Mittleres Erdbeben & ein Lehrstück am Milchsee

Medienkonferenz der SMP am 1.2.13Für die normalerweise eher träge vor sich hin drehende landwirtschaftliche Verbandswelt gleicht der Doppelrücktritt an der Spitze der Schweizer Milchproduzenten (SMP) einem mittleren Erdbeben. Der Präsident nimmt ausserterminlich den Hut und der 45-jährige Direktor, dessen Posten als Lebensstelle gedacht war, kündigt 20 Jahre vor dem geplanten Termin. Bei genauerem Hinsehen ist die personelle Palastrevolution aber nur der vorläufige Tiefpunkt beim Abrutschen des einst mächtigsten Landwirtschaftsverbands in die Bedeutungslosigkeit.
Als er noch Zentralverband der Schweizer Milchproduzenten hiess – böse Zungen sprachen vom Zentralkomitee der Milchwirtschaft -, machte er das (preislich dauerhaft gute) Wetter für die damals noch deutlich zahlreicheren Mitglieder.
Diese Zeiten sind längst vorbei. Innerhalb von wenigen Jahren ist die Marktmacht geschwunden, die SMP sind vom Politbüro zur gut dotierten Werbe- und Marketingagentur der Milchbranche geworden. Die zu vielen Mitgliederorganisationen, welche die Hoheit über die Preisbildung mehr schlecht als recht in die Hand genommen haben, scherten sich in den letzten Jahren keinen Deut mehr um die unter Ägide von Peter Gfeller und Albert Rösti gefassten Beschlüsse, im Gegenteil, sie hintertrieben sie und brachten die beiden willigen Verbandschefs an den Rande des Nervenzusammenbruchs, was sie denn anlässlich der Medienkonferenz von heute auch ausführlich dokumentierten. Dass sie nun geballt abtreten, dürfte mit dem Bedeutungsverlust des Verbands aber mindestens so viel zu tun haben, wie mit dem illoyalen Verhalten der Regionalfürsten.
Ganz nebenbei ist die Geschichte auch ein kleines Lehrstück in Sachen Agrarökonomie: Ein geschützter und krass asymmetrischer Markt wird geöffnet. Den verbliebenen rund 25000 Milchbauern stehen vier Verarbeiter und zwei Detailhändler gegenüber. Dazwischen hat sich eine Schicht von Milchhändlern etabliert, die – es ist zwar egoistisch aber nicht verboten – die Betriebe mit den grössten Mengen entlang von Autobahnen herauspicken und eine schonungslose Mengenstrategie fahren. Diese Profiteure der neuen Marktordnung werden nun allenthalben als Übeltäter an den Pranger gestellt. Damit machen es sich die klagenden Milchbauern (und die scheidenden Verbandsspitzen) allerdings etwas einfach.
Die Händler und die ihnen liefernden Bauern verhalten sich opportunistisch, so wie es für die Player in relativ freien Marktwirtschaften üblich ist. Die Milchbauern, die heute teilweise unter ihren Einstandskosten liefern, würden wohl liebend gerne einen besseren Preis lösen. Wenn sie aber individuell ihre Menge senken, nützt ihnen das gar nichts, wie Albert Rösti heute selber festgestellt hat. Deshalb bolzen sie weiter, auch weil es für sie keine alternativen Absatzmöglichkeiten gibt. Der Rücktritt von Gfeller und Rösti ist deshalb auch ein Eingeständnis, dass es dem SMP nie auch nur ansatzweise gelungen ist, die angedachten Alternativen mit höherer Wertschöpfung umzusetzen. Dies wird auch den Nachfolgern kaum gelingen, dem Verband kann man deshalb keine bessere Zukunft prognostizieren.

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5 Antworten to “Mittleres Erdbeben & ein Lehrstück am Milchsee”

  1. Wenn schon Milch, dann CH-Milch! « Heidis Mist Says:

    […] gibt’s in der Schweiz genug: Mittleres Erdbeben & ein Lehrstück am Milchsee, Adi’s […]

  2. Roland Wyss-Aerni (@rolandwyss) Says:

    traurig, aber wahr… nach dem Austritt der SMP aus der BO Milch sagte Albert Rösti in „alimenta“, die Grundsatzfrage, welche Aufgaben die SMP künftig noch erfüllen solle, müsse jetzt geklärt werden. Geklärt hat man das aber nie. Jetzt ist der Zeitpunkt dafür.

  3. eveline Says:

    @Roland: Diese Grundsatzfrage müsste man schon lange nicht nur beim SMP, sondern vor allem bei der BOM diskutieren: Dort sitzen ja überhaupt keine echten Produzentenvertreter drin. Alle auf Seite „Produktion“ haben ihre Finger im Milchhandel, ganz nach dem Motto: „Wer überall die Finger drin hat, kann keine Faust mehr machen“. Streng genommen ist die BOM überhaupt keine richtige Branchenorganisation, weil nur Handel und Verarbeiter dort vertreten sind. Da in der BOM aber niemand den Hut nimmt, wird das noch lange nicht diskutiert….

  4. Roland Wyss-Aerni (@rolandwyss) Says:

    @eveline: ich frag mich, was ist ein echter Produzentenvertreter? Im Verständnis der SMP ist ein „echter Produzentenvertreter“ möglichst einer, der gar keine Milch verkauft. (Stefan Hagenbuch zum Beispiel…) Es geht nicht anders, als dass diejenigen um den Milchpreis feilschen, die die Milch auch verkaufen… und dann müssen sich die Milchbauern überlegen, ob sie die richtigen Strukturen AM MARKT haben.

  5. Käthi Says:

    Wie wärs, wenn man alle Sturköpfe dieses Milchmarktdesasters einmal für einige Zeit zur Ausnüchterung ihres Marktrausches in die Verliererländer, wie z.B. in Europa Rumänien oder gar nach Afrika schicken könnte?! Die Zeit der Milchkontingentierung hat immerhin ca. 40 Jahre gut funktioniert. Und gekommen ist sie auch nur, man höre und staune, weil sonst zuviel gemolken worden wäre. Wie lange die jetzige Marktschizophrenie wirklich funtionieren wird, können uns am allerwenigsten die lautesten Marktschreier versprechen. Die totale Freiheit ist immer eine Illusion, denn die Freiheit des einen hört dort auf, wo die des anderen beginnt. Eines ist sicher, den Respekt vor einem hochwertigen Nahrungsmittel derart zu verlieren ist eine Schande. Wir normal denkenden Bauern können unsere Höfe nicht ins Billigland auslagern, damit die Kostenfrage aufgeht. Mir scheint, je globalisierter der Ameisenhaufen namens Globus wird, desto verwirrter krabbelt die Menschheit darauf herum. Das Machtwort, wie und wo es weitergeht wird schlussendlich die Klimaveränderung sprechen. Klimaprobleme werden nämlich nur wir Menschen haben. Der Globus wird sich gut und gerne noch ein paar Millionen Jahre weiterdrehen. Notfalls auch ohne uns!

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