Für die Miniaturkuh läuft etwas goldrichtig


Im „Schweizer Bauer“ ist diese Woche ein Leserbrief erschienen, der mir gefallen hat, drum habe ich ihn jetzt einfach abgeschrieben. Das Thema ist interessant, die Beschreibung detailliert. Machen Sie sich selber ein Bild:
„Eigentlich benütze ich die frühen Morgenstunden zum Schreiben, weil der Kopf noch klar ist. In der letzten Zeit bin ich aber immer im Stall. Dort wartet die kleine Caramba auf mich. Caramba ist ein Kalb, das am Neujahrsmorgen, wir schätzen um 4 Uhr, geboren wurde. Caramba wartet, und die Mutter Ostara wartet.
Ich bringe das im Moment 14-tägige Wesen aus dem Kälber-Kindergarten zu der Mutter aufs Läger, damit es sich am Euter satt trinken kann. Anschliessend wird das Kleine mit einem Kettchen angebunden und steht zwischen der Mutter und einer anderen Kuh wie eine Miniaturkuh. Caramba knappert – ob sie dies der Mutter abschaut? – bereits an Heuhalmen herum. Ostara, die Mutter, frisst in dieser Zeit, trinkt, wird gemolken und schleckt zwischendurch ihr Kalb. Bei Schluss der Stallarbeiten wird die kleine Potzblitz ( so heisst sie nämlich, wenn man Caramba aus dem Spanischen übersetzt) in den Kindergarten zurückgebracht. Das Ganze ist überaus einfach. Kein Wärmen der Milch, kein Waschen des Kübels. – Im Moment wird die Kleine auf dem Weg zur Mutter und während des Trinkens noch von mir überwacht. Später wird dies nicht mehr nötig sein. Dann kann sie das allein.
Jetzt schon begegnet sie nämlich der Situation mit sehr viel Verstand. Alle kleinen Tücken auf dem Weg – eine Stufe an einem Ort, an dem es nicht sonderlich hell ist, der manchmal nasse und rutschige Stallgang – hat sie sich schon gemerkt und verhält sich richtig. Gestern senkte sich das Mäulchen beim Vorbeigehen in das Kraftfutter-Wägelchen. Man entschuldige, dass ich von den Entwicklungsschritten so begeistert bin wie eine Mutter von denen ihres ersten Kindes. Ich weiss, das die Umwelt das jeweils nicht recht nachvollziehen kann…
Caramba wurde, wie gesagt, am Neujahrsmorgen in der Gebärbox geboren, weshalb wir auch die Geburtszeit nicht genau kennen. Die fast 10-jährige Ostara, eine Brown Swiss, hatte alles allein vorgenommen. Der Vater von Caramba ist ein Original Brauner; seit einiger Zeit wird auf unserem auf diese Rasse zurückgezüchtet. Es hat zuzeit wenig Platz im Stall, die Gebärbox wurde für die jüngsten zwei Kälbchen gebraucht, und schon am 3. Januar hörte ich Ostara muhen. Mutter und Kalb waren getrennt worden. Diesen Ruf der Mütter kenne ich, in meinen Ohren tönt es verzweifelt. Ich kann es offen gestanden nicht hören.
Nach der Trennung hatte Caramba – ich war nicht dort – vier Liter Kolostralmilch aus dem Kübel getrunken. Als ich sie zum ersten Mal zu ihrer Mutter brachte, denn ich war fest entschlossen, mit der muttergebundenen Kälberaufzucht anzufangen, rann mir der Kot bereits über die Hand, mit der ich sie am Hinterteilchen vorwärtsschob. Der Kot wurde immer dünner, war schliesslich weiss wie Milch, ich musst mich nach jeder Begegnung neu einkleiden, schliesslich musste die Tierärztin kommen (eine überbesorgte „Mutter“, man verstehe), und Enolyt wurde verabreicht.
Jetzt wollte ich erst recht nicht aufgeben. – Inzwischen hat sich alles zum Guten gewendet. Carambas Stuhl wurde sehr schnell normal und geformt, obschon sie sich zweimal am Tag an der Mutter völlig satt trinkt. Ostara versteht, dass das Kalb immer wieder kommt. Sie muht zuweilen, wenn es Essenszeit ist, aber nicht verzweifelt, sondern weil es Zeit ist. Dazwischen ist sie völlig ruhig. Ihr Auge zu sehen, wenn sie säugt, ist etwas Ergreifendes. Sie bekommt einen nach innen gekehrten, man könnte sagen, einen verklärten Blick. Ich hab das Gefühl, dass hier etwas richtig, ja goldrichtig läuft.“
(Bild und Text Meta Denoth-Studer, Ftan GR)

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