Srbijagrotourismus(1): Messe, Minister, Milchkühe

Ich bin auf Balkantour. So nennen unsere serbischen Agrarjournalistenkollegen ihre fünftägige Reise durch die Heimat mit Fokus Landwirtschaft. Gestern sind wir in Belgrad eingetroffen, eine auf den ersten Blick faszinierende Stadt. Gross, chaotisch, viel Patina auf prächtigen historischen Gebäuden, imposante Flüsse und nette Leute. Wir fokussieren aber prioritär auf das rurale Serbien, drum heute, beziehungsweise schon gestern morgen früher Aufbruch Richtung Novi Sad, wo derzeit die grösste Landwirtschaftsmesse auf dem Balkan stattfindet: Die Novosadski Sajam, bereits die 78. Durchführung. Zum Auftakt eine geballte Ladung Referate. Die Simultanübersetzer sind leicht überfordert. Wir erleben unter anderen den wohl noch nicht vollständig eingeführten neuen Agrarminister Dusan Petrovic, der viel Enthusiasmus ausstrahlt und gleichzeitig die schwierige Situation der Bauern beklagt. Es sind rund 440 000 gesetzlich anerkannte Betriebe registriert, knapp das zehnfache der Schweiz. Die Stützung beschränkt sich aber auf 30 Millionen Euro jährlich, etwas mehr als ein Prozent von dem, was den Schweizer Bauern zur Verfügung steht. Petrovic plant eine Umstrukturierung der Stützung. Neu sollen statt die Flächen die Zinsen der Bankkredite subventioniert werden. Ob das eine erfolgsversprechende Strategie ist, wird sich zeigen müssen, ich frage mich, ob das Geld da letztlich am richtigen Ort landet. Die grössten Probleme sind neben den kleinen Strukturen (Durchschnittsgrösse 4 Hektaren) die tiefen Erträge der Ackerkulturen und die schwachen Milchleistungen. Die Illustration folgt auf der Messe im Kuhstall. Die Serben setzen immer noch auf die Zweinutzungsrasse mit starkem Fokus auf Simmentaler. Die vermeintlichen Mutterkühe entpuppen sich als Milchkühe. Daneben viel anderes Getier: Schafe mit skulpturalem Gehörn (siehe Bild oben), schwarze langhaarige Schweine und zahlreiches Federvieh. Das beliebteste Mitbringsel von der Messe sind vermutlich lebende Küken. Zahlreiche Leute verlassen die Sajam mit einem piepsenden, durchlöcherten Karton unter dem Arm. Daneben gibt es viele Nahrungsmittel, zum Beispiel einen leckeren Käse mit Speck- und Chilistücken drin und an jeder Ecke Spanferkel und -lämmer zum Sofortverzehr. Auch Landmaschinen dürfen nicht fehlen. Deren teilweise imposante Grösse zeugt davon, dass es neben zahlreichen Kleinbauern vor allem in den Weiten der Vojvodina auch einige Grossbetriebe gibt. Dem Durchschnittshof angepasst ist aber wohl eher als der 200-PS-John-Deere der 30-PS-IMT. Dieses jugoslawische Produkt sieht aus als käme es aus dem Landwirtschaftsmuseum, ist aber neu und mit einem Preis von gut 6000 Euro auch einigermassen erschwinglich.

3 Antworten to “Srbijagrotourismus(1): Messe, Minister, Milchkühe”

  1. FischerIon Says:

    Habe letzte Woche einen gebrauchten „Oklahoma-Joe“ gekauft. Bin Laie. Sieht irgendwie so aus, wie dieser 30 PS IMT auf dem Bild, nur in schwarz.
    Hat mich der Verkäufer vielleicht veräppelt?

  2. adriankrebs Says:

    Dann gibts wohl demnächst gerilläucherte Bachtellachsfilets, dürfte sich zum Verkaufsschlager entwickeln, bin ja mal gespannt.

  3. FischerIon Says:

    Ja, IMT-Bachtellachs-Filets, so war’s gedacht. Weiss jetzt aber nicht, ob ich diese auf dem Zylinderkopf oder neben den Zündkerzen braten muss.
    Kann jemand helfen?

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