SBV: Land-Wirtschaftsmann statt Minger Rüedu II

Die Wahl des neuen Präsidenten des Schweizerischen Bauernverbands (SBV) hat mich gestern auf dem falschen Fuss erwischt. Ein Agrarpolitikjournalist meines Vertrauens hat mir kürzlich in einer grösseren Landwirtschaftszeitung  akribisch vorgerechnet, dass SVP-Andreas Aebi voraussichtlich das Rennen machen wird (möglicherweise war hier auch der Wunsch Vater der Rechnung, ist doch der Autor der Prognose ein grosser Freund von Aebis Partei). Item, gutgläubig, wie ich bin, habe ich vor dem Verdikt der SBV-Delegierten einen Artikel geschrieben, der darin mündete, dass Aebi nun der Weg in den Bundesrat offen stünde, wo er sich zu einem zweiten Minger Rüedu entwickeln könnte, dem er aus meiner Sicht schon heute optisch nachzueifern versucht. Aber eben, so kann man sich täuschen, wobei Aebi trotz dieser Niederlage sicher durchaus valable Chancen hat, eines Tages Maurer Ueli, den ehemaligen Sekretär den Zürcher Bauern, im Siebnergremium abzulösen, hat er doch im nächsten Jahr als OK-Chef des Eidg. Schwingfestes in Burgdorf viel Gelegenheit, sich weiter zu profilieren.
Aber nun zum richtigen Sieger, dem St. Galler CVP-Nationalrat Markus Ritter. Ich habe ihn kürzlich auf seinem Hof besucht, um in der NZZ ein Vorwahl-Porträt über ihn zu verfassen. Mein Eindruck über den Land-Wirtschaftsmann war, dass er das Präsidium seit Jahren angestrebt und dabei nichts dem Zufall überlassen hat, inklusive Französisch-Intensivkurs. Dieser war möglicherweise entscheidend, haben doch die welschen Delegierten letztlich den Ausschlag zugunsten des Ostschweizers gegeben.
Ich gehe davon aus, dass Ritter politisch den Kurs des Vorgängers in ähnlichem Tempo weiterführen wird, wogegen Aebi als Vertreter der etwas behäbigeren Berner wohl eher auf die Bremse gestanden wäre. Bemerkenswert ist, dass es erstmals ein Biobauer an die Spitze des SBV geschafft hat, was zeigt, dass diese unterdessen den Ruch der Öko-Hippies verloren haben und auf breiter Basis als gleichwertig betrachtet werden, was ein schöner Erfolg für die Biobewegung aber auch Beweis für eine gewisse Weltoffenheit unter den Delgierten ist.
Der nächste Öffnungs-Schritt wäre jetzt eine Frau, möglicherweise sogar eine nicht-bürgerliche, als Präsidentin. Ich bin guter Hoffnung. Nachdem sich nun schon mein Rating der SBV-Präsidiumskandidaten durchgesetzt hat, wird spätestens bei der nächsten Wahl das Plädoyer für eine Frau wie Maya Graf an der Spitze des Verbands entsprechendes Stimmverhalten bei den Delegierten auslösen. (Bild Ralph Ribi/St. Galler Tagblatt)

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4 Antworten to “SBV: Land-Wirtschaftsmann statt Minger Rüedu II”

  1. Moody's Says:

    OK, ich geb’s zu: Meine Investment-Tipp Pechsträhne scheint noch nicht ganz vorüber zu sein. Mögen bessere Zeiten für meine Intuition anbrechen. Amen.

  2. Daniel Salzmann Says:

    Es lohnt sich, die Quelle näher anzuschauen, die Adi Krebs vermutlich anspricht. Im „Schweizer Bauer“ vom 3.11. schrieb Samuel Krähenbühl: „Dissler wird also als Erster und Glauser als Zweiter ausscheiden. Im Schlussgang werden sich Aebi und Ritter gegenüber stehen. Und hier ist eine Aussage schwierig.“ Etwas weiter im Text: „Nach dem Ausscheiden Glausers im vierten Wahlgang dürften dann die Westschweizer das Zünglein an der Waage spielen. Wenn sich die Westschweizer relativ eindeutig für Ritter entscheiden, ist er gewählt. Kann Aebi hingegen einen erheblichen Teil der Westschweizer Stimmen für sich gewinnen, ist er gewählt.“ Er hat nicht vorgerechnet, dass Aebi voraussichtlich gewinnen werde.

  3. Samuel Krähenbühl Says:

    Werter Adi

    Ich fühle mich also von Dir schon ein wenig missverstanden.

    Ich habe nie behauptet, dass Res Aebi gewählt würde! Der Titel war. „Westschweizer sind Zünglein an der Waage“. In der Tabelle war das StimmenPOTENZIAL für den ersten Wahlgang abgedruckt.

    Was ich mehr hätte betonen sollen ist die Tatsache, dass vermutlich nicht alle 499 Delegierten da sein würden.

    Aber die wesentlichen Voraussagen haben sich praktisch alle bewahrheitet:

    1. Das Rennen wird zum Schluss zwischen Ritter und Aebi ausgemacht.

    2. Dissler wird immer deutlich abgeschlagen am Schluss sein.

    3. Glauser wird am Anfang relativ stark auftrumpfen, sich dann aber nicht mehr steigern können.

    4. Am Schluss wird das Rennen durch die Welschen entschieden: Wenn sie sich zu Aebi schlagen, gewinnt er, wenn sie Ritter wählen, wie sie es jetzt getan haben, siegt er.

    5. Sogar die einzelnen Zahlen waren nicht ganz so schlecht. So habe ich es bei Dissler am Anfang fast auf den Punkt gebracht und auch Glausers Stimmenzahl im ersten Wahlgang stimmten. Für Glauser habe ich im ersten Wahlgang 106 Stimmen prognostiziert. Er hatte dann 128. Ich habe über Glauser auch die Überschrift „Der Überraschungsmann“ gesetzt. Für Dissler habe ich 64 Stimmen vorausgesagt und er hatte 62. Das war dann schon sehr präzise.

    Die abwesenden Delegierten fehlten im 1. Wahlgang offensichtlich eher Aebi und Ritter. Deshalb lag ich dort im 1. Wahlgang etwas mehr daneben. Aber das passt eigentlich auch in meine Prognose. Denn ich hatte den Eindruck, dass die kantonalen BAuernverbände sehr gut präsent waren, während die diversen „Zugewandten“ sowie die Fachorganisationen eher ein paar Löcher in ihren Reihen hatten. Und diese Stimmen habe ich grösstenteils Aebi und Ritter zu gerechnet

    6. Auch die Prognose für den „Schlussgang“ war nicht völlig quer. Ich habe folgendes geschrieben: “
    Aebis Stimmenpotenzial im letzten Wahlgang liegt irgendwo zwischen 230 und 280, während Ritter mit 220 und 270 Stimmen rechnen kann. Aebi dürfte also auch in der Schlussausmarchung ganz leichte Vorteile haben, ohne dass jedoch der Wahlausgang auch nur annähernd sicher prognostiziert werden könnte.“

    Falsch war also lediglich, dass ich Aebi eher einen leichten Vorteil zusprach. Wenn man davon ausgeht, dass 44 Delegierte fehlten, dann lag das Schlussresultat mit 245 zu 210 durchaus auch in der prognostizierten Bandbreite.

  4. adriankrebs Says:

    Lieber Samuel
    Besten Dank für Deine ausführliche Analyse. Ich gestehe Dir ehrlich, so detailiert habe ich Deine Prognose nicht gelesen. Deshalb war mir mit meinem Post auch nicht daran gelegen, diese grundsätzlich in Frage zu stellen. Es ist mir vollkommen bewusst, dass in einem derartigen Flohzirkus (das natürlich nicht despektierlich gemeint, wie könnte ich?) die Bandbreite des Möglichen breit ist. Vielmehr habe ich im Stile des Boulevardjournalisten quergelesen und dem weitestgehend gelungenen Wahlszenario des versierten Feldjournalisten geglaubt, ohne aber davon auszugehen, dass der Ausgang in Stein gemeisselt ist. Dass ich dann aufgrund der Prognose und der Zeitnot an diesem Tag einen Aebi-Sieg vorwegnahm, das ist des Bloggers eigenes Risiko, Pech und Irrtum, was natürlich auch irgendwo noch verwertet sein wollte in diesem Post.
    In diesem Sinne freue ich mich auf weitere Prognosen, nächstes Mal wirds passen (zB Graf gegen Schneider?).
    Herzlicher Gruss Adi

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