Andreas gegen Markus: Das Kandidaten-Rating

Grosse Ereignisse werfen ihren Schatten voraus: Am 21. November wählt der Schweizerische Bauernverband (SBV) einen neuen Präsidenten und damit den Nachfolger des gegenwärtigen Nationalratspräsidenten Hansjörg Walter.
Der Posten ist kein einfacher. Der SBV gleicht einem Flohzirkus. Die nach Regionen und Produktionszweigen gegliederten Teilverbände haben zum Teil stark divergierende Interessen. Ein Schweinehalter und ein Getreideproduzent zum Beispiel, haben die Gerste nur selten auf derselben Bühne. Deshalb muss der SBV-Präsident im Management gegen innen stets mit angezogener Handbremse fahren. Gegen aussen hingegen muss er als Top-Lobbyist Gas geben und bei Bedarf poltern, um die Bauernsame prosperierend in die Zukunft zu führen.
Zur Wahl treten vor den Delegierten nicht weniger als vier Kandidaten an. Deren Chancen sind unterschiedlich. Josef Dissler und Fritz Glauser sind Aussenseiter, derweil Andreas Aebi und Markus Ritter die Favoritenrolle innehaben. In bald drei Monaten wird gewählt, höchste Zeit für ein kleines Rating der beiden Frontrunners in verschiedenen Kategorien.
Wahlkampf: Markus Ritter ist seit einiger Zeit mit Zeitungsinseraten in der Landwirtschaftspresse präsent. Inhaltlich ist diese allerdings nicht grad eingängig. Der Claim lautet: „Markus Ritter ist die gute Wahl ins Präsidium des Schweizerischen Bauernverbands“. Daneben ein Zitat des Kandidaten: „Die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft und das Wohlergehen der Bauernfamilien sind mich die Hauptmotivation für die Kandidatur.“ Na ja, inhaltsleerer geht es kaum, aber jeder Stellungsbezug würde angesichts der erwähnten divergierenden Interessen die Wahlchancen schmälern.
Andreas Aebi ist dagegen bisher überhaupt nicht in Erscheinung getreten. Er setzt offenbar auf seine Präsenz an Auktionen und auf das Renommee als OK-Präsident des nächsten Schwing- und Älplerfestes in Burgdorf 2013.
Resultat: Beide Taktiken haben Risiken. Zuviele Inserate werden beim Landvolk den Argwohn wecken, dass Ritter zuviel Geld haben muss. Aebis Selbstvertrauen in die eigene Bekanntheit ist nachvollziehbar, aber ausserhalb des Bernbiets und der Westschweiz fehlt es ihm noch daran. Leichte Vorteile für den St. Galler: 3/4 Punkte für Ritter, 1/4 Punkt für Aebi. 
Politisches Gewicht: Markus Ritter ist erst seit 2011 im Nationalrat und hatte noch wenig Gelegenheit, sich zu profilieren. Von den zwei aktenkundigen Vorstössen befasst sich der eine mit der Verlängerung des Gentech-Moratoriums für die Schweizer Landwirtschaft.
Res Aebi ist zwar schon seit 2007 im Rat, viel weltbewegendes hat er allerdings noch nicht produziert, aktenkundig sind 15 Vorstösse, mehrheitlich zu Landwirtschaftsfragen, darunter 11 Fragen in der Fragestunde. Aebi ist ausserhalb der Landwirtschaftslobby den Hinterbänklern zuzurechnen.
Resultat: Je ein halber Punkt.
Politische Herkunft: Ritter gehört zur CVP, die turnusgemäss an der Reihe wäre, wenn man das ungeschriebene Gesetz befolgen würde, dass die bürgerlichen abwechslungsweise drankommen. Vor Walter (SVP) war Marcel Sandoz (FDP) der Herrscher im Bauernolymp.
Andreas Aebi gehört zur SVP und vertritt dort den kleiner werdenden Anteil von klassichen Bauernvertretern, die mit den übrigen Themen der zürcherisch geprägten Parteiideologie wenig am Hut hat. Deshalb guter Stallgeruch, der den Nachteil der Parteizugehörigkeit wettmacht.
Resultat: Ritter 1/2 Punkt, Aebi 1/2 Punkt.  
Karriere: Markus Ritter (45) hat sich die Sporen im regionalen Verbandsbereich abverdient. Bis im kommenden März präsidiert er den St. Galler Bauernverband. Daneben ist er als Stadtrat von Altstätten in der Gemeindepolitik tätig, dieses Amt wird er Ende Jahr aufgeben.
Andreas Aebi (54) ist stärker verbandelt mit den Tierzüchtern und der Milchproduktion: Präsident Swissherdbook, wie der Fleckviehzuchtverband neudeutsch heisst, Verwaltungsrat Swissgenetics und Lobag Milch AG. Bis 2008 war er zudem zehn Jahre aktiv in der Alchenstorfer Politik als Gemeindepräsident.
Resultat: Unentschieden, da beide mit klassischem Dienstweg und ohne Tolggen im Reinheft, zumindest nicht solche, die national Schlagzeilen gemacht hätten. Ritter 1/2 Punkt, Aebi 1/2 Punkt. 
Homepage: Markus Ritters Homepage kommt seit einigen Tagen aufgefrischt daher. Sie ist aktuell und inhaltlich voll auf den Wahlkampf ausgerichtet. Das Design ist modern und farbig. Die Seite ist dreisprachig.
Andreas Aebis Seite setzt voll auf das bewährte. Klassisches Design, eher Grautöne als Farbe. Seit ich vor gut einem Jahr das letzte Mal darauf geschaut habe, hat sich kaum etwas geändert, ausser einem kleinen Hinweis auf der Auftaktseite, einsprachig.
Resultat: 1 Punkt für Ritter. 
Rhetorik: Ich habe Markus Ritter erst selten reden gehört, das bisherige war im Bereich braver Schweizer Nationalrats-Durchschnitt. 
Res Aebi dagegen ist als Auktionator ein mit allen Wässerchen gewaschener Rhetoriker inklusive Humor, Taktieren, Pannen überspielen etc. 
Resultat: 1 Punkt für Aebi  
Credibility: Ritter ist ein Landwirt, der auf das Kerngeschäft fokussiert: Betrieb, Verband, politische Interessenvertretung.
Aebi tanzt auf vielen Hochzeiten, das bringt zwar viele Bekanntschaften aber auch eine Verzettelung und das Landvolk wird sich fragen, ob er überhaupt noch Zeit hat für einen derart anspruchsvollen Posten. Neben seinem Hof, den diversen Verbands- und Politämtern betreibt er ein Reisebüro und braucht viel Energie im Schwingerämtli.
Resultat: 1 Punkt für Ritter.  
Vernetzung: Ritter ist deutlich jünger und sein Netzwerk dürfte kleiner sein, als dasjenige von Aebi, der mit seinem geschliffenen Mundwerk leichter den Zugang zu neuen Kreisen finden dürfte als der eher scheu wirkende Ritter.
Resultat: 1 Punkt für Aebi
Agrarpolitische Eignung: Ritter ist ein klassicher Vertreter der forschen Ostschweizer Agroszene. Dort stehen – ohne die gleichen idealen terrestrischen Voraussetzungen wie in der Westschweiz -viele der profitabelsten und am modernsten wirtschaftenden Betriebe des Landes. Gleichzeitig passt Ritter als diskreter Bio-Landwirt – er macht damit nicht viel Aufhebens weil das schaden könnte bei den Konventionellen – in das Anforderungsprofil des Bundes: wettbewerbsfähige Landwirtschaft mit steigender Bedeutung der Ökologie.
Andreas Aebi dagegen ist ein klassischer Vertreter der behäbigen Berner Landwirtschaft. Der Kanton gilt bei den Verantwortlichen beim Bund als grosser Bremser. „Nume nid gschprängt“, lautet das Motto. Die Betriebe sind öfters noch nicht ganz auf dem neuesten Stand und bis man sich für einen neuen Betriebszweig oder die Aufgabe eines solchen durchgerungen hat, dauert es meistens lang. Aebi ist in dieser Szene tief verankert und wird, sollte er gewählt werden, deren Reform-Skepsis auch an der Bauernverbandsspitze zum Ausdruck bringen.
Resultat: 3/4 Punkte für Ritter. Aebi erhält einen Viertel weil der Ostschweizer Forschheit, sie ist in den Gremien querbeet schon gut vertreten, ein bisschen Gemächlichkeit überhaupt nicht schadet.  
 
Schlussresultat: Ritter schlägt Aebi im Agroblog-Rating mit 5 zu 4. Wetten werden keine angenommen. Viel Vergnügen den Delegierten bei der Wahl. (Bilder pd)  

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Eine Antwort to “Andreas gegen Markus: Das Kandidaten-Rating”

  1. Moody's Says:

    5:4 für Aebi.

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