Abschottung in allen Farbtönen, neu auch grün

Januar 31, 2014

Grüne DelsbergSchade für die bäuerliche Presse, dass Leserbriefe keinen Cash in die Kasse spülen. Wäre dem so, dann hätten die grossen Blätter bis auf weiteres ausgesorgt. Absolut dominantes Thema ist hier derzeit die untaugliche Masseneinwanderungsinitiative der SVP, die am 9. Februar zur Abstimmung kommt. Nachdem der Schweizerische Bauernverband (SBV) die Nein-Parole herausgegeben hatte, hielten einige Kantonalverbände dagegen und als Resultat wird nun aus den Leserbriefspalten hüben wie drüben pausenlos geschossen wie aus Schützengräben.

Item, um diese unselige Geschichte soll es hier nur am Rande gehen. Neben dem SVP-Volksbegehren sind es derzeit zwei weitere Initiativen, die die Landwirtschaft so stark beschäftigen, dass man das Gefühl erhalten könnte, als ob die Zukunft des Bauernstands vom Abstimmungsausgang abhängen würde. Da ist einerseits die hier bereits mehrmals gebashte und ebenso unnötige aber im Vergleich zur erstgenannten äusserst harmlose Ernährungssicherheitsinitiative des SBV; ein politisches Beschäftigungsprogramm für die Mitgliederorganisationen, die offenbar über Kapazitäten verfügen, da im Winter heute weniger geholzt wird, als früher.

Neu lanciert ist andererseits seit einigen Tagen eine weiteres Volksbegehren, diesmal aus der Küche der Grünen, die sich mit einer Lebensmittelinitiative hervortun wollen (oben im Bild das Co-Präsidium mit Adèle Thorens und Regula Rytz). Diese hat hehre Anliegen: In Schweizer Münder soll nur noch gelangen, was mindestens mit Schweizer Standards erzeugt wurde: Man will nicht weniger als “mit der Gabel die Welt verändern”, so die vollmundige Ansage aus dem ökologischen Lager. Da kann man als ökologisch einigermassen korrekt sein wollender Stimmbürger nicht gut dagegen sein. Trotzdem kann ich mich dafür nicht wirklich erwärmen, ich glaube nicht, dass die Grünen selber ernsthaft daran glauben, mit einer Volksabstimmung in der Mikroschweiz, die Produzenten in der Grosswelt zum Besseren zu erziehen. Wenn das jemand kann, dann höchstens die Gross-Einkaufstouristen wie Migros und Coop.

Vielmehr geht es, wie bei den beiden anderen und sowieso den meisten Initiativen darum, sich vor der eigenen Kulisse zu profilieren, da funktionieren die Grünen leider genau gleich wie die SVP und die Parteipolitiker im Vorstand des SBV. Abgrenzung gegen das Böse ennet der Grenze scheint auch im linken Lager als tragfähiges Rezept für Wahlkämpfe zu gelten. Klar ist alles schön geschmückt mit politischen Pralinés wie faire Arbeitsbedingungen, Tierwohl und ökologischem Anbau, aber die Mittel, diese Ziele zu erreichen beschränken sich dann, auch genau gleich wie beim SBV und bei der SVP, auf ganz profanen Protektionismus, Rückkehr zu höheren Zöllen und verschärften Grenzkontrollen. Und das alles garniert mit mehr bürokratischem Aufwand, also alles ganz old school und keine Spur progressiv, was die Grünen ja so gerne wären.

Das Grundproblem besteht darin, dass weder die Attraktivität der Schweiz für Einwanderer, noch der Kulturlandverlust, noch der Strukturwandel in der Landwirtschaft, noch der Nachhaltigkeitsgrad der weltweiten Lebensmittelproduktion durch ein paar abgeänderte bzw. neue Verfassungsartikel in der Schweiz wirksam beeinflusst werden können. Wer dies dem Stimmvolk vorspielt, ist unredlich, leider ist das aber von ganz rechts bis ganz links gängigste Praxis. (Bild Südostschweiz/Keystone)

Ein Metzger mit mehr als Fassade

Januar 26, 2014

Metzgerei Blaser Frick KalbDas schöne an einem neuen Job ist, dass es viel Neues zu entdecken gibt, auch auf dem Arbeitsweg in der semi-dörflichen Umgebung namens Frick AG. Dort gibt es unter anderem einen Metzger Blaser, dessen Fassade Metzgerei Blaser Frick Fassaderecht prominent an der Hauptstrasse placiert ist. Bisher bin ich dort nur achtlos vorbeigefahren, denn mein Verhältnis zu den Dorfmetzgern ist ein leicht gespaltenes. Das Klischee vom etwas rückständigen Gewerbler, der längst nicht mehr selber schlachtet, sondern seine anonymen Hältften und Viertel im Grossschlachthaus kauft, ohne sich Gedanken über Herkunft und Haltung zu machen, hat sich bei mir fest eingenistet.

Als ich dann plötzlich letzten Freitag bei Blasers hinter dem Haus eine Vehbänne (für nicht berndeutschkundige auf vielfachen Wunsch hier die Übersetzung: ein Viehtransportanhänger) und ein angebundenes Kalb sah, machte mich das stutzig, metzgen die am Ende doch noch selber? In der Tat, und wie. Ohne zu zögern gewährt mir René Blaser, der den Betrieb mit seinem Bruder führt, Zugang zum modern eingerichteten Schlachtlokal. Hier ist die Arbeit in vollem Gang. Zwei stattliche Rinder stecken mitten im Prozess. Die Atmosphäre ist ruhig und geschäftig. Mit sicheren Handgriffen gehen der Chef und die Angestellten ihrer Arbeit nach. Ich dürfe so viele Bilder machen, wie ich wolle, sagt er mir, er habe nichts zu verstecken (Falls es schlachttechnisch zarter besaitete Gemüter gibt unter Ihnen, liebe LeserInnen, sollten sie die, welche jetzt kommen vielleicht nicht anschauen).

Metzgerei Blaser Frick SchlachtungIch frage Blaser, ob er nur Rinder schlachte. Er unterbricht die Häutung des Tieres unter seinem Messer und führt mich in den Kühlraum: “28 Schweine, von heute morgen”, sagt er mir nicht ohne Stolz. Auch der FiBL-Landwirt Alfred Schädeli lasse bei ihm schlachten, ergänzt der Metzger. Schädeli ist sehr zufrieden mit Blasers Diensten, wie er mir später versichert. Rund fünf Minuten vom Hof entfernt, kann er seine Tiere ohne Stress verarbeiten lassen. Damit unterscheide er sich, so Schädeli, von vielen anderen Metzgern vergleichbarer Grösse, die zwar bei den lokalen Bauern einkaufen, die Tiere dann aber in einem Grossbetrieb schlachten lassen, bevor sie Viertel und Hälften wieder auf ihren Betrieb zurück holen.

Die Einkaufspolitik der Blasers hat lange Tradition: “Seit über 50 Jahren legen wir grossen Wert darauf, unsere Schlachttiere bei den Bauern von Frick und Umgebung direkt einzukaufen. Somit ist es uns jederzeit möglich unserer Kundschaft über die Herkunft unseres Fleisches Auskunft zu geben. Die kurzen Transportwege wirken sich positiv auf das Tier und schlussendlich auf das Fleisch aus”, heisst es auf der Website der Metzgerei. Tönt gut, demnächst werde ich vor der Rückfahrt in die anonyme Grossstadt bei Blasers den Znacht einkaufen. (Zweitoberstes Bild Website Metzgerei Blaser)
Metzgerei Blaser Frick René Blaser

Winterkuhkontrastprogramm

Januar 22, 2014

Kühe im SchneeIm Winter kriege ich eher weniger Kuhbilder, aber ein paar Ausnahmen gibt’s zum Glück schon, wie zum Beispiel Monika, die es geschafft hat, in einem quasi schneefreien Winter Kühe im Schnee abzulichten (und zwar in Rothenturm, keineswegs hochalpin also)…

Neuseelandkühe…oder Eveline, die kürzlich aus Neuseeland Bilder schickte (500er Stall mit 16 Melkrobotern immerhin) und mit mir einen Quiz gemacht hat, woher die Bilder wohl kommen und ich natürlich voll daneben lag (Ostdeutschland schätzte ich)….

Kühe am Beach…oder Ruth, die in Andalusien Kühe und einen stattlichen Toro am Beach fotografiert hat und ganz erstaunt war, wieviele davon behornt sind (im Hintergrund übrigens dort nicht etwa Schnee sondern Ferienhüslikrebs). Herzlichen Dank, Euch allen! (Bilder Monika Schlatter, Eveline Dudda, Ruth Hofmann)

Wie Raili mit Sauerteig ein Business erbacken hat

Januar 18, 2014

Railis Kallavus mit Brot kleinDie Grüne Woche (IGW) in Berlin, wo ich dieser Tage wieder mal bin, hat heuer 1650 Aussteller und Ausstellerinnen. Da ist es natürlich schwierig den Überblick zu behalten. Deshalb hier statt irgendwelcher Gesamtbetrachtungen ein Schlaglicht auf Raili Kallavus aus Estland, neben der ich, der Zufall wollte es, an der Eröffnungsveranstaltung zu sitzen kam.

Sie hat mir eine interessante Geschichte erzählt: Ihre Jobs als Deutschehrerin an einem Gymnasium in Tartu und später als Consulterin für NGOs hat sie an den Nagel gehängt, es hat sie gelangweilt. Jetzt bäckt sie seit gut drei Jahren Brot. Mit grossem Erfolg. Die halbe Stadt deckt sich bei ihr mit Sauerteigbrot ein und das mit Gründen: Es schmeckt ausgezeichnet, wie die Degustation am Stand des diesjährigen IGW-Gastlandes aus dem Baltikum zeigte.

Raili Kallavus mit Sauerteig kleinRaili, die viel jüger aussieht, als sie ist, hat sich das Fachwissen im Selbststudium angeeignet. Aus Büchern und dem Internet. Dann hat ihr eine Bekannte etwas Sauerteig (wie das aussieht, siehe Bild rechts) zugesteckt und damit arbeitet sie seither. Verkaufsstelle ist ein als Genossenschaft organisierter Bauernmarkt in der zweitgrössten Stadt des Landes, interessanterweise angesiedelt im Foyer eines grossen Einkaufszentrums. Den Ofen stellt ihr das Einkaufszentrum zur Verfügung. Der Duft des frischen Brotes sei der ideale Lockstoff für die Konsumentinnen versichert sie schmunzelnd. Zu ihren KundInnen gehörten Leute “die viel Wert auf Gesundheit legen, die Handarbeit schätzen und einheimische Produkte mögen”, fährt sie fort. In estnischen Supermärkten stamme das Brot häufig aus anonymer Industrieproduktion mit unklarer Herkunft des Rohstoffs.

Das ist bei der umtriebigen Jungunternehmerin anders: Sie bezieht den Roggen aus lokaler Produktion von einem Bauern aus dem benachbarten Landkreis , den sie auf einem anderen Bauernmarkt kennengelernt hat. Die Sonnenblumen- und Kürbiskerne, mit denen sie einen Teil der Produktion verfeinert sei leider noch nicht aus dem Inland, da ein entsprechendes Angebot fehle, bedauert die spätberufene Bäckerin. Die handwerkliche Produktion führt dazu, dass ihr Brot nicht ganz billig ist, der 300g-Laib kostet 1 Euro 50, das verfeinerte Modell, welches neben Kernen auch Malz enthält, 2 Euro. Der Vorteil sei aber, dass ihr Brot neben den erwähnten Qualitäten auch deutlich länger frisch bleibt aus die Ware aus den Kaufhäusern.

Raili Kallavus macht einen sehr zufriedenen Eindruck, der berufliche Umstieg hat sich gelohnt, sie verdiene mehr als vorher, “wobei ich natürlich auch mehr arbeite als vorher”, wie sie ergänzt. Das Betreiben einer eigenen Firma mit dem Label Koduleib (estnisch Hausbrot), inspiriert von den Vornamen der Grosseltern, macht ihr ebenso Spass, wie das kneten des Teigs, das sei fast wie im Sandkasten spielen. Es sei aber nicht das Backen, das sie motiviert, sondern das Ergebnis: das Geld, die Dankbarkeit und die frohen Gesichter der Kundschaft, etwa dasjenige der Enkelin, wenn sie zufrieden Grossmutters Brot verspeist.
Railis Koduleib klein

Der Stachel im Fleisch der Industrielandwirtschaft

Januar 13, 2014

FleischatlasPünktlich zum “Davos der Landwirtschaft”, wie die nächste Woche stattfindende Internationale Grüne Woche in Berlin gern genannt wird, hat’s der BUND wieder getan: Die grösste deutsche Umweltschutzorganisation hat der Landwirtschaft zwei mittlere Bomben in den Bauernhofgarten geworfen.

Innert zwei Tagen hat der Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland eine Studie über den Hormoneinsatz in der Mastferkelproduktion und zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung und “Le Monde Diplomatique” den Fleischatlas 2014 publiziert.

Dazu ein paar secce Bemerkungen (ich habe mir auf Anregung von einer zeitlich knapp dotierten Leserin vorgenommen, weniger episch zu schreiben heuer):

  • Beides sind sehr lesenswerte Publikationen, die wunde Punkte der modernen Landwirtschaft treffen.
  • Der BUND schafft es auch dank offenbar sehr guter Medienkontakte immer wieder, flächendeckend Salz in diese Wunden der Landwirtschaft zu streuen. Wie schon bei den Glyphosat-Babys vor einigen Monaten hagelt es Protest, namentlich gegen die Hormonstudie. Das zeigt, dass sich trotz einiger handwerklich fragwürdiger Punkte in der Studie, die etwa hier kritisiert werden, viele Schafe in der Herde getroffen fühlen. Zurecht, denn
  • die deutsche Fleischproduktion ist zu einem gigantischen Industriesektor herangewachsen, pro Jahr werden etwa gut 58 Millionen Schweine geschlachtet, damit ist unser nördliches Nachbarland der weltweit drittgrösste Produzent nach China und den USA, Spitzenränge nimmt man auch bei der Rindfleischproduktion und den Mastpoulets ein.
  • Fleischatlas TierzahlenDie Industrialisierung des Sektors hat zu einer Konzentration auf allen Ebenen: Immer weniger Produzenten mästen grössere Bestände für grössere Schlachtunternehmen, die ihre Ware zu womöglich immer tieferen Preise an immer grössere Supermarktketten liefern. Deutschland ist nur ein Beispiel für diese Entwicklung. Hier verarbeiten im Schweinesektor gemäss dem Fleischatlas drei Betriebe 55 Prozent des Schlachtwerts, in den USA sind es 10 Konzerne, die 88 Prozent der Schweine verarbeiten (die Grafik rechts zeigt Zahlen für den weltweiten Markt).
  • Diese Entwicklung zieht diverse Probleme nach sich. Um nur einige zu nennen: Höherer Krankheitsdruck in Grossbeständen, steigender Hilfsstoffeinsatz auf den Feldern (für die forcierte Eiweissfutterproduktion) und Stall, Emissionen von Grossbetrieben, Tierschutzprobleme, Lohndruck in Grossschlachthäusern, erhöhter Zeitdruck und zahlreichen Fehlmanipulationen am lebenden Tier in Schlachthäusern, Schwinden von gewerblichen Fleischverarbeitern.
  • Ich staune immer wieder, mit welcher Verve sich die Landwirte und ihre Lobbyorganisationen dagegen wehren, die Probleme überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. In den integrierten Kreisläufen der Grosskonzerne, die Genetik, Futter und Infrastruktur liefern und die Tiere vollumfänglich übernehmen sind sie das schwächste Glied und stehen in extremer Abhängigkeit. Von freiem Unternehmertum, wie sie es sich gerne auf die Fahne schreiben, entfernen sich die sogenannte Urproduzenten immer weiter.
  • Der BUND ist für mich so etwas wie die EMMA einst, als sie dem Feminismus auf die Beine half. Nervt zwar immer wieder, aber für die Bewusstseinsbildung der Landwirte in Deutschland und darüber hinaus extrem wichtig. Ich warte auf den Ausbruch des Agrinismus.
  • Und in der Schweiz dürfte man in Sachen Landwirtschaft ruhig auch etwas mehr Lärm hören von Pro Natura, auch wenn die Verhältnisse noch um einiges idyllischer sind, als in Deutschland. Aber bei weitem nicht problemlos. (Illustrationen aus dem Fleischatlas)
    Fleischatlas Tierzahlen D

Facebookpuzzle gibt Bauernfamilien ein Gesicht

Januar 7, 2014

Familie SprungerDer Schweizerische Bauernverband (SBV) hat hier von mir ja schon viel Fett abgekriegt, drum hat er jetzt auch mal ein bisschen Balsam verdient. Wie Sie, liebe Leserinnen ja vielleicht wissen, stehen wir schon mitten im internationalen Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe. Diese produzieren immerhin 70 Prozent der Nahrungsmittel weltweit, gleichzeitig sind 60 Prozent der Armen weltweit Bauern und Bäuerinnen.

Aus Anlass dieses für einmal sehr gerechtfertigten Sonderjahres hat der SBV 27 Mitgliederfamilien gesucht, die auf Facebook aus ihrem Alltag berichten. Hier finden sich alle Betriebe auf einen Blick und hier gibt’s noch etwas mehr Hintergrundinfo.

Familie Jost AlpabzugIch hab mich ein bisschen umgeschaut auf diesen Seiten. Die Einblicke sind interessant, rührend, überraschend, herzig, aufschluss- und abwechslungsreich. Alles reich illustriert und dies teilweise gar mit bewegtem Bild, so gibt’s zum Beispiel bei Familie Jost aus Obergesteln im Goms für Technikfreunde ein Filmli mit Schnneräumung zwischen Hof und Miststock und bei Familie Pfister aus Bözen ein sehenswertes Video auf dem die Jungbäuerin Vieh füttert. Ich muss sagen, mir gefällt das, auch wenn die Zahl der Betriebe mit 27 vielleicht etwas hoch ist, um die Sache flächendeckend zu verfolgen. Wobei, es musste föderalistisch korrekt jeder Kanton berücksichtigt sein (einer offenbar sogar zweimal, wer rausfindet welchen kriegt von mir einen kleinen Preis) und vermutlich wird es bei der Leserschaft regionale Vorlieben geben.

Michaela Gassers VorstellungInteressant zu sehen ist, was die Bauernfamilien berichtenswert finden. Sehr beliebt war gestern ein Porträt mit der mittels Kuchen frisch gekürten Königin. Hier ist jemand am Bäume schneiden, dort klebt eine Tochter des Hauses einen Kleber hinten auf ein Auto, hüben wie drüben werden Männerchor- und Turnvereinstheater beworben, Kinder in Trachten gezeigt und mit aufschlussreichen Charakterbeschreibungen porträtiert. Die meisten Familien scheinen richtig Freude zu haben, immer wieder neue Entdeckungen zu präsentieren und dabei haben sie gecheckt, dass das Alltägliche meistens das Spannendste ist. Emsig wird hie und da auch schon kommentiert und repliziert. Bin gespannt auf die Fortsetzung, da werden sich im Lauf des Jahres interessante Puzzles ergeben. Hoffe, dass die Urbanistas auch reinschauen, weil man hier dies- und jenseits der Klischees mehr erfahren kann über die Vielgestaltigkeit der schrumpfenden landwirtschaftlichen Bevölkerung.

Zum Zug kommen in diesem Bilderbogen übrigens auch je eine Familie aus Bolivien, Honduras und Kirgistan, ein Produkt der Zusammenarbeit des SBV mit Helvetas und Swissaid. Das wirkt für mich nocht etwas Feigenblattmässig aufgesetzt, um doch noch ein bisschen zu motzen, aber auch das kann noch werden. Bin mir allerdings nicht sicher, ob SBV-Vizedirektor auch an die Familienbetriebe in der dritten Welt dachte, als er – das musste natürlich sein – bei der Lancierung der Verbandsaktivitäten zum Sonderjahr noch etwas Werbung machte für die “Initiative für Ernährungssicherheit”. Womit wir wieder beim Fett wären, aber das kann jetzt noch ein bisschen warten. (Alle Bilder von den Facebook-Seiten der Bauernfamilien)
Familie Sprunger Porträt

Danke und bis nächstes Jahr!

Dezember 22, 2013

????????????????Liebe Blog-Leserinnen und -Leser, geschätzte BildlieferantInnen, Gastautorinnen, Korrekturleser und Kommentierende, ich möchte Ihnen ganz herzlich danken für die Treue, den regelmässigen, einmaligen oder immer mal wiederkehrenden Besuch im vergangenen Jahr, Fotos, Texte, Lob, Kritik und Inspiration!

Ich mach den Laden jetzt paar Tage dicht und melde mich wieder im nächsten Jahr. Ich wünsche Ihnen ebenso geruhsame Tage, wie die Stadtkühe (es sind handliche Exemplare der Rasse Dexter) vom Schliermer Berg hier einen zu verleben scheinen und dann natürlich, Gesundheit und viel Glück (auch beim Kühe fotografieren:) im 2014! (Bild Monika Schlatter, herzlichen Dank!)

Initiativen-Murcks: Ein saurer Zankapfel

Dezember 17, 2013

Es schmeckt sauerAus mir nicht besonders ersichtlichen Gründen hat der Schweizerische Bauernverband (SBV) seine Meldung zur Zangengeburt des Texts für die “Initiative für Ernährungssicherheit” mit obenstehendem Bild illustriert. Vermutlich soll der Helgen ausdrücken, dass der junge Mann im Bild die Gnade der späten Geburt hat und deshalb nicht wird abstimmen müssen über das mutmasslich unnötigste Agrar-Volksbegehren aller Zeiten.

Der Initiativtext, dem ein wochenlanges mehr oder weniger behelfsmässig kaschiertes Gezänk zwischen dem SBV und der Schweizerischen Volkspartei (SVP) vorausgegangen ist lautet wie folgt:  

Art. 104a (neu) Ernährungssicherheit
1. Der Bund stärkt die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln aus vielfältiger, nachhaltiger inländischer Produktion; er trifft wirksame Massnahmen insbesondere gegen den Verlust von Kulturland, einschliesslich Sömmerungsfläche, und zur Umsetzung einer Qualitätsstrategie.
2. Er sorgt in der Landwirtschaft für einen geringen administrativen Aufwand und für eine angemessene Investitions- und Rechtssicherheit.
Übergangsbestimmungen:
Der Bundesrat beantragt der Bundesversammlung spätestens zwei Jahre nach Annahme des Artikels 104a durch Volk und Stände entsprechende Gesetzesbestimmungen.

Wie bitte, war das alles? Das tönt, sollte das Ansinnen dereinst angenommen werden, wie ein rhetorischer roter Teppich für die zuständigen Behörden, das ganze so unauffällig wie möglich in der Schublade verschwinden zu lassen. Punkt 1. wird nicht einen einzigen Importeur oder Baulöwen in irgendeiner Weise beeindrucken. Punkt 2. ist schon fast ein schlechter Witz, lanciert man doch eine Initiative, in der man geringen administrativen Aufwand fordert, die ohne Zweifel aber dazu prädestiniert ist, den administrativen Aufwand zu erhöhen.

Der Text sei “formell, rechtlich und administrativ präzis” rühmte SBV-Präsident Ritter bei der Präsentation. Reicht das um die Agrarbürokratie und das Parlament über Jahre zu beschäftigen, wenn man gleichzeitig postuliert, genau dort reduzieren zu wollen? Klar, der noch immer relativ frisch amtierende Obmann aus den Reihen der Christlichdemokraten kann sich jetzt einen gewonnenen Machtkampf gegen die SVP gutschreiben lassen, aber wenn sich durch den neuen Verfassungspassus irgendwas ändern sollte am Kulturlandschwund und der Importabhängigkeit der Schweiz, wäre ich schwer überrascht.

Kein Bauernhof weniger wird sterben, kein Kilo Pouletfleisch weniger wird eingeführt werden. Stattdessen verplämpert man Zeit, die dringend benötigt würde, um vor der nächsten Monster-Agrarpolitikrunde echte Visionen und zukunftsträchtige Wege (um eben zum Beispiel den Kulturlandverlust und Billigfleischimporte zu mindern) zu entwickeln. Der Ritter spielt hier Sandmännchen für die Mitglieder, hoffentlich lassen sich diese nicht einschläfern, sonst gibt es ein böses Erwachen. (Bild  Cheryl Kronberger/SBV/www.landwirtschaft.ch)

All european Ladies in a Competition

Dezember 13, 2013

WettbewerbskuhSind Sie im Weihnachtsstress? Ich hoffe es nicht, auszuschliessen ist es aber ebensowenig. Ich hätte da einen kleinen Tipp. Ein nicht mehr ganz neues aber nichtsdestotrotz tolles Buch namens “All Ladies. Kühe in Europa”. Damit können sie nicht nur eineN KuhfreundIn beglücken (davon gibt es mehr als man meinen könnte), sondern auch sich selber in einen – falls nötig – entspannteren Zustand versetzen.

Der 128-seitige Band zeigt und beschreibt 50 Kuhrassen aus 25 europäischen Ländern. Die deutsche Fotografin Ursula Böhmer hat sie zwischen 1998 und 2011 abgelichtet. Das Langzeitprojekt hat sich gelohnt. Diese Kuhbilder laufen für mich unter Fotokunst. Die Porträts zeigen die Abgelichteten im Augenkontakt mit der Kamera, stoisch, aufmerksam, manchmal leicht überrascht, aber immer irgendwie würdevoll, gelassen und geerdet. Nicht die schlechtesten Zustände, vor und nach Weihnachten.

Schweden FjällrasUm das zu illustrieren habe ich ein paar Bilder ausgewählt.  Dieses hier zum Beispiel zeigt ein Exemplar der schwedischen Fjällras, was nichts anderes heisst als, so würde ich mit meinen rudimentären Schwedischkenntnissen vermuten, Fellrasse.

Griechenland KateriniDieses Bild zeigt ein griechisches Rind von der Rasse Katrini. Sie entspricht nicht grad dem züchterischen Ideal des durchschnittlichen Schweizer Milchproduzenten, aber ist sicher gut angepasst an das karge griechische Klima und doch einfach ein schön anzuschauendes Tier.

WettbewerbskuhSie werden sich jetzt vermutlich fragen, zu welcher Rasse die zuoberst stehende Kuh gehört. Das könnte ich Ihnen schon sagen, ist aber Gegenstand eines Wettbewerbs, bei dem Sie liebe Leserin, lieber Leser, ein Exemplar von “All Ladies” gewinnen können. Vielleicht ein paar Tipps, die Herkunft ist eher südeuropäisch, die Farbe kommt im Namen vor, sie ist ausdauernd und genügsam, noch immer verbringen viele Rassengenossinnen den Sommer in den Bergen. Einst wurde die Gesuchte als Zugtier eingesetzt, heute eher in der extensiven Fleischproduktion. Antworten bitte in die Kommentarspalte, viel Glück! (Alle Bilder Ursula Böhmer, vielen Dank fürs Scowting an Johanna Probst)

PS. In Berlin sind die Ladies zurzeit ausgestellt. Eine sehr sehenswerte Show in einer sehr pittoresken Umgebung in Neukölln. Der Stadtteil hat zwar nicht grad den besten Ruf, aber das Museum ist würde ich sagen, allein die Reise wert. Es ist im ehemaligen Pferdestall eines wunderschönen Gutsbetriebs untergebracht, wirklich prächtig. Zum Glück war ich zufälligerweise zur Vernissage in Berlin und konnte ein paar Worte mit Ursula Böhmer wechseln und sie sogar noch vor einem ihrer Bilder ablichten. Wer nicht extra nach Berlin fahren mag, sollte übrigens im Frühling Gelegenheit kriegen, die Kuhbilder in Zürich zu bestaunen. Die Infos dazu folgen hier, sobald ich sie habe.
Ursula Böhmer

Hörnerfranken: Öko-, Risiko- und Tourismusbonus

Dezember 8, 2013

Sibylle im MedienfokusAm Freitag ist in Bern an einer Bundeshaus-Hintertüre die Petition für den Hörnerfranken eingereicht worden. Schwer beladen mit 18’000 Unterschriften wanderte die prominente Kuh Sibylle (Ex-Wetten, dass…?-Siegerin) an der Spitze eines kleinen Trüppchens von Hornfreunden unter der Ägide von IG Hornkuh und unterstützt von KAGfreiland und Demeter vom Bärengraben zur Ochsenscheune, wie das Parlamentsgebäude in bäuerlichen Kreisen ab und an auch genannt wird.

Dass der Hörnerfranken dereinst Platz findet in der Direktzahlungsverordnung ist eher mässig wahrscheinlich. Höchste Zeit deshalb für ein kleines Plädoyer zugunsten dieses Batzens zugunsten der Viehhalter mit behornten Kühen (1 Fr. pro Kuh und Tag) und Geissen (20 Rappen).

Ich würde niemandem Hornvieh vorschreiben wollen, es gibt eine ganze Reihe von Gründen, die zum Entscheid des Enthornens führen können: die Unfallgefahr ist vorhanden und es braucht im Stall nicht nur mehr Platz sondern auch ein etwas zeitaufwendigeres Management.

Wer sich aber auf freiwilliger Basis dafür entscheidet, seine Tiere im natürlichen Kopfschmuck-Zustand zu belassen, der sollte dafür entschädigt werden. Dies vor allem aus drei Gründen.

1. Ökologie. Die Enthornung ist ein ziemlich happiger Eingriff in die körperliche Integrität des Tiers. Wer das optisch und physiologisch dokumentiert haben möchte, dem und der empfehle ich den Konsum des Films “Das liebe Rindvieh” von Bertram Verhaag. Darin zeigt eine Bäuerin anhand der Schädel von einer enthornten und einer behornten Kuh die Unterschiede auf. Die enthornte Kuh entwickelt einen regelrechten Höcker, den man an jeder kurz geschorenen Elitekuh zwischen den Hornansätzen gut beobachten kann. Dieser entwickelt sich gemäss der Bäuerin aufgrund des nötigen Volumens für die Zirkulation des Methans im Körper. Sind die Hörner vorhanden, bietet sich dieser Raum in den Hornzapfen, sind diese weg, braucht es eine Ausweichvolumen.

2. Risiko und Mehraufwand. Genau wie ein Bergbauer, der mit den Bergzonen-Beiträgen für die Erschwernisse und Gefahren von steilen Lagen sowie kurzen Vegetationszeiten entschädigt wird, haben die Hornviehhalter aufgrund ihrer Wahrung der Komplettheit des Tiers Anspruch auf eine Abgeltung für erhöhtes Risiko und zusätzlichen Arbeitsaufwand, zumal diese Leistungen mindestens bis heute auf dem Markt nur ungenügend und partiell durch bessere Preise abgegolten werden.

3. Tourismusförderung. Der Spaziergang mit Kuh durch die Berner Altstadt hat gezeigt, dass behorntes Vieh beim Publikum, zumindest beim urbanen, fast durchwegs auf begeisterte Zustimmung stösst. Besonders auffällig war die Faszination, die Sibylle bei ausländischen Zaungästen auslöste. Ich bin überzeugt, dass behornte Kühe auf den helvetischen Weiden eine Attraktion darstellen, die hornloses Vieh nicht im gleichen Ausmass auszulösen vermag, allein für dieses Engagement im Dienste des Fremdenverkehrs wäre der Hörnerfranken mehr als verdient.

Die Kosten für den Hörnerfranken wären überblickbar. Von den rund 670’000 Kühen im Land (inkl. Mutterkühen) tragen nurmehr rund 10 Prozent Hörner. 67’000 mal 365 gibt 24,455 Millionen Franken, ein paar Hunderttausend Franken kämen noch für die Geissen dazu. Das ist im Verhältnis zu den jährlichen Landwirtschaftskosten von rund 3 Milliarden und angesichts des breiten Nutzens für Tier, Image der Landwirtschaft und Tourimsusindustrie ein bescheidener und gut eingesetzter Betrag. Dass dieser stark wachsen würde, ist überdies kaum anzunehmen, denn der Zustupf wäre dann doch zu bescheiden für eine breite Wiederbehornungswelle.


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