Archiv für die Kategorie ‘Natur- und Umweltschutz’

Suisse per se reicht als Qualité nicht

Mai 7, 2013

SuissegarantieHeute hat der Tages-Anzeiger wieder einmal den Zweihänder ausgepackt: “Schweizer Bauern weniger öko als gedacht“, schrieb das Blatt. Schlechter als ihr Ruf seien die Landwirte. Der Artikel bezieht sich auf eine Vergleichsstudie von Agrofutura (Link zum Schlussbericht ganz unten) im Auftrag der Qualitätscrew im Bundesamt für Landwirtschaft. Darin wird das Umwelt- und Tierschutzniveau in der Schweiz mit demjenigen ausländischer Konkurrenz verglichen.

Der Artikel legt den Finger auf ein paar wunde Punkte: Die unterschiedliche Vollzugsqualität in der Föderalismushochburg, der hohe Tierbesatz mit den entsprechenden ökologischen Auswirkungen und ganz generell die hohe Intensität der Produktion im Vergleich zu anderen Regionen Europas in Frankreich, Deutschland und Österreich, nicht aber in Holland.

Zunächst ein paar Worte zur Verteidigung der heimischen Scholle: Erstens darf man daran erinnern, dass die innere Aufstockung der Betriebe mit der dazugehörigen Intensivierung jahrzehntelang oberste Maxime der Landwirtschaftspolitik war. Aus den durchschnittlich bescheiden bemessenen Heimetli sollte das Maximum herausgewirtschaftet werden. Dieser Strategie, die mit entsprechenden Anreizen ausgestattet wurde haben die Bauern lange erfolgreich nachgelebt. Die ökologischen Probleme heute darf man deshalb nicht ihnen alleine in die Schuhe schieben.

Zweitens ist man auf dem Weg zu einer umweltverträglichen Landwirtschaft angesichts dieser Ausgangslage schon recht weit, was im Agrofutura-Bericht ausführlich und im Artikel weniger gewürdigt wird: “Die Scheiz hat beim Tierschutz eine internationale Vorreiterrolle (…) und eine Vorbildfunktion bei der transparenten Kontrolle des Ökologischen Leistungsnachweises (ÖLN)”, heisst es im Bericht etwa. Man darf ebenfalls daran erinnern, dass die EU daran ist, die Schweizer Agrarpolitik mit einem guten Jahrzehnt Rückstand in allen Bereichen quasi eins zu eins zu übernehmen. 

Trotzdem tut man auch beim Schweizerischen Bauernverband (SBV), dessen Präsident die Interpretation des Berichts reflexartig zurückgewiesen hat, gut daran, die Vorwürfe ernst zu nehmen. Das Image ist eine labile Grösse. Um es hoch zu halten braucht es Vorausdenken. Richtigerweise hat der SBV auf das Referendum gegen die AP2017 verzichtet, welche eine bessere Verankerung und Kontroller der ökologischen Leistungen im Direktzahlungssystem mit sich bringen soll.

Es gibt nämlich noch beträchtliche Löcher im grünen Mantel der Schweizer Produzenten. Es besteht im bäuerlichen Millieu die Tendenz, sich auf den Lorbeeren, beziehungsweise den ökologisch bewirtschafteten Wegrändern auszuruhen. Der Tenor lautet etwa: wir haben jetzt genug ökologisiert, jetzt müssen wir zurück zur produzierenden Landwirtschaft, die sich nicht von Hecken und was darin kreucht und fleucht aufhalten lassen darf. Dabei steht man hier erst am Anfang eines Prozesses, Ökologisierung ist ein Langfristprojekt ohne Ende, so mühselig das auch sein mag.

Dazu gehört auch die Vermarktung des Geleisteten. Dafür braucht es nicht immer ein Bio-Label. Aber die Erkenntnis, dass Ökologie und Produktion kein Gegensatzpaar sein müssen. Und dass die Herkunft Schweiz allein, diese Prognose wage ich gerne, künftig nicht genügt, um die sensibilisierten Konsumenten in ihrer Mehrheit von der Qualität eines Produkts zu überzeugen. Schweiz heisst nicht einfach besser als Ausland. Ich rege mich immer auf, wenn in der Fleischdeklaration im Restaurant nur das Land steht. Das ist ein veraltetes Deklarationsniveau, ich will als mündiger Konsument nicht nur wissen, woher das Fleisch kommt (auch aus welcher Region), sondern auch aus welcher Art von Produktion. 

Die Studie und ihre Interpretation durch ein populäres Publikumsmedium sind gute Warnschüsse gegen Selbstzufriedenheit. Der Druck auf die Landwirtschaft wird nicht kleiner, die Toleranz für Umweltschäden aber schon. Toll, dass das Image gut ist, aber mit geschickter PR alleine wird es nicht weiter florieren. (Bild Frey & Frey, Corporate Architects, Bern)

Trügerisches Idyll: Baden als Mutprobe

April 24, 2013

Palicsee IdylleAuf meiner kürzlichen Reise nach Serbien und Rumänien bin ich auch Michell Rohmann begegnet. Er ist Hydrologe und für die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in der nordserbischen Vojvodina tätig. Sein Arbeitsfeld ist ein See, genauer der Palićko jezero, wie er auf serbisch heisst. Der Job von Michell ist, diesen sauber zu kriegen. Dieses Unterfangen ist herkulisch, da er stark überdüngt sind und alljährlich von massivem Algenwachstum und am Ausfluss von mannshohen Schaumteppichen heimgesucht (siehe Bild mit Michell) wird.

Der Palićsee hat eine Fläche von etwa 6 Quadratkilometern ist ein beliebtes Naherholungsgebiet für die Anwohner der Kleinstadt Palić und von Subotica, das acht Kilometer vom See entfernt liegt. Zudem ist die Gegend mit ihrer historischen Bausubstanz eine der grössten Perlen des serbischen Tourismusangebots.

PalicseeDer lediglich 3,5 Meter tiefe See ist aber auch die Abwasserentsorgungsanlage für die Städter. Bis 2009 flossen die Abwässer aus Subotica, das rund 150000 Einwohner hat ungeklärt in den See, Palić selber hat immer noch keine Kläranlage. Das führte mit dazu, dass es 2009 zu einem verheerenden Fischsterben kam, das auch international für Aufsehen sorgte. Ihren Beitrag an die Verschmutzung leistet auch die Landwirtschaft, deren Felder zum Teil bis direkt ans Seeufer reichen, wie nebenstehendes Bild zeigt. Im umfangreichen Massnahmenkatalog der GIZ sind denn auch die Einrichtung eines Schutzgürtels, die Weiterbildung der Bauern in der effizienten Anwendung von Düngemitteln und Pestiziden vorgesehen. 

Doch bis zu einer Verbesserung der Wasserqualität wird man sich noch länger gedulden müssen. “Das Baden im Palić See gilt heute eher als Mutprobe denn als Freizeitvergnügen und starke Algenblüten im Frühjahr und Sommer behindern die weitere touristische Entwicklung von See und Umfeld”, schreibt Michell in einem interessanten Bericht über seine “polytrophen Patienten”.

Michell mit SchaumWas mich frappiert hat an dieser Geschichte ist, dass nur einigen hundert Kilometer östlich Abwasserreinigung nach wie vor alles andere selbstverständlich ist. So lange ist es allerdings auch noch nicht her, dass wir hierzulande vor den gleichen Problemen standen. Unterdessen ist das Niveau bei uns sehr hoch, so hoch, dass Baden in den allermeisten Gewässern eben keine Risikosportart, sondern ein Vergnügen ist. Das ist weltweit im Binnengewässersektor ziemlich einzigartig. Nach wie vor müssen einige Seen belüftet werden und ab und zu ein paar Fische dran glauben, vor allem wegen Einträgen aus der Landwirtschaft.

Wichtigstes Element für ein Gelingen solcher Gewässersanierungen ist vermutlich das funktionierende politische System in dem die Bürger- und Badegesellschaft einen gehörigen Druck aufbauen kann. Am Palićsee ist eine Einigung über die richtigen Massnahmen weit entfernt. Hätte die EU nicht unterstützt, würde vermutlich noch heute keine Kläranlage stehen. Das Problem ist aber längst nicht gelöst. Heute diskutiert man erneut darüber, den See zu leeren und nährstoffhaltigen Schlamm auszubaggern, obwohl sich diese Massnahme schon bei der letzten Durchführung vor 40 Jahren als unnütz erwiesen hat, da die Einträge anschliessend nicht sofort reduziert wurden. Der Grund für die neuerliche Erwägung dieser Massnahme: Eine spektakuläre Aktion wie die Leerung des Sees und das Auffahren der Bagger lässt sich politisch bestens verkaufen. (Bilder Michell Rohmann)
Luftbild Palic- und Lubacsee      

 

Mit Emissionsreduktion AdmImmissionen senken

April 15, 2013

Güllen wie zu Grosis ZeitenIm Moment haben nicht nur die Banken sondern auch die Bundesämter Berichtsaison. Vor allem das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat derzeit einen hohen Ausstoss: Letzte Woche der Bericht über die Stickstoffflüsse in der Schweiz 2020 und heute das sogenannte Treibhausgasinventar - eine ganz schöne Wortschöpfung – das über die Emissionen 2011 Auskunft gibt.

Das Ergebnis für die Landwirtschaft: durchzogen. Beim Stickstoff, wo die Schweiz die angestrebten Reduktionsziele bis 2020 verpassen wird, trägt die Landwirtschaft nichts zur Verminderung des Ausstosses bei. Nicht, dass die anderen Branchen viel besser dastehen würden, aber das ist kein Grund zum Feiern. Im Treibhausgasinventar hat die Landwirtschaft ihre Emissionen um 8 Prozent gesenkt. Auch das ist kein Anlass zum Jubeln, konnten doch andere Sektoren, wie Privathaushalte (-22%) und Dienstleistungen (-21%) massiv mehr einsparen, wobei festzuhalten ist, dass diese dank des milden Winters weniger heizen mussten und so im Vorbeigehen reduzieren konnten.

Nichtsdestotrotz tun die Bauern gut daran, die ganzen Emissionsfragen ernster zu nehmen als bisher. Unter Ökologie versteht man an der Scholle heute artenreiche Blumenwiesen, zwitschernde Hecken und Hochstämmer sowie artgerechte Tierhaltung. All das ist vernünftig und richtig. Und jeder Handgriff wird grosszügig entschädigt aus den Direktzahlungstöpfen. 

Bodennahe Gülleausbringung mit SchleppschläuchenDeutlich weniger tief ist im Bewusstsein bisher der unsichtbare Umweltschutz, zum Beispiel die Reduktion von Emissionen aller Art, von Futtermittelimporten und Düngern, von Bodenbearbeitung (CO2-Emissionen durch Ackerbau) und von Gasen aus der Tierhaltung. Ich gebe zu, es ist nicht einfach, gibt es doch beträchtliche Interessenskonflikte etwa der Art, dass Freilandhaltung in vielen Fällen höhere Treibhausgas-Emissionen zur Folge hat, als die Haltung in geschlossenen Stallsystemen.

In anderen Fällen wäre es relativ einfach, Verbesserungen zu erreichen: Beim Ausbringen von Gülle, dem sich die kleine Bildserie widmet, kann man die Ammoniakemissionen durch Schleppschläuche (mittleres Bild) und noch stärker durch sogenannte Injektoren, wo die Gülle direkt ins Erdreich eingearbeitet wird, vermindern. Allerdings ist die Technik nicht billig und in Hügel- und Bergzonen nur beschränkt einsetzbar.

Obwohl selber kein grosser Spezialist für Emissionen gehe ich davon aus, dass diese den Bauern in den nächsten Jahrzehnten massive Immissionen bescheren werden. Es würde mich schwer erstaunen, wenn es nicht früher oder später zu zusätzlichen Vorschriften bezüglich Tierhaltung und Landtechnik käme. Ich würde den bäuerlichen Organisationen und proaktives Handeln empfehlen: Das heisst, Berichte wie die erwähnten ernst nehmen und den Mitgliedern aufzeigen, wo Handlungsoptionen bestehen. Und die Lobbyisten in Bern sollen sich schon mal überlegen, wie man Klimaleistungen in bare Münze, sprich Direktzahlungen, umwandeln kann. (Bilder lid.ch, lebensministerium.at)

Gülleausbringung mit Injektor bringen Gülle in 1 cm Tiefe

Bienen und Pestizide: To Bee or not to Bee

April 1, 2013

More than honeyDie Bienen sind bekanntlich wichtige Haustiere. Nicht primär wegen des Honigs, der auch nicht zu verachten ist, aber vor allem wegen ihrer Tätigkeit als Bestäuberinnen. Ein Drittel von allem, was wir essen, gäbe es ohne Bienen nicht, heisst es im Film “More than Honey”, einem gefeierten Werk von Regisseur Markus Imhoof, der kürzlich dafür den Schweizer Filmpreis für den besten Dokumentarfilm erhalten hat. Auch Einstein wusste schon, wie wichtig die kleinen Summerinnen sind, prognostizierte er doch, dass vier Tage nach dem Verschwinden der Bienen die Menschheit das Zeitliche segnen wird.
Sollte das wirklich stimmen, dann sähe es für unsereinem nicht sonderlich rosig aus. Die Bienenvölker weltweit leiden unter einem nur zum Teil erklärbaren Massensterben, das bereits 10000 von Völkern die Exixtenz gekostet hat, darunter auch vielen in der Schweiz. Die Varroa-Milbe ist eine der berüchtigsten Sterbehelferinnen.
Unbestritten ist unterdessen auch, dass Insektizide mitverantwortlich sind für das Bienensterben, genauer gesagt die Neonicotinoide, welche primär zur Beizung von Saatgut verwenendet werden. Die wichtigsten Produkte auf dem europäischen Markt sind “Cruiser” von Syngenta (Wirkstoff Thiametoxam), sowie “Gaucho” (Imidaclopric) und “Poncho” (Clothianidin) von Bayer.
So richtig unter Druck kamen die Substanzen erstmals vor knapp fünf Jahren, als nach der Ausbringung von gebeiztem Maissaatgut durch das unverdächtige amtliche deutsche Julius-Kühn-Institut zweifelsfrei Clothianidin als Ursache eines flächendeckenden Bienentsterbens im süddeutschen Raum festgestellt wurde. Diese Erkenntnis hat sich seither mehrfach bestätigt, zuletzt im Januar, als die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA zum gleichen Schluss kam. Das Resultat: Die Industrie reagierte wie ein Rumpelstilzchen nach Bekanntwerden seines Namens. Die Studie auf der Basis von Studien sei offensichtlich unter politischem Druck und übereilt verfasst worden, sie sei der EFSA unwürdig tobte der Syngenta-COO John Atkin und drohte mit einem Verlust von 50000 Stellen, sollten die EU-Mitgliedstaaten einem Verbot zustimmen, was bisher nicht geschehen ist.
Nur gut zwei Monate später hat man es sich in den Zentralen der Pestizid-Multis offenbar noch einmal anders überlegt. Was letzte Woche als Medienmitteilung verbreitet wurde, gleicht einem indirekten Schuldeingeständnis. Man wolle zu einer Deblockierung der Situation beitragen, heisst es in einem gemeinsamen Communiqué. Als Massnahmen werden untermalt von salbungsvollen Worten desselben Aktin unter anderem mehr Blumenrabatten am Rande von intensiv bebauten Äckern, ein Monitoringprogramm und die “zwingende Umsetzung von strikten Massnahmen zur Reduktion des Expositionsrisikos für Bienen” propagiert.
Da werden dem Publikum Neonicotinoide in die Augen gestreut: Bayer und Syngenta versuchen hier die Kohlen aus dem Feuer zu holen, indem sie auf Zeit spielen (Monitoring von Fakten, die längst auf dem Tisch liegen) und den Schwarzen Peter an die Bauern weiterspielen, die sich gefälligst bemühen sollen, die Bienengifte fachgerecht auszubringen, was aber offensichtlich auch bei bestem Wissen und Gewissen praktisch unmöglich ist, Blumenstreifen hin oder her. Der beste Kommentar zu dieser Geschichte kommt von Alice Jay, die für das Kampagnen-Netzwerk Avaaz kürzlich 2,5 Millionen Unterschriften für das Verbot der erwähnten Substanzen sammeln half: “Die Pestizidindustrie mit dem Schutz von Bienen zu beauftragen ist so, wie wenn man den Fuchs den Schutz des Hühnerhauses übertragen würde”, sagte sie laut dem “Guardian” zum Engagement von Bayer und Syngenta. (Bild aus “More than Honey”)

PS. Kleine Korrektur: Einstein habe ich falsch zitiert: nicht vier Tage sondern vier Jahre nach den Bienen werden die Menschen ableben, immer noch beunruhigend genug. Besten Dank für den Hinweis, Monika Schlatter!

Thermofarming: Neues Business im Untergrund?

März 25, 2013

Thermofarming St. GallenDieses Wochenende hat es mich nach St. Gallen verschlagen. Der dortige Brückenweg  ist eine hochinteressante, streckenweise spektakuläre Zeitreise und ein Muss für jeden Brückeningenieur. Aber auch landwirtschaftlich hat das Türli einiges zu bieten. Zu Beginn findet man sich unvermittelt im Appenzeller Grünland wieder, wo statt weidender Kühe ein bellender Bläss für Aufsehen sorgt.
Deutlich weniger idyllisch ist es dann im Sittertobel, wo es neben dem Festivalgelände für das alljährliche Openair neuerdings auch eine Attraktion für Geologen gibt.
Die Stadt St. Gallen macht hier eine Geothermie-Bohrung bis in 4000 Meter Tiefe, wo man heisses Wasser vermutet, dass dereinst über 20000 Haushalte versrogen könnte. Derzeit steht man bei knapp 1000 Metern.
Etwas verschupft steht neben dem grossen Areal ein Bauernhöfli, das durch die danebenstehende Abwasserreinigungsanlage zusätzlich bedrängt ist. Nicht unbedingt ein schönes Bild, und doch denke ich mir, könnte das ja eines Tages eine neue Einkommensquelle für Landwirte sein. In einer Zeit, wo Einfamilienhausbesitzer im Vorgärtli eine Bohrung machen können, um die Stube zu heizen, sollte das doch auch für Bauern in geologisch geeigneten Gegenden möglich sein: Wenn nicht Warmwasser aus dem Boden pumpen, so doch wenigstens das kühle Nass mittels Wärmepumpe erhitzen und umliegende Haushalte mit diesem versorgen und eventuell noch ein Sprudelbad für die Gäste auf dem Hof . Mit Thermofarming wäre auch schon das passende Label gefunden.  
Das kleine Hirngespinst haben offenbar auch schon andere gehabt, selbigen Abends finde ich im “Schweizer Bauer” einen Artikel über mögliche neue Energiequellen für Landwirte im Kanton Aargau. Auch die Geothermie kommt im Eldorado der Sprudelbäder kurz zur Sprache. Der Kanton hat soeben ein Geothermie-Gesetz verabschiedet. Das Eisen, oder besser das Wasser ist also heiss, wird allerdings noch viel Anlass zu Kontroversen bieten: Einerseits hat eine grossangelegte Geothermiebohrung in Basel vor einigen Jahren zu einem Erdbeben geführt und andererseit befürchtet man eine Vermengung mit allfälligen Probebohrungen für Fracking, die SP ist jedenfalls schon mal präventiv aufgeschreckt. 

Agrarpolitik, endloses Drama in 4(-Jahres) Akten

März 22, 2013

Theater im VollbetriebEigentlich ist es ein politischer Alptraum: Vor gut drei Jahren hat das BLW die Grundzüge der Agrarpolitik 2014/17 präsentiert, damals unter dem Label Weiterentwicklung der Direktzahlungen (WDZ). Heute hat das Parlament die Gesetzesvorlage nach dem Verbrauch von Hunderten Tonnen von Papier und unzähligen Sitzungs-, Sessions- und Denkstunden von Herrscharen von Beamten, Politikern, Bauern, Öko- und Fleisch-Lobbyisten sowie Journalisten das Paket in der Schlussabstimmung durchgewinkt. Damit ist die Arbeit noch nicht zu Ende, es beginnt jetzt das vereinte Schleifen an den Verordnungen. Wenn alles gut geht, ist die Reform vier Jahre nach dem Startschuss unter Dach. Der neue Regulations- und Zahlungsrahmen ist dann ab 2014 für vier Jahre in Kraft. Und die Arbeit kann eigentlich grad wieder von vorne beginnen: Das neue Beschäftigungsprogramm für die Agrarbürokratie heisst fast gleich: Agrarpolitik 2018/21.
Das Resultat der aktuellen Reform ist guteidgenössische mittlere (Un-)Zufriedenheit. Die einen lamentieren über eine Schwächung der Produktion, die anderen über eine ökologische Erstarrung im Talgebiet. Das Referendum, mit welchem man namentlich in SVP-Kreisen liebäugelte, ist glücklicherweise gar nicht erst lanciert worden. Es hätte lediglich der politischen Profilierung der Partei gedient, ähnlich wie sie das mit einer nicht enden wollenden Flut von Volksbegehren in der Asylpolitik seit Jahren praktiziert. Der Bauernverband winkte erst am Tag vor der Schlussabstimmung ab und wollte wohl so den politischen Druck aufrecht erhalten, ohne dass die Drohkulisse allerdings sehr glaubhaft gewirkt hätte.
Ein Referendum hätte die nötige Weiterentwicklung unter Beibehaltung von Bewährtem lediglich verzögert und den Bauern mehr geschadet als genützt. Was soll das Stimmvolk von einer Branche denken, die jährlich rund drei Milliarden Franken aus der Bundeskasse absahnt und troztdem nicht zufrieden ist? Hier ist eine gewisse Selbstbeherrschung an der Scholle durchaus angezeigt.
Zum Schluss drängt sich die Frage auf, ob man diesen nicht enden wollenden Zirkus im Vierjahreszyklus nicht etwas einfacher organisieren könnte, im Dienste der Rechtssicherheit für alle Beteiligten und allen voran der Bauern und Bäuerinnen.
Die Antwort ist nein. Die Agrarpolitik ist wie ein Schauspielhaus, AP X/X+3 ist ein Drama mit den immer gleichen vier Akten: Im ersten Akt präsentiert die Administration ihre Vorstellungen, das Publikum klatscht zum kleinsten Teil und buht mehrheitlich. Dann folgt der Auftritt der Gegner und Befürworter, die auf der Bühne wild aufeinander einschreien und Weltuntergansszenarien an die Wand malen, im dritten Akt inszenieren Parteivertreter im Stöckli und der grossen Heubühne einen ritualisierten und etwas zivilisierteren Kampf mit Kartonschwertern, wobei der Ausgang längst abgekartete Sache ist. Dann folgt der Vorhang, begleitet vom bereits bekannten Mix aus Empörung und verhaltenem Applaus im bereits leicht ermatteten Publikum. Der vierte Akt folgt dann hinter den Kulissen, beim gemeinsamen Bier feilschen Politiker und Lobbyisten um die Details der Einnahmenverteilung. Das Stück war auch in der x-ten Vorführung erfolgreich, die Billetteinnahmen blieben unverändert, ja sie haben gar leicht zugenommen, und für die einzelnen Schauspieler bleibt etwas mehr übrig, nimmt doch ihre Zahl ständig ab. Und jedeR weiss, ohne diese Aufführung wären viele der Beteiligten beschäftigungslos und die Weiterexistenz des Theaters gefährdet. (Bild Parlament.ch)

Besuch im Permakulturland / Permacultural visit

Dezember 23, 2012

Permakultur KrameterhofThis is the first ever bilingual post on my blog. The reason is, that the described video made on an austrian farm is spoken in german, but has english undertitles. I found it on permies.com, “the hottest permaculture site on the net”. I last heard of permaculture when I was a student, about countless years ago. And although it’s not extremely widely spread, permaculture is still there and obviously has quite a fan community. Austrian farmer Sepp Holzer is one of the idols of the permaculture movement. In the very worthwhile video his son Josef explains why. The Holzer farm is a clever low-input (besides working hours)-system of sustainable agriculture, it seems to me. The ponds on different levels are there for water conservation and fish-production, while the slopes are used for agroforestry and pasture. On the terraces they grow the cereals. Have a look, if you sometimes are pessimistic about the future of agriculture. Holzer will make your day.
Josef Holzer erklärt das TeichsystemDieser Tage bin ich via Twitter und den Permakultur-Spezialisten Richard Mahringer auf ein interessantes Video gestossen. Das halbstündige szenische Interview mit dem Landwirt Josef Holzer vom Krameterhof in der Region Salzburg ist ein Tour d’horizon über den Betrieb, der von seinem Vater Sepp aufgebaut worden ist. 45 Hektaren, das meiste am Hang, Mutterkuh- und Schweinehaltung, etwas Ackerbau und Fischproduktion. Tönt insgesamt unspektakulär, aber beim genaueren Hinschauen ein höchst ungewöhnlicher Betrieb.
Terasse mit RoggenHolzer beginnt mit den Teichen. Das Klima ist eher trocken, das Wasser rar, deshalb arbeitet man auf dem Krameterhof mit aus Quellen gespiesenen mit einem cleveren Teichsystem, die als Wasserreservoirs sowie der Fisch- und Krebseproduktion dienen, an den Hängen grast zwischen Frucht- und Holzbäumen das kreuzungstechnisch auf die Hänge abgestimmte Vieh und auf den Terassen baut man das Getreide an. Holzer junior beschreibt das alles auf eine Art, die das ganze selbstverständlich und schlüssig erscheinen lässt. Natürlich ist Permakultur nicht für jeden Betrieb die Lösung, aber etwas mehr davon täte nicht schaden. Falls Sie dieser Tage zwischen zwei Buffets und Bescherungen mal eine halbe Stunde Zeit haben, dann kann ich dieses ruhige Filmli als geistige Nahrung nur empfehlen. 
Kreuzung aus Zwergrind und Highlander

Heidi hält den Mist im Zaum

November 26, 2012

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Heute hat mir Heidi wieder einmal interessante News zugehalten. “Bauern verschmutzen Trinkwasser” lautet der Titel des “Sonntagszeitungs”-Artikels mit unerspriesslichem um nicht zu sagen übelriechendem Inhalt. Die Journalistin berichtet darin über weit verbreitete Missstände beim Gewässerschutz in der Landwirtschaft. Diese passen schlecht zum Selbstbild der Schweizer Landwirte, die nicht müde werden, ihre ökologischen Leistungen zu preisen -oft auch zurecht – und zu betonen, dass angesichts des Erreichten eine weitere Forcierung des Umweltschutzes mittels Direktzahlungen (AP2017) übertriebene Schikane sei.
Dieser Bericht des Sonntagsblatts ist Grundwasser auf die Mühlen der Absenderin. Seit mittlerweile Jahren weist sie in ihrem Blog Heidis Mist auf diese und andere umweltschädlichen Missstände hin. Dabei hat sie nachlässige Landwirte ebenso im Visier, wie Behörden, die ihren Aufsichtspflichten nicht oder nur ungenügend nachkommen. Heidis Vorwürfe sind stets akribisch dokumentiert mit Bildmaterial (siehe oben) und untermauert durch Auszüge aus Gesetzen und Verordnungen. Ich ziehe meinen Hut vor dieser in Bauern- und Amtsstuben zugleich gefürchteten “Mistleblowerin”, die es in Kauf nimmt, von den Sündern mindestens mit Missachtung bestraft zu werden, obwohl mir, dem tendenziell harmoniebedürftigen Bauernfreund, ihr Eifer manchmal fast zu weit geht. Genau diesen unbeirrbaren Mut zur Unpopularität braucht es aber, damit auch dem hinterletzten Mistlager eines Tages eine Platte samt Sickergrube unterlegt ist und damit dereinst das letzte Bergbächlein güllefrei vor sich hinplätschern kann. Dieses Idyll, das steht fest, liegt fern, und genau darum bedarf es der freiwilligen Güllekommissarin Ausdauer mehr denn je. Keep blogging, Heidi! (Bild Heidis Mist)

Die gewagten Behauptungen der NFPrognostiker

August 29, 2012

Gestern sind die Ergebnisse des Nationalen Forschungsprogramms 59 (NFP59) veröffentlicht worden. Der Berg hat eine Genmaus geboren: der Einsatz von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen ist gesundheitlich unproblematisch, biologisch unbedenklich und der wirtschaftliche Nutzen für die Schweizer Landwirtschaft gering, haben die Forscher beim Vergleich von über tausend bestehenden Studien herausgefunden. Nützt nichts, so schadets nichts, könnte man kurz zusammenfassen. Ich bin nicht überrascht vom Ergebnis, auch wenn es mir ein bisschen riskant erscheint, GVO-Kulturen einen Persilschein auszustellen, ohne dass sie je unter den hiesigen engräumigen Praxisbedingungen angebaut worden wären.
Die Bauern sehen sich zurecht darin bestätigt, dass eine Verlängerung des GVO-Moratoriums bis 2017 in der Schweiz sinnvoll ist, zumal lediglich ein Viertel der Konsumenten GVO-Produkte kaufen würden, wie das NFP59 ebenfalls mitteilt.
Trotzdem sind die NFP-Autoren überzeugt, dass sich der bescheidene Nutzen der Agro-Gentechnik erhöhen könnte, “wenn der Schädlingsdruck steigt – zum Beispiel aufgrund klimatischer Veränderungen – oder wenn gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden, die mehrere neue Merkmale aufweisen und denen zum Beispiel weder Herbizide oder Pflanzenschutzmittel noch gewisse Krankheitserreger etwas anhaben können.” Auch das ist eine relativ gewagte Behauptung. Das Problem mit dem bisher im Einsatz stehenden GVO-Saatgut ist, dass gigantische Flächen mit einer Handvoll Sorten bebaut werden. Im Agronomiestudium haben wir gelernt, dass dies zu Resistenzen führen muss. Das ist genau das, was zurzeit geschieht, Stichwort Superunkräuter. Gentech-Landbau, so wie er zurzeit betrieben wird, führt eben gerade dazu, dass der Schädlingsdruck steigt und die Fokussierung auf wenige Sorten führt in der Praxis dazu, dass die Frist in der Herbizide und Schädlinge den Pflanzen nichts anhaben können stark verkürzt wird. Mein Fazit: GVO-Landwirtschaft, so wie sie heute betrieben wird, ist primär ein nicht sehr nachhaltiges Förderprogramm für Agrochemie-Multis. Gentechnik per se sollte man aufgrund dieser Problematik aber nicht per se in Bausch und Bogen ablehnen. Sie kann helfen, die langen Entwicklungsperioden der traditionellen Saatzüchtung zu verkürzen. Wenn sich das Klima verändert, braucht die Schweiz, braucht Mitteleuropa, braucht die ganze Welt schnell neue angepasste Sorten. Es wäre mir aber wohler, wenn man den Lead hier nicht der Privatwirtschaft überlassen würde. In der Schweiz ist dies bisher recht gut gewährleistet, dank der Züchtungsarbeiten der Agroscope-Forschungsanstalten. Pourvu que ça dure. (Bild ETH)
PS. Bei den E-Mail und RSS-Feed-Abonnenten möchte ich mich entschuldigen, dass die erste Version unvollständig ins Netz entflog, bloggen per iPhone hat seine Tücken…

Zürich – das schlecht geführte Versuchslabor

Juli 8, 2012

Der Kanton Zürich ist ein Versuchslabor der Schweizer Landwirtschaft: Nirgendwo sonst im Land ist der Siedlungsdruck und das Bevölkerungswachstum derart hoch. Das führt zu Konflikten, wie derjenige in Dägerlen (siehe Bild oben), wo sich Anwohner über die Geruchsimmissionen eines Laufstalls beschweren. Ähnliche Auseinandersetzungen gab es auch in Lindau, als die landwirtschaftliche Schule Strickhof dort einen neuen Schweinestall mit Ausläufen eröffnete. Derartige Konflikte sind ein Teil dieser Enge, in der die Zürcher Bauern produzieren. Sie müssen damit leben lernen. Erstens gehören sie selber zu den grössten Profiteuren des Siedlungswachstums. Viele Landwirte sind mit Landverkäufen zu Millionären geworden und werden dies immer noch. Zweitens bietet wohl kein anderer Kanton derart ideale Voraussetzungen für den Direktverkauf und Regionalproduktion zuhanden der Grossverteiler. Vor der Haustüre eines jeden Bauern siedelt im “Millionenzürich” kaufkräftige Kundschaft, die in ihrer Mehrheit den Bauern positiv gegenübersteht und gerne in anmächeligen Hofläden und im Kanton hergestellte Produkte einkauft. Das Florieren des Labels “Natürli” und von Betrieben wie Jucker Farmart sind nur zwei Beispiele. Diese Kundschaft muss man auch pflegen: Die erholungsbedürftige Gesellschaft im nationalen Wirtschaftsmotor will eine gepflegte Landschaft mit Blumenwiesen, Hecken und gurgelnden Bächen. Soll keiner sagen, dass darin keine Landwirtschaft mehr Platz hat. Die Zürcher Betriebe sind schlagkräftig: Reine Ackerbaubetriebe, in Betriebsgemeinschaften produzierende Milchproduzenten mit grossen Kuhzahlen, rationell eingerichtete (Bio-)Gemüseproduzenten, unter erschwerten Bedingungen produzierende aber erfolgreich vermarktende Bergbauern im Tösstal und eine Winzergilde mit qualitativ hochstehendem Ausstoss an Gewächsen. Kein Grund zum Jammern also. Vor diesem Hintergrund macht die Dachorganisation der Zürcher Bauern derzeit Brutta Figura. Der kantonale Bauernverband (ZBV) verharrt seit Jahren in der Defensive. Jüngste Beispiele sind die Niederlage vor dem Zürcher Verwaltungsgericht vom Freitag, wo man sich gegen den Gewässerschutz ohne Not weit zum Fenster auslehnte. Desgleichen bei der Kulturlandinitiative, wo der Vorstand zwar Stimmfreigabe beschloss, nach dem Ja des Zürcher Volks aber den Präsidenten zum “freiwilligen Rücktritt” bewegte, der sich die Freiheit rausgenommen hatte, die Initiative zu befürworten. Das ist umso bizarrer, als das Volksbegehren die produzierenden Landwirte unterstützt, die der ZBV immer an vorderster Front zu schützen behauptet. Das Problem des ZBV ist die enge Verquickung mit der kantonalen SVP, die im Dienste ihrer Immobilienfreunde ein Nein zur Kulturlandinitiative beschlossen hatte. Wenn der ZBV eine glaubwürdige Vertretung aller Zürcher Bauern bleiben will, tut er gut daran, in dieser ländlichen Zweckehe demnächst die Scheidung einzureichen. Denn zu unberechenbar und opportunistisch ist die SVP als Partnerin der Bauern, das gilt nicht nur für den Kanton Zürich, sondern für die ganze Schweiz. Je nach Bedarf spielt sie die Bauernfreundin oder die neoliberale Schiene und lässt die Bauern fallen wie heisse Kartoffeln.


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