Archiv für die Kategorie ‘International’

Einer der gefährlichsten Arbeitsplätze der Welt

Mai 14, 2013

Paysannes congolaisesBäuerin sein ist in Afrika kein Zuckerschlecken. Das ist nichts Neues, aber die jüngste Ausgabe der “Voix du paysan congolais” zeigt dies wieder einmal drastisch. Im Nachgang zum internationalen Tag der Frau am vergangenen 8. März, der inhaltlich auf den Kampf gegen Gewalt an Frauen fokussierte, widmet das Blatt der Situation der Landfrauen in der Demokratischen Republik Kongo (RDC) ein ausführliches Dossier (Seiten 10 bis 13). Mehrere Frauen aus ländlichen NGOs kommen zu Wort und ziehen in nüchternen Aufzählungen, die fast vollumfänglich übereinstimmen eine verheerende Bilanz über die mannigfaltigen Formen der Gewalt, denen die Bäuerinnen, die wie überall in Afrika den grössten Teil der Nahrungsmittel produzieren, ausgesetzt sind. Hier eine kleine Zusammenfassung: 

  • Körperliche Gewalt: Diese fängt an mit der Feldarbeit. Wegen fehlender Mechanisierung und Infrastruktur verrichten die Frauen schwere körperliche Arbeit, tragen schwere Lasten und legen damit grosse Distanzen zu Fuss zurück.
  • Häusliche Gewalt: Nach der Feldarbeit wartet der Haushalt, wo die gesamte Arbeitslast inklusive Kinderbetreuung auf den Schultern der Frauen lastet. Der Mann ist in der patriarchalischen Familienstruktur der absolute Herrscher und verlangt freie sexuelle Verfügbarkeit der Frau nach dem 14-Stunden Arbeitstag und bei Bedarf mitten drin. Prügelstrafen “zur Erziehung der widerspenstigen Frau”, wie es eine der Autorinnen formuliert und für die Kinder sind an der Tagesordnung und sorgen in vielen Haushalten für ein Klima der permanenten Angst. Stirbt der Tyrann, ist die Frau gehalten, einen der Brüder des Mannes zu heiraten.
  • Sexuelle Gewalt: Die RDC ist namentlich im Osten des Landes seit zwei Jahrzehnten von kriegerischen Konflikten geprägt. Die Frauen auf den Feldern sind für marodierende Soldaten und Rebellen Freiwild, Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung. In gewissen Regionen sind über 90 Prozent der Frauen mindestens einmal vergewaltigt worden. Diese Situation beschränkt sich nicht aufs Kriegsgebiet im Kivu. Eine Frau schildert, wie sie unweit der Hauptstadt Kinshasa knapp einer Vergewaltigung durch einen Militärpolizisten entgeht und dieser dank verzweifelten Hilferufen schliesslich verhaftet wird. Zwei Tage später begegnet sie demselben “Monsieur”, der auf freiem Fuss seinen Geschäften nachgeht.
  • Wirtschaftliche Gewalt: Frauen fehlt die landwirtschaftliche Macht, weil sie kaum je Besitzerinnen des Landes sind, das sie bebauen. Innerhalb der Familien wird in der männlichen Linie vererbt. Das auf Märkten hart verdiente Geld wird von den Männern oft entwendet und ausserfamiliär verprasst. Ausserhalb der Familienstrukturen wird Land nach Belieben enteignet oder beschlagnahmt, oft durch Behördenvertreter, die - wiederum durch Gewalt aller Art - schlecht oder nicht legitimierte Besitzansprüche erheben. 
  • Politische Gewalt: Frauen sind in politischen Gremien, auch landwirtschaftlichen, notorisch schlecht vertreten, obwohl sie als Produzentinnen um Welten wichtiger sind als die Männer. Ihre Rechte, dort wo sie festgeschrieben sind, vermag der schwache Staat nicht durchzusetzen, seien es die elementaren Menschenrechte oder diejenigen auf Besitzstandswahrung. 
  • Psychische Gewalt: Die Landfrauen sind insgesamt faktisch rechtlos, auf Grund von Angst und mangelndem Wissen verzichten sie in 99,97 Prozent der Übergriffe auf eine Anzeige ihrer Peiniger, wie Justin Kakesa in einem Interview in der “Voix” (siehe Seite 11 im Blatt) vorrechnet. Die Straflosigkeit mit der die Gewalt an Frauen und Kindern (Schwangerschaften und Vergewaltigungen von Minderjährigen sind ein weiteres grosses Problem) bestärkt die Männer in ihrem selbstherrlichen und gewalttätigen Verhalten und sorgt für eine Einschüchterung der Frauen.

Alles schlecht also? Es ist ein deprimierendes Bild, das hier gezeichnet wird. Dass es in einer Landwirtschaftszeitung derart schonungslos ausgebreitet wird, dürfte kurz- bis mittelfristig nicht viel ändern an der Lage der Landfrauen. Aber möglicherweise trägt das zur Bewusstseinsbildung auch bei den Männern bei. Der Weg zur Gleichberechtigung scheint aber unendlich lang. Ich kann diesen Frauen nur viel Kraft wünschen.

Und was können wir hier machen? Spenden für NGOs, die sich in bäuerlichen Genderfragen engagieren sind sicher nicht die dümmste Art, auf die prekäre Situation zu reagieren. Oder der Kauf von Produkten aus Initiativen, in denen Frauen gestärkt werden. Oder mal eine Reise nach Afrika statt zum 7. mal in die Toscana? Es muss nicht gerade RDC sein. Märkte besuchen, mit Bäuerinnen reden und die Hitze spüren, in der sie arbeiten, Früchte kaufen, Interesse zeigen, ich kanns nur empfehlen. (Bild “La voix du paysan congolais”) 

Trügerisches Idyll: Baden als Mutprobe

April 24, 2013

Palicsee IdylleAuf meiner kürzlichen Reise nach Serbien und Rumänien bin ich auch Michell Rohmann begegnet. Er ist Hydrologe und für die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in der nordserbischen Vojvodina tätig. Sein Arbeitsfeld ist ein See, genauer der Palićko jezero, wie er auf serbisch heisst. Der Job von Michell ist, diesen sauber zu kriegen. Dieses Unterfangen ist herkulisch, da er stark überdüngt sind und alljährlich von massivem Algenwachstum und am Ausfluss von mannshohen Schaumteppichen heimgesucht (siehe Bild mit Michell) wird.

Der Palićsee hat eine Fläche von etwa 6 Quadratkilometern ist ein beliebtes Naherholungsgebiet für die Anwohner der Kleinstadt Palić und von Subotica, das acht Kilometer vom See entfernt liegt. Zudem ist die Gegend mit ihrer historischen Bausubstanz eine der grössten Perlen des serbischen Tourismusangebots.

PalicseeDer lediglich 3,5 Meter tiefe See ist aber auch die Abwasserentsorgungsanlage für die Städter. Bis 2009 flossen die Abwässer aus Subotica, das rund 150000 Einwohner hat ungeklärt in den See, Palić selber hat immer noch keine Kläranlage. Das führte mit dazu, dass es 2009 zu einem verheerenden Fischsterben kam, das auch international für Aufsehen sorgte. Ihren Beitrag an die Verschmutzung leistet auch die Landwirtschaft, deren Felder zum Teil bis direkt ans Seeufer reichen, wie nebenstehendes Bild zeigt. Im umfangreichen Massnahmenkatalog der GIZ sind denn auch die Einrichtung eines Schutzgürtels, die Weiterbildung der Bauern in der effizienten Anwendung von Düngemitteln und Pestiziden vorgesehen. 

Doch bis zu einer Verbesserung der Wasserqualität wird man sich noch länger gedulden müssen. “Das Baden im Palić See gilt heute eher als Mutprobe denn als Freizeitvergnügen und starke Algenblüten im Frühjahr und Sommer behindern die weitere touristische Entwicklung von See und Umfeld”, schreibt Michell in einem interessanten Bericht über seine “polytrophen Patienten”.

Michell mit SchaumWas mich frappiert hat an dieser Geschichte ist, dass nur einigen hundert Kilometer östlich Abwasserreinigung nach wie vor alles andere selbstverständlich ist. So lange ist es allerdings auch noch nicht her, dass wir hierzulande vor den gleichen Problemen standen. Unterdessen ist das Niveau bei uns sehr hoch, so hoch, dass Baden in den allermeisten Gewässern eben keine Risikosportart, sondern ein Vergnügen ist. Das ist weltweit im Binnengewässersektor ziemlich einzigartig. Nach wie vor müssen einige Seen belüftet werden und ab und zu ein paar Fische dran glauben, vor allem wegen Einträgen aus der Landwirtschaft.

Wichtigstes Element für ein Gelingen solcher Gewässersanierungen ist vermutlich das funktionierende politische System in dem die Bürger- und Badegesellschaft einen gehörigen Druck aufbauen kann. Am Palićsee ist eine Einigung über die richtigen Massnahmen weit entfernt. Hätte die EU nicht unterstützt, würde vermutlich noch heute keine Kläranlage stehen. Das Problem ist aber längst nicht gelöst. Heute diskutiert man erneut darüber, den See zu leeren und nährstoffhaltigen Schlamm auszubaggern, obwohl sich diese Massnahme schon bei der letzten Durchführung vor 40 Jahren als unnütz erwiesen hat, da die Einträge anschliessend nicht sofort reduziert wurden. Der Grund für die neuerliche Erwägung dieser Massnahme: Eine spektakuläre Aktion wie die Leerung des Sees und das Auffahren der Bagger lässt sich politisch bestens verkaufen. (Bilder Michell Rohmann)
Luftbild Palic- und Lubacsee      

 

Forst ohne Wirtschaft

April 21, 2013

BuchenurwaldskulpturHeute wieder einmal etwas Forstwirtschaft, beziehungsweise Forst ohne Wirtschaft. In Rumäniens Banat war ich vor zwei Tagen zum ersten Mal im Leben in einem Urwald.

Ich habe mir das ganze etwas lianenhafter vorgestellt. Erwartet haben uns im Nationalpark Cheile Carasului auf 1400 Meter stattdessen rund ein halber Meter Schnee und ein reiner Buchenbestand von etwa 5000 Hektaren Fläche. Eine märchenhafte Atmosphäre, vollkommene Abgeschiedenheit und bis auf die erwachenden Vögel, die knarrenden Äste und den schweren Atem beim Stapfen durch den Schnee vollkommene Ruhe.

Die Abertausenden von Buchen gibt es hier in jedem Stadium, vom Jungwuchs bis zur mehrhundertjährigen Seniorin im Zerfall. Vor allem letztere waren interessant, weil man sie bei uns meist lange vorher aus dem Weg räumt.

Die abgestorbenen Stämme bieten Raum für neues Leben, zum Beispie allerhand interessante Pilzkulturen. Hier dazu eine Reportage von Karpatenwilli, einem profunden Rumänienkenner.

Damit hier die Landwirtschaft nicht zu kurz kommt: Die einzigen von Menschenhand gepflanzten Bäume findet man entlang von Alpweiden, um das Eindringen der Schafe zu verhindern. Waldweide ist in Rumänien auch im Normalwald ebenso verboten, wie in der Schweiz.
Buchenurwaldpilze

Hyperaktivität im Traktorenmuseum

April 18, 2013

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Noch nie habe ich in meinem Leben an einem einzigen Tag so viele Traktoren gesehen, wie heute in Serbien. Sie waren omnipräsent im Strassen- und Landschaftsbild. Es wurde an diesem sommerlich warmen Frühlingstag gepflügt, geeggt, gesät (Mais), gedüngt und gespritzt, was das Zeug, beziehungsweise die Traktorachse hielt. Die durchschnittliche Mototisierung liegt weit unter 50 PS und manch eine Komposition neigte sich ob dem angehängten Gewicht bedrohlich nach hinten Richtung Pony-auf-den-Hinterbeinen-Position.
Die mit Abstand am weitesten verbreiteten Marke ist IMT (siehe z.B. das Modell oben und unten), die Abkürzung für Industrija Mašina i Traktora Beograd, welche seit 1955 auch Massey-Ferguson-Lizenz-Traktoren produziert. Daneben verkehren allerlei Ein-und Mehrachser, die jedem Freund alter Landmaschinen das Wasser in die Augen treiben würde.
Die Erneuerungsrate ist vermutlich eher bescheiden, der serbische Kleinbauer schweisst lieber 15 mal, als einen neuen Schlepper anzuschaffen. Das hat natürlich primär ökonomische Gründe, die Traktorflotte im Land zeigt aber auch, wie langlebig Traktoren bei guter Pflege sind. Nicht nur deshalb kann ich jedem Schweizer Bauern eine Reise hierhin nur warm empfehlen.

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Zwei Drittel der Unterernährten sind Bauern

April 7, 2013

Die Hungrigen im globalen SüdenEs geht gleich weiter mit Bildern, allerdings von miserabler Qualität, dafür bitte ich um Entschuldigung. Es handelt sich – da der Download des PDF fehlgeschlagen ist – um abfotografierte Grafiken aus dem interessanten “Atlas der Globalisierung 2012” eine übersetzte Version des französischen Originals aus dem Verlag der linken Wochenzeitung “Monde Diplomatique”. Ich hoffe, das Wichtigste ist trotzdem entzifferbar.
Im Atlas gibt es auch ein Kapitel “Kampf um die richtige Landwirtschaft”. Zum Auftakt finden sich darin ein paar Fakten: Bis zu vier Fünftel der Menschheit leben von dem, was auf ihrem Acker wächst, und zwei Drittel der weltweit Unterernährten sind selber Bauern. Die Ursachen gemäss dem Atlas nur ganz kurz: Namentlich in der dritten Welt sind die finanziell klammen Regierungen unter starkem Spardruck von internationalen Finanzinstitutionen (Weltbank, IMF) und Gläubigern. In dessen Gefolge wird die Unterstützung für lokale Produzenten im Einklang mit Importzöllen gesenkt. Das Resultat: Massive Importe und eine serbelnde einheimische Landwirtschaft, die selber zu wenig produziert und sich die eingeführten Lebensmittel nicht leisten kann.
Das Essen wird teurer, die Hungrigen werden wieder mehrZwar hat die Zahl der Unterernährten prozentual abgenommen, sie ist aber aufgrund des Bevölkerungswachstums absolut gestiegen, nicht zuletzt wegen steigender Preise, die ihrerseits mannigfaltige Ursachen haben, darunter erhöhte Kosten für Produktionsfaktoren, vor allem fossile Brennstoffe und daraus hergestellte Hilfsstoffe wie Stickstoffdünger.
Über- und UnterversorgungWie die beiden grossen Tabellen bestätigen, sind die Versorgungslage und die Produktion extrem ungleich verteilt. Dabei zeigen sich erstaunliche Fakten. In Brasilien beispielsweise, das über 8000 Kalorien pro Tag und Kopf produziert, ist die Zahl der Unterernährten grösser als in Sub-Sahara-Krisenstaat Mali. Die Ungleichheiten betreffen offensichtlich nicht nur die Weltregionen, sondern auch einzelne Länder. Das Heer der landlosen Bauern ist, wie hier kürzlich schon erwähnt, ein grosses Problem, dem Brasilien nicht Herr wird.
Beim eingangs zitierten ”Kampf um die richtige Landwirtschaft” geht es um die Frage, wie man dem Phänomen der hungernden Bauern beikommen könnte. Kann eine Fortsetzung der technologiegläubigen Bewirtschaftung im Stile der “Grünen Revolution” reüssieren? Die Verfasser des Globalisierungsatlas sind skeptisch und propagieren als Gegenentwurf die “Gartenlandwirtschaft”, welche statt auf möglichst hohe Cashcrop-Eträge pro Hektare auf maximale Kalorienproduktion in geschlossenen Kreisläufen, in erster Linie für die Selbstversorger, abzielt. Auf diese Linie schwenken auch immer mehr Entwicklungsorganisationen ein, sie dürfte aber einen schweren Stand haben im kompetitiven Umfeld, welches vom internationalen Agribusiness geprägt ist, in dem die Bauern des Südens leider zu oft diejenigen sind, welche die Wüstenhunde beissen.

Bienen und Pestizide: To Bee or not to Bee

April 1, 2013

More than honeyDie Bienen sind bekanntlich wichtige Haustiere. Nicht primär wegen des Honigs, der auch nicht zu verachten ist, aber vor allem wegen ihrer Tätigkeit als Bestäuberinnen. Ein Drittel von allem, was wir essen, gäbe es ohne Bienen nicht, heisst es im Film “More than Honey”, einem gefeierten Werk von Regisseur Markus Imhoof, der kürzlich dafür den Schweizer Filmpreis für den besten Dokumentarfilm erhalten hat. Auch Einstein wusste schon, wie wichtig die kleinen Summerinnen sind, prognostizierte er doch, dass vier Tage nach dem Verschwinden der Bienen die Menschheit das Zeitliche segnen wird.
Sollte das wirklich stimmen, dann sähe es für unsereinem nicht sonderlich rosig aus. Die Bienenvölker weltweit leiden unter einem nur zum Teil erklärbaren Massensterben, das bereits 10000 von Völkern die Exixtenz gekostet hat, darunter auch vielen in der Schweiz. Die Varroa-Milbe ist eine der berüchtigsten Sterbehelferinnen.
Unbestritten ist unterdessen auch, dass Insektizide mitverantwortlich sind für das Bienensterben, genauer gesagt die Neonicotinoide, welche primär zur Beizung von Saatgut verwenendet werden. Die wichtigsten Produkte auf dem europäischen Markt sind “Cruiser” von Syngenta (Wirkstoff Thiametoxam), sowie “Gaucho” (Imidaclopric) und “Poncho” (Clothianidin) von Bayer.
So richtig unter Druck kamen die Substanzen erstmals vor knapp fünf Jahren, als nach der Ausbringung von gebeiztem Maissaatgut durch das unverdächtige amtliche deutsche Julius-Kühn-Institut zweifelsfrei Clothianidin als Ursache eines flächendeckenden Bienentsterbens im süddeutschen Raum festgestellt wurde. Diese Erkenntnis hat sich seither mehrfach bestätigt, zuletzt im Januar, als die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA zum gleichen Schluss kam. Das Resultat: Die Industrie reagierte wie ein Rumpelstilzchen nach Bekanntwerden seines Namens. Die Studie auf der Basis von Studien sei offensichtlich unter politischem Druck und übereilt verfasst worden, sie sei der EFSA unwürdig tobte der Syngenta-COO John Atkin und drohte mit einem Verlust von 50000 Stellen, sollten die EU-Mitgliedstaaten einem Verbot zustimmen, was bisher nicht geschehen ist.
Nur gut zwei Monate später hat man es sich in den Zentralen der Pestizid-Multis offenbar noch einmal anders überlegt. Was letzte Woche als Medienmitteilung verbreitet wurde, gleicht einem indirekten Schuldeingeständnis. Man wolle zu einer Deblockierung der Situation beitragen, heisst es in einem gemeinsamen Communiqué. Als Massnahmen werden untermalt von salbungsvollen Worten desselben Aktin unter anderem mehr Blumenrabatten am Rande von intensiv bebauten Äckern, ein Monitoringprogramm und die “zwingende Umsetzung von strikten Massnahmen zur Reduktion des Expositionsrisikos für Bienen” propagiert.
Da werden dem Publikum Neonicotinoide in die Augen gestreut: Bayer und Syngenta versuchen hier die Kohlen aus dem Feuer zu holen, indem sie auf Zeit spielen (Monitoring von Fakten, die längst auf dem Tisch liegen) und den Schwarzen Peter an die Bauern weiterspielen, die sich gefälligst bemühen sollen, die Bienengifte fachgerecht auszubringen, was aber offensichtlich auch bei bestem Wissen und Gewissen praktisch unmöglich ist, Blumenstreifen hin oder her. Der beste Kommentar zu dieser Geschichte kommt von Alice Jay, die für das Kampagnen-Netzwerk Avaaz kürzlich 2,5 Millionen Unterschriften für das Verbot der erwähnten Substanzen sammeln half: “Die Pestizidindustrie mit dem Schutz von Bienen zu beauftragen ist so, wie wenn man den Fuchs den Schutz des Hühnerhauses übertragen würde”, sagte sie laut dem “Guardian” zum Engagement von Bayer und Syngenta. (Bild aus “More than Honey”)

PS. Kleine Korrektur: Einstein habe ich falsch zitiert: nicht vier Tage sondern vier Jahre nach den Bienen werden die Menschen ableben, immer noch beunruhigend genug. Besten Dank für den Hinweis, Monika Schlatter!

Landgrabbing & GMO: Unheimliches Powercouple

März 28, 2013

Olivier CombastetManchmal fragt man sich ja als Blogger im warmen Büro, ob die Positionen, die man so vertritt, zum Beispiel die kritische gegenüber GVO in der Landwirtschaft und dem Phänomen Landgrabbing, effektiv mit der realen Situation übereinstimmen. Der Film “Dritte Welt im Ausverkauf (Planete à vendre)” hat mich nur aus diesem Grund beruhigt, bestätigte er doch fast die ganze Palette von Argumenten, die ich hier schon mehrmals ausgebreitet habe. Im übrigen bietet dieser sehenswerte 90-minütigen Dokumentarstreifen, den man zumindest bis heute unter diesem Link anschauen konnte,  vor allem Gründe zur Beunruhigung. 
Die Protagonisten im erwähnten Film sind je ein Landgrabber aus Indien und Frankreich. Sie stehen symptomatisch für eine ganze Branche, die sich in diesem Business etabliert hat. In den letzten zehn Jahren sind in Entwicklungsländern 80 Millionen Hektaren Land verpachtet oder verkauft worden, das entspricht der landwirtschaftlichen Nutzfläche von Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und Italien zusammen. Die Pachtverträge sind oft 50-jährig oder länger.”Dritte Welt im Ausverkauf” zeigt, wie es in diesem Geschäft zugeht. Agrounternehmer wie der Inder Ram Karuturi oder Investoren mit viel Kapital im Rücken, wie der Franzose Olivier Combastet  (siehe Bild oben) kaufen und pachten Flächen. Dazu gilt es zunächst die Behörden und Besitzer zu überzeugen. Ein schönes Beispiel dafür ist hier zu sehen, wo Karuturi in seinem Privatflugzeug einen eingeschüchtert wirkenden äthiopischen Provinzpolitiker einseift. Ein Blick in diesen Ausschnitt genügt, um zu wissen: Korruption ist hier Tür und Tor geöffnet.Leidtragende ist die Lokalbevölkerung, die nicht nur ihr Land verliert, sondern beispielsweise auch die Fusswege. Neue Jobs gibt es nur sehr beschränkt, denn die Bewirtschaftung ist stark rationalisiert und die Unternehmer sichern sich ab gegen sämtliche Risiken, so lässt etwa Combastet mit seiner Sparte Campos Orientales in Uruguay die Feldarbeit von Subunternehmern erledigen, aus finanziellen Gründen, wie er freimütig zugibt.
Die Bewirtschaftung erfolgt sowohl beim Rosenkönig Karuturi wie auch bei Combastet praktisch durchwegs in Monokulturen, letzterer setzt in Uruguay und Argentinien flächendeckend auf GVO-Soja und arbeitet hier, was wenig überrascht, eng mit Monsanto zusammen. Er testet in Zusammenarbeit mit der Herstellerin verschiedene Roundup-ready-Sorten und setzt dann flächendeckend auf diesen Kultivar. Hier hat sich eine unheilige ländliche Zweckehe, ein unheimliches Powercouple gebildet. Die Landbesitzer, häufig ahnungslos was Landwirtschaft betrifft, überlassen die agronomische Seite des Business mehr oder weniger einem Multi. Monsanto und verwandte Firmen übernehmen diese Rolle als polygamistische Braut noch so gerne, kombiniert mit einer vertikalen Integration von Saat bis Abfüllung auf das Schiff in den Häfen an der Atlantikküste, wo dann die Trauzeugen von Glencore und andere Rohstoffhändler die Ware übernehmen.
Insgesamt kein gefreutes Amalgam. Der Widerstand ist schwach organisiert und lastet meist auf den Schultern von Einzelmasken oder kleinen NGOs, wie der Film auch zeigt.
Zum Schluss noch ein bereits einmal verlinktes Video, das zeigt, dass auch Schweizer Firmen kräftig mitmischen in diesem höchst problematischen Business. Wenn wir nach dem Bankenstress heute von möglichen Problemen im Rohstoffhandel reden, prognostiziere ich schon mal das nächste Klumpenrisiko für unser Land: Landgrabbing. (Videostill aus “Dritte Welt im Ausverkauf)

Farmart: Gerster über Weizenfeldern, revisited

März 19, 2013

Erntemuster in der Pampa, Argentinien, 1967, Copyright Georg GersterMan kennt sie hinlänglich, die Luftbilder von Georg Gerster, vom Wartezimmer beim Zahnarzt, von der Swissair-Werbung und aus Heerscharen von Kalendern. Aber sie sind zeitlos gut, und zeigen die Bauern als unfreiwillige Farmartists. Oben ein Beispiel aus Argentinien, unten ein versalzenes Weizenfeld in Australien. Die Bilder kann man wiederentdecken in einer grossen Ausstellung in der Winterthurer Fotostiftung. “Unter dem Titel ‘Wovon wir leben. Flugbilder von Georg Gerster’ geht es dabei um das Thema Welternährung, ein Schwerpunkt in seinem Schaffen”, heisst es in der Medienmitteilung. Neben einigen Ikonen präsentiere die Schau auch viele unbekannte Werke des Winterthurers. Ich habe mir fest vorgenommen, das Reisli zu machen, ist sowieso immer eines wert, Winterthur. Die Zeiten als das Beste dort der Schnellzug nach Zürich war, wie böse (Zürcher) Zungen lästerten, sind definitiv vorbei.Versalztes Weizenfeld bei Katanning, Westaustralien, 1989

Freihandel: Downtown macht’s sich zu einfach

März 15, 2013

Jedi-Ritter in the AgrojungleDie “Handelszeitung” hat diese Woche wieder einmal einen alten Klassiker reaktiviert: Landwirtschaftsbashing unter dem Titel “Wachstumsbremse Bauer”. Leider gibts von diesem Artikel online nur eine arg verkürzte Version. Und den Kauf am Kiosk kann ich auch nicht wirklich empfehlen, ist einfach etwas zu dünn die ganze Geschichte. Das Beste ist noch die Grafik auf der Front, wo Bauernpolitiker als uniformierte Muskelprotze (Jedi-Ritter? Private Sicherheitsleute?) posieren, darunter Markus Ritter, Res Aebi und Maya Graf.
Im Artikel wird den Bauern vorgeworfen, dass sie auf Kosten der übrigen Wirtschaft ihre Pfründen verteidigen. Das ist mit Verlaub wohl das Ziel einer jeden Interessengruppe in Wirtschaft und Politik, man denke nur an den kläglich gescheiterten Kampf von Economiesuisse gegen die Abzockerinititative, aber das nur nebenbei. Dass die Bauern hier besonders erfolgreich agieren ist altbekannt und wenn das kritisiert wird, steckt möglicherweise eher Neid als Sorge um wirtschaftliches Wohlergehen dahinter.
Aufgehängt ist die Geschichte am bäuerlichen Widerstand gegen Freihandelsabkommen aller Art. Sie beginnt ausgerechnet mit einer Episode vom Käsemarkt, wo Züger Frischkäse offenbar einen Auftrag in Südkorea verloren hat, da die EU mit dem Land neu ein Freihandelsabkommen ohne Agrarschranken unterhält. Ob es sinnvoll ist, Mozzarella nach Südkorea zu exportieren, muss Züger selber wissen. Käse ist aber das denkbar schlechteste Beispiel, um den Bauern Freihandelsphobie vorzuwerfen, unterhalten wir doch seit einigen Jahren ein solches Abkommen mit der EU in genau diesem Sektor, was der Leser des Artikels aber nicht erfährt, vermutlich hätte das die These tangiert.
Das Resultat des Abkommens ist bekannt. Die Schweiz wird geflutet mit ausländischem Billigkäse und die Exporte steigen in ebendiesem Segment, wo unterirdische Milchpreise bezahlt werden, während die traditionellen Sorten wie Emmentaler und Gruyère stagnieren. Soll mir einer sagen, warum man aufgrund dieser Erfahrungen aus bäuerlicher Sicht mit fliegenden Fahnen für Freihandel eintreten sollte. Zumal Handel und Industrie es ja nach wie vor vollkommen normal finden, dass importierte Produkte in der Schweiz aus reinen Profitgründen mehr kosten sollen, als im umliegenden Ausland, was bekanntlich nach wie vor auch für landwirtschaftliche Produktionsfaktoren gilt.
Item, der Artikel fährt dann fort mit einem Lamento über bäuerliche Widerstände gegen ein Freihandelsabkommen zum Beispiel mit China. Auch hier bin ich mir nicht sicher, ob sich die Landwirtschaft unkommentiert den Schwarzpeter zustecken lassen soll. Wenn ich mir vorstelle, wie die Reaktionen ausfallen, wenn nach dem Fallen der Importschranken der Kassensturz zum ersten Mal Bilder aus chinesischen Schweineställen aussendet, dann ist es vielleicht ganz gut, wenn die Hürden in diesem Bereich etwas höher sind.
Insgesamt macht es sich der Journalist der Handelszeitung zu einfach. Er präsentiert ein Amalgam aus den ewiggleichen klischierten Vorwürfen an die Landwirtschaft (Subventionsforderungen, Abwehrfront, Protektionismus, etcetc.) ohne dass er eineN einzigeN VerterterIn aus der Branche zu Worte kommen liesse. Dafür dürfen Industrievertreter hemmungslos jammern, ganz in Bauernmanier. Schade, dass soviel prominenter Platz im Blatt nicht besser genutzt wird. Denn eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Handelsfragen wäre durchaus wünschenswert, dann müsste man aber die Gesamtrechnung machen, eben beispielsweise unter Einbezug des Schweizer Kostenniveaus und der monetären Bewertung der Leistungen der hiesigen Landwirtschaft, auch vor dem Hintergrund von offenbar breit erwünschtem Landschaftsschutz und allerlei Lebensmittelskandalen.

Ein lernfähiger Detailhändler? Let’s hope so

März 7, 2013

What burgers have taught usAuf der britischen Insel ist der Rossfleisch-Skandal noch längst nicht verdaut. Als ich letztes Wochenende im englischen Nordosten in meinem Leibblatt blätterte, fand sich dort obenstehendes doppelseitiges Inserat vom Detailhändler Tesco, dem Marktleader in Grossbritannien sowie der Weltnummer drei hinter Walmart und Carrefour.
Tesco, wir erinnern uns, war von Anfang an betroffen, als im Januar in Irland die ersten Beefburger mit Pferdefleisch gefunden wurden. Das ist gegessen, interessant ist nun aber die Reaktion des Detailhändlers. In einem etwas länglichen aber bemerkenswerten Mea Culpa heisst es in dem Inserat unter anderem, man habe das Problem erkannt und “it has made us realise, we really do need to make it better. (…) We need to keep going, go further, move quicker.” 
Nach dem Selbstbekenntnis folgen die selbst auferlegten, wenn auch unter Druck beschlossenen Konsequenzen auf den Fuss: “We know that the more we work with british farmers, the better. We’ve already made sure that all our beef is from the UK and Ireland.” Tesco beschränkt sich also künftig auf Rindfleisch aus Grossbritannien und Irland und will diese Massnahme auch auf frisches Pouletfleisch ausdehnen, wie es in einem nächsten Inserat in der Sonntagspresse hiess. Ab Juli, so das Versprechen von Tesco, wird sämtliches Poulet von britischen Farmen stammen. Das Inserat endet mit drei weiteren bemerkenswerten Sätzen: “We are the biggest customer of UK agriculture, we need to be their biggest supporters too. This is it. We are changing.”
Ich bin immer vorsichtig, wenn die Detailhändler ihre PR-Maschinerien in Gang setzen und plötzlich medienwirksam die Bauernsame umarmen. Wer sich aber derart exponiert, wie Tesco hier, der wird sich von diesen Versprechen nicht ohne massiven Gesichtsverlust distanzieren können. Nachdem der sich brutalstens konkurrenzierende britische Detailhandel die Farmer in den letzten Jahren bis aufs Minimum und darunter geschröpft hat, ist Hoffnung erlaubt, dass das keine leeren Sprüche sind.
Insgesamt stehen die Selbstkritik  und das Bekenntnis des englischen Riesen zum heimischen Schaffen in wohltuendem Kontrast zur Reaktion der Schweizer Detailhändler auf den Pferdefleisch-Skandal. Coop, die eine Pferdefleisch-Lasagne aus dem Sortimennt nehmen musste beschränkte sich im Gefolge des Skandals auf das Lob der eigenen Kontrollen. Ein starkes Signal, wie es etwa der Verzicht auf verarbeitetes ausländisches Rindfleisch dargestellt hätte, blieb aus, von einer Ausdehnung auf das gesamte Sortiment inklusive Pouletfleisch gar nicht zu sprechen. Mindestens die Zeitungsinserate hätten wir gerne genommen.
Chicken are next 
    


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