Bosnische Nachkriegs-Lektion für Liberalisierer

Für eine Reportage bin ich dieser Tage mit dem Bus nach Bosnien gereist. Das war aus landwirtschaftlicher Sicht nur mässig ergiebig, da die Reise von Zürich nach Sarajevo führte und die Halte dazwischen mehrheitlich aus Raststätten bestanden. Trotzdem gab es Interessantes zu sehen, wenn auch nur durch ziemlich beschlagene Scheiben, deshalb ist auch die Bildqualität nicht gerade bestechend.
Am spannendsten war der Kontrast zwischen der Republika srpska, dem von Serben dominierten Teil Bosniens mit der Haupstadt Banja Luka und dem von Muslimen und Kroaten bewohnten Gebiet der Föderation mit Sarajevo als Hauptort. Das Gebiet der Republika Srpska war einst mehrheitlich von Kroaten bewohnt. Diese wurden im Krieg, der vor 20 Jahren begonnen hat, praktisch zu 100 Prozent vetrieben und kehrten auch nicht mehr zurück. Ihre Häuser wurden nur zum Teil von Serben übernommen, da sie mehrheitlich zerschossen oder ausgebrannt waren und bis heute als bedrohlich wirkende Mahnmale für einen unsinnigen Krieg in der Landschaft stehen. Diese letztere ist ebenfalls gezeichnet vom Krieg. Da Landwirtschaft nur mässig profitabel ist und die Bauern verschwunden sind, hat sich niemand mehr um die Bewirtschaftung von riesigen Flächen gekümmert. 20 Jahre später zeigt sich, was passiert, wenn die Natur übernimmt. Ein gigantisches Experiment in Sachen Vergandung. Bis nahe an die bewohnten Siedlungen muss der Mensch kämpfen, das Gewucher unter Kontrolle zu halten. Es fängt immer gleich an, Verunkrautung, dann Verbuschung und zum Schluss Verwaldung. Obwohl ich ein grosser Freund des Grüns bin, war das in meinen Augen kein schöner Anblick. Es ist als ob die vernachlässigte Landschaft ihre Seele verloren hätte.
Das ganze ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich die Kulturlandschaft verändert, wenn die Bauern einmal weg sind. Zu ihren Aufgaben gehört es ja gemäss nationalem Verfassungsartikel, die Landschaft zu pflegen („Der Bund sorgt dafür, dass die Landwirtschaft durch eine nachhaltige und auf den Markt ausgerichtete Produktion einen wesentlichen Beitrag leistet (…) zur Pflege der Kulturlandschaft (und) zur dezentralen Besiedelung des Landes.“
Die grossen Liberalisierer, etwa von Economiesuisse, welche die staatliche Unterstützung für die Landwirtschaft immer wieder gern und wortreich ins Pfefferland wünschen, wohnen ja bevorzugt im Grünen – sei es im Erst- oder Zweitwohnsitz. Ich bin überzeugt, dass sie als erste lamentieren würden, wenn plötzlich die Verbuschung an den Rändern ihrer geräumigen Gärten nagen würden, oder der erste Jungwald ihre Aussicht zu trüben begänne.
Wie wichtig die Präsenz von motivierten Bewirtschaftern ist, zeigte sich in Bosnien kurz nach dem nicht markierten Grenzübetrtitt von der Republika in die Föderation (siehe zwei Bilder unten). Dort sind die Vertriebenen wieder zurück gekehrt, man sieht kaum noch Ruinen, die Flächen sind bis heran ans Flussufer gepflegt und das Ganze zeugt von Aufbruch und Optimismus. Für Wald übrigens und anderes unkontrolliert wachsendes Grün, bleibt trotzdem noch mehr als genug Platz.
  

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