Archive for the ‘Tierschutz’ Category

Die Kälber sind die neuen Hähne

Juli 20, 2014

Schwarzbuntes Closeup2Diese hübschen Close-ups von meiner treusten Kuhbildlieferantin laden geradezu ein zu etwas Schleichwerbung. Seit gut einem Jahr schreibe ich jetzt beim bioaktuell, dem Leader im Bioagrarmedienmarkt, der zugegebenermassen klein ist.

Mein letzter Artikel (das ganze Heft 6/14 findet sich bald hier) handelte von den Kälbern aus der Biomilchproduktion, die zu rund zwei Dritteln im konventionellen Kanal vermarktet werden. Warum ist das so? Der Hauptgrund: die Nachzucht der modernen Milchrassen – und hier kommen wir jetzt zu den Schwarzbunten – ist für extensive Mast, wie sie für Bio obligatorisch ist, unbrauchbar. Sie werden ohne massiven Milchpulverinput, wie er in konventioneller Kälbermast üblich und bei Bio verboten ist, schlicht nicht fleischig genug.

So weit wie in Neuseeland, wo solche für die Milchnachzucht nicht benötigten Kälber reihenweise und amtlich bewilligt direkt nach der Geburt getötet werden (hier ein interessanter Blogbeitrag eines Kollegen) sind wir in der Schweiz noch nicht. Eine Schwarzziffer gibt es, aber es ist sicher noch keine grosse Zahl von Kälbern.

Trotzdem zeigt das Phänomen der verschmähten Biokälber, dass die moderne Milchproduktion in diesem Punkt alles andere als nachhaltig ist. Das gilt auch für die konventionelle Mast von Milchtypen, die dafür nicht geeignet sind, da sie sehr hohen Futterinput benötigen. Wenn man nicht in die gleiche Bredouille geraten will, wie die Eierproduzenten mit den getöteten Eintages-Hähnen, sollte die Branche umgehend fleischbetontere Milchstiere einsetzen, damit würde man etwas Milch verlieren, könnte aber gleichzeitig ein potenzielles Reputationsrisiko entschärfen. (Bilder Monika Schlatter, besten Dank!)
Schwarzbuntes Closeup

Die unzichtbaren Schweine van Holland

Mai 24, 2014

L1000414Letzte Woche war ich in Holland für die sogenannte Innovative Pig Production Tour, organisiert von holländischen und belgischen Agrarjournalistenkollegen und dem neuen europäischen Verband ENAJ. Die Visite war interessant aber ernüchternd. Innovativ heisst in Holland in erster Linie effizienter und rationeller, Nachhaltigkeit bezieht sich ausschliesslich auf Ökonomie.

Sneak previewDie Tour führte uns durch die südlichen Regionen Brabant und Limburg, wo ein Grossteil der 12 Millionen holländischen Schweine lebt (zum Vergleich: 1,5 Mio. in der Schweiz). Das würde man aber nicht merken, wenn man’s nicht wüsste. Man sieht nichts, hört nichts und riecht (fast) nichts von den Tieren. Klar sind die zahllosen Ställe auffällig, aber es könnte gerade so eine ausgedehnte Gewerbezone sein, die sich über Dutzende wenn nicht hunderte von Quadratkilometern erstreckt, wobei es den Holländern recht gut gelingt, ihre industrielle Tierhaltung mit Alleen, Baumgruppen, Wasserflächen, dekorativen Ponys und gepflegten Backsteinhäuschen zu kaschieren.

Agroblogger and pigGeruchlich ist man weitgehend abgeschottet von den Realitäten, da die Ställe, zumindest die Neueren und das sind die meisten, obligatorisch mit Luftwaschanlagen ausgestattet sein müssen, die nicht nur die Ammoniak- sondern auch die Feinstaubbelastung senken. Die Ställe, die wir besichtigt haben sind auch räumlich weitgehend abgeriegelt von der Aussenwelt. Aus hygienischen Gründen sind Besucher nur sehr restriktiv zugelassen und grössere Besuchergruppen wie die unserige, 25 Personen umfassende, sind logistisch praktisch nicht handlebar, da man vor dem Stallzutritt duschen muss.

WindowshotSomit ist man auf die Durchblicke von aussen angewiesen. Dazu bieten die 26 fürs Publikum zugelassenen Sichtställe (Zichtstal) Hand, beziehungsweise Auge. Was man da präsentiert bekommt ist nicht schockierend, aber auch nicht erfreulich. Haltung auf absolut minimalem Tierschutzniveau, unstrukturierte Buchten, kaum Beschäftigungsmöglichkeiten und – mit Ausnahme von Betrieben im Promillebereich - keine Einstreu.

Behind the windowEs geht mir nicht darum, die Holländer an den Pranger zu stellen. Ein Grossteil der Schweizer Schweine lebt unter ähnlichen Bedingungen, im EU-Vergleich ist das Haltungsniveau in Brabant, Limburg und Gelderland eher überdurchschnittlich. Was mich frappierte waren die Dimensionen, zwar kannte man die Verhältnisse aus Erzählungen und Fachmedien, aber wenn man dann vor einer Batterie von 90 Meter langen, fensterarmen bzw. -losen Hallen steht und weiss, dass darin Tausende von Schweinen gezeugt, ausgetragen, geboren, gesäugt und gemästet werden, dann ist das schon eindrücklich bis schaudererregend, selbst für einen Abgebrühten wie mich. Economies of scale am lebenden Objekt mit nüchternem Fokus auf Effizienz und Rentabilität – industrielle Landwirtschaft eben. Da leben wir schon noch ein bisschen im Heidiland.
Wartestall

Wer nichts deklariert wird Wirt

April 20, 2014

Edelweiss BuechibärgEs gibt ja den Spruch, wonach wer nichts wird Wirt werde. Das ist natürlich etwas vom Dümmeren, was der Volksmund transportiert, weil es doch ein ziemlich anforderungsreicher Job ist, täglich motiviert am Herd zu stehen, hohe Qualität zu liefern, ein immer breiter werdendes Spektrum von Geschmäckern und Essensgewohnheiten zu befriedigen, daneben ein mittleres bis grösseres Team und allenfalls noch einen Herbergsbetrieb zu führen. Dass damit einige oder gar zahlreiche Wirte und Wirtinnen überfordert sind, wie viele andere Berufsleute in ihren Jobs, versteht sich von selbst.

GitziAlso, grundsätzlich habe ich Respekt vor dem, was viele Restaurateure leisten und einem tagein, tagaus so auftischen. Trotzdem muss einmal gesagt sein, dass die Mehrheit von ihnen in einem Punkt noch in einem brutal tiefen Entwicklungsstadium stehen, nämlich bei der Deklaration der Produkte, die sie servieren. Ausgelöst hat diesen Post ein Ostergitzi, genauer gesagt eine Keule. Verspeist haben wir diese im Ristorante Italia in Zürich. Das ist für mich neben Cinque und Santa Lucia an der Luisenstrasse (ja, Teil einer Kette, aber trotzdem mit einer persönlichen Atmosphäre) der Top-Italiener in Zürich. Man kocht dort exzellent (“Cucina della mamma”, die den Namen verdient) , der Service ist meistens sehr nett und das Weinangebot dazu auch nicht von schlechten Reben.

Dicke Berta zum GlückZurück zum Gitzi. Wie fast immer in der Beiz frage ich vor allem beim Fleisch, woher es kommt. Da konnten sie mir selbst im Italia, das recht gut deklariert, nicht wirklich weiterhelfen. Es komme aus Stans, beschied man mir. Immerhin, aber das stand schon in der Karte und sagt eigentlich noch gar nichts über die Art der Haltung, die dem zerlegten Zustand des Gitzis vorausging. Nun nehme ich mal an, dass es sich dabei nicht um einen Spaltenbodenstall handelt. Trotzdem würde ich gerne mehr wissen über den Betrieb und wer dahinter steht. Dass man das im Italia nicht liefern konnte, fand ich etwas schwach. Immerhin kann man dem Unternehmen, das den Laden führt, die Restaurant Gasometer AG zugute halten, dass sie in anderen Restaurants genau das Richtige tut, nämlich die Lieferbetriebe beschreiben. Dazu gehören die Schwammendinger Ziegelhütte und wenns mir recht ist das Restaurant Markthalle im Viadukt. Das ist zwar schön, aber ich finde wenn schon, müsste man das in allen Restaurants durchziehen, sonst schmeckt es mir zu fest nach Konzept.

KlingelischnäggeUnter dem Strich ist die Gasometer AG aber sicher vorbildlich. Was man nämlich sonst so als (gesetzlich vorgeschriebene) Deklaration vorgesetzt erhält im Durchschnittsrestaurant, das Herkunftsland, ist völlig ungenügend. So etwas kann nur goutieren, wer meint, dass Schweizer Tierhaltung per se besser ist, als ausländische. Dem ist aber keineswegs so, wie unlängst eine Studie gezeigt hat, die viel Staub aufgewirbelt hat. Ziemlich drastisch vor Augen geführt wurde mir das vor einiger Zeit auf dem Betrieb eines Aargauer Rindermästers, der nichts hält von Einstreu und Aussenklima, geschweigen denn Auslauf. Seine Rinder leben in unstrukturierten Indoor-Buchten auf Spaltenböden. Voller Stolz berichtete er mir, dass er im Gastro-Label Swiss Quality Beef von Prodega derzeit einen höheren Labelzuschlag erhalte, als die Produzenten im Coop-Programm Naturafarm, die einstreuen und mindestens über ungedeckten Auslauf verfügen müssen.

Ochsenmaul unbekanntNun kann man den Wirten nur beschränkt einen Vorwurf machen, da sie sich an die gesetzlichen Grundlagen halten. Sie (und mit ihnen die Mehrheit der Kantinenbetreiber) foutieren sie sich zwar in ihrer grossen Mehrzahl um die Tierhaltung, aber möglich ist dies nur, weil das die Gäste ebenso tun. Solange wir im wachsenden Bereich der Ausserhausverpflegung nicht energischer nach tierfreundlich produziertem Fleisch fragen, wird sich bei der Deklaration und hauptsächlich beim Einkauf nichts tun. Das heisst, wer im Restaurant anständig produziertes Fleisch will, muss sich informieren und nur noch dorthin gehen, wo er das gut deklariert auch erhält.

Trotzdem kann man die Wirtinnen jetzt nicht einfach so entlasten, ihre Trägheit ist mitverantwortlich für die unbefriedigende Situation. Das zeigt sich im Detailhandel, wo sich namentlich die Marktleader – wenn auch mit diversen Mängeln – der Konsumentenerziehung verdient machen, indem sie in gewissen Bereichen praktisch nur noch Labelprodukte ins Regal stellen. Es braucht also nicht nur den Druck der Speisenden, sondern auch den der Kochenden. E Guete! (Bilder von diversen Restaurantbesuchen in der letzten Zeit, zuoberst Hofbeiz auf dem Berchtoldshof (gut deklariert, man kann das Vieh auf der Weide anschauen…), dann Gitzi im Italia (s. Artikel), “Dicke Berta” im Kafi zum guten Glück (sosolala deklariert), dann “Klingelischnägge” (aus Rindfleisch) im Basler Klingental (nur Herkunftsland, haben aber auch deklariertes Angus Beef, wobei man vom Label nichts erfährt), dann Ochsenmaulterrine, habe leider vergessen wo und wie deklariert und zum Schluss ein exzellenter Tomme lardé in Bio-Restaurant L’Aubier hoch über dem Neuenburgersee und top deklariert)

Tomme à l'Aubier

Noch mal Romandie, und schon wieder schön

April 1, 2014

CapricornKeine Angst, das wird kein weiterer Reiseblog, aber der Creux du Van ist definitiv noch einen Romandie-Wanderbericht mehr wert. Am “Grand Canyon der Schweiz” gab es für einmal Hornvieh der anderen Art zu begutachten.

Die Steinböcke, die wir mit dem Feldstecher lange gesucht hatten, lagen plötzlich vor uns, ein gutes halbes Dutzend. Das Stadtvolk verstummte und staunte fasziniert. Die Steinböckin döste sehr abschüssig und immer wieder fielen ihr die Augen zu, aber sie fiel zum Glück nicht, obschon es ein paar mal gfürchig danach aussah.

TörliDaneben sahen wir ein fast Stonehenge-mässiges Weidetörchen…

Schafe…und auf dem Rückweg ein paar Schafe.

BoucherieUnd ein interessantes Dorf namens Couvet im Val de Travers, ziemlich gebeutelt vom Verschwinden des grössten Arbeitgebers im Tal, einer Strickmaschinenfabrik, aber die Boucherie gibt es noch, mit Glücksschwein. (Capricorn by Helen James, many thx!)

Ein Metzger mit mehr als Fassade

Januar 26, 2014

Metzgerei Blaser Frick KalbDas schöne an einem neuen Job ist, dass es viel Neues zu entdecken gibt, auch auf dem Arbeitsweg in der semi-dörflichen Umgebung namens Frick AG. Dort gibt es unter anderem einen Metzger Blaser, dessen Fassade Metzgerei Blaser Frick Fassaderecht prominent an der Hauptstrasse placiert ist. Bisher bin ich dort nur achtlos vorbeigefahren, denn mein Verhältnis zu den Dorfmetzgern ist ein leicht gespaltenes. Das Klischee vom etwas rückständigen Gewerbler, der längst nicht mehr selber schlachtet, sondern seine anonymen Hältften und Viertel im Grossschlachthaus kauft, ohne sich Gedanken über Herkunft und Haltung zu machen, hat sich bei mir fest eingenistet.

Als ich dann plötzlich letzten Freitag bei Blasers hinter dem Haus eine Vehbänne (für nicht berndeutschkundige auf vielfachen Wunsch hier die Übersetzung: ein Viehtransportanhänger) und ein angebundenes Kalb sah, machte mich das stutzig, metzgen die am Ende doch noch selber? In der Tat, und wie. Ohne zu zögern gewährt mir René Blaser, der den Betrieb mit seinem Bruder führt, Zugang zum modern eingerichteten Schlachtlokal. Hier ist die Arbeit in vollem Gang. Zwei stattliche Rinder stecken mitten im Prozess. Die Atmosphäre ist ruhig und geschäftig. Mit sicheren Handgriffen gehen der Chef und die Angestellten ihrer Arbeit nach. Ich dürfe so viele Bilder machen, wie ich wolle, sagt er mir, er habe nichts zu verstecken (Falls es schlachttechnisch zarter besaitete Gemüter gibt unter Ihnen, liebe LeserInnen, sollten sie die, welche jetzt kommen vielleicht nicht anschauen).

Metzgerei Blaser Frick SchlachtungIch frage Blaser, ob er nur Rinder schlachte. Er unterbricht die Häutung des Tieres unter seinem Messer und führt mich in den Kühlraum: “28 Schweine, von heute morgen”, sagt er mir nicht ohne Stolz. Auch der FiBL-Landwirt Alfred Schädeli lasse bei ihm schlachten, ergänzt der Metzger. Schädeli ist sehr zufrieden mit Blasers Diensten, wie er mir später versichert. Rund fünf Minuten vom Hof entfernt, kann er seine Tiere ohne Stress verarbeiten lassen. Damit unterscheide er sich, so Schädeli, von vielen anderen Metzgern vergleichbarer Grösse, die zwar bei den lokalen Bauern einkaufen, die Tiere dann aber in einem Grossbetrieb schlachten lassen, bevor sie Viertel und Hälften wieder auf ihren Betrieb zurück holen.

Die Einkaufspolitik der Blasers hat lange Tradition: “Seit über 50 Jahren legen wir grossen Wert darauf, unsere Schlachttiere bei den Bauern von Frick und Umgebung direkt einzukaufen. Somit ist es uns jederzeit möglich unserer Kundschaft über die Herkunft unseres Fleisches Auskunft zu geben. Die kurzen Transportwege wirken sich positiv auf das Tier und schlussendlich auf das Fleisch aus”, heisst es auf der Website der Metzgerei. Tönt gut, demnächst werde ich vor der Rückfahrt in die anonyme Grossstadt bei Blasers den Znacht einkaufen. (Zweitoberstes Bild Website Metzgerei Blaser)
Metzgerei Blaser Frick René Blaser

Der Stachel im Fleisch der Industrielandwirtschaft

Januar 13, 2014

FleischatlasPünktlich zum “Davos der Landwirtschaft”, wie die nächste Woche stattfindende Internationale Grüne Woche in Berlin gern genannt wird, hat’s der BUND wieder getan: Die grösste deutsche Umweltschutzorganisation hat der Landwirtschaft zwei mittlere Bomben in den Bauernhofgarten geworfen.

Innert zwei Tagen hat der Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland eine Studie über den Hormoneinsatz in der Mastferkelproduktion und zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung und “Le Monde Diplomatique” den Fleischatlas 2014 publiziert.

Dazu ein paar secce Bemerkungen (ich habe mir auf Anregung von einer zeitlich knapp dotierten Leserin vorgenommen, weniger episch zu schreiben heuer):

  • Beides sind sehr lesenswerte Publikationen, die wunde Punkte der modernen Landwirtschaft treffen.
  • Der BUND schafft es auch dank offenbar sehr guter Medienkontakte immer wieder, flächendeckend Salz in diese Wunden der Landwirtschaft zu streuen. Wie schon bei den Glyphosat-Babys vor einigen Monaten hagelt es Protest, namentlich gegen die Hormonstudie. Das zeigt, dass sich trotz einiger handwerklich fragwürdiger Punkte in der Studie, die etwa hier kritisiert werden, viele Schafe in der Herde getroffen fühlen. Zurecht, denn
  • die deutsche Fleischproduktion ist zu einem gigantischen Industriesektor herangewachsen, pro Jahr werden etwa gut 58 Millionen Schweine geschlachtet, damit ist unser nördliches Nachbarland der weltweit drittgrösste Produzent nach China und den USA, Spitzenränge nimmt man auch bei der Rindfleischproduktion und den Mastpoulets ein.
  • Fleischatlas TierzahlenDie Industrialisierung des Sektors hat zu einer Konzentration auf allen Ebenen: Immer weniger Produzenten mästen grössere Bestände für grössere Schlachtunternehmen, die ihre Ware zu womöglich immer tieferen Preise an immer grössere Supermarktketten liefern. Deutschland ist nur ein Beispiel für diese Entwicklung. Hier verarbeiten im Schweinesektor gemäss dem Fleischatlas drei Betriebe 55 Prozent des Schlachtwerts, in den USA sind es 10 Konzerne, die 88 Prozent der Schweine verarbeiten (die Grafik rechts zeigt Zahlen für den weltweiten Markt).
  • Diese Entwicklung zieht diverse Probleme nach sich. Um nur einige zu nennen: Höherer Krankheitsdruck in Grossbeständen, steigender Hilfsstoffeinsatz auf den Feldern (für die forcierte Eiweissfutterproduktion) und Stall, Emissionen von Grossbetrieben, Tierschutzprobleme, Lohndruck in Grossschlachthäusern, erhöhter Zeitdruck und zahlreichen Fehlmanipulationen am lebenden Tier in Schlachthäusern, Schwinden von gewerblichen Fleischverarbeitern.
  • Ich staune immer wieder, mit welcher Verve sich die Landwirte und ihre Lobbyorganisationen dagegen wehren, die Probleme überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. In den integrierten Kreisläufen der Grosskonzerne, die Genetik, Futter und Infrastruktur liefern und die Tiere vollumfänglich übernehmen sind sie das schwächste Glied und stehen in extremer Abhängigkeit. Von freiem Unternehmertum, wie sie es sich gerne auf die Fahne schreiben, entfernen sich die sogenannte Urproduzenten immer weiter.
  • Der BUND ist für mich so etwas wie die EMMA einst, als sie dem Feminismus auf die Beine half. Nervt zwar immer wieder, aber für die Bewusstseinsbildung der Landwirte in Deutschland und darüber hinaus extrem wichtig. Ich warte auf den Ausbruch des Agrinismus.
  • Und in der Schweiz dürfte man in Sachen Landwirtschaft ruhig auch etwas mehr Lärm hören von Pro Natura, auch wenn die Verhältnisse noch um einiges idyllischer sind, als in Deutschland. Aber bei weitem nicht problemlos. (Illustrationen aus dem Fleischatlas)
    Fleischatlas Tierzahlen D

Hörnerfranken: Öko-, Risiko- und Tourismusbonus

Dezember 8, 2013

Sibylle im MedienfokusAm Freitag ist in Bern an einer Bundeshaus-Hintertüre die Petition für den Hörnerfranken eingereicht worden. Schwer beladen mit 18’000 Unterschriften wanderte die prominente Kuh Sibylle (Ex-Wetten, dass…?-Siegerin) an der Spitze eines kleinen Trüppchens von Hornfreunden unter der Ägide von IG Hornkuh und unterstützt von KAGfreiland und Demeter vom Bärengraben zur Ochsenscheune, wie das Parlamentsgebäude in bäuerlichen Kreisen ab und an auch genannt wird.

Dass der Hörnerfranken dereinst Platz findet in der Direktzahlungsverordnung ist eher mässig wahrscheinlich. Höchste Zeit deshalb für ein kleines Plädoyer zugunsten dieses Batzens zugunsten der Viehhalter mit behornten Kühen (1 Fr. pro Kuh und Tag) und Geissen (20 Rappen).

Ich würde niemandem Hornvieh vorschreiben wollen, es gibt eine ganze Reihe von Gründen, die zum Entscheid des Enthornens führen können: die Unfallgefahr ist vorhanden und es braucht im Stall nicht nur mehr Platz sondern auch ein etwas zeitaufwendigeres Management.

Wer sich aber auf freiwilliger Basis dafür entscheidet, seine Tiere im natürlichen Kopfschmuck-Zustand zu belassen, der sollte dafür entschädigt werden. Dies vor allem aus drei Gründen.

1. Ökologie. Die Enthornung ist ein ziemlich happiger Eingriff in die körperliche Integrität des Tiers. Wer das optisch und physiologisch dokumentiert haben möchte, dem und der empfehle ich den Konsum des Films “Das liebe Rindvieh” von Bertram Verhaag. Darin zeigt eine Bäuerin anhand der Schädel von einer enthornten und einer behornten Kuh die Unterschiede auf. Die enthornte Kuh entwickelt einen regelrechten Höcker, den man an jeder kurz geschorenen Elitekuh zwischen den Hornansätzen gut beobachten kann. Dieser entwickelt sich gemäss der Bäuerin aufgrund des nötigen Volumens für die Zirkulation des Methans im Körper. Sind die Hörner vorhanden, bietet sich dieser Raum in den Hornzapfen, sind diese weg, braucht es eine Ausweichvolumen.

2. Risiko und Mehraufwand. Genau wie ein Bergbauer, der mit den Bergzonen-Beiträgen für die Erschwernisse und Gefahren von steilen Lagen sowie kurzen Vegetationszeiten entschädigt wird, haben die Hornviehhalter aufgrund ihrer Wahrung der Komplettheit des Tiers Anspruch auf eine Abgeltung für erhöhtes Risiko und zusätzlichen Arbeitsaufwand, zumal diese Leistungen mindestens bis heute auf dem Markt nur ungenügend und partiell durch bessere Preise abgegolten werden.

3. Tourismusförderung. Der Spaziergang mit Kuh durch die Berner Altstadt hat gezeigt, dass behorntes Vieh beim Publikum, zumindest beim urbanen, fast durchwegs auf begeisterte Zustimmung stösst. Besonders auffällig war die Faszination, die Sibylle bei ausländischen Zaungästen auslöste. Ich bin überzeugt, dass behornte Kühe auf den helvetischen Weiden eine Attraktion darstellen, die hornloses Vieh nicht im gleichen Ausmass auszulösen vermag, allein für dieses Engagement im Dienste des Fremdenverkehrs wäre der Hörnerfranken mehr als verdient.

Die Kosten für den Hörnerfranken wären überblickbar. Von den rund 670’000 Kühen im Land (inkl. Mutterkühen) tragen nurmehr rund 10 Prozent Hörner. 67’000 mal 365 gibt 24,455 Millionen Franken, ein paar Hunderttausend Franken kämen noch für die Geissen dazu. Das ist im Verhältnis zu den jährlichen Landwirtschaftskosten von rund 3 Milliarden und angesichts des breiten Nutzens für Tier, Image der Landwirtschaft und Tourimsusindustrie ein bescheidener und gut eingesetzter Betrag. Dass dieser stark wachsen würde, ist überdies kaum anzunehmen, denn der Zustupf wäre dann doch zu bescheiden für eine breite Wiederbehornungswelle.

Muttergebundene Kälber mit etwas Reklame

November 26, 2013

DSC_0260kleinNachdem einem in diesem Kanal ja ungefragt Werbung unterjubelt wird, wird mir niemand zürnen, wenn ich heute ein bisschen Eigenwerbung mache. Es geht um einen neuen Twitteraccount namens Kuhbilder bzw. @DailyCow. Wie der Name schon sagt, kommt hier ein tägliches Kuhbild, kann man natürlich auch betrachten, ohne TwittererIn zu sein. Ich würde mich freuen, über die eine Followerin oder den anderen Follower. Bei Bedarf helfe ich gern beim Twitterstart, Mail reicht.

Zur Reklame hier ein Bild, das demnächst auch auf Twitter online gehen wird: Es stammt vom Schlatthof in Wolfwil. War ein schöner Betriebsbesuch bei Erwin Ackermann, der übrigens auch ausgezeichnete Milchprodukte macht. Habe noch selten einen so entspannten Betriebsleiter gesehen. Wieviele Kühe er habe? Das wisse er nicht genau, da müsse er in der Tierverkehrsdatenbank (sie heisst neuerdings Agate) nachschauen, aber es seien so knapp hundert. Bei der Stallbesichtigung, eine einfache helle Halle mit entspannter Stimmung (ausser dem Limousin-Muni, der nicht so Freude hatte über meinen Besuch und auf eine Art knurrte, wie ich es noch nie gehört habe), fiel mir bei näherem Hinschauen auf, dass hier und dort Kälber rumstanden und -lagen, mit einer Selbstverständlichkeit, die mir irgendwie ans Herz ging.

So etwas sieht man leider viel zu selten, aber bei der Muttergebundenen Kälberaufzucht, wie der technische Begriff heisst, gibt es zum Glück Fortschritte. Es gibt neben dem Schlatthof einige Betriebe, die hier Vorarbeit leisten, zum Beispiel derjenige von Karl Schenk in Madiswil, das Gut Fintan in Rheinau oder der Hof Gasswies im grenznahen Deutschland. Vom FiBL gibt es dazu ein Merkblatt, das man bei mir (mit Jubiläumsrabatt) bestellen kann. Was es braucht, ist eine gewisse Gelassenheit des Betriebsleiters oder der Betriebsleiterin, denn beim Milchwägen gibt es Einbussen, wenn das Kalb schon die Hälfte gesoffen hat. Mit dem muss man leben können, aber ich denke, es ist diesen Schönheitsfehler wert. Die Harmonie, die sich zeigt, wenn die Mutter oder Ammen mit ihren Jungtieren zusammenleben können, wiegt ihn bei weitem auf. Zudem muss man keine Kessel schleppen und das Kolostrum wandert mit garantierter Sicherheit und in der richtigen Temperatur in den Kälbermagen.

The inconvenient true price of a pork chop

Oktober 24, 2013

Salami in the pgilet Last night I became an impulse buyer. The german magazine “Der Spiegel” had a most remarkable cover, a piglet with Salami inside. The title on the cover of the magazine translates “The Pork-System – How the Meatindustry is making us ill” (the german word “Schweinesystem” has an additional very negative metaphoric meaning, it suggests betrayal of the stakeholders in the system).

I’m writing this in English because the only free link to the article is the one to the english version and because I thought it might be interesting to see the leading german newsmagazines view for english speaking readers. For the Germanspeaking I have put it into Google-Translator, making it a journey from german via english back to german. This produces quite funny results: For example “Top-Genetik-Eber” becomes “Top-genetischen Wildschwein”.

Anyway, the article is not especially funny at all. It tells the successstory of the german pig-business. “Factory Farming: The True Price of a Pork Chop” is the title inside the magazine. Germany is producing 58 Mio. pigs a year. This makes the country the 3rd biggest exporter after China and the USA. And there’s a big domestic consumption: The roughly 82 Mio. germans eat 39 Kilos of pig meat a year in the average. 85 percent of the germans eat meat every day, four times as many as in 1850. So far so good for the meat industry. But the industrialisation of the business has a few dark sides (which are the same in many other countries):

  • The animals have to be absolute high performers. In the final four months of their half-year live they have to add 850 grams of weight a day. They live in tight spaces in growing stabulations. While the average farm had 101 animals only 20 years ago, this number has risen to 985 in 2012. There is though, some improvement in the animal welfare sector. The non-lactating sows have to be kept in groups, but only 73 percent of the farmers have implemented the new system yet.
  • The personnel in the slaughterhouse is payed lousily. They are not occupied by the slaugther enterprises but by eastern-europaen subcontractors that are paid by piece slaughtered. Result: 5.04 Euros an hour (before taxes). A trade unionist calls this “salary dumping”. If they were paid 12 Euros an hour, the Kilo Schnitzel would cost Euros 7.35 per Kilo instead of 7.10. Seems like nothing, but not in this system, where everything is counted down to the last dime.
  • The consumers get cheap meat but the costs are high: 50 Mio. m3 of liquid pig manure are threatening or already polluting their drinking water. The massive and partially preventive use of Antibiotics in the short life span of the pigs is producing resistant germs that will put their effect in humane medicine in danger. Last year 1746 tons of antibiotics were used in the german animal health sector. Double as much as for the use in human medicine. 40 Percent of the veterinarians working in the pig sector are carriers of resistant germs of the MRSA-Type.

And the farmers? Is the “Schweinesystem” good for them? It can be so from an an economical point of view, at least short and mid term. But I bet that many of them don’t like the way their animals are treated as industrial goods. And how they themselves are pressed into the logics of an industrial system that has become like a huge machine, which treats the farmer as a small wheel, who has to turn and grow or get lost. The number of pigfarms has gone down from 264000 to 28000 in 20 years. Maybe it’s time for a big emancipation movement. No farmer should ever forget, that no retailer, no butcher, no cheesemaker and no baker will ever be able to produce a kilo of meat, milk or wheat without his work.

Heim für das Huhn on the road

September 24, 2013

HühnermobilManchmal gibt es Innovationen, die sind so gut, dass sie einen Gratiswerbespot verdient haben. Zum Beispiel die mobilen Hühnerställe von Stallbau IrisEierablage Weiland. Genau, eine Frau im Stallbau. Das ist ein seltenes Phänomen, das an sich eine Erwähnung verdient hätte. In diesem Interview erklärt sie das System ausführlich. Wer lieber Filme schaut, der kommt hier auf der Firmenhomepage auf die Rechnung.

Hühnermobil InnenansichtDie mobilen Ställe haben ein paar Vorteile: Sie sind einfach bedien- und verlegbar, tierfreundlich und schonen die Grasnarbe rund um den Stall, die in stationären Anlagen aufgrund der Pickfreude der Hühner oft im Nu einer kargen Mondlandschaft gleichen. Zudem kann man kann die Hühner als Fruchtfolgeelement einsetzen, ähnlich wie das mit mobilen Schweineställen der Fall ist. Auch in der Schweiz gibt es bereits Anwender. Das neue Magazin der KAG berichtet über den mobilen Stall auf dem Weingut Post in Osterfingen. Ich werde versuchen, dort einmal eine mobile Stallvisite zu machen. (Bilder von der Websiter der Herstellerin)

Hühnermobil romantisch

PS. Hier noch ein optisch attraktives Konkurrenzmodell aus den USA, danke Heidi für den Tipp. (Bild Peter Essick/National Geographic)

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