RoMania Roadmovie(1): Moldova

Zurück in Rumänien. Es braucht nie viel, um mich davon zu überzeugen, dass ich wieder einmal gehen sollte. Diesmal war der Auslöser ein Fussballmatch. Der FCZ spielte gestern in der Europa League gegen Vaslui (was natürlich auch journalistisch eine kleine Ernte einbrachte). Der Präsident des jungen Vereins übrigens ist ein Agrar-Oligarch namens Adrian Porumboiu (passender Name, da porumb auf rumänisch Mais heisst, aber dazu später mehr). Item, der Weg nach Piatra Neamt, wo das Spiel stattfand, ist so weit, dass es sich nicht lohnt, nur einen Tag zu bleiben. Das heisst viele Kilometer in der Dacia und in Rumänien ist die Landwirtschaft ausserhalb der Metropolen so omnipräsent, dass von diesem Reisli auch einiges für den Blog rausschaut. Das oben stehende Bild ist immer noch sehr typisch für die rumänischen Strassen. Pferdefuhrwerke verkehren auch auf den Hauptverkehrsachsen, auch nachts und das meistens ohne Licht, oder wenns gut geht hält der Kutscher noch eine Taschenlampe auf. Pferde sind also omnipräsent. Im Dorf Adjudeni ist mir dieses begegnet:
Es musste warten, weil seine Besitzer mit dem abladen der Maisernte beschäftigt waren, wie man hier sieht:
Mais ist in Rumänien eines der Grundnahrungsmittel für Mensch und Tier. Es wird von den Subsistenz-Bauernfamilien, schätzungsweise mindestens ein Drittel der rumänischen Bevölkerung dürfte sich so über Wasser halten, häufig von Hand geerntet, dann in offenen gedeckten Käfigen gelagert und schliesslich zu einem Gries-Mehl gemahlen, das dem Tier roh als Futter verabreicht und dem Menschen als Polenta (rumänisch Mamaliga) verabreicht wird. Die Nationalspeise ist Familie Porumbescu gerne zusammen mit einem Schafkäse (Brinza de burduf) und rohen Zwiebeln. Ein rustikaler Leckerbissen, der gut füllt, wie ich heute zu Besuch bei alten Freunden in Moldawien wieder einmal feststellen durfte. Catharina, die auf dem Bild unten das Maismehl präsentiert, ist eine begnadete Köchin, die unter anderem auch gerne im Salzwasser konserviertes Gemüse serviert. Im Bild Gogonelle murate (das sind grüne Tomaten) in der Entstehungsphase. Auch ihre Varza murata, der eingelegte Kabis, ist fast allein eine Reise wert, vor allem wenn die Blätter gefüllt mit Fleisch, Reis und Gewürzen als Sarmale (eine weitere Nationalspeise) auf den Tisch kommen.
Zuhause produzieren die meisten Moldawier auch ihren Wein und den Schnaps sowieso. Auf der Fahrt durch den Judet (so heissen hier die Kantone) Vrancea, einem grossen Rebbaugebiet sind mir gestern am Strassenrand grosse Menschentrauben beim Traubenhandeln aufgefallen. Die Bauern verkaufen direkt ab Feld an die Kundschaft. Einer dieser Händler, der lustigerweise Bier statt Wein trank, hat mir erklärt, dass das Kilo etwa 35 Rappen kostet, je nach Qualität etwas mehr oder etwas weniger. Gehandelt wird in Säcken oder Bananenkisten. Auf der ganzen Weiterfahrt strotzte die Hauptstrasse nur so von abenteuerlich beladenen Gefährten mit aufgetürmten Traubenbergen.
Nun, wie gesagt, der erste Teil dieses Roadmovies führt durch Moldawien. Die Region am östlichen Rand Rumäniens, eingeklemmt zwischen den Karpaten und der gleichnamigen Republik, ist nicht gerade eine Boomregion. Trotzdem soll hier nicht das Bild einer vollkommen rückständigen Gegend gezeichnet werden. Das landwirtschaftliche Potenzial ist riesig. Die Böden sind gut, die Niederschlagsmenge meist ausreichend für die klassischen europäischen Ackerfrüchte und Gemüse und das Land meist topfeben. Manchmal fühlt man sich fast ein bisschen an Kanada erinnert, wie das nächste Bild vielleicht zu illustrieren vermag.
In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich neben den Selbstversorgungs-Bauern grosse Investoren in der Landwirtschaft etabliert. Sie bewirtschaften tausende von Hektaren und/oder halten ebensoviele Tiere. Die Gesellschaften haben vielfach Infrastrukturen aus kommunistischer Zeit übernommen und agieren als Latifundisten mit zahlreichen Angestellten aus den angrenzenden Dörfern. Dasselbe gilt für internationale Saatgutkonzerne, die in Rumänien ideale Bedingungen vorfinden: günstiges Land, grosse Flächen, wenig Hindernisse (Stichwort GVO-Saatgut). Die florierenden Agrargesellschaften sind häufig vertikal integriert und tragen fantasievolle Namen wie Agrinvest, Agricola International oder im Falle von Fussball-Investor Porumboiu Racova. Sie versuchen – ganz Unternehmer – mit imposanten Hauptquartieren und grossen Plakaten am Strassenrand auf sich aufmerksam zu machen. Einem dieser Plakate bin ich gefolgt. Es führte zu einem gigantischen Schweinestall, der allerdings so hermetisch abgeriegelt war, dass er kein Blick ins Innere des Areals erlaubte, möglicherweise ist das besser so. Die Exkursion zum Schweinestall bescherte mir noch eine lustige Kuhgeschichte. Ich traf auf eine herrenlose Herde, die in einem kleinen Dorf von der Gemeinschaftsweide kam. An der Kreuzung strebten die Kühe – meist nur eine pro Bauer – ohne Begleitung auseinander, um ihren Heimen zuzustreben. Eine Frau am Strassenrand versicherte mir, dass alle genau wüssten, wo sie hingehören. In anderen Dörfern mit mehr Verkehr, begleiten die Bauern ihre Kuh nach Hause, an der Leine, wie ein Hund.
 

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