Kühe im Herbst(3): Die radikale Rasierästhetik

Letztes Wochenende bot sich an der SuisseTier in Luzern eine seltene Gelegenheit: Unter dem gleichen Hallendach stand scharfes Milchvieh in spe sowie Mastvieh aus Mutterkuh- und Spaltenbodenhaltung. Neben den Unterschieden bezüglich Gewicht und Körperform, waren es vor allem die völlig unterschiedlichen Frisuren, die ins Auge stachen. Während die Kälber und Rinder mit Milchhorizont (sie waren am Vortag für bis zu 10 000 Franken pro Stück versteigert worden) so kahl geschoren waren, dass teilweise die rosa Haut durchschimmerte, ist die Haarästhetik beim Mastvieh eine deutlich rustikalere. Hier darf frei spriessen, was die Natur genetisch verankert hat. Man sieht wahrhaftige Lockenköpfe. Ein Verkäufer an einem Stand mit Rasierutensilien erklärte, die Kurzhaarschnitte sollten die Körperformen der Tiere betonen. Gleichzeitig lässt man an entscheidenden Stellen, zum Beispiel auf dem Rücken, etwas mehr Haar stehen, das dann versteift mit Haarspray dazu beiträgt, die obere Linie perfekter aussehen zu lassen, als sie in Wirklichkeit ist. Das erste Argument meines Gesprächspartners überzeugt mich nicht, dann müsste man beim Mastvieh erst recht mit Bürstenschnitt arbeiten, denn wo ist der freie Blick auf die Muskulatur wichtiger, als beim Fleischrind? Auf die Frage, ob ein unsrasiertes Rind an einer Ausstellung chancenlos wäre, antwortet er mit einer Gegenfrage: „Hat eine Kandidatin mit unrasierten Beinen eine Chance an der Miss-Schweiz-Wahl?“ Ich würde annehmen, eher nicht. Was bedeutet das nun in Bezug auf die tierische Rasierästshetik? Ähnlich wie bei der menschlichen und insbesondere der weiblichen Schönheit ist in der Viehzucht ein Schönheitsideal in Kraft, das einer Diktatur gleichkommt. Geprägt ist es von den Vorstellungen in Nordamerika, wo alles was bei den Milchrassen nicht zarte Beine, einen hornlosen Kopf und kurzgeschorene Haare hat, ausserhalb der Norm und an Ausstellungen deshalb so gut wie chancenlos ist. Dabei käme es eigentlich nur auf ein gut aufgehängtes Euter, ein gutes Input-/Output-Verhältnis und Langlebigkeit an. Aber die „weichen“ Faktoren beeinflussen den Wert eines Tiers letztlich mindestens so stark, wie diejenigen, die wirklich zählen. Das ist kein sonderlich unternehmerischer Ansatz.

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