Archive for the ‘Natur- und Umweltschutz’ Category

KulturLandiVerlust: Wie die Bauern-Firma sündigt

Juli 8, 2014

Landi Neubau Rüderswil“Zu den obersten Geboten der Fenaco gehört der haushälterische Umgang mit landwirtschaftlich nutzbarem Boden”, sagt Fenaco-Präsident Lienhard Marschall laut einem Artikel unter dem Titel “Mit Augenmass bauen”, der im Herbst 2012 auf der Fenaco-Homepage veröffentlicht wurde.

Entweder gilt das Wort des Präsidenten nichts oder schon nicht mehr, oder dann ist das eine Selbstberuhigungspille in einer Zeit in der sich die Besitzer der Fenaco-Landi Gruppe, die Bauern, gerne hervortun mit besorgten Wortschwällen zum Kulturlandschutz. Die Lobag, der konservative bernische Bauernverband hat sich gar – in der Not frisst der Teufel Fliegen – mit den Grünen zusammengetan, um eine Kulturlandinitiative zu lancieren.

Landi RüderswilLandi Neubau WaldeggWenn man nämlich einfach mal Landi und Neubau in die Suchmaschine eingibt, kommt einem ein ebenso umfangreicher Schwall von Bildern mit üblen einstöckigen kulturlandfressenden Landi-Bauprojekten entgegen, dazu gehören immer eine Tankstelle und ein ausgedehnter Laden, alles natürlich einstöckig und architektonisch bestens geeignet, um die Landschaft zu verschandeln. Dazu ein paar zufällig ausgewählte Beispiele: Landi Rüederswil BE (siehe den Auftakt oben, hier links ein Bild von den Bauarbeiten und rechts das geplante Endaussehen).

Neubau Landi ReidenNächstes Beispiel ist die Landi Reiden LU. Hier der Humusabtrag…

Landi Reiden Neubau…und der prächtige Endausbau als Computeranimation.

Landi Neubau MühlethurnenEine weitere Augenweide im ehemaligen Landwirtschaftsland ist die Erweiterung der Landi Mühlethurnen mit Getreidesilos.

Landi Neubau KlingnauUnd hier zum Abrunden noch der Neubau in Klingnau…

Landi Neubau Eglisau

…und der Neubau in Eglisau. Erweiterung der Galerie ist jederzeit in beliebigem Umfang möglich. Insgesamt ein deprimierendes Bild, das zeigt, dass die Schere zwischen der auf der Homepage postulierten Aufmerksamkeit bezüglich Kulturlandverlust und der Realität erschreckend weit offen ist. Das nützt auch der schöne Nachhaltigkeitsbericht wenig, den die Fenaco hat erstellen lassen. Die Bauern täten gut daran, ihrem Unternehmen etwas besser auf die Finger zu schauen, wobei viele unter ihnen ja als Grossbaulandverkäufer selber viel zur Zersiedelung und zu architektonischen Einöde im Land beigetragen haben. (Alle Bilder und Illustrationen: Landi)

Bio im Glashaus und Medien unter Schrumpfdruck

April 7, 2014

Alles bio oder wasOk, man ist natürlich jetzt ein bisschen sensibilisiert, als mitbeteiligter Lohnempfänger in der Biobranche. Doch das soll kein Hinderungsgrund sein, die Lust am Biobashing zu thematisieren. Publikumsmedien, einige stärker als andere, scheinen zuweilen ein geradezu biologisch bedingtes Verlangen zu verspüren, der ökologischen Landwirtschaft wieder mal die Leviten zu lesen. “Bio-Lüge”, “Bio-Bschiss” und “Bio-Illusion” sind nur ein paar der Wortschöpfungen aus den letzten Jahren.

LotterieJüngste Beispiele sind Artikel im “Spiegel” und im Konsumentenmagazin “Saldo”. Ersterer zog unter dem rezyklierten Titel “Alles Bio – oder was?” gegen einen angeblichen Bioeierskandal zu Felde, der sich dann allerdings samt der Onlineversion des Berichts in Luft auflöste. Die von “Saldo” monierte “Lotterie beim Bio-Einkauf” thematisiert ein altes aber durch ein komplexes Ausnahmeregelungssystem wasserdicht geregeltes Problem des biologischen Anbaus, nämlich den partiellen Mangel an Biosaatgut, der durch konventionelle Ware gedeckt werden muss. Das ist sicher kein Ruhmesblatt für den Biolandbau, aber man arbeitet daran, und die Alternative wäre ja dann einfach, dass stattdessen mehr Waren in konventioneller Produktion angebaut und Bioprodukte dadurch knapper und noch teurer würden, und das wäre dann wohl auch wieder nicht ganz im Sinne der Konsumentenschützer.

Mythos BioAber hier soll es jetzt gar nicht darum gehen, den Journalisten die Biokutteln zu putzen, bin ja selber einer und es interessiert mich mehr, was sie denn im Hafer sticht, ab und zu einen Säbel in den Biokartoffelsack zu stossen (wobei man auch nicht vergessen darf, dass deutlich öfter positiv als negativ über Biolandbau berichtet wird). Ich sehe folgende Hauptgründe:

  1. Der Biolandbau sitzt im teilweise selbst erbauten Glashaus. Die Bioszene hat sich sehr lange sehr explizit abgegrenzt vom konventionellen Landbau und hat dabei nicht zu knapp mit dem Gut-Böse-Weltbild operiert. Obwohl das natürlich aus ökologischer Sicht keineswegs falsch ist, provoziert das. Wenn dann diesen Gerechten, manchmal auch Selbstgerechten ein Bock unterläuft, wird das genüsslich ausgeschlachtet.
  2. Mittlerweile hat der Biolandbau die alternative Pionierzeit hinter sich gelassen und ist im Mainstream angelangt, zumindest gesellschaftlich (im Landwirtschaftsbereich ist er in der Schweiz und erst recht weltweit mit Anteilen von 10 beziehungsweise nur gut einem Prozent an der Fläche immer noch eher marginal entwickelt). Und wer im Mainstream obenauf schwimmt, der weckt gerne auch Misstrauen, Argwohn und Überdruss. 2012 wurde “Bio” in der Schweiz zum Unwort des Jahres gekürt, wegen “inflationärem und oft missbräuchlichem Gebrauch des Begriffs”, wie die mehrheitlich aus Journalisten bestehende Jury erklärte.
  3. Viel beigetragen zum Misstrauen haben die pittoresken Bilder, mit denen die Realitäten des Biolandbaus oft nicht korrekt wiedergegeben werden. Im Bauerngarten pickende Biohühner sind die absolute Ausnahme, der grösste Teil der Bioeier wird in Ställen mit 2000 Hühnern produziert. Bioeier die im Ostereierstil im Obstgarten zusammengesucht werden müssten wären so teuer, dass sie kaum mehr absetzbar wären im Detailhandel. Hier unterliegt der Biolandbau, das muss gerechterweise gesagt sein aber auch gewissen Sachzwängen. Wenn schon die konventionelle Landwirtschaft in der PR mit Bauernhofromantik agiert, die klar zu idyllisch ausfällt, ist man gezwungen quasi proportional zu idealisieren in der Öffentlichkeitsarbeit, um den Mehrpreis noch rechtfertigen zu können.
  4. Zum Schluss noch das naheliegendste, etwas abgedroschene klingende aber nichtsdestotrotz so lange wie es den Menschen noch gibt gültige Argument: Biolandbau ist eine Erfolgsgeschichte, er wächst ungeachtet der Probleme ungebrochen, das weckt – wenn auch vielleicht nur unterbewusst – Neid, zumindest in einer Branche, die derart unter Schrumpfdruck steht wie die Printmedien. Deshalb ist jeder negative Artikel nicht nur Ansporn zum Fehler korrigieren, sondern auch eine kleine Auszeichnung für die Szene.

Noch mal Romandie, und schon wieder schön

April 1, 2014

CapricornKeine Angst, das wird kein weiterer Reiseblog, aber der Creux du Van ist definitiv noch einen Romandie-Wanderbericht mehr wert. Am “Grand Canyon der Schweiz” gab es für einmal Hornvieh der anderen Art zu begutachten.

Die Steinböcke, die wir mit dem Feldstecher lange gesucht hatten, lagen plötzlich vor uns, ein gutes halbes Dutzend. Das Stadtvolk verstummte und staunte fasziniert. Die Steinböckin döste sehr abschüssig und immer wieder fielen ihr die Augen zu, aber sie fiel zum Glück nicht, obschon es ein paar mal gfürchig danach aussah.

TörliDaneben sahen wir ein fast Stonehenge-mässiges Weidetörchen…

Schafe…und auf dem Rückweg ein paar Schafe.

BoucherieUnd ein interessantes Dorf namens Couvet im Val de Travers, ziemlich gebeutelt vom Verschwinden des grössten Arbeitgebers im Tal, einer Strickmaschinenfabrik, aber die Boucherie gibt es noch, mit Glücksschwein. (Capricorn by Helen James, many thx!)

Der Stachel im Fleisch der Industrielandwirtschaft

Januar 13, 2014

FleischatlasPünktlich zum “Davos der Landwirtschaft”, wie die nächste Woche stattfindende Internationale Grüne Woche in Berlin gern genannt wird, hat’s der BUND wieder getan: Die grösste deutsche Umweltschutzorganisation hat der Landwirtschaft zwei mittlere Bomben in den Bauernhofgarten geworfen.

Innert zwei Tagen hat der Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland eine Studie über den Hormoneinsatz in der Mastferkelproduktion und zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung und “Le Monde Diplomatique” den Fleischatlas 2014 publiziert.

Dazu ein paar secce Bemerkungen (ich habe mir auf Anregung von einer zeitlich knapp dotierten Leserin vorgenommen, weniger episch zu schreiben heuer):

  • Beides sind sehr lesenswerte Publikationen, die wunde Punkte der modernen Landwirtschaft treffen.
  • Der BUND schafft es auch dank offenbar sehr guter Medienkontakte immer wieder, flächendeckend Salz in diese Wunden der Landwirtschaft zu streuen. Wie schon bei den Glyphosat-Babys vor einigen Monaten hagelt es Protest, namentlich gegen die Hormonstudie. Das zeigt, dass sich trotz einiger handwerklich fragwürdiger Punkte in der Studie, die etwa hier kritisiert werden, viele Schafe in der Herde getroffen fühlen. Zurecht, denn
  • die deutsche Fleischproduktion ist zu einem gigantischen Industriesektor herangewachsen, pro Jahr werden etwa gut 58 Millionen Schweine geschlachtet, damit ist unser nördliches Nachbarland der weltweit drittgrösste Produzent nach China und den USA, Spitzenränge nimmt man auch bei der Rindfleischproduktion und den Mastpoulets ein.
  • Fleischatlas TierzahlenDie Industrialisierung des Sektors hat zu einer Konzentration auf allen Ebenen: Immer weniger Produzenten mästen grössere Bestände für grössere Schlachtunternehmen, die ihre Ware zu womöglich immer tieferen Preise an immer grössere Supermarktketten liefern. Deutschland ist nur ein Beispiel für diese Entwicklung. Hier verarbeiten im Schweinesektor gemäss dem Fleischatlas drei Betriebe 55 Prozent des Schlachtwerts, in den USA sind es 10 Konzerne, die 88 Prozent der Schweine verarbeiten (die Grafik rechts zeigt Zahlen für den weltweiten Markt).
  • Diese Entwicklung zieht diverse Probleme nach sich. Um nur einige zu nennen: Höherer Krankheitsdruck in Grossbeständen, steigender Hilfsstoffeinsatz auf den Feldern (für die forcierte Eiweissfutterproduktion) und Stall, Emissionen von Grossbetrieben, Tierschutzprobleme, Lohndruck in Grossschlachthäusern, erhöhter Zeitdruck und zahlreichen Fehlmanipulationen am lebenden Tier in Schlachthäusern, Schwinden von gewerblichen Fleischverarbeitern.
  • Ich staune immer wieder, mit welcher Verve sich die Landwirte und ihre Lobbyorganisationen dagegen wehren, die Probleme überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. In den integrierten Kreisläufen der Grosskonzerne, die Genetik, Futter und Infrastruktur liefern und die Tiere vollumfänglich übernehmen sind sie das schwächste Glied und stehen in extremer Abhängigkeit. Von freiem Unternehmertum, wie sie es sich gerne auf die Fahne schreiben, entfernen sich die sogenannte Urproduzenten immer weiter.
  • Der BUND ist für mich so etwas wie die EMMA einst, als sie dem Feminismus auf die Beine half. Nervt zwar immer wieder, aber für die Bewusstseinsbildung der Landwirte in Deutschland und darüber hinaus extrem wichtig. Ich warte auf den Ausbruch des Agrinismus.
  • Und in der Schweiz dürfte man in Sachen Landwirtschaft ruhig auch etwas mehr Lärm hören von Pro Natura, auch wenn die Verhältnisse noch um einiges idyllischer sind, als in Deutschland. Aber bei weitem nicht problemlos. (Illustrationen aus dem Fleischatlas)
    Fleischatlas Tierzahlen D

Weidetörli der 3. Art, diesmal von down under

November 21, 2013

Neuseeland Weidetor 1aEs schneit zwar grad kräftig und an Weide denken langsam selbst die grössten Optimisten nicht mehr. Nun ist die Welt ja gottseidank klimatisch vielgestaltig und es gibt Leute die antizyklisch reisen und sich den Sommeranfang in der südlichen Hemisphäre, die zum Glück auch noch an mich denken. Meine Agrarjournalisten-Kollegin Eveline Dudda weilt derzeit in Neuseeland und hat sich an meine sporadisch auftauchende Weidetoreserie erinnert. Das Resultat ist sehr interessant. Sie schickte mir die Bilder von zwei Toren der besonderen Art: Das eine soll den Wald schützen und das andere die Fauna und Flora. Aber ich gebe das Wort am besten gleich ihr selber:

Neuseeland Weidetor 1c“No 1: Das Desinfektions-Weidetörli aufgenommen im Shakespeare-Regionalpark, auf einer Halbinsel unweit von Auckland, NZ. Diese Art Weidetörli trifft man hier gleich mehrfach an. Die Durchgehenden Richtung Wald werden gebeten, die Schuhe zu reinigen und zu desinfizieren. Der Grund ist eine Krankheit des wohl ältestens Baums der Welt, des Kauri. Diejenigen Exemplare, die die Einwanderer in den letzten paar hundert Jahren nicht abgeholzt haben um Platz für die Rinder und Schafe zu schaffen (und das sind höchstens 3 Prozent des ursprünglichen Urwalds) leiden unter einem Syndrom namens Kauri-Dieback.

Neuseeland Weidetor 1bDer Erreger scheint etwas ähnliches zu sein wie Feuerbrand und man versucht ihn aus meiner Sicht etwas hilflos im Schach zu halten oder die Leute wenigstens darauf aufmerksam zu machen. Die rund Tausende Schafe und mehrere Dutzend Rinder auf dieser Halbinsel müssen ihre Klauen übrigens nicht desinfizieren, weil sie ja nur die Weiden wechseln, aber nicht in den Busch gehen. Der ist hier strikt eingezäunt und bestens geschützt.

Neuseeland Weidetor 2bNo 2: Das Pest-Schutztörli ist etwas weniger für den Nachbau geeignet, denn es ist technisch aufwendiger gestaltet und eher mehr als nur ein Törli. Ich würde mindestens Tor dazu sagen, um nicht zu sagen: Festtungstor und von daher in der Schweiz sicher bewilligungspflichtig. Auch die Variante für die Fussgänger ist nicht ohne Raffinessen. Was wie ein Zugang zu einer militärischen Anlage aussieht, ist in Wirklichkeit ein Schutz der dahinterliegenden Weiden und Wälder vor der Pest.

Neuseeland Weidetor 2dMit Pest sind in NZ alle invasiven Tierarten gemeint, die man mehr oder weniger bewusst eingeschleppt hat und die der natürlichen Vielfalt ziemlich zugesetzt haben: Ratten, Chüngel, Hermeline, Mäuse um nur ein paar davon zu nennen, kannte man früher auf NZ nämlich nicht. Deshalb legen mehrere Vögel z.B. das Nationaltier der Neuseeländer, der Kiwi, noch immer sorglos ihre Eier in Erdhöhlen oder am Boden ab, wo sie von Ratten, Hermelinen, Hunden etc. gefressen werden. Die Neuseeländer, die sich übrigens selbst Kiwis nennen, haben vor einigen Jahren angefangen einzelne Gebiete, i.d. Regel Inseln oder Halbinseln von diesen Einwanderern zu befreien indem sie sie mit Fallen fallen und mit Ködern vergiften und natürlich jeglichen Neuzugang zu verhindern suchen.

Neuseeland Weidetor 2cDer Aufwand ist riesig! Dieses Tor gehört zu einer schätzungsweise 100 bis 200 Hektar grossen Halbinsel welche mit einem 1,7 km langen Hag (dichtmaschig, eingegraben, mit Dach etc.) vom Festland abgeriegelt wurde. Alle paar Meter steht rechts und oft auch noch links vom Hag eine Falle, die natürlich regelmässig kontrolliert und immer wieder neu bestückt wird. Auch innerhalb des Geländes sind tausende von Fallen aufgestellt und Giftköder ausgelegt. Egal wo man sich im Park auch aufhält, wenn man sich einmal um die eigenen Achse dreht wird man immer ein bis zehn farbige Bänder an Bäumen, oder Farbmarkierungen an Pfosten sehen können, die eine Falle oder einen Köderstandort markieren. Wenigstens scheint sich der Erfolg einzustellen, nächstes Jahr soll hier der Kiwi wiederangesiedelt werden. Ich muss hier komischerweise immer wieder an die Koexistenzverordung denken. Dabei hat das ja überhaupt keinen Zusammenhang. Denn das mit den gentechnischen Mutationen hat man ja im Griff. Oder?”

Eveline wäre nicht Eveline wenn sie nicht mit einer knackigen Frage aufhören würde. Ich nehme jetzt mal an, dass sie rhetorisch gemeint war und verzichte auf die Antwort und danke herzlich für Bild und Text! (Bilder Eveline Dudda)
Neuseeland Weidetor 2a

“Glyphosat macht Baby tot.” Ja, das darf man

November 1, 2013

Glyphosat-BabyNach den Ferkeln kürzlich nochmal kurz nach Deutschland: Auch die bäuerliche Szene kann Shitstorm. Seit etwa zwei Tagen tobt auf Twitter und Youtube, in Zeitungen und auf Lobbyportalen agrarische Empörung.  Auslöser ist ein Video des deutschen Bundes für Umwelt und Naturschutz (kurz Bund). Mit diesem Filmchen (oben ein Still unten das Video) illustriert die NGO eine neue Kampagne unter dem Titel “Pestizide. Hergestellt um zu töten“. Im Visier hat Bund dabei primär Glyphosat (besser bekannt unter dem Monsanto-Markennamen Roundup).  Mit der Kampagne will der Bund erreichen, dass der Einsatz von Glyphosat in Hausgärten und die sogenannte Sikkation auf Bundesebene verboten werden. Dabei handelt es sich um die Behandlung von Kulturen kurz vor der Ernte, um so die Abreife zu beschleunigen.

Das Video ist keine Minute lang und zeigt kurz zusammengefasst, wie halb in der Erde eingegrabene Babys zuerst fröhlich mit Dreck und Stecklein spielen, nur um kurz darauf nach drohendem Grollen von einem Sprühflugzeug überflogen und eingenebelt zu werden. Dann der Titel der Kampagne: Pestizide. Hergestellt um zu töten.

Ist das geschmacklos? Ja, indirekt wirft der Bund den Bauern vor, mit ihren Praktiken Babys zu töten. Das ist ein ziemlich starkes Stück, ist doch bis heute ein fundierter Beweis noch ausstehend, dass Glyphosat effektiv Embryonen schädigt. Soweit ich im Bild bin, setzt die Mehrheit der Landwirte Pestizide so ein, dass sie damit weder sich selber noch die Umwelt schädigen, oder sie streben dies zumindest an. Zudem darf man dem Bund und den pestizidkritischen Konsumenten getrost unter die Nase reiben, dass eine Lebensmittelproduktion ohne Pestizide teurer ist. Und dass trotz dem Vorhandensein der Alternative, nämlich Bio, nur eine mickrige Minderheit bereit ist, mehr zu zahlen, um die eigenen Babys zu schützen. Erwähnen muss man in diesem Zusammenhang auch, dass selbst in Bio-Kreisen umstritten ist, ob es möglich wäre, die Welt mit Bio alleine zu ernähren.

Darf man trotzdem eine solche Kampagne machen? Ja, klar. Solange es der Industrie erlaubt ist, mit verharmlosender Propaganda so zu tun, als ob der Profit das nebensächlichste der Welt wäre (wie zum Beispiel hier) und als ob sie stattdessen prioritär die Welt retten und umfassend ernähren möchte, wird es auch einer NGO noch erlaubt sein, polemische PR zu betreiben. Ganz argumentenfrei steht der Bund nämlich keineswegs da, (obwohl man natürlich der Gerechtigkeit halber erwähnen muss, dass auch der Bund Geld verdienen muss, um seine Geschäftsstelle und Kampagnen zu finanzieren). Eine kürzliche Untersuchung des Verbands hat gezeigt, dass 70 Prozent der Urinproben von Konsumenten aus 18 europäischen Städten Glyphosat enthalten. Zudem gibt es zweifelsfrei Probleme mit dem massierten Einsatz des Produkts, vor allem in den Weltgegenden, wo es flächendeckend zum Einsatz kommt, zum Beispiel in Argentinien, wo sich ganze Dörfer im Protest gegen die rücksichtslose Applikation von Glyphosat aus der Luft wehren. Die Pueblos Fumigados (gespritzte Dörfer) sind zu einer kraftvollen Bewegung geworden, die auf dem besten Weg sind, Erfolge zu erringen, zum Beispiel grössere Sicherheitsabstände zwischen bewohnten Gegenden und gespritztem Kulturland. Diese Terraingewinne wurden nur möglich wegen offensichtlicher Zunahme von Gesundheitsschädigungen, zum Beispiel diverse Krebstypen und Fehlgeburten. Daran sind auch wir hier mitbeteiligt, gehört Europa doch zu den grossen Abnehmern lateinamerikanischer Soja.

Also, liebe empörte Bauern und Industrievertreter, nach Abebben der grössten Aufregung empfehle ich, die Energie für die Verminderung und die Verbesserung des Pestizideinsatzes sowie für den Ersatz der Importsoja durch einheimische Eiweissträger einzusetzen (gilt übrigens für die Schweizer Branche genauso). Das Video des Bund wird Euch vorkommen wie ein mildes Herbst-Lüftchen gegenüber dem Orkan, der sich erheben wird, sobald die erste Missbildung eines Embryos durch Glyphosat wissenschaftlich belegt ist.

Agrentina (2): “Ein grosser Fan von Glyphosat”

September 1, 2013

20130901-020015.jpg

Eduardo Brivio ist Landwirt und “ein grosser Anhänger von Glyphosat”, wie uns der 58-jährige beim gestrigen Besuch in Tandil mit entwaffnender Offenheit mitteilte.

Glyphosat ist der Wirkstoff im Totalherbizid, das unter dem Namen Roundup weltweite Bekanntheit errungen hat. Noch berühmter ist die Resistenz gegen die Substanz, welche der Hersteller Monsanto in Soja und andere Pflanzen eingebaut hat. Diese bewirkt, dass die Sojafelder in jedem Stadium mit Glyphosat gespritzt werden können, wlches dann sämtliches Unkraut vernichtet, nicht aber die Soja.

Die Technologie ist das Flaggschiff der grünen Gentechnologie und als solches in Europa höchst umstriitten, in Argentinien aber mittlerweile flächendeckend im Einsatz: rund 99% der stark gewachsenen konventionellen Sojaproduktion sind hier heute “Roundup-ready”.

Zu den wie erwähnt begeisterten Anwendern gehört auch Eduardo. Für ihn ist Glyphosat ein Fortschritt und die GVO-Technologie ein Segen. Dasselbe gilt für ihn für andere moderne Pflanzenschutzmittel, die in homöopathischen Dosen von wenigen Gramm pro Hektar flächendeckende Wirkung erzielen. Aber auch alte problematische Chemiekeulen wie Atrazin, Paraquat und 2,4-D (einem alten Verwandten des Entlaubungsmittels Agent Orange) setzt Eduardo recht bedenkenlos ein. “Ich bin jetzt 58 und lebe immer noch”, sagt er, um unsere Bedenken vom Tisch zu wischen.

Ich kann das nicht verstehen, aber verurteilen will ich diesen offenen Gesprächspartner, der uns stolz das Giftlager und arglos sene Kanistersammlung zeigt auch nicht. Eduardo steht stellvertretend für eine ganze Generation von Landwirten, nicht nur in Argentinien. Man hat ihnen seit früher Jugend eingetrichtert, dass die natürliche Umgebung der Kulturen eine feindliche ist, deren Angriffe es chemisch zu parieren gilt.

Dabei entwickelt sich eine Art Wettrüsten: Die Natur steckt die Schläge ein und entwickelt Gegenstrategien in Form von Resistenzen sowie neuen Krankheiten und Schädlingen. Längst gibt es gegen Roundup resistente Superunkräuter. Die Industrie tüftelt an neuen Waffen und die Bauern stehen wie Soldaten bereit, um diese einzusetzen. Sie sind in eine Abhängigkeit geraten, aus der sich nur schwierig entrinnen lässt. Früher oder später werden sie vermutlich erkennen müssen, dass der Kampf gegen die Natur nicht zu gewinnen ist und auf eine Kollaborationsstrategie umschwenken. Eduardo wird diesen Schritt kaum noch vollziehen, ich hoffe auf die nächste Generation.20130901-015057.jpg

Ein Kränzchen für Hühnerhirse & andere Artisten

August 2, 2013

Echinochloa crus galliIch bin kein Freund von verniedlichenden Ausdrücken wie Beikraut oder noch schlimmer Ackerbegleitflora. Unkraut ist Unkraut ist Unkraut und die Schäden, die es verursacht sind immens, allein in der USA schätzt man die auf Unkräuter zurückgehenden Ertragsausfälle auf 33 Milliarden Dollar jährlich.

Dennoch oder gerade deswegen habe ich grossen Respekt vor der Anpassungsleistung dieser Pflanzen, die mir kürzlich in einem Artikel der New York Times wieder einmal vor Auge geführt wurde. Ein paar Fakten daraus, die wiederum von der hochinteressanten Website International Survey of Herbicide Resistant Weeds stammen: Es gibt unterdessen 217 Unkräuter, die gegen mindestens ein Herbizid resistent sind. Es gibt gegen 148 verschiedenen Herbizide und 21 von 25 bekannte Herbizid-Angriffspunkte (“sites of action” ) Resistenzen, in 65 Ländern finden sich resistente Unkräuter in 61 verschiedenen Kulturen, es gibt 25 gegen den ehemaligen Hoffnunsträger Glyphosat (wichtigstes Markenprodukt: Roundup von Monsanto) resistente Unkräuter, 2012 gab es auf 50 Prozent der US-Farmen Glyphosate-resistente Unkräuter, ein Jahr zuvor waren es noch 34 Prozent.

Das sind imposante Zahlen. Noch fast eindrücklicher als die Herbizidresistenzen sind aber andere Werkzeuge aus der Trickkiste des Unkrauts: Zum Beispiel die Anpassung an die Kulturpflanze, optisch und punkto Lebensraum. Als Beispiel wird die Hühnerhirse (Barnyard Grass, Echinochloa crus-galli) erwähnt, die sich dem Reis angepasst hat, indem beispielsweise die untersten Blätter farblich von pink zu grün mutierten und die Blätter ganz generell schmäler wurden, so dass sie im Feld gar nicht mehr als artfremd auffällt. “The biotech folks would have no clue about how to make one plant look like another plant”, sagt voller Respekt ein Evolutionsbiologe im Artikel dazu. Gleichzeitig gelingt es den Unkräutern immer wieder, das angestammte Habitat zu verlassen und in einem neuen zurecht zu kommen. Im Falle der Hühnerhirse war die Umstellung von trockener Umgebung in die wassergeschwängerte Reisanbau-Umgebung erfolgreich.

Was lernen wir daraus? Im Wettrüsten mit den Unkräutern ist die Einführung neuer Herbizide vermutlich nicht die nachhaltigste Strategie. Das zeigt sich daran, dass gegen Neuentwicklungen wie Dicamba oder 2,4D mit denen Monsanto und Dow den Erfolg von Roundup zu kopieren versuchen, schon wieder resistente Kräuter gewachsen sind. Ähnliches gilt übrigens auch für den Kampf gegen Schädlinge der tierischen Art, wie dieser Artikel zeigt.

Im oben erwähnten Artikel plädieren Experten, bei der Bekämpfung neu einen stärker Evolutions-fokussierten Weg zu nehmen, ähnlich wie bei Bakterien. Genauer ausgeführt ist das nicht, erwähnt wird das Beispiel eines Winterroggens, der die Unkräuter einerseits mit Schattenwurf und andererseits mit pflanzeneigenen Toxinen bekämpft. Ich bin ziemlich überzeugt, dass die Unkräuter in kurzer Zeit Wege finden, um gegen diese Toxine resistent zu werden. Ein Mix aus allerhand Massnahmen von mechanisch bis chemisch, von guter Fruchtfolge bis richtiger Sortenwahl ist aber sicher erfolgsversprechender als eine Riesenkeule, die es dem Unkraut oder dem Stengelbohrer erlaubt, alle Abwehrmassnahmen auf einen kleinen Ausschnitt des Genoms zu fokussieren. (Bild Michael Becker)

AgReminiszeNZZen aus 13 Jahren (10): Biogas

Juni 23, 2013

Biogas%20LindauAuch wieder ein Klassiker: Biogas und Geruchsemissionen, oder wie stark darf eine Umweltinvestition riechen?. Und das ausgerechnet in Lindau, wo alles was agrikulturell Rang und Namen hat logiert. Deshalb war ich wahrscheinlich in keiner Zürcher Gemeinde häufiger, natürlich auch dank meiner Teilzeit-Exkursion in den Lehrerberuf an den Strickhof (als Lehrbeauftragter für Medienkunde), etwas vom Anstrengenderen aber sicher Bereicherndsten, das ich in den letzten 13 Jahren gemacht habe.

Der Elan mit dem die jungen LandwirtInnen in der Fach- und Handelsschule zur Sache gingen war inspirierend, klar gab es ab und zu auch ein paar jassende Hinterbänkler, aber im Schnitt war die Motivation top. Nicht zufälligerweise begegne ich immer wieder Ex-Schüler, aus denen etwas mehr als Rechtes geworden ist. Zum Beispiel Chef von Jumi, um nur einen zu nennen.

AgReminiszeNZZen aus 13 Jahren (4): Gülle

Juni 17, 2013

Offene GüllegrubenImmer wieder ein beliebtes Thema: Güllegruben und ihre Emissionen, sehr typisch für den Kanton Zürich, wo die Bauern durch den Siedlungsdruck stärker bedrängt sind als anderswo. Andere Beispiele: Kuh- und Kirchenglocken. 


Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 67 Followern an