Grossverteiler sind schwach auf der Pouletbrust

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Der Schweizer Tierschutz (STS) hat diese Woche die Resultate einer interessanten Umfrage publiziert: Sämtliche 103 (!) Poulet- und Trutenfleisch importierenden Firmen wurden unter anderem gefragt, ob sie die Produktionsbedingungen des Fleisches kennen und falls ja, ob diese lascher oder strenger seien als in der Schweiz. Ergebnis (siehe Tabelle unten): Bis zu 30% der Importeure, die auf die Umfrage geantwortet haben, wissen nichts über die Produktionsverhältnisse. Von denen, die es wissen sagen im Schnitt über 50 Prozent, dass die Haltungsvorschriften schlechter sind als in der Schweiz und durchwegs 0, in Worten null Prozent erklären, dass im Ausland tierfreundlicher gehalten wird. Soweit so schlecht.
Fakt ist: Pouletfleisch boomt. Dafür verantwortlich sind einerseits die ernährungsphysiologisch als günstig betrachtete Fettarmut und zweitens der Preis. Fakt ist auch, dass der Importanteil leicht über 50 Prozent liegt. Pro Jahr stehen 48 500 Tonnen Kontingent mit reduzierten Zollsätzen zur Verfügung. Das heisst, es locken fette Gewinne auf dem importierten Fleisch, das aus 14 Ländern von Brasilien bis Ungarn mit massiv tieferen Produktionskosten als in der Schweiz eingeführt wird.
Die mit Abstand grössten Profiteure dieses Systems sind Bell (Coop), Micarna (Migros) und die Basler GVFI, ein ausserhalb der Branche kaum bekannter Importmulti. Dass ausgerechnet die beiden Grossverteiler in diesem Geschäft dick absahnen ist zwar ihr Recht, aber es zeigt wieder einmal wie kurz das Ökomäntelchen zuweilen ist, mit dem sie die Realitäten in ihrem Fleischgeschäft gerne kaschieren.
Namentlich Migros macht im Moment im Geflügelbereich keine gute Falle. Man kann in die Läden, wann man will und es gibt immer mindestens eine panierte brasilianische Aktion, auch heute (siehe Bild). Dazu kommt, dass auch in der Inlandproduktion kaum mehr Labelware angeboten wird, einmal abgesehen von einem Sélection-Maispoulet aus dem obersten Preissegment.
Coop steht an diesem Punkt mit einem breiten Labelangebot etwas besser da. Was die Importe angeht ist das Volumen bei Coop (>8000t) aber grösser als bei Migros (>7000t). Brasilien ist vor allem bei der Charcuterie stark vertreten, dabei wäre gerade das ein idealer Ort, um die zahllosen Schweizer Suppenhühner zu verwerten. Ungarn, ein anderer Grossexporteur ist im Coop Billigsegment (Prix Garantie) ein häufiger Gast.
Fazit: Beide Grossverteiler sind beim Gefügelimport gerne bereit, ihre im Inland ostentativ zur Schau getragene und für PR stark genutzte Nähe zur Natur und zum heimischen Schaffen zu vergessen, wenns ums Ökonomische geht. Ich schätze, dass die durchschnittliche Marge beim Importpouletfleisch 150 Prozent des Einkaufspreises beträgt. Im Inland liegt diese eher zwischen 50 und 100 Prozent. Allfällige Berichtigungen nehme ich in der Kommentarspalte gerne entgegen.

2 Antworten to “Grossverteiler sind schwach auf der Pouletbrust”

  1. Katharina Says:

    Felix Wehrle von Coop hat mir vor Weihnachten auf meine Kritik betr. Billigfleisch-Importe aus tierverachtender Haltung das Folgende geantwortet: „Das Engagement von Coop für tiergerechtes Fleisch geht weiter und ich behaupte mit etwas Stolz, dass Coop mit Abstand den höchsten Anteil an tiergerechtem Fleisch hat. Über 80% unseres Fleischabsatzes ist Naturaplan oder Naturafarm.
    Es ist aber – aus meiner Sicht leider – eine Tatsache, dass für eine beachtliche Minderheit dieses Landes beim Fleisch primär der Preis zählt. Haben Sie am Wochenende einmal geschaut, wieviele Schweizer im Ausland Fleisch einkaufen? Leider primär spottbilliges Fleisch aus anonymen Tierfabriken. Auch wir können nicht tatenlos zuschauen, wie zwar Naturaplan und Naturafarm erfreuliche Umsätze machen, wir aber dennoch deutliche Umsatzeinbussen beim Fleisch erleiden. Deshalb sind auch wir auf Ergänzungsimporte beim Fleisch angewiesen.
    Als Herausgeber der Coop Zeitung weiss ich, dass auch bei der Werbung mindestens 80% dem tiergerechten Schweizer Fleisch gewidmet ist.
    Natürlich hätte ich persönlich wie Sie gerne 100% tiergerechtes Schweizer Fleisch.
    Wir bleiben dran.“
    Ich wollte kürzlich wieder einmal Fleisch essen, verlangte also in einer COOP-Filiale Naturaplan-Fleisch. Die Verkäuferin wusste nicht einmal, dass es das gibt. Es scheint, dass Bio-Fleisch immer noch Mangelware ist. Die Bauern produzieren an den Steuerzahlenden vorbei. Es gibt Milch- und Fleischüberschüsse, aber zuwenig Bio. Auch Bio-Gemüse und -Früchte müssen in grossen Mengen importiert werden. Produzieren die Schweizer Bauern zu wenig ökologisch?

  2. Hotcha Says:

    Ein guter Beitrag, danke. Mich ärgert schon lange diese Importiererei von Billighühnern und -Kaninchen, selber esse ich nur einheimisches Geflügel und Gekrieche, es ist nicht nur weniger hochgespritzt, sondern eben auch feiner. Beizen, die solche Grusligkeiten auf der Karte haben, versuche ich zu meiden, das ist allerdings praktisch unmöglich. Sicherlich bestelle ich nichts mit solchem Geflügel drin.

    Vor ein paar Jahren war mal was mit verseuchten Geflügel, da war ein bisschen Ruhe in dieser Hinsicht, aber es war von kurzer Dauer, schon wird wieder hauptsächlich auf den Preis geguckt.

    Es ist ein ganz übles Thema, auch die Importe von Pseudobio aus Italien Spanien etc. Leider fallen auch an sich kluge Leute auf das Biomäntelchen rein, es ist zum Haaröl seichen.

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