Archive for the ‘International’ Category

Grundfragen beim Quinoa-Dreschen in Tiraque

Juni 5, 2014

QuinoaIm letzten Herbst war ich kurz in Bolivien für den Besuch in einem FiBL-Projekt. Dort habe ich nach langen Jahren meinen Studienkollegen Johannes Brunner wieder getroffen. Er arbeitet seit einiger Zeit in Südamerika und schreibt von dort aus ab und zu einen Rundbrief für Zuhausegebliebene und andere Interessierte. Sein Editorial ist hochinteressant. Es tangiert eine der Kernfragen der (Land-)Wirtschaft: Wieviel Technisierung, Rationalisierung und Professionalisierung macht Sinn? Wem dient sie? Wer verdient daran? Wer wird glücklich dabei?

Auf der Reise in die holländische Schweineindustrie zum Beispiel habe ich mich oft gefragt, woher eigentlich der omnipräsente Wachstumsdruck kommt. Profitieren tun leider nicht primär die Bauern, auch wenn jetzt im Fall des Dreschens gewisse Vorteile der Mechanisierung nicht von der Hand zu weisen sind. Aber lesen Sie selber. Ich bringe den Text integral, inklusive Werbespot für Johannes’ Arbeitgeber, denn die Art, wie Interteam arbeitet, scheint mir sinnvoll. Merci für den spannenden Text und das Abdruckrecht Johannes!

“Vor kurzem konnte ich in Tiraque bei der Ernte einer Parzelle Quinoa mithelfen. Die Bauernfamilie hatte die Pflanzen bereits geschnitten und auf der Parzelle pyramidenförmig aufgeschichtet, damit die Rispen trocknen konnten. Diese legten wir nun in zwei Reihen auf eine Zeltplane und liessen sie nochmals eine Stunde trocknen. Danach fuhr Roberto mit seinem Auto mehrmals über die Rispen, bis sich die kleinen Körner von den Pflanzen gelöst hatten. Nach einigen Überfahrten wendeten wir sie und das Dreschen konnte wiederholt werden. Nachdem wir diese Prozedur mehrmals durchgeführt hatten, entfernten wir die Stängel von der Plane und siebten den zurückgebliebenen Rest in zwei Durchgängen mit einem Sieb mit Lochgrösse 4mm und später 2mm.

Danach brachte die Bäuerin das Mittagessen: Maiskörner, Weizenbrei und Frischkäse. Am Nachmittag kam Wind auf und wir konnten mit seiner Hilfe und der Wurfschaufel die Körner von den Resten der Spreu und den Unkrautsamen trennen. Gegen Abend lag vor uns ein pyramidenförmiger Haufen kleiner, golden glänzender Körner von etwa 150 kg aus einer Fläche von 20 Aren, den wir in drei Säcke füllten. Alle waren müde und sehr glücklich. Während der ganzen Arbeit fühlte ich mich mit meinen Vorfahren verbunden, obwohl ich beim Garben binden und Puppen stellen nie dabei war. Zeit und Effizienz gerieten in den Hintergrund, in den Vordergrund rückten Gespräche und die Aufmerksamkeit auf die Windstärke.

Meine Idee mit einer Holzkonstruktion die Trocknung der Rispen zu beschleunigen, wurde mit Neugier aufgenommen. Gleichzeitig machte ich mir Gedanken über meine eigene Vorstellung von Fortschritt und Entwicklung. Dabei stellte ich fest, dass ich Armut mit Mangel an Materiellem, mit Langsamkeit und Ineffizienz identifiziere. Sofort schlage ich deshalb Geräte und Technologien vor, damit die Bauern schneller und mehr Quinoa ernten können. Doch sind mir die Folgen nicht bewusst? Statt dass es den Familien besser geht, wird die Gemeinschaft durch Konkurrenz zerstört. Einige Betriebe wachsen auf Kosten von andern, die ihren Boden am Schluss verkaufen und abwandern.

Im Hochland Boliviens können die Menschen mit diesem Entwicklungsmodell nichts anfangen. Arm ist der Mensch, der den Kontakt zum Boden verloren hat, der keinen Boden besitzt, in dem er seine Angehörigen begraben kann, der dadurch beseelt ist und den Lebenden Nahrung und ein Dach über dem Kopf bietet. Arm ist der Mensch, der seinen Boden verkauft oder spekuliert und in die Stadt zieht auf der Suche nach einem scheinbar besseren Leben. Arm bin ich, der glaubt diesen Menschen unseren Fortschritt bringen zu müssen, obwohl ich weiss, dass damit nur Macht und Geld in den Händen weniger konzentriert wird.

Genau dieser Problematik ist sich Interteam bewusst und arbeitet deshalb auf der Ebene von Mensch zu Mensch, um langsame, dafür nachhaltige Lern- und Entwicklungsprozesse auf Vertrauensbasis aufzubauen, in denen Menschen ihre eigenen Lebensvisionen selbstbestimmt realisieren können. Die Arbeit von Interteam entpuppt sich damit auch als Werkstatt für die Kreation neuer Impulse für die Schweiz, weil unsere Partner unsere linearen Entwicklungsmodelle hinterfragen. Die Bauern und Bäuerinnen Boliviens lehren mich, dass wir in der Schweiz in dieser Hinsicht noch viel Entwicklungshilfe benötigen.” (Bild Johannes Brunner)

 

Die unzichtbaren Schweine van Holland

Mai 24, 2014

L1000414Letzte Woche war ich in Holland für die sogenannte Innovative Pig Production Tour, organisiert von holländischen und belgischen Agrarjournalistenkollegen und dem neuen europäischen Verband ENAJ. Die Visite war interessant aber ernüchternd. Innovativ heisst in Holland in erster Linie effizienter und rationeller, Nachhaltigkeit bezieht sich ausschliesslich auf Ökonomie.

Sneak previewDie Tour führte uns durch die südlichen Regionen Brabant und Limburg, wo ein Grossteil der 12 Millionen holländischen Schweine lebt (zum Vergleich: 1,5 Mio. in der Schweiz). Das würde man aber nicht merken, wenn man’s nicht wüsste. Man sieht nichts, hört nichts und riecht (fast) nichts von den Tieren. Klar sind die zahllosen Ställe auffällig, aber es könnte gerade so eine ausgedehnte Gewerbezone sein, die sich über Dutzende wenn nicht hunderte von Quadratkilometern erstreckt, wobei es den Holländern recht gut gelingt, ihre industrielle Tierhaltung mit Alleen, Baumgruppen, Wasserflächen, dekorativen Ponys und gepflegten Backsteinhäuschen zu kaschieren.

Agroblogger and pigGeruchlich ist man weitgehend abgeschottet von den Realitäten, da die Ställe, zumindest die Neueren und das sind die meisten, obligatorisch mit Luftwaschanlagen ausgestattet sein müssen, die nicht nur die Ammoniak- sondern auch die Feinstaubbelastung senken. Die Ställe, die wir besichtigt haben sind auch räumlich weitgehend abgeriegelt von der Aussenwelt. Aus hygienischen Gründen sind Besucher nur sehr restriktiv zugelassen und grössere Besuchergruppen wie die unserige, 25 Personen umfassende, sind logistisch praktisch nicht handlebar, da man vor dem Stallzutritt duschen muss.

WindowshotSomit ist man auf die Durchblicke von aussen angewiesen. Dazu bieten die 26 fürs Publikum zugelassenen Sichtställe (Zichtstal) Hand, beziehungsweise Auge. Was man da präsentiert bekommt ist nicht schockierend, aber auch nicht erfreulich. Haltung auf absolut minimalem Tierschutzniveau, unstrukturierte Buchten, kaum Beschäftigungsmöglichkeiten und – mit Ausnahme von Betrieben im Promillebereich - keine Einstreu.

Behind the windowEs geht mir nicht darum, die Holländer an den Pranger zu stellen. Ein Grossteil der Schweizer Schweine lebt unter ähnlichen Bedingungen, im EU-Vergleich ist das Haltungsniveau in Brabant, Limburg und Gelderland eher überdurchschnittlich. Was mich frappierte waren die Dimensionen, zwar kannte man die Verhältnisse aus Erzählungen und Fachmedien, aber wenn man dann vor einer Batterie von 90 Meter langen, fensterarmen bzw. -losen Hallen steht und weiss, dass darin Tausende von Schweinen gezeugt, ausgetragen, geboren, gesäugt und gemästet werden, dann ist das schon eindrücklich bis schaudererregend, selbst für einen Abgebrühten wie mich. Economies of scale am lebenden Objekt mit nüchternem Fokus auf Effizienz und Rentabilität – industrielle Landwirtschaft eben. Da leben wir schon noch ein bisschen im Heidiland.
Wartestall

Rumäniens bedrängte Kofferraum-Marktwirtschaft

Mai 11, 2014

Schweinemarkt HodacNochmal ein kurzer Ausflug nach Rumänien und in die Marktwirtschaft, vor allem die am Strassenrand. Hier reicht als Laden ein Kofferraum, eine Ladefläche oder eine (soeben zum Abtransport verladene) Kiste, wie hier auf dem Bild vom Markt im siebenbürgischen Hodac, wo ein paar Ferkel angeboten werden.
Märit HodacViel zum Einsatz kommen auch schlichte Lieferwagen, aus deren Tiefe dann Getreide aller Art, Mehl oder andere Ware en gros angeboten werden.
KäsemarktManchmal braucht es auch nur ein Tischen mit einer Waage und einem Käse, wie dieses Bild, ebenfalls aus Hodac, zeigt.
On the roadDaneben gibt es unzählige einfache Verkaufsstellen am Strassenrand. Etwa hier, wo Wein, Früchte und Gemüse im Sortiment sind. Ich vermute, dass dies hier anders auf dem Markt, wo Abgaben zu bezahlen sind, sehr informell läuft, allenfalls, wird man dem Eigentümer des Grundstücks einen Batzen in die Hand drücken…
Honig…oder im Falle dieser Verkäuferin, die auf dem freien Feld aus dem Wohnwagen Honig verkauft, ein Glas für den lokalen Polizisten bereithalten.
Angst2Nur damit jetzt nicht der Eindruck entsteht, Rumänien werde ausschliesslich von idyllischen Bauernmärkten und Strassenverkäufern versorgt, hier noch ein Bild aus Bukarest, wo die rumänische Tochter der Zürcher Metzgerei Angst in Zusammenarbeit mit Carrefour einen schmucken Mini-Supermarkt eröffnet hat. Das Geschäft steht bezeichnenderweise im gedeckten Teil eines ehemaligen Frischmarkts, wo die Bauern und Bäuerinnen aus der Umgebung ihre Milch- und Fleischprodukte zu verkaufen pflegten. Das ist leider eine verschwindende Kultur. Das Land wird im Schnellzugstempo überzogen von mitten ins Kulturland gepflanzten gigantischen Supermärkten, wobei deutsche Ketten auffällig omnipräsent sind. Kein schönes Bild, aber bei uns in der Agglo sieht es ja auch nicht besser aus.

 

Kuhwoche (Epilog): Romuhnia

Mai 6, 2014

Rumänische Kühe2Einfach immer wieder schön, die rumänischen Allmendherden, auch dieses Mal wieder. Unter Obhut eines oder mehrerer Hirten verbringen die Tiere ihre Tage auf Gemeindeland, am Abend kehren sie zurück auf ihre Betriebe, wo sie meistens alleine oder allenfalls zu zweit gehalten werden.
AllmendHier noch grad so eine Idylle in der weitläufigen Dobrudscha, die dieser Tage sonst eher von endlosen Rapsfeldern dominiert wird. Das ua. ist das Faszinierende an der rumänischen Gegenwart: Parallel finden sich auf engem Raum Landwirtschaftsszenen aus verschiedenen Jahrhunderten.
Kleinbauer RumänienHier ein Kleinbauer, der seine Kuh nach getaner Fressarbeit zurück in ihren Stall führt.
Rata rumaneascaUnd zum Schluss noch dies: Rotvieh, rumänischer Flügel, ein eher seltenes Bild. Aber die Hörner sind omnipräsent: Ich habe in acht Tagen keine einzige hornlose rumänische Kuh gesehen. Das hätte dem Biorebell Armin Capaul auch gefallen. Er will jetzt, falls das noch nicht überall bekannt sein sollte eine Initiative für den Hörnerfranken lancieren. Endlich ein Volksbegehren mit Hand, Fuss und Horn…

Kaum Zufall: ETH schon wieder Agrarökonomenlos

März 3, 2014

ETHDie ETH tut sich schwer mit der Agrarökonomie, zumindest was die Bestellung des unterzwischen einzigen Professorenpostens angeht. Nach dem Abschied von Bernard Lehmann zum Bundesamt für Landwirtschaft Mitte 2011 – er wurde dort Direktor – war der Posten während zwei Jahren verwaist. Im Juni 2013 nahm dann mit Pierre Mérel ein hoffnungsvoller Jungprofessor mit umfangreichem Palmarès seine Tätigkeit am Institut für Agrarökonomie auf.

Pierre MérelDer 38-Jährige hatte zuvor als Extraordinarius an der Agrar-Eliteuniversität in Davis, Kalifornien gewirkt. Mit viel Vorschusslorbeeren wurde er an der ETH begrüsst: „Mit seinen Forschungsarbeiten im Schnittbereich zwischen Agrar- und Umweltpolitik leistet Pierre Mérel wichtige Beiträge zur interdisziplinären Umweltentscheidungsforschung und zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Umweltbilanz. Seine Spezialgebiete umfassen aktuelle Themen wie Agrarproduktqualität, Wettbewerbs­politik und die Verwendung natürlicher Ressourcen auf regionaler Ebene. Mit der Berufung von Pierre Mérel verstärkt das Departement Umweltsystemwissenschaften seine Kompetenz in einem gesellschaftlich wichtigen Feld“, schrieb die ETH in einer Mitteilung anlässlich der Wahl.

Knapp ein Jahr nach seinem Stellenantritt im Juni 2013 muss man sich bereits wieder auf die Suche begeben, wie die ETH-Medienstelle auf Anfrage bestätigt: „Prof. Mérel hat seine Stelle gekündigt und wird die ETH Zürich auf das kommende Herbstsemester verlassen. Die ETH wird weiter auf dem Gebiet der Agrarökonomie forschen und lehren und das Forschungsfeld künftig eher noch ausbauen. Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin wird gesucht. Die Stelle wird in absehbarer Zeit ausgeschrieben“, schreibt die Hochschule auf Anfrage. Mérel kehrt unterdessen nach Davis zurück, wo man ihm seinen Stuhl offenbar warm behalten hat.

Auch wenn der abrupte Abgang Mérels offenbar auch familiäre Gründe hat, dürfte die klare Abwertung der Landwirtschaft an der ETH zum kurzen Gastspiel beigetragen haben. Das einst stolze Departement für Agrar- und Lebensmittelwissenschaften ist heute nur noch subalterner Bestandteil des hochtrabend benamsten Departement für Umweltsystemwissenschaften. Davis dagegen hat soeben zum wiederholten Male die Auszeichnung als weltbeste Agraruniversität erhalten, dort ist man stolz auf die über 100-jährige Tradition als Landwirtschafts- und Ernährungskompetenzzentrum. Man mag jetzt sagen, dass die Landwirtschaft in der Schweiz eine ungleich kleinere Bedeutung hat, als in den USA. Das muss aber für eine Top-Uni wie die ETH noch lange kein Grund sein, auf kleinbäuerlich zu machen, denn wenn man dasselbe in anderen Bereichen täte, wäre man kaum Nr. 12 weltweit.

PS. Dieses Primeurli hat ein schönes Medienecho ausgelöst, was mich natürlich gefreut hat. Hier ein paar Links:

http://www.bauernzeitung.ch/news-archiv/2014/03/04/eth-professor-fuer-agraroekonomie-geht-bereits-wieder.aspx

http://www.landwirtschaft.ch/de/aktuell/agronews/detail/article/2014/03/04/ethz-wieder-ohne-professor-fuer-agraroekonomie/

http://www.schweizerbauer.ch/politik–wirtschaft/agrarwirtschaft/eth-agraroekonomie-professor-geht-schon-wieder-14975.html

Sogar meiner guten alten Tante NZZ war die Geschichte am Donnerstag ein paar Zeilen wert:

ETH-Agrarökonomie ohne Professor
Kündigung nach 9 Monaten
 flo. · Die ETH Zürich bietet als einzige universitäre Hochschule in der Schweiz den Studiengang Agrarwissenschaft an, doch in der Agrarökonomie zeichnet sich beim einzigen noch verbliebenen Professorenposten eine erneute Vakanz ab. Der 38-jährige Professor Pierre Merel hat seine Mitte 2013 angetretene Stelle gekündigt, wie die ETH eine Mitteilung des Agrarjournalisten Adrian Krebs bestätigt. Merel kehrt zu seinem vorherigen Arbeitgeber zurück, an die University of California in Davis. Die Stelle wird wieder ausgeschrieben. Der Lehrstuhl für Agrarökonomie war bereits vor Merels Amtsantritt für rund zwei Jahre verwaist, nachdem Vorgänger Bernhard Lehmann als Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft nach Bern gewechselt hatte.

Dank allerseits!

Winterkuhkontrastprogramm

Januar 22, 2014

Kühe im SchneeIm Winter kriege ich eher weniger Kuhbilder, aber ein paar Ausnahmen gibt’s zum Glück schon, wie zum Beispiel Monika, die es geschafft hat, in einem quasi schneefreien Winter Kühe im Schnee abzulichten (und zwar in Rothenturm, keineswegs hochalpin also)…

Neuseelandkühe…oder Eveline, die kürzlich aus Neuseeland Bilder schickte (500er Stall mit 16 Melkrobotern immerhin) und mit mir einen Quiz gemacht hat, woher die Bilder wohl kommen und ich natürlich voll daneben lag (Ostdeutschland schätzte ich)….

Kühe am Beach…oder Ruth, die in Andalusien Kühe und einen stattlichen Toro am Beach fotografiert hat und ganz erstaunt war, wieviele davon behornt sind (im Hintergrund übrigens dort nicht etwa Schnee sondern Ferienhüslikrebs). Herzlichen Dank, Euch allen! (Bilder Monika Schlatter, Eveline Dudda, Ruth Hofmann)

Facebookpuzzle gibt Bauernfamilien ein Gesicht

Januar 7, 2014

Familie SprungerDer Schweizerische Bauernverband (SBV) hat hier von mir ja schon viel Fett abgekriegt, drum hat er jetzt auch mal ein bisschen Balsam verdient. Wie Sie, liebe Leserinnen ja vielleicht wissen, stehen wir schon mitten im internationalen Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe. Diese produzieren immerhin 70 Prozent der Nahrungsmittel weltweit, gleichzeitig sind 60 Prozent der Armen weltweit Bauern und Bäuerinnen.

Aus Anlass dieses für einmal sehr gerechtfertigten Sonderjahres hat der SBV 27 Mitgliederfamilien gesucht, die auf Facebook aus ihrem Alltag berichten. Hier finden sich alle Betriebe auf einen Blick und hier gibt’s noch etwas mehr Hintergrundinfo.

Familie Jost AlpabzugIch hab mich ein bisschen umgeschaut auf diesen Seiten. Die Einblicke sind interessant, rührend, überraschend, herzig, aufschluss- und abwechslungsreich. Alles reich illustriert und dies teilweise gar mit bewegtem Bild, so gibt’s zum Beispiel bei Familie Jost aus Obergesteln im Goms für Technikfreunde ein Filmli mit Schnneräumung zwischen Hof und Miststock und bei Familie Pfister aus Bözen ein sehenswertes Video auf dem die Jungbäuerin Vieh füttert. Ich muss sagen, mir gefällt das, auch wenn die Zahl der Betriebe mit 27 vielleicht etwas hoch ist, um die Sache flächendeckend zu verfolgen. Wobei, es musste föderalistisch korrekt jeder Kanton berücksichtigt sein (einer offenbar sogar zweimal, wer rausfindet welchen kriegt von mir einen kleinen Preis) und vermutlich wird es bei der Leserschaft regionale Vorlieben geben.

Michaela Gassers VorstellungInteressant zu sehen ist, was die Bauernfamilien berichtenswert finden. Sehr beliebt war gestern ein Porträt mit der mittels Kuchen frisch gekürten Königin. Hier ist jemand am Bäume schneiden, dort klebt eine Tochter des Hauses einen Kleber hinten auf ein Auto, hüben wie drüben werden Männerchor- und Turnvereinstheater beworben, Kinder in Trachten gezeigt und mit aufschlussreichen Charakterbeschreibungen porträtiert. Die meisten Familien scheinen richtig Freude zu haben, immer wieder neue Entdeckungen zu präsentieren und dabei haben sie gecheckt, dass das Alltägliche meistens das Spannendste ist. Emsig wird hie und da auch schon kommentiert und repliziert. Bin gespannt auf die Fortsetzung, da werden sich im Lauf des Jahres interessante Puzzles ergeben. Hoffe, dass die Urbanistas auch reinschauen, weil man hier dies- und jenseits der Klischees mehr erfahren kann über die Vielgestaltigkeit der schrumpfenden landwirtschaftlichen Bevölkerung.

Zum Zug kommen in diesem Bilderbogen übrigens auch je eine Familie aus Bolivien, Honduras und Kirgistan, ein Produkt der Zusammenarbeit des SBV mit Helvetas und Swissaid. Das wirkt für mich nocht etwas Feigenblattmässig aufgesetzt, um doch noch ein bisschen zu motzen, aber auch das kann noch werden. Bin mir allerdings nicht sicher, ob SBV-Vizedirektor auch an die Familienbetriebe in der dritten Welt dachte, als er – das musste natürlich sein – bei der Lancierung der Verbandsaktivitäten zum Sonderjahr noch etwas Werbung machte für die “Initiative für Ernährungssicherheit”. Womit wir wieder beim Fett wären, aber das kann jetzt noch ein bisschen warten. (Alle Bilder von den Facebook-Seiten der Bauernfamilien)
Familie Sprunger Porträt

All european Ladies in a Competition

Dezember 13, 2013

WettbewerbskuhSind Sie im Weihnachtsstress? Ich hoffe es nicht, auszuschliessen ist es aber ebensowenig. Ich hätte da einen kleinen Tipp. Ein nicht mehr ganz neues aber nichtsdestotrotz tolles Buch namens “All Ladies. Kühe in Europa”. Damit können sie nicht nur eineN KuhfreundIn beglücken (davon gibt es mehr als man meinen könnte), sondern auch sich selber in einen – falls nötig – entspannteren Zustand versetzen.

Der 128-seitige Band zeigt und beschreibt 50 Kuhrassen aus 25 europäischen Ländern. Die deutsche Fotografin Ursula Böhmer hat sie zwischen 1998 und 2011 abgelichtet. Das Langzeitprojekt hat sich gelohnt. Diese Kuhbilder laufen für mich unter Fotokunst. Die Porträts zeigen die Abgelichteten im Augenkontakt mit der Kamera, stoisch, aufmerksam, manchmal leicht überrascht, aber immer irgendwie würdevoll, gelassen und geerdet. Nicht die schlechtesten Zustände, vor und nach Weihnachten.

Schweden FjällrasUm das zu illustrieren habe ich ein paar Bilder ausgewählt.  Dieses hier zum Beispiel zeigt ein Exemplar der schwedischen Fjällras, was nichts anderes heisst als, so würde ich mit meinen rudimentären Schwedischkenntnissen vermuten, Fellrasse.

Griechenland KateriniDieses Bild zeigt ein griechisches Rind von der Rasse Katrini. Sie entspricht nicht grad dem züchterischen Ideal des durchschnittlichen Schweizer Milchproduzenten, aber ist sicher gut angepasst an das karge griechische Klima und doch einfach ein schön anzuschauendes Tier.

WettbewerbskuhSie werden sich jetzt vermutlich fragen, zu welcher Rasse die zuoberst stehende Kuh gehört. Das könnte ich Ihnen schon sagen, ist aber Gegenstand eines Wettbewerbs, bei dem Sie liebe Leserin, lieber Leser, ein Exemplar von “All Ladies” gewinnen können. Vielleicht ein paar Tipps, die Herkunft ist eher südeuropäisch, die Farbe kommt im Namen vor, sie ist ausdauernd und genügsam, noch immer verbringen viele Rassengenossinnen den Sommer in den Bergen. Einst wurde die Gesuchte als Zugtier eingesetzt, heute eher in der extensiven Fleischproduktion. Antworten bitte in die Kommentarspalte, viel Glück! (Alle Bilder Ursula Böhmer, vielen Dank fürs Scowting an Johanna Probst)

PS. In Berlin sind die Ladies zurzeit ausgestellt. Eine sehr sehenswerte Show in einer sehr pittoresken Umgebung in Neukölln. Der Stadtteil hat zwar nicht grad den besten Ruf, aber das Museum ist würde ich sagen, allein die Reise wert. Es ist im ehemaligen Pferdestall eines wunderschönen Gutsbetriebs untergebracht, wirklich prächtig. Zum Glück war ich zufälligerweise zur Vernissage in Berlin und konnte ein paar Worte mit Ursula Böhmer wechseln und sie sogar noch vor einem ihrer Bilder ablichten. Wer nicht extra nach Berlin fahren mag, sollte übrigens im Frühling Gelegenheit kriegen, die Kuhbilder in Zürich zu bestaunen. Die Infos dazu folgen hier, sobald ich sie habe.
Ursula Böhmer

Ouganda: “Une scène classique qui m’a frappée”

Dezember 3, 2013

Ouganda Transport de Lait 4Meine liebe Agrarjournalistenkollegin Claire Muller von “Terre et nature” hat mir diesen interessanten Artikel zukommen lassen. Unten finden Sie eine etwas gekürzte Übersetzung, herzlichen Dank Claire, spannend!

“Ce matin-là, Enos arrive parmi les derniers au local de coulage de lait. Il n’habite pourtant qu’à 2 km de la laiterie coopérative. Pendant que le responsable transvase sa livraison dans le tank après l’avoir filtrée, Enos échange quelques mots avec d’autres producteurs, tout en partageant une tasse de thé, devant le mur où sont affichées les mesures d’hygiène de traite élémentaires. Le sujet du jour? Le prix du lait, à la baisse depuis plusieurs semaines. Le ton monte, les visages s’animent. Fenêtres grandes ouvertes et radio à fond un camion arrive soudain. Il vient d’effectuer une tournée dans les fermes éloignées.

Cette scène aurait pu se dérouler chez nous, en Suisse, dans n’importe quel village. Mais je l’ai vécue à 9000km d’ici, en Afrique équatoriale, plus exactement en Ouganda. Malgré la distance et les différences culturelles, cette scène (trop) classique m’a frappée. Quelle similitude avec ce dont je suis témoin quotidiennement chez les producteurs laitiers suisses! Même sentiment d’injustice et d’impuissance, même impression de travailler dur, de se lever tôt de se coucher tard pour un salaire frolant parfois l’indécence, même déprise d’un produit devenu de consommation courante.

Enos Habyarimania me raconte qu’il possède huit vaches, et que pour la région, c’est beaucoup. Il est arrivé à vélo, une cordelette maintenant la boille à lait sur son porte-bagage. Ce matin, il a livré dix-huit litres. Le laitier l’a soigneusement noté dans un épais cahier, après avoir contrôlé l’absence d’eau rajoutée dans la livraison d’Enos. Cette semaine, Enos sera rémunéré à hauteur de 500 shillings ougandais/litre, soit 0,18 francs suisses. Le lait constitue près des deux tiers du revenu d’Enos et de sa famille. Alors la moindre fluctuation baissière est difficile à encaisser.

En parallèle, Enos et son épouse travaillent quotidiennement dans leurs plantations de 1,2 hectares de pois, de maïs, de sorgho et de manioc, qu’ils cultivent pour leur propre consommation et dont ils commercialisent les surplus au marché. A 25 ans, il ne se plaint guère de son quotidien. Il entretient même un bon espoir de voir sa situation s’améliorer. C’est que dans sa région, le sud ouest de l’ouganda, les producteurs s’organisent. La coopérative qu’ils ont créé vient de racheter le tank à lait à l’industriel qui le détenait jusqu’alors. “Nous allons être plus forts dans les négociations”, se réjouit Enos, qui me glisse encore que le rapport de force pourrait bien être en train de changer. Il est 9h, Enos enfourche son vélo et rentre chez lui.

Suite à son voyage en Ouganda organisé par la Fédération internationale des Journalistes Agricoles (IFAJ) et l’ONG néerlandaise Agriterra, Claire Muller publiera dans le courant du premier trimestre 2014 plusieurs articles sur l’agriculture ougandaise et les suisses qui sont partis là-bas.”

Ouganda Transport de Lait 2
Uganda : “Eine klassische Diskussion, die mich frappiert hat”

“An diesem Morgen kommt Enos als einer der letzten zur Milchsammelstelle, dabei wohnt er nur 2km von der Milchgenossenschaft entfernt. Während der Verantwortliche seine Lieferung filtriert und in den Tank leert, wechselt Enos einige Worte mit den anderen Produzenten, dazu trinken sie Tee vor der Mauer, wo die Hygienemassnahmen angeschlagen sind. Das Thema des Tages? Der Milchpreis, der seit einigen Wochen sinkt. Die Lautstärke der Diskussion nimmt zu, während der Sammellastwagen mit offenen Fenstern und Radio auf voller Leistung vorfährt.

Diese Szene könnte sich in jedem beliebigen Schweizer Dorf abspielen. Aber ich habe sie 9000 km von hier entfernt erlebt, in Uganda. Trotz der Distanz und den kulturellen Unterschieden, hat mich diese (zu) klassische Szene frappiert. Welche Parallele zu dem, was ich in meinem Alltag bei den Schweizer Milchproduzenten erlebe! Das gleiche Gefühl von Ungerechtigkeit und Machtlosigkeit, das gleiche Gefühl, hart zu arbeiten, früh aufzustehen und spät ins Bett zu gehen für einen erbärmlichen Lohn, die gleiche fehlende Wertschätzung für das Produkt.

Enos erzählt mir, dass er acht Kühe besitzt, und das sei viel für die Gegend. Er ist mit dem Fahrrad gekommen, die Milchkanne hat er mit einem Seil auf dem Gepäckträger befestigt. Diesen Morgen bringt er 18 Liter. Der Molkerist hat die Menge sorgfältig in einem Heft notiert, nicht ohne vorher geprüft zu haben, ob kein zusätzliches Wasser beigefügt worden ist. Diese Woche erhält Enos 500 Uganda-Shilling pro Liter, das sind 18 Rappen (also rund 100 Franken pro Monat). Die Milch liefert zwei Drittel von Enos Einkommen. Die kleinste Preissenkung ist deshalb schwierig hinzunehmen.

Daneben produzieren Enos und seine Frau auf ihren Äckern mit einer Fläche von 1,2 Hektaren Erbsen, Mais, Hirse, Maniok für den Eigenverbrauch und den lokalen Markt, wenn etwas übrig bleibt. Der 25-jährige beschwert sich nicht über seinen Alltag. Er hegt sogar Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation. Im Südosten Ugandas organisieren sich die Bauern. Die von ihnen gegründete Genossenschaft hat soeben den benützten Milchtank kaufen können. „Das wird unsere Verhandlungsposition stärken“, freut sich Enos. Die Kräfteverhältnisse würden sich dadurch verändern, ergänzt er noch, bevor er sich um 9 Uhr mit seinem Fahrrad auf den Heimweg macht.

Nach ihrer Ugandareise, die von der International Federation of Agricultural Journalists (IFAJ) und der holländischen NGO Agriterra organisiert wurde, wird Claire Muller in den nächsten Monaten einige Artikel über die Landwirtschaft in Uganda und verschiedene Schweizer, die dorthin ausgewandert sind, publizieren.”
Ouganda Transport de Lait 1

Weidetörli der 3. Art, diesmal von down under

November 21, 2013

Neuseeland Weidetor 1aEs schneit zwar grad kräftig und an Weide denken langsam selbst die grössten Optimisten nicht mehr. Nun ist die Welt ja gottseidank klimatisch vielgestaltig und es gibt Leute die antizyklisch reisen und sich den Sommeranfang in der südlichen Hemisphäre, die zum Glück auch noch an mich denken. Meine Agrarjournalisten-Kollegin Eveline Dudda weilt derzeit in Neuseeland und hat sich an meine sporadisch auftauchende Weidetoreserie erinnert. Das Resultat ist sehr interessant. Sie schickte mir die Bilder von zwei Toren der besonderen Art: Das eine soll den Wald schützen und das andere die Fauna und Flora. Aber ich gebe das Wort am besten gleich ihr selber:

Neuseeland Weidetor 1c“No 1: Das Desinfektions-Weidetörli aufgenommen im Shakespeare-Regionalpark, auf einer Halbinsel unweit von Auckland, NZ. Diese Art Weidetörli trifft man hier gleich mehrfach an. Die Durchgehenden Richtung Wald werden gebeten, die Schuhe zu reinigen und zu desinfizieren. Der Grund ist eine Krankheit des wohl ältestens Baums der Welt, des Kauri. Diejenigen Exemplare, die die Einwanderer in den letzten paar hundert Jahren nicht abgeholzt haben um Platz für die Rinder und Schafe zu schaffen (und das sind höchstens 3 Prozent des ursprünglichen Urwalds) leiden unter einem Syndrom namens Kauri-Dieback.

Neuseeland Weidetor 1bDer Erreger scheint etwas ähnliches zu sein wie Feuerbrand und man versucht ihn aus meiner Sicht etwas hilflos im Schach zu halten oder die Leute wenigstens darauf aufmerksam zu machen. Die rund Tausende Schafe und mehrere Dutzend Rinder auf dieser Halbinsel müssen ihre Klauen übrigens nicht desinfizieren, weil sie ja nur die Weiden wechseln, aber nicht in den Busch gehen. Der ist hier strikt eingezäunt und bestens geschützt.

Neuseeland Weidetor 2bNo 2: Das Pest-Schutztörli ist etwas weniger für den Nachbau geeignet, denn es ist technisch aufwendiger gestaltet und eher mehr als nur ein Törli. Ich würde mindestens Tor dazu sagen, um nicht zu sagen: Festtungstor und von daher in der Schweiz sicher bewilligungspflichtig. Auch die Variante für die Fussgänger ist nicht ohne Raffinessen. Was wie ein Zugang zu einer militärischen Anlage aussieht, ist in Wirklichkeit ein Schutz der dahinterliegenden Weiden und Wälder vor der Pest.

Neuseeland Weidetor 2dMit Pest sind in NZ alle invasiven Tierarten gemeint, die man mehr oder weniger bewusst eingeschleppt hat und die der natürlichen Vielfalt ziemlich zugesetzt haben: Ratten, Chüngel, Hermeline, Mäuse um nur ein paar davon zu nennen, kannte man früher auf NZ nämlich nicht. Deshalb legen mehrere Vögel z.B. das Nationaltier der Neuseeländer, der Kiwi, noch immer sorglos ihre Eier in Erdhöhlen oder am Boden ab, wo sie von Ratten, Hermelinen, Hunden etc. gefressen werden. Die Neuseeländer, die sich übrigens selbst Kiwis nennen, haben vor einigen Jahren angefangen einzelne Gebiete, i.d. Regel Inseln oder Halbinseln von diesen Einwanderern zu befreien indem sie sie mit Fallen fallen und mit Ködern vergiften und natürlich jeglichen Neuzugang zu verhindern suchen.

Neuseeland Weidetor 2cDer Aufwand ist riesig! Dieses Tor gehört zu einer schätzungsweise 100 bis 200 Hektar grossen Halbinsel welche mit einem 1,7 km langen Hag (dichtmaschig, eingegraben, mit Dach etc.) vom Festland abgeriegelt wurde. Alle paar Meter steht rechts und oft auch noch links vom Hag eine Falle, die natürlich regelmässig kontrolliert und immer wieder neu bestückt wird. Auch innerhalb des Geländes sind tausende von Fallen aufgestellt und Giftköder ausgelegt. Egal wo man sich im Park auch aufhält, wenn man sich einmal um die eigenen Achse dreht wird man immer ein bis zehn farbige Bänder an Bäumen, oder Farbmarkierungen an Pfosten sehen können, die eine Falle oder einen Köderstandort markieren. Wenigstens scheint sich der Erfolg einzustellen, nächstes Jahr soll hier der Kiwi wiederangesiedelt werden. Ich muss hier komischerweise immer wieder an die Koexistenzverordung denken. Dabei hat das ja überhaupt keinen Zusammenhang. Denn das mit den gentechnischen Mutationen hat man ja im Griff. Oder?”

Eveline wäre nicht Eveline wenn sie nicht mit einer knackigen Frage aufhören würde. Ich nehme jetzt mal an, dass sie rhetorisch gemeint war und verzichte auf die Antwort und danke herzlich für Bild und Text! (Bilder Eveline Dudda)
Neuseeland Weidetor 2a


Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 66 Followern an