Der leider falsch pfeifende Whistleblower

Dieser Tage habe ich wieder einmal die Nachrichten des von Erwin Kessler präsidierten Vereins gegen Tierfabriken (VgT) erhalten. Das Heft hat gemäss Angaben auf dem Titelblatt eine Auflage von 1,044 Millionen, was nach Coop-Zeitung und Migros-Magazin die drittgrösste im Lande wäre. Das zeigt, dass der VgT einige finanzkräftige Anhänger haben muss.
Bisher ist das Magazin bei mir bisher meist direkt ins Altpapier gewandert, Kessler ist mir einfach zu krass drauf. Der Mann ist von einer kompromisslosen Mission getrieben und das ist mir immer suspekt. Da ich grad Zeit hatte, habe ich die VgT-Nachrichten wieder einmal durchgeblättert. Der Inhalt ist immer derselbe. Die Sprache strotzt vor Kraftausdrücken in alle Richtungen: Fleischfressende Journalisten, die alles totschweigen, Schächtjuden, Grossverteiler, die verlogene Schreiben verschicken, egoistische Konsumenten, denen der Holocaust an den Nutztieren egal ist, etcetera etcetera. Kessler schlägt derart systematisch um sich, dass er ausserhalb seiner Entourage von laut VgT-Homepage 35 000 Mitgliedern kaum noch irgendwo Support findet. Selbst seinen Anhängern gegenüber gibt er sich unerbittlich. Ein Student der Lebensmittelwissenschaften, der in den neuesten Nachrichten grundsätzliches Einverständnis mit Kesslers Aktivitäten signalisiert, erklärt völlig zurecht, dass es unhaltbar sei zu behaupten, dass „Schweinefabriken schlimmer als KZs seien“, wie das der VgT immer wieder mal tut. In seiner Antwort fährt Kessler dem jungen Mann übers Maul und wirft ihm vor, gängige Klischees nachzureden und ein Opfer der suggestiven Indoktrinanion in den Mainstream-Medien zu sein.  
Eigentlich schade, dass Kessler ständig mit dem verbalen Zweihänder dreinschlägt, denn einige seiner Vorwürfe sind durchaus berechtigt. So kritisiert er im neuesten Magazin, dass in einem Auslaufstall für 18 000 Hennen nur ein kleiner Teil der Tiere jemals ins Freie gelangt. Das ist ein anerkanntes Problem. Weiter prangert er Bauern an, die ihre Kühe den ganzen Winter lang angebunden halten. Auch das ist eine Sauerei. Ausserdem gehe ich einig mit Kessler, dass die Schweinehaltung vielerorts ungenügend ist. Das Problem ist nur, dass die permanente Vollrohr-Offensive des Thurgauers kaum etwas bewirkt ausser Ablehnung und Gerichtsverfahren. 
Man muss ja als kämpfender Tierfreund nicht grad so staatstragend werden, wie der Schweizer Tierschutz und sein Geschäftsführer Hansuli Huber. Aber ein Franz Weber, ebenfalls kein Kind von Zahmheit, hat mit seiner Mischung aus Militanz und Konsens, aus zeitgerechtem Chambrieren und lautem Poltern viel mehr erreicht als Kessler, zum Beispiel unlängst den Sieg in einer Volksinitiative. Das ist noch nicht manchem Politaktivisten hierzulande gelungen. (Bild 20min.ch)

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3 Antworten to “Der leider falsch pfeifende Whistleblower”

  1. Matthias Rackwitz Says:

    dieser Artikel gefällt mir, ich erlebe es auch oft, dass missionierende Veganer sich gern als Menschenfeinde darstellen – dadurch gehen selbst richtige Gedanken der Allgemeinheit verloren

  2. Vreni Says:

    Normalerweise geht allen der Rollladen herunter, wenn man Kessler erwähnt. Danke Adi, dass du trotz seines fürchterlichen Stils genauer hingeschaut hast! Denn Kessler dokumentiert mit Bildern durchaus reale Missstände wie alte Ställe, vollgepfercht mit Hochleistungsrindern, ohne Licht, z.T. monatelang ohne Auslauf im Winter … Der Tierschutzvollzug ist in einigen Kantonen mangelhaft, und es bestehen Lücken etwa bei Bio. Das abgeschlossene Auditprogramm der Bundeseinheit für die Lebensmittelkette „Tierschutzvollzug bei Nutztieren“ ist aufschlussreich (Schlussbericht vom 5.9.11 auf dem Internet zugänglich). Ich bin per Zufall darauf gestossen, denn in die Medien getragen wurde diese Erkenntnis natürlich nicht.
    Auch eine wirkungsvolle Direktzahlungskontrolle existiert nicht. Eine Interpellation von Nationalrat Daniel Jositsch „Keine Alibi-Kontrollen auf Landwirtschaftsbetrieben“ wurde vom Bundesrat abgelehnt, mit der Begründung man arbeite daran.
    So staune ich immer wieder über Theorie und Praxis bzw. Gesetz und Vollzug.

  3. adriankrebs Says:

    Danke Vreni für den interessanten Hinweis, hier noch der Link zu den diversen Auditberichten:
    http://www.bvet.admin.ch/blk/02554/03781/index.html?lang=de

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