Archive for the ‘Spezialkulturen’ Category

Was im Nestlé alles so ausgebrütet wird

Oktober 23, 2014

L1010109Letzte Woche habe ich wieder mal den “Blick” gelesen, und es hat sich gelohnt. Mehr jedenfalls als die Lektüre des Schwesterblatts, die ich mir unterdesssen als Pendler fast allabendlich zumute.

Das Interview mit Hans Jöhr, Head of Agriculture von Nestlé, enthält ein paar aufschlussreiche Aussagen, die zeigen, wie der Multi tickt, und das ist für die Bauern auch in der Schweiz nicht uninteressant.

Hier ein paar markige Worte des 59-jährigen Managers, der aus dem Bernbiet einst nach Brasilien auswanderte, um dort den Traum vom Farmen zu realisieren. Danach machte er den Dr. der Wirtschaftswissenschaften, gründete ein Beratungsbüro und wechselte schliesslich vor 14 Jahren zum Grosskunden der weltweiten Landwirtschaft. Dazu ein paar Kommentare.

Jöhr zur Landwirtschaft im Allgemeinen:
“Ich bin ein Bauersohn und war selber Bauer. So habe ich gelernt, wie viele Fehler man machen kann, wenn man nicht vorsichtig umgeht mit natürlichen Ressourcen wie Boden und Wasser. Wir haben teilweise grosse Fehler gemacht in der Vergangenheit. In vielen Ländern konnten wir aber eine Wende einleiten.”

Das sind bemerkenswert selbstkritische Bemerkungen, die man aus den Teppichetagen von Grossunternehmen selten hört. Allerdings gelingt es Jöhr dann mühelos, die übers Haupt gestreute Asche zu einem Lorbeerkranz zu formen.

Zur Korrektur der Fehler und zur Nachhaltigkeit als Exportschlager:
“Zusammen mit Fritz Häni, dem Vater von IP Suisse, habe ich Richtlinien für eine nachhaltige Landwirtschaft aufgebaut. Alle haben gesagt, das kostet zu viel und verlangten, dass wir einen Business Case entwickeln. Das haben wir dann getan. Wir haben Danone und Unilever ins Boot geholt und die Plattform für nachhaltige Landwirtschaft gegründet. Heute gehören über 60 der grössten Lebensmittelverarbeiter dazu. Das ist ein Exportschlager für die Schweizer Landwirtschaft. Wir haben die Nachhaltigkeit, die wir bei uns kennen in der ganzen Welt verbreitet.”

Ehrlich gesagt ist mir ein ziemliches Rätsel, wovon Jöhr hier spricht. Dieser Exportschlager ist mir noch nie begegnet und eine “Plattform für nachhaltige Landwirtschaft” mit dem geschilderten Hintergrund ist zumindestens im Internet nicht aktenkundig. Schade, dass der Blick-Mann hier nicht nachfragte.

Zu Fairtrade:
“Das ist nicht zwingend der richtige Weg. Man muss aufpassen, dass man nicht die Zertifizierer oder den Handel bezahlt, sondern dass das Geld wirklich zu den Bauern kommt.”

Gut gebrüllt, bäuerlicher Löwe, das sind wahre Worte aber würde in diese Aufzählung nicht auch Jöhrs Arbeitgeber gehören? Aber natürlich, wes Nescafé ich trink…

…und weiter auf die Frage, ob das bei Fairtrade nicht der Fall sei:
“Leider nicht unbedingt. Man kann sogar Armut zertifizieren mit solchen Labels.”

Zu den eigenen Handelsbedingungen für die Bauern:
“Letztes Jahr haben wir mit über 300’000 Bauern Ausbildungen gemacht. Das ist kein karitativer Beitrag, sondern wir befähigen die Bauern, bessere Qualität zu liefern. (…) Unter Umständen zahlen wir 30 oder 40 Prozent höhere Preise als der Markt.”

Das gilt allerdings nur für das eine Prozent Nespresso-Kapselkaffeeproduzenten, wie Jöhr etwas weiter unten einräumt. Gerade hier aber ist die Verarbeitermarge derart astronomisch, dass die Differenz zwischen Ladenverkaufspreis und Produzentenpreis etwa 6 mal grösser ist als beim durchschnittlichen konventionellen Kaffeehandel, ungeachtet der 30 bis 40 Prozent Zuschlag, die Jöhr erwähnt.
Zur Illustration die grobe Rechnung:
Nespresso: Füllmenge 5 Gramm pro Kapsel, Kapselpreis 50 Rappen -> Kilopreis Fr. 100.- , Produzentenpreis Fr. 5.60 (Weltmarktpreis von Fr. 4.-/kg plus 40% Zuschlag)). Differenz zum Produzentenpreis: Fr. 94.40.
Konventioneller Kaffee: Kilopreis Fr. 19.- (Migros, gehobenes Sortiment Caruso), Differenz zum Produzentenpreis: Fr. 15.-.
Soviel zum Thema Fairtrade bei Nestlé.

Jöhr zum Thema Gentech:
“Es kann ein Werkzeug sein. Wir gehen differenziert vor. Eine Technologie kann Vor- und Nachteile haben. Persönlich habe ich das Gefühl, dass Gentechnologie bereits überholt ist. Sowohl in der Pflanzenzucht wie bei der Tierzucht gibt es heute Methoden mit denen man den Bauern besser helfen kann.”

Das sich Jöhr derart klar distanziert von grüner Gentechnologie ist sehr interessant. Für mich ein klares Indiz, dass die Kosten-/Nutzenrechnung für ein Grossunternehmen mit GVO-Ware nicht aufgeht. Möglicherweise ist diese Aussage einer der Gründe, wieso das Interview sehr schnell wieder runtergenommen wurde bei Blick. Ich habe mich via Twitter beim Boulevardblatt nach der Ursache erkundigt, habe aber nie eine Antwort erhalten:

Schliesslich Jöhr zur biologischen Landwirtschaft:
“Bio kann für die Bauern eine gute Lösung sein, wenn die Konsumenten willens sind, die höheren Preise zu zahlen. In der Schweiz ist das der Fall. Man kann nicht ein Rezept aus der Schweiz oder aus Westeuropa auf die ganze Welt anwenden und sagen, es müsse alles Bio werden. Die biologische Landwirtschaft braucht mehr Ressourcen. Zudem ist sie sehr wissensintensiv, in Ländern mit vielen Analphabeten funktioniert sie nicht.”

Da muss ich nicht nur berufeshalber widersprechen, erstens sagt niemand, es müsse alles Bio werden (mit 50 Prozent wären wir schon recht zufrieden…), zweitens braucht die biologische Landwirtschaft zwar pro Ertrag mehr Ressourcen, geht aber mit diesen so schonend um, dass sie verwendbar bleiben und drittens funktioniert sie bestens mit Analphabeten, wie zahlreiche Produzenten und Projekte in Entwicklungsländern täglich beweisen. Die Aussage von Jöhr zeigt, dass Multis wie Nestlé Anbauvorschriften, die sie nicht selber diktieren, ein Dorn im Auge sind, da sie mit einem gewissen Kontrollverlust über die Bauern einhergehen. Das soll wiederum nicht heissen, dass sie es grundsätzlich schlecht meinen mit den Produzenten, denn die Firma ist auf das bäuerliche Knowhow (auch von Analphabeten) angewiesen, um die Rohstoffversorgung zu sichern, ohne Kaffeeproduzenten nützt die schönste Reklame mit Bräutigam Clooney nichts.

 

Grundfragen beim Quinoa-Dreschen in Tiraque

Juni 5, 2014

QuinoaIm letzten Herbst war ich kurz in Bolivien für den Besuch in einem FiBL-Projekt. Dort habe ich nach langen Jahren meinen Studienkollegen Johannes Brunner wieder getroffen. Er arbeitet seit einiger Zeit in Südamerika und schreibt von dort aus ab und zu einen Rundbrief für Zuhausegebliebene und andere Interessierte. Sein Editorial ist hochinteressant. Es tangiert eine der Kernfragen der (Land-)Wirtschaft: Wieviel Technisierung, Rationalisierung und Professionalisierung macht Sinn? Wem dient sie? Wer verdient daran? Wer wird glücklich dabei?

Auf der Reise in die holländische Schweineindustrie zum Beispiel habe ich mich oft gefragt, woher eigentlich der omnipräsente Wachstumsdruck kommt. Profitieren tun leider nicht primär die Bauern, auch wenn jetzt im Fall des Dreschens gewisse Vorteile der Mechanisierung nicht von der Hand zu weisen sind. Aber lesen Sie selber. Ich bringe den Text integral, inklusive Werbespot für Johannes’ Arbeitgeber, denn die Art, wie Interteam arbeitet, scheint mir sinnvoll. Merci für den spannenden Text und das Abdruckrecht Johannes!

“Vor kurzem konnte ich in Tiraque bei der Ernte einer Parzelle Quinoa mithelfen. Die Bauernfamilie hatte die Pflanzen bereits geschnitten und auf der Parzelle pyramidenförmig aufgeschichtet, damit die Rispen trocknen konnten. Diese legten wir nun in zwei Reihen auf eine Zeltplane und liessen sie nochmals eine Stunde trocknen. Danach fuhr Roberto mit seinem Auto mehrmals über die Rispen, bis sich die kleinen Körner von den Pflanzen gelöst hatten. Nach einigen Überfahrten wendeten wir sie und das Dreschen konnte wiederholt werden. Nachdem wir diese Prozedur mehrmals durchgeführt hatten, entfernten wir die Stängel von der Plane und siebten den zurückgebliebenen Rest in zwei Durchgängen mit einem Sieb mit Lochgrösse 4mm und später 2mm.

Danach brachte die Bäuerin das Mittagessen: Maiskörner, Weizenbrei und Frischkäse. Am Nachmittag kam Wind auf und wir konnten mit seiner Hilfe und der Wurfschaufel die Körner von den Resten der Spreu und den Unkrautsamen trennen. Gegen Abend lag vor uns ein pyramidenförmiger Haufen kleiner, golden glänzender Körner von etwa 150 kg aus einer Fläche von 20 Aren, den wir in drei Säcke füllten. Alle waren müde und sehr glücklich. Während der ganzen Arbeit fühlte ich mich mit meinen Vorfahren verbunden, obwohl ich beim Garben binden und Puppen stellen nie dabei war. Zeit und Effizienz gerieten in den Hintergrund, in den Vordergrund rückten Gespräche und die Aufmerksamkeit auf die Windstärke.

Meine Idee mit einer Holzkonstruktion die Trocknung der Rispen zu beschleunigen, wurde mit Neugier aufgenommen. Gleichzeitig machte ich mir Gedanken über meine eigene Vorstellung von Fortschritt und Entwicklung. Dabei stellte ich fest, dass ich Armut mit Mangel an Materiellem, mit Langsamkeit und Ineffizienz identifiziere. Sofort schlage ich deshalb Geräte und Technologien vor, damit die Bauern schneller und mehr Quinoa ernten können. Doch sind mir die Folgen nicht bewusst? Statt dass es den Familien besser geht, wird die Gemeinschaft durch Konkurrenz zerstört. Einige Betriebe wachsen auf Kosten von andern, die ihren Boden am Schluss verkaufen und abwandern.

Im Hochland Boliviens können die Menschen mit diesem Entwicklungsmodell nichts anfangen. Arm ist der Mensch, der den Kontakt zum Boden verloren hat, der keinen Boden besitzt, in dem er seine Angehörigen begraben kann, der dadurch beseelt ist und den Lebenden Nahrung und ein Dach über dem Kopf bietet. Arm ist der Mensch, der seinen Boden verkauft oder spekuliert und in die Stadt zieht auf der Suche nach einem scheinbar besseren Leben. Arm bin ich, der glaubt diesen Menschen unseren Fortschritt bringen zu müssen, obwohl ich weiss, dass damit nur Macht und Geld in den Händen weniger konzentriert wird.

Genau dieser Problematik ist sich Interteam bewusst und arbeitet deshalb auf der Ebene von Mensch zu Mensch, um langsame, dafür nachhaltige Lern- und Entwicklungsprozesse auf Vertrauensbasis aufzubauen, in denen Menschen ihre eigenen Lebensvisionen selbstbestimmt realisieren können. Die Arbeit von Interteam entpuppt sich damit auch als Werkstatt für die Kreation neuer Impulse für die Schweiz, weil unsere Partner unsere linearen Entwicklungsmodelle hinterfragen. Die Bauern und Bäuerinnen Boliviens lehren mich, dass wir in der Schweiz in dieser Hinsicht noch viel Entwicklungshilfe benötigen.” (Bild Johannes Brunner)

 

Feuerbrandresistenz: Eine Gala für GVO?

März 17, 2014

Feuerbrand lidGrüne Gentechnologie hat auch schon schlechter ausgesehen: Letzte Woche hat die ETH Zürich gemeinsam mit dem deutschen Julius-Kühn-Institut eine Erfolgsmeldung verbreitet: Einem Team um den Forscher Cesare Gessler sei es gelungen, Gala, dem Darling der ApfelesserInnen, ein Gen einzupflanzen, das diesen resistent macht gegen den Feuerbrand, eine gefürchtete Bakterienkrankheit im Kernobstbau.

In einer Mitteilung erklärt die ETH, das Team habe mit Cis-Gentechnik gearbeitet und der Gala ein Gen eines Wildapfels eingepflanzt. Die Trans-Gentechnik dagegen arbeitet mit artfremden Genen, ein Beispiel dafür ist BT-Mais, hier wurde der Pflanze das Gen eines Bazillus einverleibt. Das eine Cis-Gen reiche aus, so heisst es in der Mitteilung der ETH, um den Apfelbaum vor dem Feuerbrand zu schützen. Mit derselben Methode war es demselben Team vor einigen Jahren gelungen, Gala eine Schorfresistenz einzubauen.

Gessler_CesareGessler ist einer der Hoffnungsträger der GVO-Promotoren. Nicht nur weil er als jovialer Wollpullover- und Bartträger so gar nicht ins Feindbild der GVO-Kritiker passen will, sondern auch, weil seine Forschung bis in die Biobranche hinein als positives Andwendungsbeispiel für die ansonsten verpönte grüne Gentechnik gilt. Das ist nicht mal falsch: Die Technologie hilft Gessler und seinen Leuten, Zeit zu sparen. Mit Cis-Gentechnik bleibt ihm die mühselige und langwierige Einkreuzung des Wildapfels in die Gala erspart. Da keine artfremden Gene eingekreuzt werden wird man auch kaum von Frankensteinfood sprechen wollen, wie das Gentechnkritiker oft und gerne tun.

Trotzdem ist es ein bisschen verfrüht, jetzt den virtuellen Hut vor Gesslers Werk zu ziehen und sich vor dem Wunder der Gentechnik zu verneigen. Gessler relativiert in der ETH-Mitteilung gleich selbst: Die Stimmung in der Schweiz sei zu gentechkritisch, um an einen Anbau überhaupt zu denken, meint er mit Blick auf das nach wie vor geltende Anbaumoratorium in der Schweiz sinngemäss. Das ist aber nicht das einzige Problem. Auch sein Produkt ist noch weit entfernt von Praxisreife: Die Resistenz funktionierte zwar im Treibhaus, was aber noch lange nicht heisst, dass das auch im Feld der Fall sein wird. Zudem warnt er gleich selber vor einem Resistenzdurchbruch. Mit nur einem einzigen Resistenzgen ist ein solcher in der Tat wahrscheinlich, weitere Resistenzgene sollen deshalb folgen, man darf gespannt sein, ob dies der Agroscope gelingen wird, die Gesslers Werk nach dessen Pensionierung fortsetzen will.

Im weiteren besteht keinerlei Grund, aufgrund von Gesslers Arbeit, die Kritik an der vorherrschenden Anwendung von grüner Gentechnik zu mildern. Konservativ geschätzte 95 Prozent des Marktes werden von einer Handvoll Saatgut- und Pesitzidmultis beherrscht, welche mit herbizid- und insektenresistenten Pflanzen als Hebel die Märkte monopolisieren. Und das ist das deutlich grössere Problem als mögliche Auskreuzungen. Darüber darf man sich auch durch Gesslers Feigen- oder besser Apfelblaumblatt nicht hinwegtäuschen lassen. (Bild LID/Sebastian Stabinger)

Oliven, rezykliert

Oktober 28, 2013

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Wenn man schon paar Jahre bloggt, hat das den Vorteil, dass sich vieles wiederholt. Davon profitiere ich heute schamlos, bin grad auf und unter den Bäumen und empfehle deshalb dieses alte Artikeli. A presto con saluti!

Mindestlöhne: Nein, weil “Ja aber” nicht geht

September 29, 2013

Ernte im GemüsebauDiese Woche hat die Mindestlohninitiative Schlagzeilen gemacht: Der Ständerat empfahl sie klar zur Ablehnung. Das Volksbegehren des Gewerkschaftsbundes verlangt für eine 42-Stunden-Woche mindestens 4000 Franken, was einem Stundenlohn von 22 Franken entspricht. Die Annahme der Initiative beträfe auch die Landwirtschaft stark. In der Branche gilt derzeit ein Mindestlohn von 3170 Franken für eine 55-Stunden Woche. Umgerechnet müssten die landwirtschaftlichen Arbeitgeber neu über 5000 Franken bezahlen, eine Lohnerhöhung um rund zwei Drittel, wie der “Schweizer Bauer” in seiner Wochenendausgabe vorrechnete.

Die Diskussion der Initiative wirft zunächst einmal ein ziemlich ungünstiges Schlaglicht auf diverse Aspekte der Ökonomie im Hochpreisland Schweiz: Laut den Initianten verdienen 150 000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Berufslehre weniger als den von den Gewerkschaften geforderten Lohn (und das nota bene ohne 13. Monatslohn). Das ist umso störender, als dass das Existenzminimum von der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe auf gut 3800 Franken veranschlagt wird.

Was die Landwirtschaft angeht, ist die Lage etwas komplexer. Die Löhne hängen gerade in arbeitsintensiven Bereichen wie dem Gemüse- und Fruchtbau stark ab vom Preisniveau. Eine Lohnerhöhung bei den vorwiegend ausländischen Erntehelfern ist deshalb kaum realisierbar, ohne dass dieses steigt. Dass eine solche Erhöhung gegenüber dem Handel durchsetzbar wäre, daran glauben selbst die grössten Optimisten nicht. In der Tendenz werden die Preise ungeachtet der saisonalen und wetterabhängigen Schwankungen auch in Zukunft eher sinken oder im besten Fall stagnieren.

Nicht erstaunlich, dass die Gemüsebauern ihren Befürchtungen schon lautstark Ausdruck geben, zum Beispiel in einem Artikel im “Tages-Anzeiger”, den ich leider mangels Vorhandensein nicht verlinken kann. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass die Gemüseproduzenten mit dem aktuellen Mindestlohn an die Schmerzgrenze sind, eine moderate Erhöhung wäre sicher möglich. Auch weiss man, dass wie in jeder Branche Lohndrücker vorkommen, denen etwas Druck nicht schaden würde.

Eine Lohnerhöhung um 66 Prozent ist aber schon etwas des Guten zuviel. Zumal die drohenden Konsequenzen kaum im Sinne der häufig langjährigen und deshalb – so hört man und hofft, dass es stimmt – oft auch mehr oder weniger deutlich über dem Mindestlohn bezahlten ausländischen Arbeitskräfte lägen. Wenn ihre Arbeit durch gesetzliche Regelungen massiv verteuert würde, gingen fast sicher Stellen verloren, an denen Tausende von Existenzen in Weissrussland, Moldawien und der Ukraine hängen. Deshalb würde ich derzeit ein Nein in die Urne legen. Auch weil ein “Ja, aber” nicht geht. (Bild LID)

Agrentina (1): 3 sehr verschiedene Quereinsteiger

August 30, 2013

Damian ColucciArgentina, was für ein magisches Versprechen, was die Landwirtschaft angeht. Aber auch viele Negativschlagzeilen in letzter Zeit: Eine Invasion von Agrochemie-getriebenem Sojaanbau, eine Präsidentin, die mit üblen Exportsteuern die einheimischen Produzenten ruiniert sowie Fleischkonsumenten, die ihre karnivoren Qualitäten vernachlässigen und immer weniger Rindfleisch essen.

Höchste Zeit also für einen Augenschein. Der nächste Woche stattfindende Kongress des Internationalen Agrarjournalistenverbands IFAJ (mehr folgt) war mehr als ein guter Grund, die weite Reise unter die Flügel zu nehmen. Ich bin einige Tage vorher aufgebrochen, um mit meinem alten Agrarjournalisten-Kumpel David Eppenberger und Romano Paganini, einem jungen, nach Argentinien ausgewanderten Schweizer ein paar Betriebe zu besichtigen. Nach zwei Tagen in der Pampa ist mir aufgefallen, dass fast alle, die wir besucht haben ausserlandwirtschaftliche Quereinsteiger waren.

Das hat auch damit zu tun, dass man Landwirtschaft in Argentinien on the Job lernt. Die Landwirtschaftsschulen sind für Agronomen vorgesehen, aber eine Lehre in unserem Sinne existiert nicht. Zudem ist die Landwirtschaft hier ein Eldorado für Anhänger des freien Markts. Auf die Frage, ob sie der Staat in irgendeiner Weise unterstütze, pflegten die Bauern in bitteres Gelächter auszubrechen. Das Gegenteil sei der Fall, hiess es übereinstimmend. Die schmalen Gewinne an der Scholle würden systematisch abgeschöpft, um der klammen Bürokratie zugeführt zu werden. Die Bauern reagieren unterschiedlich auf diese Situation.

Damian am Säen mit sechs PferdenDamian Colucci (Bild ganz oben) ist 33 und lebt gemeinsam mit seiner Frau Mariana den Prinzipien von Masanobu Fukuoka nach. Der 2008 verstorbene japanische Permakultur-Vorreiter war seinerseits Quereinsteiger und wurde nach seiner Tätigkeit als Mikrobiologe zum Bewirtschafter. Kurz zusammengefasst propagierte er eine Landwirtschaft der Gelassenheit. Möglichst wenig Intervention, Pflanzen und Tiere dazu ertüchtigen, dass sie auch ohne Agrochemikalien gut gedeihen, innerbetriebliche Ernährungssouveränität und ein minimaler Maschinenpark. Er sät seine rund 70 Hektaren Acker mit Pferdegespannen (siehe Bild links, maximale Tagesleistung 5-6 Hektaren, Pflug maximal 1 ha pro Tag). Der Stadtbub Damian ist in Buenos Aires aufgewachsen, pilgerte als junger Mann zu Fukuoka und konnte dank finanzieller Unterstützung durch den Vater vor 12 Jahren in die Landwirtschaft einsteigen. Neben den Tieren aus seiner Weidemast verkauft er Mehl aus der eigenen Mühle, Eier und ab und zu andere Produkte.

Edit und Pedro AlemanGanz anders arbeiten Edit und José Aleman (Bild Mitte), die südlich von Mar del Plata in der Pampa humeda (feuchte Pampa) Gemüse anbauen. Sie versorgen mit ihrem Gemüse die Grossmärkte in Buenos Aires und Mar del Plata. Vor 30 Jahren sind sie als praktisch mittellose Einwanderer aus Tarija in Bolivien nach Argentinien gekommen, heute bewirtschaften sie einen DSC03887intensiven Gemüsebetrieb von 30 Hektaren Grösse und haben sich dank ihrer Tüchtigkeit laut ihrem Nachbarn Mario, dem lokalen Gemüsebauberater ein stattliches Vermögen erarbeitet. Die Alemans stehen für ein interessantes Phänomen. In der Region Mar del Plata beherrschen Bolivianer mittlerweile einen Grossteil des Gemüsegeschäfts. In Tellerwäscher-, beziehungsweise Salatschneiderkarrieren haben sie sich von Landarbeitern zu Besitzern hochgearbeitet und in dieser Funktion die vorher marktbeherrschenden Italiener abgelöst.

Noch einmal ganz anders ist das Profil von Pablo, der uns seinen Familiennamen nicht mitgeteilt hat. Er nennt 10 Hektaren Land sein eigen und ist nicht ein eigentlicher Bewirtschafter sondern ein Dienstleister für die Bauern. Er hat Platz für 3000 Stück Vieh, besitzt aber kein einziges. Landwirte in der Umgebung liefern ihm gut 200 Kilo schwere Tiere, die er auf 320 bis maximal 350 Kilo aufmästet, bevor die Tiere dann in eines der Schlachthäuser der Region gebracht werden. Für seine Dienste lässt er sich mit 3 Peso pro Kilogramm Zuwachs abgelten, das sind rund 20 Prozent des Preises, den die Bauern pro Kilo Lebendgewicht im Schlachthof erhalten. Als Zahlung nimmt er auch Mais und Getreide von den Bauern entgegen. Die Überschüsse aus diesen Lieferungen lässt er dann zu Futtermitteln verarbeiten. Pablo informiert uns im breitesten kalifornischen Slang, ist er doch als Sohn eines Arztes teilweise in den USA aufgewachsen. Für den smarten Unternehmertyp ist die Landwirtschaft ein gutes Geschäft, sollte es nicht länger rentieren, würde er wohl emotionslos das Business wechseln. Das einzige, was ihn mit Damian verbindet, ist dass beide mit den in Argentinien am weitesten verbreiteten Rassen Black Angus und Hereford arbeiten.

Pablo, die Alemans und die Coluccis: Alle drei stehen sie für typische Phänomene in der argentinischen Landwirtschaft. Ersterer für die Industrialisierung der Landwirtschaft, für die auch die radikale Ausbreitung des Cashcrop-Anbaus namentlich der (GVO-)Soja im letzten Jahrzehnt ein typisches Beispiel darstellt. Zweitere für die Chancen, die sich in der zwar staatlich vernachlässigten aber gleichzeitig völlig liberalisierten Landwirtschaft für tüchtige Leute bieten und Letztere für die Reaktion auf Industrialisierung und Rationalisierung: Den Weg in die Selbstversorgung verbunden mit dem Rückzug in die Einsamkeit der grenzenlos gross scheinenenden Pampas.

Pablo, owner of a feedinglot

Referendumm gelaufen? Zum Glück nicht, aber…

Juli 12, 2013

HochstämmerAm Freitagnachmittag kam die gute Nachricht fürs Wochenende: Das Referendum gegen die Agrarpolitik (AP) 2014-17 ist gescheitert. Das ist zu begrüssen. Unter dem Strich hätte eine Volksabstimmung einen Haufen Verzögerungen, Unsicherheit und einen nervenzehrenden Abstimmungskampf gebracht. Das grösste Problem wären dabei nicht die streitenden Bauern gewesen, sondern vielmehr, der steuerzahlenden Konsumentenschaft zu erklären, warum eine Branche, die alljährlich gut drei Milliarden Bundesmanna einstreicht beziehungsweise weiterverteilt noch immer nicht zufrieden ist.

Trotzdem wäre es falsch, wenn der Amtsschimmel in Form des BLW die Bedenkenträger gegen AP14/17 nun als ewiggestrige Jammeri anwiehern und ohne mit der Wimper zu zucken zum Tagesgeschäft übergehen würde. Denn erstens ist es ein ziemlicher Achtungserfolg, wenn bei nurmehr gut 50’000 Bauern und Entourage über 30’000 Unterschriften zusammenkommen, obwohl das ganze bäuerliche Establishment das Referendum nicht unterstützte. Was zweitens beweist, dass das neue System durchaus Tücken birgt und zwar interessanterweise auch genau dort, wo es plakativ Verbesserungen zu bringen verspricht, nämlich bei der Ökologisierung, um jetzt nur ein Beispiel rauszupicken.

Neuerdings bin ich als FiBL-Medienmensch ja wieder in der Branche tätig und deshalb täglich umgeben von Leuten, die sich für genau diese Ökologisierung einsetzen. Ich setze mich jetzt der Gefahr aus, als schamloser Lobbyist in deren Auftrag rüberzukommen. Dieses Risiko nehme ich gerne in Kauf, einfach nur um aufzuzeigen, dass AP14/17 gewisse Absurditäten birgt, die noch korrigiert werden müssen.

Erstes Beispiel ist die Bestrafung von Bio-Weide-Beef-Mästern durch den neuen abgesenkten Mindesttierbesatz. Rund 400 Betriebe werden massiv Direktzahlungen einbüssen, weil sie aufgrund extensiver Bewirtschaftung den vorgeschriebene Mindestanzahl Tiere nicht mehr erreichen, obwohl ihre tierfreundliche und landschaftspflegende Haltungsform quasi idealtypisch den Anforderungen des Verfassungsartikels entspricht.

Zweites Beispiel: Neuerdings dürfen pro Hektare nur noch maximal 120 statt wie bisher 160 Hochstammbäume stehen, damit ein Betrieb in Genuss der entsprechenden Beiträge kommt. Wer also vergangenes Jahr auf einer Hektare 160 Bäume pflanzte, kriegt gemäss Plan BLW künftig nichts, nicht einmal für die 120 Bäume, welche auch dort stehen. Wie ich gehört habe, befürchtet man im Kanton Luzern aufgrund der Novelle das Fällen von 5000 Hochstämmern. Ein blöder Moment, jetzt wo man langsam den Feuerbrandkrise überstanden und den kontinuierlichen Rückgang der Bestände gestoppt hat.

Das sind nur zwei Exempel. Es gibt progressive Stimmen, die sich hinter vorgehaltener Hand ein Referendum gewünscht hätten, um den Druck auf BLW zu erhöhen, ich gehöre in der Hoffnung auf gesunden Menschenverstand in Bern nicht zu denen. (Bild Hochstamm Suisse)

AgReminiszeNZZen aus 13 Jahren (7): Wetter

Juni 20, 2013

TrockenheitTrockenheit und andere Überflutungen, Hagel im Herbst und Schnee im Frühling, Fliessbandarbeit im Dienste von Petrus und anderen Stakeholdern.

AgReminiszeNZZen aus 13 Jahren (6): Feuerbrand

Juni 19, 2013

FeuerbrandViel beschäftigt hat mich auch der Feuerbrand, schon lange vermochte eine Pflanzenkrankheit nicht mehr soviel Aufsehen zu erregen, vermutlich ist es die tückische Art der Infektion und der Hochstammbaum als häufiges Opfer, der die Leserschaft hier in den Bann zog. Und – wir sind mittlerweile im Jahr 2006 – die Farbe hat Einzug gehalten! Das erste Farbbild auf der Front der protestantischen NZZ erschien am Tag nach dem Tod von Johannes Paul II.

Leicht verschämtes Hoch auf Hors-Sol

Mai 18, 2013

Cherrytomaten Hors-SolEs war böse, als wir junge Agronomiestudenten waren. Von Hors-Sol wollten wir gar nichts wissen. Die bodenlose Anbaumethode mit Pflanzen im Substrat war der Inbegriff der Industrialisierung des Gemüsebaus.

Ich bin älter geworden und will hier 25 Jahre später ein leicht verschämtes Plädoyer für die Kulturtechnik placieren. Natürlich ist die im Hüsli im idyllischen Pflanzblätz unbegrenzt wurzelnde rare Tomate immer noch ein Ideal, aber zu fest idealisieren sollten wir es nicht.

Cherrytomaten Hors-Sol2Für die Tomate ist das Schweizer Klima, besonders in Jahren wie heuer, eine Grenzlage. Ohne Gewächshaus ist ein Tomatenproduzent heute chancenlos gegen die ausländische Konkurrenz. Und unter Dach macht ein Anbau im Substrat durchaus Sinn. Das ist mein bescheidenes subjektives Fazit einer Exkursion der Schweizer Agrarjournalisten ins Seeland, an der ich heute teilnahm.

Auf dem Betrieb von Thomas Hurni und Adrian Tschachtli in Kerzers erhält man einen guten Einblick in die Gemüse- und Beerenproduktion, neuester Stand. Von Gartenromantik ist da wenig mehr geblieben. Wer im Rennen um Grossverteiler-Regalplatz mithalten will, muss die Produktion mindestens ein Stück weit industrialisieren. Dabei machen geschlossene Kreisläufe wie Hors-Sol Sinn. Die Nährstoffapplikation kann genau dosiert werden, überschüssige Flüssigkeit wird aufgefangen und gelangt zurück in die Verteilzentrale. Das Substrat besteht aus Kokosfasern und das einzige was nicht rezykliert werden kann ist die Plastichülle der Substratballen und die synthetische Schnur, die verwendet wird, um die Tomaten hochzubinden im Gewächshaus, wie Hurni erläuterte.

Himbeeren Hors-SolDer Anbau im Boden soll hier nicht schlechtgeredet werden, aber auch dieser sieht nicht aus wie Grosis Gärtli, und die Nährstoffproblematik ist weniger kontrollierbar, mit entsprechenden potenziellen Auswirkungen auf das Grundwasser. Hurni und Tschachtli bauen übrigens auch Beeren im Hors-Sol-Verfahren an, mit denselben Vorteilen. Oben ein Himbeerenbestand, unten Erdbeeren in Hochlage mit ergonomisch idealer Position für die PflückerInnen.
Erdbeeren Hors-Sol


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