Eine verheerende Bilanz und ein paar Vorbehalte

Zufälle gibts. Heute war ich auf dem schönsten Bauernhof im Kanton Zürich. 140 arrondierte Hektaren und ein toller Rebberg. Kein Wunder gabs Konflikte, als die kantonale Gesundheitsdirektion den Gutsbetrieb der psychiatrischen Anstalt Rheinau 1998 in Pacht gab. Im Gezerre setzten sich schliesslich die bio-dynamischen Bewirtschafter um den Kuhfreund und ehemaligen grünen Kantonsrat Martin Ott durch. Das hat sich ziemlich bewährt. Das Unternehmen Fintan floriert, schafft Mehrwert sowie Wurst aus der eigenen Metzgerei und hat, vor allem, eine Herde mit 60 behornten Kühen im Laufstall, über die Ott ein schönes Buch geschrieben hat, das hier auch schon zur Sprache kam. Aber zurück zum Zufall. Just am selben Tag flattert mir ein Mail von einem alten Freund und Bauern in die Box (merci Ürsu!). In der Beilage das neueste Themendossier des Pro-Natura-Magazins, welches sich nur mit Landwirtschaft befasst. Der Titel des Hefts lautet  „Agrarreform: Umsichtige Landwirte zeigen den nachhaltigen Weg“. Ich habe kurz darin geblättert und worauf stosse ich? Einen Beitrag über den erwähnten Gutsbetriebe Fintan. Dieser illustriert einen Artikel, der mich ziemlich in den Bann gezogen hat. Dort wird der Schweizer Landwirtschaft eine absolut desaströse Energiebilanz vorgerechnet. Die Energieeffizienz beträgt 0,4. Pro produzierter Kalorie werden mehr als zwei reingesteckt. Das muss jedem Verfechter eines hohen Selbstversorgungsgrad zu denken geben, denke ich. Betriebe wie Fintan mit bescheidenem Viehbestand (0,7 DGVE) und dem Verzicht auf synthetische Dünger und Pestizide dürfen hier durchaus als Vorbild dienen. Eine gewisse Vorsicht mit radikalen Schlussfolgerungen für die Schweizer Landwirtschaft ist allerdings geboten. Wer nun für eine Vollbremsung plädiert, muss zuerst nachweisen, dass die Produktion im Ausland, auf die wir dann in vermehrtem Masse angewiesen wären, energetisch effizienter ist. Das mag für Peperoni aus Marokko zutreffen, aber zum Beispiel bei der Milch aus Deutschland oder beim Schweinefleisch aus Holland oder Dänemark bin ich mir da schon etwas weniger sicher.
PS. Eigentlich wollte ich ja hier ein bisschen über neue Hornfacts berichten, das ist nun aufgeschoben, aber etwas möchte ich schon noch sagen, ein Laufstall mit 60 zufrieden scheinenden Kühen und daneben einem Weidli voll galoppierender Kälber, das ist schon ein schöner Anblick.

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10 Antworten to “Eine verheerende Bilanz und ein paar Vorbehalte”

  1. FischerIon Says:

    Nun, als Nichtspezialist der Materie gibt mir ein Koeffizient von 0.4 offen gestanden nicht ernsthaft zu denken. Dass aber der Selbstversorgungsgrad noch gesenkt werden könnte, hingegen sehr.
    Das bei der Umsetzung von chlorophylen Kalorien in tierisches Milchfett oder Entrecote energetische Verluste resultieren, scheint mir, noch immer Laie, aber logisch.

    Mein Kakao-Pulver rühre ich aber auch inskünftig vorzugsweise mit frischer Milch und nicht mit einer Mixtur von Silage und Frischgras aus der Saftmaschine an. Jedem so wie’s ihm beliebt – eben.

    Denn sollte diese bescholtene Energieeffizienz für die breite Bevölkerungsschicht tatsächlich ein Problem darstellen, werde ich mich auf das filettieren von Copepoden oder Einzellern spezialisieren und somit einer Veredelung von Bio-Masse über mehrere Stufen inskünftig gänzlich entsagen.

    Und diejenigen, welche hier den ersten Stein werfen, sollen dann zu meinen Stammkunden verdammt werden. Ich zähl auf SIE.

  2. Amadeus Paulussen Says:

    Ich frage mich, wie es jemals so weit kommen konnte, dass die Menschen sich heute über ein überindustrialisiertes Monster ernähren, anstelle dass jeder weitestgehend selbstversorgt sein könnte. Leider ist es schwierig davon wieder weg zu kommen, bräuchte doch ein jeder, oder zumindest jede Familie, mindestens eine Hektar Land, um die Grundlage dazu zu schaffen. Weitestgehende Selbstversorgung durch Permakultur (siehe beispielsweise Sepp Holzers Krameterhof) und eine vegane Ernährung wären für mich auf jeden Fall der Schlüssel zur Lösung all dieser Probleme – und noch vieler anderer obendrein.

  3. Thomas McAlavey Says:

    Das ist ja mal schön wenn man die Kühe, die man Abends melkt im Internet sieht:)

  4. Thomas McAlavey Says:

    Wann erscheint der Artikel?

  5. adriankrebs Says:

    @Thomas Wenns gut geht noch diesen Frühling, eine flotte Herde, Glück in den Stall!

  6. Rico Kessler Says:

    Ich bin der Verfasser des angesprochenen Artikels im Pro Natura Magazin – schön, dass es der Text in den erlauchten Agro-Blog geschafft hat:-) Ich esse selber viel zu gerne Käse, um die CH-Viehwirtschaft aus energiepolitischen samt und sonders über Bord zu werfen (vom Milchkonsum meiner Jungs ganz zu schweigen). Wie so oft im Leben geht es im Kern um eine Frage des Masses, nicht des Prinzips. Ich kann nur wärmstens Martin Otts Kuh- (und Acker- und Landschafts-)Buch empfehlen. Er zeigt aus der Praxis heraus, was im Mittelland flächendeckend möglich wäre. Fantastisch! Voraussetzung von KonsumentInnenseite ist aber sehr wohl, dass wir nicht nach billigem (und gruusigem) Schweinefleisch aus Dänemark greifen, wenn eigentlich Vegitag angesagt wäre…

  7. adriankrebs Says:

    @Fischerlon ich gehe da einig mit @Rico Kessler. Es ist eine Frage des Masses. Beim Vieh ist die Verfütterung von Gras, Heu und Grassilo unbestritten. Fragen stellen sich allenfalls dort, wo mit Kunstwiesen die Nahrungsmittelproduktion konkurrenziert wird. Das Energieproblem beginnt dort, wo man Getreide und Soja an Tiere verfüttert. Hier ist der Wirkungsgrad noch deutlich schlechter als die genannten 0,4. Bei der Rindfleischproduktion beispielsweise liegt er im Bereich von 0,1. Insgesamt wäre ohne Importe von Futter und Fleisch für die Produktion der in der Schweiz konsumierten Lebensmittel tierischen Ursprungs (Fleisch, Milch, Eier) mehr als die ganze zur Verfügung stehende Nutzfläche des Landes nötig. Ob jeder in unserer urbanen Gesellschaft „weitestgehend selbstversorgt sein könnte“ (@Amadeus Paulussen), das bezweifle ich hingegen schwer. Weit über ein paar Tomaten hinaus brächten es viele nicht. Und, bei aller Liebe zur Tomate, davon zu leben, sogar in Kombination mit Luft und Liebe, ist ein extrem schwieriges Unterfangen.

  8. FischerIon Says:

    Ihre sicherlich fachmännisch durchdachten Argumente in Ehren.
    M.M. nach ist die Aufgabe der Selbstversorgung, auf nationalem Parkett zumindest, ein grosser Fehler. Der Wurmfortsatz davon ist eben der Import von Futter für Mensch und Tier und damit der Gang in die Abhängigkeit. In einem anderen Blog hatte ich mal den Vorschlag gemacht, dass 5.5 Mio. Bewohner in diesem Lande genügen sollten, was natürlich bei liberal denkenden und vorallem bei Europhilen wenig Freude auslöste. Warum bloss?

    Da dies DER legendäre Blog „der feinen spitzen Feder“ ist, erlaube ich mir, in der Hoffnung, dass das“ Veterinäramt“ an dieser Stelle nicht mehr vorbei schaut und in eigener Sache, noch eine weitere Frage:

    Wie konsequent ist das denn, wenn sich Kapitalismus-Kritiker ereifernd über die der Gesellschaft vom Finanzwesen verpassten Fesseln ärgert, andererseits aber den Gang in die Nahrungsmittel-Abhängigkeit und damit den Verlust von Autonomie propagiert?? Ts,tstsss..

  9. Rico Kessler Says:

    @FischerIon
    Berechtigte Frage, zweifellos. Der springende Punkt ist: EBEN GERADE mit dem heutigen, energieintensiven, etwas zu tierlastigen Agrarsystem verzichten wir immer mehr auf echte Selbstversorgung. Diese wird mehr und mehr zur Kulisse, wenn das „Schweizer Poulet“ oder das Freiland-Kotelett im Supermarkt-Regal weitestgehend mit Importfutter ernährt wurde oder Unmengen von Strom und Diesel für ein paar Nahrungskalorien draufgehen. Wenn wir im noch nicht ganz überwundenen eidgenössischen Weltkriegsneutralitätsanbauschlachtreflex an die Selbstversorgung im Krisenfall denken, hiesse es dann: Kein Diesel – kein Futterimport – kein Poulet mehr.
    Worauf ich keine Antwort habe: Wie könnte eine ressourceneffiziente Landwirtschaft in einer Gesellschaft aussehen, in der die Leute das Kartoffelgraben höchstens noch als exotischen Spassfaktor für ein heiteres Stündchen sehen, sonst aber (wie ich) ihr Geld vor Bildschirmen und in Sitzungszimmern verdienen?

  10. christian haueter Says:

    Pro natura macht die Rechnung soweit und so lange sie noch ins Konzept passt. Für 1000 Kalorien, die ein verwöhnter Schweizer Konsument isst, werden ca 21’000 Kalorien eingesetzt. Die Landwirtschaft ist nur ein kleiner Teilaspekt – der Rest ist Verarbeitung Verpackung, Transport, Kühlung, Lagerung, und nicht zu vergessen die tausenden von Tonnen, die wegen dem Verfalldatum, oder dem Anspruch auf optische Makellosigkeit weggeworfen werden.

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