Archive for the ‘International’ Category

Was im Nestlé alles so ausgebrütet wird

Oktober 23, 2014

L1010109Letzte Woche habe ich wieder mal den “Blick” gelesen, und es hat sich gelohnt. Mehr jedenfalls als die Lektüre des Schwesterblatts, die ich mir unterdesssen als Pendler fast allabendlich zumute.

Das Interview mit Hans Jöhr, Head of Agriculture von Nestlé, enthält ein paar aufschlussreiche Aussagen, die zeigen, wie der Multi tickt, und das ist für die Bauern auch in der Schweiz nicht uninteressant.

Hier ein paar markige Worte des 59-jährigen Managers, der aus dem Bernbiet einst nach Brasilien auswanderte, um dort den Traum vom Farmen zu realisieren. Danach machte er den Dr. der Wirtschaftswissenschaften, gründete ein Beratungsbüro und wechselte schliesslich vor 14 Jahren zum Grosskunden der weltweiten Landwirtschaft. Dazu ein paar Kommentare.

Jöhr zur Landwirtschaft im Allgemeinen:
“Ich bin ein Bauersohn und war selber Bauer. So habe ich gelernt, wie viele Fehler man machen kann, wenn man nicht vorsichtig umgeht mit natürlichen Ressourcen wie Boden und Wasser. Wir haben teilweise grosse Fehler gemacht in der Vergangenheit. In vielen Ländern konnten wir aber eine Wende einleiten.”

Das sind bemerkenswert selbstkritische Bemerkungen, die man aus den Teppichetagen von Grossunternehmen selten hört. Allerdings gelingt es Jöhr dann mühelos, die übers Haupt gestreute Asche zu einem Lorbeerkranz zu formen.

Zur Korrektur der Fehler und zur Nachhaltigkeit als Exportschlager:
“Zusammen mit Fritz Häni, dem Vater von IP Suisse, habe ich Richtlinien für eine nachhaltige Landwirtschaft aufgebaut. Alle haben gesagt, das kostet zu viel und verlangten, dass wir einen Business Case entwickeln. Das haben wir dann getan. Wir haben Danone und Unilever ins Boot geholt und die Plattform für nachhaltige Landwirtschaft gegründet. Heute gehören über 60 der grössten Lebensmittelverarbeiter dazu. Das ist ein Exportschlager für die Schweizer Landwirtschaft. Wir haben die Nachhaltigkeit, die wir bei uns kennen in der ganzen Welt verbreitet.”

Ehrlich gesagt ist mir ein ziemliches Rätsel, wovon Jöhr hier spricht. Dieser Exportschlager ist mir noch nie begegnet und eine “Plattform für nachhaltige Landwirtschaft” mit dem geschilderten Hintergrund ist zumindestens im Internet nicht aktenkundig. Schade, dass der Blick-Mann hier nicht nachfragte.

Zu Fairtrade:
“Das ist nicht zwingend der richtige Weg. Man muss aufpassen, dass man nicht die Zertifizierer oder den Handel bezahlt, sondern dass das Geld wirklich zu den Bauern kommt.”

Gut gebrüllt, bäuerlicher Löwe, das sind wahre Worte aber würde in diese Aufzählung nicht auch Jöhrs Arbeitgeber gehören? Aber natürlich, wes Nescafé ich trink…

…und weiter auf die Frage, ob das bei Fairtrade nicht der Fall sei:
“Leider nicht unbedingt. Man kann sogar Armut zertifizieren mit solchen Labels.”

Zu den eigenen Handelsbedingungen für die Bauern:
“Letztes Jahr haben wir mit über 300’000 Bauern Ausbildungen gemacht. Das ist kein karitativer Beitrag, sondern wir befähigen die Bauern, bessere Qualität zu liefern. (…) Unter Umständen zahlen wir 30 oder 40 Prozent höhere Preise als der Markt.”

Das gilt allerdings nur für das eine Prozent Nespresso-Kapselkaffeeproduzenten, wie Jöhr etwas weiter unten einräumt. Gerade hier aber ist die Verarbeitermarge derart astronomisch, dass die Differenz zwischen Ladenverkaufspreis und Produzentenpreis etwa 6 mal grösser ist als beim durchschnittlichen konventionellen Kaffeehandel, ungeachtet der 30 bis 40 Prozent Zuschlag, die Jöhr erwähnt.
Zur Illustration die grobe Rechnung:
Nespresso: Füllmenge 5 Gramm pro Kapsel, Kapselpreis 50 Rappen -> Kilopreis Fr. 100.- , Produzentenpreis Fr. 5.60 (Weltmarktpreis von Fr. 4.-/kg plus 40% Zuschlag)). Differenz zum Produzentenpreis: Fr. 94.40.
Konventioneller Kaffee: Kilopreis Fr. 19.- (Migros, gehobenes Sortiment Caruso), Differenz zum Produzentenpreis: Fr. 15.-.
Soviel zum Thema Fairtrade bei Nestlé.

Jöhr zum Thema Gentech:
“Es kann ein Werkzeug sein. Wir gehen differenziert vor. Eine Technologie kann Vor- und Nachteile haben. Persönlich habe ich das Gefühl, dass Gentechnologie bereits überholt ist. Sowohl in der Pflanzenzucht wie bei der Tierzucht gibt es heute Methoden mit denen man den Bauern besser helfen kann.”

Das sich Jöhr derart klar distanziert von grüner Gentechnologie ist sehr interessant. Für mich ein klares Indiz, dass die Kosten-/Nutzenrechnung für ein Grossunternehmen mit GVO-Ware nicht aufgeht. Möglicherweise ist diese Aussage einer der Gründe, wieso das Interview sehr schnell wieder runtergenommen wurde bei Blick. Ich habe mich via Twitter beim Boulevardblatt nach der Ursache erkundigt, habe aber nie eine Antwort erhalten:

Schliesslich Jöhr zur biologischen Landwirtschaft:
“Bio kann für die Bauern eine gute Lösung sein, wenn die Konsumenten willens sind, die höheren Preise zu zahlen. In der Schweiz ist das der Fall. Man kann nicht ein Rezept aus der Schweiz oder aus Westeuropa auf die ganze Welt anwenden und sagen, es müsse alles Bio werden. Die biologische Landwirtschaft braucht mehr Ressourcen. Zudem ist sie sehr wissensintensiv, in Ländern mit vielen Analphabeten funktioniert sie nicht.”

Da muss ich nicht nur berufeshalber widersprechen, erstens sagt niemand, es müsse alles Bio werden (mit 50 Prozent wären wir schon recht zufrieden…), zweitens braucht die biologische Landwirtschaft zwar pro Ertrag mehr Ressourcen, geht aber mit diesen so schonend um, dass sie verwendbar bleiben und drittens funktioniert sie bestens mit Analphabeten, wie zahlreiche Produzenten und Projekte in Entwicklungsländern täglich beweisen. Die Aussage von Jöhr zeigt, dass Multis wie Nestlé Anbauvorschriften, die sie nicht selber diktieren, ein Dorn im Auge sind, da sie mit einem gewissen Kontrollverlust über die Bauern einhergehen. Das soll wiederum nicht heissen, dass sie es grundsätzlich schlecht meinen mit den Produzenten, denn die Firma ist auf das bäuerliche Knowhow (auch von Analphabeten) angewiesen, um die Rohstoffversorgung zu sichern, ohne Kaffeeproduzenten nützt die schönste Reklame mit Bräutigam Clooney nichts.

 

Scotland (2): I bet it’s a No. And why it’s good

September 18, 2014

AngusThe polls are closed, the decision is approaching: Is Scotland staying or going away from the UK? In a few hours we’ll know about the verdict. So, it’s about time for a last qualified and legal bet. I bet hereby that it’s gonna be a No: 52.7 to 47.3 percent or somewhere around that. If I loose, I will blog daily next week and put up with a reason day by day why it’s ok to be independent for the Scots and their farm sector. You may call me opportunistic, but no, if it’s a Yes, all that remains (after the celebrations and mournings of course) will be to get up/come down and keep going.

Alex SalmondAnyway, meanwhile let me line up a few reasons, why it’s good that that it will be a No for scottish agriculture. To put it straight beforehand, I understand every Scotswoman and -man who prefers to be governed by an outspoken and witty guy like Alex Salmond instead of a public school boy like David Cameron. But unfortunately, a swallow doesn’t make spring, as we say in Switzerland. The lonely Salmond won’t save the whole Loch. He’s a great promise and talks the blue down from the sky (as far as there is any in Scotland). Still, he hasn’t got a clue about the consequences of Independece yet. When he talked to us a fortnight ago at the congress of the IFAJ in Aberdeen, he wasn’t able to make any clear statement about how a Yes would influence the future of his country very probably not to be.

He complained about the very low contributions the Scottish farmers are receiving from the EU honeypots (see the article of my colleague Jonas Ingold on Swiss agpress agency LID). That may be true, but I’m pretty sure that an independent Scotland will mean a lot of insecurity to the farmers whether at all they will get any money from Brussel in the next few years. And it’s always better to have the sparrow in your hand than the beautiful white dove on the roof, to use another Swiss saying.

Landscape to die forAnother thing I don’t understand from an agrocommercial point of view is why the Scots should build a frontier towards their most important market. In a world or at least a Europe where pulling down the borders has caused a few problems but has mainly prevented this agitated continent from more wars and bloodshed, I think it’s quite stupid to build toll stations and create free trade barriers. Notably because the Scots have a lot of excellent products to offer, eg Whisky, Salmon and Landscape to die for and some of the most excellent cattle (the Aberdeen Angus bull above for example) and sheep in the world to just mention the tip of the iceberg. And look (below) what they have made out of our Simmentals (the two bulls to the right) and you know immediately, what they are able to achieve.

This doesn’t mean that I think the whole idea of the Independence Referendum is wrong. I think Mr. Salmond and his pals are quite clever. They knew from the beginning, that it will be a No, but a tight one. And that bottom line, there will be an even higher level of independence within the UK once the whole thing is over. I would even go so far to say that the Salmonds are happier about a tight No than a tight Yes. But who knows, maybe I’m totyally wrong and will have to blog again tomorrow…
Simmental bulls

Scotland(1): Stolen memories

September 13, 2014

Ballen4Back from a few days in Scotland at the annual Congress of the International agricultural journalists (IFAJ) in Aberdeen.

It was a very interesting trip. Imagewise I was most impressed by the landscape, not really surprisingly. More surprising maybe: Best elements were the round straw- and haybails. They look really great, even the black wrapped ones on a bright green of a post-rainfall-sun reflecting. Great.

Ballen1

Unfortunately, the bus went too fast for a Bernese to get out his cam at the right time. Plus we stopped rarely when there were bails around. Anyway, I had to steal from some AgJournalist pals. Thanks a lot Debra Murphy from Saskatchewan (top picture) and Peter Lewis from down under!

Ballen2

Gute Ernte (2): Sommerweidetore aus Southwest

September 3, 2014

Weidetor1Zu einer gelungenen Agrofotosafari gehören immer auch ein paar Weidetore, dafür ist England verlässlich ein gutes Pflaster, diesmal der Südwesten. Den Auftakt der Serie macht das Hinfällige aber dafür umso Aussichtsreichere, von dem diesen Sommer nur noch der Umgehungskranz vorhanden war.

Weidetor2Das nächste war ein Grossartig angekündigtes.

Weidetor3Und es folgte ein Gitter, so perfekt, wie man es auch in der gepützelten Schweiz kaum sieht.

Weidetor5Da war man dann schon fast wieder froh um das Rustikal hölzerne, auch dieses in perfektem Zustand. Es darf nicht vergessen gehen, dass Devon gemeinsam mit Cornwall so etwas wie die Sonnenstube Englands ist, ideal auch für Londoner, die kaum länger zu fahren haben, als eine Reise jenseits des Gotthards dauert.

Weidetor6Weitverbreitet sind hier die architektonisch anspruchsvollen Übersteiger, da es immer wieder Mäuerchen zu queren gilt. Die englische Kulturlandschaft ist schon recht toll. Während bei uns alles ausgeräumt wurde, strotzt sie hier vor Hecken, Baumgruppen und Mäuerchen.

Weidetor7Zum Abschluss hier noch das vom Weidetor inspirierte schwenkbar Eingemeindete zum Schutz von God’s Acre, wie der Friedhof passend dazu gemäss Schild hier auch heisst.

Gute Ernte: Sommerkühe aus UK, CH, Tansania

August 30, 2014

Sommerkühe Helen

Liebe Leute haben mir viele schöne Kuhbilder geschickt in den letzten Wochen: zB. ölmalerisch pittoresk aus Cornwall …

OLYMPUS DIGITAL CAMERA… spektakulär perspektivisch aus dem Berner Oberland …

????????… kontemplativ weitsichtig aus dem Alpstein und …

Sommerkühe Susanna Tansania Saadani Nationalpark… exotisch bemutternd aus Tansania.
Danke Euch allen! (Bilder: Helen James, Monika Reize, Monika Schlatter, Susanna Müller)

Englisches Farmshoppingerlebnis

August 18, 2014

Padstow Farmshop2Grossbritannien hat ja kulinarisch nicht grad den besten Ruf. Zu Unrecht. Die Zeiten, als man sich mit Fish & Chips aus ranzigem Frittieröl begnügen und das ganze mit viel Ale runterspülen musste sind längst vorbei.

Padstow Farmshop5Padstow Farmshop3Das heisst nun aber nicht, dass zwischen Brighton und (noch) Aberdeen nur noch geschlemmt würde. Junk Food ist nach wie vor weit verbreitet (kann im Fall von gutem Frittierfisch durchaus lecker sein) und das Land hat eine der wohl härtesten Konkurrenzsituationen unter riesigen Supermarktketten von Tesco über Morrisons, Sainsbury bis zu Asda, dem Wal-Mart-Ableger auf der Insel.

Padstow FarmshopPadstow Farmshop4Trotzdem hält sich daneben eine sehr lebendige Farmshop-Szene, wie Schilder an den Strassen allenthalben beweisen. Kürzlich auf landschaftlich reizvoller Tour in Cornwall machte ich die Probe aufs Exempel im Padstow Farm Shop. Der Laden ist wenige hundert Metern von Discount-Konkurrenz entfernt, hält sich aber mit einem sehr regional verankerten Sortiment bestens. Leider schon auf der Heimreise war das Gepäckpotenzial für kräftige Einkäufe stark limitiert, gerne hätte man die letzten Pfunde allesamt hier liegen gelassen. Ein breites, anmächelig präsentiertes Angebot wurde charmant angepriesen von Locals, die zum Teil von der dazugehörigen Farm stammen.

Padstow Farmshop7Eines der interessanten Details, das man in England nicht gerade vermuten würde ist die Pastamaschine, mit der sich die Kundschaft aus lokalem Weizen die gewünschten Teigwaren produzieren lassen kann.

Das ganze ist enorm aufwändig, im Laden arbeitete etwa ein halbes Dutzend Personen, das heisst es muss ein beträchtlicher Umsatz aber auch viel mässig bezahlte Arbeit und damit eine gehörige Portion Idealismus vorhanden sein. Das Resultat lässt sich mehr als sehen. Ich zieh solch eine Fundgrube den Delicatessas aller Art in den Kellern unserer Grossverteiler in jedem Fall vor.

Yellingham1Yellingham2PS. Dass es die Bauern im touristisch sehr attraktiven Südwesten der Insel gecheckt haben, dass die Gäste mehr als das gute alte feisse Full english Breakfast, zeigte sich auch in der Yellingham Farm im nahen Devon. Schauen Sie sich mal das Müesli und das anschliessend präsentierte doppelte “poached egg” auf Spargeln an. Da muss der darauf folgende Tag einfach gut werden.

Grundfragen beim Quinoa-Dreschen in Tiraque

Juni 5, 2014

QuinoaIm letzten Herbst war ich kurz in Bolivien für den Besuch in einem FiBL-Projekt. Dort habe ich nach langen Jahren meinen Studienkollegen Johannes Brunner wieder getroffen. Er arbeitet seit einiger Zeit in Südamerika und schreibt von dort aus ab und zu einen Rundbrief für Zuhausegebliebene und andere Interessierte. Sein Editorial ist hochinteressant. Es tangiert eine der Kernfragen der (Land-)Wirtschaft: Wieviel Technisierung, Rationalisierung und Professionalisierung macht Sinn? Wem dient sie? Wer verdient daran? Wer wird glücklich dabei?

Auf der Reise in die holländische Schweineindustrie zum Beispiel habe ich mich oft gefragt, woher eigentlich der omnipräsente Wachstumsdruck kommt. Profitieren tun leider nicht primär die Bauern, auch wenn jetzt im Fall des Dreschens gewisse Vorteile der Mechanisierung nicht von der Hand zu weisen sind. Aber lesen Sie selber. Ich bringe den Text integral, inklusive Werbespot für Johannes’ Arbeitgeber, denn die Art, wie Interteam arbeitet, scheint mir sinnvoll. Merci für den spannenden Text und das Abdruckrecht Johannes!

“Vor kurzem konnte ich in Tiraque bei der Ernte einer Parzelle Quinoa mithelfen. Die Bauernfamilie hatte die Pflanzen bereits geschnitten und auf der Parzelle pyramidenförmig aufgeschichtet, damit die Rispen trocknen konnten. Diese legten wir nun in zwei Reihen auf eine Zeltplane und liessen sie nochmals eine Stunde trocknen. Danach fuhr Roberto mit seinem Auto mehrmals über die Rispen, bis sich die kleinen Körner von den Pflanzen gelöst hatten. Nach einigen Überfahrten wendeten wir sie und das Dreschen konnte wiederholt werden. Nachdem wir diese Prozedur mehrmals durchgeführt hatten, entfernten wir die Stängel von der Plane und siebten den zurückgebliebenen Rest in zwei Durchgängen mit einem Sieb mit Lochgrösse 4mm und später 2mm.

Danach brachte die Bäuerin das Mittagessen: Maiskörner, Weizenbrei und Frischkäse. Am Nachmittag kam Wind auf und wir konnten mit seiner Hilfe und der Wurfschaufel die Körner von den Resten der Spreu und den Unkrautsamen trennen. Gegen Abend lag vor uns ein pyramidenförmiger Haufen kleiner, golden glänzender Körner von etwa 150 kg aus einer Fläche von 20 Aren, den wir in drei Säcke füllten. Alle waren müde und sehr glücklich. Während der ganzen Arbeit fühlte ich mich mit meinen Vorfahren verbunden, obwohl ich beim Garben binden und Puppen stellen nie dabei war. Zeit und Effizienz gerieten in den Hintergrund, in den Vordergrund rückten Gespräche und die Aufmerksamkeit auf die Windstärke.

Meine Idee mit einer Holzkonstruktion die Trocknung der Rispen zu beschleunigen, wurde mit Neugier aufgenommen. Gleichzeitig machte ich mir Gedanken über meine eigene Vorstellung von Fortschritt und Entwicklung. Dabei stellte ich fest, dass ich Armut mit Mangel an Materiellem, mit Langsamkeit und Ineffizienz identifiziere. Sofort schlage ich deshalb Geräte und Technologien vor, damit die Bauern schneller und mehr Quinoa ernten können. Doch sind mir die Folgen nicht bewusst? Statt dass es den Familien besser geht, wird die Gemeinschaft durch Konkurrenz zerstört. Einige Betriebe wachsen auf Kosten von andern, die ihren Boden am Schluss verkaufen und abwandern.

Im Hochland Boliviens können die Menschen mit diesem Entwicklungsmodell nichts anfangen. Arm ist der Mensch, der den Kontakt zum Boden verloren hat, der keinen Boden besitzt, in dem er seine Angehörigen begraben kann, der dadurch beseelt ist und den Lebenden Nahrung und ein Dach über dem Kopf bietet. Arm ist der Mensch, der seinen Boden verkauft oder spekuliert und in die Stadt zieht auf der Suche nach einem scheinbar besseren Leben. Arm bin ich, der glaubt diesen Menschen unseren Fortschritt bringen zu müssen, obwohl ich weiss, dass damit nur Macht und Geld in den Händen weniger konzentriert wird.

Genau dieser Problematik ist sich Interteam bewusst und arbeitet deshalb auf der Ebene von Mensch zu Mensch, um langsame, dafür nachhaltige Lern- und Entwicklungsprozesse auf Vertrauensbasis aufzubauen, in denen Menschen ihre eigenen Lebensvisionen selbstbestimmt realisieren können. Die Arbeit von Interteam entpuppt sich damit auch als Werkstatt für die Kreation neuer Impulse für die Schweiz, weil unsere Partner unsere linearen Entwicklungsmodelle hinterfragen. Die Bauern und Bäuerinnen Boliviens lehren mich, dass wir in der Schweiz in dieser Hinsicht noch viel Entwicklungshilfe benötigen.” (Bild Johannes Brunner)

 

Die unzichtbaren Schweine van Holland

Mai 24, 2014

L1000414Letzte Woche war ich in Holland für die sogenannte Innovative Pig Production Tour, organisiert von holländischen und belgischen Agrarjournalistenkollegen und dem neuen europäischen Verband ENAJ. Die Visite war interessant aber ernüchternd. Innovativ heisst in Holland in erster Linie effizienter und rationeller, Nachhaltigkeit bezieht sich ausschliesslich auf Ökonomie.

Sneak previewDie Tour führte uns durch die südlichen Regionen Brabant und Limburg, wo ein Grossteil der 12 Millionen holländischen Schweine lebt (zum Vergleich: 1,5 Mio. in der Schweiz). Das würde man aber nicht merken, wenn man’s nicht wüsste. Man sieht nichts, hört nichts und riecht (fast) nichts von den Tieren. Klar sind die zahllosen Ställe auffällig, aber es könnte gerade so eine ausgedehnte Gewerbezone sein, die sich über Dutzende wenn nicht hunderte von Quadratkilometern erstreckt, wobei es den Holländern recht gut gelingt, ihre industrielle Tierhaltung mit Alleen, Baumgruppen, Wasserflächen, dekorativen Ponys und gepflegten Backsteinhäuschen zu kaschieren.

Agroblogger and pigGeruchlich ist man weitgehend abgeschottet von den Realitäten, da die Ställe, zumindest die Neueren und das sind die meisten, obligatorisch mit Luftwaschanlagen ausgestattet sein müssen, die nicht nur die Ammoniak- sondern auch die Feinstaubbelastung senken. Die Ställe, die wir besichtigt haben sind auch räumlich weitgehend abgeriegelt von der Aussenwelt. Aus hygienischen Gründen sind Besucher nur sehr restriktiv zugelassen und grössere Besuchergruppen wie die unserige, 25 Personen umfassende, sind logistisch praktisch nicht handlebar, da man vor dem Stallzutritt duschen muss.

WindowshotSomit ist man auf die Durchblicke von aussen angewiesen. Dazu bieten die 26 fürs Publikum zugelassenen Sichtställe (Zichtstal) Hand, beziehungsweise Auge. Was man da präsentiert bekommt ist nicht schockierend, aber auch nicht erfreulich. Haltung auf absolut minimalem Tierschutzniveau, unstrukturierte Buchten, kaum Beschäftigungsmöglichkeiten und – mit Ausnahme von Betrieben im Promillebereich - keine Einstreu.

Behind the windowEs geht mir nicht darum, die Holländer an den Pranger zu stellen. Ein Grossteil der Schweizer Schweine lebt unter ähnlichen Bedingungen, im EU-Vergleich ist das Haltungsniveau in Brabant, Limburg und Gelderland eher überdurchschnittlich. Was mich frappierte waren die Dimensionen, zwar kannte man die Verhältnisse aus Erzählungen und Fachmedien, aber wenn man dann vor einer Batterie von 90 Meter langen, fensterarmen bzw. -losen Hallen steht und weiss, dass darin Tausende von Schweinen gezeugt, ausgetragen, geboren, gesäugt und gemästet werden, dann ist das schon eindrücklich bis schaudererregend, selbst für einen Abgebrühten wie mich. Economies of scale am lebenden Objekt mit nüchternem Fokus auf Effizienz und Rentabilität – industrielle Landwirtschaft eben. Da leben wir schon noch ein bisschen im Heidiland.
Wartestall

Rumäniens bedrängte Kofferraum-Marktwirtschaft

Mai 11, 2014

Schweinemarkt HodacNochmal ein kurzer Ausflug nach Rumänien und in die Marktwirtschaft, vor allem die am Strassenrand. Hier reicht als Laden ein Kofferraum, eine Ladefläche oder eine (soeben zum Abtransport verladene) Kiste, wie hier auf dem Bild vom Markt im siebenbürgischen Hodac, wo ein paar Ferkel angeboten werden.
Märit HodacViel zum Einsatz kommen auch schlichte Lieferwagen, aus deren Tiefe dann Getreide aller Art, Mehl oder andere Ware en gros angeboten werden.
KäsemarktManchmal braucht es auch nur ein Tischen mit einer Waage und einem Käse, wie dieses Bild, ebenfalls aus Hodac, zeigt.
On the roadDaneben gibt es unzählige einfache Verkaufsstellen am Strassenrand. Etwa hier, wo Wein, Früchte und Gemüse im Sortiment sind. Ich vermute, dass dies hier anders auf dem Markt, wo Abgaben zu bezahlen sind, sehr informell läuft, allenfalls, wird man dem Eigentümer des Grundstücks einen Batzen in die Hand drücken…
Honig…oder im Falle dieser Verkäuferin, die auf dem freien Feld aus dem Wohnwagen Honig verkauft, ein Glas für den lokalen Polizisten bereithalten.
Angst2Nur damit jetzt nicht der Eindruck entsteht, Rumänien werde ausschliesslich von idyllischen Bauernmärkten und Strassenverkäufern versorgt, hier noch ein Bild aus Bukarest, wo die rumänische Tochter der Zürcher Metzgerei Angst in Zusammenarbeit mit Carrefour einen schmucken Mini-Supermarkt eröffnet hat. Das Geschäft steht bezeichnenderweise im gedeckten Teil eines ehemaligen Frischmarkts, wo die Bauern und Bäuerinnen aus der Umgebung ihre Milch- und Fleischprodukte zu verkaufen pflegten. Das ist leider eine verschwindende Kultur. Das Land wird im Schnellzugstempo überzogen von mitten ins Kulturland gepflanzten gigantischen Supermärkten, wobei deutsche Ketten auffällig omnipräsent sind. Kein schönes Bild, aber bei uns in der Agglo sieht es ja auch nicht besser aus.

 

Kuhwoche (Epilog): Romuhnia

Mai 6, 2014

Rumänische Kühe2Einfach immer wieder schön, die rumänischen Allmendherden, auch dieses Mal wieder. Unter Obhut eines oder mehrerer Hirten verbringen die Tiere ihre Tage auf Gemeindeland, am Abend kehren sie zurück auf ihre Betriebe, wo sie meistens alleine oder allenfalls zu zweit gehalten werden.
AllmendHier noch grad so eine Idylle in der weitläufigen Dobrudscha, die dieser Tage sonst eher von endlosen Rapsfeldern dominiert wird. Das ua. ist das Faszinierende an der rumänischen Gegenwart: Parallel finden sich auf engem Raum Landwirtschaftsszenen aus verschiedenen Jahrhunderten.
Kleinbauer RumänienHier ein Kleinbauer, der seine Kuh nach getaner Fressarbeit zurück in ihren Stall führt.
Rata rumaneascaUnd zum Schluss noch dies: Rotvieh, rumänischer Flügel, ein eher seltenes Bild. Aber die Hörner sind omnipräsent: Ich habe in acht Tagen keine einzige hornlose rumänische Kuh gesehen. Das hätte dem Biorebell Armin Capaul auch gefallen. Er will jetzt, falls das noch nicht überall bekannt sein sollte eine Initiative für den Hörnerfranken lancieren. Endlich ein Volksbegehren mit Hand, Fuss und Horn…


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