FuKuhshima: Kurze Halbwertszeit der Zahmheit

Ein Jahr nach der Atomkatastrophe von Fukushima bin ich gestern auf einen interessanten Artikel von Susan Boos gestossen. Die Chefredaktorin der Wochenzeitung (WOZ) und Autorin eines soeben erschienen Buchs über die Katastrophewar vor einigen Monaten in der Sperrzone rund um das Kraftwerk. In besagtem Artikel berichtet sie über ein ziemlich überraschendes Phänomen: die wild gewordenen Kühe von Fukushima. Als die Milchkuhhalter und Mäster wegen hohen Strahlungswerten die Höfe verlassen mussten, hatten sie weder Zeit noch das Recht, ihre Tiere mitzunehmen. Während die einen Bauern ihre Kühe nach langer Abwägung und Kampf mit dem Gewissen angebunden liessen (und damit dem Hungertod überliessen), haben sie andere freigelassen. Die Legende zu diesem Bild weckte natürlich mein Interesse: „Die verwilderten Kühe haben die leeren Dörfer erobert: Sie verhalten sich scheu wie Wildtiere und sind doch gefährlich.“  Im Text schreibt Boos dann unter anderem folgendes: „Unser Guide wendet und fährt zurück Richtung Zonengrenze. Die Sonne ist verschwunden, die Gegend scheint nun grau und ungastlich. Es beginnt zu dämmern, da müsse man besonders vorsichtig sein, in dieser Phase seien die Kühe am aggressivsten. Kaum hat der Guide es gesagt, tauchen sie auf. Rechts zwischen den Häusern und Gärten, vielleicht zehn Stück. Schwarze Kühe, jede von ihnen hat ein Kalb an der Seite. Die Kleinen sind vielleicht vier, fünf Monate alt. Sie stehen gebannt da. Der Fahrer hält an, wir öffnen die Fenster. Die Kühe starren uns vorsichtig wartend an, bereit, auf uns loszugehen, falls wir es wagen, näher zu kommen. Dann wendet die Leitkuh, die Truppe zieht sich in die Gärten zurück, die nun ihnen gehören. Wir sehen noch mehrere kleine Herden und einzeln weidende Tiere. Sie verhalten sich scheu wie Wildtiere, die sich erst bei Dämmerung auf die offenen Flächen wagen. Sie fürchten die Menschen nicht, aber sie haben aufgehört, mit ihnen zu leben.“ Was mich an dieser Geschichte erstaunt ist, wie dünn die Firnis der Zahmheit und Menschenverbundenheit offenbar auch bei den seit Jahrhunderten domestizierten Tiere ist. Umgekehrt ist auch die Toleranz des Menschen mit zurückverwilderten Tieren sehr gering: „Der Guide sagt, es sei beschlossene Sache, die Kühe demnächst alle abzuschiessen. Sie seien zu gefährlich“, schreibt Boos im nächsten Satz. (Bilder Kim Kyung-Hoon/Reuters, Susan Boos/WOZ, Stringer/Reuters, Hiro Komae/Keystone)

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3 Antworten to “FuKuhshima: Kurze Halbwertszeit der Zahmheit”

  1. drcidolphus Says:

    Wirklich interessant wie schnell die Kühe verwildern. Aber andererseits wird man ja auch immer wieder darauf hingewiesen, dass egal wie sehr wir Wildtiere auch domestizieren, sie sind und bleiben Wildtiere. Aber ob das auf Hunderassen zutrifft, die sehr an den Menschen gewöhnt sind, wäre noch viel interessanter herauszufinden.

  2. adriankrebs Says:

    Auch über Hunde findet sich in besagtem Artikel eine kurze Passage: „Nach Schätzungen von Tierschutzorganisationen blieben bis zu 6000 Hunde in den Sperrzonen zurück. Viele verhungerten und verdursteten, weil sie angebunden waren. Andere liefen herum, bildeten Rudel, zum Teil wurden sie eingefangen und in Tierheimen untergebracht.“ Also auch hier mit der Rudelbildung eine sofortige Rückkehr zu den ursprünglichen Verhaltensformen.

  3. Landwissen.de | Die wilden Kühe von Fukushima Says:

    […] FuKuhshima: Kurze Halbwertszeit der Zahmheit Ein Jahr nach der Atomkatastrophe von Fukushima bin ich gestern auf einen interessanten Artikel von Susan Boos gestossen. Die Chefredaktorin der Wochenzeitung (WOZ) und Autorin eines soeben erschie…… […]

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