Gute Frage: Kann Bio die Welt ernähren?

Vor ein paar Tagen ist mir ein Prospekt des Hilfswerks Biovision ins Haus geflattert. Dieses wurde vom renommierten Schweizer Insektenforscher Hans Rudolf Herren gegründet und hat sich das Empowerment der Kleinbauern in der dritten Welt mit Hilfe von Biolandbau auf die Fahne geschrieben. Dort setzt Biovision an, weil 70 Prozent der Nahrungsmittel weltweit von Subsistenzlandwirten produziert werden. Soweit ich es beurteilen kann, haben die Projekte von Biovision Hand und Fuss. Man arbeitet mit einfachen Projekten: Mischkulturen, Schnellkomposter, geschlossene Kreisläufe auf den Betrieben. Nun postuliert die Organisation in ihrem Prospekt, dass Bio die Welt ernähren kann. Trotz meinem Respekt für die Seriosität der Arbeit von Herren und seinem Team sei die Frage erlaubt: Kann Bio wirklich die Welt ernähren? Hätte ich die korrekte Antwort parat, wäre mir ein Professorenpösteli an der ETH wohl sicher. Auf der Suche nach der richtigen Replik fand ich im Internet einen interessanten Artikel der linken deutschen „Tageszeitung“ aus dem Jahr 2008. Darin kommen Agrarexperten laut dem Autor zu  folgendem Schluss: „100-prozentig konventionell kann man die Menschheit nicht ernähren, ohne unvertretbaren Schaden anzurichten – aber 100 Prozent Öko geht auch nicht“. Dieselben Experten empfehlen eine wohldosierte Mischung von ökologischem und konventionellem Landbau. Wo immer möglich auf hofeigene Dünger setzen, mit Leguminosen den Stickstoffeintrag fördern und wo nötig mit synthetischen Düngern nachhelfen. Eine vollständige Umstellung von ganzen Drittweltländern auf Biolandbau würde diese noch tiefer in die Abhängigkeit von (meistens nicht biologisch erzeugten) Importen drängen, denn die Erträge sind im Biolandbau, das schleckt keine Geiss weg, tiefer. Umgekehrt ist die intensive konventionelle Landwirtschaft für die Kleinbauern ebenfalls kein vielversprechender Weg: Sie laufen Gefahr, sich mit Pestiziden zu vergiften, ihre Böden auszulaugen, in finanzielle Abhängigkeiten zu geraten und am Schluss mit abgesägten Hosen dazustehen. Gerade heute ist mir in der „Bauernzeitung“ ein Artikel aufgefallen, der dies exemplarisch zeigt. In Argentinien, so berichtet Auswandererin Marianne Winkelmann aus der Region Entre Rios, haben die Bauern grosse Probleme mit der GVO-Soja, einem teuren Produkt aus dem Hause Monsanto. Nachdem man 10 Jahre herbizidresiste Roundup-Ready-Soja gesät hat, sind die Felder heuer überwuchert mit dem Unkraut namens Rama Negra, dieses ist nämlich unterdessen resistent gegen den Roundup-Wirkstoff Glyphosat. 
Entscheidender als die Frage, ob Bio die Welt ernähren kann ist wohl diejenige, wie sich der Mensch künftig ernähren will, denn unbestrittenermassen kann die Welt auch die doppelte Menge Menschen ernähren. Allerdings wird dies sehr schwierig, wenn der Fleischkonsum, der für die Produktion bis zu 20mal mehr Fläche braucht als die Erzeugung pflanzlicher Kalorien, weiter ansteigt. Das Problem ist aber, dass mit steigendem Wohlstand, und diesen wollen wir niemandem in der zweiten und dritten Welt missgönnen, so sicher wie das Amen in der Kirche ein erhöhtes Bedürfnis nach Auto-Mobilität und Fleisch einhergeht.   

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4 Antworten to “Gute Frage: Kann Bio die Welt ernähren?”

  1. SubsistenzSVP'ler Says:

    Ja, auch bei mir flattern an Ostern manchmal eigenartige Lektüren ins Haus. Ei.

    „…Bedürfnis nach Auto-Mobilität und Fleisch“. – ebenso wie viel, viel Energie, Abfall und Abwasser, wenn mir der Autor diese Ergänzung erlaubt.

    Fazit: Eine Erhöhung der Produktion, ob nun Bio oder konventionell, ist immer mit ökologischen Opportunitätskosten verbunden. Die Frage, zumindest für mich, ist, ob diese nun gedulded, sogar propagiert oder vielleicht gar korrigiert werden sollten?

    Vor diesem Hintergrund darf man sich auch fragen, wie sinnvoll es ist, auch weiterhin auf Selbstversorgung zu verzichten und gar, wieviel Emission dem Homo sapiens detritus zugesprochen werden kann.

    5.5 Mio. Einwohner in der CH dürften das tolerierbare Mass an erzeugten Opportunitätskosten deshalb bereits weit überschritten haben. Interessant i.d.Zsh., dass die Grünen hier eine Grenze von 10 Mio. als absolut unproblematisch ansehen (Glättli, 2011).

    Vertikal farming, UrbanFarming oder diese Öko-Fischfreaks im Stall in Ehren, das Boot ist übervoll. Mit bester Empfehlung.
    Ihr SubsistenzSVP’ler

  2. ruth hofmann Says:

    Zum Thema hoher Fleischkonsum in den Industrieländern mit den teilweise grotesken Auswirkungen in Südamerika und Afrika war diese Woche auf Arte ein sehr informativer Beitrag zu sehen, welcher auf http://www.arte.tv noch einige Tage abrufbar ist: http://videos.arte.tv/de/videos/nie_wieder_fleisch_-6547386.html
    Interessant und beunruhigend! Gruss Ruth

  3. adriankrebs Says:

    Merci Ruth, das inspiriert mich grad – in Kombination mit der gestern veröffentlichten Fleischstatistik und dem Kälbergipfel – zum nächsten Post.

  4. Isabell Riedl Says:

    Klar kann es uns ernähren. Ich habe mehrere Studien zusammengefasst, die das beweisen: http://blog.wernerlampert.com/2013/12/bio-vs-konventionell/

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