Archive for Mai 2012

Die Rigi – mehr als ein Berg mit Fotoladen-Kühen

Mai 29, 2012

Nicht etwa aus reiner Adi-Solidarität, sondern weil er ein tolles Buch gemacht hat, schreibe ich heute über „Rigi – mehr als ein Berg“ von meinem Namensvetter namens Kälin, ein langjähriger guter Kollege, seis im Büro oder auf  Twitter. Als wir noch beide in der Zürich-Redaktion der alten Tante tätig waren, war ich Land-Adi und er Stadt-Adi. Stadt-Adi ist aber nicht nur ein langjähriger Begleiter und kritischer Beobachter des wuchernden Zürcher Bauwesens, sondern auch ein Rigi-Freak. Das gilt auch für den exzellenten Ex-NZZ-und heute Keystone-Fotografen Gaëtan Bally, der an der Rigi ein Ferienlogis sein eigen nennt und so quasi vor der Haustür die Bilder für das Buch ablichten konnte. Das am vergangenen Samstag am Berg eingeweihte Buch beleuchtet den legendären Innerschweizer Fels- und Grasmocken nicht nur aus historischer, touristischer, gastronomischer und sozialer, sondern natürlich auch aus landwirtschaftlicher Sicht. Zum Buch gehören deshalb zum Beispiel die Erfahrungen des Walliser Älplers in Innerschweizer Diensten und der augenzwinkernde Blick des Autors durch die Linse auf die japanischen Touristinnen, die in Begleitung einer Batterie von Milchkannen zum Gipfel unterwegs sind. Besondere Perlen sind auch die historischen Postkarten. Wer heute über Photoshop-Manipulationen lästert, soll sich mal das eingangs gezeigte Motiv anschauen, ich wette eine Kuhherde, dass diese hier aufgeklebt ist. Und wenn wir schon beim gambeln sind. Das schöne Buch kann man natürlich auch gewinnen – hier und jetzt. Vorausgesetzt es war nicht schon jemand schneller. Die Quizfragen, ihrer drei, sind ganz einfach: 1. In welchem Jahr wurde die erste Bahn auf die Rigi gebaut, 2. Von wo nach wo, und 3. Von wo kommt die andere her, die sich oben mit ersterer trifft? Antworten bitte in der Kommentarspalte. Viel Glück! (Bilder Postkarten Fotograf/Fälscher unbekannt, Adi Kälin, Gaëtan Bally)
PS. Wenn sich jemand wundern sollte, dass der Rigi über Nacht plötzlich weiblich geworden ist, dann hat das mit Publikationsreaktionen aller Art zu tun, die mich darauf hingewiesen haben, dass es DIE Rigi heisst (ausser in der NZZ, habe ich mir auch sagen lassen).
  

Irish farms with cows & against crows

Mai 25, 2012

It’s good to have a pal like Christian Mühlhausen, owner of Landpixel, a german agency for ag-pictures, who has specialised on travelling everywhere I have never been to. After Iceland, a few weeks ago, he has now visited Ireland. A very interesting country, ag-wise. Recently the first sector has contributed largely to improve the economic situation after the big crash following the explosion of the Dot.com-Bubble a few years ago. The success of the farmsector is based on an successful dairy- and meat-export-economy. That paid back for the farmers as you can see in last years income-statistics. Still, it seems unclear, whether the development will remain positive, because of the price-decrease for a number of agricultural commodities. Let’s hope, it’s not gonna be a milk-bubble…
But now back to Christians pics from his recent trip to the green island. He writes me, that Ireland has surprised him with beautiful landscapes, pretty cows and not so pretty farms. He concludes that the optical styling of the buildings and their surroundings is not one of the primary concerns of the irish farmers, while the landscapes are very well looked after (including the hedges) and the cows. The ones he saw were all in topconditions with corresponding average milkperformances of over 9000 kilos a year. He’s also praising the quality of the beef, that he has tasted a few times, mentioning at the same time, that the prices (farmgate price 4 Euros/kg young bull; shop price 13 to 22 Euros/kg) are relatively high, compared to the ones in his home country Germany.
Finally he sends me a few pics of a farm with a seemingly wide spread problem: crows or rooks, I’m not sure about the right name, that live on the farmfodder, shit everywhere and bring in diseases. The farmer is trying to keep the intruders away with a loudspeaker system that spreads the fright noises of all the important bird races (saved on a chip) in regular intervals around the clock. Other countries, other customs… Thanks for the pics and the interesting Eireinsights, travelling man! (All pictures Christian Mühlhausen/Landpixel)
 

Uelis Original & die doppelte Entwicklungshilfe

Mai 23, 2012

Heute wieder einmal ein schönes Chueli, einfach so. „Ich lese natürlich auch Deinen genialen Blog“, streicht mir ein alter Agrarjournalisten-Kollege Honig um den Mund, „im Anhang ein Bild einer OB-Kuh aus der Zucht von Hansruedi Aemisegger St. Peterzell auf der Alp Fessis GL, die sagenhafte Alp (Tim Krohn, Vrenelis Gärtli) wo OB gedeiht!“ Herzlichen Dank, lieber Ueli, für Lob und Bild. Zur Erklärung für allenfalls Uneingeweihte vielleicht nur noch das: OB ist die Abkürzung für Original Braunvieh. Dies im Unterschied zur Rasse Brown Swiss, die etwa 90 Prozent des Schweizer Braunviehs stellt. Original Braunvieh ist die ursprüngliche Rasse, deren Vertreter einst über den grossen Teich geschickt wurden, zwecks rinderzüchterischer Entwicklungshilfe. Die Amerikaner, fix wie sie sind, züchteten das Schweizer Braunvieh deutlich effizienter weiter als die einstigen Exporteure. Die Folge: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begannen die Schweizer Rinderzüchter zwecks Steigerung der Milchleistung mit dem Rückimport von Samen des amerikanischem Braunviehs, das dort mittlerweile zu Brown Swiss geworden war. Entwicklungshilfe für die Entwicklungshelfer von einst. Selbstverständlich gibt es heute einen Braunviehzuchtverband und einen separaten für die Original Braunen. (Bild Ueli Aeschbacher) 

Reklametion: Emmis schwacher Testosteronschub

Mai 21, 2012

Emmi ist ein wichtiges Unternehmen für die Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft. Ohne die stabile Performance der Luzerner in den Jahren des planwirtschaftlichen Zusammenbruchs Ende des letzten Jahrtausends gäbe es wohl einige Tausend Milchproduzenten weniger im Land. Aber allzu hoch loben wollen wir jetzt den Marktleader auch nicht. Vieles was damals aquiriert wurde, hat Emmi zu einem Spottpreis erhalten, man denke etwa an die gut gelegene und gut eingerichtete Toni-Molkerei im bernischen Ostermundigen, wo immer noch die legendären Joghurts im Glas hergestellt werden. Das soll aber den Erfolgsausweis nicht gross schmälern, seit Jahren wird hier solide gewirtschaftet, neuerdings vor allem von früheren oder späteren Migrosmanagern. Etwas weniger gefällt mir die Entfremdung des Unternehmens vom Bauernstand. Wie ich dieser Tage der Fachpresse entnommen habe, sind 62 Prozent des Emmi-Aktienkapitals in bäuerlichem Besitz. Davon merkt man nicht immer gleichviel. In der seit Jahren andauernden Instabilität am Milchmarkt gelingt es den Zentralschweizern prächtig, hinter den Kulissen mit eisernem Griff die Preise zu diktieren und vordergründig den schuldlos Unbeteiligten zu markieren, der sich lediglich nach den Verhältnissen des Marktes richtet. Schön exerziert das auch Verwaltungsratspräsident Konrad Graber in einem Interview im jüngsten „Schweizer Bauer“ durch.  Ich will heute aber eigentlich etwas anderes thematisieren, nämlich die Emmi-Reklame. Davon sieht man eigentlich relativ wenig, zumindest in den Publikationen und auf den Plakatwänden, die mir zu Gesicht kommen. Mehr Effort zugunsten der Milchwirtschaft schiene mir durchaus möglich. Nun ist mir doch wieder einmal eine Kampagne zu Gesicht gekommen und ich finde sie schwach (siehe Bild oben). Milch „von Kühen die Chuck, Bruce und Arnie heissen“, verspricht die Affiche für die Energy-Milch. Was soll das? Milch stammt immer noch von Kühen mit weiblichen Namen und nicht von solchen, die nach Actionhelden benannt sind, wenn schon müssten es dann weibliche Heldinnen sein, die gibt es nämlich auch, siehe zB. Angie (Jolie) oder Sandy (Bullock). Es sei denn man wolle die Energy-Milk jetzt im Stile eines Red Bull als Testosteron-Elixier für halsbrecherische Stuntpiloten positionieren. Das ist eine andere Art von Entfremdung von der Milchproduktion in einer Kampagne, die weder aufgeht, noch originell ist, obschon sie verzweifelt versucht, das zu sein und sich dabei auf eher peinliche Art und Weise anbiedert beim jungen Publikum. Das gilt auch für das zweite Sujet (siehe unten). Dass dann noch ein umweltschädlicher Flug in einem Jet als Preis ausgeschrieben wird, passt in das trübe Bild. Es gäbe in der Landwirtschaft weiss Gott genügend Kicks im naturnahen Rahmen, die ein bisschen Propaganda aus der eigenen Küche gut gebrauchen könnten. Wenn ich Emmi-Lieferant wäre, würde mich jeder der wahrscheinlich nicht zu knapp geflossenen Rappen reuen, der für diesen schwachen Testosteronschub ausgegeben wurde.
  

Fleckensteins freche Fleckvieh-Comics

Mai 18, 2012

Mein Arbeitskollege Eugen Fleckenstein ist nicht nur Freelance-Infografiker, sondern auch Comic-Zeichner, wie ich dieser Tage erfahren habe. Und was für einer! Jede Woche verarbeitet er statistische Erkenntnisse in der „Schweizer Familie“ zu einem Fumetto. Auch die Landwirtschaft kommt dabei nicht zu kurz. Da er um meine Vorliebe für behornte Vierbeiner weiss, hat er mir kurzerhand die entsprechenden Werke zugestellt.
Ein Talent, um das sich die Agrarpresse reissen müsste. Alle nötigen Infos finden sich im Link oben. Merci viel mal, lieber Eugen! (Comics Eugen Fleckenstein)

Endlich wieder Munibilder, AdR-FdB

Mai 16, 2012

Die Kuhbilddichte ist ja bekanntlich hoch auf diesem Blog, aber das männliche Rind kommt eher selten zu Ehren, diese Munibilder aus der Leserschaft kommen deshalb hochwillkommen. Urheber ist ein treuer Blogkunde, der sich auch gerne in der Kommentarspalte sowie als Korrektor zu Wort meldet und mir persönlich als Produzent einheimischer Lebensmittel bestens bekannt ist, der allerdings, um mit diesem Satz langsam zu Ende zu kommen, wenig Wert legt auf vollnamentliche Nennung und deshalb mit Vorliebe unter dem Pseudonym Fischerlon fungiert. Zu seinen schönen Bildern aus der Region für die Blogsphäre (AdR-FdB) schreibt er mir: „Seit 3 Wochen weidet eine Mutterkuh-Herde inkl. Ober-Macho direkt neben meinem Haus.“ Dass sich auch noch ein Regenbogen zum Ensemble gesellt, ist ein schöner Zufall und der sei wie die Bilder herzlich verdankt!
Hier das Prachtsexemplar von Limousinstier noch einmal im Vollprofil und im Porträt.
Zum Schluss noch das PS aus des Fotografen Mail: „Ich unternehm bei nächst bester Gelegenheit einen weiteren Versuch. Die Kühe und Kälber sehen da schon viel bilderbuchmässiger aus, machen aber jeweils einen Abgang, sobald die meinen Angstschweiss riechen…“ Nur zu, wir sind gespannt. (Bilder Fischerlon)

Das Show-Duell der Einkaufs-Spiegelfechter

Mai 14, 2012

Der Einkaufstourismus hat sich spätestens mit dem schwachen Euro zu einem Problem für den Schweizer Detailhandel entwickelt. Die CEOs der beiden Marktleader sind nervös. Der neue Coop-Chef Joos Sutter schlug kürzlich eine Senkung der Zollfrei-Grenze für Einkäufe im Ausland vor und wurde dafür harsch kritisiert, was letztlich zur Absage einer geplanten Anti-Einkaufstourismuskampagne der IG Detailhandel geführt haben dürfte. Auch Herbert Bolliger, der Migros-Geschäftsleitungsvorsitzende, agiert im Moment mässig souverän. Jüngstes Beispiel ist das merkwürdige Duell, das sich der Konzernchef mit der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) liefert. Die Geschichte geht so: Die SKS hat ein 16-seitiges Broschürchen, einen sogenannten Mini-Ratgeber herausgegeben, der den Konsumenten das grenzenlose Einkaufen erleichtern soll. Das hat einigen Staub aufgewirbelt, nicht zu Unrecht. Dass ausgerechnet die SKS den Einkaufstourismus aktiv fördert ist ziemlich inkonsequent, gefällt sich die Organisation doch ansonsten in der Rolle der Tier- und Umweltfreundin, zum Beispiel in ihrem neuesten Magazin wo man ein Plädoyer für farbiges Kalbfleisch findet. Dass nun die Konsumenten weit fahren sollen, um vermutlich nicht sonderlich tierfreundlich produziertes Fleisch zu kaufen, entspringt wohl dem verzweifelten Wunsch der SKS zur Profilierung als Preiskämpferin. Früher oder später wird die Organisation aber akzeptieren müssen, dass Qualitäts- und Tiefstpreisstrategie nicht zu verbinden sind. Die harsche Reaktion des Migros-Chefs aber ist dann schon fast grotesk. Ihm sei fast der Kopf abgefallen vor lauter Kopfschütteln über die Broschüre bescheidet er uns in der „Aargauer-Zeitung“. Ach, der Ärmste. Was ihn störte war aber nicht etwa der Inhalt, sondern der Preis von 9 Franken 50. Man zocke die Konsumenten ab, befand der Migros-Chef. Ausgerechnet. Ich bin überzeugt, dass die Migros – selber eine gigantische Einkaufstouristin, übrigens – den Konsumenten pro Kilo importiertem Rindfleisch mehr Marge abknöpft, als das Broschürli der SKS kostet. Wetten? Bolliger darf mir gerne das Gegenteil beweisen indem er seine Marge offenlegt. Aber diese sind auf der ganzen Breite – auch bei Coop – bestgehütetes Geheimnis. Nicht umsonst, wahrscheinlich. Vor diesem Hintergrund ist die Auseinandersetzung von SKS und Migros nicht mehr als ein Show-Duell von Spiegelfechtern.

Vor der Auffahrt: Kleines Alpkit (mit Quiz)

Mai 11, 2012

Diese Woche war ich am Inforama Hondrich an einem Alpsennenkurs. Nein, leider nicht als Teilnehmer, nur als Besucher in beruflicher Mission. Aber wieder einmal habe ich es mir vorgenommen, eines Tages selber zu gehen. Das Käsen wäre jedenfalls noch zu lernen. Am morgen gabs Theorie und am Nachmittag zogen wir schon die ersten Laibe aus dem Kessi, eine schöne Erfahrung. Wenn diese Kurse über die Bühne gehen, ist das ein sicheres Zeichen, dass der Alpsommer nicht mehr fern ist. In den nächsten Wochen werden Mensch und Vieh zu Hunderten und Tausenden in die Berge ziehen, um dort während einiger Monate zu leben, zu zaunen, zu weiden, zu melken, viel zu schaffen, aber ab und zu vielleicht gemütlich in die Sonne zu blinzeln. Dazu noch ein paar Tipps, natürlich rein subjektiv: Die besten Alphomepage ist Zalp, ein reichhaltiger Fundus von Stellenzeigen und -angeboten über Erlebnisberichte und Sicherheits-Ratgeber(-adressen) bis zu heissen Suppen (der besonderen Art). Herzlichen Dank übrigens auch für die Verlinkung. steht doch dort auf der Startseite: „Wenns auf der zalp nicht viel zu lesen gibt: Adi’s Agro-Blog“. Das freut mich sehr und beschert mir Verkehr. Die akribischste Alphomepage ist Alporama. Dort gibt es eine nicht enden wollende Liste der Schweizer Alpen samt Bildern, die aufzeigt, wie reich dieses Patrimoine (leider gibts auf Deutsch kein gutes Wort dafür), eigentlich ist. Dazu sollten wir Sorge tragen. Alporama gibt es übrigens auch in Buchform. Ernst Roth ein nicht sehr weit entfernter Verwandter von mir aus einer Emmentaler Käsedynastie hat unter dem Label „z’Bärg“ ein nicht weniger als 6-bändiges Inventar über die Berner Alpen erstellt, sehr lesenswert und ein idealer Wanderbegleiter. Das gilt auch für seinen Alpbeizli-Führer. Und wenn wir schon bei den Büchern sind. Es gibt zwei weitere lesens- und ansehenswerte Exemplare aus jüngerer Produktion. Da wäre einmal „Alp  himmelhoch – erdenschön“ von Martin Bienerth, dem Hornmilch-Käser aus Andeer. Das andere heisst „Alpsommer“ und stammt von der langjährigen Älplerin Susanne Reusser. Ersteres gewinnt Heidi für ihr kürzlich an dieser Stelle zerlegtes Suppenhuhn, dafür noch einmal herzlichen Dank! Das zweite Buch geht an diejenige Person, die mir als erstes schreibt, in welcher Gemeinde sich die Alp Bruch-Unteregg befindet. Viel Glück! Auch allen ÄlplerInnen übrigens!

MosCows(2): Mehr oder weniger super Märkte

Mai 8, 2012

Der Titel über der Mikroserie zu den leider schon wieder verstrichenen Tagen in Moskau ist ein leichter Etikettenschwindel. Ich habe in Russland keine einzige Kuh gesehen. Das einzige, was mir an Nutztieren zu Gesicht kam, waren zwei Pferde am Rande der Flughafenautobahn. Deshalb beschränke ich mich im zweiten und letzten Teil um die Lebensmittelbeschaffung in der Metropole mit mindestens 12 Millionen Einwohnern. Gegenüber den Zuständen, die ich 1985 angetroffen habe, hat sich die Versorgung enorm verbessert. Damals pflegten die Leute in jeder der endlosen Schlangen anzustehen, ohne zu wissen, was am Ende des Wartens auf sie warten würde. Aber man wusste genau, dass es etwas rares war, zum Beispiel Orangen oder Bananen. Heute gibt es in Moskau, wenn ich richtig geschaut habe, alles. Das Problem ist mehr, dass sich dies nicht alle leisten können. Während man früher Rubel en masse hatte und damit nichts kaufen konnte, ist das Einkaufserlebnis für die grosse Masse heute durch das Einkommen, es liegt bei 1500 Franken im Durchschnitt, limitiert. Das Preisniveau in Moskau unterscheidet sich nämlich vielerorts nicht gross von demjenigen in der Schweiz. Ja, es gibt sogar Orte, wo man eher mehr zahlt. Man nehme den Lebensmitteldetailisten Azbuka Vkusa („ABC des Geschmacks“). Dort kosten zum Beispiel Schweizer Käse deutlich mehr, als hierzulande: Der Emmentaler schlug dort mit rund 33 Franken pro Kilo zu Buche, der Gruyère  mit gar rund 60. Beide Produkte kosten in derselben Qualität hierzulande um die 25 Franken. Das Sortiment besteht weit darüber hinaus aus vorwiegend importierter und überteuerter, wenn auch sehr anmächelig präsentierter Ware. Nun ist es nicht so, dass es keine Alternativen gäbe. Den Märkten kommt bei der Versorgung eine grosse Bedeutung zu, auch wenn ich keine Prozentzahlen nennen kann. Der Dorogomilovskij Mart im Westen der Innenstadt ist einer der Grösseren, so habe ich mir sagen lassen. Das Angebot ist umfassend, wobei aber vom Pickles- über den Gemüse- bis zum Fleischhändler jeweils alle immer genau das gleiche anbieten. Neben den Märkten habe ich in den Quartieren, wo wir herumspaziert sind kaum gewerbliche Betriebe – also Bäckereien oder Metzgereien – gesehen. Soweit es diese gab in der Ära UdSSR sind sie nach dem Umbruch eingegangen. Das frei werdende Marktvolumen haben einerseits die erwähnten Detailhändler und andererseits Ketten wie zum Beispiel „Chleb (Brot) & Co“ übernommen. Wer es in die neue Weltordnung geschafft hat, sind die hunderten von Kleinstläden in den zahlreichen Unterführungen, wovon viele auch Lebensmittel verkaufen. An denen kommt keiner vorbei. Die Strassen sind derart breit und stark befahren, dass sich eine oberirdische Querung ohne Fussgängerstreifen leicht zum lebensgefährlichen Abenteuer entwickelt.

MosCows(1): Langlebige Untergrund-Brigaden

Mai 5, 2012

Aus privatem Anlass hat es mich für ein paar Tage nach Moskau verschlagen. Seit ich 1985 das letzte Mal da war, hat sich die Stadt an der Oberfläche ziemlich rundum verändert. Im Untergrund aber ist fast alles beim Alten geblieben. Die Metro sieht praktisch unverändert aus – und das ist gut. Das Denkmal sozialistischer ÖV-Kultur ist alleine die Reise wert. Ab den 1930-er Jahren haben die Realsozialisten hier alles verbaut, was der Ostblock an Stil, Architektur und Rohstoffen hergab. Edle Materialien, schicke Details, zum Beispiel bei den Lampen und Dekorationen, die noch heute zum Staunen Anlass geben. Weil die verstaatlichte Landwirtschaft einer der Kernsektoren des angestrebten gesellschaftlichen Aufschwungs war, mangelt es natürlich nicht an agridealsozialistischen Sujets in den Metrostationen. Per Zufall war uns dieser Tage das Glück beschert, in der Nähe der Station Kievskaja zu wohnen (merci, Dänu!), die der heute nicht mehr soo warmen Freundschaft zwischen Russland und der Ukraine gewidmet ist. Diese ist die Hochburg der Untergrund-Landwirtschaftspropaganda. Ein besonders schönes Beispiel ist das obenstehende Mosaik namens „Traktornaja Brigada pervoj MTS“ (Traktorbrigade der ersten Traktor- und Maschinenstation). Ein paar Dutzend steile Rolltreppenmeter weiter oben dann ein weiterer Höhepunkt. Ein 360-Gradpanoramabild im runden Eingangsgebäude. Dort gibt es unter anderem eine prächtige behornte Kuh, die ich der geneigten Leserschaft nicht vorenthalten will (Suchbild, Vergrösserung hilft).
Das ist aber noch längst nicht alles, immerhin gibt es total 185 Stationen auf 12 Routen, die täglich gegem 9 Millionen Passagiere transportieren. Die zweitschönste Station, die ich gesehen habe, ist auch aus landwirtschaftlicher Sicht die Majkovskaja, die dem georgischen Dichter Wladimir Wladimirowitsch Majakowski gewidmet ist. Die zentrale Halle zwischen den Geleisen ist hier mit starken Deckenmosaiken, umrundet von einem Lampenkranz, geschmückt. Dort findet man zum Beispiel die unten abgebildete Mähdrescherfahrerin, aber punktuell hängt der Metro-Himmel auch voller Äpfel und anderer Landwirtschaftsprodukte. Da ich nicht ganz alle 185 Stationen geschafft habe, hat mir auch der prächtige Band Moscow Metro noch einige Perlen beschert, die ich mehr schlecht und recht aus dem Buch abfotografiert habe. Zum Beispiel das omnipräsente Getreidebündel, ideologiegemäss verziert mit der Sichel aus Hammer und Sichel.