Gentech-Pflanzen: Stubenrein und salonfähig?

Normaler Rice und Golden Rice mit erhöhtem Vitamin-A-AnteilIn letzter Zeit mehren sich die Anzeichen für eine zunehmende Akzeptanz von grüner Gentechnik. Das ist natürlich nur eine subjektive Beobachtung, aber ganz von der Hand zu weisen ist sie nicht.  Hier ein paar Anhaltspunkte: 
– Der Vitamin-A-angereicherte „Golden Rice“ hat offenbar nach ca 25-jähriger Entwicklungszeit seine Praxisreife erlangt und soll demnächst an Bauern in den Philippinen verteilt werden.
– Der ehemalige Gentech-Kritiker und Mitbegründer der gegnerischen Kampagnen Mark Lynas wandelt sich vom GVO-Saulus zum GVO-Paulus und entschuldigt sich im Zusammenhang mit dem Golden Rice wortreich für seinen Kampf  gegen die gentechnischen Errungenschaften
– Der Bund ebnet den Weg zum Anbau von GVO-Pflanzen nach Ablauf des Gentech-Moratoriums 2018.
– Die Forschungsanstalt Agroscope plant einen „Protected Site“ für die intensivierte Freisetzungs-Forschung am Stadtrand von Zürich.
– Der Siegeszug von GVO-Kulturen ist ungebrochen. Unterdessen beträgt die weltweite Anbaufläche von Gentech-Soja, Mais und Baumwolle und weiteren Kulturen rund 160 Millionen Hektaren, angebaut von knapp 17 Millionen Landwirten im Jahr 2011, wie dieses informative Fact-Sheet zeigt.
– Ein nicht allzu unbedeutender Vertreter der Bio-Branche sagte mir dieser Tage, dass es für grüne Gentechnologie durchaus hilfreich sein könne bei der Nachhaltigkeits-Erhöhung in der Landwirtschaft.  
Was bedeutet das alles? Alles in Butter mit den einst als Frankenstein-Food gebrandmarkten gentechnisch manipulierten Pflanzen? Man muss unterscheiden. Gentechnologie per se ist nicht böse und die Gefahr von unkontrollierten Auskreuzungen etc. scheint bescheiden. Die Technologie kann helfen, Zuchtprozesse zu verkürzen, was in einer Zeit des rasanten Klimawandels und anderer galoppierender Probleme durchaus sinnvoll sein könnte. Vor diesem Hintergrund sind auch die Aussagen des Bio-Exponenten nachvollziehbar.
Das Problem ist, dass grüne Gentechnologie so wie sie heute angewandt wird primär ein grobschlächtiges Marktdominanz-Werkzeug in der Hand von wenigen Agro-Multis ist. Ich kann mich hier nur wiederholen: Die Tücken dieser Dominanz sind die gleichen, wie beim Einsatz einer limitierten Zahl von Wirkstoffen auf dem Pestizidmarkt und bei der Verschmälerung der genetischen Ressourcen durch die Forcierung einer beschränkten Zahl von Sorten: Resistenzen von Unkräutern und anderen Schadorganismen werden gefördert, der Genpool wird kleiner, die Monokultur-Wirtschaft wird gefördert, kleinbäuerliche Strukturen an den Rand gedrängt und Umweltprobleme letztlich vergrössert.
Wenn nun Golden Rice kostenlos an philippinische Bauern verteilt wird, ist das eine schöne Geschichte. Aber aus meiner Sicht vor allem eine gigantische PR-Übung, die nun bei jeder Gelegenheit zitiert werden kann, wenn irgendjemand wagt, den GVO-Einsatz zu kritisieren. Die Bekehrung des GVO-Kritikers Lynas muss auch vor diesem Hintergrund gesehen werden. Ich kenne seine Geschichte nur am Rand, aber er ist nicht der erste, der unter der Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche einer milliardenschweren Industrie letztlich den gemütlichen Weg des Embedded Scientist bevorzugt.
Das Problem mit Golden Rice und ähnlichen karitativen Aushängeschildern ist, dass an den grundsätzlichen strukturellen Problemen dadurch nichts ändert. Weltweit kommen die im Prekariat lebenden Kleinbauern durch die multinational agierenden Konzerne, korrupte Regierungen, Landgrabbing und klimatische Veränderungen immer stärker unter Druck. Solange die internationale Gemeinschaft und die entscheidenden Konzerne nicht bereit sind, diese Probleme grundsätzlich anzugehen, bleibt Golden Rice ein Reiskorn auf dem heissen Stein.
Die Entwicklung in der Schweiz – zu guter Letzt – ist ihrerseits ein schönes Beispiel für den erfolgreichen Druck der GVO-Lobbyisten. Obwohl ein nationales Forschungsprojekt kürzlich festgestellt hat, dass von GVO-Kulturen kein Nutzen für die Schweizer Landwirtschaft zu erwarten ist, werden die Dämme brechen und die Chance zur Profilierung als GVO-freie Insel ist vermutlich dahin. Schade.  (Bild International Rice Research Institute)

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Eine Antwort to “Gentech-Pflanzen: Stubenrein und salonfähig?”

  1. Helen Hurschler-Würgler Says:

    Ja, wirklich, sehr schade in welche Richtung die Entwicklung (wohl unaufhaltsam) läuft! Helen Hurschler,“Stöckli“- Bio – Bäuerin

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