Schlaraffenland im Reich der 25 000 Hunde

Vergangene Woche besuchten wir anlässlich der Generalversammlung mit den Schweizer Agrarjournalisten den Kanton Genf. Ein Stadtkanton? Weit gefehlt: 115 der 282 Quadratkilometer sind landwirtschaftlich genutzt. Das Gebiet teilen 430 Betriebe mit einer stattlichen Durchschnittsgrösse von 30 bis 35 Hektaren unter sich auf. Die wichtigsten Einkommensquellen sind der Getreidebau und natürlich der Wein, den wir uns auf dem Betrieb von Yves Batardon in Soral zu Gemüte führten. Ich probierte nur die Weissen aus für mich einigermassen exotischen Sorten wie Altesse. Alles ausgezeichnete Tropfen, der schlechte Ruf der Genfer Weine ist längst Geschichte, so lassen wir uns am praktischen Beispiel belehren. Die Viehhaltung ist im Kanton traditionellerweise wenig verbreitet. Den 400 Milchkühen, die bei lediglich 6 Produzenten einquartiert sind, stehen nicht weniger als 25 000 Hunde gegenüber, mit den entsprechenden Problemen, wie uns der Direktor der Landwirtschaftskammer, François Erard erläuterte.
Den zweiten Teil des reichhaltigen Tages verbrachten wir in den Jardins de Cocagne („Schlaraffenland“). Die Gründer betreiben seit 1978 Community Supported Agriculture (CSA), viel länger als es den Begriff überhaupt gibt. Das meines Wissens erste Projekt dieser Art in der Schweiz und wahrscheinlich weitherum produziert im Vertrag mit 420 Kunden auf 6 Hektaren Gemüse und Früchte. Jeden Donnerstag wird an verschiedene Auslieferungspunkte in der Stadt geliefert. Es gibt grosse und kleine Säcke, das Jahresabo für den kleinen kostet 950 Franken, dasjenige für den grossen Sack 1300. Der Inhalt variiert. Wenn grad Kürbisse und Bohnen in Massen anfallen, kann der Sack auch einmal über 10 Kilos wiegen, erzählte uns Mitgründer Claude Mudry. Neue Kunden nehmen die als Genossenschaft organisierten Jardins nur noch auf, wenn alte ausscheiden. Die Bio-Produkte von der CSA-Farm erhält man aber auch dreimal wöchentlich an diversen Genfer Märkten. Erledigt werden die Arbeiten von 15 mehrheitlich in der Stadt wohnhaften Angestellten, die einen Brutto-Grundlohn von 4500 Franken erhalten, jedes Dienstjahr schlägt mit zusätzlichen 50 Franken zu Buche. Unterstützung erhält die Crew von den Kunden, die sich vertraglich verpflichten je 4 Halbtage jährlich auf dem Betrieb mitzuhelfen. Die stünden nicht etwa im Weg, sondern seien wichtige Arbeitskräfte, vor allem bei Arbeitsspitzen. Denn im Schlaraffenland ist die Wochenarbeitszeit auf für bäuerliche Verhältnisse bescheidene 45 Stunden beschränkt. „On essaye de rester vivant“, sagt Mudry. Guter Ansatz.

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