Archiv für die Kategorie ‘Spezialkulturen’

AgReminiszeNZZen aus 13 Jahren (7): Trockenheit

Juni 20, 2013

TrockenheitTrockenheit und andere Überflutungen, Hagel im Herbst und Schnee im Frühling, Fliessbandarbeit im Dienste von Petrus und anderen Stakeholdern.

AgReminiszeNZZen aus 13 Jahren (6): Feuerbrand

Juni 19, 2013

FeuerbrandViel beschäftigt hat mich auch der Feuerbrand, schon lange vermochte eine Pflanzenkrankheit nicht mehr soviel Aufsehen zu erregen, vermutlich ist es die tückische Art der Infektion und der Hochstammbaum als häufiges Opfer, der die Leserschaft hier in den Bann zog. Und – wir sind mittlerweile im Jahr 2006 – die Farbe hat Einzug gehalten! Das erste Farbbild auf der Front der protestantischen NZZ erschien am Tag nach dem Tod von Johannes Paul II.

Leicht verschämtes Hoch auf Hors-Sol

Mai 18, 2013

Cherrytomaten Hors-SolEs war böse, als wir junge Agronomiestudenten waren. Von Hors-Sol wollten wir gar nichts wissen. Die bodenlose Anbaumethode mit Pflanzen im Substrat war der Inbegriff der Industrialisierung des Gemüsebaus.

Ich bin älter geworden und will hier 25 Jahre später ein leicht verschämtes Plädoyer für die Kulturtechnik placieren. Natürlich ist die im Hüsli im idyllischen Pflanzblätz unbegrenzt wurzelnde rare Tomate immer noch ein Ideal, aber zu fest idealisieren sollten wir es nicht.

Cherrytomaten Hors-Sol2Für die Tomate ist das Schweizer Klima, besonders in Jahren wie heuer, eine Grenzlage. Ohne Gewächshaus ist ein Tomatenproduzent heute chancenlos gegen die ausländische Konkurrenz. Und unter Dach macht ein Anbau im Substrat durchaus Sinn. Das ist mein bescheidenes subjektives Fazit einer Exkursion der Schweizer Agrarjournalisten ins Seeland, an der ich heute teilnahm.

Auf dem Betrieb von Thomas Hurni und Adrian Tschachtli in Kerzers erhält man einen guten Einblick in die Gemüse- und Beerenproduktion, neuester Stand. Von Gartenromantik ist da wenig mehr geblieben. Wer im Rennen um Grossverteiler-Regalplatz mithalten will, muss die Produktion mindestens ein Stück weit industrialisieren. Dabei machen geschlossene Kreisläufe wie Hors-Sol Sinn. Die Nährstoffapplikation kann genau dosiert werden, überschüssige Flüssigkeit wird aufgefangen und gelangt zurück in die Verteilzentrale. Das Substrat besteht aus Kokosfasern und das einzige was nicht rezykliert werden kann ist die Plastichülle der Substratballen und die synthetische Schnur, die verwendet wird, um die Tomaten hochzubinden im Gewächshaus, wie Hurni erläuterte.

Himbeeren Hors-SolDer Anbau im Boden soll hier nicht schlechtgeredet werden, aber auch dieser sieht nicht aus wie Grosis Gärtli, und die Nährstoffproblematik ist weniger kontrollierbar, mit entsprechenden potenziellen Auswirkungen auf das Grundwasser. Hurni und Tschachtli bauen übrigens auch Beeren im Hors-Sol-Verfahren an, mit denselben Vorteilen. Oben ein Himbeerenbestand, unten Erdbeeren in Hochlage mit ergonomisch idealer Position für die PflückerInnen.
Erdbeeren Hors-Sol

Pink Lady® und der Club der Rockobststars

April 30, 2013

Pink LadyDiese Woche hat mich ein Bekannter auf ein Phänomen aufmerksam gemacht, das ich bisher nur vom Hörensagen kannte: Die Clubsorten. Das sind die Rotarier unter den Äpfeln, die Rockstars unter den Früchtchen. Ihr Name ist ein Brand, geschützt mit einem dieser ®, die sonst  Medikamenten und Soft Drinks vorbehalten sind. Die Marke wird international an ausgewählte Lizenznehmer vergeben, welche wiederum das Recht zu Anbau und Vermarktung der Sorte an ebenso handverlesene Produzenten und Detailhändler vergebem.

Bekanntestes Beispiel ist in der Schweiz Pink Lady, die 1973 vom Australier John Cripps als WPink Cripps” vollzogene Kreuzung zwischen Golden Delicious und Lady Williams, die unterdessen weltweit geschützt ist und vermarktet wird (vorsicht beim Öffnen dieser Homepage, wenn Sie nicht auf Pink stehen). Lizenzinhaber für die Schweiz ist der Frucht-Logistiker Füglister. Dieser hat hierzulande ein gutes Dutzend Produzenten unter Vertrag, welche auf insgesamt gut 50 Hektaren ihr exklusives Früchtchen anbauen. Auch die Detaihandelsschar ist handverlesen: Migros, Globus, Coop und Volg. 

Pink Lady VermarktungDas Interessante an der Clublizenz ist für Füglister nicht zuletzt, dass die gut eingeführte Marke nicht nur aus Schweizer Produktion bedient werden kann, wie rechtsstehende Grafik von der Pink-Lady-Website (klicken zum Vergrössern) zeigt. Als Teil des Lizenznehmernetzwerks erhält die Firma exklusiv Pink Lady aus den übrigen Produktionsländern, darunter Australien, Neuseeland, Südafrika und Chile, welche gegenüber Europa eine um ein halbes Jahr verschobene Erntezeit haben und damit die Sommermonate in der Schweiz überbrücken können, ohne dass dem Konsumenten gross auffiele, dass sein gewohnter Apfel jetzt halt plötzlich nicht mehr aus dem Aargau sondern aus Australien stammt.

Sortenclubs gibt es übrigens nicht nur für Äpfel, sondern beispielsweise auch für Kartoffeln, wo Migros einen solchen für Amandine unterhält. Was ist davon zu halten? Interessant finde ich, dass gerade unsere Grossverteiler, die gerne vollmundig den freien Markt predigen in derart protektionistischen Gebilden wie Sortenclubs investieren. Sie haben viele Vorteile: Die Preise können dank gesteuerter Produktion auf allen Stufen relativ fix festgelegt werden und die Produzenten sind via einen zwischengeschalteten Logistiker straff an der Leine.

Für die Produzenten wiederum bringen Clubsorten eine Mischung aus Sicherheit und Abhängigkeit. Sie dürfen, wenn ich die Funktionsweise des Systems richtiv verstanden habe, im Prinzip keinen einzigen Apfel vom Pink-Lady-Baum ausserhalb der vorgeschriebenen Kanäle, also zum Beispiel im Direktverkauf oder im Most verkaufen. Gleichzeitig haben sie einen gesicherten Absatz zu relativ anständigen Preisen, solange die angebauten Mengen von den Verantwortlichen gut auf die Nachfrage abgestimmt werden, wobei hier witterungsabhängig immer grössere Schwankungen möglich sind. Äpfel werden nach wie vor im Freiland angebaut.

Der Vollständigkeit und Fairness halber muss erwähnt werden, dass nicht nur die Grossverteiler in derartige geschlossene Systeme investieren. Man denke nur an die Tierhaltung, wo etwa die Fenaco, das längst autonom agierende Unternehmen in de iure bäuerlicher Hand ähnlich agiert. Tochterfirma Ufa liefert exklusiv Futter auf Höfe, die ihre Tiere exklusiv via Tochterfirma Anicom vermarkten, um nur ein Beispiel zu nennen.

Die Teilnahme in solchen System ist freiwillig, unter dem Strich überwiegen für die Bauern die positiven Aspekte solcher – um es etwas derb auszudrücken – Teufelspakte, denn die Risiken, als Einzelmaske im unprotegierten Markt zu agieren, sind mindestens gleich gross, wie diejenigen in Clubsystemen. Nur die wenigsten wissen daraus Profit zu schlagen. Meist sind es Bauern mit einem idealen Mix aus gewieftem Unternehmertum und idealen Bedingungen für Absatzwege, die direkter zum Konsumenten führen und so ohne Clubmitgliedschaft höhere Margen ermöglichen, als unter Normalbedingungen. 

Giftige Sticheleien im Bienenhaus

Oktober 18, 2012

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Manchmal finden sich die interessantesten Geschichten in den Leserbriefspalten. So konnte man in den letzten zwei “Bauernzeitungen” einen hochinteressanten Imkerkonflikt verfolgen.
Im Land, wo der Honig fliesst herrscht schon lange nicht mehr nur eitel Sonnenschein. Seit Jahren kämpft die Branche gegen die Invasion der Varroamilben, die schon Hunderte von Bienenvölkern auf dem Gewissen haben. Genau darum, beziehungsweise um die Bekämpfungsmethoden dreht sich auch die erwähnte Kontroverse. In der Ausgabe vom 5. Oktober fährt Richard Wyss grobes Geschütz auf: der Chemieriese Bayer werbe “mit trügerischen Worten” für seine Anti-Varroa-Produkte, schreibt er. Bayer trage mit dem Vertrieb der Neonicotinoide Bayvarol, Check-Mite plus und Perizin selber massiv zu Bienenverlusten bei und verschweige die Rückstände im Honig und die Resistenzbildung. Das sind ungewohnt harte Worte, zumal Wyss nicht irgendein Imker sondern der Zentralpräsident des Deutschschweizer Dachverbands (VDRB) ist. Dieser hat in der selben Bauernzeitung auch ein Inserat geschaltet (siehe unten), in dem die scharfe Kritik bekräftigt wird (“So nicht, es genügt wenn die Agrochemie unsere Bienen auf Feldern vergiftet!”)
Die Replik eines Imkerkollegen folgte in der Ausgabe vom 12. Oktober auf den Fuss. Die Bayer-Medikamente dürfe man angesichts der strengen Zulassungsverfahren bedenkenlos benützen. Er selber habe damit wie zahlreiche Kollegen gute Erfahrungen gemacht. Dagegen kritisiert er den Einsatz von Ameisensäure, welche VDRB-Präsident Wyss in seinem Schreiben als Alternative propagiert. Damit quäle man die Bienen lediglich, schreibt Jakob Bringold aus dem solothurnischen Beinwil, der von Wyss auch eine Entschuldigung für seine Anschuldigungen verlangt. Dass die Produkte Rückstände hinterlassen, bestreitet er nicht, er deklariere sie aber klar.
Das Feuer im Dach des Bienenhauses ist für mich Ausdruck für die Verzweiflung und den Frust der Honigproduzenten. Chemikalienrückstände vertragen sich schlecht mit dem Image des Honigs als Ausgeburt des unversehrten Naturprodukts. Handkehrum wäre ohne chemische Keule, ob Bayer-Produkte oder Säure, wohl kaum mehr ein Bienenvolk am Leben. (Bild oben summ-summ.ch)

Ambrüf, bei den Königen des Wassers & des Weins

Juli 22, 2012

Das Wallis ist für mich wie eines dieser Länder, in die man schon lange will und es nie schafft. Dank zwei Terminen am gleichen Tag, der eine davon hier verarbeitet, kam ich unerwartet in den Genuss einer Reise hinter den Lötschberg, was ja heute dank dem neuen Basistunnel deutlich schneller geht als früher. Und es hat sich gelohnt, auch aus landwirtschaftlicher Sicht. Ein paar Dinge sind mir aufgefallen. Zu Beginn die intensive Bewässerung. Die erste sah ich im schmucken Städtchen Leuk, wo Reben aus vollen Rohren berieselt wurden (siehe Bild oben).
Später fuhr ich weiter nach Visperterminen, ebenfalls ein sehenswerter Ort mit einem intakten Kern, der wahrscheinlich auch dank bescheidenem Skigebiet nie verschandelt wurde. Auf der kurvenreichen Fahrt und im Dorf fiel mir auf, dass hier auf gut 1000 Metern sogar die Weiden und Mähwiesen bewässert werden und zwar mit fest installierten Leitungen. Dies ist für Schweizer Verhältnisse ziemlich aussergewöhnlich und hat mit zwei Dingen zu tun. Erstens ist das Wallis mit Wasser reich gesegnet. Wenn die Schweiz ein Wasserschloss ist, dann ist das Wallis der Krönungssaal. Zweitens ist das Klima praktisch mediterran, die Niederschlagsmenge ist nur rund halb so gross, wie in der “Üsserschwiz” und die Temperaturen erlauben den Aprikosen- und Rebbau bis auf über 1000 Meter (siehe Bild rechts). Deshalb ist Visperterminen bekannt für Europas höchsten Rebberg, der mit der lokalen weissen Gebirgs-Sorte Heida (auch als Savagnin bekannt) bestockt ist, drum heisst es auch Heidadorf. Aufgefallen ist mir auch, dass die Walliser seit langem daran gewohnt sind, auch noch aus dem letzten Flecklein Erde das Maximum herauszuholen. Jedes Vorgärtchen wird mit Kartoffeln bepflanzt, zwischen den hübschen Holzhäusern mitten im Dorf findet man immer wieder Gemüsegärten und kleine Getreideflächen von 100 Quadratmetern am Steilhang sind keine Seltenheit, natürlich alles bewässert.
Zu guter Letzt möchte ich noch den Wallisern selber ein Kränzchen winden. In der Deutschschweiz haben sie ja ein bisschen den Ruf, knorrige Bergler im Dauer-Weissweinrausch zu sein, die mit denjenigen hinter dem Berg möglichst nichts zu tun haben möchten. Alle denen ich begegnet sind waren einfach nett und unkompliziert, es war ein schöner Tag. Ich komme wieder ambrüf (rauf, für Nicht-Walliserditsch-Kundige).

Schlaraffenland im Reich der 25 000 Hunde

Juni 19, 2012

Vergangene Woche besuchten wir anlässlich der Generalversammlung mit den Schweizer Agrarjournalisten den Kanton Genf. Ein Stadtkanton? Weit gefehlt: 115 der 282 Quadratkilometer sind landwirtschaftlich genutzt. Das Gebiet teilen 430 Betriebe mit einer stattlichen Durchschnittsgrösse von 30 bis 35 Hektaren unter sich auf. Die wichtigsten Einkommensquellen sind der Getreidebau und natürlich der Wein, den wir uns auf dem Betrieb von Yves Batardon in Soral zu Gemüte führten. Ich probierte nur die Weissen aus für mich einigermassen exotischen Sorten wie Altesse. Alles ausgezeichnete Tropfen, der schlechte Ruf der Genfer Weine ist längst Geschichte, so lassen wir uns am praktischen Beispiel belehren. Die Viehhaltung ist im Kanton traditionellerweise wenig verbreitet. Den 400 Milchkühen, die bei lediglich 6 Produzenten einquartiert sind, stehen nicht weniger als 25 000 Hunde gegenüber, mit den entsprechenden Problemen, wie uns der Direktor der Landwirtschaftskammer, François Erard erläuterte.
Den zweiten Teil des reichhaltigen Tages verbrachten wir in den Jardins de Cocagne (“Schlaraffenland”). Die Gründer betreiben seit 1978 Community Supported Agriculture (CSA), viel länger als es den Begriff überhaupt gibt. Das meines Wissens erste Projekt dieser Art in der Schweiz und wahrscheinlich weitherum produziert im Vertrag mit 420 Kunden auf 6 Hektaren Gemüse und Früchte. Jeden Donnerstag wird an verschiedene Auslieferungspunkte in der Stadt geliefert. Es gibt grosse und kleine Säcke, das Jahresabo für den kleinen kostet 950 Franken, dasjenige für den grossen Sack 1300. Der Inhalt variiert. Wenn grad Kürbisse und Bohnen in Massen anfallen, kann der Sack auch einmal über 10 Kilos wiegen, erzählte uns Mitgründer Claude Mudry. Neue Kunden nehmen die als Genossenschaft organisierten Jardins nur noch auf, wenn alte ausscheiden. Die Bio-Produkte von der CSA-Farm erhält man aber auch dreimal wöchentlich an diversen Genfer Märkten. Erledigt werden die Arbeiten von 15 mehrheitlich in der Stadt wohnhaften Angestellten, die einen Brutto-Grundlohn von 4500 Franken erhalten, jedes Dienstjahr schlägt mit zusätzlichen 50 Franken zu Buche. Unterstützung erhält die Crew von den Kunden, die sich vertraglich verpflichten je 4 Halbtage jährlich auf dem Betrieb mitzuhelfen. Die stünden nicht etwa im Weg, sondern seien wichtige Arbeitskräfte, vor allem bei Arbeitsspitzen. Denn im Schlaraffenland ist die Wochenarbeitszeit auf für bäuerliche Verhältnisse bescheidene 45 Stunden beschränkt. “On essaye de rester vivant”, sagt Mudry. Guter Ansatz.

Der freizügige Schnitt ins eigene Fleisch

April 23, 2012

Vor wenigen Tagen hat der Bundesrat das Ventil bei der Personenfreizügigkeit selektiv verengt. Die Langzeit-Bewilligungen vom Typus B werden für acht osteuropäische Länder (die baltischen Republiken, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn und Slowenien) beschränkt. Zwischen Mai 2011 und März 2012  waren gemäss “Schweizer Bauer” 6568 Arbeitskräfte aus den genannten Ländern in der Schweiz tätig. Für die nun folgende Jahresperiode vom Mai 2012 bis zum Mai 2013 beschränkt dier Bundesrat die Zahl der Arbeitskräufte aus den sogenannten EU-8-Ländern auf 2179, ziemlich genau ein Drittel.
Die Ventilklausel ist eine Beruhigungsspritze für das Volk. Soll mir keineR weismachen wollen, dass 4000 Arbeitskräfte mehr oder weniger für die Schweizer Wirtschaft irgendeinen makroökonomischen Effekt haben sollen. Zumal es sich bei diesen Arbeitskräften mehrheitlich um Leute handelt, die gar nicht längerfristig bleiben, sondern in der Schweiz ein Polster schaffen wollen für Investitionen in der Heimat, wo sie nach der Rückkehr in den mehrheitlich gut funktionierenden Volkswirtschaften vielleicht ein Haus bauen oder in Land(-maschinen) investieren wollen. Das Ventil ist für die Bauern ein überschaubares Problem, so hört man vom Bauernpräsidenten. Zwar wird die Rekrutierung teurer, aber grundsätzlich könnten die nun ausfallenden B-bewilligten einfach durch L-bewilligte Arbeitskräfte ersetzt werden, die maximal ein Jahr bleiben dürfen.
Zwei Dinge stören mich an dieser Haltung. Zum Ersten zeugt sie von geringer Loyalität gegenüber den teilweise langjährigen Arbeitskräften. Der Knecht hat keine Bewilligung mehr, er kann nun gehen. Und stattdessen holt man einen wo möglich noch billigeren Ersatz. Zum zweiten ist die ausschliesslich auf den eigenen Bauchnabel bezogene Ausländerpolitik kurzsichtig. Dass das Ventil nun betätigt wurde, dazu haben die Bauern das ihrige beigetragen. Zwar haben sie aus Eigennutz für die Freizügigkeit gekämpft, aber gegen die übrigen ausländerfeindlichen Initiativen und Vorstösse der SVP, der unter anderem der Präsident des Bauernverbands und des Gemüseproduzentenverbands angehören, haben sie nichts unternommen. Das stetige Lamentieren der Partei hat zu einem Klima des “wachsenden Unbehagens in der Bevölkerung” beigetragen, mit dem gerne argumentiert wird, wenn Schritte wie die Betätigung der Ventilklausel getätigt werden. 
Für mich ist der Umgang mit den ausländischen Arbeitskräften unter dem Strich ein weiteres Beispiel, wie wenig vernetzt die landwirtschaftlichen Interessenvertreter mehrheitlich immer noch denken. In der Politik kommt man meist nicht sehr weit, wenn die Interessen nur bis an den Zaun des eigenen Obstgartens verteidigt werden. Wechselnde Koalitionen, notfalls -horribile dictu - auch mit der Linken, werden für die Bauern künftig nötiger denn je sein, um sich im Haifischteich der steigenden Zahl von Landwirtschaftskritikern das Überleben zu sichern. (Bild Gaëtan Bally/Keystone) 

Hier arbeitet Ihr Steuergeld(-Empfänger)

März 26, 2012

Es sind immer wieder ein wenig dieselben Diskussionen, die ich mit meinen Stadtfreunden und -bekannten haben. Ja, ja, diese Bauern, heisst es dann jeweils, sitzen auf ihren schönen Heimetli wenn möglich mit Seesicht und machen die hohle Hand, die Väterchen Staat zweimal jährlich gut füllt. Ich: Losit, liebe Leute, der Souverän hat der Agrarpolitik in der heutigen Form zugestimmt – am 9. Juni 1996, um genau zu sein – und die Landschaftspflege als eine der gemeinwirtschaftlichen Leistungen auserwählt, die der Bauernstand im modernen Bundesstaat erbringen soll. Das tut er mit Sicherheit günstiger, als wenn man ein Gartenbauunternehmen mit diesen Aufgaben betrauen würde. Man nehme zum Beispiel den Hochstaumobstbaum. Für mich ist das ein klarer Fall für ein wertvolles Landschafts-gestaltendes Element. Dazu sind die Bäume wichtige ökologische Nischen für die leidende einheimische Vogelpopulation. Ohne Direktzahlungen wären mit Sicherheit noch mehr dieser Bäume verschwunden, als dies ohnehin der Fall ist. Zuletzt hat sich der Rückgang - dank unter anderem dieser Zahlungen – verlangsamt. Diese sind übrigens bescheiden. Zusammen mit den Kantonsbeiträgen kann man maximal 55 Franken pro Baum kassieren. Dafür muss er aber gepflegt werden. Das ist nicht in fünf Minuten gemacht und ungefährlich ist es auch nicht. Die möglichen zusätzlichen Erträge sind bescheiden, trotz dem unterdessen gut etablierten Label Hochstamm Suisse. Hochstammobst eignet sich in den allermeisten Fällen aus qualitativen Gründen nicht für den Direktkonsum, dieses Obst stammt zu 99,9 Prozent aus Niederstammanlagen. Bleibt die Verwertung als Most- und Schnapsrohstoff. Der Aufwand fürs Einsammeln ist gross und das Brennen oder Pressen verursacht Zusatzkosten. Jammern will kaum einer der Bewirtschafter, aber wenn einer im Hochstamm-Geschäft mehr als 15 Fränkli Stundenlohn einstreicht, ist er wohl ein Genie. Für dieses Geld nimmt kein Gärtner eine Säge in die Hand, geschweige denn ein Bürolist. Ende der Predigt.     

Frau Weibel und die Berner Rosen

Januar 10, 2012

Dienstag- und Freitagvormittag ist immer Markt am Bürkliplatz in Zürich. Er ist zwar – nicht immer ganz zu unrecht - verschrien als tuerer Goldküsten-Foodbasar. Ich gehe trotzdem gerne hin, um im Marktgewimmel bei einem Holzofenbrötli und einer Schale die Zeitung durchzublättern. Jetzt im Winter ist allerdings nicht grad viel los. Mehr als die Hälfte der Marktfahrer bleibt am Dienstag zuhause und der Kiosk ist auch zu. Interessanten Menschen kann man trotzdem begegnen. Zum Beispiel Frau Weibel, die mit ihren Äpfeln und Nüssen etwas verlassen auf dem Platz steht. Sie hat mich sofort im Sack, weil sie Berner Rosen im Angebot hat. Frisch und getrocknet. Angebaut im Heimetli hoch über Herrliberg, gelagert im Schürli. Die Preise sind sehr reell: 3.60 für das Kilo der aussterbenden Apfelsorte. 6 Franken für einen 200-Gramm-Sack getrocknete Schnitze. Wohnen tut Frau Weibel nicht mehr auf dem Hof, sie logiert jetzt im Aargauischen und hat das Land am See verpachtet. Nur die Frucht- und Nussbäume hat sie noch behalten. Das lohnt sich.
 


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