Mit dem Rahmtaler zum Ramschtaler

Die Leidensgeschichte des Emmentalers ist lang und bekannt. Jetzt schlägt die Sortenorganisation Emmentaler Switzerland (ES) ein neues ungefreutes Kapitel auf. Sie lanciert den Rahmtaler, ein Emmentaler mit höherem Fettanteil, angeblich eine Spezialität aus alten Zeiten (16. Jahrhundert). Dass dessen Produktion aufgegeben wurde, hat gute Gründe. Das teilweise Abrahmen der Milch vor dem Käsen gibt dem Emmentalers, der in jungen Monaten sowieso unter chronischer Geschmacksarmut leidet, etwas schneller und etwas stärker die Rasse, die er im Alter entwickeln kann. Vor kurzem hatten das ausländische Publikum und ich an der Grünen Woche in Berlin erstmals Gelegenheit, das zu Recht vergessene und nun wieder auferstandene Produkt zu degustieren (siehe Bild rechts). Im Vergleichstest gegen Emmentaler Standard war er für mich klar unterlegen: die viel zitierte Gummikonsistenz verstärkt, die Geschmacksarmut evident. Daneben gibt es eine Reihe weitere Punkte, die gegen Rahmtaler sprechen. Er bringt keine neue Qualität (wer geschmacksarmen Emmentaler sucht, kann jungen kaufen), kannibalisiert das Original und verwässert sowohl die AOC (das Pflichtenheft musste für den Rahmtaler erweitert werden) wie auch das Erscheinungsbild, da mit Rahmtaler neben dem bisherigen Rot die neue Farbe blau eingeführt wird. Statt derartiger Pseudo-Innovationen sollte ES endlich versuchen, den Zusammenhalt im eigenen Lager zu stärken und den guten alten bewährten Käse besser zu vermarkten. Wie wäre es zum Beispiel, wenn man auf dem deutschen Markt, wo die Kunden ihren Käse in Scheiben geschnitten mögen (hierzulande offenbar auch, sonst würden nicht so viele zu teuren Industrie-Leerdammer kaufen), einen in Scheiben geschnittenen Emmentaler anbieten würde? Ich behaupte nicht, dass es einfach ist, meinen Lieblingskäse zu verkaufen. Aber mit Ideen wie dem Rahmtaler geht man weiter auf dem Weg Richtung Ramschtaler. Und das ist doch einfach schade.
PS. Heute vor drei Jahren erschien hier der erste Post, herzlichen Dank für Ihre Treue, liebe Leserinnen und Leser!

3 Antworten to “Mit dem Rahmtaler zum Ramschtaler”

  1. Edgar Cheeshater Says:

    Bin keine Käseesser, drum die vielleicht naive Frage: Hat bei „ES“ schon mal jemand versucht, den Käse zu räuchern, resp. in der Räucherkammer reifen zu lassen? Da kämen mir die verschiedensten Kräuter und Substanzen in den Sinn. Von Lavendel, über Wachholder, Heu? oder auch ganz andere Sachen..
    Könnte mir da interessante Resultate vorstellen. Der Fantasie keine Grenzen!

  2. adriankrebs Says:

    Da bin ich mir nicht so sicher, ob das gut käme, bin da eher der Purist. Ich glaube man muss zuerst sein Original gut vermarkten, bevor man in Nischenmärkte einsteigt. Aber namensmässig würde da natürlich Tür und Tor geöffnet: Lavemmeltaler, Wachtaler, Emmenheu, Emmentalerauch…

  3. Gaétan Gentilgueule Says:

    @Cheeseater: Möglich, dass damit eine Wertsteigerung erreicht werden kann. Dann sollten Sie aber auch andere Arten der Veredelung in Betracht ziehen. Muss nicht wie der Appenzeller sein, könnten auch andere, feine Substanzen für die „Massage“ der Laiber verwendet werden wie div. Spirituosen, z.Bsp. Whiskey, Calvados, Cointreau und dergleichen oder meinetwegen voll auf Swissness, wie beispielsweise „kalkhöhlen gebrannter Absynthe“, Zuger Kirsch, Opa’s Williams-Brand und solchiges. Ein Blick auf die Website „ES“ verrät schon etwas über die Marketing-Attitüde der Organisation. Hauptverkaufsargumente wie „Vitamin A für gutes Sehen, Vitamin B12 für Blutbildung etc.“ lockt doch heutzutage weder in der CH noch auf ausländischen Plätzen eine müde Maus aus dem Mäusebau.

    Schlage deshalb vor, dass dort schleunigst an einer neuen Luxusprodukte-Linie mit 4,5 neuen Spezialkäse für die Märkte CH, Asien und naher Osten gearbeitet wird. Mehr Swissness, mehr Geschmack, mehr Luxus, individuelle Formen und zu jedem Produkt eine wasserdichte Story!

    Mit bester Empfehlung.
    G. Gentilgueule, Brie, Frankreisch

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