.

WettbewerbskuhSie werden sich jetzt vermutlich fragen, zu welcher Rasse die zuoberst stehende Kuh gehört. Das könnte ich Ihnen schon sagen, ist aber Gegenstand eines Wettbewerbs, bei dem Sie liebe Leserin, lieber Leser, ein Exemplar von “All Ladies” gewinnen können. Vielleicht ein paar Tipps, die Herkunft ist eher südeuropäisch, die Farbe kommt im Namen vor, sie ist ausdauernd und genügsam, noch immer verbringen viele Rassengenossinnen den Sommer in den Bergen. Einst wurde die Gesuchte als Zugtier eingesetzt, heute eher in der extensiven Fleischproduktion. Antworten bitte in die Kommentarspalte, viel Glück! (Alle Bilder Ursula Böhmer, vielen Dank fürs Scowting an Johanna Probst)

PS. In Berlin sind die Ladies zurzeit ausgestellt. Eine sehr sehenswerte Show in einer sehr pittoresken Umgebung in Neukölln. Der Stadtteil hat zwar nicht grad den besten Ruf, aber das Museum ist würde ich sagen, allein die Reise wert. Es ist im ehemaligen Pferdestall eines wunderschönen Gutsbetriebs untergebracht, wirklich prächtig. Zum Glück war ich zufälligerweise zur Vernissage in Berlin und konnte ein paar Worte mit Ursula Böhmer wechseln und sie sogar noch vor einem ihrer Bilder ablichten. Wer nicht extra nach Berlin fahren mag, sollte übrigens im Frühling Gelegenheit kriegen, die Kuhbilder in Zürich zu bestaunen. Die Infos dazu folgen hier, sobald ich sie habe.
Ursula Böhmer

Ouganda: “Une scène classique qui m’a frappée”

Dezember 3, 2013

Ouganda Transport de Lait 4Meine liebe Agrarjournalistenkollegin Claire Muller von “Terre et nature” hat mir diesen interessanten Artikel zukommen lassen. Unten finden Sie eine etwas gekürzte Übersetzung, herzlichen Dank Claire, spannend!

“Ce matin-là, Enos arrive parmi les derniers au local de coulage de lait. Il n’habite pourtant qu’à 2 km de la laiterie coopérative. Pendant que le responsable transvase sa livraison dans le tank après l’avoir filtrée, Enos échange quelques mots avec d’autres producteurs, tout en partageant une tasse de thé, devant le mur où sont affichées les mesures d’hygiène de traite élémentaires. Le sujet du jour? Le prix du lait, à la baisse depuis plusieurs semaines. Le ton monte, les visages s’animent. Fenêtres grandes ouvertes et radio à fond un camion arrive soudain. Il vient d’effectuer une tournée dans les fermes éloignées.

Cette scène aurait pu se dérouler chez nous, en Suisse, dans n’importe quel village. Mais je l’ai vécue à 9000km d’ici, en Afrique équatoriale, plus exactement en Ouganda. Malgré la distance et les différences culturelles, cette scène (trop) classique m’a frappée. Quelle similitude avec ce dont je suis témoin quotidiennement chez les producteurs laitiers suisses! Même sentiment d’injustice et d’impuissance, même impression de travailler dur, de se lever tôt de se coucher tard pour un salaire frolant parfois l’indécence, même déprise d’un produit devenu de consommation courante.

Enos Habyarimania me raconte qu’il possède huit vaches, et que pour la région, c’est beaucoup. Il est arrivé à vélo, une cordelette maintenant la boille à lait sur son porte-bagage. Ce matin, il a livré dix-huit litres. Le laitier l’a soigneusement noté dans un épais cahier, après avoir contrôlé l’absence d’eau rajoutée dans la livraison d’Enos. Cette semaine, Enos sera rémunéré à hauteur de 500 shillings ougandais/litre, soit 0,18 francs suisses. Le lait constitue près des deux tiers du revenu d’Enos et de sa famille. Alors la moindre fluctuation baissière est difficile à encaisser.

En parallèle, Enos et son épouse travaillent quotidiennement dans leurs plantations de 1,2 hectares de pois, de maïs, de sorgho et de manioc, qu’ils cultivent pour leur propre consommation et dont ils commercialisent les surplus au marché. A 25 ans, il ne se plaint guère de son quotidien. Il entretient même un bon espoir de voir sa situation s’améliorer. C’est que dans sa région, le sud ouest de l’ouganda, les producteurs s’organisent. La coopérative qu’ils ont créé vient de racheter le tank à lait à l’industriel qui le détenait jusqu’alors. “Nous allons être plus forts dans les négociations”, se réjouit Enos, qui me glisse encore que le rapport de force pourrait bien être en train de changer. Il est 9h, Enos enfourche son vélo et rentre chez lui.

Suite à son voyage en Ouganda organisé par la Fédération internationale des Journalistes Agricoles (IFAJ) et l’ONG néerlandaise Agriterra, Claire Muller publiera dans le courant du premier trimestre 2014 plusieurs articles sur l’agriculture ougandaise et les suisses qui sont partis là-bas.”

Ouganda Transport de Lait 2
Uganda : “Eine klassische Diskussion, die mich frappiert hat”

“An diesem Morgen kommt Enos als einer der letzten zur Milchsammelstelle, dabei wohnt er nur 2km von der Milchgenossenschaft entfernt. Während der Verantwortliche seine Lieferung filtriert und in den Tank leert, wechselt Enos einige Worte mit den anderen Produzenten, dazu trinken sie Tee vor der Mauer, wo die Hygienemassnahmen angeschlagen sind. Das Thema des Tages? Der Milchpreis, der seit einigen Wochen sinkt. Die Lautstärke der Diskussion nimmt zu, während der Sammellastwagen mit offenen Fenstern und Radio auf voller Leistung vorfährt.

Diese Szene könnte sich in jedem beliebigen Schweizer Dorf abspielen. Aber ich habe sie 9000 km von hier entfernt erlebt, in Uganda. Trotz der Distanz und den kulturellen Unterschieden, hat mich diese (zu) klassische Szene frappiert. Welche Parallele zu dem, was ich in meinem Alltag bei den Schweizer Milchproduzenten erlebe! Das gleiche Gefühl von Ungerechtigkeit und Machtlosigkeit, das gleiche Gefühl, hart zu arbeiten, früh aufzustehen und spät ins Bett zu gehen für einen erbärmlichen Lohn, die gleiche fehlende Wertschätzung für das Produkt.

Enos erzählt mir, dass er acht Kühe besitzt, und das sei viel für die Gegend. Er ist mit dem Fahrrad gekommen, die Milchkanne hat er mit einem Seil auf dem Gepäckträger befestigt. Diesen Morgen bringt er 18 Liter. Der Molkerist hat die Menge sorgfältig in einem Heft notiert, nicht ohne vorher geprüft zu haben, ob kein zusätzliches Wasser beigefügt worden ist. Diese Woche erhält Enos 500 Uganda-Shilling pro Liter, das sind 18 Rappen (also rund 100 Franken pro Monat). Die Milch liefert zwei Drittel von Enos Einkommen. Die kleinste Preissenkung ist deshalb schwierig hinzunehmen.

Daneben produzieren Enos und seine Frau auf ihren Äckern mit einer Fläche von 1,2 Hektaren Erbsen, Mais, Hirse, Maniok für den Eigenverbrauch und den lokalen Markt, wenn etwas übrig bleibt. Der 25-jährige beschwert sich nicht über seinen Alltag. Er hegt sogar Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation. Im Südosten Ugandas organisieren sich die Bauern. Die von ihnen gegründete Genossenschaft hat soeben den benützten Milchtank kaufen können. „Das wird unsere Verhandlungsposition stärken“, freut sich Enos. Die Kräfteverhältnisse würden sich dadurch verändern, ergänzt er noch, bevor er sich um 9 Uhr mit seinem Fahrrad auf den Heimweg macht.

Nach ihrer Ugandareise, die von der International Federation of Agricultural Journalists (IFAJ) und der holländischen NGO Agriterra organisiert wurde, wird Claire Muller in den nächsten Monaten einige Artikel über die Landwirtschaft in Uganda und verschiedene Schweizer, die dorthin ausgewandert sind, publizieren.”
Ouganda Transport de Lait 1

Weidetörli der 3. Art, diesmal von down under

November 21, 2013

Neuseeland Weidetor 1aEs schneit zwar grad kräftig und an Weide denken langsam selbst die grössten Optimisten nicht mehr. Nun ist die Welt ja gottseidank klimatisch vielgestaltig und es gibt Leute die antizyklisch reisen und sich den Sommeranfang in der südlichen Hemisphäre, die zum Glück auch noch an mich denken. Meine Agrarjournalisten-Kollegin Eveline Dudda weilt derzeit in Neuseeland und hat sich an meine sporadisch auftauchende Weidetoreserie erinnert. Das Resultat ist sehr interessant. Sie schickte mir die Bilder von zwei Toren der besonderen Art: Das eine soll den Wald schützen und das andere die Fauna und Flora. Aber ich gebe das Wort am besten gleich ihr selber:

Neuseeland Weidetor 1c“No 1: Das Desinfektions-Weidetörli aufgenommen im Shakespeare-Regionalpark, auf einer Halbinsel unweit von Auckland, NZ. Diese Art Weidetörli trifft man hier gleich mehrfach an. Die Durchgehenden Richtung Wald werden gebeten, die Schuhe zu reinigen und zu desinfizieren. Der Grund ist eine Krankheit des wohl ältestens Baums der Welt, des Kauri. Diejenigen Exemplare, die die Einwanderer in den letzten paar hundert Jahren nicht abgeholzt haben um Platz für die Rinder und Schafe zu schaffen (und das sind höchstens 3 Prozent des ursprünglichen Urwalds) leiden unter einem Syndrom namens Kauri-Dieback.

Neuseeland Weidetor 1bDer Erreger scheint etwas ähnliches zu sein wie Feuerbrand und man versucht ihn aus meiner Sicht etwas hilflos im Schach zu halten oder die Leute wenigstens darauf aufmerksam zu machen. Die rund Tausende Schafe und mehrere Dutzend Rinder auf dieser Halbinsel müssen ihre Klauen übrigens nicht desinfizieren, weil sie ja nur die Weiden wechseln, aber nicht in den Busch gehen. Der ist hier strikt eingezäunt und bestens geschützt.

Neuseeland Weidetor 2bNo 2: Das Pest-Schutztörli ist etwas weniger für den Nachbau geeignet, denn es ist technisch aufwendiger gestaltet und eher mehr als nur ein Törli. Ich würde mindestens Tor dazu sagen, um nicht zu sagen: Festtungstor und von daher in der Schweiz sicher bewilligungspflichtig. Auch die Variante für die Fussgänger ist nicht ohne Raffinessen. Was wie ein Zugang zu einer militärischen Anlage aussieht, ist in Wirklichkeit ein Schutz der dahinterliegenden Weiden und Wälder vor der Pest.

Neuseeland Weidetor 2dMit Pest sind in NZ alle invasiven Tierarten gemeint, die man mehr oder weniger bewusst eingeschleppt hat und die der natürlichen Vielfalt ziemlich zugesetzt haben: Ratten, Chüngel, Hermeline, Mäuse um nur ein paar davon zu nennen, kannte man früher auf NZ nämlich nicht. Deshalb legen mehrere Vögel z.B. das Nationaltier der Neuseeländer, der Kiwi, noch immer sorglos ihre Eier in Erdhöhlen oder am Boden ab, wo sie von Ratten, Hermelinen, Hunden etc. gefressen werden. Die Neuseeländer, die sich übrigens selbst Kiwis nennen, haben vor einigen Jahren angefangen einzelne Gebiete, i.d. Regel Inseln oder Halbinseln von diesen Einwanderern zu befreien indem sie sie mit Fallen fallen und mit Ködern vergiften und natürlich jeglichen Neuzugang zu verhindern suchen.

Neuseeland Weidetor 2cDer Aufwand ist riesig! Dieses Tor gehört zu einer schätzungsweise 100 bis 200 Hektar grossen Halbinsel welche mit einem 1,7 km langen Hag (dichtmaschig, eingegraben, mit Dach etc.) vom Festland abgeriegelt wurde. Alle paar Meter steht rechts und oft auch noch links vom Hag eine Falle, die natürlich regelmässig kontrolliert und immer wieder neu bestückt wird. Auch innerhalb des Geländes sind tausende von Fallen aufgestellt und Giftköder ausgelegt. Egal wo man sich im Park auch aufhält, wenn man sich einmal um die eigenen Achse dreht wird man immer ein bis zehn farbige Bänder an Bäumen, oder Farbmarkierungen an Pfosten sehen können, die eine Falle oder einen Köderstandort markieren. Wenigstens scheint sich der Erfolg einzustellen, nächstes Jahr soll hier der Kiwi wiederangesiedelt werden. Ich muss hier komischerweise immer wieder an die Koexistenzverordung denken. Dabei hat das ja überhaupt keinen Zusammenhang. Denn das mit den gentechnischen Mutationen hat man ja im Griff. Oder?”

Eveline wäre nicht Eveline wenn sie nicht mit einer knackigen Frage aufhören würde. Ich nehme jetzt mal an, dass sie rhetorisch gemeint war und verzichte auf die Antwort und danke herzlich für Bild und Text! (Bilder Eveline Dudda)
Neuseeland Weidetor 2a

“Glyphosat macht Baby tot.” Ja, das darf man

November 1, 2013

Glyphosat-BabyNach den Ferkeln kürzlich nochmal kurz nach Deutschland: Auch die bäuerliche Szene kann Shitstorm. Seit etwa zwei Tagen tobt auf Twitter und Youtube, in Zeitungen und auf Lobbyportalen agrarische Empörung.  Auslöser ist ein Video des deutschen Bundes für Umwelt und Naturschutz (kurz Bund). Mit diesem Filmchen (oben ein Still unten das Video) illustriert die NGO eine neue Kampagne unter dem Titel “Pestizide. Hergestellt um zu töten“. Im Visier hat Bund dabei primär Glyphosat (besser bekannt unter dem Monsanto-Markennamen Roundup).  Mit der Kampagne will der Bund erreichen, dass der Einsatz von Glyphosat in Hausgärten und die sogenannte Sikkation auf Bundesebene verboten werden. Dabei handelt es sich um die Behandlung von Kulturen kurz vor der Ernte, um so die Abreife zu beschleunigen.

Das Video ist keine Minute lang und zeigt kurz zusammengefasst, wie halb in der Erde eingegrabene Babys zuerst fröhlich mit Dreck und Stecklein spielen, nur um kurz darauf nach drohendem Grollen von einem Sprühflugzeug überflogen und eingenebelt zu werden. Dann der Titel der Kampagne: Pestizide. Hergestellt um zu töten.

Ist das geschmacklos? Ja, indirekt wirft der Bund den Bauern vor, mit ihren Praktiken Babys zu töten. Das ist ein ziemlich starkes Stück, ist doch bis heute ein fundierter Beweis noch ausstehend, dass Glyphosat effektiv Embryonen schädigt. Soweit ich im Bild bin, setzt die Mehrheit der Landwirte Pestizide so ein, dass sie damit weder sich selber noch die Umwelt schädigen, oder sie streben dies zumindest an. Zudem darf man dem Bund und den pestizidkritischen Konsumenten getrost unter die Nase reiben, dass eine Lebensmittelproduktion ohne Pestizide teurer ist. Und dass trotz dem Vorhandensein der Alternative, nämlich Bio, nur eine mickrige Minderheit bereit ist, mehr zu zahlen, um die eigenen Babys zu schützen. Erwähnen muss man in diesem Zusammenhang auch, dass selbst in Bio-Kreisen umstritten ist, ob es möglich wäre, die Welt mit Bio alleine zu ernähren.

Darf man trotzdem eine solche Kampagne machen? Ja, klar. Solange es der Industrie erlaubt ist, mit verharmlosender Propaganda so zu tun, als ob der Profit das nebensächlichste der Welt wäre (wie zum Beispiel hier) und als ob sie stattdessen prioritär die Welt retten und umfassend ernähren möchte, wird es auch einer NGO noch erlaubt sein, polemische PR zu betreiben. Ganz argumentenfrei steht der Bund nämlich keineswegs da, (obwohl man natürlich der Gerechtigkeit halber erwähnen muss, dass auch der Bund Geld verdienen muss, um seine Geschäftsstelle und Kampagnen zu finanzieren). Eine kürzliche Untersuchung des Verbands hat gezeigt, dass 70 Prozent der Urinproben von Konsumenten aus 18 europäischen Städten Glyphosat enthalten. Zudem gibt es zweifelsfrei Probleme mit dem massierten Einsatz des Produkts, vor allem in den Weltgegenden, wo es flächendeckend zum Einsatz kommt, zum Beispiel in Argentinien, wo sich ganze Dörfer im Protest gegen die rücksichtslose Applikation von Glyphosat aus der Luft wehren. Die Pueblos Fumigados (gespritzte Dörfer) sind zu einer kraftvollen Bewegung geworden, die auf dem besten Weg sind, Erfolge zu erringen, zum Beispiel grössere Sicherheitsabstände zwischen bewohnten Gegenden und gespritztem Kulturland. Diese Terraingewinne wurden nur möglich wegen offensichtlicher Zunahme von Gesundheitsschädigungen, zum Beispiel diverse Krebstypen und Fehlgeburten. Daran sind auch wir hier mitbeteiligt, gehört Europa doch zu den grossen Abnehmern lateinamerikanischer Soja.

Also, liebe empörte Bauern und Industrievertreter, nach Abebben der grössten Aufregung empfehle ich, die Energie für die Verminderung und die Verbesserung des Pestizideinsatzes sowie für den Ersatz der Importsoja durch einheimische Eiweissträger einzusetzen (gilt übrigens für die Schweizer Branche genauso). Das Video des Bund wird Euch vorkommen wie ein mildes Herbst-Lüftchen gegenüber dem Orkan, der sich erheben wird, sobald die erste Missbildung eines Embryos durch Glyphosat wissenschaftlich belegt ist.

Oliven, rezykliert

Oktober 28, 2013

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Wenn man schon paar Jahre bloggt, hat das den Vorteil, dass sich vieles wiederholt. Davon profitiere ich heute schamlos, bin grad auf und unter den Bäumen und empfehle deshalb dieses alte Artikeli. A presto con saluti!

The inconvenient true price of a pork chop

Oktober 24, 2013

Salami in the pgilet Last night I became an impulse buyer. The german magazine “Der Spiegel” had a most remarkable cover, a piglet with Salami inside. The title on the cover of the magazine translates “The Pork-System – How the Meatindustry is making us ill” (the german word “Schweinesystem” has an additional very negative metaphoric meaning, it suggests betrayal of the stakeholders in the system).

I’m writing this in English because the only free link to the article is the one to the english version and because I thought it might be interesting to see the leading german newsmagazines view for english speaking readers. For the Germanspeaking I have put it into Google-Translator, making it a journey from german via english back to german. This produces quite funny results: For example “Top-Genetik-Eber” becomes “Top-genetischen Wildschwein”.

Anyway, the article is not especially funny at all. It tells the successstory of the german pig-business. “Factory Farming: The True Price of a Pork Chop” is the title inside the magazine. Germany is producing 58 Mio. pigs a year. This makes the country the 3rd biggest exporter after China and the USA. And there’s a big domestic consumption: The roughly 82 Mio. germans eat 39 Kilos of pig meat a year in the average. 85 percent of the germans eat meat every day, four times as many as in 1850. So far so good for the meat industry. But the industrialisation of the business has a few dark sides (which are the same in many other countries):

  • The animals have to be absolute high performers. In the final four months of their half-year live they have to add 850 grams of weight a day. They live in tight spaces in growing stabulations. While the average farm had 101 animals only 20 years ago, this number has risen to 985 in 2012. There is though, some improvement in the animal welfare sector. The non-lactating sows have to be kept in groups, but only 73 percent of the farmers have implemented the new system yet.
  • The personnel in the slaughterhouse is payed lousily. They are not occupied by the slaugther enterprises but by eastern-europaen subcontractors that are paid by piece slaughtered. Result: 5.04 Euros an hour (before taxes). A trade unionist calls this “salary dumping”. If they were paid 12 Euros an hour, the Kilo Schnitzel would cost Euros 7.35 per Kilo instead of 7.10. Seems like nothing, but not in this system, where everything is counted down to the last dime.
  • The consumers get cheap meat but the costs are high: 50 Mio. m3 of liquid pig manure are threatening or already polluting their drinking water. The massive and partially preventive use of Antibiotics in the short life span of the pigs is producing resistant germs that will put their effect in humane medicine in danger. Last year 1746 tons of antibiotics were used in the german animal health sector. Double as much as for the use in human medicine. 40 Percent of the veterinarians working in the pig sector are carriers of resistant germs of the MRSA-Type.

And the farmers? Is the “Schweinesystem” good for them? It can be so from an an economical point of view, at least short and mid term. But I bet that many of them don’t like the way their animals are treated as industrial goods. And how they themselves are pressed into the logics of an industrial system that has become like a huge machine, which treats the farmer as a small wheel, who has to turn and grow or get lost. The number of pigfarms has gone down from 264000 to 28000 in 20 years. Maybe it’s time for a big emancipation movement. No farmer should ever forget, that no retailer, no butcher, no cheesemaker and no baker will ever be able to produce a kilo of meat, milk or wheat without his work.

Die schonungslose Agraussensicht der Ökonomen

Oktober 17, 2013

OECD-Stützung totalEin aufmerksamer Kollege hat mir dieser Tage den neuesten Bericht zur Schweizer Landwirtschaft aus der Küche der OECD zugesteckt. Er heisst The Agri-food Situation and Policies in Switzerland. Das im September erschienene Papier hat weder Primeurcharakter noch hat es bei seiner Veröffentlichung vor einigen Wochen irgendwelche grösseren Wellen geschlagen, einmal abgesehen von einer kurzen Agenturmeldung.

Das dürfte damit zu tun haben, dass sich selbst die wirtschaftliberalsten Beobachter der Schweizer Agrarszene mittlerweile ins Schicksal gefügt haben, das da lautet: Die Schweiz leistet sich ungeachtet des Systemwechsels von der Stützung der Produktepreise zu den Direktzahlungen einen der fünf teuersten und ineffizientesten Primärsektoren der OECD-Welt. Das ist nichts Neues, und doch tut es ab und zu gut, einen Blick auf solche Berichte zu werfen. Sie liefern den schonunglosen Aussenblick aus ökonomischer Sicht.  Der Schweizer Agrarsektor sei die Achillesferse der Schweizer Wirtschaft, die Belastung der Staatskasse hoch, die wirtschaftliche Bedeutung ebenso gering wie die Arbeitsproduktivität und so weiter und so fort.

Ich empfehle dieses Papier einem jeden Freund und jeder Freundin der Schweizer Landwirtschaft zur Lektüre weil es hilft zu verstehen, wie die Mehrheit der Schweizer vermutlich denken wird, wenn die verwandtschaftlichen und mentalen Stadt-Landbande weiter abnehmen und die Urbanisierung im gleichen Mass wächst. Die Leserumfrage, welche das Onlineportal von “20 Minuten” anlässlich der Präsentation der Zahlen gemacht hat (über 15’000 TeilnehmerInnen), ist ein erster kleiner Schuss vor den Bug: Eine klare Mehrheit von 54% der tendenziell jungen Leserschaft sagt auf die Frage “Finden Sie es richtig, dass die Schweizer Bauern so viele Subventionen erhalten?”: Nein.

Der Bericht ist überdies hoffentlich heilsame Medizin für all diejenigen, welche die umfangreiche Unterstützung durch Steuerzahler und Konsumentinnen mit an Selbstherrlichkeit grenzender Selbstsicherheit für alle Ewigkeit als garantiert selbstverständlich betrachten.


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