Zürich – das schlecht geführte Versuchslabor

Der Kanton Zürich ist ein Versuchslabor der Schweizer Landwirtschaft: Nirgendwo sonst im Land ist der Siedlungsdruck und das Bevölkerungswachstum derart hoch. Das führt zu Konflikten, wie derjenige in Dägerlen (siehe Bild oben), wo sich Anwohner über die Geruchsimmissionen eines Laufstalls beschweren. Ähnliche Auseinandersetzungen gab es auch in Lindau, als die landwirtschaftliche Schule Strickhof dort einen neuen Schweinestall mit Ausläufen eröffnete. Derartige Konflikte sind ein Teil dieser Enge, in der die Zürcher Bauern produzieren. Sie müssen damit leben lernen. Erstens gehören sie selber zu den grössten Profiteuren des Siedlungswachstums. Viele Landwirte sind mit Landverkäufen zu Millionären geworden und werden dies immer noch. Zweitens bietet wohl kein anderer Kanton derart ideale Voraussetzungen für den Direktverkauf und Regionalproduktion zuhanden der Grossverteiler. Vor der Haustüre eines jeden Bauern siedelt im „Millionenzürich“ kaufkräftige Kundschaft, die in ihrer Mehrheit den Bauern positiv gegenübersteht und gerne in anmächeligen Hofläden und im Kanton hergestellte Produkte einkauft. Das Florieren des Labels „Natürli“ und von Betrieben wie Jucker Farmart sind nur zwei Beispiele. Diese Kundschaft muss man auch pflegen: Die erholungsbedürftige Gesellschaft im nationalen Wirtschaftsmotor will eine gepflegte Landschaft mit Blumenwiesen, Hecken und gurgelnden Bächen. Soll keiner sagen, dass darin keine Landwirtschaft mehr Platz hat. Die Zürcher Betriebe sind schlagkräftig: Reine Ackerbaubetriebe, in Betriebsgemeinschaften produzierende Milchproduzenten mit grossen Kuhzahlen, rationell eingerichtete (Bio-)Gemüseproduzenten, unter erschwerten Bedingungen produzierende aber erfolgreich vermarktende Bergbauern im Tösstal und eine Winzergilde mit qualitativ hochstehendem Ausstoss an Gewächsen. Kein Grund zum Jammern also. Vor diesem Hintergrund macht die Dachorganisation der Zürcher Bauern derzeit Brutta Figura. Der kantonale Bauernverband (ZBV) verharrt seit Jahren in der Defensive. Jüngste Beispiele sind die Niederlage vor dem Zürcher Verwaltungsgericht vom Freitag, wo man sich gegen den Gewässerschutz ohne Not weit zum Fenster auslehnte. Desgleichen bei der Kulturlandinitiative, wo der Vorstand zwar Stimmfreigabe beschloss, nach dem Ja des Zürcher Volks aber den Präsidenten zum „freiwilligen Rücktritt“ bewegte, der sich die Freiheit rausgenommen hatte, die Initiative zu befürworten. Das ist umso bizarrer, als das Volksbegehren die produzierenden Landwirte unterstützt, die der ZBV immer an vorderster Front zu schützen behauptet. Das Problem des ZBV ist die enge Verquickung mit der kantonalen SVP, die im Dienste ihrer Immobilienfreunde ein Nein zur Kulturlandinitiative beschlossen hatte. Wenn der ZBV eine glaubwürdige Vertretung aller Zürcher Bauern bleiben will, tut er gut daran, in dieser ländlichen Zweckehe demnächst die Scheidung einzureichen. Denn zu unberechenbar und opportunistisch ist die SVP als Partnerin der Bauern, das gilt nicht nur für den Kanton Zürich, sondern für die ganze Schweiz. Je nach Bedarf spielt sie die Bauernfreundin oder die neoliberale Schiene und lässt die Bauern fallen wie heisse Kartoffeln.

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Eine Antwort to “Zürich – das schlecht geführte Versuchslabor”

  1. Ion Says:

    Tja, Hauptsache ist doch, dass die Initiative angenommen wurde.
    Auch wenn ich diese ebenfalls befürwortet habe, sehe ich aber persönlich nicht, dass diese substantiell etwas am herrschenden Druck an den Gewässern ändern wird.

    Wie sich meinen offenen Augen, gerade heute eindrücklich und auch generell im 2012 offenbart, liegen die Probleme leider viel tiefer und sind zumindest auf meinem Radar, also Alpen-Nordhang, erschlagend.

    Die Initiative ist ein Tropfen auf den heissen Stein und etwas Balsam für die grüne und städtische Seele, Brot und Spiele, mehr nicht.

    Würde man z.Bsp. die noch wenigstens teilweise vorhandene Artenvielfalt unter Wasser langfristig erhalten, um nicht zu sagen sichern wollen, wäre nicht nur die SVP, aber die SP und Monsieur Glättli obendrauf genauso überfordert.

    Eine wirklich greifende Lösung ist deshalb nicht im geringsten von politischen Parteien und deren Programmen abhängig, sondern schlicht von einem Paradigmen-Wechsel der Seinesgleichen noch sucht.

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