Die gewagten Behauptungen der NFPrognostiker

Gestern sind die Ergebnisse des Nationalen Forschungsprogramms 59 (NFP59) veröffentlicht worden. Der Berg hat eine Genmaus geboren: der Einsatz von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen ist gesundheitlich unproblematisch, biologisch unbedenklich und der wirtschaftliche Nutzen für die Schweizer Landwirtschaft gering, haben die Forscher beim Vergleich von über tausend bestehenden Studien herausgefunden. Nützt nichts, so schadets nichts, könnte man kurz zusammenfassen. Ich bin nicht überrascht vom Ergebnis, auch wenn es mir ein bisschen riskant erscheint, GVO-Kulturen einen Persilschein auszustellen, ohne dass sie je unter den hiesigen engräumigen Praxisbedingungen angebaut worden wären.
Die Bauern sehen sich zurecht darin bestätigt, dass eine Verlängerung des GVO-Moratoriums bis 2017 in der Schweiz sinnvoll ist, zumal lediglich ein Viertel der Konsumenten GVO-Produkte kaufen würden, wie das NFP59 ebenfalls mitteilt.
Trotzdem sind die NFP-Autoren überzeugt, dass sich der bescheidene Nutzen der Agro-Gentechnik erhöhen könnte, „wenn der Schädlingsdruck steigt – zum Beispiel aufgrund klimatischer Veränderungen – oder wenn gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden, die mehrere neue Merkmale aufweisen und denen zum Beispiel weder Herbizide oder Pflanzenschutzmittel noch gewisse Krankheitserreger etwas anhaben können.“ Auch das ist eine relativ gewagte Behauptung. Das Problem mit dem bisher im Einsatz stehenden GVO-Saatgut ist, dass gigantische Flächen mit einer Handvoll Sorten bebaut werden. Im Agronomiestudium haben wir gelernt, dass dies zu Resistenzen führen muss. Das ist genau das, was zurzeit geschieht, Stichwort Superunkräuter. Gentech-Landbau, so wie er zurzeit betrieben wird, führt eben gerade dazu, dass der Schädlingsdruck steigt und die Fokussierung auf wenige Sorten führt in der Praxis dazu, dass die Frist in der Herbizide und Schädlinge den Pflanzen nichts anhaben können stark verkürzt wird. Mein Fazit: GVO-Landwirtschaft, so wie sie heute betrieben wird, ist primär ein nicht sehr nachhaltiges Förderprogramm für Agrochemie-Multis. Gentechnik per se sollte man aufgrund dieser Problematik aber nicht per se in Bausch und Bogen ablehnen. Sie kann helfen, die langen Entwicklungsperioden der traditionellen Saatzüchtung zu verkürzen. Wenn sich das Klima verändert, braucht die Schweiz, braucht Mitteleuropa, braucht die ganze Welt schnell neue angepasste Sorten. Es wäre mir aber wohler, wenn man den Lead hier nicht der Privatwirtschaft überlassen würde. In der Schweiz ist dies bisher recht gut gewährleistet, dank der Züchtungsarbeiten der Agroscope-Forschungsanstalten. Pourvu que ça dure. (Bild ETH)
PS. Bei den E-Mail und RSS-Feed-Abonnenten möchte ich mich entschuldigen, dass die erste Version unvollständig ins Netz entflog, bloggen per iPhone hat seine Tücken…

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2 Antworten to “Die gewagten Behauptungen der NFPrognostiker”

  1. roland wyss-aerni Says:

    es gibt ja verschiedene Aspekte dazu. Der vermarktungstechnische ist der einfachste: Wenn die Konsumenten Schiss haben vor der Gentechnik, dann soll man alles, was gentechfrei ist, ausloben. Die Deutschen machen das konsequenter als die Schweizer. Und der SBV will es sich mit den Schweizer Konsumenten ja auch nicht verscherzen, ist klar.

    Den wissenschaftlichen Aspekt finde ich auch recht einfach: Irgendwann werden gentechnisch veränderte Pflanzen aller Art eingesetzt werden, einfach weil sie nützlich sind, weil keine Schäden festgestellt wurden und weil es ohne sie nicht mehr geht. Dank der Gentechnik wird es möglich sein, optimierte Nutzpflanzen für ganz unterschiedliche klimatische Bedingungen zu züchten, viel schneller als bisher.

    Am schwierigsten finde ich den ökonomischen Aspekt zu beurteilen. Da bin ich auch damit einverstanden, dass nicht nur ein paar grosse Private den Reibach machen sollten. Ideal wäre es natürlich, wenn die Entwicklungskosten von gentechnischen Verfahren so rasch sinken, dass neben den heutigen ganz grossen bald neue Player ins Spiel kommen, die auch die Bedürfnisse von kleinere Kundschaften in bestimmten Regionen kennen und befriedigen können und ihnen auch das know-how für den erfolgreichen Anbau mitgeben können.

    Es ist klar, der heutige Anbau von Gentech-Kulturen in Nord- und Südamerika ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was man sich hierzulande unter nachhaltiger Landwirtschaft versteht. Aber vielleicht kommen auch die grossen Player unter dem Druck von aussen irgendwann dazu, ihre Produkte zu verbessern und zu diversifizieren.

    Die Verteufelung der Gentechnik ist auch ein erfolgreiches Geschäftsmodell, von Greenpeace und Co. Der Sache selber dient das nicht wirklich.

  2. Heidi Says:

    “…Genetically modified (GM) food is unnecessary to feed the world and the food industry would reap more benefits from using resources more sustainably and employing other techniques. That’s the view of Hans Jöhr, corporate head of sustainable agriculture at Nestlé and honorary president of SAI Platform, a group of top global food and drink manufacturers working to improve supply chain sustainability,” writes Rod Addy for Food Navigator. …

    Jöhr says if water issues are addressed, the benefits will outweigh anything the genetic modification of crops could offer…“

    Siehe Take part
    http://www.takepart.com/article/2012/08/30/nestle-and-gmos

    Vielleicht sollten diejenigen, die Schweizer Forschungsgelder verteilen, besonders solche für Gen-Tech und Biosicherheitsforschung, über Prioritäten nachdenken. Als Steuerzahlerin würde ich mich darüber freuen. Statt etwas gegen die Klimaerwärmung zu tun, will man lieber trockenheitsresistente Gen-Tech-Kulturpflanzen entwickeln. Für mich und dich natürlich!

    Das Nestlé-Kader befasst sich seit Jahrzehnten mit dem Problem Wasser. Vielleicht ist das nicht nur gewinnbringend für den Konzern, sondern auch nützlich für uns. Wer weiss!

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