Die visionäre Agrarallianz mit der Sonntagspresse

Ich stelle immer wieder fest, dass landwirtschaftsferne Journalisten ein Faible für Bauernbashing haben. Es steht mir fern, jetzt zu einer Kollegenschelte auszuholen. Die Agrarpolitik ist tatsächlich ein Thema, das als Aufreger geradezu prädestiniert ist. Eine schrumpfende Berufsgattung, die politisch überproportional vertreten und punkto Lobbying überdurchschnittlich begabt ist, bezieht Jahr für Jahr rund 3 Milliarden Franken aus der Bundeskasse und erfrecht sich in ihrer grossen Mehrheit trotzdem, die Liberalisierung des Handels und den Umbau der Schweiz in ein Bio-Paradies kritisch zu hinterfragen oder gar zu bekämpfen. Ich versuche meinen lieben Kollegen immer wieder und mehrheitlich erfolglos zu erklären, dass die Bauern erstens nur einen kleinen Teil der Direktzahlungen bei sich behalten (das meiste geht an vor- und nachgelagerte Sektoren) und dass es zweitens den Staat massiv teurer zu stehen käme, wenn er die gemeinwirtschaftlichen Leistungen an Landschaftsgärtner übertragen würde, wobei nicht einmal qualitativ gute Lebensmittel produziert würden. Item, immer wieder lese ich also, häufig in der Sonntagspresse, Artikel, die mit scharfen Worten „die Bauern“ an den Pranger stellen, sei es weil sie angeblich zu hohe Direktzahlungen kassieren, sei es weil sie unsachgemäss politisieren. Letzten Sonntag war es wieder einmal so weit. „Bauernverband schadet laut Bund den Bauern“, erklärte uns die „NZZ am Sonntag“, die ein besonderes Faible für landwirtschaftskritische Berichterstattung entwickelt zu haben scheint. Der Inhalt soll hier nicht im Mittelpunkt stehen. In kurzen Sätzen wird den Lesern erklärt, dass der Schweizerische Bauernverband (SBV) mit seinem Lobbying für eine „produzierende Landwirtschaft“ in der Diskussion um die Agrarpolitik 2014-2017 (AP14/17) daneben greife und für eine Variante plädiere, die das Einkommen der Bauern mittelfristig senke. Der „Schweizer Bauer“ hat heute gut verständlich, wenn auch mit parteiischer Brille erklärt, warum hier nur die halbe Wahrheit erzählt wird. Ich will aber auf etwas anderes fokussieren: Mir ist jetzt zum widerholten Male aufgefallen, dass sich das NZZ-Sonntagsblatt den zwei oppositionellen Agrarpolitik-Thinktanks extrem nahe steht. Während der Geschäftsführer der „Agrarallianz“ im Artikel ausführlich Stellung nehmen darf, war die „Vision Landwirtschaft“ kaum war der Artikel erschienen, schon mit einer Medienmitteilung zur Stelle. Ich fresse eine Zuckerrübe samt dem Kraut, wenn die Journalisten die Geschichte nicht von einem der beiden Organisationen gesteckt erhalten hat. Nicht dass es verboten wäre, enge Beziehungen mit diesen Gruppierungen zu pflegen. Nur finde ich es ein bisschen heikel, deren Position dann derart ungefiltert zu übernehmen und sich so vor ihren Karren spannen zu lassen. Man vermittelt dem Leser so den Eindruck, dass „die Bauern“ en bloc Direktzahlungs-Schmarotzer oder Opfer der Lobbyisten seien. Dem ist nun aber keineswegs so. Sowohl die Allianz wie auch die Vision stehen den eher ökologisch und liberalisierungsfreundlich ausgerichteten Bauern nahe, die im AP14/17-Poker ebenso knallhart für ihre Interessen kämpfen, wie der SBV und seine Entourage. Das dürfte man der Leserschaft ruhig noch etwas transparenter machen.  
PS. Auf Wunsch von Kommentator Roman hier die im Artikel erwähnte Berichterstattung im „Schweizer Bauer“ vom 25. Juli, die leider nicht online erhältlich war, als Foto. Ich hoffe, das ist einigermassen lesbar. Zum Vergrössern bitte auf das Bild klicken.

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8 Antworten to “Die visionäre Agrarallianz mit der Sonntagspresse”

  1. Ion Says:

    Tja, ich wollte, ich hätte die Gabe, meine Meinung so dezent wie in diesem Artikel wieder geben zu können. Vielleicht kommt’s ja noch.
    Feine Kost ist das.

  2. Katharina Says:

    Diese Kommunikationsstrategie dürfte langfristig nicht aufgehen. Einmal war’s der Tagi, jetzt die NZZ am Sonntag. Es gibt Prinzipien, die man nicht verletzen darf. Wichtige Informationen erhalten alle Medien gleichzeitig per Medieninformation. Oder man bedient ein einziges Publikationsgefäss exklusiv mit interessanten Informationen oder einer Enthüllungsgeschichte. Je nach Brisanz ziehen die andern nach oder bleiben stumm. Diese Kombination von Bevorzugung und Medieninformation, wie sie Vision Landwirtschaft pflegt, verärgert Medienleute statt sie zu motivieren.

  3. ueli ineichen Says:

    Der SBV hat sich nun einmal für die produzierende Landwirtschaft entschieden. Und er scheint dabei zu bleiben. So weit, so schlecht. Schade ist, dass der SBV dabei übersieht, wie VERWALTUNG und politik ihren ausufernden Zynismus der Landwirtschaft und ihren Bauern gegenüber kaum mehr kaschieren. Der Selbstversorgungsgrad, des SBV liebstes Stichwort, ist bei Licht besehen (Importe von Energie und Futtermitteln, Dünger, etc. eingerechnet) weit unter die Marke von 50% gefallen. Da ist es nur noch zynisch, den Bauern „Versorgungssicherheits“-Beiträge aufzuschwatzen. Der Vorschlag des BLW, nur noch rassenreine Viehzucht unterstützen zu wollen, ist das jüngste Beispiel jetzt, da die Bauern endlich herausgefunden haben, dass Kreuzungstiere ihrer Robustheit wegen gesünder sind und länger leben (= Ertrag abwerfen).
    Im Konzert der Akteure rund um die Landwirtschaft ist ein Tenor unüberhörbar geworden: „Alle Schweizerbauern zu Bio mit möglichst wenig Inlandprodukt; ihre Existenzsicherung überlasse man dem Steuerzahler, dieweil Importeure sich frei tummeln dürfen.
    Wir Bauern sollten uns auf bauernschlaue Art zynisch verhalten, für die nächsten 10 Jahre vor allen Dingen Beitragsoptimierung betreiben. Die Wetter- und Welternährungsprognosen stimmen nicht gerade optimistisch.

  4. Guido Says:

    Geld machts möglich: Vision Landwirtschaft hat ein grosszügiges Budget von 250’000 Fr. im Jahr, das ihr von der Mava Stiftung (= Pharmariese Roche) überwiesen wird, dafür dass sie die öffentliche Meinung beeinflusst.
    Damit zahlt Vision Landwirtschaft a) die Agrarallianz und b) Medienberater Ivo Bachmann, der seine Kontakte zur Medienwelt nutzt um seine Mandanten in die Schlagzeilen zu bringen. Denn die Visionäre müssen der Mava ja Rechneschaft ablegen. Und je öfter und prominenter sie in den Medien sind, desto fleissiger rollt der Rubel. Dass der visionäre Geschäftsführer Bosshard sich so sehr für die neue Agrarpolitik einsetzt hat ebenfalls mit Geld zu tun: Sein Büro lebt von Aufträgen für Vernetzungsprojekte und Landschaftsqualität – allesamt bezahlt aus dem Agraretat.

  5. adriankrebs Says:

    Danke für die interessanten Ergänzungen, Kommentare, Blumen. Besonderen Dank an @Guido für die Hintergründe zur Vision, ist schon immer wieder aufschlussreich, wenn auch nicht vollkommen überrraschend, zu sehen, wie gross die Reichweite der Multis ist.

  6. Guido Says:

    Leider fragen die meisten Medien nie, welche Interessen die Ökolobby verfolgt. Was sich in ein grünes Mäntelchen hüllt, wird per se als glaubwürdig, selbstlos und gut angesehen – und medial vorbehaltlos (bis hin zu hirnlos) unterstützt. Besonders von jenen Medien die von sich behaupten, dass sie über Hintergründe aufklären. Das gilt auch für Adis Arbeitgeber NZZ.

  7. Roman Says:

    Danke für die ausgewogenen Analysen zur Landwirtschaftsscene. In diesem Beispiel verstehe ich aber die kritische Haltung zu den Ideen der Vision Landwirtschaft nicht ganz (ausser dass sie von der Pharmaindustrie gesponsert werden). Es geht meiner Ansicht nach nicht um Bauernbashing sondern im Gegenteil darum wie man eine Bauernschaft erhalten kann, die sich für das Allgemeinwohl einsetzt und deren Einkommen sichert. Leider konnte ich die Gegendarstellung vom Schweizer Bauern nicht finden. Würde mich noch interessieren.

  8. adriankrebs Says:

    @Roman: Die Berichterstattung im „Schweizer Bauer“ ist jetzt dem Artikel angehängt

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