Mit ‘Soja’ getaggte Artikel

Ein alter Fuchs schimpft am Lieferanteneingang

Januar 12, 2013

Entwicklung der KraftfutterversorgungDer Neujahrsapéro mit den Agrarjournalisten fand heuer am Lieferanteneingang der Schweizer Landwirtschaft statt, wie das der Organisator so schön formuliert hat. Nicht weniger als 17,3 Prozent der Schweizer Importe gelangten vergangenes Jahr über den Basler Rheinhafen ins Land. Deutlich höher ist der Anteil bei den Futtermitteleinfuhren. Insgesamt brachten die Rheinschiffe 2011 nicht nur 600 000 Tonnen Dünger und 2,5 Millionen Tonnen Mineralölerzeugnisse sondern auch 850 000 Tonnen Nahrungs- und Futtermittel ins Land, wovon der grösste Teil auf Futtergetreide entfällt, von denen jährlich rund 1,1 Millionen Tonnen importiert werden.
Welcher Ort böte sich also besser an für die Diskussion von ein paar Fütterungsfragen? Der Direktor der Vereinigung der Schweizerischen Futtermittelfabrikanten (VSF) liess es sich nicht entgehen, vor den Agrarmedienvertretern die heissen Punkte anzusprechen. Rudolf Marti, ein alter Fuchs im stark angefeindeten Müllerei-Business hat derzeit drei Hauptthemen: 1. Soja, 2. Swissness, 3. Importe. Das alles hängt eng zusammen. Der Import von Futtermitteln hat in den letzten 20 Jahren massiv zugenommen (siehe Grafik oben. Ich weiss, es ist nicht grad State of the Art, Grafiken abzufotografieren, aber manchmal geht es nicht anders).
Wichtigster Wachstumsträger im Schweizer Futtermittelmarkt ist Sojaschrot. Das eiweissreiche Nebenprodukt der Sojaölherstellung boomt. Seit 1991 hat die Einfuhrmenge um 900 Prozent auf konservativ geschätzte 250 000 Tonnen zugenommen. Die wichtigsten Produzenten sind USA, Brasilien und Argentinien. Namentlich der stark ausgebaute Anbau in Südamerika ist hierzulande am Pranger wegen breitflächiger Abholzung von Regenwald zugunsten von Sojafläche. Zudem stösst der durch die vertikale Integration des Sojabusiness und das dominante Auftreten weniger Saatgutkonzerne verursachte brutale Strukturwandel in den lokalen Landwirtschaften auf Kritik.
Marti wiegelte auf engagierte Art ab. Schön zu sehen, dass er sich auch nach gefühlten mindestens 20 Jahren in der Branche immer noch aufregen kann, wie ein Jungspund. Seine Argumente: 1. Der Anteil importierten Kraftfutters an der gesamten Viehfütterung ist mit rund 16 Prozent immer noch gering. 2. Die Schweizer Müller sind gezwungen, auf ausländisches Kraftfutter zu setzen, weil einerseits der inländische Futtergetreideanbau aufgrund der Bevorzugung des Gründlands im Direktzahlungssystem stark zurückgegangen ist. Andererseits hat man mit dem Verbot von Tiermehl im Gefolge der BSE-Krisen gut 50 000 Tonnen Rohprotein verloren. 3. Das Verbot von GVO-Soja in der Schweiz ist falsch, weil die GVO-freie Ware um pro 100 Kilo um 10 Franken teurer zu stehen kommt. 4. Der von Mutterkuh Schweiz beschlossene und von Bio Suisse angestrebte Verzicht auf Soja in der Fütterung ist “Schwachsinn” und lediglich vom Marketingbemühungen der Grossverteiler getrieben. 
Bei allem Verständnis für Martis Branchentreue gilt es hier ein paar Gegenargumente ins Spiel zu bringen: Der VSF-Direktor ist natürlich vor allem ein begnadeter Lobbyist für die Sache der Futtermüller, die aus Rentabilitätsgründen unbestrittenermassen Interesse an einem möglichst hohen Futtermittelimport und ebenso hohen Anteilen an Kraftfutter in den Fütterungsrationen haben. Jedes zusätzliche Kilo Rauhfutter ist für die Müller ein Verlust. Marti und seine Mitglieder, die keine Gelegenheit auslassen, um an landwirtschaftlichen und Landwirtschafts-nahen Events als Sponsoren aufzutreten, sind hauptbeteiligt an der ökologisch und ökonomisch fragwürdigen Netto-Zunahme des Kraftfutterinputs, die mit BSE-bedingten Rückgängen beim Rohprotein herzlich wenig zu tun hat. Wenn Marti nun jeden Versuch, diese Abhängigkeit von vorwiegend importiertem Futtergetreide zu senken, als schwachsinnig abtun will, so ist das reichlich durchsichtig. 
Dasselbe gilt für die Attacke auf die Landwirtschaftspolitik. Deren Ökologisierungstendenz läuft den Müllern natürlich zuwider, was allerdings eher beweist, dass sie in die richtige Richtung geht. Ihr Ziel sollte ja primär sein, dass Wohlergehen der Bauern zu fördern und nicht, dass Wasser auf die Mühlen der Futtermüller zu lenken. Nicht dass ich diesen ihr wirtschaftliches Existenzrecht abstreiten wollte. Aber sie sollten sich statt zu lamentieren Gedanken machen, wie sie sich den neuen Verhältnissen am geschicktesten anpassen. Dazu gehört nun einmal auch das soeben verlängerte GVO-Moratorium. Klar ist es einfacher, auf dem Weltmarkt Dutzendware aufzukaufen und diese dann gebührend zu veredeln. Aber, um wieder einmal Gorbatschows altes polyvalentes Diktum anzuwenden: Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte. Das ist vielen Müllern schon passiert. Die cleveren aber positionieren sich in den geräumigen Nischen und versuchen, dem Markt das zu liefern, was er unter geänderten Vorzeichen braucht. Das kostet zwar mehr, dafür sind die Futterpreise hierzulande auch entsprechend höher.
Sojaschrot unterwegs im Basler Rheinhafen        

Iowa-Zollikofen: Die Dürre und wir

August 14, 2012

Ein Farmer aus Illinois besichtigt die Schäden in seinem Maisfeld

Der amerikanische Corn-Belt wird derzeit von einer Dürre mit geradezu biblischen Ausmassen heimgesucht. Die Ernteausfälle im weltweit grösssten Mais- und Sojaanbaugebiet hatte bereits kräftige Auswirkungen auf die Weltmarktpreise der wichtigsten Futtergetreide. Wenn nicht alles täuscht, ist die Wasserkrise im amerikanischen Heartland erst ein Vorgeschmack auf die Auswirkungen des weltweiten Klimawandels. Die besten Anbaubedingungen wandern nach Norden, ohne dass dort genügend Fläche und Infrastruktur vorhanden wären, um die steigende Nachfrage für die Futterversorgung zu decken. Akzentuiert werden die Probleme durch die Konkurrenznachfrage für Ethanolproduktion – schon heute produzieren die USA mehr Mais für Biodiesel als für Futter – und durch das Mittmischeln von allerlei branchenfremden Spekulanten auf den landwirtschaftlichen Rohstoffmärkten.
Betroffen von dieser Entwicklung sind nicht nur die deutschen, sondern auch die Schweizer Bauern, namentlich die Milchproduzenten. Kurz- bis mittelfristig sind Preisaufschläge unumgänglich, die Müller werden nicht zögern, die höheren Einkaufspreise an die Bauern weiterzureichen. Damit wird die Marge der Bauern mit hohem Kraftfutteranteil weiter schrumpfen, auch weil die Verwerter dank Überproduktion, wie sie grad dieser Tage wieder unter Beweis gestellt haben, munter an der Preisschraube drehen können.
An sich sollte jetzt die Stunde derjenigen schlagen, die gerne das Wort für eine hohe Inlandproduktion führen, zum Beispiel SBV-Präsidiumskandidat Res Aebi jüngst im “Blick” oder die versammelte SVP-Spitze an der kürzlich abgehaltenen Landgemeinde. Was läge jetzt näher, als die Milchbauern daran zu erinnern, dass die Schweiz ein Grasland ist? Dass dieser einheimische Rohstoff als einer der wenigen im Lande praktisch unbegrenzt vorhanden ist? Dass er die Abhängigkeit von den labilen Weltmärkten vermindern und die Kreisläufe schliessen hilft? Gleichzeitig würde man – ich habs hier schon öfter geschrieben – das Überproduktionsproblem und damit den Preisschwund bremsen und die Marge erhöhen.
Man wird aber vergeben warten auf solche Aufrufe. Zu sehr ist man auf die Hochleistungs-Milchkuh fixiert. Wer einen tiefer gelegten hochmotorisierten Schlitten fährt, wird auch nicht freiwillig auf einen Kleinwagen umsteigen, denn hier geht es um Emotionen und Statusdenken. Zudem ist die Futtermittelindustrie mit ihrem in Zollikofen angesiedelten Verband VSF fast so gut organisiert wie die Bauern und stark mit diesen verbandelt.
Freude machte mir da als kleine Ausnahme kürzlich die ebenfalls in Zollikofen angesiedelte IP Suisse, die im übrigens sehr interessanten NZZ-Folio über Soja(-produktion) – hier kann man alles nachlesen - ein Inserat für Wiesenmilch schaltete (siehe Bild unten). Die kriselnde Innovation konnte sich bis jetzt nicht durchsetzen, zu dicht ist der Labeldschungel und zu unterentwickelt das Bewusstsein der Konsumenten in Sachen Futtermittelhandel. Das wird sich ändern, ich bin überzeugt, dass diejenigen, die heute auf Wiesenmilch und entsprechende Genetik setzen längerfristig besser dastehen werden als ihre Kollegen, die sich mit namenloser Massenmilch im Wettbewerb mit Produzenten weltweit befinden, denen sie schon strukturell nie das Wasser werden reichen können. (Bild oben Bloomberg)
20120814-195608.jpg


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 50 Followern an